Archiv der Kategorie: Predigten

Wo ist Gott? Predigt zum Himmelfahrtstag über 1.Könige 8,22-24+26-30

Predigt am 25.5.17 von Andreas Hansen über 1.Kö 8,22-24+26-30

„Christi Himmelfahrt“ – heißt das, Jesus ist wie mit einem Aufzug nach oben verschwunden, in den Himmel gebeamt wie in der Serie Raumschiff Enterprise? Bestimmt nicht. Wo ist das überhaupt, der Himmel?
Den Himmel erreichen wir mit unseren Vorstellungen niemals. Der Himmel ist wie Gott. Ja, eigentlich ist der Himmel zu groß für unser Denken, und doch reden wir davon. Wir beten zum Beispiel „Vater unser im Himmel“. Wir bekennen „am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes“. Wir antworten einem Kind auf die Frage nach einem Verstorbenen „ er ist jetzt im Himmel“.
Der Himmel ist bei Gott. Nur weil unser Denken zu klein ist, stellen wir uns einen Ort vor. 
Der Himmel kann auch bei uns sein, in unserem Herzen, so wie Jesus bei und in uns ist.
Jesus ist im Himmel. Jesus ist seinen Jüngern entzogen und ist doch da, erfahrbar nahe.
Sie feiern sein Leben am Tag der Auferstehung und im Abendmahl. Sie beten zu ihm und verstehen sein Wort.
Jesus ist im Himmel. Der „Himmel“ hat ein Gesicht bekommen. Gott hat uns in Jesus den Himmel gezeigt. Wir beten zu dem Vater im Himmel, der in dem Mann aus Nazareth unter uns war.
Ich mag dieses Fest, Christi Himmelfahrt. Schade, dass es so wenig wahrgenommen wird. Wir feiern, dass Gott uns in Jesus nahe ist. Wir dürfen ein ganz klein wenig vom Himmel sehen. Das ist geheimnisvoll und schön. Christi Himmelfahrt heißt: Der Himmel ist offen für uns. Gott ist da für uns. Wie schön!

Schon immer haben Menschen gefragt: Wo ist Gott? Wie und wo können wir zu ihm beten? Wie erreichen wir Gott? Auch in früheren Zeiten waren die Menschen ja nicht einfältig. Schon immer haben sie ihre eigene Vorstellung von Gott kritisch gesehen.
Hören wir den heutigen Predigttext aus dem 1.Buch der Könige. Der große König Salomo hat ein Haus für Gott gebaut, den Tempel. Jetzt betet er am Tag der Einweihung.   1.Könige 8,22-24.26-30

Und vor der ganzen Gemeinde Israels trat Salomo an den Altar des HERRN, breitete seine Hände zum Himmel aus und sprach: HERR, Gott Israels! Kein Gott ist dir gleich, nicht oben im Himmel und nicht unten auf der Erde. Den Bund und die Treue bewahrst du deinen Dienern, die mit ganzem Herzen vor dir gehen, der du deinem Diener David, meinem Vater, gehalten hast, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es zugesagt, und durch deine Hand hast du es erfüllt, wie am heutigen Tag. Und nun, Gott Israels, lass doch dein Wort wahr werden, das du zu deinem Diener David, meinem Vater, gesprochen hast. 
Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe! Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet, damit in der Nacht und bei Tag deine Augen offen sind über diesem Haus, über der Stätte, von der du gesagt hast: Dort soll mein Name sein. Und erhöre das Gebet, mit dem dein Diener zu dieser Stätte hin betet. Und erhöre das Flehen deines Dieners und deines Volkes Israel, mit dem sie zu dieser Stätte hin beten; erhöre es an der Stätte, wo du wohnst, im Himmel, erhöre es und vergib.

Mitten in seinem Gebet stellt Salomo die Frage: Wo ist Gott? „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Salomo erschrickt. Er sieht plötzlich, wie fragwürdig sein eigenes Tun ist. Er ahnt: Jeder menschliche Versuch Gott zu entsprechen ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Kein Haus, kein Kunstwerk, kein menschlicher Gedanke erreicht die Größe Gottes. Alles, was wir beschreiben, verstehen oder tun, ist zu klein für Gott. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen oder im Tempel Salomos oder an einem anderen von Menschen gestalteten Ort? Ehrfürchtig stellt Salomo die Frage.
Der große König erkennt, dass er ganz klein ist.

Wo ist Gott? Im Himmel, weit über unserem Verstehen, und doch in den Ereignissen, Menschen, Worten, Zeichen und Räumen, in denen er bei uns sein will, und doch ganz nah bei uns, ja in uns.
„Aber die größte ist die Liebe.“ – liebevolle Menschen sind dem liebevollen Gott nah. Im Gottesdienst oder mitten in unserem Alltag mag es ein ehrfürchtiges Erstaunen geben:   „Vor dir Gott, darf ich sein, obwohl du so groß bist. Du, Gott bist bei mir, so, wie ich bin.“
Wo ist Gott? Die Frage bedrängt uns, wenn Schreckliches geschieht, wie in Manchester.
Salomo beginnt sein Gebet mit Lob und Dank: „Niemand gleicht dir, Gott. Du bist treu. Du hast erfüllt, was du David versprochen hast.“ Dann unterbricht Salomo sich selbst und denkt nach über Gott, fragt sich, zweifelt wohl auch, ob er Gott je erreichen kann.
Jeder Glaube zu allen Zeiten kennt diese Zweifel: Kann ich Gott erreichen? Mache ich mir etwas vor? Ist Gott nicht jenseits von allem, was ich denke und verstehe? Hört Gott mein Gebet? Ist Gott überhaupt da? Einen Moment lang sieht Salomo die Fragwürdigkeit seines Tuns. Aber er spricht wieder:  „Wende dich aber zum Gebet deines Knechts…“ Er wendet seine Frage in eine Bitte an Gott. Nur Gott selbst, nur sein Heiliger Geist kann unserem Beten und Glauben und Verstehen aufhelfen. Salomo betet um Gottes Nähe: „Sei doch hier in diesem Haus. Hör uns doch, wenn wir hier beten. Schenk uns deine Gnade, dass dies ein Haus für dich wird.“

Was hier nur eine kurze Unterbrechung ist, das ist in unserem Leben eine dauernde Spannung. Wo ist Gott? Er fehlt uns und wir verstehen ihn nicht. Wir wenden zuweilen die Frage gegen ihn. Wo ist Gott in allem Bösen, das Menschen anrichten, in allem Leid, das sie trifft, in unverschuldetem Unglück und in tiefer Schuld? Wir wenden die Frage gegen ihn, als müsste er sich doch in unser Verstehen pressen lassen oder sich gar vor uns rechtfertigen. Auf einmal erscheinen uns alle heiligen Räume und Worte ganz leer. Wie schrecklich, wenn Gott nicht da ist! Düster und bedrohlich ist der abwesende Gott. In seiner kurzen Unterbrechung deutet Salomo an, wie sehr uns Gott fehlen kann, wie sehr wir auf ihn angewiesen sind. Dann bittet er ehrfürchtig: „Wende dich mir zu! Wende dich zu meinem Gebet.“

Gott, Du bist hier.
Wir dürfen Dich erreichen, geheimnisvoller, großer Gott.
Du öffnest Dich für uns.
Du zeigst Dich uns in Jesus Christus.
Du schenkst uns Deine Gemeinschaft. Der Himmel ist offen.
Manchmal fragen wir verzweifelt, wenn wir die Welt und uns selbst und dich nicht verstehen.
Gib uns Deinen Heiligen Geist!
Schenk uns Orte und Zeiten, zu Dir zu kommen, Dich zu erreichen! Sei uns nah!
Wir preisen Dich.
Amen

Predigt über Epheser 4,1-6 – ökumenischer Gottesdienst

Predigt am 20.5.17 von Andreas Hansen über Eph 4,1-6

Ökumenischer Gottesdienst mit einem Workshopchor unter der Leitung von Gregor Linßen

Als Gefangener im Herrn bitte ich euch nun: Führt euer Leben, wie es der Berufung, die an euch ergangen ist, angemessen ist, in aller Demut und Sanftmut und in Geduld. Ertragt einander in Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
Ein Leib und ein Geist ist es doch, weil ihr ja auch berufen wurdet zu einer Hoffnung, der Hoffnung, die ihr eurer Berufung verdankt: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Paulus schreibt von einer starken Gemeinschaft.
Die Gemeinschaft ist lebenswichtig.
Die Gemeinschaft ist bedroht.
Wir sind weltweit verbunden, eine Welt. Was in Syrien geschieht, hat Folgen für uns. Die Entwicklung in der Türkei betrifft uns direkt. Der Hunger in Afrika kann uns so wenig kalt lassen, wie die Spannungen in Korea. Es ist lebenswichtig, dass wir uns als Gemeinschaft begreifen. Und doch ziehen wir den Kreis oft viel zu eng. Jeder sieht nur auf seine Interessen und setzt sie durch. Viele Risse gehen durch unsere Welt. Die Gemeinschaft ist bedroht.

Ich sehe die Leute mit dem Smartphone am Ohr. Sie laufen durch die Straßen und führen ihre Gespräche. Manchmal nervt mich das. Aber es ist ja gut, dass sie ihr Smartphone haben. Wichtige Gespräche wären sonst nicht möglich. Zum Beispiel „unsere“ Flüchtlinge warten dringend auf Nachrichten von daheim. Ihr Kontakt zu Familie und Freunden ist eine Lebensader. Sie bleiben verbunden, komme, was da wolle.
Ich sehe die Leute mit den Smartphones zum Beispiel am Bahnhof. Fast jeder schaut auf sein Display oder hat ein Gerät am Ohr. Jede und jeder ist für sich, isoliert, manchmal gefährlich abgelenkt.
Das Smartphone ist ein Symbol für beides: Eine Gemeinschaft, die trotz weiter Entfernung funktioniert, ein Gespräch, das nicht abbricht. Andrerseits auch Vereinzelung, gestörte Kommunikation und in Windeseile verbreitete Lügen.

Gemeinschaft ist ein faszinierendes Erlebnis. Ob man als Gruppe miteinander eine schöne Wandertour erlebt oder im Sportverein an einem Turnier teilnimmt. Ob man in Taizé gemeinsam mit Jugendlichen aus vielen Ländern Ostern feiert  oder sich in einem Konzert von der Begeisterung anstecken lässt.
Paulus singt ein Lied aus den ersten Anfängen. Bestimmt hat es die Christen in Ephesus tief berührt und vielleicht konnten sie mitsingen:
„Ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der ist über allen und durch alle und in allen.“
Wie die Europahymne, wie ein Stadiongesang nach dem Sieg klingt die Freude über die Gemeinschaft der Christen. Mitten in der Welt, die so zerrissen ist, feiern wir den Glauben an den Gott Jesu Christi.
Er wird alle und alles zusammenführen.
Er ist der Vater aller.

Unsere Gemeinschaft im Glauben ist so wichtig. Wir brauchen gemeinsame Erlebnisse wie diesen Gottesdienst, damit wir spüren: Wir haben die gleiche Hoffnung, denselben Gott. Die Gemeinschaft des Glaubens gibt uns Kraft. Es macht einfach Mut, das zu erleben.
Glauben ist sicher zutiefst individuell, im Herzen jeder und jedes einzelnen verborgen. Aber Glaube braucht zugleich die anderen, die mit mir glauben, singen, feiern. So stärken wir uns gegenseitig. Gemeinsam können wir viel mehr bewegen. Das Gespräch darf niemals abreißen. Wie die Leute mit dem Smartphone am Ohr brauchen wir einen heißen Draht zueinander.
Liebe katholischen und evangelischen Christen in Kenzingen, wir sind herzlich miteinander verbunden. Zum Glück bilden viele Ehen, Familien und Kreise Brücken zwischen uns. Viele nehmen hier und da an Veranstaltungen teil. Und doch denkt und handelt jede Gemeinde in eigenen Bahnen und Mustern. Wir haben einander noch nicht selbstverständlich mit im Blick.

Paulus singt eine Hymne über das, was uns verbindet. Zugleich ermahnt er, denn natürlich menschelt es in der Gemeinde in Ephesus wie überall: „Ertragt einander in Liebe!“ Wir werden einander manchmal eine Last, die es zu ertragen gilt. Spannungen, verschiedene Meinungen, Konflikte gibt es überall. „Jeder denkt hier nur an sich, nur nicht ich, ich denk an mich.“
Paulus will die Gemeinschaft stärken, die Einheit des Geistes, wie er sagt. Dazu knüpft er ein Band des Friedens. Er knüpft mit drei Fäden. Sie heißen Demut, Sanftmut und Geduld.
Demut ist der Mut vom hohen Ross zu steigen, der Mut, eigene Schwächen zu sehen, Kritik zuzulassen, Fehler einzugestehen. Demut befreit vom Perfektionswahn. Demut ist bereit zu lernen. Wir Christen brauchen kein aufpoliertes, kratzerfreies Selbstbild. Wir dürfen so bedürftig und unvollkommen sein, wie wir sind. Gott erträgt uns und sagt ja zu uns, trotz unserer Macken.
Sanftmut verzichtet auf Gewalt. Sie muss, auch im Streit, andere nicht verletzen und klein machen. Sanftmut ist nicht Schwäche. Es kostet mehr Kraft, nicht loszubrüllen, wenn uns einer ärgert. Es ist oft mutiger nicht loszuschlagen. Wer nicht bereit ist andere zu achten, sollte keine Macht bekommen.
Geduld, eigentlich steht da Großherzigkeit, Großmut. Wir brauchen weite Herzen. Wie gut eine Gemeinschaft ist, erkennt man daran, wie sie mit den Schwachen umgeht. Dazu gehört die Bereitschaft, jedem Menschen eine Chance zu geben.

„In aller Demut und Sanftmut und in Geduld ertragt einander. In Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes.“ Kann man so die Welt zum Besseren verändern? Ich glaube ganz gewiss, dass eine demütige, gewaltfreie, großmütige Gemeinschaft von uns Christen stark ist und viel bewegen kann.
Wir können zum Beispiel deutlich, laut und über Parteigrenzen hinweg sagen, welche Formen von Wahlkampf wir akzeptieren und welche wir verur-teilen. Wir dürfen als Christen laut sein, unserem Herr und unseren Werten etwas zutrauen.

„Meine Hilfe kommt vom Herrn“ – das erste Lied und der Satz aus Psalm 121 geben unserem Gottesdienst den Namen.
„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Wir nennen ihn unseren Vater und wir nennen uns seine Kinder.
Ihm vertrauen wir uns an. In ihm gründet unsere Gemeinschaft.
Sie hat eine große, wunderbare Hoffnung für die Welt: „Ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der ist über allen und durch alle und in allen.“ Amen

Nach der Ansprache folgt das Credo:

Wir sind nicht allein;
Wir leben in Gottes Welt.
Wir glauben an Gott,
der die Welt geschaffen hat
und in ihr wirksam ist,
um zu versöhnen und neu zu machen.
Wir vertrauen auf Gott,
der uns beruft, Kirche zu sein,
andere zu lieben und ihnen zu dienen,
Frieden zu suchen
und Bösem zu widerstehen,
Jesus zu verkünden,
den Gekreuzigten und Auferstandenen,
unseren Richter und unsere Hoffnung.
Im Leben, im Tod und im Leben
nach dem Tod ist Gott mit uns.
Wir sind nicht allein.
Dank sei Gott.

Singt und lacht mit Jesus! Predigt über Mt 21,12-17 am Sonntag Kantate

Predigt am 14.5.17 von Andreas Hansen über Mt 21,12-17

Kantate, „Singt!“, so heißt dieser vierte Sonntag in der Osterzeit. Singt, singt das Lied der Freude über Gott! Du, meine Seele, singe! Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar!
Wir singen über Jesus.
Wir singen auch mit Jesus.
Vorhin hörten wir als Lesung ein Lied Jesu: „Ich preise dich, Vater, du Herr über Himmel und Erde, dass du das alles den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Jesus singt einen Lobgesang darauf, dass Gott sich den Kleinen offenbart. Immer wieder betont Matthäus die besondere Nähe Jesu zu den Kindern. Auf die Frage, wer der Größte im Himmelreich ist, stellt Jesus ein Kleinkind in die Mitte und sagt: So müsst ihr werden.
Singend und spielend vergessen wir uns, gehen wir aus uns heraus und verbergen uns nicht mehr, vertrauen wir uns Gott an und spüren seine Nähe.
Kantate, singt! Wer singt, muss zuerst hören. Wir spitzen die Ohren für das, was es heute zu hören gibt. Wir begleiten Jesus in den Tempel. Unser Predigttext steht in Mt 21,12-17. Gleich nach dem Einzug Jesu in die Stadt mit der jubelnden Menge, die Jesus Sohn Davids nennt und zu König machen will, gleich danach heißt es:

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.
Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen?
Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Der erste Weg in Jerusalem führt Jesus in den Tempel. „Wohl den Menschen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.“ (Ps 84) Der Tempel ist ein Ort, wo Menschen fröhlich werden, ein Ort Gott immerdar zu loben.
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ 
Luther liebte die Musik. Er konnte sich und wir können uns die Gemeinde nur singend vorstellen. Wir singen unseren Glauben.  Noch einmal Luther: „Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen … Solches Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“

Aber als Jesus auf den riesigen, von Säulenhallen umgrenzten Tempelplatz emporsteigt, hört er nicht Psalmgesang, sondern Marktgeschrei, werbende Händler, feilschende Kunden, Münzgeklimper. Tausende von Menschen kommen hierher. Das Geschäft brummt. Die Kasse klingelt. Da sorgt Jesus – ziemlich lautstark – für Ruhe. Er wirft den Münzwechslern und Taubenverkäufern die Tische um – was für ein Krawall! „Ihr macht aus Gottes Bethaus eine Räuberhöhle!“
Es gibt Dinge, die müssen umgeworfen werden, weil sie ganz und gar verkehrt sind. Aus der Räuberhöhle muss ein Sing- und Bethaus werden. Gott darf nicht aus dem Blick geraten. „Wohl den Menschen, die dich, Gott, für ihre Stärke halten, dich und nichts anderes.“ (nach Ps 84) 
Aber Vorsicht! Bevor wir mit dem Finger auf andere zeigen, fragen wir uns selbst: Ist bei uns, in unserem Leben und in unserer Gemeinde wirklich Gott der Herr und die Mitte? Was für Tische hätte Jesus bei uns umzuwerfen? Wo geht es bei uns gottvergessen, selbstgerecht und habgierig zu?

Worauf es Jesus ankommt, hören wir gleich: Der Lärm verstummt. Klage- und Bittgesänge sind zu hören. Sie gehören in den Tempel Gottes. Blinde und Lahme kommen und Jesus heilt sie.
Gottes Tempel ist ein Ort der Barmherzigkeit.
Gott ist in der Mitte, wo Leidende Hilfe finden.
Die Mühseligen und Beladenen ruft Jesus zu sich. Gottes Barmherzigkeit bringt er zu ihnen.
Da hebt ein Geschrei an. „Hosianna dem Sohn Davids!“ Kinder rennen jubelnd durch den Tempel. Sie toben herum und schreien vor Freude über das Wunder. „Blinden sehen. Lahme gehen. Hosianna, Hosianna dem Sohn Davids!“
Die Geheilten stimmen ein in das Jubelgeschrei. Und Jesus lacht. Er freut sich mit ihnen. Er lobt Gottes Barmherzigkeit. Er lacht und singt Halleluja.

„Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen?“
Was empört die Priester so? Ich glaube, sie haben Angst um ihren Tempel. Jesus stört den Betrieb. Vielleicht sind sie neidisch auf den Erfolg Jesu. Vor allem aber versetzt sie in Angst und Schrecken, was die Kinder schreien: „Sohn Davids!“ das ist „König! Messias!“ Das bedeutet Umsturz, Aufstand gegen Rom und darum höchste Gefahr für den Tempel.
Und so verkennen sie vollkommen, was geschieht. Klägliche Theologen sind sie, die ihre ureigene Berufung verraten: Sie sehen das Wunder und loben Gott nicht, sondern ärgern sich stattdessen. Sie wollen, dass alles reibungslos funktioniert. Sie verwalten den Tempel und haben rein gar nicht verstanden, wofür er da ist.
Eine Kirche, die sich selbst genügt, ist überflüssig.
Jesus verweist die Priester auf den Psalm, „Habt ihr das nie gehört?“, und lässt sie stehen und geht.

Kantate, singt! Singt mit Jesus das Lied von der Barmherzigkeit Gottes!
Jesus lacht und singt mit den Menschen, die Heilung erfahren haben und  mit den Kindern.
„ Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir Macht begründet.“ So heißt wörtlich der Vers in Psalm 8, den Jesus nennt.
Intensiv und unverfälscht loben die Kinder Gott. Und gerade durch ihren Gesang begründet Gott seine schützende und überwältigende Macht. Das Rufen und Schreien der Kinder ist ein Lobpreis, der Gott gefällt, ja, den er selbst hervorruft.
Die Mächtigen und Gescheiten verstehen nichts. Darum werden sie Jesus aus dem Weg räumen, um ihre Ordnung im Tempel zu bewahren.
Aber Gottes Macht ist in dem, der ohnmächtig am Kreuz stirbt. Zu ihm sagt Gott ja und ruft ihn aus dem Tod.
Jesus singt und preist Gott, dass die Unmündigen ihn verstehen.
Jesus singt: „Selig sind die Sanftmütigen – sie werden die Erde besitzen.
Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten – sie werden satt werden.
Selig sind  die Barmherzigen – sie werden Erbarmen finden.
Selig sind, die Frieden stiften – sie werden Kinder Gottes heißen.“

Ist das nicht kindlich oder gar kindisch, dass wir in der Welt, so wie sie ist, von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden singen?
Ja, singen wir mit Jesus, wie Kinder, Kinder, die ihrem himmlischen Vater in allem vertrauen.
Amen

Weinstock und Reben, Predigt über Johannes 15,5 am Sonntag des Konfirmationsjubiläums

Predigt am 7.5.17 von Andreas Hansen über Joh 15,5

Jubilate heißt der dritte Sonntag nach Ostern. Jubiläum feiern wir heute. Ein kleines Jubiläum haben meine Frau und ich in diesen Tagen. Im Mai vor fünf Jahren sind wir nach Kenzingen gezogen. Schon so lang sind wir hier. Aber was ist das schon gegen Ihre 50 und 60 Jahre, auf die Sie heute zurücksehen? „Kinder, wie die Zeit vergeht!“
Wir schauen auf unser Leben und staunen über all die Jahre. Wie war ich damals mit 14 und wie bin ich heute? Wir erinnern uns und danken für alles, was uns geglückt ist, was das Leben reich und schön macht.
Wir danken auch dafür, dass wir Schweres und Mühsames überstanden haben. Ganz schön viel passt in 50 oder 60 Jahre – es hat uns Lachfalten und graue Haare gebracht und einen Schatz an Erfahrungen.
Trotzdem bleiben wir uns auch irgendwie gleich. Was uns geprägt hat, was uns ausmacht, kehrt wieder. Die Art, wie wir fühlen und fragen, bleibt. Unsere Mitkonfirmanden haben noch immer den gleichen Charme, die gleichen Eigenheiten.
Sie erinnern sich, danken und staunen. Der Blick geht auch nach vorn bei so einem Jubiläum. Was werden die nächsten Jahre bringen?
An einem Tag wie heute bedenken wir, was war und was ist und was kommt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Und dazu hören wir jetzt auf einen Vers aus dem Evangelium für diesen Sonntag Jubilate. Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Jetzt werden die Weinberge grün. Junge frische Triebe wachsen mit Macht. Nicht einmal der Frost vor zwei Wochen kann sie wirklich aufhalten. Die Reben wachsen und bringen Frucht, wenn auch weniger in diesem Jahr.
Im Winter sind die Weinberge kahl und grau, wie erstorben, aber die Rebstöcke warten nur, bis sie neues Leben hervorbringen.
Ich stelle mir vor, wie Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem wandert, vorbei an den krummen Weinstöcken, die manchmal aussehen wie von Schmerz gewunden, vorbei an den sprießenden Reben, die Frucht verheißen.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wir denken heute an das Kommen und Gehen des Lebens. Jesus spricht vom Bleiben.
Wir bleiben in ihm.
Wir wachsen und leben durch ihn.
Wir bringen Frucht durch ihn.

Liebe Konfirmanden – ich meine Euch, die grünen Konfirmanden, Sie die goldenen und diamantenen und uns alle. Wir alle sind Menschen, die Stärkung, Konfirmation nötig haben. In diesem Sinn werden wir immer wieder zu Konfirmanden. Jesus stärkt und konfirmiert uns. Wie ein Weinstock seinen Reben, so gibt Jesus uns Halt und festen Grund unter den Füßen. Er hält uns fest. Wir sind Konfirmanden. Wir brauchen Halt.
Das spüren wir, wenn wir Kritik und Streit ertragen müssen. Oder wenn jemand gegen uns ist. Oder wenn wir mit uns selbst nicht zufrieden sind. Da geraten wir ins Wanken.
Auch sehen wir die Welt mit ihren Konflikten: So vieles gerät aus den Fugen, so vieles bedroht das Leben – manchmal möchte man fast darüber verzweifeln.
Schlimmer noch, wenn Krankheit und Leid unsere Lieben oder uns selbst trifft, wenn wir Trennung, Abschied, Trauer verkraften müssen. Wir spüren, wie leicht wir aus der Bahn geraten.
Wir meinen: „Eigentlich müsste ich doch glauben. Das würde helfen. Aber kann ich das? Reicht mein Glaube aus?“
Darum sage ich: Wir alle sind Konfirmanden.
Unser Glaube genügt eigentlich nie. Er braucht Stärkung. Jesus konfirmiert uns. Er sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm …“ In Jesus bleiben – das bedeutet an ihn zu glauben. Da hören wir schnell eine Forderung: „Du sollst glauben“. Aber das ist ganz verkehrt. Jesus macht uns eine Zusage: Der Weinstock ist zuerst da und bringt die Reben hervor. Jesus hat sich zuerst für uns entschieden. Seine Liebe kommt uns zuvor. Gott will und begründet eine Beziehung zu uns. Wir sollen antworten, aber das erste Wort hat er gesagt.
Unser Glaube genügt nie, aber seine Treue genügt immer.
Jesus ist für uns der Weinstock, der uns hält, was auch geschieht. Wir dürfen seine Reben sein, seine Konfirmanden sein. So wenig wir selbst unser Leben begründen und rechtfertigen können, so wenig können wir Glauben machen. Wir hören, wie gerne Jesus uns hält und aushält, obwohl wir doch nicht genug glauben. Wir bekommen eine große Freiheit – das ist wunderbar!

Mit 14 haben wir uns gefragt und fragt Ihr Euch: Was wird aus mir? Wie kann mein Leben fruchtbar, sinnvoll und glücklich sein? Mit 50 oder 60 haben wir schon eine Menge über uns erfahren. Bestimmt ist manches, worum wir uns bemüht haben, erfolglos, fruchtlos geblieben. Manchmal haben wir Mist gemacht und wurden auch schuldig.
Das ist dann wie so ein Frosteinbruch im Frühling. Und trotzdem sagt uns Jesus zu, dass wir Frucht bringen. Es gibt Frucht in unserem Leben: Liebe, Momente von Gemeinschaft oder Versöhnung, unser Engagement im Beruf, in der Familie, in anderen Kreisen, glückliche, erfüllte Zeit.
Wir staunen. Wir danken. Viel Gutes ist uns geschenkt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.  Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Das ist fast eine Definition für uns Menschen:
Weinstock und Reben. Gott liebt uns. Er ist für uns da in Jesus. Er begründet eine Beziehung zu uns.
Wir hängen an ihm und bekommen Halt durch ihn.
Gott hängt an uns und will, dass wir bleiben und glauben und Frucht bringen.
Das Bild von Weinstock und Reben ist eine andere Weise zu sagen, was Paulus beschreibt: Durch den Glauben wird der Menschen von Gott gerechtfertigt.

Wir denken heute an das Kommen und Gehen des Lebens, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart, unsere Zukunft. Jesus sagt uns zu: „Ich nehme euch an. Ich halte euch. Ich stärke und konfirmiere euch. Ihr lebt und sollt leben aus meiner Güte. Nichts kann euch trennen von der Liebe Gottes, keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.   Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Amen

Predigt von Annegret Blum im Gottesdienst zur Vernissage der Ausstellung „Ur-Sprünge“ von Isolde Wawrin am 30.4.

Predigt am 30.4.17 von Andreas Hansen über 1.Mose 1,1-4.25-28.31; 2,1-3

Die Predigt von Annegret Blum hat auch das Titelbild der Ausstellung zum Gegenstand

Liebe ökumenische Gemeinde! – Liebe Kunstschaffende und Kunstfreunde!

„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil“, postuliert Goethes Faust. Das Gefühl des Schauderns erschüttert den Menschen, wenn ihm das Ungeheure einer übermächtigen Wirklichkeit widerfährt. Der Mensch ist empfänglich für die Dimension des ganz Anderen, das er in seinem Doppelcharakter erlebt: als das Gefahr-Umwitterte, Schrecken-Einflößende, aber ebenso als das Faszinierende und Staunen-Erregende – beides in einer eigentümlichen Kontrastharmonie. Die Sensibilität für das „Numinose“, wie es der Religionswissenschaftler Rudolf Otto genannt hat, gehört als seelisches Urelement zum Wesen des Menschen. Wir dürfen es deshalb auch bei den sogenannten Cro-Magnon-Menschen in der ausklingenden Phase der letzten Eiszeit voraussetzen, die als Jäger und SammlerInnen in kleinen Horden lebten. Wagen wir einen Zeitsprung von etwa 17000 Jahren zurück in die Vergangenheit.

Die Künstlerin Isolde Wawrin lädt uns zu diesem Unterfangen ein, nimmt sie in ihrem Werk „Ur-Sprünge“ doch Bezug auf ihre Begegnung mit der Bilderwelt von Lascaux, die sie in ihren Bann schlug. Folgen wir ihr in diese weltberühmte Höhle in Südwestfrankreich, die 1940 durch einen glücklichen Zufall entdeckt wurde, aber bereits 1963 wieder geschlossen werden musste, weil das Höhlenklima durch die Besucherströme gestört war. Inzwischen stehen für die Öffentlichkeit erfreulicherweise Repliken zur Verfügung.

Was könnte die späteiszeitlichen Menschen bewogen haben, in dieser nachtdunklen Höhlenwelt Wände und Decken mit einer fulminanten Fülle von Tierdarstellungen auszugestalten? Welche Bedeutung lässt sich für diese in künstlerischer Könnerschaft ausgeführten, lebensnahen, ja lebendig wirkenden Malereien vermuten? In ihrer wachen Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit spürten die Cro-Magnons eine ihre Wirklichkeit durchwaltende und übersteigende Macht, eine numinose Lebenskraft, von der sie sich abhängig fühlten. Solche tiefgreifenden Elementarerlebnisse dürften am Ursprung einer langen religionsgeschichtlichen Entwicklung gestanden haben.

In der Tierwelt, insbesondere in dem imposanten Großwild, war die numinose Macht für die prähistorischen Menschen in besonderer Weise präsent. Überlegenheit, Stärke und Gefahr gingen von den Tieren aus und machten sie zu gefürchteten und verehrten Wesen zugleich. Andererseits bildeten sie die wichtigste Lebensgrundlage der Wildbeutergesellschaft. Möglicherweise wollte man die durch die Tötung der Tiere verletzte Lebensmacht versöhnen und befrieden. So malten die Künstler, unter ihnen vielleicht auch Künstlerinnen, naturnahe Bilder der Tiere an die Höhlenwände, die von stupendem Beobachtungs- und Ausdrucksreichtum zeugen. Auch mithilfe von Jagdmagie und schamanistischen Vorstellungen dürfte man versucht haben, sich mit der geheimnisvollen Macht in Verbindung zu setzen. Übereinstimmung herrscht in der Forschung darüber, dass die Höhle als Kultort verstanden wurde, aufgeladen mit übernatürlicher Kraft. Diesen unterirdischen Bereich betrachtete man wohl als mütterlichen Schoß der Erde, aus dem das Leben der Tiere stets neu hervorgeht. Vielleicht deuteten die Maler selbst ihre schöpferische Tätigkeit als eine kultische Handlung. Die Annahme, dass Kunst und Kult ursprungsverwandt sind und auf einer spirituellen Anlage des Menschen beruhen, legt sich zumindest nahe.

Das visuell und emotional erregende Erlebnis des Besuchs der Bilderhöhle von Lascaux drängte die Künstlerin Isolde Wawrin dazu, ihm Ausdruck zu verleihen. Die Begegnung mit dieser ursprünglichen Kunst von ungeahnter Ausstrahlungskraft, die ebenso unvermittelt wie formvollendet auftritt, inspirierte sie zu ihrem Gemälde „Ur-Sprünge“, mit dem sie Bezug nimmt auf eine Abbildung im axialen Seitengang. Aus dem Höhlendunkel transponiert sie ihre Darstellung in das Licht des Tages. Staunend fühlt sie sich ein in diese fern-nahe, fesselnde Welt. Ihre Bewunderung gilt der frappierenden und faszinierenden Meisterschafft der späteiszeitlichen Künstler. Ihnen war die perspektivische und plastische Darstellungsweise bereits bekannt, sie beherrschten verschiedene Maltechniken und entwickelten einen typischen, expressiven Lokalstil, was Pablo Picasso nach seiner Besichtigung zu der Äußerung veranlasst haben soll: „Wir haben nichts dazugelernt!“

Auf dem Titelbild der Ausstellung setzt ein mächtiges Ur-Rind in einem gewaltigen Sprung mitten durch den Bildraum. In gegenläufiger Richtung ziehen drei anmutige, springlebendige Pferde in unterschiedlicher Gangart vorbei. Den Gegenpol statischer Ruhe bringt das urtümliche Mammut ins Bild, das die Malerin aus der Bilderhöhle von Rouffignac hereinwandern lässt. Ihm gegenüber ist die Umrisslinie eines weiteren Mammuts angedeutet: eine Reminiszenz an den beeindruckenden „Fries der Zehn“, auf dem sich jeweils fünf Tiere gegenüberstehen. Unter den Tierporträts ragt eines heraus, „das Mammut mit dem schelmischen Auge“, wie es genannt wird. Auf dieses Tier könnte die Künstlerin mit ihrem Sinn für Humor hier anspielen.

Die dem Mammut eingeschriebene Zickzacklinie findet sich als grafisches Element ebenfalls in Rouffignac, während in Lascaux andere Zeichen verwendet wurden. Diese symbolhafte Bildsprache wird als Vorläufer einer für uns rätselhaften Schrift gedeutet. Die dynamische, farbintensive Bildkomposition Isolde Wawrins lässt auf den Betrachter etwas überspringen von der Wildheit, elementaren Vitalität und Schönheit dieser kraftvollen Kreaturen. Ursprungsnah scheinen sie der Hand des Schöpfers entsprungen zu sein – hinein in einen einladenden Lebensraum, den der harmonische Farbklang des Bildgrundes evoziert.

Hören wir in Auszügen Worte des ersten Kapitels der Urgeschichte sowie den Beginn des zweiten Kapitels: Genesis 1, 1-5. 25-28. 31; 2, 1-3.

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht… Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“

Der Schöpfungshymnus, durch den wir die Bibel betreten, gleicht einem poetischen Tor. Ihn zeichnet ein feierlicher Stil mit rhythmischen Wiederholungen aus. Als monumentale Überschrift und als Zusammenfassung der Schöpfung eröffnen die Eingangsworte das folgende Geschehen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Hier ist von keinem zeitlichen Anfang die Rede; dieser Anfang ist im prinzipiellen Sinn der Begründung zu verstehen. Es handelt sich um das analogielose Schöpfertum Gottes, um das bleibende Begründungsverhältnis zwischen dem, was ist und werden kann, und seinem tragenden Lebensgrund. Gott ist beständig der Ursprung allen Seins, zu dem er in einer einzigartigen Beziehung steht. Der erste Tag gibt mit seiner richtungsweisenden Gottesrede: „Es werde Licht“ zugleich die Zielsetzung der Schöpfung an. Als Anfang wird der Schöpfung „Licht“ als Lebens- und Heilsdimension eingestiftet.

Als bestimmende Grundzüge dieses Hymnus springen uns ins Auge: die Souveränität des Schöpfers, der die Welt durch sein Wort ins Dasein ruft, die Würde des Menschen als Gottes Ebenbild und die Einheit der Schöpfung als dynamischer Lebensorganismus. Der Schöpfungshymnus gliedert das Wirken Gottes in ein Sechstagewerk. Die Vollendung des göttlichen Handelns ist der siebte Tag. Er, nicht der Mensch, ist die Krone der Schöpfung. Das Bild der Woche mit dem Ruhetag als Zeichen der Nähe Gottes wird als verlässliche Struktur dem Schöpfungswerk zugrunde gelegt.

Die Intention des Textes ist keine Theorie der Weltentstehung, sondern bildhafte Beschreibung der Welt, in welcher der Mensch sich vorfindet und in der er sich zurechtzufinden sucht. Kein naturwissenschaftliches Modell über den Anfang der Welt kommt zur Sprache; es wird vielmehr eine Glaubensantwort auf die Frage gegeben, wer im Anfang war. Das vertrauensvolle Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer findet hier seinen Ausdruck. Er ist es, der die Welt- und Daseinsgewissheit des Menschen begründet und ihm Lebenssinn und letzte Geborgenheit schenkt. Existentielle Fragen stehen auf dem Spiel, Fragen nach dem Ursprung und Sinn-Ziel des ganzen Entstehungsprozesses.

Der Schöpfungshymnus ist eine Urkunde über das Wesen der Welt als Kosmos, als geordnetes Gesamtkunstwerk sowie über das Wesen des Menschen als Ebenbild Gottes, geschaffen in der Gleichursprünglichkeit und damit Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Dabei beruht die Gottebenbildlichkeit entscheidend darin, Gott antworten, ihm ent-sprechen zu können, und aufgrund dieses Beziehungsverhältnisses die vielseitigen menschlichen Beziehungsmöglichkeiten zu entfalten. Den sechsten Schöpfungstag teilt der Mensch mit den Landtieren. Die Tiere, als die älteren Geschwister, stehen dem Menschen als Gefährten nahe, verdanken sie ihr Dasein doch demselben Schöpfer, der ihnen nach alttestamentlichem Verständnis Eigenwert, Würde und Lebensrecht verliehen hat sowie einen eigenen Gottesbezug.

Zugleich wird der Mensch mit einem Herrschaftsauftrag über die Erde und die Tiere betraut, der seit Beginn der Neuzeit in zunehmenden Maß missdeutet und missbraucht wurde. Nicht von selbstherrlicher, gewalttätiger oder gar zerstörerischer Herrschaft ist die Rede, sondern von einem Handeln des Menschen als verantwortlicher Treuhänder Gottes, der als „Liebhaber des Lebens“ alles liebt, was er geschaffen hat (vgl. Weisheit 11, 24-26).

Die Liebe zu den beseelten Mitgeschöpfen spricht auch aus den Werken von Isolde Wawrin, in denen Vertreter der Fauna gern ihr Spiel treiben. Vermutlich drückt sich darin ihre Sehnsucht nach ursprünglicher Verbundenheit mit allen Lebewesen im gemeinsamen Haus der Schöpfung aus, gerade angesichts des weitgehenden Verlusts dieses Verhältnisses in unserer Zeit. Heute ist es unsere Aufgabe, die Ehrfurcht vor der Güte der Schöpfung überzeugend zu vertreten, die Dankbarkeit für ihre Gaben mit dem Einsatz für ihren Schutz zu verbinden und die Verantwortung für die Zukunft des Lebens auf Gottes Erde wahrzunehmen. So wird sichtbar, dass das Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer unsere Beziehung zur Mitwelt wie zur Umwelt und Nachwelt bestimmt und nachhaltig prägt.

Als abschließendes Urteil über das Geschaffene in seiner Gesamtheit heißt es am sechsten Schöpfungstag: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Wir dürfen hinzufügen: Es war sehr schön, denn der hebräische Ausdruck „tow“ beinhaltet beides. Und ist es nicht gerade die überwältigende Schönheit der Schöpfung, die den Menschen in Staunen und Begeisterung versetzt und zu künstlerischem Schaffen aufruft? Die Sänger der Psalmen lassen ihre Antwort in zeitloser Frische im Lobpreis des Schöpfers erklingen:

„Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Menschen und Tieren bist du Helfer, Herr. Ja, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht schauen wir das Licht“ (Ps. 36, 6. 7b. 10). Amen.

 

Ostern 2017 – Predigt über Mt 28,1-10

Predigt am 16.4.17 von Andreas Hansen über Mt 28,1-10

nach der Lesung des Predigttextes singt Cosima Büsing eine Arie aus dem Osteroratorium von J.S Bach

Mt 28,1-10

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.  Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Cosima Büsing singt die Arie aus dem Osteroratorium von J. S. Bach: „Saget mir geschwinde, wo ich Jesum finde, welchen meine Seele liebt. Komm doch, komm, umfasse mich, denn mein Herz ist ohne dich ganz verwaiset und betrübt.“

mag sein
dass ich nie recht begriff
was geboren-sein heißt

 mag sein
dass ich warte
auf verlorenem posten

 mag sein
dass verrückt ist
wer noch immer rechnet mit wundern

 verrückt wie die frauen
die in der gruft eines toten
entdeckten die neue geburt

 Mag sein, dass verrückt ist, wer noch immer rechnet mit Wundern. So schreibt Kurt Marti.
Ich rechne damit, dass mein Verstehen, unser aller Verstehen, begrenzt ist. Ich rechne damit, dass sich uns Neues erschließen kann, Neuland für unser Denken, neue Dimensionen, die das bisher Verstandene in neuem Licht zeigen.
Auch wissenschaftliches Denken ist offen für das bisher Unbekannte, das unsere Sicht verändert. Mit jeder neuen Erkenntnis öffnen sich viele weitere Fragen. Auch Wissenschaftler kennen Ehrfurcht vor dem, was wir noch nicht verstehen. Ich würde nicht sagen, dass ich wundergläubig bin. Aber ich rechne damit, dass Gottes Wirklichkeit viel größer ist als unser Verstehen. Gott ist unsagbar. Und er will uns Menschen doch begegnen. Er will Gutes für seine Menschen. Er führt uns in neues Land.
Damit rechne ich. So steht es in der Bibel.
Der Evangelist Matthäus beschreibt eine Begegnung mit Gott am Ostermorgen. Die Erde bebt. Der Stein vor dem Grab wird weggewälzt. Ein Engel wie ein Blitz. Die Wachen sinken wie tot zu Boden. Es geschieht etwas, was nicht zu fassen ist.
Die Frauen sind auf dem Weg zum Grab ihres geliebten Herrn. Sie haben den Tod vor Augen. Alles ist wie erstarrt in der Trauer – man steht neben sich und funktioniert eben, irgendwie. Da berührt sie die mächtige Wirklichkeit Gottes, etwas ganz Anderes, fremd, erschreckend. „Fürchtet euch nicht!“ So beginnen die Engel fast immer. Unmögliches geschieht. Menschen können Gott nicht begegnen – sie sind überfordert, und doch sehen die Frauen. Sie erkennen Gott. Mit ihrem Herzen, mit ihrem Vertrauen erkennen sie Gott.
Ich muss nicht wissen, wie es war, als sie die Erde beben spürten und das blendende Licht sahen. Es kann sein, dass Matthäus nur umschreibt, wofür ihm eigentlich die Begriffe fehlen. Mir genügt es zu hören: Hier beginnt Gott Neues –  für die beiden Frauen und für uns alle. Von Gott her bricht eine größere Wirklichkeit auf, Neuland, das noch keiner betreten hat.
„Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ Sie starren in das leere Grab und verstehen kein Wort. Was ist geschehen? Keiner der Evangelisten erzählt, wie Jesus aus dem Grab ersteht – das bleibt verborgen. Aber alle berichten vom leeren Grab und der Botschaft der Engel.
Und dann löst sich die Erstarrung. Jetzt eilen die Frauen davon „mit Furcht und großer Freude“. Noch immer erfüllt sie Furcht. Aber die Freude ist groß, größer als die Furcht. Sie wissen noch nicht, wohin Gott sie führt. Sie betreten Neuland. Aber sie sollen Jesus sehen, er geht voraus. Schon jetzt ahnen sie, dass er lebt. Mit Furcht und großer Freude eilen sie zu den Jüngern.

Mag sein, dass ich warte auf verlorenem Posten. Seit Ostern haben wir eine neue Hoffnung. Wir gehen am Ostermorgen auf den Friedhof und singen: Christ ist erstanden. Wir werden leben. Wir hoffen für unsere Toten und für uns selbst, dass Gott unser Leben bewahrt, dass wir in Gott leben werden, auferstehen. Sind wir mit diesem Bekenntnis auf verlorenem Posten? Vertrösten wir uns mit der Hoffnung auf Christus? Mit Furcht und großer Freude eilen sie weg vom Grab. Natürlich erschüttert uns der Tod geliebter Menschen. Vor dem Sterben fürchten wir uns, vor Schmerzen, vor dem, was wir in unserem Leben falsch gemacht und nicht fertig gebracht haben, vor dem unbekannten Tod. Aber wir erleben auch Trost, Liebe, Gemeinschaft. Wir feiern den Glauben. Die Freude ist größer als die  Furcht, schon jetzt. Wir hören von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. 
Die Frauen eilen weg vom Grab und sehen Jesus. Sie dürfen ihn berühren. Sie vertrauen ihm selbst. Die Gemeinschaft mit ihm ist lebendig geblieben. In der Gemeinschaft mit dem lebendigen Christus steht die Kirche steht nicht auf verlorenem Posten. Mitten in der Welt, die von Gewalt und Unrecht und Tod gezeichnet ist, verkünden wir die Hoffnung durch Jesus Christus.

Mag sein, dass ich nie recht begriff, was geboren-sein heißt.
Für Kurt Marti ist das Geborensein, das Leben selbst wunderbar und kaum zu begreifen. Dass wir leben, scheint uns so selbstverständlich, als könnte es nicht anders sein, bis wir über den Tod erschrecken. Kostbar, wunderbar, geheimnisvoll ist das Leben, jedes Leben, die Schöpfung Gottes. An Ostern beginnt das neue Leben, neu und anders, nicht einfach Fortsetzung des alten.  Das neue Leben ist ebenso geheimnisvoll und wunderbar wie die Schöpfung. Es ist die gleiche Kraft, das gleichen Wollen, die gleiche Liebe, die uns ins Leben rief und die Jesus aus dem Grab ruft. An Ostern feiern wir die unbegreifliche Liebe Gottes. Wir feiern das Leben.
Und nach dem Fest? „Geht nach Galiläa! Dort werdet ihr ihn sehen.“ Galiläa heißt zurück in den Alltag. Galiläa ist auch dort, wo alles begann. Galiläa ist Jesu Zuhause, die Gegend am See, wo sie mit gelebt haben, wo er Menschen geheilt und von Gottes Reich erzählt hat.
„Geht nach Galiläa“ heißt für uns: Wir bleiben in unserem Alltag. Aber es heißt auch Aufbruch und Veränderung, ihm zu folgen, leben und handeln in der Hoffnung auf Gottes Reich. Wir leben unser Leben, manchmal in Furcht aber auch in österlicher Freude. 
Wir feiern das Leben, das den Tod besiegt.
Was wir sehen und verstehen, ist eingebettet in Gottes größere Wirklichkeit.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Karfreitag, Predigt über Lk 23,33-49

Predigt am 14.4.17 von Andreas Hansen über Lk 23,33-49

Jahr für Jahr lese ich am Karfreitag aus einem der Evangelien vor, wie Jesus stirbt. Es fällt mir nicht leicht, das vorzulesen. Was da geschieht, geht mir nah. Die Evangelisten schreiben nicht als betroffe-ne Augenzeugen. Sie deuten und bekennen ihren Glauben. Und doch ist es schwer zu ertragen.
Ich stelle mir vor, wie die Frauen von fern zusehen und geschüttelt sind vor Entsetzen. Wie muss es sein, den liebsten Freund so leiden und sterben zu sehen? So hilflos ausgeliefert, so gequält und verspottet?
Wir kennen in Ansätzen ähnliche Situationen: Ein geliebter Mensch ist krank und leidet, und wir können fast nichts tun. Oder „unsere Flüchtlinge“ hören verzweifelt, dass ihre Freunde und Verwandte in der Heimat verletzt oder gefoltert werden.

Wir sehen auf das Kreuz Jesu. Der Karfreitag zwingt uns hinzusehen. Wir denken an die zahllosen Opfer von Unrecht und Gewalt, von Giftgas erstickt, von Terroristen ermordet, traumatisiert, auf der Flucht, ein verhungertes Kind auf dem Schoß.
Wie die meisten Opfer von Gewalt wird Jesus nicht nur körperlich sondern auch psychisch gequält. Alle können seinem Sterben zusehen. Nackt und hilflos hängt er am Kreuz und kämpft mit Schmerzen und Todesangst. Die Römer wollen die zum Kreuzestod Verurteilten beschämen, entwürdigen, vernichten – entlaufene Sklaven, gewalttätige Gegner, für sie der Abschaum der Menschheit. Pilatus ist ein grausamer Statthalter Roms. Er verspottet Jesus, er verspottet auch die Juden mit der Inschrift „Dies ist der Juden König“.
Und dieser verachtete Mensch ist der Christus?

Leid kann so groß sein, dass wir keine Worte dafür finden. Glückliche können die Trauernden nicht wirklich verstehen, Gesunde die Schmerzen der Kranken nicht empfinden. Wir weichen dem Leid oft aus. Wir wollen es nicht sehen. Wir lassen es nicht an uns heran.
Jesus weicht nicht aus. Immer wieder verspotten sie Jesus: „Hilf dir doch selbst!“ Er will sich nicht helfen. Er gebraucht nicht die Macht, mit der er anderen geholfen hat. Er wehrt sich nicht gegen das Unrecht, das ihm geschieht.
Hier verzichtet Gott selbst auf seine Macht. Gott erträgt den Schmerz.
Wenn ich nach dem Sinn dieses Geschehens frage, fällt mir das als erstes ein: Gott will bei den Opfern sein. Er ist nicht unberührt und überlegen. Gott leidet. Er leidet mit allen und für alle, denen Unrecht angetan wird und die Schmerzen haben, mit allen, die sterben. Bis in die tiefste Tiefe geht er. In keinem Leid lässt Gott uns los. Niemals verlieren wir seine Liebe.
Wir bleiben seine geliebten Kinder.

Was sind das für Menschen, die Soldaten? Sie foltern und töten und verspotten ihre Opfer, als wäre es nichts. Vielleicht sind sie so geworden. Sie halten es anders nicht aus. Und sie haben Angst: Wer nicht mitmacht, ist selber dran. Jesus bittet für sie: „Vater, vergib ihnen!“ Die Macht des Bösen ist begrenzt. Jesus sieht auch in seinen Henkern Menschen die Gott liebt und für die er Gutes will.
Der eine Übeltäter verspottet Jesus, der andere bittet ihn: „Denk an mich, Jesus, wenn du in dein Reich kommst!“ Jesus schaut ihn an und sagt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Da ist nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu erwarten. Und Jesus spricht Hoffnung zu. Dieser Mensch ist gescheitert. Er sagt von sich selbst, er wird zu Recht bestraft. Und Jesus verspricht einen Weg zu Gott. Die Tür ist offen. Der Weg ist frei. Jesus ist Weg zu Gott, Wahrheit der Liebe Gottes, das Leben.
Aber was ist mit der Schuld? Der hat doch keine Vergebung verdient! Wer weiß, was er getan hat, vielleicht gemordet oder andere schlimme Verbrechen. Was ist mit all der Schuld, mit dem Bösen, mit den Kriegsverbrechen Assads und dem Terror der IS-Leute, mit den vielen großen und kleinen Verletzungen, die wir einander zufügen, und sei es dadurch, dass wir einfach nur zuschauen und nicht helfen? Ist alles einfach vergeben und vergessen?
Die Opfer von Gewalt tragen schwer an dem, was sie erleben mussten. Manche sind so tief verletzt, dass sie den Schrecken tief in sich vergraben. Scham und Angst halten sie fest. Sie können nicht vergessen.
Jesus bittet für die Täter um Vergebung, er spricht selbst Vergebung zu – „du wirst im Paradies sein“ – aber vergessen ist nichts.
Wir bekennen: Jesus wird kommen zu richten.
Ich glaube, Jesus wird uns unsere Schuld und das Böse, das wir zu verantworten haben, zeigen. Und ich glaube und hoffe, seine Vergebung wird größer sein, als wir alle verdient haben.
Ich glaube, Jesus wird das Böse vernichten. Er wird heilen, was Menschen angetan wurde. Jesus wird kommen zu richten.
Er wird uns zurechtbringen.
Am Kreuz aber setzt Gott sich selbst dem Bösen und der Schuld aus. Gott antwortet in Jesus am Kreuz auf die Schuld der Welt, auf das Böse. Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.“ Auch die schuldig gewordenen Menschen lässt Gott nicht los.
Gottes Liebe gilt auch dem, der ihm widerspricht.

Mit dem Tod Jesu beginnt eine neue Zeit. Lukas beschreibt sein Sterben als einen Wendepunkt. Die Sonne verfinstert sich. Der Vorhang zum Allerheiligsten im Tempel reißt entzwei. Das Heiligste ist nicht mehr verhüllt. Alle Menschen können Jesus erkennen. Der heidnische Hauptmann bekennt Jesus als Gerechten. Das Volk, das zuvor gespottet hat, kehrt um. Niemand bleibt unberührt. Jesus stirbt im Vertrauen auf Gott. „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“
Er gibt sich selbst in Gottes Hand und fällt nicht in ein Nichts. Er ist auch in der Tiefe des Todes gehalten von Gott.
Von Ostern her zeigt uns der Evangelist den Tod Jesu am Kreuz.
Jesus gibt sich in Gottes Hand und erscheint wieder von Gott auferweckt. Der Weg durch Leid und Tod führt ins Leben.
Die Liebe Gottes hält ihn und lässt ihn nicht los.

Wir sehen auf Jesus am Kreuz. Zentral hängt das Bild des Gekreuzigten hier in unserer Kirche. Ohne Karfreitag und Ostern wären wir nicht Christen. Und doch nehmen wir das Kreuz oft nicht wahr, sehen darüber hinweg, verdrängen es.
Das Kreuz steht für Leid und Schuld und Tod und für den Sieg über Leid und Böses, für Vergebung und Leben.
So viel Leid und Böses ist in der Welt, so mächtig ist der Tod – sollen wir das auch noch verherrlichen? Keineswegs! Aber wir nehmen es ernst.
Gott ist auf der Seite der Opfer. Gerade so widerspricht Gott dem Leid und dem Bösen und dem Tod.
Die Liebe Gottes lässt uns nicht los. Amen

Frei von Furcht – Predigt über Röm 8,14-17

Predigt am 2.4.17 von Andreas Hansen über Röm 8,14-17

Vor der Predigt wird die Motette Jesu, meine Freude von J.S Bach aufgeführt

„Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein.“ Johann Sebastian Bach singt.
Er ist angegriffen, angefochten. Die Welt tobt. Die Feinde stürmen. Sünd und Hölle schrecken.
Die Sprache, zu der er seine Musik schreibt, ist nicht mehr die unsere, aber wir kennen die Abgründe, in die er sieht: das Böse in der Welt, Schuld und Unrecht, die uns treffen, eigenes Versagen und Schuldigwerden, Leid, Schmerz und Trauer. Wir sind angegriffen. Manchmal gleicht unser Leben einem Kampf.
Bach schaut darum auf Jesus. Er ist angefochten und doch gewiss: „Ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Du bist meine Freude, Jesus. Ich halte mich fest an dir.“
Wir sind nicht allein in dem, was uns angreift. Wir haben einen mächtigen Verbündeten in unserem Kampf. Wir sind fest gemacht, konfirmiert in Jesus Christus und beschenkt mit dem Geist.

Paulus schreibt weiter im Römerbrief:

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“

Wir müssen uns nicht fürchten.
„Jesus hat gelebt und gewirkt für eine Welt ohne Angst.“ In diesen Satz fasst der kürzlich verstor-bene Dichter und Pfarrer Kurt Marti die Bedeutung Jesu. „Jesus hat gelebt und gewirkt für eine Welt ohne Angst.“
Jesus hat Gott nicht als den großen Angstmacher verkündet. Im Gegenteil: Jesus hat den Geängs-teten die Angst genommen. Er hat Gott als Liebe verkündet und den Geduckten Befreiung gepredigt, sie den aufrechten Gang gelehrt. Jesus hat das Reich Gottes angesagt: Eine Welt, in der niemand mehr Grund hat sich zu fürchten.

Wir müssten uns nicht fürchten, und doch …
Wer ist frei von Angst vor Schmerzen oder wenn er selbst oder ein geliebter Mensch von Krankheit bedroht ist, ganz elementare Angst?  Was wir uns aufbauen, ist zerbrechlich. Unsere Welt ist vielfältig in Gefahr. Millionen Menschen leiden unter den Folgen von Krieg, Terror, Unterdrückung, dem Klimawandel und der Ausbeutung des Planeten. Sind das nicht Gründe sich zu fürchten?
Und persönliche Ängste beherrschen uns oft: Angst etwas falsch zu machen, zu versagen, nicht gut genug zu sein, Angst vor dem Urteil anderer, Angst zu kurz zu kommen, etwas zu verpassen, Angst vor Enttäuschung, Leid und Tod.
Wir müssten uns nicht fürchten und tun es doch. Aber wir sind in unserer Furcht nicht allein. Jesus in Gethsemane hat Angst vor Leid und Tod. Auch Paulus kennt die Angst. Aber er hält ihr etwas entgegen: ein Grundvertrauen, so tief, wie das Vertrauen eines kleinen Kindes zu seinen Eltern, wie ein Kind, das getragen wird und sich geborgen weiß. „Ihr müsst keine Angst mehr haben, denn der Heilige Geist, den ihr empfangen habt, macht euch zu Kindern, die „Abba, Pappa!“ rufen.“ Solches Vertrauen wirkt der Heilige Geist in uns. Zu solchem Vertrauen befreit uns Jesus.
Nichts in der Welt, keine Macht und nicht einmal der Tod kann uns von der Liebe Gottes trennen, die wir durch Jesus erfahren.
In einem letzten und tiefsten Sinn hat die Angst keinen Grund mehr. Stärker als alles, was uns angreift, ist die Liebe Gottes, die uns hält.  Ein Grund-Vertrauen hilft uns aufrecht zu stehen. 
„Tobe, Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.“
Dietrich Bonhoeffer bekennt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Oft drückt die Angst uns nieder, aber wir sind Kinder Gottes, Erben, wie Christus. Ohne etwas zu leisten, erben wir: das Leben. Wir sind Kinder Gottes.
Lasst uns üben aufrecht zu gehen und frei zu singen.

Die Gründer der Pulse-of-Europe-Bewegung waren erschrocken vom Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps und darum haben sie begonnen für Europa zu demonstrieren. Sie wollen den Nationalisten nicht das Feld überlassen, die nur maulen und Angst und Hass schüren. Inzwischen stehen sonntags über 40000 Menschen für Europa auf den Straßen. Ein kleine Beispiel, dass wir den verstörenden Nachrichten und denen, die uns einschüchtern wollen, etwas entgegenhalten. Unser Land hat viele ungelösten Aufgaben, Europa und die Welt noch viel mehr. Aber wir haben allen Grund, nicht in Angst zu erstarren und zu resignieren, sondern zu tun, was wir können, um die Probleme zu lösen.
Ein andrer Bereich: die Kirche. Die Kirchen verlieren Jahr für Jahr Mitglieder. Gottesdienste sind schlecht besucht. Der Glaube spielt für viele Menschen keine Rolle. Nur wenige kennen ihren Katechismus oder können ihren Glauben in Worte fassen. Was wird aus der Kirche?
Die Kirche wird sich sicher weiter verändern und wohl nur eine Minderheit am Rand der Gesellschaft sein. Aber wir müssen keine Angst um sie haben. Sie wird so oder anders Kirche Jesu Christi sein, den Glauben verkündigen und feiern und so den Menschen beistehen. Wir singen weiter.

„Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu meine Zier.“ Unserem Herzen mag bange sein, dass wir meinen, wir gehen unter in Schmerz und Angst. Alle Angst müsste doch überwunden sein, und ist  manchmal doch so bedrängend nah. Dann sind wir wie gelähmt.
Aber es ist nur ein Schritt, dass wir rufen: „Gott, guter Vater!“, dass wir auf Jesus sehen, dass der Geist uns aufrichtet und wir vertrauen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Freunde – Predigt über 2.Kor 1,3+4

Predigt am 26.3.17 von Andreas Hansen über 2.Kor 1,3+4

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“

Roberto ist neun Jahre alt und schreibt: „Einen Freund wie meinen muss man haben. Ich hab ihn schon im Kindergarten gekannt. Er ist auch neun Jahre alt und friert immerfort. Er trägt zwei Pullover mit langen Ärmeln, aber er ist sehr stark. Er war der erste, der im Kindergarten mit mir spielte. Er hat langes, schwarzes Haar und ist sehr groß. Er wird immer mein Freund sein.“
So ein allerbester Freund oder eine liebste Freundin ist etwas Wunderbares. Waren oder sind Sie auch so stolz und froh über einen Freund wie Roberto?
„Einen Freund wie meinen muss man haben.“ Und „Er wird immer mein Freund sein.“ Nicht nur für Kinder sind Freunde so wichtig. Es tut einfach gut, wenn da Menschen sind, die mich mögen, die gerne mit mir zusammen sind und für mich Zeit haben, mit mir spielen und lachen, vielleicht auch mit mir weinen und zu mir halten, mich verstehen und kennen.
Freunde sind nicht selbstverständlich, so wie die Verwandten, die eben zu einem gehören. Freunde müssen sich finden. Sie müssen Freundschaft schließen – es muss ja nicht gleich so feierlich zugehen wie bei Winnetou und Old Shatterhand, aber irgendwie braucht Freundschaft einen Anfang. Eine oder einer muss den Mut haben, auf den anderen zuzugehen, sein Interesse, seine Sympathie zeigen – und dann muss der oder die andere sich auch noch darauf einlassen.
Das ist schon in der Grundschule ganz schön schwierig: „Magst du mit mir spielen?“ „Nee, ich hab was vor. Ich hab Sport, Musikschule, eine andere Verabredung. Ich hab keine Lust.“
Freunde sind etwas Besonderes, und nicht jeder hat das Glück Freunde zu finden. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es den meisten, neue Freunde zu finden, oder desto vorsichtiger sind wir wohl auch mit dem Wort Freund.
„Einen Freund wie meinen muss man haben.“ Die Begeisterung des kleinen Roberto bringen wir Alten nicht mehr auf. Wahrscheinlich haben wir viele Freunde einfach aus den Augen verloren. Wir selbst und unsere Interessen haben sich verändert. Wir haben keine Zeit gehabt. Oder wir sind weggezogen.
Manche mussten auch die Erfahrung machen, dass vermeintlich gute Freunde uns enttäuscht und verärgert haben, dass Neid, Unehrlichkeit, Rücksichtslosigkeit uns entzweiten. Das ist schlimm, wenn der, dem ich vertraue, mir weh tut. Und es ist auch schlimm, wenn ich selbst den anderen verletzt und die Freundschaft zerstört habe. So werden wir misstrauischer und wagen viel weniger Freundschaft: „Passt die wirklich zu mir? Kann ich dem vertrauen? Will ich mich auf den einlassen? Bin ich der oder dem gut genug?“ Manche Leute meinen: Echte Freunde findet man sowieso fast nicht. Also bleibt man lieber für sich und wird nicht enttäuscht. Mir scheint: Diese Haltung nimmt zu. Wir leben immer vereinzelter. Ich finde das schade, wenn Leute so denken und reden, dass sie gar keine Freunde mehr wollen, egal, wie alt sie sind.
Ich glaube der kleine Roberto hat Recht mit seiner Begeisterung und Hingabe. „Einen Freund wie meinen muss man haben.“ Natürlich können wir uns keinen Freund herbeizaubern. Aber es ist so wichtig Menschen zu finden, die uns nahe sind, für die wir uns begeistern und denen wir vertrauen.

Für uns Christen verbietet sich eine Haltung des Misstrauens, der Resignation und der Selbstgenügsamkeit.
Warum?
Weil Gemeinschaft und die Offenheit für andere ein Grundzug unseres Glaubens ist. Wir sind zur Freundschaft berufen. Wir brauchen die anderen. Wir haben die Gabe, einander Freundin und Freund zu sein.

Paulus schreibt am Anfang seines Briefes: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“
Paulus schreibt an seine Freunde. Er hat bei ihnen gelebt, aber nun ist er schon eine Weile weggezogen. Er hat Probleme mit diesen Freunden, Streit, Gerede, üble Angriffe gegen ihn selbst. Aber er hängt an ihnen und fühlt sich ihnen immer noch eng verbunden – das gibt es. So schreibt Paulus gleich zu Beginn seines Briefes von Trübsal, ein Wort, für das wir Stress, Verletzung, Ärger und Angst sagen können, das wörtlich Enge bedeutet, das Herz wird einem eng, eine Last drückt einen nieder. Seine Freunde werden verstehen, was Paulus meint. Und nun braucht Paulus Trost. Er braucht seine Freunde.

Das Besondere dieses Briefanfangs: Paulus nennt Gott den „Gott allen Trostes“.
Der Gott allen Trostes, das ist Gott, unser Freund. Der Gott allen Trostes ist der beste Freund.
„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Mit dieser Frage beginnt der Heidelberger Katechismus. Die Antwort: Gott ist mein Freund. Durch Jesus ist er zu mir gekommen und hat mir sein Wort gegeben. Ich gehöre zu Jesus Christus. Niemals lässt er mich allein.
Der Gott allen Trostes geht weiter als alle Freunde. Das Kreuz ist das Zeichen, dass er mit mir und für mich durch alles hindurch geht, sogar bis in den Tod. Er tröstet in aller Trübsal.
Nun ist Gott natürlich ganz anders als wir. Unvergleichlich anders. Oft verstehen wir Gott nicht. Dann ist er fremd. Aber er will bei uns sein. Er kommt uns nah in Jesus.
Freunde sind wie ein Fenster zum Himmel.
Gott legt die himmlische Gabe in uns, dass wir Freunde sein können. Und durch die Erfahrung der Freundschaft ahnen wir etwas vom Himmel und erkennen wir ihn, den Gott allen Trostes.

Wir sind zur Freundschaft begabt. Gott schenkt uns seine Freundschaft. Nun können wir anderen Freundin und Freund sein. Wir sind zur Freundschaft begabt, denn wir haben selbst den allerbesten Freund. Wir dürfen und sollen Freundschaft wagen, gerade in einer Zeit, in der die Menschen vereinzeln. Wir können und sollen trösten mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott.
Christliche Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, wie sie auf die zugeht und mit denen umgeht, die in allerlei Trübsal sind, mit den Menschen, die Trost und Hilfe suchen.
Eine Gesellschaft, die für sich christliche Werte behauptet, zeichnet sich dadurch aus, wie sie den Schwachen hilft.
Der Gott allen Trostes ist des Menschen Freund.    Quer durch das alte und neue Testament bietet Gott dem Menschen seine Freundschaft an. Er vertraut uns und wünscht sich nichts lieber als unser Vertrauen.
Der kleine Roberto meint: „Einen Freund wie meinen muss man haben. Er wird immer mein Freund sein.“ Recht hat er. Amen

Jesus entdeckt Schätze, Predigt über Mk 12,41-44

Predigt am 19.3.17 von Andreas Hansen über Mk12,41-44

Jesus sieht uns an. Gott sieht uns an.
Jesus hat einen Blick für Menschen. Er sieht, was in ihnen vorgeht. Er weiß, dass seine Jünger ihn verlassen werden, um ihre eigenen Haut zu retten. Jesus durchschaut Menschen, aber er verachtet sie nicht. Er blickt liebevoll auf die Menschen und entdeckt Schätze.
Wir übersehen Menschen so leicht. Oder wir schauen geringschätzig auf andere. Wir achten und beachten die Schönen, die Wichtigen, die Mächtigen, diejenigen, die zu uns gehören, von denen wir uns Vorteile versprechen, vor denen wir Angst haben.  Jesus aber sieht anders auf uns Menschen, aufmerksam und liebevoll.

Hören wir den Predigttext für diesen Sonntag:

Mk 12,41-44 (Übersetzung Klaus Berger)

Jesus setzte sich gegenüber dem Opferkasten nieder und sah zu, wie die Leute Geld hinein-warfen. Etliche reiche Leute warfen viel Geld hinein. Da kam eine arme Witwe daher und warf zwei kleine Kupfermünzen im Wert von etwa einem Pfennig hinein. Jesus rief seine Jünger herbei und sagte zu ihnen: „Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten geworfen als alle anderen. Denn alle anderen haben gegeben, was sie übrig hatten, sie aber hat alles gege-ben, was sie in all ihrer Armut noch besaß. Sie gab ihr ganzes Leben.“

Am Eingang des Tempelhofes stehen die  Opferstöcke für verschiedene Gaben. Der diensthabende Priester muss fragen, wofür die Gabe sein soll. Er muss prüfen, wie viel jemand gibt und ob er die korrekte Währung verwendet. Laut wiederholt er den Betrag. Jeder kann hören, was gespendet wird. Stolze Beträge – das hört man mit Staunen und Bewunderung. Ich staune und freue mich, dass die Spenden in unserer Gemeinde hoch sind. Wir sind sehr darauf angewiesen, und es wird damals im Tempel nicht anders gewesen sein.
Aber nach den großen Gaben der Reichen nennt der Priester den armseligen Betrag, den die Witwe spendet. Was ist das schon? Sie macht sich ja lächerlich.
„Sie gab ihr ganzes Leben.“, sagt Jesus. Jesus sieht und versteht die Frau. Er schaut nicht auf den Kaufwert der beiden winzigen Kupfermünzen. Sie gibt, was sie kann, und sie gibt von Herzen gerne. Sie behält nicht einmal eines von den beiden Geldstücken. Uns mag das unvernünftig oder leichtsinnig vorkommen. Sie sichert sich nicht ein bisschen ab. Sie gibt sich selbst hin. Wer so schenken kann, ist reich. Darum ruft Jesus seine Jünger und macht sie aufmerksam auf die Witwe. Er zeigt ihnen einen Reichtum, der nicht auf Besitz gründet, das Glück mit ganzer Hingabe zu schenken.
Sie gibt ihr ganzes Leben.

Am 22. Februar 1943 wurden Christoph Probst und Sophie und Hans Scholl zum Tod verurteilt und hingerichtet. Wenige Tage vorher waren sie in der Münchener Universität beim Ausle-gen von Flugblättern gegen das NS-Regime entdeckt und verhaftet worden. Sie riefen zum Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror auf. Sophie Scholl studierte wie ihr Bruder in München. Hans versuchte, seine jüngere Schwester davon abzuhalten, sich im Widerstand zu engagieren, aber das gelang ihm nicht. Gegen die herrschende Gleichgültigkeit, Resignation und Apathie setzte die Gruppe „Weiße Rose“ entschlossenes politisches Handeln. In Flugblättern prangerten sie die Verbrechen offen an, z.B. die Ermordung von 300.000 polnischen Juden. Nicht nur die Liebe zur Freiheit und die Empörung über Unrecht trieb sie. Sie handelten auch in der Überzeu-gung: „Es muss ein sichtbares Zeichen des Widerstandes von Christen gesetzt werden.“ Christliche Botschaft und Politik gehören untrennbar zusammen. Sie wussten sehr wohl, in was für eine Gefahr sie sich brachten. Sophie Scholl sagte zwei Tage vor ihrer Verhaftung: „Es fallen so viele Menschen für dieses Regime. Es wird Zeit, dass jemand dagegen fällt.“ Sie wäre heute 95 Jahre alt. Mit 21 starb sie. Sie gab ihr ganzes Leben.

Wenige Tage vor seiner Verhaftung und seinem Tod sieht Jesus im Tempel die Hingabe der Frau, ihre Bereitschaft alles zu geben, ihre Freude zu schenken. Und Jesus weiß: Er selbst  wird bald sein Leben hingeben.

Ich vermute nicht, dass ich so mutig und so frei wäre wie Sophie Scholl. Wir leben 70 Jahre nach Diktatur und Krieg in Freiheit und Frieden. Wir können uns kaum vorstellen, dass es anders sein könnte. Dabei ist klar: Auch heute setzen Menschen ihr Leben ein. In vielen Ländern ist es lebensgefährlich, seine Meinung zu sagen, Unrecht anzuklagen oder auch seinen Glauben zu leben. In vielen Ländern sind heute Recht und Freiheit bedroht, Länder, die lange als gefestigte Demokratien galten. Da ist jedes Engagement wertvoll und gefährlich.
Wir haben nicht das Ziel, unser Leben zu opfern. Schon die Christen der ersten Jahrhunderte wehrten sich gegen Leute, die sich zum Martyrium hin drängten.
Jesus verlangt nicht von uns, dass wir freudlos und gequält dem Leben entsagen. Das ist wohl heute auch nicht unsere Gefahr. Von Natur aus sind wir eher egoistisch und bequem.
Und doch können wir Menschen so großzügig sein, so liebevoll und selbstlos handeln. Jesus sieht und freut sich, wenn wir aus freiem Herzen geben, ohne Angst zu kurz zu kommen. Viele Menschen schenken sehr viel und sind glücklich dabei, reich: Menschen, die jemanden pflegen oder treu immer wieder besuchen. Ehrenamtliche in   den Gemeinden, in Vereinen, in der Hilfe für Flüchtlinge. Menschen, die sich in ihrem Beruf mit ganzem Herzen einsetzen, weit über den Dienst nach Vorschrift hinaus. Die viel gescholtenen Politiker haben Achtung verdient, dass sie zu der schweren Aufgabe bereit sind – und sie sollten einander mehr Achtung zollen. Viele wären noch zu nennen, die für andere arbeiten, Ärger aushalten, auch beten. Sie geben etwas, manchmal sehr viel, von ihrem Leben.
Hingabe ist ein anderes Wort für Liebe. Liebe befreit uns zu schenken und auch über uns hinaus zu wachsen.
Sie gab ihr ganzes Leben. Jesus sieht die Gabe der armen Witwe und er freut sich über sie und schätzt sie hoch.
Wie gut, dass Jesus uns so besonders ansieht. Wie schön, dass er uns so viel Achtung und Aufmerksamkeit schenkt.
Jesus sieht uns liebevoll an.
Gott freut sich über uns.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen