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Du sollst ein Segen sein, Predigt 1.Mose 13,1-12

Predigt am 5.11.17 von Andreas Hansen über 1.Mose 13,1-12

Vor der Predigt werden zwei Kinder getauft - der eine Taufspruch ist 1.Mose 12,2: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein

1.Mose 13,1-12

„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ So sagt Gott zu Abraham – am Anfang wird er noch Abram genannt. Und Abraham glaubt Gott und auch Sara, seine Frau, glaubt. Miteinander machen sie sich auf den Weg. Denn zuerst sagt Gott: „Geh, wohin ich dich sende.“

Abraham und Sara sind Ur-Eltern des Glaubens für Juden, Christen und Muslime. Glauben heißt für sie wie für uns: Sie wissen nicht, wohin ihr Weg geht, aber Gott geht mit ihnen. Sie vertrauen Gott, trotz der Ungewissheit. Gott will sie segnen. Gott will Gutes für Abraham und Sara. Sie sollen ein Segen sein. Durch sie sollen auch andere Gutes erfahren.
Nun hat Abraham schon einiges an Segen erfahren. Er ist angekommen in dem Land, wohin Gott ihn geführt hat. Er ist reich: Gold, Silber und vor allem Vieh, Schafe, Ziegen, Kamele.
Aber jetzt fangen die Probleme an. Denn viele Schafe, Ziegen und Kamele brauchen viel Weide und Wasser. Eine Schar von Knechten und Mägden sorgt für die Tiere, verarbeitet Milch und Wolle, Felle und Fleisch. Aber auch Lot, Abrahams Neffe hat Schafe, Ziegen, Kamele, die ebenfalls Weide und Wasser brauchen und von einer Menge von Knechten und Mägden versorgt werden.
Tag für Tag drängeln sich die Herden an den Wasserstellen. „Schert euch fort! Wir waren zuerst da.“ „Stimmt ja gar nicht. Und außerdem ist unser Herr, Abraham. Der hat das Sagen.“ Auch auf dem Markt gibt es Streit, wessen Ware besser ist, wer die guten Kunden beliefern darf und wer zu billig verkauft. „Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß.“
„Was ist denn mit euch los?“ fragt Abraham, als seine Leute mit verbundenen Händen und blauen Flecken daher humpeln. „Lots Knecht waren wieder mal frech. Aber denen haben wir´s gezeigt!“
„Was habt ihr?! So geht es nicht weiter!“ Abraham erinnert sich, dass Gott auch gesagt hat: „Du sollst ein Segen sein.“
So bittet Abraham seinen Neffen in sein Zelt. „Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder.“

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ – so sagt es Paulus. „Vertrau darauf, dass Gott uns segnet! Sei ein Segen für andere!“
Wem gehört das Land: Katalanen oder Spanieren? Die reichen Katalanen haben Angst, übervorteilt zu  werden. Die sture Regierung in Madrid pocht auf ihr gutes Recht. So geht es doch nicht weiter.
Wer hat angefangen mit Unrecht und Gewalt: Israel oder die Palästinenser? Seit Jahrzehnten wird der Hass geschürt und immer wieder brechen Unruhen aus. So kann man doch nicht leben.
Verrückte Verbrecher rasen auf wehrlose Menschen los und bringen möglichst viele um.    Sie sagen, sie morden im Namen Gottes. Wie können wir sie zur Besinnung bringen?
„Unser Land ist an seiner Belastungsgrenze. Mehr Fremde verkraften wir nicht. Die nehmen uns alles weg.“ Müssen wir wirklich um unser Land fürchten? Dürfen wir uns abfinden damit, dass Europa eine Festung wird?
Die Wut explodiert, damals zwischen den Leuten von Abraham und Lot und bis heute, im Großen und im Kleinen. Wir sind einander oft im Weg: egoistisch, selbstgerecht, rücksichtslos, gemein.
In jeder Ehe, unter Geschwistern, Parteifreunden, Kollegen, in Schulklassen und Kirchengemeinden erleben wir, wie wir uns entzweien.
Aber wir sollen ein Segen sein. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“

Gott traut uns das Gute zu. Obwohl wir immer wieder nur uns selbst sehen, obwohl wir so oft Angst haben zu kurz zu kommen, obwohl so viel Böses in der Welt geschieht, traut Gott uns das Gute zu.
„Geh, wohin ich dich sende. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Obwohl wir Gott widersprechen, will er Gutes für uns tun und Gutes durch uns wirken.
Abraham ist ganz und gar kein Heiliger. Eben noch war er ganz schön mies zu seiner Frau. (nachzulesen in Gen 12) Aber jetzt handelt er wie ein Mensch, der Gott vertraut.
„Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir, Lot. Wir sind doch Brüder. Wir finden einen Weg. Du darfst entscheiden, ob du in das Land unten am Fluss willst oder in die Berge willst.“
Abraham lässt Lot die Wahl, obwohl er der Ältere und Mächtigere ist. Er lässt sich auch darauf ein, auf Vorteile zu verzichten. So können sie in Frieden leben. Abraham hat keine Angst, den Kürzeren zu ziehen. „Gott hat mich gesegnet. Gott wird mich segnen. Ich gehe meinen Weg mit ihm.“

Wir wollen uns am liebsten absichern, gegen alles, was uns passieren kann. Wir klammern uns an das, was wir haben. Vielleicht ist, wie bei Abraham, das ein Problem, dass wir viel haben.
Aber Abraham hat gelernt loszulassen, neu anzufangen, ins Ungewisse zu gehen. Er vertraut darauf, dass Gott ihn segnen will und er für andere ein Segen sein kann.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Reformationsfest, Predigt über Mt 10,26-33

Predigt am 29.10. 17 von Andreas Hansen über Mt 10,26-33

Orgelmusik vor der Predigt: JSBach über Es ist das Heil uns kommen her

Seit Jahren bereiten wir uns auf das Jubiläum vor. 500 Jahre Reformation – das ist schon was. Ganz Deutschland hat übermorgen Feiertag. Die Reformation hat unser Land und unsere Kultur geprägt, nicht nur die Kirche.
Glaubensfragen haben damals die Gemüter sehr bewegt. Leider wurden sie schnell von Fragen politischer Macht überlagert. Die Kirche war damals eine enorme Macht. Beim Stichwort Reformation denken viele an Entzweiung und Krieg – auch diese schlimmen Folgen hatte die Reformation.
Heute können wir uns nicht mehr vorstellen, andere Christen zu Ketzern zu erklären. Wir sind eng verbunden mit unseren katholischen Nachbarn.
Katholische Kollegen sagen: „Ein Lutherfest wollen wir nicht unbedingt feiern, aber gerne ein Christusfest.“
„Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan.“
Wir glauben gemeinsam, dass Gott sich uns allein aus Gnade in Jesus Christus zuwendet und uns rechtfertigt.
Die Kirche ist in der Gesellschaft kein politischer Machtfaktor mehr – das ist gut. Glaubensfragen bewegen die Gemüter kaum und werden nur selten öffentlich diskutiert – das ist schade. Viele meinen: „Glaube ist so persönlich, dass man darüber gar nicht reden soll oder kann.“ – das ist falsch.

Der Predigttext zum Reformationsfest steht im Matthäusevangelium (10,26-33). Jesus sagt:
Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts, was verborgen ist, bleibt verborgen; alles wird offenbart werden. Und nichts, was geheim ist, bleibt geheim; alles wird bekannt gemacht werden. Was ich euch im Dunkeln sage, das sagt am hellen Tag weiter, und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet in aller Öffentlichkeit. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können – die Seele können sie nicht töten. Fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele dem Verderben in der Hölle preisgeben kann.
Denkt doch einmal an die Spatzen! Zwei von ihnen kosten nicht mehr als einen Groschen, und doch fällt kein einziger Spatz auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt. Und bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Seid darum ohne Furcht! Ihr seid mehr wert als eine noch so große Menge Spatzen.
Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

Jesus sieht die vielen Menschen. Es rührt ihn, dass sie so verloren sind, wie Schafe ohne Hirten (vgl Mt 9,37). Darum sendet er seine Jünger zu ihnen und sagt: Vor keinem Menschen sollt ihr euch fürchten.
Fürchtet euch nicht, wenn sie euch verfolgen.
Fürchtet euch nicht, denn ihr seid kostbar für Gott, unseren Vater.
Bekennt euch zu mir, denn ich stehe für euch bei Gott ein!

Matthäus ist zutiefst davon überzeugt: Jesus sendet uns, alle Christen. Auch wir sollen Jesus verkünden und uns zu ihm bekennen. Die Menschen brauchen die Botschaft von dem guten Hirten Jesus Christus, das Evangelium.

Martin Luther und die Reformatoren vor 500 Jahren meinen damals: Die Kirche lässt die Menschen allein, verloren wie Schafe ohne Hirten. Sie macht Geschäfte mit der Angst der Menschen und verkündet nicht das Evangelium Jesu Christi.
„Fürchtet euch nicht“ – auf den Trost hört Luther. Er hat entdeckt: Jesus heilt unsere gestörte Beziehung zu Gott. Jesus sucht den verlorenen Menschen und sitzt mit Sündern an einem Tisch. Jesus bringt Gottes Gnade und Vergebung.
Der mutige Petrus hat Jesus verleugnet – und Jesus nimmt ihn doch an.
Wir alle sind darauf angewiesen, dass Gott uns annimmt, uns Gemeinschaft schenkt, uns gerecht spricht.
Luther beschreibt seine Erkenntnis wie einen wunderbar befreienden Schritt: Jetzt kann er Gott vertrauen und weiß: nur darauf kommt es an, dass wir Gott vertrauen – er nimmt uns durch Jesus an.
„Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte… der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan…“
Luther bekennt sich zu Jesus. 1517 schreibt er gegen die Lehre und die Praxis des Ablasses. In kürzester Zeit diskutiert ganz Deutschland über Luthers Kritik an der Kirche. Luther schreibt weiter. Er streitet sich mit Gelehrten und Bischöfen. Er verbrennt den Drohbrief des Papstes.
1521 steht Luther in Worms vor dem Kaiser und den Mächtigen des Reiches.  Er soll widerrufen, was er geschrieben hat. Das kann er nicht. Er sagt: „mein Gewissen ist in den Worten Gottes gefangen; ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir.“
Luther erlebt es selbst als ein großes Geschenk, dass er den Mut dazu hat. Der Kaiser hält seine Zusage, dass Luther freies Geleit bekommt, verhängt dann aber die Reichsacht über ihn, verurteilt ihn also zum Tod.

„Fürchtet euch nicht! Bekennt euch zu mir!“
In Kenzingen hat ein von Luthers Erkenntnis überzeugter Prediger großen Erfolg. Von 1522 bis 1524 ist Jakob Otter hier. Dann wird der Druck des Bischofs von Konstanz und der Regierung in Wien gegen ihn und die Stadt  zu groß. Jakob Otter verlässt Kenzingen. 150 seiner Anhänger begleiten ihn. Sie gehen als Flüchtlinge nach Straßburg – viele von ihnen werden im Pfarrhaus von Katharina Zell aufgenommen. In Kenzingen wird der Stadtschreiber als Anführer der Ketzer enthauptet. Mich schaudert, wenn ich daran denke: Auch heute werden Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt, Christen, aber auch Muslime, wie die Rohynga.

„Fürchtet euch nicht! Bekennt euch zu mir!“ Man kann „unsere“ Katharina Zell aus Straßburg eine  Reformatorin nennen. Sie hat nicht Theologie studiert, das war unmöglich für eine Frau damals, aber sie bekennt und verteidigt ihren Glauben öffentlich, sie schreibt sogar darüber. Großartig ist ihre Menschlichkeit und Offenheit – da hat sie Luther einiges voraus. Katharina nimmt Flüchtlinge auf, auch solche, die von Luther und anderen als Ketzer verurteilt werden. Katharina muss niemanden verdammen oder verteufeln. Gottes Wahrheit wird schon an den Tag kommen.

„Fürchtet euch nicht! Bekennt euch zu mir!“ Jesus sagt: Gottes Reich ist nah. „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“   
Wir gehen auf Gott zu. Wir leben vor Gott.  Im Glaubensbekenntnis beten wir: Jesus wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Gericht heißt: Alles wird offen und klar sein, in Gottes Licht. Gott bringt zurecht, was unrecht ist.
Fürchtet euch nicht! Wenn wir vor Gott stehen, ist Jesus unser Richter. Er trägt für uns Schuld und Unrecht ans Kreuz. Er verbindet uns mit Gott. Gott ist Vater und Mutter, liebevoll. „Fürchtet euch nicht!  Ihr seid Gottes Kinder. Bekennt euch zu mir!“

„Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan.“ Die Zukunft, was uns bevorsteht, kann uns bedrängen und Angst machen. Aber wir sehen auf Jesus.
Was in der Welt geschieht und was uns persönlich trifft, kann uns verstören, traurig und ratlos machen. Aber wir sehen auf Jesus.
Wir können scheitern und schuldig werden wie Petrus, der Jesus verleugnet hat. Aber wir sehen auf Jesus.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Wir sind so frei – Predigt über Lk 10,38-42 im ökumenischen Gottesdienst

Predigt am 22.10.17 von Andreas Hansen über Lk 10,38-42

Als sie weiterzogen, kam Jesus in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!
Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Maria und Marta – ist das eine Freiheitsgeschichte?
Ja, auf jeden Fall eine Geschichte von der Freiheit der Kinder Gottes, also von uns. Maria nimmt sich die Freiheit aus der Rolle zu fallen und zu tun, was Männern vorbehalten war. Sie entscheidet für sich, bei Jesus zu studieren. Das hat für sie Priorität. Und Jesus gibt ihr Recht – super!

Zuerst muss ich einige Missverständnisse zurechtrücken: Zahllose Frauen ärgern sich über diese Geschichte. Es verletzt sie, wie Jesus Marta herunterputzt, als wäre ihre Arbeit nichts wert. Was Frauen leisten, wird sowieso nicht wertgeschätzt, und jetzt das! Wenn eine heute auch noch Marta heißt … oh, Jesus!
Nein, halt, ganz falsch verstanden!

Marta ist eine starke selbstbewusste Frau. Sie und eine Reihe anderer Frauen gehören zu den Jesusleuten. Ihre Gastfreundlichkeit, Gastfreundlichkeit überhaupt ist wesentlich für uns Christen – davon lebt die Gemeinschaft, das Gespräch über das, was uns wichtig ist – wir erleben das immer wieder, zum Beispiel auch im Vorbereitungskreis für diesen Gottesdienst. Jesus lädt gerne in seinen Kreis ein. Er schätzt und genießt die Gastfreundschaft sehr. Keineswegs putzt er Marta herunter. Marta und Maria werden auch im Johannesevangelium als enge Vertraute Jesu genannt. Ich vermute sogar, Marta war so cool, so souverän, dass sie selbst davon erzählt hat, was ihr mit Jesus passiert ist.
Dass Marta überhaupt Männer in ihr Haus einlädt, ist damals ungewöhnlich, ja anstößig. Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger setzen Zeichen. Frau oder Mann, für die Getauften und im Glauben an Jesus spielt das keine Rolle mehr – so wird Paulus schreiben.
Mithin, meine Herren, liebe Männer! Das ist keine Frauengeschichte, sondern genauso bedeutend für uns: wir alle sind Marta und Maria.

„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“   
Maria tritt einen Schritt zurück von den Sorgen und Mühen. Sie kümmert sich jetzt nur um das Eine. Maria lässt ihr Smartphone liegen. Sie fragt nicht nach dem, was die Leute sagen. Sie hört nicht auf die innere Stimme, die ihr Pflichten und Karriereziele vorgibt. Sie löst sich sogar von der Sorge um ihre Lieben, um die Not der Welt, um Gesundheit und Zukunft.
Maria tritt von dem allen gleichsam einen Schritt zurück und wählt jetzt das Eine, was not ist.  Dieses Eine, das Evangelium spricht sie frei.
Wir sind Maria.
Jesus sagt auch uns, was unser Leben und unsere Freiheit begründet, das Evangelium von der Liebe Gottes, die uns gilt.
Wir sind wie Maria geliebte Kinder Gottes. Wir feiern in jedem Gottesdienst, in jedem Gebet das Vertrauen und die Freiheit der Kinder Gottes. Wie Maria treten wir einen Schritt zurück von den Sorgen und Mühen, nehmen Abstand und konzentrieren uns auf das Eine, was not ist. Wie Maria haben wir nichts Besseres zu tun, als auf Gott zu hören und ihn zu loben.
Der Sonntag ist ein Symbol für unsere Freiheit. Aber auch im Alltag wissen wir, dass wir nicht aufgehen in unseren Sorgen und Mühen.
Wir sind Maria.

Aber wir sind dann auch Marta.
Zu unserem Leben als Christen gehört auch die Marta-Seite. Wir sind bereit uns einzusetzen. Wir sind bereit Verantwortung zu tragen. Wir sind bereit Bindungen einzugehen in Partnerschaft, Familie, Beruf, Ehrenamt.
Das ist Freiheit, dass ich mich entscheide für einen Menschen oder für eine Sache, dass ich meine Zeit, meine Kraft, mein Leben einsetze, dass ich eventuell sogar falsch entscheide und Schuld auf mich nehme. Aber ich gehe nicht auf in dem allen. Mein Selbstwert hängt nicht daran, dass ich mich einsetze und Erfolg habe und anerkannt bin.
Zuerst bin ich wie Maria frei, frei vor Gott.

„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“
Alle schauen jetzt Marta an. Die ist über Jesu Antwort zuerst erschrocken und enttäuscht.
Aber dann sieht sie, wie Jesus sie anlächelt und wie glücklich Maria schaut. „Worüber habt ihr denn geredet?“ fragt sie und setzt sich neben ihre Schwester.

