Archiv der Kategorie: Predigten

Gerne geben – Predigt zum Erntedankfest Mk12,41-44

Predigt am 7.10.18 von Andreas Hansen über Mk12,41-44

Die Predigt folgt nach einem Spiel und Lied der Kindergartenkinder

„Wenn jeder etwas abgibt vom dem, was er hat, dann werden alle Menschen auf Erden satt.“ Euer Lied ist gut. Wir haben so viel! Das ist schön. Darüber freuen wir uns. Dafür danken wir Gott.
Aber wir wissen auch: Viele Menschen werden nicht satt. Viel Essen wird in unserem Land weggeworfen, obwohl es gut ist – im Schnitt 55 kg pro Person und Jahr werfen wir weg. Viele Menschen wollen alles für sich haben und nichts abgeben – geizig sind sie.
Abgeben, teilen, anderen etwas schenken – das ist so schön und wichtig, und wir sollen es lernen. Ich lese aus der Bibel vor: Mk 12,41-44 (NGÜ)

Jesus setzte sich in die Nähe des Opferkastens und sah zu, wie die Leute Geld hineinwarfen. Viele Reiche gaben große Summen. Doch dann kam eine arme Witwe und warf zwei kleine Kupfermünzen hinein.
Da rief Jesus seine Jünger zu sich und sagte: »Ich versichere euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten gelegt als alle anderen. Sie alle haben von ihrem Überfluss gegeben; diese Frau aber, so arm sie ist, hat alles gegeben, was sie besaß – alles, was sie zum Leben nötig hatte.«

Am Eingang des Tempelhofes steht der Kasten für die Gaben. Hier spenden die Leute für den Tempel – das ist wie unsere Kirchensteuer. Der reiche Kaufmann gibt stolz 200 Denare. Der Priester sagt den Betrag laut. Jeder kann es hören. Und noch ein vornehmer Mann spendet sogar drei Goldstücke. So viel Geld – die Leute staunen.
Dann kommt Rebekka. Sie ist arm. Seit ihr Mann gestorben ist, hat sie fast nichts mehr. Auch sie spendet etwas. Einen winzig kleinen Betrag nennt der Priester. Aber Rebekka lächelt und geht in den Tempel.
Die Jünger sagen: „Was willst du hier, Jesus? Das ist doch langweilig zu sehen und zu hören, was die Leute geben.“
„Meint ihr? Ich find´s interessant. Schaut diese Witwe an, wie gerne sie gibt! Zwei Pfennige nur, aber für sie ist das viel.“
„Zu viel“ sagt Thomas. „Mehr hat sie bestimmt nicht für diesen Tag. Das ist doch unvernünftig, alles zu geben.“
„Unvernünftig? Das kann sein. Aber es ist schön.“
Rebekka hat die Diskussion nicht mitbekommen. Sie ist gern im Tempel. „Hier bin ich Gott nahe. Wie gut, dass es diesen Ort gibt. Dafür gebe ich gerne. Ich gehöre dazu. Es ist auch mein Tempel.“
Es ist schön, wenn Menschen schenken. Beschenkt werden und Schenken – beides gehört zu unserem Leben. Ich bin auf andere angewiesen, als kleines Baby und als alter Mensch, wenn ich krank bin, wenn ich Hilfe brauche. Ich bin auch darauf angewiesen, dass andere mir Liebe und Freundschaft schenken. Aber ich will auch selbst etwas geben. Es ist ein Ausdruck von Würde, wenn ich etwas schenken und geben kann. Großzügig geben zu können ist schön.
Menschen, die sich nichts schenken lassen, die immer gleich etwas zurückgeben müssen, die sind arm dran. Aber noch armseliger sind die Geizigen, die nichts abgeben und immer nur mehr haben wollen.
Jesus sieht Rebekka und freut sich über sie. Die Witwe gibt umgerechnet etwa 4 € – mehr hat sie nicht an diesem Tag. Sie ist glücklich, weil sie etwas geben kann. Sie gibt ohne Berechnung, vielleicht unvernünftig, aber glücklich und schön.
Schön sind Menschen, die sich einsetzen:
Eltern, die alles für ihre Kinder tun.
Kinder, die ihre alten Eltern versorgen.
Ehrenamtliche, die großzügig Zeit und Mühe schenken. Spender, die unterstützen, wo Not ist.
Menschen, die andere ertragen und sich auch den Schwierigen zuwenden. Alle, die ihre tägliche Arbeit mit ganzem Herzen tun.
Schön sind Menschen, die nicht berechnend, sondern gerne geben, was sie haben.
Wir schauen den Erntedankaltar an. So viel Gutes haben wir – und noch viel mehr, als wir hier sehen.
Wir haben, was wir brauchen. Hungern muss in unserem Land keiner. Wir sind frei. Wir dürfen unsere Meinung sagen und schreiben. Wir dürfen wählen. Wir haben einen funktionierenden Staat, eine Demokratie, einen Rechtsstaat.
Das alles ist für uns selbstverständlich – und für viele Menschen in der Welt in weiter Ferne.
Wir reden viel über Missstände, aber wir jammern auf sehr hohem Niveau. Sehr viel Gutes ist für uns sicher und selbstverständlich. Und das bleibt so, weil viele sich einsetzen.
Es ist stark, was alles durch unsere Steuern funktioniert.
Es verdient hohe Anerkennung, was Lehrerinnen, Politikerinnen, Ärzte, Journalisten, Richterinnen, Polizisten, Erzieherinnen leisten.
Wir reden vieles schlecht, aber viele, eigentlich die meisten tun viel Gutes. Wir können ein wenig stolz darauf sein, auf unser Land mit all seinen Gaben. Wir können frei geben, unsere Zeit, unser Engagement, auch unser Geld. Unser Elternbeirat ist ein Beispiel dafür, dass das sogar Spaß macht.
Und wir können vor allem darauf vertrauen, dass Gott für uns sorgt.
Rebekka hat keine Angst zu kurz zu kommen. Selbstbewusst und fröhlich gibt sie.
Ich wünsche mir diese Freiheit, dies Vertrauen.

Amen

Vergeblich? – Mach weiter! – Predigt über Jes 49,1-6

Predigt am 23.9.18 von Andreas Hansen über Jes 49,1-6

Jes 49,1-6
Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke – er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Schrecklich, wenn einer sein Leben ansieht und   so über sich denken muss: vergeblich, umsonst, unnütz, gescheitert, ein Looser – keine und  keiner will Verlierer sein.

Ein Junge, 15 Jahre alt, wacht nach einer Woche aus dem künstlichen Koma auf. Er hat bei einem Unfall beide Beine verloren. Florian Sitzmann erzählt heute, 26 Jahre später, im Radio darüber – letzten Mittwoch hörte ich die Sendung.
Er hat viel vor und lässt sich nicht aufhalten. „Glaub an dich! Mach weiter!“ so ermutigt er uns.  Er sprüht vor Heiterkeit und Zuversicht.
Seinen Großvater nennt er als Vorbild dafür, dass er diese Haltung gewinnen konnte. Der Großvater saß damals an seinem Bett und die Tränen rannten ihm über´s Gesicht. Eine Kriegserfahrung überfiel ihn: das Lazarett, die Schreie derer, die durch Bomben und Minen verletzt ihre Gliedmaßen verloren, die unsägliche Angst jener Zeit. Sein Großvater kannte die Angst und das Scheitern. Von ihm lernte er auch die Zuversicht.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Er muss unendlich viel Druck aushalten. Er ist frustriert, ausgepowert, verzweifelt, der Mensch, der im Jesajabuch von sich und seinem Volk schreibt und Gottes Wort verkündet. Sein Volk hat Krieg und Verwüstung erlebt, den Verlust von allem, was ihnen kostbar und heilig war. Sie leben unterdrückt in der Verbannung.
„Du bist mein Knecht“ sagt Gott zu ihm – eine Ehre ist das! – du sollst mein Wort sagen, mächtige Worte wie ein scharfes Schwert, wie Pfeile.   Aber wer glaubt ihm schon in dieser ausweglosen Situation?  Darum muss der Gottesknecht leiden. Er wird verspottet, angefeindet, gequält und geschlagen. „Was bringt das alles?“ fragt er sich. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Aber Gott hat mit seinem Knecht Großes vor: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke“. Die Zerstreuten und Verbannten soll er sammeln und heimbringen. Und noch viel mehr: Für alle Völker soll er Licht sein. Alle Menschen sollen Gottes Heil erfahren.
Wir wissen nicht, wer der Knecht Gottes war. Schnell wurde das Volk Israel mit seiner leidvollen Erfahrung verbunden. „mein Knecht, Israel“ heißt es, aber „Israel“ wurde wohl später in den Text eingefügt. Das Gottesvolk ist immer wieder nach schlimmen Katastrophen aufgestanden. Sie wurden vertrieben und geschlagen, aber wunderbar hat Gott sie bewahrt.
Christen haben im Auftrag und im Leiden des Gottesknechtes Jesus erkannt und durch die Worte im Jesajabuch Jesu Weg gedeutet.
„Vergeblich, unnütz“ – so könnte man denken, wenn man Jesus am Kreuz sieht. Er ist gescheitert. Tiefer kann man nicht fallen als so verachtet wie der letzte Verbrecher am Kreuz zu sterben. Gott selbst geht den Weg durch Leid und Scheitern hindurch. An Jesus halten wir uns, gerade weil er diesen Weg ging. Menschen aus allen Völkern sehen auf ihn, glauben an ihn.

