Archiv der Kategorie: Predigten

Röm 13,8-12+14 Predigt zum 1. Advent

Predigt am 1.12.19 von Andreas Hansen über Röm 13,8-12+14

Römer 13,8-12+14: Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen. … Zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.

Advent heißt Ankommen. Gott kommt zu uns.
Jesus kommt nach Jerusalem. Wie sollen wir ihn empfangen? Wie bereiten wir uns vor?  „Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.“ Kurt Marti schreibt:

Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben. Und die Zeit läuft davon. Wessen Liebe kann das noch gut machen? Die meine nicht. Nein, die meine nicht.

Wir bleiben unseren Mitmenschen einiges und manchen sogar vieles schuldig. Paulus hat in seinem Brief eindringlich davon geschrieben.    Wir werden einander nicht gerecht. Wir sind nicht gerecht vor Gott. Und doch will Gott uns bei sich. Wir stehen in einer Spannung. Unser Leben und Tun entspricht nicht Jesus. Und doch gehören wir zu ihm und er umgibt uns, weil er uns will, weil er uns lieb hat und zu uns gehören will. Wir bleiben einander die Liebe schuldig. Aber Jesu Liebe macht die Schuld gut. Jesus ist die Liebe Gottes in Person. Jesus erfüllt das Gesetz Gottes. Wir bleiben einander vieles schuldig, aber wir bleiben in der Liebe Christi.
Unser Ungenügen kann uns manchmal lähmen. Aber das muss nicht mehr sein. Wir sind befreit von der Last alles perfekt und richtig zu machen. „Liebe und tue, was du willst.“
Wir getrauen uns zum Beispiel, uns in ein Amt wählen zu lassen und die Gemeinde zu leiten.
Oder wir getrauen uns, Kinder zu erziehen.
Wir entscheiden und setzen uns ein.
Natürlich bleiben wir manchen einiges und einigen vieles schuldig. Und doch ist es gut, dass wir mit unserer Kraft, unseren Händen, unserem Verstand und unseren Herzen tun, was wir können.
Es ist gut, wenn wir uns von unserem Ungenügen nicht lähmen lassen, sondern entscheiden und Schritte wagen. Es ist gut, weil wir in der Liebe Christi sind und bleiben.

Advent heißt Ankommen. Eigentlich ist es eine Wartezeit, eine Hoffnungszeit. Wie bereiten wir uns vor? Paulus ist überzeugt: Bald ist es soweit. „Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Gott kommt. Es wird hell.
Am Vorabend des 1. Advent 1937 liest Jochen Klepper in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine; der Spruch für den Tag ist Römer 13,12: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Der Tag Gottes kommt. Gott kommt.
Die Zeiten sind finster. Jochen Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet. Die Nazis drängen ihn, sich scheiden zu lassen. Er wird wegen seiner sogenannten Mischehe aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, darf also nichts mehr veröffentlichen. In dieser Zeit dichtet Klepper sein bekanntestes Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“. Gott kommt. Gott will im Dunkel wohnen. Gott wird uns nicht im Dunkel lassen, denn er kommt. Paulus schreibt von dem Tag, an dem Jesus wiederkommt, vom Ende der Zeit. Klepper dichtet von Krippe und Kreuz: Gott kommt und lässt sich ein auf das Dunkel unserer Welt. Was er damals mit dem Dunkel meint, ist klar. Er erlebt das Unrecht, die Unfreiheit in der Diktatur. Und er dichtet: „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr.“ Er wartet dringend auf das Licht. „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und es dulden lässt.“ Aber noch ist das Dunkel für ihn übermächtig. Der Druck auf Kleppers Familie wird immer größer. Es gelingt nicht, die Stieftochter ins Ausland zu retten. Als Verhaftung und KZ unmittelbar bevorstehen, nehmen sie sich zu dritt das Leben. Klepper schreibt zuletzt: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen gemeinsam in den Tod. Über uns steht das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.“
Die finsterste Zeit unserer deutschen Geschichte erschüttert uns bis heute. Ich misstraue jedem,  der die Verbrechen und das Unrecht jener Zeit verharmlost oder relativiert.
Zugleich glaube ich: Jede Nacht geht zu Ende. Gott kommt in unser Dunkel, in die von Unrecht und Leid gezeichnete Welt. So, wie er sich in Jesus Christus auf die Welt eingelassen hat, so kommt er auch heute an die dunkelsten Orte, wo Menschen leiden. Das feiern wir im Advent.
„Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Wir haben einen Auftrag: Wach zu sein. Lasst uns wach und aufmerksam sein! Wenn heute wieder Juden in unserem Land angegriffen werden. Wenn Hass und Hetze die Politik vergiften und gar zu Gewalt gegen verantwortliche Politiker führen. Wenn Lügen verbreitet werden und die Presse als Lügenpresse diffamiert wird. Lasst uns wach sein auch für die Menschen neben uns, in unserer Familie, in unserer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Wir leben so oft nebeneinander her und bemerken gar nicht, wie es dem anderen geht.
Wir haben den Auftrag, wach zu sein. Die Waffen des Lichts sollen wir anlegen:  Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch die Bereitschaft zugunsten der Schöpfung anders zu leben.

Wir leben wie Menschen im Advent: Bereit für Jesus. Wir erwarten und erhoffen sein Licht. Und wir leben schon jetzt in seiner Liebe. Amen

„Lass mich in Ruhe, Gott.“ Predigt Hiob 14, 17.11.19

Predigt am 17.11.19 von Andreas Hansen über Hi 14,1-6

„Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!“ (Ps 39) Ein Leben ist plötzlich vorbei. Was einer sich aufgebaut hat, worauf er stolz ist, zerbröselt ihm unter den Händen. Wie der Beter oder die Beterin des Psalms erschrecken wir über unsere Vergänglichkeit und darüber, dass alles, was wir schaffen, plötzlich vergeblich und sinnlos erscheint.
Hiob ist die biblische Gestalt, die diese Erfahrung in extremer Weise machen muss. Alles wird ihm aus der Hand geschlagen. Er verliert seine Kinder, seinen Wohlstand, seine Gesundheit. Stellen Sie sich das vor! Jeder einzelne dieser Schläge kann einen Menschen zerbrechen. Unser Predigttext für heute ist ein Gebet, eine Klage und Anklage gegen Gott, Hiob 14:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 Schau ihn dir an, den Menschen, die Krone der Schöpfung. Er wird geboren, er lebt und er stirbt – und das soll alles gewesen sein? Wir sind vergänglich und sterblich wie eine Blume, die aufblüht und schon bald wieder verwelkt.
Heute ist einer der King. Alles läuft super. Er ist stolz auf seine Karriere – und morgen wird seine Stelle gestrichen. Er ist überflüssig. Heute gesund und fit – morgen krank und schwach. Was bleibt von unserem Leben, von unserer Arbeit, Mühe? »Der Mensch flieht wie ein Schatten und bleibt nicht«, sagt Hiob. Weder Faltencreme noch Medizin können verhindern, dass wir alt werden. Wie eine Blume verwelken wir. Wie ein Blatt vom Baum fallen wir – das ist unser Schicksal. Brutal spricht Hiob von unserer Vergänglichkeit und klagt Gott dafür an. So hat der Schöpfer uns geschaffen – er ist schuld daran, dass wir sterben müssen.
Und das ist noch nicht alles: Dieses kurze und düstere Leben wird von Gott noch zusätzlich verdunkelt. Wie eine finstere Wolke schwebt er über uns Menschen. Keine Sekunde lässt er uns aus den Augen; wir stehen unter seinem Urteil. Eugen Roth hat es humorvoll so beschrieben:
Ein Mensch, der recht sich überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen.
Und bittet schließlich Gott voll Grauen,
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Hiob verzweifelt unter Gottes strengem Blick. „Du hast recht, Gott, ich bin nicht rein. Ich gebe zu, dass ich ein Sünder bin. Keiner kann immer alles richtig machen. Ich bin ein Sünder wie meine Eltern.“ Aber Hiob verlangt mildernde Umstände. Hat nicht Gott uns so geschaffen, weiß Gott nicht längst, dass wir vor seinem Urteil nicht bestehen können? Und dann richtet Hiob an Gott eine ungeheure Bitte: „Schau weg, Gott. Lass mich in Frieden! Wenn ich schon sterben muss, dann will ich wenigstens die paar Jahre hier auf der Erde meine Ruhe haben. Lass mich in Ruhe, Gott!“
Steht das wirklich in der Bibel? Ja, tatsächlich. Hiob will mit Gott nichts zu tun haben. So steht es da. Und Hiob ist mit dieser Haltung ja nicht allein. Es gibt Menschen, die so viel Schreckliches erleben, dass sie alles Gottvertrauen verlieren.  Sie kennen bestimmt auch Menschen, die sagen: „Nach allem, was in meinem Leben geschehen ist, nach allem, was in der Welt an Unrecht und Katastrophen geschieht, will ich von Gott nichts mehr wissen.“ Liebe Konfis, das ist das Gegenteil von unserem Spruch, nicht wahr: „Die auf Gott vertrauen, kriegen immer wieder neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Wir wollen doch vertrauen. Wir wissen, was für eine Kraft das ist, wenn einer vertrauen kann. Aber es gibt auch Hiob und Leute wie ihn, die sagen: „Ich kann nicht vertrauen. Ich bin fertig mit Gott.“ Das steht in der Bibel, weil es Menschen so gehen kann. Es steht auch darum da, damit wir niemanden für seinen Unglauben verurteilen. Es hat ja auch keinen Sinn, jemandem diese Haltung ausreden zu wollen.
Wir können ihm aber sagen, worauf wir vertrauen. Wir können entsprechend handeln: wie Menschen, die für unsere Welt Gutes erwarten, Menschen der Hoffnung, Menschen, die sich engagieren.

Aber wie ist das mit dem Gericht Gottes?
„Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ sagen wir im Glaubensbekenntnis über Jesus. Vorhin hörten wir von Paulus „wir alle müssen einmal vor dem Richterstuhl von Christus erscheinen, wo alles offengelegt wird“.
Hiob ruft: „Ich kann doch sowieso nicht vor deinem Anspruch bestehen, Gott. Schau weg von mir! Lass mich doch wenigstens mein kurzes Leben genießen! Aber du machst mich fertig mit deinem strengen Richterblick!“
Ist das so? Ist Gott einer, der uns nur zeigen will, wie mies wir sind? Dann hätte Hiob recht.
In vielen Kirchen früherer Zeiten wurde das Gericht dargestellt: in der Mitte Christus auf dem Thron, auf der einen Seite glückliche Erlöste, zum Teil kommen sie aus ihren Gräbern, auf der anderen Seite die, die in die Hölle stürzen, hinabgezerrt und gestoßen von sadistischen Teufeln. So würde es auch Hiob malen. Nein! Wir müssen diesen Bildern widersprechen und wir müssen auch Hiob widersprechen.
Gericht heißt: Alles Böse kommt ans Licht. So wie vor 30 Jahren als die Stasizentralen besetzt wurden und dann jeder seine Akten sehen konnte. Das Böse zu sehen tut weh, aber vor Gericht kann es nicht mehr schaden. Die Angst ist vorbei. Hinabgestürzt wird das Böse, es wird entmachtet und vernichtet. Gottes Gericht heißt: Gott bringt zurecht, was falsch und böse ist. Christus als Richter trägt selbst die ganze Last der Schuld. Er will uns nicht verdammen. Er erlöst uns. Wir haben Grund das Böse zu fürchten: Die Gewalt, die so viel Unheil anrichtet. Und unsere eigene Rücksichtslosigkeit. Die Machtgier und Selbstsucht mancher Herrscher. Und unseren eigenen Egoismus. Die Zerstörung der Schöpfung. Und unsere eigene Bequemlichkeit. Wir haben Grund das Böse in der Welt und in uns selbst zu fürchten, aber wir haben noch viel mehr Grund dem Bösen Gutes entgegen zu setzen.
Denn wie gut ist es, dass Gott uns keine Minute aus dem Blick verliert! Wie gut ist es, dass Christus unser Richter ist  – er hat schon für uns entschieden! Wir müssen sein Gericht nicht fürchten! Christus wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten – darauf hoffen wir.

Amen

Ich habe keinen Menschen, Predigt über Joh 5,1-17

Predigt am 27.10.19 von Andreas Hansen über Joh 5,1-17

Joh 5,1-17

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Es war aber Sabbat an diesem Tag. Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen. Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch.

Wir feiern das Leben. Jeden Sabbat und jeden Sonntag feiern Juden und Christen das Leben. Ein Tag der Ruhe und der Freude über Gott. Gott hat alles geschaffen. Er schenkt das Leben. Ihm, dem Höchsten verdanken wir alles – darum halten Juden den Sabbat heilig. Wir Christen feiern dagegen den Tag nach dem Sabbat. Da finden die Frauen das Grab Jesu leer. Jesus ist auferstanden. Er besiegt den Tod. Das feiern wir.
In Jerusalem wird gefeiert. Auf einen Sabbat fällt auch noch ein Fest. Viele sind gekommen. Es ist was los in der Stadt. Gerade an so einem Tag sind manche besonders traurig. Kennen Sie die Stimmung, wenn die Familien etwas unternehmen und Freunde sich treffen? – für die Einsamen sind Feiertage und Wochenenden schwer zu ertragen.
Jesus geht dorthin, wo der Festtrubel nur von ferne zu hören ist, an einen der Orte, wo niemand recht zum Feiern zumute ist. Denen, die von diesem Tag nichts haben, bereitet er ein Fest. Für sie entfacht er eine Sabbatfreude, die sie so schnell nicht vergessen werden.
Da ist ein Teich mit einer Quelle, die das Wasser von Zeit zu Zeit in Bewegung versetzt. Es heißt, ein Engel bewegt das Wasser und wer zuerst hineinsteigt, soll gesund werden. Um den Teich herum sind Säulenhallen gebaut. In ihnen eine Schar von Kranken – wie ein riesiges Wartezimmer. Hier wird nicht gefeiert. Hier warten sie. Sie haben schon viele vergebliche Therapien hinter sich, verzweifelte und verbitterte Menschen. Die meisten Gesunden meiden diesen Ort. Wer geht schon gern in ein Krankenhaus? Viele haben eine Scheu davor – mir wird vor Augen geführt: „Irgendwann brauche auch ich Hilfe und bin krank. Und irgendwann muss ich sterben.“ Ist hier ein Ort für fröhliche Feste?
Der Teich heißt wie heute manche Krankenhäuser oder Heime: Bethesda – das bedeutet: Haus des Erbarmens. Wenn freilich das Wasser im Teich in Bewegung gerät, gibt es kein Erbarmen: Jede und jeder schaut, dass er so schnell wie möglich zum Teich kommt. Jeder muss sehen, wo er bleibt. Keiner will der Verlierer sein.
Jesu kommt zu dem, der immer Pech hat. Er hört sich seine Leidensgeschichte an: gelähmt, „schwach“ steht da wörtlich, 38 Jahre ist er schon in diesem Zustand, unvorstellbar lang.
„Willst Du gesund werden?“ – was für eine Frage, Jesus! „Willst Du gesund werden?“ Heißt das: „Soll ich dir helfen gesund zu werden?“, oder: „Kannst du dir nach so langer Zeit überhaupt noch vorstellen gesund zu werden?“, oder: „Willst du gesund werden – bist du selbst bereit anders als krank zu sein, willst du es wirklich?“ Vielleicht kann, wer so lange daliegt, gar nicht mehr richtig wollen. Vielleicht ist ihm seine Krankheit wie ein selbstverständlicher Begleiter geworden. Wie ein düsterer Schatten über der Seele kann die Resignation sein. „Es hat ja doch keinen Sinn. Ich kann sowieso nichts ändern.“ Da ist keine Kraft mehr, kein Wille. Jesus spricht diese Lähmung der Seele an.
Wir kenne viele Formen, dass Menschen sich zurückziehen, keinen Mut mehr haben, sich eine Änderung gar nicht mehr vorstellen können, vor jedem kleinen Schritt aus der gewohnten Bahn Angst haben. „Willst Du?“ – eine Zumutung. Und doch: Jesus überfällt den Kranken nicht mit seiner Hilfe. Er achtet die Schwere des Leides, die Mühe, die Angst vor dem ersten Schritt. Aber er lässt den Menschen auch nicht in seiner Resignation. Er hilft ihm selbst zu wollen.
Die Antwort des Gelähmten ist erschreckend: „Ich habe keinen Menschen.“ So allein, wie er ist, kann er sich gar nicht vorstellen, dass er es jemals schafft. „Ich habe keinen Menschen.“ Man kann allein sein mitten unter den Leuten, im Festtrubel, in der Klasse, unter den Kollegen. Das Alleinsein ist besonders schlimm, wenn andere da sind, aber keiner hilft, keiner nimmt einen wahr. „Ich habe keinen Menschen.“
Ich weiß von Menschen, die wirklich vereinsamen, die wohl auch immer scheuer werden, die aus verschiedensten Gründen kaum anderen begegnen. Das macht mich ratlos. Andrerseits weiß ich auch, wie kalt und teilnahmslos und selbstbezogen viele Menschen sind –  fördert unsere Gesellschaft, unsere Kultur diese Kälte sogar? „Ich habe keinen Menschen“ – 38 Jahre lang allein, äußerlich und innerlich gelähmt durch die Krankheit. Gerade zu diesem Menschen kommt Jesus. Er widerlegt den Satz „Ich habe keinen Menschen.“ Jesus findet sich nicht ab. Er schreibt keinen ab. Gott will für jeden Menschen Leben. Darum widerspricht Jesus der düsteren Hoffnungslosigkeit. Er heilt diesen einen Kranken und meint alle, meint auch uns. Gott hat uns geschaffen, dass wir leben, dass wir nicht düster und resigniert sind, dass wir auch nicht kalt und selbstbezogen sind.
Es werden nicht alle Kranken mit einmal gesund, aber selbst die, die krank bleiben, haben ein Ziel von Gott – das ist Leben in seiner Liebe, da ist Hoffnung über alles Leid hinaus, selbst über den Tod hinaus. Nach 38 Jahren soll der Kranke tun, was er sich nicht vorstellen kann, aufstehen. Gott findet sich nicht mit dem Leid ab. Darum ist er Mensch geworden und in all unser Leid mitten hinein gekommen.
Etwas verwirrt tappt der geheilte Kranke umher. Seine Matte soll er nehmen. Seine bisherige Lebensgeschichte kann er nicht einfach ablegen. Die Heilung muss noch weitergehen. Nicht nur die Füße, er selbst muss wieder laufen lernen, auch lernen, anderen ein Mitmensch zu sein.

Noch eine andere Geschichte ist mit dieser Heilung verknüpft. Jesus selbst und nach ihm die Gemeinden der Christen werden in ihrer Umgebung angegriffen und abgelehnt.
Missverständlich ist, dass der Evangelist die Juden wie Feinde zeigt. Er schreibt lange nach Jesus. Die Christen trennen sich Jahrzehnte nach Jesus von den jüdischen Gemeinden, und die wiederum sagen sich von ihnen los – das ist ein schmerzhafter Prozess, weil wir uns ja eigentlich so nahe stehen. Angesichts der schrecklichen Geschichte christlicher Judenfeindschaft müssen wir sehr vorsichtig sein und Missverständnissen vorbeugen. Jesus selbst ist Jude und will nichts anderes sein. Den Sabbat nimmt er sehr ernst. Er sagt: „Mein Vater ist bis heute am Werk“ – Gott ist am Werk und lässt seine Schöpfung und uns, seine Geschöpfe nicht los. Gott ist am Werk, Leben zu schenken. Das feiern wir jeden Sonntag und das feiern die Juden am Sabbat. Wir legen an diesem Tag unsere Hände in den Schoß und verlassen uns auf Gott, der das Leben erhält und uns keinen Tag, keine Stunde einfach loslässt. Wir feiern, dass Gott unserem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt. Wir feiern, dass kein Geschöpf Gottes von ihm verlassen ist. Jeden Sonntag feiern wir den Gott des Lebens. Ebenso feiern die Juden am Sabbat den Gott der das Leben schenkt, auch wenn sie dabei nicht an die Auferstehung Jesu denken.

Mitten in einer Welt voll Leid und Unrecht und Tod feiern wir ein Fest der Hoffnung. Jeden Sonntag protestieren wir gegen die Missachtung von Menschen, gegen Unrecht und gegen Resignation. An dem Ort, wo niemandem zum Feiern zumute ist, am Teich Betesda, bereitet Jesus ein Fest, weckt er eine Hoffnung und Freude. So feiert er den Sabbat und Gott, der Leben schenkt. Gott ist bis heute am Werk. Keinen soll es geben, der sagen muss: „Ich habe keinen Menschen.“ Jesus widerlegt diesen Satz.  Amen

Jes 58,1-12 Predigt

Predigt am 6.10.19 von Andreas Hansen über Jes 58,1-12

dreißig Jahre nach dem Mauerfall

Jesaja 58,1-12  (Zürcher Übersetzung)

Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Einem Schofar gleich erhebe deine Stimme, und verkünde meinem Volk sein Vergehen und dem Haus Jakob seine Sünden!
Tag für Tag suchen sie mich, und es gefällt ihnen, meine Wege zu erkennen. Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat, fragen sie mich nach den Satzungen der Gerechtigkeit, es gefällt ihnen, wenn Gott sich nähert.
„Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen, haben wir uns gedemütigt, und du weißt nichts davon?“
Seht, an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach, und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet so, dass es zu Streit kommt und zu Zank und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts. Ihr fastet heute nicht so, dass ihr eure Stimme in der Höhe zu Gehör bringt. Soll das ein Fasten sein, wie ich es will: Ein Tag, an dem der Mensch sich demütigt? Soll man seinen Kopf hängen lassen wie die Binse und sich in Sack und Asche betten? Soll man das ein Fasten nennen und einen Tag, dem HERRN wohlgefällig?
Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will: Ungerechte Fesseln öffnen, die Stricke der Jochstange lösen und Misshandelte freilassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst? Wenn du einen Nackten siehst, dann bedeck ihn, und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot, und rasch wird deine Heilung gedeihen. Vor dir her zieht deine Gerechtigkeit, und deine Nachhut ist die Herrlichkeit des HERRN. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten, du wirst um Hilfe rufen, und er wird sprechen: Sieh, hier bin ich! Wenn du aus deiner Mitte das Joch entfernst, das Zeigen mit dem Finger und die unrechte Rede und dem Hungrigen gewährst, was du selbst zum Leben brauchst, und satt machst den, der gedemütigt ist, dann wird dein Licht aufstrahlen in der Finsternis, und deine Dunkelheit wird sein wie der Mittag.  Und allezeit wird der HERR dich leiten, und in dürrem Land macht er dich satt, und deine Knochen macht er stark. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügen.  Und die von dir abstammen, werden die uralten Trümmerstätten aufbauen, die Grundmauern vergangener Generationen wirst du aufrichten.  Und du wirst Der-die-Bresche-zumauert genannt werden, Der-Pfade-wieder-herstellt-damit-man-wohnen-kann.

Ein Todesstreifen lief quer durch unser Land und trennte es in zwei Teile. Wenn man da heute entlang geht, stößt man auf Erinnerungen an Menschen, die ermordet wurden, weil sie nicht mehr eingesperrt sein wollten. Morgen ist es 30 Jahre her, da feierte die DDR 40 Jahre ihres Bestehens, unbeirrt, als ob sie nicht schon längst überholt und am Zusammenbrechen gewesen wäre. Es wurde nicht eine Bresche zugemauert, sondern die Mauer eingerissen. Pfade wurden wieder hergestellt und vieles wieder aufgebaut. Wir konnten es kaum fassen.
„Heute sind wir das glücklichste Volk!“ Wir waren völlig aus dem Häuschen vor Begeisterung. „Wahnsinn! Wahnsinn!“ schrien die Menschen, als sie einfach so über die schreckliche Grenze liefen.
So viel Hoffnung haben wir gespürt! So eine wunderbare Hoffnung auf ein friedliches und freies und gerechtes Miteinander. Natürlich wusste jeder Vernünftige, dass der Weg dorthin lang und schwer sein würde. Natürlich wissen wir, dass Frieden und Gerechtigkeit uns nicht einfach in den Schoß fallen. Aber nun hatten wir in Ost und West Hoffnung, strahlend hell und schön wie das Morgenrot.
Wir waren dankbar, dass wir das erleben durften. Viele haben vor Freude geweint. Wir haben uns beschenkt gefühlt, von Gott glücklich Beschenkte.
Kann man sagen, das war eine Gotteserfahrung? Ich glaube ja. Gott will uns begegnen, hier, ganz nah. Mitten in unserem Leben will Gott da sein. Es muss nicht etwas Geistiges, Übersinnliches geschehen, dass wir Gott spüren. Eine Mauer fällt. Die Angst ist fort. Menschen finden zueinander. Licht strahlt auf. Auf einmal öffnen sich viele neue Möglichkeiten. So ist Gott bei uns. Gottes Reich ganz nah. So hat Jesus Menschen aus ihrer Unfreiheit geholt und ihnen neues Leben geschenkt.
Der Prophet Jesaja gerät ins Schwärmen, wenn  er von der Hoffnung erzählt: Du wirst sein wie ein bewässerter Garten, eine blühende Landschaft. Du wirst stark sein. Du wirst aufbauen, was wüst und kaputt war. Deine Gerechtigkeit wird gerühmt. „Der-Pfade-wieder-herstellt-damit-man-wohnen-kann.“  So wird man dich nennen, weil andere durch dich eine Perspektive und ein Zuhause bekommen. So wunderbar öffnet Gott Wege für uns.
Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Ihr Konfirmanden könnt euch kaum vorstellen, was für ein Staat die DDR war und warum wir damals glücklich waren. Nur ein kleines Beispiel: Viele junge Leute durften nicht lernen oder studieren, weil ihre Familie dem Staat, der Partei nicht passte. Man musste immer aufpassen, was man sagte, zB in der Schule – überall wurden die Leute bespitzelt. Es ist wichtig, dass ihr Jungen von dieser Geschichte erfahrt und dass wir alle sie nicht vergessen. Der Zauber des Neuanfangs war leider bald verblasst. Viele aus dem Westen benahmen sich im Osten wie Kolonialherren. Vielen im Osten ging es nur um die D-Mark und den Wohlstand.  Es wurde nicht gemeinsam Neues geschaffen, sondern vielfach einfach alles abgeräumt, was nach DDR roch. Es gab unnötige Verletzungen.

An die Hoffnung und Begeisterung vor 30 Jahren erinnert mich, was Jesaja sagt. Das, worüber der Prophet schimpft, passt nur teilweise zum dem, was vor 30 Jahren falsch war: Seht, an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach, und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet so, dass es zu Streit kommt und zu Zank und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts. Habgier, Streit, Gewalt und Unrecht klagt Jesaja an. Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will: Ungerechte Fesseln öffnen, die Stricke der Joch-stange lösen und Misshandelte freilassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Wisst ihr, was ein Joch ist? Ein Holz, das man Rindern auf den Nacken legt. Unter einem Joch ziehen sie einen schweren Karren oder einen Pflug. Menschen unter ein Joch zu binden ist unmenschlich. So wurden Leute geschunden, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Nein, sagt Gott: Kein Mensch soll zerbrechen unter seiner Last. Keiner soll hungern oder obdachlos sein. Wer sich dem Mitmenschen verweigert, trennt sich von Gott.  Wer habgierig und gewalttätig ist, kann Gott nicht finden. So schimpft Jesaja. So muss er das Unrecht beim Namen nennen: erhebe deine Stimme, und verkünde meinem Volk sein Vergehen und dem Haus Jakob seine Sünden! 
In dem Menschen, der uns braucht, begegnen wir Gott oder verfehlen wir Gott. In dem Unrecht, das wir tun oder zulassen, wenden wir uns gegen Gott. Beides hängt untrennbar zusammen: Unser Verhalten zu unseren Mitmenschen und unser Verhältnis zu Gott. Wenn wir andere missachten, wenn wir Lügen verbreiten oder Gewalt üben, dann ist auch unsere Beziehung zu Gott gestört. Und umgekehrt: Wenn wir andere achten, ehrlich und hilfreich mit ihnen umgehen, geht hell wie die Sonne Hoffnung auf, und Gott ist nah. Mitten in unserem Leben will Gott da sein.
Jesus knüpft an Jesaja an: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.                                   Gott will uns begegnen. Ich glaube nicht, dass wir Menschen von Natur aus gut und lieb sind. Von Natur aus leben wir nach dem Motto „Hauptsache mir geht´s gut.“ Wir denken nicht daran zu teilen oder auf andere Rücksicht zu nehmen. Von Natur aus sind wir Menschen Egoisten. 
Aber Gott ermutigt uns:  „Lass den Hungrigen dein Herz finden! Öffne dich für deinen Mitmenschen! Dann wird dein Licht hervorbrechen. Dann wirst du zu einem, der Pfade wieder herstellt, damit man wohnen kann.  Dann begegnest du Gott.  Du bist reich.                    Du hast ein Zuhause – nimm andere auf!  Du hast Menschen, die du liebst – sei für sie da!  Du kannst arbeiten – tu es so, dass andere Gutes dadurch erfahren!“ Es ist als ob die Sonne aufgeht,  wenn einer ohne Eigennutz für andere schafft, wenn einer verzichtet, obwohl er Macht hat, wenn einer nicht zurückschlägt, sondern Frieden stiftet. Das traut Gott uns zu. Das erwartet er von uns. Er verspricht: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot, und rasch wird deine Heilung gedeihen. Vor dir her zieht deine Gerechtigkeit, und deine Nachhut ist die Herrlich-keit des HERRN. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten, du wirst um Hilfe rufen,  und er wird sprechen: Sieh, hier bin ich!