Wir sind Maria.
Wir sind Marta.
Wir sind so frei.
Bleiben wir einen Moment still.

Predigt über Mk 10,17-27

Predigt am 15.10.17 von Andreas Hansen über Mk10,17-27

Im Gottesdienst werden die neuen Konfirmanden eingeführt - vor der Predigt singen wir ein Lied zum Motto dieses Jahrgangs: Du stellst meine Füße auf weiten Raum (Ps 31,9)

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ich kann eigene Schritte tun und Gott vertrauen. Als junger Mensch mit 13 oder 14 Jahren ist das gar nicht so leicht. Was für eigene Schritte will ich denn tun? Will ich so sein wie alle anderen? Getraue ich mich, eine eigene Meinung zu sagen, oder andere Klamotten zu tragen als die anderen? Da gibt es ja immer die, die das große Wort führen, und viele andere laufen ihnen nach. Da gibt es in jeder Gruppe Zwänge, denen man sich kaum entziehen kann. Und da gibt es auch die Stilleren und die, die sich manchmal recht allein fühlen.
Wo ist mein Platz? Was kann und will ich? Was ist der richtige Weg für mich?
Und übrigens geht es nicht nur 14-Jährigen so. Auch ältere und alte Leute sind auf der Suche. Was ist das wahre Leben und was ist gerade jetzt der richtige Weg für mich? „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Gott will, dass wir ankommen, bei uns selbst, bei einem erfüllten, guten Leben. Darum hören wir auf sein Wort, lesen in der Bibel und versuchen zu verstehen.

Heute ist das eine ganz schöne Herausforderung. Der Predigttext für heute steht wieder im Markusevangelium, Kapitel 10:

Und als Jesus hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme? Jesus sagte zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.

Ewiges Leben will er, unbegrenztes, wahres Leben. „Was muss ich dafür tun? Was kann ich optimieren in meinem Leben?“ Rastlos kommt er mir vor, dieser Mensch, getrieben von dem Gefühl: das, was ich tue, reicht nicht. Er hat wohl Angst, das Leben zu verpassen, nicht gut genug zu sein. Hart weist Jesus ihn zurück: „Niemand ist gut als Gott allein.“ Zum Menschsein gehören Grenzen und Endlichkeit. Etwas für das ewige Leben zu tun, das ist für uns Menschen unmöglich. Da sind wir alle gleich. Jede und jeder stößt an Grenzen. Es gibt  keine Elite von Leuten, die besser sind und sich das ewige Leben selbst verdienen können.
Sicher gehört zum Glauben das Handeln – Leitlinien dafür geben die 10 Gebote. Worte des Lebens und der Begrenzung menschlicher Willkür. Du sollst nicht töten – du hast kein Recht, die Grenzen zum anderen gewalttätig zu überschrei-ten. Weder indem du seine Seele bedrängst, noch indem du sein Leben verletzt oder gar auslöschst. Du sollst nicht ehebrechen – du sollst das Vertrauen und die Verletzlichkeit der Liebe nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Du sollst nicht stehlen und niemanden berauben – zum Schutz der Persönlichkeit des anderen gehört der Schutz seines Eigentums, des geistigen wie des materiellen.

Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Und Jesus sah seine Jüngern an und sprach: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!

Alle Gebote hat er gehalten, von Jugend auf, alles richtig gemacht, mit Auszeichnung Schule und Ausbildung absolviert, den Eltern nur Freude und den Lehrern nie Ärger. Er engagiert sich für andere. Er hat eine Familie. Alles richtig, alles wie es sein soll und immer ein neues, nächstes Ziel vor Augen. Bloß kein Stillstand! Vieles hat er schon erreicht. Erfolge, Anerkennung, gute Taten, auch viele Güter hat er gesammelt, wie ein Sportler sich die gewonnenen Pokale auf´s Regal stellt. „Was muss ich noch tun? Wo will ich noch hin?“ Er hat dennoch die Sehnsucht und das Gefühl, nicht angekommen zu sein.
„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“ „Verkaufe alles, was du hast und folge mir nach!“ Aber das kann er nicht. Traurig geht er davon. Sein Reichtum steht ihm im Weg.  Er hängt an dem, was er erworben und verdient hat. Gern würde er Mühe und Geld einsetzen, um auch noch eine Lebensversicherung zu verdienen. Alles will er haben, aber er kann nicht verzichten. Er will alles tun, aber loslassen kann er so schlecht.
Jesus sieht ihn an und gewinnt ihn lieb. Liebevoll sieht Jesus Menschen an. Klar erkennt und durchschaut er, was sie bewegt. Er sieht, wie rastlos und getrieben der Mann ist.
Jesus sieht unsere Sehnsucht nach Leben, und  die Angst, das Leben zu versäumen.
Die Geschichte macht mich betroffen. Alles weggeben? – ich glaube, das könnte ich nicht. Heißt das, auch ich wende mich von Jesus ab?
Das Gespräch mit den Jüngern geht weiter.

Die Jünger waren bestürzt über seine Worte. Aber Jesus sagte noch einmal: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, in das Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie erschraken noch mehr und fragten einander: Wer kann dann selig werden? Jesus sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.

Das schafft doch keiner! Die Jünger erschrecken, sogar sie, die ihr Zuhause verlassen haben und auf alles verzichten, um bei Jesus zu sein. Das größte Tier soll durch die kleinste Öffnung – unmöglich! Richtig, sagt Jesus, kein Mensch schafft das, kein Mensch kann sich ewiges Leben verdienen. Das Leben selbst, wahres Leben, Seligkeit könnt ihr nur von Gott bekommen. Nichts könnt ihr dafür tun, aber Gott schenkt euch ewiges Leben.
Jesus bricht das ewige Getrieben-Sein auf der Suche nach dem gelingenden Leben auf. Auf die Frage der Jünger – wer kann dann selig werden? – gibt es zunächst einmal nur eine Antwort: Niemand! Es ist unmöglich für uns, den Himmel zu verdienen, aber für Gott wohl möglich, ihn uns zu schenken.
Gott macht möglich, was für uns unmöglich ist. Gott liebt uns.  Er will bei uns sein und uns bei sich haben. Nichts soll und darf uns trennen von ihm.
Reichtum, was wir haben und haben wollen, kann uns  sehr wohl von unseren Mitmenschen und auch von Gott trennen.
Aber dennoch: Mit der Taufe schenkt uns Gott das ewige Leben. Wir haben es längst.

Liebe Gemeinde, liebe Konfis, Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Himmlisch weit öffnet sich der Raum. Ich höre, wie sehr Gott uns lieb hat.
Wie dieser reiche Mensch kann ich zuweilen nicht vertrauen. Ich habe Angst, das Leben zu verpassen. Ich drehe mich um mich selbst. Ich will immer mehr haben.
Aber Jesus sagt mir: Das Leben selbst hat Gott dir längst geschenkt, das wahre und ewige Leben. Unmöglich kannst du es dir verdienen, aber nimm es nur an! Amen

„Dem, der glaubt, ist alles möglich“ – Predigt über Mk 9,17-29

Predigt am 8.10.17 von Andreas Hansen über Mk9,17-27

Einer aus der Menge sagte: »Meister, ich bin mit meinem Sohn gekommen; ich wollte mit ihm zu dir, weil er einen stummen Geist hat. Wo immer dieser ihn packt, wirft er ihn zu Boden; dem Jungen tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird ganz starr. Ich habe deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, doch sie konnten es nicht.«
»Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation!«, sagte Jesus zu ihnen. »Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt den Jungen zu mir!«
Man brachte ihn, und sowie der Geist Jesus erblickte, riss er den Jungen hin und her, sodass dieser hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte.
»Wie lange geht das schon so mit ihm?«, fragte Jesus den Vater des Jungen. »Von klein auf«, antwortete der Mann. »Oft hat der Geist ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn es dir möglich ist, etwas zu tun, dann hab Erbarmen mit uns und hilf uns!« – »Wenn es dir möglich ist, sagst du?«, entgegnete Jesus. »Für den, der glaubt, ist alles möglich.« Da rief der Vater des Jungen: »Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!«
Als Jesus sah, dass immer mehr Leute zusammenliefen, trat er dem bösen Geist mit Macht entgegen. »Du stummer und tauber Geist«, sagte er, »ich befehle dir: Verlass diesen Jungen sofort und geh nicht wieder in ihn hinein!« Da schrie der Geist auf, riss den Jungen heftig hin und her und verließ ihn. Der Junge blieb regungslos liegen, sodass die meisten dachten, er sei tot. Doch Jesus ergriff ihn bei der Hand, um ihn aufzurichten. Da stand der Junge auf.

Manchmal wünschte ich, ich wäre mächtig.
Ich wünschte, ich könnte dem Mann in Las Vegas sein Gewehr aus der Hand schlagen, bevor er Menschen erschießt.
Ich wünschte, ich könnte dem Kriegstreibergeschwätz von Kim und Trump Einhalt gebieten.
Ich wünschte, ich könnte denen die Augen öffnen, die Hass auf Fremde und Andersgläubige schüren und die meinen, ihnen gehöre unser Land.
Ich wünschte, ich könnte die Macht der Krankheit brechen, die einer Freundin das Leben so schwer macht.

„Für den, der glaubt, ist alles möglich.“
Für wen ist alles möglich? Doch nur für Gott! Nur Gott kann alles möglich machen. 
Gott ist gütig, liebevoll, beschützend – so habt Ihr Konfirmanden am Mittwoch gesagt. Gott will das Gute. Und Ihr sagtet, Gott ist groß, Gott ist mächtig. So unendlich viel größer und mächtiger als wir.
Für Gott ist alles möglich. Aber für uns? Wenn wir Unheil, Krankheit, Unrecht erleben, wünschten wir uns, wir wären mächtig.

Verzweifelt wünscht der Vater Heilung für sein Kind. Alles hat er schon versucht, vergeblich.  Wir können uns wohl vorstellen, wie es ihm geht. Er kann die Krankheit, die wir Epilepsie nennen, nur als stummen Geist bezeichnen, unheimlich.  Der Sturm im Gehirn lässt das Kind zuckend, mit verzerrtem Gesicht hinstürzen. Und so geschieht es prompt, als er sein Kind zu Jesus bringt. Es sieht so aus, als wäre das Kind tatsächlich von einer bösen Macht beherrscht. Hilflos steht der Vater daneben. Furchtbar, das mit ansehen zu müssen. Die Jünger konnten nichts tun.
So fragt der Vater nun Jesus selbst, zögernd, als ob er schon die nächste Enttäuschung erwartet: „Wenn es dir möglich ist, etwas zu tun, dann hab Erbarmen mit uns und hilf uns! Kannst du uns helfen? Ich weiß es nicht. Ich habe Angst.“
„Wenn es dir möglich ist, sagst du? Für den, der glaubt, ist alles möglich.“
Da ruft der Vater, ja, er schreit Jesus an:  „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“ Er soll glauben für sein Kind und ist absolut überfordert.

Liebe Gemeinde, besonders Ihr Konfirmanden, es ist nicht selbstverständlich, dass wir einen starken und festen Glauben haben. Das wissen gerade die, die oft in den Gottesdienst kommen. Unser Glaube ist oft überfordert. Unsere Zweifel und Ängste, unser Kreisen um uns selbst stehen uns im Weg. Wir haben es immer wieder nötig, dass Gott uns aus unserem Unglauben heraus hilft. Obwohl wir Gott so wenig entsprechen, obwohl wir so wenig vertrauen und glauben, dürfen wir zu ihm kommen, und er ist bei uns.
Martin Luther erklärt: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus glauben oder zu ihm kommen kann, sondern Gott selbst, der Heilige Geist hat mich berufen, erleuchtet und in mir Glauben gewirkt.“
Wer zu sagen wagt „ich glaube“, der muss im gleichen Atemzug sagen, dass er das nur kann, weil er darauf vertraut, dass Gott ihm immer wieder zum Glauben verhilft.

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“
Das scheint ein Widerspruch zu sein. Aber wir machen diese Erfahrung. Es ist ein Widerspruch in uns, eine ungelöste Spannung.
Zum Verzweifeln ist die Not des kranken Kindes, und der Vater fragt sich, ob es überhaupt Hilfe gibt.
Heillos verfahren scheinen uns viele Konflikte in der Welt. Aber da wenden wir uns schnell wieder ab und kümmern uns nicht darum.
Wenn es uns selbst berührt, wenn wir um einen geliebten Menschen bangen oder selbst mit uns nicht fertig werden, können wir sehr gut mit dem Vater fühlen: „Hab Erbarmen mit uns! Hilf doch!   Ich möchte glauben, hilf meinem Unglauben!“ Da ist Gott fern und fremd, ja unheimlich.
Die Beter der Psalmen klagen: „Verbirg dich doch nicht, Gott! Lass mich doch nicht im Stich!“ Solche und noch ganz andere Sätze stehen in der Bibel. Da schreien Menschen ihre Enttäuschung und Verzweiflung heraus, ihre Klage gegen Gott.

Aber Gott bleibt nicht fern und fremd!
Auch Jesus schreit in seiner Not am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Auch er leidet daran, dass Gott fern ist. So, am Kreuz, stellen wir den Sohn Gottes dar. Gott, der mit uns und mit der Welt leidet. Er lässt sich selbst Unrecht und Gewalt zufügen.
An Ostern antwortet Jesus auf Leid und Tod. Er sagt uns: „Mir ist gegeben alle Macht.“ Und „Ich bin bei euch alle Tage.“
Ihn dürfen wir bitten oder sogar schreien:  „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“

Ich möchte noch etwas aus unserem Konfirmandenunterricht am Mittwoch zeigen: „Gott und Mensch“, „Gott und wir“ Wie nahe sind wir Gott? Wie nahe ist Gott uns? Ihr habt Euch aufgestellt wie Menschen, die einen Schritt auf Gott zu machen und denen Gott nah ist.
Der verzweifelt Vater fragt sich wohl: Ist Gott überhaupt da? Oder ist er nicht unendlich fern, unberührt von meinem Leid?
Und wo in diesem Bild ist nun Jesus? Er heilt dieses Kind. Für ihn ist das möglich. Er ist also ganz nah bei Gott. Aber trotzdem ist noch so viel Unheil und Not in der Welt.
Einer von Euch sagte, Jesus ist wie eine Brücke. Ja, genau!
In Jesus ist Gott ganz nah bei uns. Denn wir sind ihm lieb und keines Menschen Leid lässt Gott kalt.

„Für den, der glaubt, ist alles möglich.“
Redet Jesus von sich selbst oder meint er uns? Jesus redet auch von uns. Er verbietet uns zu resignieren vor dem Bösen, vor Unheil, Krankheit oder Unrecht. Auf keinen Fall dürfen wir die Hände in den Schoß legen und sagen „Wir können ja doch nichts machen“.
„Für den, der glaubt, ist alles möglich.“ Ich meine, das heißt für uns:
Bete und hoffe so, als ob allein Gott helfen kann!
Und handle so, als ob es allein auf dich ankommt!
Unser Wunsch erfüllt sich nicht immer. Dann gibt es keine Heilung, keine Hilfe, Einsicht oder Frieden. Es kann aber auch sein, dass Gott durch uns Heilung oder Einsicht, Frieden oder Recht schafft, dass Gott, sogar durch uns, seine Macht erweist.

Der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Kranke sind anders , Predigt über Mk 1,40-45

Predigt am 17.9.17 von Andreas Hansen über Mk1,40-45

„Du musst zum Arzt gehen.“ „Ach was. Ist schon nichts.“ Aber sie weiß selbst, dass er Recht hat. Seit Monaten ist sie matt und empfindlich. Jeden Infekt, der rumgeht, nimmt sie mit. Abgenommen hat sie auch. Aber sie will es nicht wahrhaben.    Sie will nicht krank sein. „Ist schon nichts.“ Schließlich lässt sie sich überreden und geht doch. Was der Arzt herausfindet, ist ein Schock: Krebs. Später wird sie ihr Leben in die Zeit vor und nach diesem Tag einteilen. Seit sie es weiß, ist ihr Leben anders. Alles hat sich verschoben. Die Krankheit bestimmt ihren Alltag. Sie hat immer die nächste Behandlung vor Augen. Die Nebenwirkungen machen ihr zu schaffen. Was die Kollegin vom Büro erzählt, interessiert sie nicht. Umgekehrt mag sie nicht von sich reden – wer versteht schon, der nicht selbst betroffen ist?

Kranke sind anders. Zwischen den Gesunden und den Kranken ist manchmal fast eine Art Mauer aus Angst, Unverständnis, Enttäuschung, Schmerz, Verbitterung – das macht uns einander fremd.
Manche reden nur über ihre Krankheit. Andere verschließen sich, wollen niemandem etwas sagen, schämen sich sogar.
Seelische Krankheiten, Depressionen, Angstzustände verunsichern uns besonders.
Manche Krankheit wird lange verschwiegen.
Mancher Gesunde hat Angst vor den Kranken und scheut sich, jemand im Heim oder im Krankenhaus zu besuchen.
Kranke misstrauen zuweilen dem Mitleid der anderen. Das Unverständnis der Gesunden verletzt sie ebenso wie billiger Trost.
Auch uns selbst werden wir als Kranke fremd.  Wir verstehen nicht, warum es uns getroffen hat.  „Womit hab ich das verdient?“ Und die Angst: „Was wird aus mir?“ Angst vor Schmerzen, vor Schwäche, vor der Ungewissheit, vor dem Sterben.

Von der Mauer zwischen Kranken und Gesunden handelt unser Predigttext und vor allem von der Überwindung dieser Mauer.   Mk 1,40-45

Und es kommt ein Aussätziger zu Jesus, fällt auf die Knie, bittet ihn und sagt: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Und Jesus fühlt Mitleid, streckt seine Hand aus und berührt ihn, und er sagt zu ihm: Ich will es, sei rein! Und sogleich weicht der Aussatz von ihm, und er wird rein.
Und Jesus ermahnt ihn eindringlich und schickt ihn auf der Stelle weg und sagt zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester, und bring für deine Reinigung dar, was Mose angeordnet hat – das soll ihnen ein Beweis sein.
Der geht weg und fängt an, es überall kundzutun und die Sache bekannt zu machen, so dass Jesus sich kaum mehr in einer Stadt sehen lassen kann, sondern draußen an abgelegenen Orten bleibt.   Und sie kommen zu ihm von überall her.

„Aussätzig, unrein“ rufen sie und machen Lärm mit ihren Klappern. Entsetzt laufen die Leute davon. Die Aussätzigen leben außerhalb des Dorfes, fernab von ihren Familien und allen Gesunden. Sie sind unrein, ausgeschlossen von allen Kontakten, auch vom Gottesdienst. Wer sie berührt, wird ebenfalls unrein. Darum kommt niemand zu ihnen. Es ist als hätten sie alle schon vergessen, als wären sie schon tot – man stellt ihnen in sicherem Abstand etwas zu essen hin. Auf keinen Fall dürfen sie sich den Gesunden nähern.
Was ist schlimmer: die Krankheit oder die völlige Isolation, die Mauer, hinter der sie bleiben?

Aber wie sonst soll man sich vor der Gefahr schützen? Die Angst ist verständlich. Ganze Dörfer und Landstriche wurden im Mittelalter durch Seuchen entvölkert. Bis 1958 gab es zum Beispiel vor Kreta eine kleine Insel, auf der die Lepra-Kranken isoliert wurden. Vor zwei Jahren hatte die ganze Welt Angst vor einer Ebola-Epidemie. Viele Opfer der Krankheit blieben  hilflos und allein.

Nun geht der Aussätzige auf Jesus zu. Er findet sich nicht einfach mit seiner Krankheit ab. Er bringt Jesus in Gefahr. Ungeheuerlich! Er kniet vor ihm und sagt: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Dieser Kranke ignoriert die Mauer und sagt etwas Großartiges zu Jesus: „Du kannst tun, was nur Gott kann. Du kannst mich rein machen, wenn du willst. Dein Wille soll geschehen.“
Großartig ist sein Vertrauen in Jesus, in Gott. Er gibt sich in seine Hand. Niemand sonst kann ihm helfen.
Jesus geht das Leid an die Nieren. Er hat Mitleid. Aber er beklagt nicht den Kranken, „ach du Armer“. Jesus streckt die Hand aus und berührt ihn: „Ich will es. Sei rein!“
Auch Jesus akzeptiert die Mauer nicht. Er setzt sich hinweg über das Tabu der Unberührbarkeit. Und er spricht und handelt wie der Herr über das Leben, der Schöpfer, der uns Leben und Gesundheit schenkt. „Sei rein! Und er wird rein.“

Jesus will noch nicht, dass alle ihn erkennen. Er will auch nicht als Wunderdoktor gelten. Darum sagt er „Rede nicht davon!“ und schickt er den Geheilten auf den ganz normalen Weg zum Priester, dass der die Reinheit bestätigt. Aber was Jesus tut, lässt sich nicht verheimlichen.

„Ist das so einfach?“ So fragen wir uns und denken an unsere Kranken, deren Leid uns zu Herzen geht und an uns selbst, wenn wir krank sind. Muss einer nur recht fest vertrauen und zu Jesus sagen: „Mach du mal!“ und dann wird alles gut? So ist es ja nicht! Jesus heilt längst nicht alle Kranken.
Wenn wir selbst oder einer unserer Lieben von Krankheit betroffen sind, wünschen wir uns Heilung und beten darum. Aber soundso oft bleibt unser Wünschen und Beten unerfüllt.
Trotzdem beten wir um Heilung, und das ist gut so.

Gott schenkt uns das Leben. Wir leben nicht aus eigener Kraft. Seine Gabe ist auch die Gesundheit. Wir sind nicht gesund, weil wir uns so schön fit halten und nur das Beste essen. Wir sind nicht gesund durch Ärzte und Medikamente. Natürlich sollen wir unser Möglichstes tun, um gesund zu bleiben oder zu werden. Aber im Grund ist jede Heilung und jedes Gesundsein Gottes Geschenk. Denn er hat uns ins Leben gerufen und er ist in jedem Atemzug unser Schöpfer, der uns will. In der Kunst der Ärzte und in allem, was wir für unsere Gesundheit tun, ist es immer Gott, der uns dazu die Kraft gibt. Der Aussätzige bekennt sich zu Gott, seinem Schöpfer. Er erkennt ihn in Jesus: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“
Gott hört unsere Gebete, auch unsere Klage in Schmerz und Angst. Er ist ganz auf unserer Seite. Und doch ist unser Leben begrenzt. Irgendwann kommt jede und jeder von uns an die Grenze.
Wir sind immer nur relativ gesund, nicht für immer vor Krankheit gefeit.
Und auch im Sterben vertrauen wir uns dem an, der das Leben geschenkt hat und der in Jesus unseren Tod durchleidet und überwindet.

Wir wollen uns Krankheit und Kranke vom Hals halten. Wir grenzen Kranke aus – das geschieht noch immer, obwohl wir in manchen Bereichen viel sensibler geworden sind. Kranke sind immer noch anders. Zwischen ihnen und den Gesunden ist noch immer viel Fremdheit, Unverständnis, manchmal eine Mauer.
Jesus aber akzeptiert die Mauer nicht. Er braucht keinen Sicherheitsabstand. Er berührt den Unberührbaren.
So ist Gott uns zugewandt und nah.
So dürfen wir unsere Ängste und Vorbehalte vor den Kranken überwinden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Predigt über Jes 29,17-24

Predigt am 3.9.17 von Andreas Hansen über Jes 29,17-24

Jesaja  29,17-24 (Zürcher Übersetzung)

Nicht wahr? Nur noch eine kleine Weile, dann verwandelt sich der Libanon in einen Baumgarten, und der Karmel wird dem Wald gleich geachtet.
Und die taub sind, werden an jenem Tag die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. Und die Armen werden sich wieder freuen über den HERRN, und die Ärmsten der Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels.
Denn es ist aus mit dem Tyrannen, und der Schwätzer ist am Ende, und ausgerottet werden alle, die auf Unheil aus sind, die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verleiten und dem, der sie im Tor zurechtweist, eine Falle stellen und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen.
Darum, so spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Nun wird Jakob nicht mehr zuschanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr erbleichen.  Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen heilig halten, und man wird den Heiligen Jakobs heilig halten, und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten. Und die irren Geistes sind, werden erkennen, was Erkenntnis ist, und die Nörgler werden lernen, was Einsicht ist.

„Nicht wahr? Nur noch eine kleine Weile, ein winziges Wenig …“
Wer spricht da? Jesaja, ein Prophet. Im Namen Gottes spricht er. Gott selbst spricht.
Wer spricht da? Der Heilige Israels,  der HERR, der Abraham erlöst hat,  der Heilige Jakobs, der Gott Israels.
Von Erlösung spricht er. – Erlösung?

Wir sehen die Bilder der schlimmen Flut in Texas und zugleich in Bangladesch, Indien und Nepal. Menschen haben alles verloren. Schreckliche, Stunden haben sie hinter sich. Sie retten sich auf Häuser und Bäume und warten, bis sie erlöst werden.
Oder Erlösung aus größter Not für Flüchtlinge, die in überladenen Booten auf dem Mittelmeer treiben.
Dem erlösten Patienten fällt ein Stein vom Herzen, wenn die gefürchtete Diagnose ohne Befund ist.
Erlösung, wenn mir ein kluger, erfahrener Anwalt zur Seite steht. Die mich anklagen, lügen. Sie drehen mir das Wort im Munde herum. Aber der Anwalt bleibt ruhig und verhilft mir zu meinem Recht.
Erlösung für einen Sterbenden, dass er nicht Schmerz und Angst leidet, sondern ruhig gehen darf.
Erlösung: Befreiung aus Gefahr, Sicherheit, wenn alles ins Wanken gerät, Hilfe in Schmerz, Ruhe in kopfloser Angst.
„Ist es nicht nur noch ein winziges Wenig?“, denn da ist der HERR, der Abraham erlöst hat.
Die Welt steht Kopf, aber gewiss wird Er erlösen  und das Verkehrte zurecht bringen.