Viele erleben sich als gescheitert, wenn etwas in ihrer Lebensplanung schief geht. Für viele ist das Leben nichts anderes als eine Abfolge von Projekten, die man erfolgreich absolvieren muss. Je mehr wir denken, dass unsere Lebensplanung oder die unserer Kinder ein Projekt ist, dessen Gelingen wir in der Hand haben, wenn wir’s nur richtig anpacken – desto größer wird die Angst davor, dass es nicht gelingt und die Beschämung, wenn Vorhaben nicht so enden, wie wir uns das vorgestellt haben.
Wir sehen nicht nur die eine oder andere Aufgabe, die vor uns liegt, als ein Projekt, sondern manchmal unsere ganze Lebensgestaltung: die Karriere, das Aufwachsen der Kinder, die Beziehung oder Ehe, alles wird zum „Projekt“, das man nur gut genug in den Griff bekommen muss, damit daraus etwas wird. Aber so einfach ist es nicht: das Leben ist kein Projekt. Es ist ein Weg mit immer neuen Herausforderungen, mit Umwegen – und, ja, auch mit Scheitern und Versagen. (dieser Abschnitt eng angelehnt an Gedanken von Barbara Hauck, GPM  455ff und Predigt im Internet)

Unsere Gesellschaft ist süchtig nach dem Erfolg. Scheitern ist nicht vorgesehen. Gnadenlos lassen wir die fallen, die nichts vorweisen können. Kaum sehen wir ein Problem, schon schreien wir: Warum tut die Politik nichts? Politikerinnen und Politiker starren ängstlich auf ihre Zustimmungsraten und verbiegen sich, um nur ja die nächste Wahl zu bestehen. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt und sich nicht mehr bewegen kann, so sind manche gelähmt aus Angst vor dem Misserfolg. Angst ist kein guter Ratgeber. Angst verzerrt den Blick. Bei manchen meint man, sie verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Ich wünschte, dass die Politikerinnen und Politiker und wir alle sozusagen auf den Boden kommen und tun, was dran ist. Die Sucht nach dem Erfolg und die Angst vor dem Misserfolg verderben uns.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Als er ganz unten ist, merkt er: Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand. Er sieht jetzt realistischer, das heißt er sieht sich und die Welt vor Gott.
Er kann scheitern und doch sinnvoll leben, sogar fröhlich, zuversichtlich, befreit von der Angst.
Gott hat noch etwas mit mir vor.
Ich bin gescheitert, aber nicht am Ende.
Wie Florian Sitzmann sagte: „Glaub an dich! Mach weiter!“
Oder ganz ähnlich Kristina Vogel, die Bahnradfahrerin, die seit drei Monaten querschnittsgelähmt ist: „Was soll ich mich bedauern. Es ist, wie es ist. Ich muss gefordert werden.“
Wie Florians Großvater die Angst des Krieges verarbeitet hat.
Wie viele der Flüchtlinge bei uns ein neues Leben aufbauen.
Wie manche Behinderte und Kranke den Gesunden Zuversicht vorleben.
Das Scheitern gehört zu unserem Leben. Mancher merkt, nachdem er hingefallen ist, was wirklich zählt. Aber wir sind nicht am Ende. Selbst denn, wenn wir keine Möglichkeit sehen:  Gott hat etwas mit uns vor. Gott gibt unserm Leben Sinn und Ziel. Wir sind vor Gott wert geachtet. Gott ist unsere Stärke.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

„Mutig“ – Predigt zu 2.Tim 1,6-10

Predigt am 16.9.18 von Andreas Hansen über 2.Tim 1,6-10

Paulus schreibt an seinen Freund Timotheus. Paulus ist im Gefängnis. In dieser Zeit werden Christen verfolgt und bedrängt. Sie haben Angst. „Was kommt noch auf uns zu?“ Paulus will seinen Freund ermutigen, stärken.
Er schreibt: Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte. Lass sie zur vollen Entfaltung kommen! 
Paulus hat Timotheus die Hände aufgelegt. Er hat ihn gesegnet, wie bei einer Konfirmation oder wie die Erstklässler gestern und vorgestern gesegnet wurden oder wie Brautpaare oder wie Menschen, die ein Amt bekommen.
Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte.
Paulus ist sicher: Gott hat seinen Freund Timotheus mit guten Gaben beschenkt. Er rechnet mit Gottes Kraft in den Menschen, die gesegnet werden. Dass der Glaube in euch Konfis wächst, dass die Erstklässler lernen und glücklich sind, die Paare einander in guten und schweren Zeiten lieben, die Gesegneten ihr Amt erfüllen, dass zur vollen Entfaltung kommt, was Gott an Liebe, Hoffnung und Glaube in uns legt.
Andererseits sehen wir: Nicht alles wird gut. Begabte Menschen geraten auf Abwege.  Paare trennen sich. Konfirmierte treten ein paar Jahre später aus der Kirche aus. Amtsträger missbrauchen ihr Amt.
Wir sehen in unserem Land und in vielen Ländern, wie Angst und Hass sich ausbreiten, wie engstirniger Nationalismus geschürt wird und so leicht Gewalt ausbricht.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und doch lassen wir uns oft von ihr beherrschen.
Paulus schreibt weiter:
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Bekenne dich daher ohne Scheu zu unserem Herrn, und schäme dich auch nicht, zu mir zu stehen, nur weil ich ein Gefangener bin – ich bin es ja um seinetwillen! Sei vielmehr auch du bereit, für das Evangelium zu leiden. Gott wird dir die nötige Kraft geben.
Er ist es ja auch, der uns gerettet und dazu berufen hat, zu seinem heiligen Volk zu gehören. Und das hat er nicht etwa deshalb getan, weil wir es durch entsprechende Leistungen verdient hätten, sondern aufgrund seiner eigenen freien Entscheidung. Schon vor aller Zeit war es sein Plan, uns durch Jesus Christus seine Gnade zu schenken, und das ist jetzt, da Jesus Christus in dieser Welt erschienen ist, Wirklichkeit geworden. Er, unser Retter, hat den Tod entmachtet und hat uns das Leben gebracht, das unvergänglich ist.  So sagt es das Evangelium.
Wir erfahren nicht, welche Not Timotheus plagt. Vielleicht darf Paulus nicht zu viel verraten, um ihn nicht in Gefahr zu bringen.
Nebenbei: ein späterer Christ schreibt hier unter den Namen Paulus und Timotheus – das war damals ganz übliche Praxis.
Er gibt ihm eine ganz enorme Zusage: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Timotheus hat eine schwere Zeit vor sich. Soviel ist sicher. Er muss mit großen Aufgaben fertig werden. Er ist angegriffen, vielleicht tatsächlich verfolgt.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Das möchten auch wir uns zusagen lassen. Wissen, dass die Kraft reicht, vertrauen, dass Gott zu mir hält und mir Kraft gibt: Zum Beispiel in einem Streit, der mich fertig macht, vor einem riesigen Berg von Arbeit, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich erschöpft bin.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Können Sie sich vorstellen, jemandem das zu sagen? Einem, der in ein Vorstellungsgespräch oder eine Prüfung geht: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Jemandem, der deprimiert ist: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Einer Sterbenskranken oder ihren Angehörigen: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Paulus sagt seinem Freund: „Du bleibst in der Kraft Gottes, auch wenn du leiden musst, auch wenn deine Kraft am Ende ist.“ Unsere Kraft reicht oft nicht aus: Wir fallen durch. Wir geben auf. Wir verzweifeln. Unsere Kraft, unser Leben ist begrenzt. Aber wir bleiben in der Kraft Gottes. Wir sind keine Kraftprotze, ganz gewiss nicht, aber wir sind im Leben und im Sterben von Gott gehalten.
Paulus glaubt an die Lebenskraft von Gott. Er schreibt: wir sind gerettet, berufen, erwählt. Wir sind durch Jesus mit Gnade beschenkt. Jesus Christus hat den Tod entmachtet.
Der Tod scheint uns so übermächtig: Zum Beispiel in Idlib, wo über zwei Millionen bedroht sind, bei den Opfern von Krieg und Katastrophen, aber auch, wenn ein uns naher lieber Mensch stirbt. Vor dem Tod werden wir irgendwann auch selbst stehen. Aber wir hören: Der Tod ist entmachtet. Jesus lebt. Jeden Sonntag feiern wir die Auferstehung. Jeder Sonntag ist ein wenig wie Ostern. Noch erleben und erleiden wir die Macht des Todes. Aber schon jetzt wissen wir: Der Tod ist entmachtet, überwunden. Eine neue Dimension von Leben hat begonnen, Leben in der Kraft Gottes.
Ich sage, eine neue Dimension, weil das unser Verstehen und unsere Erfahrung übersteigt. Ich glaube, dass Jesus auferstanden ist, dass er seinen Jüngern erschienen ist, dass er lebt. Ein neues Leben erschließt sich in Jesus.
Paulus versichert seinem Freund: „Verlass dich darauf: Gott hat dir seinen Geist gegeben, nicht einen Geist der Ängstlichkeit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Verlasst euch darauf: Gott ist in uns. Sein Geist wirkt in uns. Mit unseren Händen ist er am Werk. Mit unseren Worten spricht er. Was der Heilige Geist macht, muss nicht perfekt oder irgendwie übernatürlich sein. Es ist so menschlich und begrenzt wie wir sind. Gottes Geist wirkt in uns und durch uns.
Glaubt es nur: Gott gibt uns seinen Geist und Gaben des Geistes, Kraft, Liebe, Besonnenheit!
In der düstersten Zeit deutscher Geschichte schrieb Dietrich Bonhoeffer ein Bekenntnis und sagt darin: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Nicht Ängstlichkeit, sondern Kraft und Liebe und Besonnenheit wirkt Gott in uns und durch uns.
Im Moment wird es in Deutschland und vielen Ländern dunkler und enger, aber wir vertrauen dennoch, dass Gottes Geist wirkt.
Wenn uns etwas überfordert und bedrängt, was vor uns ist, greift die Angst nach uns. Aber wir schaffen es nur durch Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir Tod und Verderben in der Welt sehen, möchten wir verzweifeln oder ganz schnell wegschauen, aber durch Gottes Geist ertragen wir, was geschieht und begegnen den Mächten auch. Wir bleiben in der Kraft Gottes.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10

Predigt am 19.8.18 von Andreas Hansen über Apg 3,1-10

Eines Tages geschah Folgendes: Gegen drei Uhr, zur Zeit des Nachmittagsgebets, gingen Petrus und Johannes zum Tempel hinauf. Man brachte einen Mann, der von Geburt an gelähmt war, zu dem Tor des Tempels, das die Schöne Pforte genannt wurde. Wie jeden Tag ließ der Gelähmte sich dort hinsetzen, um von den Tempelbesuchern eine Gabe zu erbitten. Als er nun Petrus und Johannes sah, die eben durch das Tor gehen wollten, bat er sie, ihm etwas zu geben. Die beiden blickten ihn aufmerksam an, und Petrus sagte: »Sieh uns an!« Der Mann sah erwartungsvoll zu ihnen auf; er hoffte, etwas von ihnen zu bekommen. Da sagte Petrus zu ihm: »Silber habe ich nicht, und Gold habe ich nicht; doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth – steh auf und geh umher!«  Mit diesen Worten fasste er ihn bei der rechten Hand und half ihm, sich aufzurichten. Im selben Augenblick kam Kraft in die Füße des Gelähmten, und seine Gelenke wurden fest. Er sprang auf, und tatsächlich: Seine Beine trugen ihn; er konnte gehen! Der Mann folgte Petrus und Johannes in den inneren Tempelvorhof, und immerfort lief er hin und her, hüpfte vor Freude und pries Gott. Die ganze Menschenmenge wurde auf ihn aufmerksam. Als die Leute begriffen, dass der, der da hin- und hersprang und Gott lobte, niemand anders war als der Bettler, der sonst immer an der Schönen Pforte des Tempels gesessen hatte, waren sie außer sich vor Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie-Luise Kaschnitz)

„Hört das denn nie auf?“ Hannas ruft den Hohen Rat zu einer Sitzung ein. „Gestern hat die Wache zwei verhaftet. Sie haben im Tempel von diesem Jesus geredet. Habt ihr von dem Bettler gehört, dem Gelähmten, der vor der schönen Pforte? Jetzt springt er durch den Tempel und schreit herum, dass die zwei ihn geheilt haben, im Namen Jesu geheilt. Hört das denn nie auf mit diesem Jesus?“
Petrus und Johannes werden aus ihrer Zelle geholt und verhört. Sie werden bedroht. Der Hohe Rat verbietet ihnen von Jesus zu reden.
Petrus antwortet: „Wir können nicht schweigen. Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Die Sache Jesu geht weiter.
Die Wahrheit kann nicht zum Schweigen gebracht werden. Nein, das hört niemals auf!
Lukas berichtet in der Apostelgeschichte: Der Hohe Rat will die Jünger zum Schweigen bringen.
Wer in der Türkei sagt, Erdogan hat die Talfahrt der Währung verursacht, wird wegen Verrat angezeigt.
Wer in China gegen den Abriss einer Moschee protestiert, wird eingesperrt. Wer in Nicaragua die Regierung kritisiert, ist seines Lebens nicht sicher. Überall versuchen die Despoten die Wahrheit zu verbieten, aber es geht nicht.
Die vornehmen Mitglieder des Hohen Rates ärgern sich, aber sie wundern sich auch darüber, wie die einfachen Fischer reden. Etwas ist mit Petrus und Johannes geschehen. Eine Kraft treibt sie, nimmt ihnen die Furcht. Nein, es hört nicht auf. Es geht weiter, was an Ostern geschehen ist.

„Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein. Ach, wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein. Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.“
Er saß immer nur vor der Schönen Pforte. Für ihn war im Tempel kein Platz. Der Tempel ist der Ort, wo Gottes Name wohnt, wo im Namen Gottes gebetet und gefeiert wird. Er war draußen. Ohne ihn anzusehen liefen die Leute vorbei. Jeder kannte ihn, aber keiner interessierte sich für ihn. Er war der Bettler da vor der Tür.
Petrus und Johannes gehen beten. Aber sie lassen sich unterbrechen. Sie laufen nicht vorbei, bleiben stehen und schauen ihn an. Für sie ist er nicht irgendeiner. „Sieh uns an!“ Petrus und Johannes wollen ihm begegnen. Im Namen Jesu richten sie ihn auf. Wir haben keine Erklärung dafür. Etwas geschieht mit ihm. Eine Kraft löst seine Lähmung.
„Steh auf!“ sagt Petrus, zieht ihn hoch und stellt ihn auf seine Füße. Auf einmal ist Leben in seinen Füßen, die immer wie tot gewesen sind. Jetzt muss er nicht mehr getragen werden. Auf Augenhöhe schaut er die anderen an. Und jetzt springt und hüpft er vor Freude. Er tanzt einen Ostertanz. Für ihn ist heute Auferstehung. Er tanzt durch die Schöne Pforte in Gottes Haus. Seine Seele ist fröhlich und er preist Gott.

Wir sagen den Namen des lebendigen Gottes.
Im Namen Jesu feiern wir Gottesdienst, taufen wir und halten das Mahl, in seinem Namen, weil er bei uns ist.
Im Namen Jesu hört Ostern nicht auf, sondern geht weiter. Im Namen Jesu schafft Gott Leben.
Im Namen Jesu schneiden wir Brot, empfangen und essen, was wir brauchen.
Im Namen Jesu sagen wir die Wahrheit und ertragen wir die Wahrheit.
Im Namen Jesu hoffen wir, obwohl so viel Leid und Tod in der Welt ist.
Im Namen Jesu, mit seinem Blick nehmen wir Menschen wahr, hören zu, achten auf sie.
Es muss nichts Großes geschehen, dass wir im Namen Jesu einen Menschen aufrichten.
Aber weil Jesus lebt, kann Großes geschehen, dass einer springen lernt, der gelähmt war.

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Christen – Predigt über Gal 2,16+19-21

Predigt am 12.8.18 von Andreas Hansen über Gal 2,16+19-21

Vor der Predigt werden drei Kinder getauft - einer Taufsprüche ist Gal 3,26: Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus

„Sie nennen euch Christen.“
„Ach wirklich?“ Paulus ist überrascht. Das hört er zum ersten Mal. Christianoi, Christusleute, das passt, denkt er.
„Und wo finde ich die Christen?“ Er bekommt eine Wegbeschreibung und sucht, bis er in der großen Stadt Antiochia in Syrien das Haus findet, in dem die Gemeinde sich trifft. Petrus ist schon da. Er ist aus Jerusalem gekommen. Paulus freut sich, ihn nach vielen Jahren wieder zu sehen.
Dann sitzen sie miteinander am Tisch und essen, alle zusammen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen, Juden und Nichtjuden aus vielen Völkern.
„Hast du gehört, Petrus, hier nennen sie uns Christen. Das passt zu unserer Gemeinde, nicht wahr?“ „Ja, wir alle glauben, Jesus ist der Christus.“ „Und nun tragen wir seinen Namen.“
Aber dann kommen andere Leute aus Jerusalem. Jakobus, der Bruder des Herrn schickt sie. Auf einmal ist Petrus anders. Er setzt sich nur mit Juden an einen Tisch. Sie essen nicht mehr mit den Nichtjuden. Sie wollen, dass alle die Sabbatgebote halten.
Da stellt Paulus ihn zur Rede: „Das kannst du nicht machen, Petrus! Wir alle sind doch jetzt Christen. Christus  hat uns befreit und zu Gott gebracht. Aber jetzt kommt ihr und wollt, dass wir alle Juden werden? So geht es nicht!“
Aus einer kleinen Gruppe am Rand des Judentums wird eine neue Religion. Der Streit zwischen den Judenchristen und den Heidenchristen und später zwischen Juden und Christen ist im NT oft zu spüren. In Jahrhunderten haben wir Christen über die Juden unendliches Leid gebracht.
Ohne die Wurzeln im jüdischen Glauben können wir Jesus, Paulus und das Christentum nicht verstehen. Während die Juden uns Christen nicht brauchen.
Damals musste Paulus die neu entstehende Gemeinde der Christen schützen. Ein paar Jahre später begegnet ihm der Konflikt wieder in der Provinz Galatien – das ist etwa bei Ankara.

Paulus schreibt im Brief an die Galater: Gal 2,16+19-21 (NGÜ):
Aber wir wissen, dass der Mensch nicht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften für gerecht erklärt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben auch wir unser Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt, denn wir möchten vor Gott bestehen können, und das ist – wie gesagt – nur auf der Grundlage des Glaubens an Christus möglich, nicht auf der Grundlage der Gesetzeserfüllung. Niemand steht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften vor Gott gerecht da. .

In Wirklichkeit jedoch habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun; ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um von jetzt an für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.
Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.
Ich weise Gottes Gnade also nicht zurück, denn das Gesetz  kann uns nicht dazu verhelfen, vor Gott gerecht dazustehen. Wäre es anders, dann hätte Christus nicht sterben müssen.

Verrückt sieht er aus mit seinen Ringen im Ohr und in der Nase und den Tatoos auf den Armen. Aber die Alten im Heim lieben ihren Karli. Mit großer Geduld und Freundlichkeit ist er für sie da. Sein seltsames Outfit stört sie schon lang nicht mehr. Sie freuen sich über den hilfsbereiten jungen Mann. Er bringt seine Leute auch zum Gottesdienst, schiebt Rollstühle, schlägt Gesangbücher für sie auf, ist da, wenn jemand mal raus muss. Er singt nicht mit und sitzt eher unbeteiligt da. Vermutlich hat er keine Ahnung und war sonst noch nie im Gottesdienst.
Aber eines Tages geht er zum Pfarrer und sagt: Ich will getauft werden. Darauf ist der Pfarrer nicht gefasst. Noch weniger auf Karlis Begründung: „Das find ich toll, wie Jesus sich um die Leute kümmert und ihnen hilft, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Das ist cool. So will ich das auch machen.“ Der Pfarrer sieht ihn an: so ein komischer Vogel! geht das so einfach? Der passt überhaupt nicht in unsere Gemeinde. Aber dann fällt dem Pfarrer Paulus  ein: Sklaven und Freie, Männer und Frauen, Judenchristen und Christen aus den Völkern – alle sind durch Christus ein neuer Mensch geworden, alle haben Christus angezogen, alle glauben an Jesus Christus und wollen ihm folgen – darauf kommt es an.
„Schön“, er lacht Karli an und ist doch irritiert von seinem Nasenring. Karli grinst. Der Pfarrer sagt: „Die Christen waren schon immer ein bunter Haufen. Aber alle sind wir durch Jesus Gottes Kinder. Wann etwa soll die Taufe sein?“

Wer ist Gott recht? Wer kann vor ihm bestehen? Wenn wir genau hinschauen: Keiner. Keine und keiner von uns ist gut genug, heilig genug. Wir erschrecken, zu was für Grausamkeiten Menschen fähig sind. So sind wir doch nicht! Und verletzen im nächsten Augenblick einen Mitmenschen, weil wir unbedingt recht haben wollen, uns durchsetzen, zurückschlagen oder einfach egoistisch handeln.
Wir widersprechen dem Gebot, unseren Mitmenschen und so auch Gott und uns selbst zu lieben. Wir wenden uns ab von Gott – Sünde ist das. Nein, bestehen können wir nicht vor Gott.
Aber Gott wendet sich dennoch uns zu. In Jesus Christus ist er ganz bei uns und will uns bei sich. Wir sind Gott recht, weil er uns will. Er schenkt uns Gemeinschaft. Er lädt uns ein. Wir müssen nichts tun, nur seine Einladung annehmen und ihm vertrauen. Paulus schreibt: „ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.“

Paulus erträgt es nicht, wenn Petrus plötzlich nichts mehr mit den Nichtjuden zu tun haben will. Und er wird in seinem Brief an die Galater grob, weil sie den Glauben an Jesus Christus verfälschen und verraten. Er schimpft: „Wir sind Christen. Christus ist die Tür zu Gott. Außer Christus brauchen wir nichts. Wer etwas anderes lehrt und meint, das Befolgen von Geboten bringt uns zu Gott, der soll verdammt sein.“
So wütend und hart ist Paulus in seinem Brief.

Wir sind Christen. Wir sind ein bunter Haufen, aber wir gehören zusammen durch Jesus Christus. Wir sind nicht besser als andere, aber wir vertrauen auf Christus und versuchen, ihm zu folgen. Wir sind Christen und glauben, dass wir Gott recht sind, weil Gott uns in Christus seine Liebe schenkt.
Paulus schreibt auch: „Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir.“ Wir sind eins mit Christus, Gottes geliebte Kinder. Amen

Sex – Predigt über 1.Kor 6,12-20

Predigt am 22.7.18 von Andreas Hansen über 1.Kor 6,12-20

Wir haben einen besonderen Predigttext. Paulus schreibt an die Christen in Korinth über Sex und Prostitution. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Vieles, was in Korinth üblich war, verurteilt er. Aber er ist überhaupt nicht leibfeindlich oder prüde. Paulus kennt seine Bibel: da gibt es die erotischen Liebeslieder im Hohelied Salomos und viele schöne Liebesgeschichten, freilich auch Geschichten von sexueller Gewalt und Ehebruch, Eifersucht, usw. Nichts, was uns Menschen bewegt, ist Gott fremd. Darum geht es in der Bibel oft um das Thema Nr1. Sex ist so schön und birgt zugleich die Gefahr, dass wir einander wehtun und schaden. Paulus schreibt über Sex. Er schreibt als Jude, der von seiner Bibel geprägt ist, und er schreibt an Griechen, die ganz andere Vorstellungen haben. Und er schreibt vor fast 2000 Jahren. Wir sehen heute manches anders. Ich lese 1.Korinther 6,12-20 (Neue Genfer Übersetzung).

»Alles ist mir erlaubt!« Wer so redet, dem antworte ich: Aber nicht alles, was mir erlaubt ist, ist auch gut für mich und für andere. – »Alles ist mir erlaubt!«  Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherr-schen lasse. Ihr sagt: »Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen, und dem einen wie dem anderen wird Gott ein Ende bereiten.« Einverstanden, aber das heißt noch lange nicht, dass wir mit unserem Körper machen können, was wir wollen. Der Körper ist nicht für die Unmoral da, sondern für den Herrn, und der Herr ist für den Körper da und sorgt für ihn. Und genauso, wie Gott den Herrn von den Toten auferweckt hat, wird er durch seine Macht auch uns vom Tod auferwecken und unseren Körper wieder lebendig machen. Wisst ihr nicht, dass ihr zum Leib Christi gehört und dass damit auch euer Körper ein Teil seines Leibes ist? Soll ich denn nun, indem ich mich mit einer Prostituierten einlasse, Christus das wegnehmen, was einen Teil seines Leibes ausmacht, und es zu einem Teil ihres Leibes machen? Niemals! Überlegt doch einmal: Wer sich mit einer Prostituierten einlässt, wird mit ihr eins; sein Körper verbindet sich mit ihrem Körper. Es heißt ja in der Schrift: »Die zwei werden ein Leib sein.« Wer sich hingegen mit dem Herrn verbindet, wird eins mit ihm; sein Geist verbindet sich mit dem Geist des Herrn. Lasst euch unter keinen Umständen zu sexueller Unmoral verleiten! Was immer ein Mensch für Sünden begehen mag – bei keiner Sünde versündigt er sich so unmittelbar an seinem eigenen Körper wie bei sexueller Unmoral. Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst. Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!

Korinth ist eine große, bunte Hafenstadt. Am Tempel der Liebesgöttin Aphrodite arbeiten Hunderte von Tempeldirnen. Sex mit Sklavinnen und Sklaven ist normal. Hier kann sich jeder nach Lust und Laune austoben. „Paulus, du hast doch gesagt: Uns ist alles erlaubt. Ja, diese Freiheit passt zu uns in Korinth.“
Moment mal! Konnte sich wirklich jeder austoben und vor allem jede Frau? Ich glaube nicht, dass die Sklaven und die Tempeldirnen diese Freiheit so toll fanden. Sexuelle Unterdrückung war für Paulus kein Thema. Uns heute fällt auf, wie sehr er von den Vorstellungen seiner Zeit geprägt ist.
„Alles ist erlaubt“? – „Ja“, sagt Paulus, „aber nicht alles ist auch zuträglich.“ Die griechischen Christen in Korinth messen dem Körperlichen einfach keine Bedeutung bei. Der Leib ist für sie nur eine Hülle, mit der man tun kann, was man will. Griechen denken: „Was nur äußerlich geschieht, kann doch nicht schaden. Was ich esse, ob ich Sport treibe, ob ich Sex habe – das alles ist nur körperlich und der Körper wird zerfallen. Wichtig ist der Geist. Mein Leib ist bedeutungslos. Er ist eher ein Gefängnis für mein wahres Ich. Darum kann ich den Leib und alles Leibliche verachten. Was ich mit meinem Körper anstelle, auch Sex, berührt mich gar nicht wirklich.“ Darum meinen die Leute in Korinth auch: „Es spielt keine Rolle, ob wir zu den Dirnen gehen. Das ist doch nur ein körperlicher Akt, wie Essen und Trinken.“
Hier prallen die Kulturen aufeinander. Hier muss der jüdisch denkende Paulus widersprechen: „Es ist nicht bedeutungslos, was wir mit unserem Körper machen. Körper und Seele sind untrennbar eins. Sex ist kein seelenloses, äußerliches Tun. Leib und Geist und Seele sind eine Einheit.“
An diesem Punkt finde ich Paulus richtig gut und auch modern. Wir alle erfahren, wie eng unser seelisches und unser körperliches Befinden verbunden sind. Viele machen zum Beispiel Karate oder Yoga: Beide betonen, wie eng Körper und Seele aufeinander wirken. Sie können einander beflügeln oder auch lähmen. Wie wir atmen, essen, uns bewegen – was wir mit unserem Körper tun, das macht uns aus, auch als Person. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Gott hat uns unseren Leib gegeben.
Paulus kann den Leib also nicht verachten oder gering schätzen. Und das umso weniger, als Gott in Jesus Mensch geworden ist, leibhaftig wie wir.
Das bedeutet nun nicht, dass wir ins Gegenteil verfallen und einen Kult um der Körper treiben. Wir schätzen den Leib als Gabe von Gott und alles, was wir durch ihn genießen. Aber wir müssen nicht um jeden Preis gesund, sportlich und schön sein.
Auch hier gilt die Freiheit eines Christenmenschen: Wir sind von Gott angenommen, gerechtfertigt, auch in unserem leiblichen Sein. Unseren Körper mit seinen Maßen und Möglichkeiten dürfen wir als Gabe von Gott genießen. Wir sollen ihn nicht vernachlässigen oder schädigen, aber wir stehen auch körperlich nicht unter Leistungsdruck.
Darum achten wir Sexualität und Zärtlichkeit als wunderbare Gabe Gottes. Es ist etwas ganz Besonderes, dass wir einen Menschen zärtlich beschenken, verwöhnen, annehmen und einander größte Nähe gewähren. Paulus erinnert an den Schöpfungsbericht: Die zwei werden ein Leib. Das ist für Paulus schön und keineswegs zu verachten.
Sex wurde in der Geschichte der Christen oft verteufelt. Sexuelle Lust wurde nur als Sünde betrachtet. Sünde ist die Gier, die nur haben und beherrschen will, den anderen gebraucht und keine wirkliche Nähe zulässt.
Aber Sexualität, das Sich-einander-Schenken, Begehren und Lust, ist für Paulus gut und schön. Die Liebenden sind einander einmalig nahe. Sie werden eins. Sie werden ein Teil des anderen. Bert Brecht  dichtete: „Der, den ich liebe, hat mir gesagt, dass er mich braucht. Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.“ Die Liebenden brauchen einander. Sie sind einander unersetzlich, kostbar, und darum achten sie auch auf sich selbst.
Liebe verträgt keine Leichtfertigkeit und Unverbindlichkeit.
Liebe braucht Treue, Hingabe, Ehrlichkeit und gegenseitige Achtung.
Für Paulus steht unser Verhältnis zu Gott auf dem Spiel, wenn wir unseren Leib missbrauchen. Als Leib gehören wir uns nicht selbst. Als Leib sind wir in Beziehungen. Die Liebenden werden eins. Für Paulus ist das sogar ein Bild für unsere Beziehung zu Jesus Christus. Er redet von Zärtlichkeit, Begehren und Lust in einem Atemzug mit der Einheit im Leib Christi: „unser Körper ist ein Teil des Leibes Christi“
Daraus folgt für Paulus: „Ihr könnt nicht zu den Dirnen gehen und so tun, als berührte es euch nicht. Ihr irrt euch und ihr schadet euch. Wer sich mit einer Dirne einlässt, stört die Beziehung zu Christus.“
Ich würde noch allgemeiner sagen: „Ihr schadet euch selbst, wenn ihr Sex ohne Liebe und Treue habt, wenn ihr einander nicht wirklich nah sein wollt. Wer Sex ohne wirkliche Beziehung hat, verfehlt, was Gott uns schenkt. Er widerspricht der Liebe Gottes.“
„Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst. Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!“
Mit unserem Leib können wir Gott verherrlichen. Wunderbar: Unser Körper, so unvollkommen, verletzlich und hinfällig wie er ist, kann Gott preisen. Mit unserem Leib können wir Gott verherrlichen. Und zu unserem Leib gehört auch Zärtlichkeit, Begehren, Lust. Sexualität ist eine wunderbare Gabe Gottes.
Das Hohelied Salomos schwärmt: „Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg. Wer meint, er könne solche Liebe kaufen, der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!“

Amen

ein Schatz, Ansprache im Gottesdienst für Klein und Groß mit Kinderchor über Mt 13,44 und Jer 29,13f

Predigt am 8.7.18 von Andreas Hansen über Mt 13,44

Der Kinderchor singt das Musical Der Schatz im Acker

Lesung vor dem Kindermusical: Wir fragen nach Gott. Er antwortet durch den Propheten Jeremia und sagt:

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn  ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. (Jer 29,13f)

Gott will sich von uns finden lassen.
Kennt Ihr das Spiel?: Kleine Kinder verstecken sich. Sie lachen, wenn wir sie finden. Von diesem Spiel können sie gar nicht genug kriegen. Es ist schön, so wunderschön: Mama strahlt, wenn sie mich entdeckt. So und noch viel mehr freut sich Gott, wenn wir ihn suchen und finden. Vom Finden redet auch Jesus. Er erzählt eine Geschichte vom Finden. Er sagt: Gott hat einen wunderschönen Schatz für euch. Das Himmelreich ist wie ein Schatz.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war und von einem Mann entdeckt wurde. Der Mann freute sich so sehr, dass er, nachdem er den Schatz wieder vergraben hatte, alles verkaufte, was er besaß, und dafür den Acker kaufte. (Mt 13,44)

Nach dem Musical: Das Himmelreich ist wie ein Schatz. Jesus erzählt so, dass die Leute ihn verstehen. Die meisten seiner Zuhörer sind einfache Leute vom Land. Sie müssen schwer arbeiten. Viele sind arm und werden immer ärmer. Die Steuern sind hoch. Viele arbeiten als Knechte für andere. „Oh, einen Schatz zu finden – das wäre toll!“ Sie stellen sich vor, wie es geschieht: „Du ziehst deinen Pflug über den Acker. Auf einmal geht es nicht weiter. Der Pflug stößt auf etwas Hartes und bleibt hängen, bestimmt ein großer Stein. Der muss weg. Also nimmst du die Schaufel und gräbst. Ja, da ist was. Noch ein paar Schaufeln Erde, dann siehst du: Oh, ein Krug aus Ton. Weiter schaufeln, dann kannst du ihn bewegen, rüttelst ihn frei, hebst ihn hoch – ist der schwer, dieser Krug! –  du stellst ihn neben das Loch und kratzt, bis er sich er sich öffnen lässt, und da: Silbermünzen! Ein ganzer Krug voll Silber! Was für ein Fund! Was für ein Glück!“ So stellen sie sich einen Schatz vor.
Ob Jesus so einen Schatz meint? Aber Jesus ist ja genauso arm wie sie selbst.   Der hat keinen Krug voll Silber oder Gold.
„Was für einen Schatz meinst du, Jesus? Was ist so kostbar, dass einer alles dafür gibt?“
Petrus und Andreas stehen daneben und sagen: „Wir haben ja auch alles gegeben. Unsere Boote haben wir stehen gelassen und sogar unsere Familie zurückgelassen.“
Jesus sagt: „Und was habt ihr gefunden?“
„Dich haben wir gefunden. Oder hast eher du uns gefunden?“
Da lacht Jesus: „Und jetzt, seid ihr genauso  arm wie vorher?“
„Nein, reich sind wir.“

Später werden sie Jesus Sohn Gottes und Jesus Christus nennen. Er ist so voller Liebe und Leben. Durch ihn haben sie entdeckt: wir sind kostbar für Gott; wir sind Gottes Kinder.  Gott ist unser guter Vater. Das Himmelreich ist hier, bei Jesus. Niemals mehr wollen sie das verlieren.
Jesus selbst kann auf wunderbare Weise Menschen finden. Jesus entdeckt die Menschen, die sich verstecken und den anderen etwas vormachen, so als ob sie eine Maske tragen. Jesus sieht die Menschen, die sich vor lauter Gier nach Macht oder Erfolg selbst vergessen. Jesus sieht auch die, die sich selbst nichts zutrauen, und die, denen wir nichts Gutes zutrauen. Jesus freut sich über die Menschen, die er findet, und er freut sich über die, die ihn entdecken. Er sagt zu seinen Jüngern: „Auch ihr sollt Menschen finden. Ihr sollt ihnen zeigen, dass Gott sie liebt. So ist das Himmelreich bei euch.“

Der Mann, von dem Jesus erzählt, gibt alles für den Schatz. Wir Christen glauben: Der Glaube an Jesus Christus ist der allergrößte Schatz. Wir haben, entdeckt, wie sehr Gott uns liebt. Das macht uns glücklich und frei. Nie wollen wir diesen Schatz verlieren. Es gab Menschen, die sind lieber gestorben als den Glauben aufzugeben. Sie haben wirklich alles gegeben. Gestern vor 494 Jahren starb hier in Kenzingen ein Mann, der für seinen Glauben bestraft wurde. Er hieß Ernst Lauterwald und war Stadtschreiber. In den Jahren 1522 bis 1524 folgten viele in Kenzingen den Lehren Martin Luthers. Sie hatten einen befreienden Glauben gefunden und wollten ihn um keinen Preis wieder verlieren. Dann wurden diese Lutheraner vertrieben und Lauterwald sogar zum Tod verurteilt. Wie gut, dass wir Christen uns heute nicht mehr so streiten!

Ein Mensch findet einen Schatz.
Er ist glücklich. Er gibt alles dafür.
Der Schatz ist Jesus selbst. Er schenkt uns die Liebe Gottes. Glauben und Freiheit finden wir bei ihm.
Diesen Schatz wollen wir niemals verlieren. Wir sind reich, auch und gerade wenn wir viel geben. Amen

Flagge zeigen? – Predigt über 1.Petrus 3,15

Predigt am 24.6.18 von Andreas Hansen

Haltet Christus in euren Herzen heilig.  Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.

Das ist mir heilig: Ein Ring von meiner Liebsten und die Zeit mit ihr, das Bild von Kindern und Enkelin, Freunde und auch mein Beruf – vielleicht auch ein wenig: mein Rad, meine Lieblingskünstler, Musik und Natur – ach nein, so ganz heilig vielleicht doch nicht. Was halte ich heilig? Was ist mir heilig?
Welche fünf Dinge würde ich mitnehmen auf die berühmte Insel? „Stell dir dein Leben vor ohne, ohne die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen, die so wichtig sind!“ Was erfüllt mich so, dass ich meine: ohne das kann ich nicht leben?
Was begründet mein Leben?
Der Heidelberger Katechismus fragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, und gibt die Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin …“
Was bleibt, ist Jesu Beziehung zu mir, seine Beziehung. Ich kann alles verlieren. Ich kann beraubt werden. Meine Lieben können mich verlassen. Mein Leib, meine Seele und mein Verstand können zerbrechen. Aber die Beziehung Jesu zu mir bleibt, bleibt, selbst wenn ich sterbe.  Der Grund meines Lebens liegt nicht in mir selbst, sondern außerhalb meiner selbst. Ich bin geliebt von Gott in Jesus Christus. Ich bleibe in Gottes Liebe. Das ist mein Trost in allem. Das halte ich heilig. Darum will ich Christus in meinem Herzen heilig halten.
Ich denke nicht oft daran. Oft ist mir das viel zu groß und weit weg. Andere und kleinere Dinge sind mir nah: Ärger über ein Missgeschick, eine Dummheit oder eine Unfreundlichkeit, Freude über einen Scherz, ein Lächeln oder ein gutes Mittagessen, schlechter Schlaf oder ein Wehwehchen oder schöne Musik. Meist besteht das Leben aus den vielen Kleinigkeiten.
Aber manchmal geht es drum und dann muss das Große und Heilige gesagt sein: „Haltet Christus in euren Herzen heilig!“

Petrus rät uns: Zeigt Flagge!
Wer in diesen Wochen Flagge zeigt, macht deutlich: Ich fiebere mit, wenn meine Mannschaft spielt. Sicher, es ist nur ein Spiel, aber jetzt kommt es drauf an, jetzt geht es um Sieg oder Niederlage. Viele schließen sich mit ein, identifizieren sich mit den Elf auf dem Platz: wir spielen, wir gewinnen oder wir verlieren.
Zeigt Flagge! „Seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“
Bereit sein sollen wir immer.
Aber wann heben wir unsere Flagge als Christen? Wann wird es ernst? Wann sind wir gefragt unsere Hoffnung als Christen zu zeigen?

Drei Punkte will ich nennen.
In der Begegnung mit Glaubenden aus anderen Religionen: Ich will Muslimen, Juden, Buddhisten mit Respekt begegnen. Ich will sie niemals beleidigen und ihre Freiheit achten. Ich will verstehen, was ihren Glaube ausmacht. Ich will unterscheiden zwischen denen, die Religion für ihre Zwecke benutzen und denen, die einfach von ihrem Glauben erfüllt sind. Aber dann will ich in diesem Gespräch auch sagen, warum ich an Jesus Christus glaube: Gott begegnet uns in dem Menschen Jesus. Gott leidet mit uns und für uns. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, nicht einmal der Tod. Den nahen, liebenden, leidenden, vergebenden Gott sehen wir, glauben wir in Jesus Christus.

Flagge zeigen will ich, wenn Unrecht geschieht: 1945 schrieben die Vertreter der Kirchen über ihre Schuld: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Nur wenige Christen hatten es gewagt, den Verbrechen des Staates in Deutschland zu widersprechen. Dietrich Bonhoeffer dagegen meinte schon 1933: Kirche muss Kirche für andere sein. Wer fromm ist, muss auch politisch sein.  Er sah eine letzte mögliche Aufgabe der Kirche darin, Widerstand gegen den Staat zu leisten, wenn er ein Unrechtssystem ist, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Kirche für andere, Kirche auf der Seite der Opfer – wir weisen auf die Not hin, versuchen Leidenden beizustehen, geraten aber ganz schnell auch in die politische Diskussion über Flüchtlinge, Altersarmut, Fragen der Medizinethik und so weiter. Und in der Nachfolge Jesu können wir nur für das Leben, für die Menschen, für die Wahrheit reden und handeln.
Wenn wir Flagge zeigen für Gerechtigkeit, Freiheit  und Frieden, stehen wir neben Nichtchristen und Andersgläubigen. Sie haben das gleiche Ziel.  Wir wollen „Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist“, die Hoffnung, die Jesus Christus uns schenkt. Wir glauben, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, eine Chance verdient, gegen Unrecht geschützt werden muss.

Schließlich reden wir von unserer Hoffnung als Christen, wenn andere neben uns Trost und Hoffnung nötig haben. Unsere Hoffnung ist gefragt, wenn ein Mensch neben uns mit seinen Fragen nicht weiter kommt.
Ich weiß auch nicht, warum ein lieber Mensch oder gar ein Kind unheilbar krank wird und stirbt. Ich verstehe Gott auch nicht, wenn Unglück viele Menschen trifft. Vielleicht kann ich meine Hoffnung nur ausdrücken, indem ich mit ihnen schweige oder klage: „Mein Gott, warum?“ Unrecht und Leid in der Welt bedrücken mich. Ungelöste Konflikte, Hass und Streit belasten mich. Ich werde damit nicht einfach fertig.
Und doch haben wir eine Hoffnung in Jesus Christus: Dass er das Leid der Welt und jedes Leid eines Menschen kennt und mitträgt.
Dass er auf die Schuld und Gewalt antwortet – er lässt sich selbst zum Opfer machen.
Dass auch er geschrien hat: „Mein Gott!“ und die tiefste Verzweiflung durchlitten hat.
Und dass Jesus auferstanden ist, dass Hoffnung ist, wo nach menschlichem Ermessen alles zu spät ist.

„Haltet Christus in euren Herzen heilig. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“ Unsere Hoffnung ist gefragt. Amen

Brot, das nicht satt macht, Predigt über Jes 55,1-5

Predigt am 10.6.18 von Andreas Hansen über Jes 55,1-5

Gott spricht durch Jesaja, den Propheten:

Ach! Alle ihr Durstigen! Kommt zum Wasser! Auch wer kein Geld hat: Kommt! Kauft und esst! Ohne Geld. Ganz umsonst! Wein und Milch. Warum zahlt ihr für Nicht-Brot; gebt euer Sauer-Verdientes für Nicht-Sättigendes? Warum…? Hört doch auf mich – das ist gute Speise! Das ist ein Festschmaus für eure Seele. Macht eure Ohren auf, kommt zu mir! Hört, dann werdet ihr aufleben!
Ich will mit euch einen bleibenden Bund schließen auf die verlässlichen Gnadenzusagen an David. Siehe: Zum Zeugen für die Völker mache ich ihn, zum Fürsten und Gebieter von Völkern. Siehe: Volk, das du nicht kennst, rufst du; Volk, das dich nicht kennt – zu dir laufen sie um des Herrn, deines Gottes, willen und des Heiligen Israels; denn er verherrlicht dich.

Kennen Sie Metzingen? Outlet-City? Die kleine Stadt besteht zur Hälfte aus Outlet-Centern der angesagten Marken. Im Urlaub waren wir in der Nähe und sind bei schlechtem Wetter nach Metzingen gefahren: Wir sind ganz schnell vor dem ungeheuren Rummel geflüchtet. Täglich kommen Tausende nach Metzingen, aus ganz Deutschland, der Schweiz, ja aus der ganzen Welt. Man sagt, die Ware sei extra für das Outlet-center gefertigt. Und trotzdem lockt die Aussicht auf billige Schnäppchen Massen an. Das Geschäft muss laufen. Fast jeder schleppt etliche Plastiktüten voll Ware mit sich. Wir sollen kaufen, kaufen, kaufen.

Gott geht auf den Markt. Wie ein Marktschreier preist er an, was er zu bieten hat. „Hoj!“ schreit er. „Ach!“, es ist eigentlich ein Klageruf, mit dem er die Aufmerksamkeit weckt: „He, kauft Leute!“ Er ruft. Er preist an. Aber er spielt nicht mit im Spiel um den größten Profit. Er will seine Waren verschenken! „Auch wer kein Geld hat: Kommt! Kauft und esst! Ohne Geld.“ Wo gibt es denn das?  Das widerspricht den Gesetzen des Marktes. Man bekommt nichts geschenkt. Wir erleben es täglich: Was wir bringen und leisten, zählt. Unsere Arbeit, unser Können, unser Geld. Wir bekommen nur etwas, wenn wir was zu bieten haben. Wer nichts leistet und wer sich nichts leisten kann, steht am Rand.
„Alle ihr Durstigen! Kommt zum Wasser!“ Gott verschenkt Wasser. Auch ein neues Wort haben wir im Urlaub kennengelernt: Wissen Sie, was eine Hüle ist? Ganz oben auf der schwäbischen Alb gibt es Dörfer ohne Quellen. Aus dem Teich, der Hüle trank Mensch und Vieh – die Qualität des Wassers war unerträglich. Nur weit unten im Tal gab es frisches Wasser. Vor 120 Jahren gingen sie zum König nach Stuttgart und verlangten eine Wasserleitung. „Mir dädet´s scho no drinke, aber ´s Vieh weigert sich.“
In vielen Ländern ist Wasser ein kostbares Gut. Menschen stehen Schlange und zahlen viel für trinkbares Wasser.
Gott ruft: „Auch, wer kein Geld hat, kommt!“ Umsonst gibt Gott Wasser und Brot, elementare Lebensmittel, ohne die es nicht geht. Gott bietet auch Wein und Milch, den Glanz des Lebens.
Gott lockt und wirbt. Gott sieht, was wir brauchen. Er will es uns geben. Aber uns fällt es schwer, uns einfach beschenken zu lassen.
„Man bekommt nichts geschenkt.“ Davon sind wir zutiefst überzeugt. Wir sind geprägt vom Gesetz des Marktes, Kunden, die für ihr gutes Geld ordentlich bedient werden wollen.
Ich will es noch deutlicher sagen: Wir glauben an Geld und Profit – so funktioniert unsere Welt, und so wird sie untergehen, wenn wir nicht wach werden und der Logik der Habgier widersprechen – überall in der Welt können wir doch sehen, was sie anrichtet.
Gott ruft wie ein Marktschreier, aber Gott widerspricht der Logik des Kaufens und Verkaufens, Gott widerspricht dem Immer-mehr-haben-Wollen.
Man bekommt nichts geschenkt? Doch! Das, was wirklich zählt, können wir nur geschenkt bekommen und selbst schenken: Reich sind wir, wenn wir Zuwendung, Vertrauen, Wertschätzung geben und empfangen. Reich sind wir durch das, was Gott uns schenkt. Das Leben selbst und alle seine Farben und Klänge sind uns geschenkt.
„Warum zahlt ihr für Nicht-Brot?“ fragt Gott sein Volk. So fragt auch der Prophet Jesaja – es war eine Zeit des Umbruchs, die Menschen verwirrt und haltlos, ängstlich und gierig nach Leben. Jesaja verspottet die selbst gezimmerten Götterbilder seiner Zeitgenossen.
„Warum zahlt ihr für Nicht-Brot?“ könnte man auch heute fragen. Warum gebt ihr so viel für das, was nicht satt macht?   Menschen suchen ihr Glück und Heil in dem,  was sie selbst schaffen oder einkaufen. Ihre Seele bleibt hungrig. Gott widerspricht dem Gesetz des Kaufens und dem Gesetz der Leistung und der ganzen selbstsüchtigen Angst, zu kurz zu kommen. Gott will, dass wir nicht am Leben vorbei leben.  Was wir wirklich zutiefst brauchen, was unseren Hunger und Durst nach Leben stillt, das will er uns geben, das kann uns nur Gott selbst geben. Darum wirbt er so eindringlich: „Hört doch auf mich – das ist gute Speise! Das ist ein Festschmaus für eure Seele. Macht eure Ohren auf, kommt zu mir! Hört, dann werdet ihr aufleben!“ Wir sollen durch Worte gesättigt werden. Können Worte so viel bewirken? Ja, ganz sicher: Freundliche Worte eines Menschen, der mir wichtig ist, machen mich froh. Gute Worte eines Menschen, den ich liebe, sind ein Glück. Wie viel Mut und Kraft zum Leben ist dann erst in Worten von Gott! – sie können sogar Leid und Tod überwinden. „Hört, dann werdet ihr aufleben!“ Dem Hören ist die Gabe des Lebens verheißen.
Gott sagt: „Ich will mit euch einen bleibenden Bund schließen auf die verlässlichen Gnaden-zusagen an David.“ Ein Bund: Bei unserer Taufe hat Gott einen Bund mit uns geschlossen. Als wir konfirmiert (oder gefirmt) wurden, sagten wir: Wir bleiben mit Gott im Bund. Gott gibt ein Versprechen, wie er es David, dem König, gegeben hat. Mit Gott im Bund sind wir wie Königskinder. Wir sind Menschen, die sich etwas zutrauen dürfen.
David steht für die Hoffnung auf eine gerechte und gute Welt. David ist der Friedenskönig, nach dem sich die Menschen sehnten und sehnen. Jesus haben sie den Sohn Davids genannt. Menschen, die ihn hörten, sind aufgelebt. Einer sagte zu ihm: Du hast Worte des ewigen Lebens.
„Ach! Alle ihr Durstigen! Kommt!“ Gott wirbt um sein Volk. Gott ruft uns. Er ist sich nicht zu schade, auf den Markt zu gehen. Er will uns Leben geben, Leben in Fülle, in Frieden, in Gerechtigkeit. Er schenkt, was so lebensnotwendig ist wie Wasser, wie Brot. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Das Leben können wir nicht kaufen. Wir bekommen es geschenkt. Jesus gibt uns sich selbst.
Wir sind wie Königskinder. Wir sind reich. Amen

Alles in Christus – Predigt zum Sonntag Trinitatis über Epheser 1,3-14

Predigt am 27.5.18 von Andreas Hansen über Eph 1,3-14

im Gottesdienst wird das Bild Auferstehung von Alfred Manessier (1948 ) gezeigt

„ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Irgendwann hat das jemand zu uns gesagt, zu Ihnen und zu mir, und uns Wasser über den Kopf gegossen. Wir sind getauft im Namen des dreieinigen Gottes – unser Name ist zusammen mit Vater, Sohn und Heiliger Geist genannt – wir sind verbunden mit Gott.  
Ich weiß, wann ich getauft wurde, denn meine Mutter hatte an dem Tag Geburtstag und es war  damals der erste Adventssonntag. Aber natürlich weiß ich das nur, weil man es mir erzählt hat. Ich war viel zu klein, um mich zu erinnern. Den meisten von Ihnen wird es ähnlich gehen, aber wir wissen doch, dass wir getauft wurden. Also: Ich gehöre zur Gemeinde. Ich gehöre zu Jesus Christus. Jesus steht an meiner Seite,   was auch geschieht.
Der Predigttext für diesen Sonntag ist ein Lied für Getaufte. Er lobt Gott über alles. Gott hat uns so wunderbar viel Gutes geschenkt. Lassen Sie uns das Loblied gemeinsam im Wechsel sprechen:

Ein Loblied im Epheserbrief (1,3-14),  übersetzt von Klaus Berger und Christiane Nord

Lobend wollen wir uns zu Gott wenden. Er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat sich uns zugewandt mit allem Segen vom hohen Himmel her, indem er Jesus sandte.
Denn er hat uns zu seinem Eigentum gemacht gemeinsam mit Christus von Anbeginn der Welt.
Heilig sollten wir sein und ohne Makel vor seinem Angesicht. Voll Liebe wollte er immer schon, dass wir seine Kinder werden.
Das ist sein erklärter Wille. Denn er will, dass wir seine herrliche Gnade loben, die er uns geschenkt hat in seinem Sohn, den er liebt.
Durch seinen Sohn sind wir befreit. Er war bereit, durch seinen grausamen Tod für uns die Freiheit zu erkaufen. So wurden unsere Verfehlungen vergeben.
Denn reich ist die Gnade, die Gott über uns ausgeschüttet hat. Voll Weisheit und Klugheit hat er uns wissen lassen seinen geheimen Willen.
Das hat er beschlossen und bestimmt um seines Sohnes willen. So hat er festgelegt, was sein wird, wenn alle Zeit abgelaufen ist.
Und alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und alles auf Erden.
Zusammen mit Christus wurden auch wir zu Erben eingesetzt. Denn dazu hat er uns von Anfang an bestimmt. Und was er will, das tut er auch.
Er will, dass die Menschen im Blick auf uns, die wir schon lange auf den Messias hofften, seine Herrlichkeit lobpreisen.
Auch ihr seid dem Messias verbunden. Weil ihr zu ihm gehört, habt ihr die Botschaft vernommen, die Halt gibt, das Evangelium, das euch rettet.
Weil ihr zu ihm gehört, seid ihr gläubig geworden und habt den heiligen Geist empfangen.
Durch ihn sollt ihr wohlbehalten sein, bis Gott seine Verheißungen wahr macht.
Der Heilige Geist ist ein Pfand für unser künftiges Erbe.
Durch dieses Pfand sind wir freigekauft und werden Gottes Eigentum, so dass die Menschen mit Blick auf uns seine Herrlichkeit lobpreisen. Amen

Es kann einem schwindlig werden, nicht wahr, bei dieser Fülle. Lesen Sie noch einmal in Ruhe – ich halte meinen Mund.

Stellen Sie sich vor: Das alles ist im griechischen Urtext ein einziger Satz, ein Satzungetüm. Das Herz ist voll und der Mund fließt über. Wir sind überfordert, der Fülle von Gedanken zu folgen.
Das Lied umspannt die ganze Welt, Himmel und Erde, Ursprung und Ziel, alles. Es ist wie eine große Bewegung, ein Strom, eine Kraft. Sie geht aus von Gott von Anbeginn der Welt. Und sie führt zu Gott, zum Lob seiner Herrlichkeit. Jesus Christus war schon immer da. Es ist dieselbe Liebe, in der Gott ja sagt zu seiner Schöpfung, Leben schenkt und alles ins Sein ruft. Und es ist dieselbe Liebe, die in Jesus Mensch wurde, zu uns kommt und uns erlöst. Von der Schöpfung bis zum Ziel strömt alles aus der Liebe, die wir in Jesus Christus erkennen.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Einen weiten Kreis umspannt das Loblied, viel weiter als wir überhaupt denken können. Und zugleich beschreibt es, dass wir in diese  große Bewegung eingefügt sind durch Jesus Christus. Wir sind erwählt und erlöst. Wir werden erben, teilhaben an Gottes Herrlichkeit und wir haben als Unterpfand schon jetzt den Heiligen Geist. Das alles geschieht in Christus. In ihm berühren sich Himmel und Erde. Er verbindet uns mit Gott.
Ist das nicht viel zu großartig beschrieben? Verliert das Lied die Wirklichkeit aus dem Blick? Alles erfüllt und getragen von Gottes Liebe. Wir sehen von Ostern her, in Christus gleichsam eine neue Dimension von Wirklichkeit. Leben ist nicht vergeblich, sondern sinnvoll und hoffnungsvoll, denn hinter allem steht Gottes Ja. Das Licht von Ostern vertreibt alles Dunkel. Durch Jesus Christus sind wir in das warme, helle Osterlicht getaucht. Wir sind getauft. Wir gehören zu ihm.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Unsere Welt fällt auseinander in Gegensätze, die unüberbrückbar scheinen. Da leben Menschen in Gaza und sagen: es ist ein Gefängnis, in das uns der Staat Israel sperrt – seit 70 Jahren herrscht Unrecht über uns. Darum drängen sie verzweifelt gegen die Grenze an und nehmen sogar Tote und Verletzte in Kauf. Auf der anderen Seite Israel: Immer wieder werden wir aus Gaza beschossen. Terroristen kommen von dort in unser Land. Sie wollen uns vernichten – wir müssen uns wehren. Unrecht gegen Unrecht – wird das je eine Lösung finden? Finden wir einen Ausweg aus unseren unseligen Konflikten? Man könnte verzweifeln über die Unversöhnlichkeit.
Unsere Welt fällt auseinander, weil Egoismus regiert. Der neue Nationalismus, das „Wir-zuerst“, der rücksichtslose Verbrauch von Ressourcen – immer toben sich egoistische, habgierige, macht-hungrige Interessen aus. In unserem Umfeld ganz nah sind wir nicht besser: Wie viele Familien sind heillos zerstritten, weil es etwas zu erben gab. Man könnte verzweifeln über die Rücksichtslosigkeit. Jeder sieht nur auf seinen Vorteil. Vor dem, was wir anrichten verschließen wir die Augen.
Viele verzweifeln wirklichund sagen: „Die Welt ist schlecht. Man kann nichts machen. Alles ist sinnlos.“
Nein! In Gottes Namen Nein! Diese Welt, Gottes Welt, fällt nicht einfach in den Abgrund. Unser Leben, uns von Gott geschenkt, ist nicht sinnlos.
In Konflikten, in Scheitern und Schmerz, in unserem Versagen und unserer Schuld, in Krankheit, Unglück, Tod, in allem ist dennoch Gottes Liebe der Grund dieser Welt und dieses Lebens, sind wir durch Christus von Anbeginn der Welt in Gottes Liebe.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Für mich zeigt das Osterbild von Manessier etwas von der größeren Kraft Christi, in die alles hineingezogen wird. Gott ist größer als meine Vorurteile, viel größer als mein enger Horizont, größer als meine und unser aller Schuld, größer auch als die Mächte des Bösen und des Todes.
Die Christen damals in Ephesus standen eher am Rand der Gesellschaft. Aber ihnen sagt Paulus: wir sind von Gott erwählt, jede und jeder etwas ganz Besonderes für ihn, geliebt, so wie wir jedes unserer Kinder lieben, Kinder Gottes. Und: Wir sind erlöst. Wir haben sehr nötig, dass Gott sich gnädig zu uns wendet. Das geschieht: Gott nimmt uns an. Gott heilt die zerrissene Welt. Das meinen wir, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen „Jesus sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Ein gnädiges Gericht erhoffen wir durch ihn. Einen weiten Bogen zieht das Loblied. Es mag uns schwindlig werden dabei. Wir entsprechen doch so überhaupt nicht diesen hohen Begriffen. Das ist sozusagen nicht unsere Welt. Wir sind schwach im Glauben. Wie sollen wir tatsächlich in diesem Licht Gottes bestehen? Da sagt das Lied zu uns, zu den Getauften:  Wir werden Gottes Herrlichkeit erben. So zu erben ist eine feine Sache. Gott bindet sich an uns. Gott hat zu seinen Erben gemacht.
Manchmal spüren wir jetzt schon etwas von der Kraft, die uns zuwächst, von Glauben, Liebe und Hoffnung. Der Heilige Geist ist uns in der Taufe versprochen. Gott hilft unserem schwachen Glauben auf.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Halleluja. Amen