Amen

Predigt 1.Pt 5,7 29.9.19

Predigt am 29.9.19 von Andreas Hansen über 1.Pt 5,7

Eine Besonderheit von evangelischen Christen sind Bibelsprüche zu jedem Anlass. Zu jeder Taufe, Trauung, Bestattung ein Vers. Viele kennen ihren Konfirmationsspruch. Für viele ist ihr Spruch ein Leben lang wichtig, tröstlich, anregend, hilfreich. Was in der Bibel steht, nehmen wir für unser Leben in Anspruch. Das ist typisch evangelisch, dass wir in der Bibel sozusagen einen direkten Draht zu Gott erkennen: „Das ist mein Spruch. Das sagt Gott zu mir.“ 
Viele Christen weltweit lesen die Herrnhuter Losungen, für jeden Tag ein Vers aus dem AT und einer aus dem NT, und sie fragen: „Was willst du mir für diesen Tag mitgeben, Gott?“
Auch jede Woche hat ihren eigenen Spruch. Alle Jahre wieder begleitet der gleiche Spruch uns eine Woche lang. Der Bibelvers für die heute beginnende Woche aus dem 1.Petrusbrief lautet: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Ja, wenn das so einfach wäre, die Sorgen von sich zu werfen! Wie wir ein schmutziges Hemd eben mal in die Wäschetonne werfen oder eine Mail, die uns nicht interessiert, in den Papierkorb schieben. Weg damit! Wenn das so einfach wäre! Wir können unsere Sorgen doch nicht einfach abschütteln. Es hilft doch auch nichts, einander eine heile, sorgenfreie Welt vorzumachen. Vielleicht haben Sie schon bei der Lesung stillen Einspruch erhoben, wenn Jesus sagt: „Sorgt euch nicht, ihr Kleingläubigen, seht die Vögel an und die Lilien auf dem Felde! Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag! Der nächste Tag wird für sich selbst sorgen.“ Wie meinst du das, Jesus? Unsere Sorgen lassen sich doch nicht einfach wegwischen. Sie sind doch berechtigt: Wenn wir genau wissen: Auf diese Klassenarbeit bin ich viel zu schlecht vorbereitet. Wenn der Arbeitsplatz in Gefahr ist oder keine Chance auf einen Wiedereinstieg in Sicht. Wenn die alte Mutter oder der Vater immer gebrechlicher werden, aber nicht einsehen,   dass sie Hilfe oder auch Pflege brauchen. Wie furchtbar kann uns das plagen, wenn Krankheit, seelisches Leid oder Schmerzen uns selbst oder einen geliebten Mitmenschen treffen. Die Freitagsdemonstranten halten uns vor: Ihr macht euch viel zu wenig Sorgen um die Folgen des Klimawandels. Ihr belastet die Erde, als hättet ihr noch eine zweite in Reserve.     „Wie konntet ihr es wagen, unserer Generation das anzutun!“ ruft Greta in die Versammlung in New York. Mit Sorge sehen wir auf den Konflikt oder die vielen Konflikte im Nahen Osten. Mit Sorge erleben wir eine Verrohung der politischen Auseinandersetzung, wie Hass und Angst geschürt werden und Politiker im Netz beleidigt und angegriffen werden. Muss uns das alles nicht Sorgen bereiten? Was uns Sorgen macht, lässt uns zuweilen nicht schlafen und begleitet uns bis in die Träume. Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ – Wie können wir das verstehen?

Was uns Sorgen bereitet, ist Gott wichtig. Das wird keineswegs einfach abgetan. Im Gegenteil: Gott nimmt uns ernst. Er will hören, was uns Sorgen macht.
Wenn wir in den Evangelien über Jesus lesen, dann staunen wir immer wieder, wie Jesus die Menschen versteht. Er weiß gleich, wo der Schuh drückt. Er sieht, dass die Frau am Jakobsbrunnen so enttäuscht und einsam ist. Jesus erkennt, der Gelähmte, den seine Freunde zu ihm bringen, ist verbittert und ohne Vertrauen. Schon wenn Jesus die Menschen anspricht, können sie wieder ein wenig aufatmen, weil sie spüren, wie er sie versteht.
Gott will hören, was uns Sorgen macht. In den Psalmen im AT lesen wir immer wieder, dass Menschen klagen. Sie jammern über Leid, Krankheit, Unglück oder sie schreien über Ungerechtigkeit und Bosheit. Gott will das hören, denn trotz allem, was uns plagt und Angst macht, ist das Leben nicht vergeblich oder sinnlos, trotz allem Leid ist es gut. Gott will unsere Sorge hören, denn schon, wenn wir sie aussprechen, sie auf ihn werfen, wächst ein wenig Vertrauen und Hoffnung. „Alle eure Sorge werft auf ihn.“ Petrus meint wirklich, dass seine Gemeinde und dass wir die Sorgen zu Jesus und zu Gott tragen dürfen. Wir müssen uns selbst und anderen keine heile Welt vorspielen. Wir müssen nicht allezeit gut drauf sein. Gott nimmt unsere Sorgen ernst und er will sie hören.

„denn er sorgt für euch!“ Mit diesen Worten werden wir an unsere Grenze geführt. Gott sorgt für uns. Das anzunehmen fällt uns so schwer: Wir können nicht für uns sorgen. Wir wollen das Leben so gerne managen, in der Hand haben, aber wir geraten an unsere Grenze.   Ein Mensch rennt in sein Unglück, und wir sehen verzweifelt, dass wir nicht helfen können. Machtlos stehen wir vor Krankheit und Tod. Wir können trotz aller Sorge so oft nichts tun. Unsere Grenzen sind eng.
Aber Gott sorgt für uns. Dieses wunderbare, zerbrechliche Leben ist sein Geschenk. Jeder Tag, jeder Atemzug, jeder schöne Moment ist uns aus seiner Güte gegeben. Und kein Leben ist vergeblich. Kein Mensch fällt aus Gottes Hand. Keine Schuld, kein Leid, keine Behinderung oder Einschränkung machen einen Menschen wertlos. Gott sorgt für uns. Gott hat uns das Leben geschenkt und sagt Ja zu uns. An Jesus sehen wir, wie viel Gott für uns einsetzt. Er trägt selbst das Leid, das Scheitern, den Tod. Gott überwindet den tiefsten Grund der Sorge. Keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann uns trennen von seiner Liebe.

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Gott nimmt uns ernst in dem, was wir brauchen und worum wir uns sorgen. Wir legen nicht die Hände in den Schoß. Wir schieben nicht die Verantwortung weg.       Wir tun, was wir können – für den kranken Mitmenschen, für die schwere Klassenarbeit, für eine friedliche und klimagerechte Welt, und wofür auch immer. Wir tun, was wir können, und werfen doch die Sorge auf ihn: „Du, Gott, hilf, dass es gelingt!“ Aus unseren kleinen Schritten und selbst aus unserem Scheitern wird Gott etwas machen. Darauf vertrauen wir. Und auch, wenn wir nichts tun können, wenn wir an unsere Grenze geraten, vertrauen wir auf ihn, der das Leben schenkt und unser Leben will.
Gott gebe uns die Weisheit und den Mut, das Unsere zu tun, und Gelassenheit und Vertrauen, dass er für uns sorgt

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

1. Mose 28,10-19 Predigt

Predigt am 22.9.19 von Andreas Hansen über 1.Mose 28,10-19

Vor der Predigt singen wir EG 379, Gott wohnt in einem Lichte

Ist es wahr? Kann ich dem, was ihr mir über Gott erzählt, trauen? Gibt es Gott überhaupt?
So fragen Konfirmanden und so fragen viele Menschen. Viele wollen gar keine Antwort, weil Gott sie nicht interessiert. Aber auch gläubige, fromme Menschen denken manchmal: „Gott ist so fern. Kümmert ihn, was auf der Welt geschieht?“ „Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann“, aber er bleibt nicht fern. Er tritt „aus seinem Glanz und Lichte in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.“(EG 379,1+4)
Der für heute gegebene Predigttext erzählt von Jakob. Jakob ist auf der Flucht. Er muss um sein Leben fürchten, wie so viele Menschen heute. Er kann nicht zuhause bleiben. Von Streit und Schuld belastet ist seine Vergangenheit, ungewiss, düster seine Zukunft. Es wird dunkel. Er kommt nicht weiter. Hat das alles noch einen Sinn? Ich lese:

1.Mose 28,10-19

Jakob aber zog weg von Beer-Scheba und ging nach Charan. Und er gelangte an einen Ort und blieb dort über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen des Ortes, legte ihn unter seinen Kopf, und an jener Stelle legte er sich schlafen. Da hatte er einen Traum: Sieh, da stand eine Treppe auf der Erde, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel. Und sieh, Boten Gottes stiegen auf ihr hinan und herab. Und sieh, der HERR stand vor ihm und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, dir und deinen Nachkommen will ich es geben. Und deine Nachkommen werden sein wie der Staub der Erde, und du wirst dich ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen werden Segen erlangen alle Sippen der Erde. Und sieh, ich bin mit dir und behüte dich, wohin du auch gehst, und ich werde dich in dieses Land zurückbringen. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich getan, was ich dir gesagt habe. 
Da erwachte Jakob aus seinem Schlaf und sprach: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Sie ist nichts Geringeres als das Haus Gottes, und dies ist das Tor des Himmels. Am andern Morgen früh nahm Jakob den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, richtete ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Und er nannte jenen Ort Bet-El.

Sieh, eine Treppe bis an den Himmel, sieh, Gottes Boten, Engel – und was ist zu hören aus dem offenen Himmelstor? Ganz bestimmt singen die Engel und alles ist erfüllt von Musik, bevor Jakob Gott hört. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.
Und sieh: Gott steht vor Jakob und spricht zu ihm. Jakob muss nicht mühsam die unsagbar hohe Treppe erklimmen um zu Gott zu kommen. Er muss auch nicht zusehen, wie für ihn Priester an das Geheimnis Gottes rühren – so hat man in Babel die treppenförmigen Tempel verstanden.  Nein, ganz anders, kaum vorstellbar: Gott kommt zu Jakob! Der Ewige naht sich dem Menschen. Gott kommt zu ihm herunter. „Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht“. Dieser fremde Ort im Dunkel seiner Flucht ist auf einmal hell, Gotteshaus und Himmelstor, Versprechen einer besseren Zukunft.

Wovon träumt ein Mensch, dessen Leben aus der Bahn geworfen ist? Jakob kann nicht wieder gut machen, was er angerichtet hat. Wir können nicht ungeschehen machen, was uns trifft: dass eine Beziehung zerbrochen ist, dass wir krank werden, dass wir eine Prüfung nicht bestehen. In jedem Leben gibt es Brüche, Wendepunkte, Krisen. Wir sind erstmal auf uns selbst geworfen. Kein anderer kennt unseren Schmerz, unsere Angst, unsere Scham. Wenn doch nur wieder heilen könnte, was verletzt und kaputt ist! Wenn es doch nur einen neuen Weg für mich gibt, eine neue Chance!
Wovon träumen die Flüchtlinge auf gefährlichen Wegen, verfolgt, verletzt, abgelehnt? Von ihrem Zuhause oder einem Zuhause, von den Menschen die sie verloren haben, zurücklassen mussten, von einem Leben in Frieden und Geborgenheit.
Wovon träumen die 20000 oder 30000, die am Freitag durch Freiburg zogen, die Millionen, die wie sie rund um die Welt demonstrieren? Sie sehen die Katastrophe kommen und wollen nicht einfach still zusehen. Noch ist so viel unklar. Was der Klimawandel alles bringen wird, können wir kaum ermessen. Aber es gibt viele Prognosen, die uns Angst machen. Keiner hat eine Patentlösung. Alle Schritte, die uns einfallen oder die die Regierung jetzt plant, wirken sehr klein vor dem Problem. Aber es ist gut, eine Bewegung zu spüren. Wenn wir doch nur den Mut und die Weisheit für den richtigen Neuanfang haben!

Jakob wird ein Traum geschenkt. Gott schenkt ihm eine neue Erfahrung. Ihn schaudert: „Gott ist hier, und ich wusste es nicht.“ Gott war ihm so fern. Jakob ist kein religiöser, frommer Mensch. Er fragt so wenig nach Gott wie viele andere. Er rechnet nicht mit Gott. Und auf einmal ist Gott in seinem Leben wirklich. „Gott ist hier, und ich wusste es nicht.“
Gott schenkt Jakob eine Gotteserfahrung. Gott rührt Jakob an durch das, was er sehen und hören darf. Und er verspricht ihm, dass wahr ist, wovon er träumt: „Du hast eine Zukunft. Du bekommst ein Zuhause. Du bleibst nicht allein. Ich will dich segnen und durch dich will ich die Erde segnen. Ich bin bei dir.“
Ausgerechnet zu Jakob kommt Gott! Der hat das doch gar nicht verdient. Wie der seinen Bruder über´s Ohr gehauen und den blinden Vater belogen hat! Jakob ist wahrlich keine Lichtgestalt, sondern ein schäbiger Egoist – und das wird auch nicht verschwiegen. Ausgerechnet zu so einem kommt Gott!
So ist Gott. Gott sucht uns Menschen. Als die Leute sich über Jesus ärgern, dass er ausgerechnet mit üblen Typen zusammen ist,  sagt er: „Dazu bin ich gekommen, dass ich die Verlorenen suche.“ Gott will uns Menschen begegnen, auch dann  und gerade dann, wenn wir durch finstere Täler gehen und auch wir keine Lichtgestalten sind.
Für Jakob ist nicht mit einem Schlag alles wieder gut. Er wird die Folgen seines Tuns tragen müssen. Gott geht mit Jakob, und Jakob muss auch, in einer anderen geheimnisvollen Nacht, mit Gott kämpfen. Es wird ein halbes Leben brauchen, bis er zurückkehrt, bis ihm, wie es dann heißt, die Sonne aufgeht.

Ist das wahr? Ist es für uns wahr?
Jakob ist der Mensch vor Gott, so hin und her geworfen, so schwach und voll Zweifel, wie wir sind. Jakob steht auch für Israel, Gottes Volk, mit seiner leidvollen und schweren Geschichte.
Wir werden nicht auf Träume oder Engel warten. Aber wir lesen Jakobs Geschichte und finden uns darin wieder.
Gott kann unseren Glauben wecken, uns seinen Geist schenken. Gott kann uns begegnen, uns die Augen und Ohren öffnen. Und wir können darum bitten.
Ich bin sicher, Gott ist da und hört uns, wenn wir beten. Gott ist hier bei uns, wenn wir in seinem Namen Gottesdienst feiern. Für viele ist gerade die Musik ein Himmelstor. Gott kennt viele Weisen bei uns zu sein, zu uns zu sprechen, unser Herz anzurühren.

„Ich will dich segnen und durch dich will ich die Erde segnen. Du hast eine Zukunft. Ich bin bei dir und verlasse dich nicht.“ So spricht Gott zu Jakob. So hören wir sein Wort.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Unerträgliche Last, Predigt über Hiob 23

Predigt am 1.9.19 von Andreas Hansen über Hiob23

Lied vor der Predigt: EG382 Ich stehvor dir mit leeren Händen, Herr, Lied nach der Predigt: EG379 Gott wohnt in einem Lichte

Fragen ohne Antwort. Verzweifeln. Verstummen. So endet für manche Menschen ihre Beziehung zu Gott. Was manche erleiden, erschüttert uns, wenn wir es miterleben oder sie davon erzählen.
Warum wird ein lieber Mensch todkrank? Warum müssen Kinder leiden und sterben? Warum werden Menschen Opfer von Unglück und Katastrophen? Warum widerfährt guten Menschen Böses? Wir suchen nach Erklärungen und forschen nach der Schuld, als könnte uns das entlasten. Wir fragen nach Gott.

Ich zitiere noch einmal ein Gebet von Sabine Naegeli aus dem Band „Du hast mein Dunkel geteilt. Gebete an unerträglichen Tagen.“:
„Voller Entsetzen ist mein Herz angesichts der endlosen Schrecken, die du zulässt im Leben des Menschen, den ich liebe.
Völlig hilflos zu sein vor so viel auswegloser Not bringt mich der Verzweiflung mehr als nahe.
Ich bin wie gelähmt. Wo bist du, Gott?
Warum lieferst du ihn so unermesslichem Leid aus?
Du bist ein Gott, vor dem ich mich fürchte. Und doch kann ich vor dir nur zu dir flüchten.
Bettlerin möchte ich sein vor dir, rufen und schreien, schreien und rufen, bis du dich erbarmst.“
Sie flieht vor Gott zu Gott hin. Sie fürchtet sich vor Gott, der solches zulässt, und hört doch nicht auf Gott zu rufen, weil sie auf sein Erbarmen hofft.
Bittere Klage, Anklage gegen Gott, spricht auch in den Psalmen immer wieder, aber sie mündet in Hoffnung und Vertrauen.
Vor Gott zu Gott fliehen, vor der dunklen unerklärlichen Macht hin zu der Güte und Liebe, die alles umfasst.
Aber für manche Menschen bleiben die Fragen ohne Antwort. Sie verzweifeln und verstummen und sind fertig mit Gott. Und auch dies finden wir tatsächlich in der Bibel.
Heute steht unser Predigttext für den Sonntag im Buch Hiob. Hiob ist ein frommer, gerechter Mensch, gesegnet mit einer großen Familie, Erfolg und Wohlstand. Doch dann trifft ihn Schlag auf Schlag das Unglück. Er verliert seinen Reichtum. Seine Kinder sterben alle auf einmal bei einer furchtbaren Katastrophe. Er wird krank und hinfällig, sein Leib übersät von Geschwüren. Doch Hiob bleibt Gott treu. Nichts kann ihm sein Vertrauen und seine Ergebenheit nehmen – zunächst.
Der größte Teil des Buches Hiob sind Gespräche. Seine Freunde wollen ihn trösten und von Gott überzeugen. Hiobs Haltung ändert sich. Er wendet sich ab von Gott.
Unser Predigttext ist das 23. Kapitel des Buches. So steht es in der Bibel und ist nicht die einzige Stelle dieser Art, aber vielleicht die härteste:

Hiob antwortete (seinen Freunden)und sprach: Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss.
Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!
Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.
Doch er hat’s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht’s, wie er will. Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.
Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.
Gott ist’s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

Hiob hat genug. Er hat mehr als genug vom Gerede seiner Freunde. Er kann es nicht mehr hören. Zunächst haben sie geschwiegen zu seinem Unglück, sieben Tage lang waren sie einfach nur da und haben mit ihm ausgehalten, geweint und geschwiegen. Das war gut. Aber jetzt suchen sie wortreich nach Erklärungen und geben ihm Ratschläge.
Nein, es gibt keine Erklärung! Nein, die Ratschläge zeigen nur, wie wenig sie verstehen! Hätten sie doch weiter geschwiegen und ihn in seinem Leid respektiert! Hiob kann gerade ihr frommes Gerede nicht hören. Sein Vertrauen ist erschöpft. Gebet hat für ihn keine Bedeutung mehr. Hiob hat Gott verloren. Gott ist für ihn nur noch eine Bedrohung. Hiob hat Angst vor Gott, der ihn so grausam plagt – und Angst vor dem, was noch alles kommen mag. Und jetzt schreit Hiob seine Verzweiflung und seinen Schmerz heraus und überhäuft Gott mit Vorwürfen.
Darf man das?
Ja, man darf das. So ergeht es Menschen und darum steht es auch in der Bibel. Menschen zerbrechen unter dem Unfassbaren, das sie trifft. Menschen schreien vor Schmerz wie gequälte Tiere. Menschen verlieren sich selbst und ihren Glauben.
Das gibt es, und wir haben keinen Grund und kein Recht einen anderen zu verurteilen. Selbst der fromme Hiob hat eine unbändige Wut auf Gott und schleudert sie ihm nun entgegen. Es ist schwer zu ertragen, aber wie gut, dass auch das in der Bibel steht.

Hiob weigert sich, den Grund seines Unglücks bei sich zu sehen. Er will nicht hören, dass er selbst schuld sei. Er fühlt sich zu Unrecht bestraft.      Gott soll nur kommen – dann wird er sehen: Hiob hat nichts getan, was die Katastrophe bewirkt haben könnte! Hiob weigert sich auch, demütig anzunehmen, was über ihn hereinbricht. Am Anfang konnte er sagen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen: der Name des Herrn sei gelobt!“,  aber das ist vorbei. Er kann nicht mehr.  Sein Glaube ist zerbrochen unter der Last.  Dass er gebetet hat, hat keinen Sinn mehr. Leere Worte sind das jetzt für ihn. Jetzt schreit Hiob seinen Zorn heraus. Wo ist Gott denn? Gott antwortet nicht. Gott hat sich ihm entzogen. Hiob sucht und findet ihn nicht. Da ist nur noch dunkle Macht, bedrohlich, Menschen verachtend, beängstigend.

Was tun wir mit Hiob? Was können wir für ihn tun, liebe Schwestern und Brüder? Es gibt Menschen wie Hiob. Etwas von Hiobs Verzweiflung ist uns selbst vertraut. Es müssen gar nicht so dramatische Ereignisse sein. Eine Enttäuschung, ein Abschied, eine Krise und wir zweifeln und klagen.
Die Bibel lässt Hiob zur Sprache kommen,  denn es gibt Menschen, die so sehr geplagt und tief verzweifelt sind, dass ihr Glaube zerbricht.
Das Erste ist Respekt, Achtung vor diesem Menschen und seinem Schicksal. Maßen wir uns nicht an zu verstehen, was wir doch nicht verstehen, weil wir nicht in seiner Haut stecken. Verkneifen wir uns unsere Sucht alles zu erklären. Mit unseren Erklärungen und Ratschlägen helfen wir nicht. Halten wir die Last aus, dass uns ein Schicksal erschreckt und Angst macht. Bleiben wir da wie Hiobs Freunde, auch wenn wir nur schweigen können. Wir können einem anderen Menschen auch nicht seinen Unglauben ausreden. Nehmen wir ihn so an, wie er ist. Wir können für ihn beten oder behutsam und ehrlich von unserer Hoffnung und unserem Zweifel reden – aber oft werden wir besser still sein.

Steckt hinter Hiobs zorniger Rede doch eine Sehnsucht nach Gott? Am Schluss des Buches findet Hiob wieder ein Verhältnis zu Gott. Aber das möchte ich nicht als Happyend verstehen.
Vielen bleibt dieser Weg versperrt. Gott bleibt ihnen fern. Sabine Naegeli betet: „Du bist ein Gott, vor dem ich mich fürchte. Und doch kann ich vor dir nur zu dir flüchten.“

Ich glaube: Gott bleibt nicht fern. Auch wenn ein Mensch keinen Weg findet – Gott ist zu uns gekommen. Er trägt in Jesus die tiefste Verzweiflung und das schrecklichste Leid.        Gott solidarisiert gerade mit den Gottfernen.
„Warum hast du mich verlassen?“ schreit Jesus.
Er kommt auch für die, die Gott nicht mehr suchen, für die kein Weg zurückführt.

Amen

Pfingsten, Predigt über Joh 14,16-19+25-27

Predigt am 9.6.19 von Andreas Hansen über Joh 14,16-19.25-27

Der Heilige Geist „ist von wolkenloser Musikalität und, wenn man ihn wiegen könnte, ganz leicht und deshalb so schwierig, je leichter der Heilige Geist, desto mehr steckt in ihm, … er ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen.“ Hans-Dieter Hüsch schreibt poetisch über den Heiligen Geist. (Zitat aus: Ders., Ein gütiges Machtwort. Alle meine Predigten, Düsseldorf 2001, 37f)

An Pfingsten gehen die Jünger Jesu auf die Straße, unter die Leute. Sie haben alle Furcht verloren. Jetzt verstecken sie sich nicht mehr.  Laut und für alle wunderbar verständlich reden sie von Jesus. Sie sagen, dass er lebt. Mit ihrer Freude und Begeisterung stecken sie viele an.   So entsteht die Kirche. Das Schwere wird leicht. Der Geist klingt in wolkenloser Musikalität. Lassen wir uns anstecken! Hören wir auf die Worte, die Jesus seinen Jüngern vor seinem Abschied sagte, Johannes 14:

Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen zum Fürsprecher geben, der für immer bei euch bleiben soll:  den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht erkennt; ihr erkennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Eine Weile noch, und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.

Das habe ich euch gesagt, als meine Bleibe noch bei euch war. Der Fürsprecher aber, der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.   Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! (Joh 14,16-19.25-27 Zürcher Übersetzung)

Geht es Ihnen auch so: das Johannesevangelium muss ich immer zwei- und dreimal lesen oder hören, bis ich anfange, etwas zu verstehen?   Aber dann wird jedes Wort schön und tröstlich. „… ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen zum Fürsprecher (einen Anwalt, einen Tröster) geben, der für immer bei euch bleiben soll:  den Geist der Wahrheit …     Der Fürsprecher, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“                 Ich musste einmal in einem Rechtsstreit vor Gericht aussagen. Ich war so furchtbar aufgeregt, schrecklich! Und ich war heilfroh, einen guten Anwalt zu haben – er ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und führte mich sicher durch  die Klippen des Verfahrens. Die Kirche hat einen mächtigen Fürsprecher. Er bleibt für immer bei ihr, bei uns. Jesus schickt uns einen, der für uns spricht, einen Anwalt, einen Tröster, der uns die Wahrheit Jesu erschließt.    
Die Kirche ist angegriffen. Sie sitzt auf der Anklagebank. Auch wir selbst klagen manchmal über „die Kirche“, als wären das nicht wir selbst. Wir alle, die Christen, wir sind „die Kirche“. Wenn Vertreter der Kirche sich unglaubwürdig verhalten, zB wenn es um den Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen geht, ist auch unsere Vertrauenswürdigkeit in Frage gestellt. Wenn wir hören, dass die Mitgliederzahlen immer weiter zurückgehen und bis 2060 wohl nur noch die Hälfte von heute ausmachen, sorgen wir uns um unsere Kirche. Wenn sich Leute enttäuscht abwenden, aber vor allem, wenn viele einfach gleichgültig sind und austreten, greift das auch uns an. Wollen die, die austreten wirklich, dass es irgendwann keine Kirche mehr gibt?
Unsere Misere ist wohl nichts im Vergleich zu der Not der Gemeinden, an die sich das Johannesevangelium zuerst richtet, denn die sind damals verfolgt und unter enormem Druck. Uns geht es super, verglichen mit den Christen im Iran, in China, in vielen Ländern. Und auch deren Not  geht uns an. Sie betrifft die weltweite Kirche und damit auch uns. Aber Jesus sagt: „Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!“ Ruhe und Gemütlichkeit hat Jesus seiner Kirche nicht versprochen, aber den Tröster, den Anwalt, der uns beisteht und uns in seiner Wahrheit hält. Darum haben wir tatsächlich keinen Grund verzagt zu sein. Der Heilige Geist ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen.
Jesus sagt: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.“ Er selbst ist eins mit dem Geist und eins mit Gott. Er wird seine Kirche nicht allein lassen. Die Kirche bei uns sieht in 30 oder 40 Jahren bestimmt ganz anders aus. Vielleicht gibt es dann nur noch eine Gemeinde, eine Pfarrerin oder einen Pfarrer und ein Kirchengebäude für Kenzin-gen, Herbolzheim und das Bleichtal zusammen. Vielleicht wird haben wir dann auch gemeinsam mit der katholischen Gemeinde eine Kirche und einen Gottesdienst. Wer weiß?
Aber es wird die Kirche Jesu Christi sein, denn er lässt seine Kirche nicht allein. Sie wird leben von seinem Wort, in seiner Wahrheit, in seiner Liebe und Gemeinschaft. Jesus sagt: „ich lebe und auch ihr werdet leben“. Die Kirche, seine Kirche wird leben, weil er lebt. Die Kirche lebt von Ostern her. Hier sehen wir immer auf Jesus am Kreuz, zu Tod gefoltert,    aber wir wissen und bekennen: Jesus lebt. Auch das schrecklichste Leid hält sein Leben nicht auf. Auch im Tod gilt seine Zusage: ihr werdet leben.
Der Heilige Geist entfacht den Glauben und die Liebe. Der Heilige Geist bewegt uns, Kirche Jesu Christi zu sein. Der Geist, der Tröster wirkt gegen alles, was hinunterziehen und deprimieren will. So ist eine zentrale Aufgabe der Kirche zu trösten, zu ermutigen, aufzurichten. Hören wir darum noch einmal Hans Dieter Hüsch: Der Heilige Geist „ist von wolkenloser Musikalität und, wenn man ihn wiegen könnte, ganz leicht und deshalb so schwierig, je leichter der Heilige Geist, desto mehr steckt in ihm, … er ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen. … Es gibt ja auch Tage bei uns, wo wir ihn wirklich nicht spüren mit unserem kleinen Menschenglauben, wo wir ihn uns jedes Mal aufs Neue erfühlen müssen und glücklich sind, wenn das Schwere plötzlich in uns abfällt und der Geist hier in uns und bei uns ist und Probleme sich aus dem Staub machen und die Menschen wieder anfangen zu lächeln. Gott ist leicht, Gott ist nicht schwer, Gott ist schwierig, ist kompliziert, ist hoch differenziert, aber nicht schwer. Gott ist ein Lachen, nicht das Gelächter, Gott ist die Freude, nicht die Schadenfreude, das Vertrauen, nicht das Misstrauen, er gab uns den Sohn, um uns zu ertragen und er schickt seit Jahrtausenden den heiligen Geist in die Welt, dass wir zuversichtlich sind, dass wir uns freuen, dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut, dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken und im Namen Gottes Kinder sind in allen Teilen der Welt eins und einig sind und Fantasten des Herrn werden, von zartem Gemüt, von fassungsloser Großzügigkeit, und von leichtem Geist.“

Amen

wer sind wir? Predigt über 1.Petrus 2,2-5a. 9

Predigt am 28.7.19 von Andreas Hansen über 1.Pt 2,2-5.9

„Wer bin ich?“ fragt Dietrich Bonhoeffer. Er ist zermürbt durch die Haft – z.B. bei Luftangriffen auf Berlin ließ man die Gefangen in ihren Zellen.     Er erfährt, dass das Attentat auf Hitler misslungen ist. Nun weiß er: es ist so gut wie sicher, dass er zum Tod verurteilt wird. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Bonhoeffer erkennt in dieser schlimmen Situation, was ihn trägt, das Fundament seines Lebens. Wenn uns Böses trifft, wenn unser Leben durcheinander gerät, wenn wir Gewissheit und Halt verlieren, halten wir uns daran fest: Gott hat zugesagt: „Du bist mein“. Gott hat Ja zu uns gesagt. Das ist wichtiger als alles.

Unser Predigttext steht im ersten Petrusbrief. Der Autor schreibt an „die von Gott Erwählten, die – als Fremde in dieser Welt“ – in den Provinzen Kleinasiens zerstreut sind. Als Fremde in dieser Welt – die Welt ist damals und heute zerrissen von Unrecht und Gewalt – und doch sind sie und sind wir zuhause, geborgen bei Jesus Christus.

Petrus schreibt ihnen und uns: Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf die geistige, unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst,   bis das Ziel, eure endgültige Rettung, erreicht ist. 
Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist. (1.Pt 2,2-3).  

Wer sind wir? Wie Neugeborene, die gestillt werden, so bedürftig und geborgen, so gierig nach der Milch, der Mutter so innig nah.
Ich sehe meinen Enkel mit einem halben Jahr. Wenn er hungrig ist, wird er unleidig. Er kann es kaum erwarten, bis er gestillt wird. Ganz außer sich vor Gier wird er, wenn das Ersehnte naht, und dann saugt und trinkt er, als würde er gleich verdursten. Jedes Mal neu überwältigt ihn die Gier, bis er erlöst und still wird.
Wer sind wir? Die Antwort liegt darin, wie Gott zu uns ist. Gott gibt uns mütterlich, fürsorglich, gütig, was wir brauchen. Und wir sind Bedürftige. Wir bleiben bedürftig danach, immer wieder gefüttert, gestillt, getröstet zu werden, wie Babys, auch wenn wir graue Haare haben.
Wir dürfen, wir sollen!, gierig sein auf Gottes Wort, die geistige, unverfälschte Milch. Wir sollen trinken und wachsen. In erstaunlich kurzer Zeit hatte mein Enkel sein Gewicht verdoppelt.   Unser Glaube soll wachsen. Aber er darf auch immer wieder anfangen. Wir werden nicht irgendwann abgestillt, sondern dürfen die Milch für die ganz Kleinen trinken.
Wer sind wir? Geliebt, umsorgt, getragen und gestillt wie Neugeborene – was für ein Glück! 
Wir leiden zuweilen darunter, dass unser Glaube so anfängerhaft ist, aber das ist schon in Ordnung. Der große Martin Luther schrieb und betete: „Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das bedarf sehr, dass man es fülle. Mein Herr, fülle es. Ich bin schwach im Glauben; stärke mich. Ich bin kalt in der Liebe; wärme mich und mache mich heiß, dass meine Liebe herausfließe auf meinen Nächsten. Ich habe keinen festen, starken Glauben und zweifle zuzeiten und kann dir nicht vertrauen. Ach Herr, hilf mir, mehre meinen Glauben und das Vertrauen. Lehre mich hören. Alles, was ich habe, ist in dir beschlossen.“
Wir sind immer wieder Anfänger im Glauben. Darum passt das Bild des Neugeborenen zu uns. Manchmal verzweifelte Luther fast über sich. Dann haben ihm seine Freunde ermutigende Worte der Schrift zugesagt, bis er ruhiger wurde.
Ich höre, dass Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage“. Ich höre es ganz direkt als Zusage an mich und uns: Jesus bei uns als Gemeinde in dieser Umbruchszeit. Hören wir genau auf ihn! Jesus bei uns, wenn wir die Gefahr von Krieg mit dem Iran sehen oder uns um das Klima sorgen. Jesus bei mir in den Herausforderungen meines Lebens. „Du bei mir.“ Wie ein Säugling die Muttermilch, so brauche ich solche Worte.

Wer sind wir? Petrus hat noch andere Bilder für uns: Kommt zu Jesus! Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. (1.Pt 2,4-5a)

Ganz schön schwer ist dieser Stein. (alter Backstein) Man sieht ihm an, dass er schon einiges mitgemacht hat. Aus Tausenden solcher Steine sind die großen Kirchen in Nord- und Ostdeutschland – Backsteingotik nennt man den Baustil.
Die Steine, aus denen unsere Kirche vor 357 Jahren gebaut wurde, stammen zum Teil von einer anderen Kirche, aus dem Dorf Niedingen zwischen Kenzingen und Forchheim, das im 30-jährigen Krieg verlassen und aufgegeben wurde. Dort wurde die Kirche abgebaut und die Bau-steine bei uns wiederverwendet. Wir sind als lebendige Steine von Gott in sein Haus eingefügt.
Aber Steine sind doch kalt und hart und tot. Versteinert ist das Gegenteil von lebendig. Jesus ist lebendiger Stein. Jesus überwindet den Tod. Er ist der Stein, auf den Gott baut.
„Kommt zu Jesus, seid selbst lebendige Steine, lasst euch einfügen in das Haus, das Gott baut,  erfüllt von seinem Geist!“ Auch wir sollen leben. Wie Jesus sollen wir sein. Wie er sollen wir dem Tod widersprechen. Wir sind Teil in seinem Haus, lebendige Steine.
Man sieht den Steinen ihre Geschichte an.  Da sind im Mauerwerk einer Kirche alte, dunkle Steine, die die Spuren der Zeit an sich tragen. Wind und Wetter haben ihnen zugesetzt. Genauso kann man das auch von uns sagen. Manchen von uns hat das Leben es nicht leicht gemacht und man sieht es uns an.  Gott baut seine Kirche aus lebendigen Steinen. Wie beim Bau eines Hauses hat jeder Stein seine eigene und ganz besondere Bedeutung. Jeder Stein hat seinen besonderen Platz. Keiner ist entbehrlich. Jeden Stein setzt der Baumeister sorgfältig an seinen Platz. Gott gibt jeder und jedem von uns ihren und seinen richtigen Platz. Genau dort werden wir gebraucht. Dort sollen wir tragen, die Nachbarsteine stützen und uns gleichzeitig von den anderen Steinen tragen und stützen lassen. Zusammen bilden wir das „Haus der lebendigen Steine“. Jesus ist der Stein, der den ganzen Bau zusammenhält, der Eckstein. Die Gemeinde Jesu als ein Bau: sie bekommt ein Zuhause und bietet ein Zuhause. Das ist kostbar in einer Welt, in der so vieles fremd und feindlich wird.

Wer sind wir? Bedürftig wie ein Säugling, gierig nach der Milch der Zusage Gottes, aber auch tragfähig, verlässlich wie Stein, wichtig im Bau des Hauses Gottes.
Gott will, dass wir ihn brauchen, wie ein Kleinkind seine Mutter. Und Gott will, dass wir einstehen für unseren Glauben. Er fügt uns ein in seinen Bau.
Manchmal kommen wir uns als Kirche in dieser Zeit fremd vor – von vielen belächelt, verspottet, nicht ernst genommen. Aber Gott stellt uns an unseren Platz und in unsere Zeit.

Noch einmal Petrus: Ihr seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (1.Pt 2,9)

Wer sind wir? Gottes Volk, eine königliche Priesterschaft. Großes traut Gott uns zu. Wir sind in sein wunderbares Licht gerufen.  Wir sollen seine großen Taten verkünden.
Wir Christen haben einen Auftrag an die Welt. Wir müssen widersprechen, wenn erbarmungslos zurückgeschlagen wird. Die Leidenden und die, die ihnen Leid zufügen, die Machtlosen und die Mächtigen müssen von den großen Taten Gottes hören. Die Welt braucht sein Licht, das Licht der Hoffnung, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Wir Christen haben den Auftrag, davon nicht zu schweigen, die Traurigen zu trösten und das Unrecht beim Namen zu nennen. So viel traut Gott uns zu – ihm allein gehören wir. Petrus nennt uns eine königliche Priesterschaft. Die Reformatoren sprachen vom Priestertum aller Getauften. Jeder Christ darf sich zutrauen, zu verstehen, was Gott uns durch sein Wort sagt. Jede und jeden will Gott selbst unmittelbar ansprechen. Wir alle, jede und jeder an seinem Platz, haben Anteil am Auftrag, das Erbarmen und die großen Taten Gottes zu verkünden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Keine Jammerlappen, Predigt über Mt 9,35-10,7, in Sundhouse

Predigt am 21.7.19 von Andreas Hansen über Mt9,35-10,1.6f

Predigt im gemeinsamen Gottesdienst in der Partnergemeinde in Sundhouse

Liebe Mitchristen aus Sundhouse und Kenzingen,
bei unserem letzten Treffen erzählten Sie uns von „Perspektive 2030“ hier im Elsaß. Es geht um die Entwicklungen der Kirche, um sinkende Mitgliederzahlen, Finanzen und Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern. Am vergangenen Mittwoch hörten wir etwas Ähnliches von unseren katholischen Nachbarn. Sie nennen es „Pastoral 2030“. Auch  in unserer Kirche kennen wir solche Prognosen. Sie jagen uns Angst ein und wir fragen verzagt: „Oje, was wird aus der Kirche? Wird alles immer schlechter?“  Unser Predigttext für heute klingt herausfordernd anders:

Mt 9, 35-38; 10,1.7f

Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.
Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.
Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.  Und er sprach: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.

„Und als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn.“ Nanu – ist Jesus etwa ein Jammerlappen? Kennen Sie das Wort „Jammerlappen“? Gibt es dafür ein französisches oder elsässisches Wort? Ein Lappen ist das (Lappen zeigen). Wer immer herumjammert, wehleidig, schlechte Stimmung verbreitend, selbstmitleidig, verzagt, negativ, so einen Menschen nennen wir einen Jammerlappen.
Ist Jesus ein Jammerlappen? Aber nein! Das Wort, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, wird fast nur für Jesus gebraucht und von ihm selbst in manchen Gleichnissen. Den Vater des verlorenen Sohnes jammert sein Sohn, als der zerlumpt und elend heimkommt. Dahinter steckt ein hebräisches Wort für Erbarmen und Mitgefühl, und eigentlich das Wort Eingeweide, Gebärmutter. Was Jesus jammert, geht ihm nah, geht ihm ans Herz, schlägt ihm auf den Magen. Jesus jammert das Volk, das verängstigt ist und orientierungslos wie Schafe ohne Hirten.
Aber dann lamentiert Jesus nicht herum wie ein oller Jammerlappen, nein: Er predigt die gute Botschaft, das Evangelium: „Gott regiert. Gott ist König.“ Und er zeigt auch gleich, was das bedeutet: Krankheiten und alle Gebrechen heilt er.
Jesus ist bis ins Tiefste angefasst vom Elend der Menschen. Er ist das Gegenteil von gleichgültig. Mitten ins Herz trifft ihn das Leid. Er lässt sich anrühren von unserer Suche nach Liebe, von unserer Unversöhnlichkeit, unseren Tränen um geliebte Menschen, unserer Angst vor Krankheit und Tod, unserem Hunger nach Leben. Jesus ist getroffen vom Unrecht, das Menschen trifft. Er nimmt Teil an ihrer Ohnmacht gegenüber den Mächtigen, an ihrem Leid, ihrer Erschöpfung und Schutzlosigkeit.
Im Jammer Jesu ist kein anklagender Unterton und kein Gejammer über die Gottlosigkeit der Welt. Jesu Jammer ist seine Zuwendung, ist seine Liebe zu den Menschen. Gott jammert unser Elend – darum kommt er in Jesus zu uns. Darum setzt er sich selbst dem Leid aus.

Jesus nimmt nicht nur unser Elend überdeutlich wahr. Er sieht ebenso klar unsere Möglichkeiten. Jesus hat eine doppelte Sicht auf uns.
Darum wechselt er auf einmal das Bild: Er sieht das Volk und uns wie verlorene Schafe und er sieht uns auch wie ein schönes reifes Weizenfeld, das nur auf die Ernte wartet.

Jesus gibt seinen Jüngern Macht. Er ermächtigt sie zu verkündigen und zu heilen. Wie er selbst, so sollen die Seinen Gottes Reich ankündigen  und auch zeigen. „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ – Hier stolpere ich. Was für ein Auftrag!
Die Jünger sollen heilen, Leben geben, böse Geister austreiben? Die Kirche, wir sollen das?
Ich gestehe, dass ich um diesen Predigttext bisher immer einen großen Bogen gemacht habe. Auch bin ich misstrauisch, wenn Kirchen behaupten, sie könnten heilen. Was für eine Überforderung! Was für eine Anmaßung!

Aber hören wir das heute zusammen mit den bedrohlichen Prognosen für die Kirche!
Wie ist unsere Perspektive?
Jesus sagt uns: „Seid keine Jammerlappen!
Ich gebe euch einen Auftrag und die nötige Macht und Kraft dafür. Verkündet, dass Gott regiert! Das Reich Gottes ist nah. Und dann heilt, weckt zum Leben, treibt böse Geister aus!“
Unsere Perspektive orientiert sich an seiner Sichtweise: Er sieht das Elend der Welt, das Leid vieler Menschen und der geplagten Schöpfung. Das trifft ihn tief. Aber er sieht auch das Feld, reif zur Ernte, die vielen guten Möglichkeiten, die sich entfalten sollen.

Jesus schickt seine Jüngerinnen und Jünger, Fischer, einen ehemaliger Zöllner, einen, der früher im Widerstand gegen Römer kämpfte, einfache Leute. Jesus schickt uns, normale Leute. Er gibt uns einen großen Auftrag: Sagt, Gottes Reich ist nah, und dann tut genau, was das bedeutet! Heilt, was krank ist.  Setzt euch für das Leben ein. Findet euch nicht ab mit Krieg und Gewalt. Findet euch nicht ab mit Hunger und Sextourismus und all den zahllosen Arten wie Menschen um ihr Leben und ihre Würde gebracht werden. Macht Aussätzige rein. Lasst nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt werden. Schaut nicht verächtlich auf die, die anders sind als ihr selber. Die anders  aussehen, die anders glauben, die anders lieben. Treibt böse Geister aus. Das ist vielleicht das Schwerste. Lasst eure Herzen nicht voll böser Gedanken sein. Lasst euch nicht zum Hass verleiten.
Uns, seiner Kirche, gibt Jesus eine Perspektive, dass wir in seinem Namen reden und handeln.

Ich möchte Ihnen noch eine Geschichte erzählen: Als Christus die Erde verließ und in den Himmel kam, schauten die Engel voll Sorge auf die Erde und sagten: „Willst du nicht dort bleiben, Herr? Sieh doch, wie es auf der Erde zugeht, wie Hass und Streit und Habgier alles zerstören!“ „Aber“, sagte Christus. „Ich habe doch meine Kirche, die mich auf Erden vertritt.“ Die Engel betrachteten die Kirche und schauten noch sorgenvoller: „Herr, hast du denn niemand anderes, der dich vertritt?“ Und Christus lachte: „Nein, jemand anderes habe ich nicht.“ Amen