Wir finden uns schnell mit Missständen ab. Gott ist dazu nicht bereit. Er widerspricht der Resignation.
Der Libanon verwandelt sich in einen Baumgarten. Umweltfrevel gibt es schon in der Antike: Die Berge des Libanon waren einst bewaldet. Alles Holz wurde rücksichtslos verbraucht, bis nur noch verkarstete, wüstengleiche Flächen blieben. So kann es nicht bleiben. Gott hat fruchtbares Land geschaffen – so muss es sein.
Die taub sind, werden die Worte des Buchs hören, denn wir brauchen Gottes Wort zum Leben.
Befreit von Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. Finster war es, bevor der Schöpfer sprach: Es werde Licht. Nun darf es nicht finster bleiben.
Die Armen werden sich wieder freuen über den HERRN, und die Ärmsten der Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels. Sie werden erlöst aus ihrer Not und sie werden jubeln und sich freuen über ihren Erlöser.
Ist das alles nur ein Traum, eine Flucht aus der Wirklichkeit? Im Gegenteil: Jesaja nimmt die Zustände in der Welt sehr ernst. Er sieht das Unrecht, die Unterdrückung, Gewalt, Korruption.   Die Welt steht Kopf. Unrecht und Gewalt setzen sich durch. Mächtige halten sich für unangreifbar.
Aber Gott findet sich nicht damit ab. Nur noch eine kleine Weile, dann ist es aus mit dem Tyrannen, und der Schwätzer ist am Ende. Wie gut klingt das für die, die unter Tyrannen leiden!
Ausgerottet werden alle, die auf Unheil aus sind, die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verleiten und dem, der sie im Tor zurechtweist,  eine Falle stellen und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen. Gott bringt die verkehrte Welt zurecht. Lüge und willkürliche Rechtsprechung finden ein Ende. Wie gut ist das für die, die verfolgt und ohne Grund eingesperrt werden.
Noch einmal: Das ist ja alles schön und recht, traumhaft schön und wunderbar gerecht. Das wünschen wir uns, und uns fallen auch gleich eine ganze Reihe von Unrechtsstaaten ein und Unrecht auch bei uns. Vieles, was in der Welt geschieht, ist verkehrt, unerträglich und zutiefst böse. Aber was soll man machen? So ist die Welt eben.

Woher nimmt ein Jesaja die Gewissheit, dass die Welt sich ändern könnte, dass sie sich schon ganz bald wandeln wird?
Jesaja antwortet: „Gott selbst spricht, der HERR, der Abraham erlöst hat. Der Heilige Israels will, dass die Tauben hören und die Blinden sehen und alle sich über ihn freuen. Der Gott Israels will sein Volk erlösen und die geplagte Schöpfung erlösen. Er will Frieden und Gerechtigkeit für die Welt, die er erschaffen hat.“
Jesaja sagt: „Meine Gewissheit kommt von Gott. Gott ist heilig. Er hat uns und alles erschaffen. Er hat sein Volk befreit, erlöst. Was Er will, geschieht. Er ist weit höher als wir und unser Verstehen.
Sollte ich etwa denen glauben, die die Welt zum Bösen verkehren? Sollte ich nicht ihm glauben, der die Welt geschaffen hat und zurechtbringen will?
Wer könnte mir mehr Gewissheit geben, als Er?“

Die Selbstgewissheit der Mächtigen ist verkehrt. Die Resignation vor dem Unrecht ist falsch. Gott stellt seinen Willen entgegen.
Die beiden Verse vor unserem Textabschnitt lauten: „Wehe denen, die ihren Plan in der Tiefe verbergen vor dem HERRN und ihre Taten an finsterer Stätte verüben und sagen: Wer sieht uns, und wer weiß von uns? Eure Verkehrtheit! Soll denn der Töpfer geachtet werden wie der Ton, dass das Werk von dem, der es gemacht hat, sagen könnte: Er hat mich nicht gemacht!“
Gott lässt nicht zu, dass die Welt Kopf steht, dass wir Menschen uns selbst an seine Stelle setzen.
Nun wird Jakob nicht mehr zuschanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr erbleichen. 
Gott hat sich an Jakob, an Israel gebunden. Ausgerechnet dieses kleine Volk, ein Spielball zwischen den Großmächten, hat Gott auserwählt. Immer wieder wird das Land Israel und das Volk der Juden in seiner Geschichte besetzt, unterdrückt, ausgeraubt, immer wieder bis zum Mord an sechs Millionen Juden durch uns Deutsche. Lange Zeit haben wir Christen geglaubt, Israel sei nicht mehr Gottes Volk, sondern wir. Heute bekennen wir, dass wir auf diese Weise zum Hass gegen Gottes Volk beigetragen haben. Aber Gottes Wille für sein Volk steht fest: Jakob wird nicht mehr zuschanden werden. Man wird meinen Namen heilig halten, und man wird den Heiligen Jakobs heilig halten,  und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten.
„Geheiligt werde dein Name“ – so lehrt Jesus uns zu beten. Und der Katechismus erklärt, das geschieht, wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes danach leben. Wir heiligen Gott, indem wir auf sein Wort hören und ihm folgen.
„Heilig, heilig, heilig ist der Herr“ – so loben wir Gott vor dem Abendmahl, denn der Heilige Israels ist uns nah, wenn wir Gemeinschaft mit Jesus feiern. Da singen wir mit Worten aus dem Buch Jesaja.
„Heilig, heilig, heilig ist der Herr“ – so hört Jesaja Gottes Engel singen, als Gott ihn zum Propheten macht.
Gott ist heilig. Er wird das Verkehrte umwenden und seine Welt zurechtbringen.
Gemeinsam mit den Juden loben wir Gott, den Heiligen Israels. Wir Christen loben ihn als den Vater Jesu Christi.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus. Amen

Wie stehst du vor Gott? Predigt über Lk 18,9-14

Predigt am 27.8.17 von Andreas Hansen über Lk 18,9-14

Er nannte sich Imam, Abdelbaki Es Satty, der Kopf der Terrorgruppe in Spanien. Er ist wohl bei einer Explosion in Alcanar ums Leben gekommen.
Ein Imam ist ein Lehrer des Glaubens im Islam. Er leitet das Gebet an und steht der Gemeinde vor.
Der vorbestrafte Drogendealer Es Satty hatte sich vergeblich um eine Stelle als Imam in Belgien beworben, aber für die jungen Männer in Spanien war er der Imam, ihr Glaubenslehrer.
Woran glauben diese Leute? Was ist das für ein Gott, der sie zu Unmenschlichkeit, Hass und Gewalt führt? Mit dem Islam hat das nichts zu tun.   Es ist entsetzlich, wie Menschen Religion verbiegen und Glauben missbrauchen. Gott wird zum Werkzeug für Fanatismus und Selbstgerechtigkeit.

Woran glaubst du?
An sich selbst glauben die Autokraten dieser Welt. Ihre Anbetung der Macht ist grenzenlos. Sie sind süchtig nach Ruhm und beuten ihre Völker aus.   Es ist kaum fassen, dass Menschen vom Schlage eines Erdogan oder schlimmer so viele begeisterte Anhänger haben. Die sehen den eigenen Vorteil und schließen die Augen vor Unrecht, Lügen und selbstgerechter Propaganda.

Woran glaubst du? Wofür setzt du dich mit Herzblut ein?
Wir befragen diejenigen, die sich zur Wahl stellen, die unser Land regieren wollen. Was wird umgesetzt von dem, was in den Programmen steht?  Wir sehen den enormen Druck, unter dem Politiker stehen. Es ist oft sehr schwierig Entschei-dungen durchzusetzen und möglichst vielen gerecht zu werden. Viele Politiker verdienen hohe Achtung für ihr Engagement. Wir sehen aber auch vieles, was uns abstößt an Unehrlichkeit, Machtgier und Verantwortungslosigkeit.

Jesus fragt: Woran glaubst du? Wie stehst du vor Gott? Jesus erzählt von zwei Menschen im Tempel.
Ich lese Lukas 18,9-14:
Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Welcher von den beiden wären Sie gerne? Natürlich der, der gerechtfertigt nach Haus geht. Wir wollen doch mit unserem Gott im Reinen sein. Dafür sind wir gerne auch demütig, denn wir wollen ja erhöht werden. Also Zöllner?
Andrerseits, mal ehrlich, wir sind doch die meiste Zeit überzeugt, dass wir gerecht und vielleicht sogar fromm sind, zumindest verglichen mit vielen anderen. Aber so ekelhaft von uns selbst überzeugt wie der von Jesus geschilderte Pharisäer sind wir dann doch nicht.
Welcher von beiden passt zu uns?
Was Jesus erzählt, ist für seine ersten Hörer überraschend und richtig ärgerlich.
Zöllner werden verachtet und gemieden, denn sie ziehen für die verhasste Besatzungsmacht Geld ein und begehen dabei Unrecht und Betrug.
Pharisäer dagegen sind hoch geachtet. Sie bemühen sich ehrlich um ein Leben nach Gottes Gebot. Sie warnen übrigens ausdrücklich vor Selbstgerechtigkeit. Ein Zehntel der Einnahmen für die Armen? – alle Achtung – damit könnten wir viele Probleme lösen.
Aber bei Jesus kommt aber der Zöllner gut weg und der fromme, gerechte Pharisäer wird zum Sprichwort für Heuchelei. Jesus will seine Hörer überraschen.
Denn eigentlich fragt er sie und er fragt uns mit seiner Geschichte: „Woran glaubst du? Wie stehst du vor Gott? Was ist in Wahrheit dein Gott?“
Darauf kommt es an.
Dieser Pharisäer, den Jesus schildert, ist von sich selbst begeistert. Er stellt sich für sich alleine hin und bedenkt sein gutes Leben. Er braucht weder seine Mitmenschen noch Gott. Er ist sich selbst genug. „Woran glaubst du? – An mich. – Was ist dein Gott? – Meine Gerechtigkeit.“
Der Zöllner dagegen weiß, dass er Gott braucht und auf seine Gnade angewiesen ist – so, wie alle Menschen. „Wie stehst du vor Gott? – als Sünder, als Mensch, der sich von Gott abgewandt hat und Gottes Willen oft nicht entspricht – und doch darf ich vor ihn treten und ihm vertrauen.“
Wir sind Gott lieb, obwohl wir ihm widersprechen. Er will unsere Gemeinschaft – darum rechtfertigt Gott uns. Wir dürfen befreit aufatmen vor Gott. Wenn wir ihn suchen, antwortet Gott: „Du bist mir lieb und sollst leben.“
Und dann schenkt Gott uns die Begabung und die Kraft, Gutes zu tun – wie der Pharisäer. Gott will, dass wir stark sind, unsere Gaben entfalten und Gutes tun.

Aber furchtbar schnell rutschen wir ab in die Haltung der Selbstgerechtigkeit, dass wir uns mit anderen vergleichen und für besser halten, dass wir uns abwenden von den Menschen und Gott,   an uns selbst glauben, an den Erfolg, an die Macht, an das, was wir besitzen.

Jesus erzählt seine Geschichte und sagt: „Woran glaubst du? Was ist wirklich dein Gott? Pass auf, dass du dich nicht vergleichst und auf andere herabschaust! Pass auf, dass du dir nicht einen Gott zurechtmachst, der dir in den Kram passt!“

Uns trennen Welten von den hasserfüllten Jüngern des seltsamen Imam. Wir leben Gott sei Dank nicht im Reich eines ungerechten Autokraten. Selbst die Politiker in unserem Land erleben wir meist eher von ferne. Und doch geht uns all das an.
Wir sind betroffen von den Entscheidungen bei uns und bei den Mächtigen der Welt. Wir profitieren von der ungleichen Verteilung der Güter. Die Gewalt kommt uns bedrohlich nahe. Die Not haben wir mit den Flüchtlingen vor der Haustür. Wir sind verstrickt in das Unrecht der Welt. Wir sind Teil der Welt, die Gott zutiefst widerspricht.
Und bitten Gott für uns und für alle: Sei uns gnädig!
Amen

Brot des Lebens, Joh 6,30-35

Predigt am 30.7.17 von Andreas Hansen über Joh 6,30-35

„Das Passa war nahe, das Fest der Juden“ (6,4) Juden feiern das Fest der Befreiung so, als wären sie selbst die Sklaven auf dem Weg in die Freiheit, als zögen sie mit ihren Vorfahren durch die Wüste. Gott rettet jetzt und heute. Was wir heute erleben, ist mit der Geschichte von damals verknüpft.
Kurz vor dem Passa, in der Vorfreude auf das Fest, geschieht die wunderbare Speisung. Was Jesus austeilt, reicht für alle – es bleiben sogar zwölf Körbe voll übrig, ausgerechnet die Zahl der Söhne Jakobs, der Stämme Israels. So eine wunderbare Fülle! Das muss doch der von Gott Gesandte sein! Sie wollen Jesus zum König machen – und er entzieht sich.
Wir sind heute eingeladen zum Fest des Glaubens. Wir erleben mit, was zur Zeit Jesu geschieht. Wir kennen eigene „Wüstenerfahrungen“. Wir haben wie alle Menschen Sehnsucht nach einem heilen guten Leben.
Den Spuren Jesu folgen wir – und sind wie die Leute damals, mal gespannt, mal eher skeptisch.

Unser Predigttext steht im gleichen Kapitel des Johannesevangeliums wie die Lesung, ein paar Verse später: Johannes 6,30-35
Da sagten sie zu ihm: Was für ein Zeichen tust denn du, dass wir sehen und dir glauben können? Unsere Väter haben das Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch, nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist dasjenige, das vom Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt.
Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns dieses Brot allezeit!
Jesus sagte zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

 „Gib mir ein Zeichen, damit ich sehe und glaube!“ Mit ernster Miene erklärt der Arzt seine Diagnose. Er spricht von den nächsten Behandlungsschritten. Aber von Heilung ist keine Rede. „Das kann doch nicht wahr sein! Was wird jetzt?“
Wir sind auf uns selbst geworfen, herausgefordert, in Frage gestellt durch Unglück oder Schmerz oder Angst. Wir wünschen uns ein Zeichen von Gott, ein Zeichen, damit wir Vertrauen fassen können.
Wir fragen, wenn wir die Not in der Welt sehen,   die Millionen von Hungernden in Somalia, Sudan, Äthiopien, die Konflikte, für die keiner einen Ausweg weiß, das Unrecht, das in etlichen Staaten immer größer wird. Unfassbar ist das Leid, schrecklich die Hilflosigkeit und Verzweiflung.  „Zeig uns doch deine Güte, Gott! Hilf uns doch gegen das Böse! Verbirg dich nicht vor uns!“
So klagen die Beter in den Psalmen. „Gib uns ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben können.“
Aber wir bekommen oft kein Zeichen. Gott ist fern.
„Vielleicht ist das das einzige Zeichen, dass Gott uns aushalten lässt und wir irgendwann doch verstehen.“ So sagt Dietrich Bonhoeffer einmal über die Not des angefochtenen Glaubens.
Wir sprechen von bodenloser Angst, weil die Fundamente unseres Lebens ins Wanken geraten, wenn Schmerz und Schrecken und Feindschaft uns treffen. Der Wunsch nach einem Zeichen für den Glauben ist verständlich.

Die Leute haben gerade eben die Speisung der vielen Menschen erlebt – und fordern schon wieder ein Zeichen von Jesus? Einmal satt werden genügt ihnen nicht. Die Lage im besetzten Land Israel ist verzweifelt schlecht. Sie sehnen sich nach Freiheit und wollen wissen: „Bist du wie Mose? Führst du uns ins gelobte Land?“ Jesus soll zeigen, wer er ist.

Liebe Gemeinde, wir wollen Gewissheit; wir wollen uns absichern; belastbare Zusagen, am besten Schwarz auf Weiß. Aber das klappt ja nicht mal, wenn wir ein Auto kaufen – uns wird vorgemacht, was gar nicht stimmt. So ist es und noch viel mehr in allem, was wirklich wichtig ist.
Da hilft nur Vertrauen.
Ein Mensch kann mir sagen, dass er mich liebt, mich beschenken, verwöhnen, aber das alles sind keine Beweise. Ich muss es wagen, ihm zu vertrauen, mich auf eine Beziehung einlassen. Es ist ein wunderbares Geschenk, wenn daraus Liebe wächst.
Ebenso ist es mit dem Glauben: Wir bekommen keine Beweise, nur die Einladung zu vertrauen.
Der Wunsch „gib uns ein Zeichen, damit wir glauben können“, dieser – verständliche – Wunsch  verfehlt doch das Wesen des Glaubens.
Glaube ist eine Beziehung zu Jesus und zu Gott. Was ich glaube, ist nicht beweisbar und es ist doch der tragfähige Boden, auf dem ich stehen kann.

Auf den Wunsch nach einem Zeichen antwortet Jesus: „nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel“ und dann „ich bin das Brot des Lebens“. Jesus bietet sich an, seine Zuwendung, seine Freundschaft. Er lädt ein ihm zu vertrauen. Jesus selbst ist das Zeichen, dass Gott uns liebt und nicht alleine lässt.
Jesus ist eins mit Gott – darum kann er so stark „Ich“ sagen. Gott kommt in die Not der Welt. So sehen wir ihn am Kreuz. Jesus ist das Kind, dessen Hungertod die Welt übersieht. Jesus ist das Opfer von Unrecht und Gewalt. Sein Zeichen ist nicht, dass plötzlich alles gut und heil ist, sondern, dass er in unsere böse und heillose Welt kommt.
Er sagt nicht: Ich gebe Brot, sondern: Ich bin Brot. Er bietet sich an, dass er uns zum Brot wird, uns sättigt und heilt. Jesus schenkt uns sich selbst. Er setzt sein Leben für uns ein. Er trägt unser schuldiges, verletztes, zerbrechliches Leben. Er leidet unsere Angst, unseren Tod.
Jesus, das Brot des Lebens, schenkt uns das Leben. Ich bin das Brot des Lebens.
Brot ist ein alltägliches Nahrungsmittel. Jesus ist nicht die Sahnetorte, die man nur zu bestimmten hohen Festtagen mag, an Weihnachten und Ostern, die man aber nicht jeden Tag vertragen würde. Jesus ist nicht ein Freund, den man nur zu großen Familienfesten einlädt und eigentlich kaum kennt, sondern der Freund um die Ecke, bei dem man jederzeit klingeln kann.
Jesus ist nicht das Feinschmeckermenü, das nur ein Kenner wirklich genießen kann, ein Essen für wenige Eingeweihte.
Jesus ist auch nicht die eiserne Ration, die man nur auspackt, wenn die Not extrem groß ist, weil sie eigentlich nicht schmeckt.
Brot ist Grundnahrungsmittel: Das, wovon man leben kann, Kraft zum Leben, sicher auch in Not, wenn der Mensch den Boden unter den Füßen verliert, aber auch an glücklichen Tagen und eben  jeden Morgen, wenn ich mich frage, wie ich diesen Tag bestehen soll.

Liebe Gemeinde, wir hätten gerne ein Zeichen, damit wir sehen und glauben. Der Apostel Thomas darf seine Hand in die Wunde Jesu legen, damit er es glaubt, dass Jesus lebt. Er bekommt gesagt: „Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.“
Jesus lädt uns ein: „Vertrau mir, nimm meine Freundschaft an! Brot will ich dir sein.“
Einen Beweis gibt er uns nicht. Aber er ist doch bei uns.
Wir sind eingeladen zum Fest des Glaubens. Wir feiern Jesus mitten unter uns, wenn wir in seinem Namen zusammen sind, im Gottesdienst, wenn wir hören, was er sagt, es uns sagen lassen, wenn ihn in Brot und Wein empfangen. Einen Beweis gibt er uns nicht und doch lädt er uns ein und wir feiern ihn in unserer Mitte. Brot des Lebens gibt er uns.
Auch alleine können Glauben einüben, beten, auf sein Wort hören, zu ihm einkehren, wie zu einem Freund. Brot des Lebens wird er uns, täglicher Begleiter. Hören wir auf seine Einladung!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in ihm. Amen

Predigt über Apg 8,26-39

Predigt am 23.7.17 von Andreas Hansen über Apg 8,26-39

Apg 8,26-39

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Der Minister aus Äthiopien wird seine Reise nach Jerusalem nicht vergessen. Einen weiten Weg hat er auf sich genommen um an diesem heiligen Ort zu sein. Sehnsucht nach Gott treibt ihn. Aber er ist in Jerusalem an Mauern und Grenzen gestoßen: Er ist fasziniert von der jüdischen Religion, aber er gehört nicht zum jüdischen Volk. Er bleibt ein Fremder. Als hoher Beamter am Hof der äthiopischen Königin ist er ein Eunuch – darum darf er nicht am Gottesdienst teilnehmen. Er ist ein Schwarzer, von weitem als Fremder zu erkennen.
Nun ist er auf dem Rückweg. Wenig hat er erreicht.   Er sitzt in seinem vornehmen Wagen. Halblaut liest er in der kostbaren Buchrolle, die er sich gekauft hat. Er kann sogar die Sprache der Juden – und versteht doch nichts.
Auf einmal läuft jemand neben seinem Wagen. Gott hat Philippus auf diesen Weg geführt: „Verstehst du, was du da liest?“ „Wie kann ich es verstehen, wenn niemand es mir erklärt?“ Seine Reise hat ihm bisher nur gezeigt: Ich werde zurückgewiesen; ich gehöre nicht dazu. Zwischen mir und den Glaubenden ist und bleibt eine Grenze. „Wie kann ich es verstehen, wenn niemand es mir erklärt?“
Er lädt Philippus ein in den Wagen. Er fragt, er hört und erlebt etwas Wunderbares: Hier bei Jesus finde ich, was ich gesucht habe. Ich will Gott erfahren. Darum kam ich in dies Land und ging zum Tempel. Ich wollte dort Gott anbeten, aber ich blieb ein Außenseiter, ein Fremder. Jetzt weiß ich, dass Gott mir nahe ist und mich liebt, dass er Ja zu mir sagt, so wie ich bin.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Ps 18,30), so singt König David im Rückblick auf sein Leben. Wir sehnen uns danach, Mauern zu überwinden, Mauern, die uns voneinander trennen.
Der Mann aus Äthiopien erlebt, wie enge religiöse Vorstellungen und Vorurteile ihn ausgrenzen. Mauern zwischen Menschen sind oft auch Zeichen von Gewalt und Unrecht.
Mit Sorge sehen wir Politiker, die Mauern errichten, die sich von Kritikern verfolgt sehen, die Misstrauen schüren. Der türkische Staatspräsident Erdogan zieht Mauern um sein Land und erklärt zum Terroristen, wer ihm nicht passt. Die polnische Regierung rückt immer weiter von demokratischem Recht und von Europa ab. Reflexhaft beginnen wir selbst uns abzugrenzen und wollen mit „denen“ nichts mehr zu tun haben. Zu bewundern sind alle, die Mauern wieder durchlässig machen.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Nach langer Zeit können die Opfer von Missbrauch und Gewalt über das reden, was ihnen angetan wurde. Sie haben in sich verschlossen, was sie verletzt hat und immer noch Angst macht. Aber jetzt reden sie.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ – fröhlich singt David davon, dass Gott ihm geholfen hat, dass er sich nicht hat einschüchtern lassen und sein Ziel erreicht hat. Das Leben wird oft erst im Blick zurück verstanden. Da erkennen wir, wie Gott bei uns war und uns über die Mauer geholfen hat.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ – denn Gott kommt zu uns in Jesus. Er wird einer von uns. Viele Künstler haben das ausgedrückt und Jesus als einen der Ihren gemalt: ein schwarzer Jesus, schwarz wie der Mann aus Äthiopien, ein asiatischer Jesus, ein europäischer Jesus, Jesus in vielen Zeitaltern. Gott wird einer von uns, uns gleich, damit wir zu ihm finden, die Mauer überwinden, die man auch Sünde nennt.

Philippus und der Äthiopier sind nicht allein. Als sie miteinander in der Bibel lesen und darüber sprechen, ist Jesus bei ihnen. Ihnen gehen die Augen und das Herz auf.  Sie spüren, wie nahe Gott ihnen beiden ist. Und sie erleben, wie durch Jesus die Mauern und Grenzen unwichtig werden.
Auf einmal ist an der Wüstenstraße Wasser. Der Äthiopier fragt: „Was spricht dagegen, dass ich getauft werde? Darf ich einfach so zu Jesus gehören?“
Spätere Überlieferer haben eine Tauffrage und ein Bekenntnis in den Text eingefügt: Philippus sagt: „Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen.“ Der Äthiopier antwortet: „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist.“ Da ist der Glaube Bedingung für die Taufe. Im ursprünglichen Text steht das nicht. Sicher gehört unser Glaube, unser Bekenntnis zur Taufe dazu. Wir fragen einen erwachsenen Täufling und auch ein Kind, das es versteht: Willst du getauft werden? Aber unser Glaube ist nicht die Voraussetzung oder der Grund der Taufe. Der Grund ist allein bei Gott. Er schenkt uns seine Liebe. Er kann sie nur schenken. Wir haben keinen Anspruch darauf.
Und wir überwinden nicht aus eigener Kraft, was uns von Gott trennt, die Mauern unserer Selbstsucht, unserer Schwäche, unseres Unglaubens. Gott hilft uns auf die Sprünge. Gott will, dass uns nichts von ihm trennt. Jesus bricht Zäune ab, reißt Mauern ein, weil Gott uns liebt.

Der Äthiopier lässt den Wagen anhalten. Beide steigen ins Wasser. Philippus tauft ihn. So einfach und schnell geht das, was wir Menschen da tun. Aber großartig und wunderbar ist, was Gott uns in der Taufe schenkt: Keine Macht der Welt kann uns trennen von seiner Liebe. Fröhlich zieht der Äthiopier weiter. Er ist glücklich über seine Taufe. Was er suchte, hat er gefunden. Er hat einen Schatz, eine Freude, die ihm niemand nehmen kann.

Gestern haben sich 22 Jugendliche getroffen. Sie wollen im nächsten Jahr konfirmiert werden und so ihre Taufe bestätigen.  – Auch 6 Konfirmierte vom letzten Jahr waren dabei. – Wir möchten mit ihnen in der Bibel lesen, über uns selbst und unseren Glauben an Jesus Christus reden, beten, feiern und vieles mehr. Wir tun das mit großem Aufwand, damit unsere Jugendlichen sich, wie der Äthiopier, über ihre Taufe freuen. Sie sollen erfahren: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Gott ist bei mir alle Tage. Zwischen Gott und mir ist nichts, was uns trennen kann. Fröhlich, voll Freude über Gott, sollen sie ihren Weg finden und gehen.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Der fremde Äthiopier erfährt Gottes Liebe. Sie überwindet alle Mauern. Gott wird auch das zusammenführen, was heute zerrissen und durch Mauern getrennt ist. Er wird die aufrichten, die geschlagen sind, und heilen, die verletzt sind. Nichts kann uns trennen von seiner Liebe. Sie gilt allen Menschen.

Der Friede Gottes, höher als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen