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Verantwortung, Predigt über 4.Mose 11

Predigt am 15.3.20 von Andreas Hansen über 4.Mose 11

Ökumenischer Gottesdienst zum Thema Verantwortung. Die Predigt wurde nicht gehalten, da der ökumenische Gottesdienst wegen der Corona-Virus-Epidemie abgesagt wurde

Zu Beginn des Gottesdienstes wird an die Berufung Moses erinnert. Er lässt sich nur widerwillg von Gott in den Dienst nehmen. Es wird ein schwerer Weg für Mose, bis er die Israeliten davon überzeugt, dass Gott sie in die Freiheit führen will, bis der Pharao endlich nachgibt und sie ziehen lässt, bis sie die ägyptischen Streitwagen hinter sich im Meer versinken sehen. Es bleibt eine schwere Last für Mose auf dem Weg durch die Wüste mit dem murrenden Volk. Hören wir, wie Gott ihm hilft, als er an seiner Aufgabe verzweifelt, eine Lesung aus 4.Mose, Numeri 11:

Mose aber hörte, wie das Volk weinte, eine Sippe wie die andere, ein jeder am Eingang seines Zelts. Und der Zorn des HERRN entbrannte heftig, und es missfiel Mose. Und Mose sprach zum HERRN: Warum gehst du so übel um mit deinem Diener, und warum finde ich keine Gnade in deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? Habe denn ich dieses ganze Volk empfangen, oder habe ich es gezeugt, dass du zu mir sagst: Trage es an deiner Brust, wie der Wärter den Säugling trägt, in das Land, das du seinen Vorfahren zugeschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, um es diesem ganzen Volk zu geben? Denn sie weinen vor mir und sagen: Gib uns Fleisch, damit wir essen können! Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, denn es ist zu schwer für mich. Wenn du aber weiter so an mir handeln willst, töte mich lieber, wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, damit ich mein Unglück nicht länger ansehen muss.
Da sprach der HERR zu Mose: Versammle mir siebzig Männer von den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie die Ältesten des Volks und seine Aufseher sind, und nimm sie mit zum Zelt der Begegnung, und sie sollen sich mit dir hinstellen. Dann werde ich herabkommen und dort mit dir reden und von dem Geist, der auf dir ruht, nehmen und auf sie legen, und sie sollen mit dir die Last des Volks tragen, so musst du sie nicht mehr allein tragen.

Möchten Sie mit Mose tauschen?
Möchten Sie ein Mose sein?
Eine Frau Merkel oder ein Herr Kretschmann?
Wenn das Volk auf seinem Weg durch die Wüste nicht weiter weiß, fragen sie Mose. Das ist schon was, wenn alle zu einer oder einem aufschauen und die oder der kann sagen, wo es langgeht.
Andrerseits kann es für Mose oder Merkel auch ganz schnell unangenehm werden.
Die Leute stehen vor ihren Zelten und jammern. Das ganze Volk beklagt sich bei Mose. „Du hast uns hierher geführt! Du bist schuld an unserer Misere!“
Wir haben an unsere Kirchengemeinderäte und Pfarrgemeinderäte gedacht und uns darum für das Thema „Verantwortung“ entschieden. Da lassen sich Leute aufstellen und wählen. Da sind Menschen bereit für andere zu entscheiden, gemeinsam mit dem Pfarrer die Gemeinde zu leiten, Verantwortung zu tragen.
Jetzt hat uns die Corona-Krise eingeholt. Auf einmal tappen wir alle durch unbekanntes Land wie das Volk Israel durch die Wüste.

Ich möchte als erstes danken. Ich möchte denen danken, die ihren Kopf hinhalten, wie man sagt, denen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Ein Amt kann Freude machen, aber es kann auch sehr schnell eine Last sein. Danke an euch Kirchengemeinderäte und Pfarrgemeinde-räte, an alle, die in der Gemeinde Ämter und Ver-antwortung übernehmen und den Kopf hinhalten. Danke an unsere Stadträte und den Bürgermeister und alle bis zu Merkel und Kretschmann, die jetzt sicher ihre Verantwortung als Last empfinden.
Es ist mühsam ein Volk durch unbekanntes Land, durch die „Wüste“ zu führen. Die Verantwortlichen verdienen Unterstützung und Achtung.
In der aktuellen Situation gilt umso mehr, dass wir Drohungen, Beleidigungen und Intrigen gegen sie nicht zulassen können.

Mose schlägt Wut und Ablehnung entgegen.   Allen Ernstes sehnen sie zurück nach Ägypten. Das Land der Sklaverei erscheint ihnen als ein Ort der Sicherheit und des geregelten Auskommens. Gott hat das Volk befreit und sie vor Feinden, Durst und Hunger bewahrt. Mose hat sie gut geführt. Aber das ist vergessen. Sie wollen Fleisch. Alle stehen vor den Zelten und jammern und beschimpfen Mose.
So steht es in der Bibel. So beschreibt Israel sich selbst mit einer gehörigen Portion Humor. In der Wüste zu verzweifeln, weil der Speisezettel zu eintönig ist – das ist lächerlich. Es grenzt an Hysterie, wie sie da stehen und jammern.  Ihre Wut auf „die da oben“, auf Mose und Gott, ist völlig unangemessen und führt in die Sackgasse.
Gott schenke uns, dass wir den Humor nicht verlieren! Gott gebe uns, dass wir uns selbst ab und zu mit etwas Abstand ansehen und dass wir uns nicht anstecken lassen von Hysterie! Gott gebe uns, dass wir in allen Herausforderungen dieser Tage ruhig bleiben und nicht das rechte Maß aus dem Blick verlieren!
Israel kann über sich selbst lachen. Sie können auch den großen Mose in seiner menschlichen Schwäche sehen. Jetzt wird ihm die Last der Verantwortung zu groß. Er kann nicht mehr. Mose ist überfordert und wünscht sich sogar zu sterben.
Erschöpfungsdepression wird sein Zustand von Ärzten genannt, Burnout. Auch die ganz Großen kommen an ihre Grenze. Wir sind alle nur Menschen. Was heute viele plagt, wird schon damals ernst genommen.
Gott nimmt uns ernst und geht auf Mose ein. Er entlässt ihn nicht aus seiner Verantwortung. Aber er bringt ihn dazu Aufgaben zu delegieren. Auch Mose hat unangemessen auf die Herausforderung reagiert: „Ich muss allein dieses ganze Volk tragen“? – das stimmt doch gar nicht.  „Nie hast du, Mose, das Volk getragen. Denn auch du trägst nur so viel, wie Gott dir die Kraft gibt.“
Mose muss seine Sichtweise ändern. Gott gibt ihm eine neue Perspektive. Mose muss lernen im Team zu leiten, Verantwortung zu teilen. 70 Älteste tragen jetzt mit ihm die Entscheidungen und übernehmen Managementaufgaben. Mose lernt. Alle, die Verantwortung tragen, sollen lernen. Wir wachsen in unsere Aufgaben hinein. Und wir brauchen das Team, die anderen, die mitdenken, mitentscheiden, mitbeten. Keine und keiner trägt allein die Gemeinde. Wir alle sind darauf angewiesen, dass Gott uns den Geist gibt, dass er uns befähigt und begabt zu unserem Amt und zu unserer Verantwortung.

Zuletzt möchte ich an einen Satz voll Zuversicht erinnern. Er steht im Psalm 68 und heißt:
„Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft und auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, der vom Tod errettet.“
Lasst uns nicht jammern und hysterisch werden, sondern die Herausforderungen annehmen, die Last der Verantwortung tragen. Wir haben viel Grund zuversichtlich zu sein: „Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, der vom Tod errettet.“ Amen

Zeig dein Gesicht – Predigt über 1.Mose 3

Predigt am 1.3.20 von Andreas Hansen über 1.Mose 3,1-21

Lesung waren Verse aus 1. Mose 2

Gott ist ein Schneider. Wie bitte? Gott ist ein Schneider. Er macht für Adam und Eva Kleider von Fell und zieht sie ihnen an. Sie sollen nicht frierend und schutzlos durch´s Leben gehen. Gott umsorgt seine Menschen auch jetzt. Sie leben nicht mehr im Paradies. Mühe und Schweiß, Dornen und Disteln, Schmerzen und Vergeblichkeit müssen sie ertragen, aber dennoch sind sie beschützt von Gott.
„Zieh dir was an! Und pass auf dich auf!“ Wie eine fürsorgliche Mutter. Gott kann es nicht lassen. Er schneidert schnell noch was für sie und zieht es ihnen an.
Erinnern Sie sich, wie wir oft bockig auf die Mahnungen reagiert haben? Aber vielleicht waren Sie ja brav und folgsam als Kinder.
Gott ist ein Schneider. Gott ist eine Mutter. Wie ein Töpfer formt Gott den Menschen aus Staub von der Erde. Er beatmet ihn, dass er lebt. Er gibt ihm den Mitmenschen, der ihn glücklich macht.
Ganz einfach redet der Mythos von Gott und von uns Menschen. Natürlich ist es ein Mythos, eine Geschichte des Glaubens. Aber was meinen wir denn, wenn wir von Schöpfung reden? Nichts anderes, als die liebevolle Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen, seine mütterliche Freude an unserem Leben, seine Verbundenheit mit uns, seine Fürsorge für uns  trotz allem, was wir anrichten.
Selbstverständlich wussten sie schon damals, dass Gott kein alter Mann mit Bart ist. Man hört den ironischen Unterton heraus, wenn es heißt:      Gott spaziert in der Kühle des Abends durch seinen Garten. Umso ernster und dringender ist seine Frage: „Wo bist du?“ ruft Gott. „Wo bist du, Mensch? Meinst du wirklich, du kannst dich vor Gott verstecken? Mach dich doch nicht lächerlich!“
„Wo bist du?“ fragt Gott uns. „Wo stehst du? Wofür stehst du? Zeig dein Gesicht!“ Der alte Mythos fordert uns heraus. „Antwortest du? Bist du verantwortlich? Oder willst du dich verstecken?“
Schöpfungsglaube heißt: wir vertrauen auf Gott. Gott schafft Leben in all seiner Schönheit. Wir können das Leben nicht machen. Wir müssen es auch nicht machen – wir stoßen an Grenzen. Das Leben bleibt uns unverfügbar.
Schöpfungsglaube heißt auch: Gott will Gutes für uns und alle Geschöpfe. Wir sollen antworten, mutig und verantwortlich handeln, für das Leben entscheiden. Es kann sein, dass wir Fehler machen und schuldig werden. Trotzdem können wir uns nicht verstecken. Wir leben „jenseits von Eden“. Schuld, Bosheit, menschliche Schwäche kennzeichnen unsere Welt. Wir erleben Böses in unseren Beziehungen und auch in uns selbst. Aber Gott überlässt uns nicht einfach uns selbst. Er kümmert sich um uns, mütterlich, fürsorglich und streng. Er hört nicht auf, nach uns zu fragen. „Wo bist du? Wo stehst du, Mensch?“

Wir müssen unser Gesicht zeigen, entscheiden. In manchen Fällen ist die Entscheidung schwer. So oder so werden wir schuldig. Dürfen wir einem Menschen, der nicht mehr leben kann und will, zur Selbsttötung helfen? Dürfen wir ihm diesen Schritt verwehren? Es geht nicht um ein abstraktes Prinzip – jeder Fall ist besonders. Betroffene und Ärzte brauchen Hilfe und Begleitung. Jede und jeder von uns kann in eine Situation kommen, dass wir mitentscheiden, ob ein Leben enden darf, weil Therapie nicht mehr sinnvoll und angemessen ist.
Oder: Wo bist du? Wir sind gefragt, wenn in unserer Klasse eine oder einer gemobbt wird.   Wir sind gefragt, wenn beleidigt und beschimpft wird. Nach den Gewalttaten in Kassel, Halle und Hanau sind wir dringend gefragt, wie wir für eine freie, menschliche Gesellschaft einstehen, wie wir uns wehren gegen Hass und Hetze. Das gleiche Problem auf dem Schulhof wie in der Politik: Wir sollen alle Menschen achten und kein Hetze und Missachtung zulassen.
Wir sind als Europäer gefragt, wie wir das Elend in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln hinnehmen können. Wir sind als Mitmenschen herausgefordert, anderen zum Nächsten zu werden, zuständig zu sein.
„Wo bist du, Mensch? Hör auf mit dem Versteckspiel! Zeig dein Gesicht!“ Gott hört nicht auf zu fragen. Unsere Antwort ist ihm wichtig. Denn wir sollen Verantwortung tragen. Für uns selbst, für unsere Mitmenschen, für die Schöpfung.
Aber was machen Adam und Eva? Sie spielen Verstecken. „Die Frau, die du mir gegeben hast, die hat mir die Frucht gegeben.   Ich hab nicht angefangen.“ „Die Schlange war´s, die hat mich betrogen. Ich kann nichts dafür.“ Wir könnten ein dickes Buch schreiben voll mit Ausreden dafür, warum wir nicht tun, was recht ist, oder warum wir Unrecht tun, obwohl wir es genau wissen.
Mein Klassenkamerad kam fast täglich zu spät. Eintrag um Eintrag kassierte er, bei den meisten Lehrern. Nur unser lieber Lateinlehrer lachte freundlich zu seinen immer neuen Ausreden.   „Die Schranken waren zu.“ „Mein Wecker ist kaputt.“ „Ich musste noch mein Heft suchen.“     Wir begannen schon zu kichern, wenn er vor sich hin nuschelte und die nächste Ausrede erfand. Unser Lateinlehrer lachte ihn an, freundlich und entwaffnend, als wollte er sagen: „Du weißt doch selbst, dass es nicht stimmt.“
Ich stelle mir vor, Gott lacht wie mein Lateinlehrer. Er ist voll Wohlwollen. Natürlich durchschaut er meine Ausreden. Und er hört nicht auf zu fragen: „Wo bist du?“
Adam und Eva sollen erwachsen werden. Sie müssen selbst erkennen, wie lächerlich ihre Ausreden sind. Sie müssen aufhören damit, sich selbst etwas vorzumachen. Sie schämen sich, weil Gott sie durchschaut.
Sie wollen sein wie Gott. Die Schlange spricht nur aus, was Adam und Eva fühlen: Wir wollen keine Regeln von Gott. Wir setzen selbst unsere Maßstäbe. Wir entscheiden selbst und akzeptieren keine Grenzen.
„Adam“ heißt Mensch. Das sind wir alle. Sünde ist das Misstrauen gegen Gott. In seinem Größenwahn meint der Mensch, er kommt ohne Gott aus. In seiner Gier nimmt er sich einfach, was ihm passt. Die Früchte des Baumes sind ein Symbol für unseren Widerspruch gegen Gott.
Adam will mehr sein, als er ist. Er will sein wie Gott. Er macht Gott seinen Platz streitig. Aber damit muss Adam scheitern. Er ist doch nicht Herr über das Leben. Gott hat Staub von der Erde genommen, den Menschen geformt und ihm Leben eingehaucht. Das Leben kommt von Gott. Die Erde heißt Adama. Adam, der Mensch ist ein Erdling. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“
„Wo bist du?“ Wir sollen erwachsen werden. Wir sollen unseren Platz finden, unsere Grenze, unseren Auftrag. Wir sind Geschöpfe, Erdlinge und doch gewürdigt als Gottes Partner, verantwortlich für unsere Mitmenschen, verantwortlich für  Gottes Schöpfung.

Da stehen Adam und Eva und schämen sich. Gott zeigt ihnen die Folgen ihrer Entscheidung und schickt sie aus dem Garten fort. Sie haben sich gegen ihn entschieden. Aber dennoch macht Gott ihnen Kleider.
„Zieh dir was an, Adam! Pass auf dich auf, Eva! Ich werde immer wieder nach dir fragen. Wo bist du? Zeig dein Gesicht! Geh aufrecht, du mein Mensch!“
So spricht Gott und lacht uns an. Amen

Die Wahrheit muss gesagt werden – Predigt über Ez 2,1-3,3

Predigt am 16.2.20 von Andreas Hansen über Ez 2,1-3,3

Er hat sich sein Leben anders vorgestellt. Ezechiel ist Priester wie sein Vater. Der Tempel ist sein Ort. Aber jetzt ist er weit weg von Jerusalem. Er ist am Fluss Kebar, in Babylonien, in der Fremde zusammen mit den Verbannten. Das geschieht im Jahr 593 vor Christus. Wenige Jahre später wird der Tempel zerstört.
Ezechiel will Priester sein. Er will seinen Mitmenschen zu Gott helfen, ein Mittler sein zwischen Gott und ihnen. Aber jetzt überfällt ihn eine Vision:   Der Himmel öffnet sich. Er sieht Gottes Herrlichkeit und ist überwältigt. „Gottes Wort ergeht an ihn.“ heißt es immer wieder in seinem Buch. Gottes Wort bricht in sein Leben ein. Jetzt ist er Gottes Prophet.
Hören wir im Predigttext, wie Gott Ezechiel beauftragt:

Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füße, und ich will zu dir sprechen!  Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte den, der zu mir sprach. Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, zu Nationen, die sich auflehnen, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag. Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR!  Und sie – mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! -, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! Du aber, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit, öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe. Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle.  Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren Klagen und Seufzer und Wehrufe. Und er sprach zu mir: Du Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle, und geh, sprich zum Haus Israel! Und ich öffnete meinen Mund, und er ließ mich jene Rolle essen. Und er sprach zu mir: Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süß.

Sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Sie sind widerspenstig. Verhärtete Gesichter, harte Herzen. Antworten, wie Dornen und Skorpione. Sie und ihre Vorfahren haben mit Gott gebrochen und sich abgewandt von ihm. Dennoch: „Ob sie hören oder nicht, sag ihnen Gottes Wort!“  Das wird ein harter Weg für Ezechiel. „Gott macht stark“, „Gott möge stark machen“ heißt sein Name –    er kann es brauchen, dass Gott ihn stark macht. „Fürchte dich nicht, Ezechiel! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“
Gottes Worte gegen unseren Widerspruch.  Gottes Worte  trotz unserer harten Herzen. Gott sagt sein Wort, damals zu seinem Volk, und heute ebenfalls zu Menschen, deren Worte zum Fürchten sind. Auch zu uns spricht Gott durch seinen Propheten.
Worte können viel bewegen.
Ein Ja kann glücklich machen.
Ein abschätziges Urteil kann vernichten.
Ein Gerücht kann Menschen ins Unglück stürzen.
Eine Stimme in einer Wahl kann entscheiden. Was wir einmal gesagt haben, bleibt in der Welt. Der Stachel einer gemeinen Bemerkung bleibt. Das Ergebnis einer Wahl kann nicht einfach rückgängig gemacht werden.
Es ist so hässlich, was für Worte wir Menschen einander an den Kopf werfen. Wir erleben eine Verrohung der Sprache. Beleidigungen, Hassmails, Shitstorms müssen viele Personen des öffentlichen Lebens ertragen. Es gehört zum Konzept rechtsextremer Kreise: dass sie Tabus brechen, sagen, was andere verletzt, Menschen verachtende Sprache. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ So versuchen sie ihre Haltung hoffähig zu machen.
Worte können viel bewegen.
Sie wecken Vertrauen oder zerstören es, sie richten auf oder entmutigen, sie heilen oder richten Schaden an.
Viele setzen Worte wie Waffen ein, beleidigende Tweets, Drohungen, rufschädigende Lügen – etwas bleibt ja immer hängen. Und viele glauben dem Gerede und lassen sich aufhetzen.
Wir machen es genauso, wenn wir Gerüchte streuen, Intrigen anheizen und andere schlecht machen, wenn wir über die anderen reden, statt mit ihnen, wenn wir unser Urteil längst gefällt haben und darum gar nicht mehr zuhören wollen.

Gott klagt: sein Volk  wendet sich von ihm ab – sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit – sie wollen nicht hören. Enttäuscht und traurig ist Gott über sein Volk.
Warum muss Ezechiel diesen üblen Job machen, wenn Gott doch schon überzeugt ist, dass sie nicht hören? Warum muss er Prophet sein für das Haus der Widerspenstigkeit?
Weil die Wahrheit trotz allem gesagt werden muss. Weil Gott nicht resigniert und immer noch und vielleicht umso mehr an diesem widerspenstigen Volk hängt. Ezechiel darf nicht schweigen. Gottes Wort muss er sich einverleiben und er muss es sagen. Klagen, Seufzer, Weherufe – wer mag so eine Botschaft schlucken? Wer mag sich unbeliebt machen mit solchen Worten von Gott?
Die Wahrheit muss gesagt werden.
Sie bleibt wahr, auch wenn sie nicht gehört wird.
Sie wird sich als wahr erweisen, selbst wenn erst Spätere das erkennen.
Die Wahrheit muss gesagt werden.
Das Verfahren gegen Trump hatte keine Chance im Kongress und doch musste es sein.
Die Friday-for-Future-Demonstranten sind von ihrer Wirkung enttäuscht und doch ist wichtig, was sie machen.

Sind wir das Haus der Widerspenstigkeit? Sollen wir uns angesprochen fühlen? Haben wir harte Gesichter? Verstockte Herzen wie der Pharao? Das kann schon sein. Wir wenden uns ab von Gott, wenn wir unseren Mitmenschen verachten und benutzen und verletzen. Wir sind kaum bereit uns selbst kritisch zu sehen, uns zu ändern. Unsere verletzenden Worte treffen Gott.

Wir sind zum Glück nicht Ezechiel, aber getrauen wir uns unbequeme Wahrheiten zu sagen!
„Gott macht stark“ heißt sein Name. Er darf es erfahren, wie Gott ihm die Furcht nimmt. Ezechiel wird ihnen die Wahrheit in ihre harten Gesichter sagen – kein angenehmer Job. Die Wahrheit ist bitter, und wird für ihn doch süß wie Honig, denn es ist Gottes Wort, das er sich einverleiben und dann sagen muss. Später, viel später, wird Ezechiel auch von der neuen Chance reden, die Gott schenkt.

Die Wahrheit muss gesagt werden.
Gott sei Dank: Gott sagt uns sein Wort.
„Fürchte dich nicht, Ezechiel! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“
Amen

„seid niemals gleichgültig!“, Predigt über Offenbarung 1,9-18

Predigt am 2.2.20 von Andreas Hansen über Offenbarung 1,9-18

Ich, Johannes, euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis, der mit euch teilhat an der Herrschaft und  mit euch in Jesus ausharrt, ich bin auf die Insel Patmos gekommen – um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die zu mir sprach. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter, und inmitten der Leuchter eine Gestalt, einem Menschensohn gleich, gekleidet in ein Gewand, das bis zu den Füßen reichte, und um die Brust gegürtet mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen, seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen geglüht, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser. Und in seiner Rechten hielt er sieben Sterne, und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Antlitz leuchtete,    wie die Sonne strahlt in ihrer Kraft.
Und als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen, und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

Patmos wird die Heilige Insel genannt. Dort hört Johannes eines Sonntags die Stimme. Wie eine Posaune hinter ihm. Und dann wie tosende Wasser. Als er sich zu der Stimme umwendet, sieht Johannes den Auferstandenen in einem überwältigenden, kaum zu beschreibenden Bild, ein Bild, das ihn umwirft.
Viele Menschen kommen mit dem Schiff nach Patmos, auf die Heilige Insel. Touristen und Pilger klettern auf den Berg mit dem tausend Jahre alten Johanneskloster. Johannes flüchtet vom Festland hierher – er nennt es Verbannung, aber es ist wohl eine Flucht. Heute schützt sich die Heilige Insel vor den Flücht-lingen. Der Weg vom türkischen Festland ist nicht weit. Tausende kommen jedes Jahr. Sie fliehen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Ganz in der Nähe der Heiligen Insel liegen Samos, Leros, Kos und die anderen Inseln mit den berüchtigten Flüchtlingslagern.
Dort schaffen wir es nicht für menschenwürdige Zustände zu sorgen. „Wir“, Europa, nicht die Griechen allein, sind für das Elend dieser Lager verantwortlich. Eine Schande für Europa!
Direkt neben der Heiligen Insel liegt die Not und die Schuld der Welt. So war es schon damals. Bedroht und bedrängt von der gewalttätigen römischen Staatsmacht hat Johannes seine Vision von Christus. Die ersten Märtyrer sind zu beklagen –  sie müssen sterben, weil sie Christen sind. Der Druck auf die Gemeinden steigt. Sie sind nicht bereit, Bilder des Kaisers anzubeten. Sie werden boykottiert und verfolgt. Als Rom brennt, behauptet der Kaiser Nero, die Christen hätten den Brand gelegt – diese seltsame, lächerliche Gruppe von Leuten, die einen Gekreuzigten verehren – sie sind damals der ideale Sündenbock. Johannes sieht und beschreibt in seinem Buch die Gewalt und das Unrecht, das geschieht.
Apokalypse, Offenbarung heißen visionäre Texte wie der von Johannes. In großen, geheimnisvollen Bildern zeigt sich Gott. Das hat immer wieder zu seltsamen Deutungen angeregt. Oft wurden die apokalyptischen Texte missverstanden und falsch gedeutet. Die vielen Bilder können nicht einfach als Schilderung künftiger Ereignisse dienen. Johannes betreibt nicht Wahrsagerei. Auf keinen Fall will er Angst und Schrecken verbreiten. Seine Schilderungen von Gewalt, seine rätselhaften Bilder sind für seine Zeitgenossen offenkundig Anspielungen auf das römische Imperium.
Das Wichtigste ist: Gott offenbart sich den Opfern von Unrecht und Gewalt. Sie sind nicht vergessen. Allen Menschen, auch uns heute wird zugesagt: Das Böse bleibt nicht ohne Antwort.

Ich erinnere mich an ein paar Schläger auf unserer Schulparty, als ich etwa 15 war. Plötzlich, mitten im Gewühl vieler Tanzender standen sie um mich herum und schubsten mich hin und her und boxten mich in den Bauch. Ich kannte die gar nicht. Sie haben mich wohl zufällig ausgesucht. Mir ist nicht viel geschehen, aber ich war erschüttert von der Unverfrorenheit: „das machen die einfach, weil sie sich unangreifbar fühlen, weil sie denken, uns kann keiner etwas anhaben“. Was mich empört hat, ist die Frechheit, mit der Menschen anderen Böses antun.
Meine Erfahrung als Jugendlicher ist ein Klacks, ein Vogelschiss gegenüber Morddrohungen gegen Politiker, Journalisten und andere in unserem Land. In der Anonymität des Internets oder ganz offen auf der Straße wird beleidigt und zu Gewalt aufgerufen.
Die Unverfrorenheit ist erschütternd.
Wir haben in der letzten Woche  Bilder aus Auschwitz gesehen. Unfassbar und beschämend. Sie haben das unsagbar Böse einfach getan. Tausende haben mitgemacht. Millionen haben geschwiegen. „Seid niemals gleichgültig!“,  mahnte einer der Überlebenden am Montag.

Johannes soll auf das Böse antworten. Er denkt an seine Mitchristen und Freunde – sie feiern gerade Gottesdienst und er ist auf Patmos – da sieht er den auferstandenen Christus. „Schreib, was du siehst, tröste die bedrängten Gemeinden. Gott antwortet auf das Böse.“
Karfreitag und Ostern ist Gottes Antwort. Gott selbst setzt sich dem Bösen aus. Jesus lässt sich schlagen und schlägt nicht zurück. Er wird zum Opfer des Unrechts – er opfert sich selbst. Aber er bleibt nicht im Tod. Der Tod kann ihn nicht halten.
Strahlend hell und schön sieht Johannes den auferstandenen Christus vor sich. Er hat sieben Sterne in der Hand. Er steht inmitten der sieben Leuchter für die Gemeinden. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit: Himmel und Erde berühren sich, Dreieinigkeit und vier Elemente. Johannes darf sehen, was unendlich tröstlich ist. Zugleich überfordert ihn das Bild – er stürzt zu Boden.
Dann legt Jesus Christus ihm die Hand auf die Schulter, eine kleine Geste nach diesem großen Erlebnis, und er sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.
Noch einmal bestätigt Jesus Christus, was Johannes gesehen hat: Christus lebt. Er ist auferstanden. Er ist bei uns. Das Böse behält nicht das letzte Wort. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Jesus Christus, der Auferstandene hat die Schlüssel. 
Er sagt: „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“(3,8)
Wir erleben uns selbst eingeschlossen, festgehalten, blockiert von Ängsten, Zwängen, Sorgen.
In Angst, die Anerkennung anderer zu verlieren,  in Sorge um Gesundheit und Auskommen, blockiert von ungelösten Konflikten, von altem Streit, der immer wieder hochkocht. Wir sind festgehalten in ungerechten Strukturen: Was können wir schon tun gegen Armut – und doch stehen wir auf der Seite der Reichen. Wie müssten wir unsere Verhalten ändern, um die Schöpfung zu schon – und doch leben wir auf großem ökologischen Fuß. Wir sind alle eingeschlossen unter der Macht des Todes und manchmal wie gelähmt von der Wucht des Bösen.
„Ich habe die Schlüssel“, sagt Christus. Heißt das, wir legen die Hände in den Schoß und warten einfach, was kommt? Nein, das ist zu wenig. 
Wir stoßen an verschlossene Türen und stolpern über unsere Ängste, aber wir nehmen das nicht hin. Wir sehen das Böse in seiner Macht, die Strukturen des Unrechts, und wir resignieren nicht davor. Wir sehen auch das Böse, das wir selbst tun, aber wir hoffen auf Vergebung und eine neue Chance.
Jesus Christus hat die Schlüssel. Nicht einmal der Tod  kann ihn halten. Er behält das letzte Wort über die Welt und über uns. Amen

„Lass uns nicht in Ruhe, Gott!“ Predigt über Jeremia 14,1-9

Predigt am 19.1.20 von Andreas Hansen über Jer 14,1-9

Gott spricht sein Ja. Gott hat Ja zu uns gesagt. Gott hat die Erde und uns Menschen geschaffen. Gott sagt ein unverbrüchliches Ja zu uns in Jesus.
Aber Gott hilft uns nicht wie auf Knopfdruck. Es ist nicht so, dass wir beten: „Hilf uns, Gott!“ und schon ist alles wieder heil. Gott bewahrt uns nicht vor allem Bösen und auch nicht vor dem, was wir selbst anrichten. Und wenn ein Unglück wütet, geraten wir in Angst, dass Gott uns verlassen könnte.

„Some of us have seen, what´s coming“ schreibt Cody Petterson aus Kalifornien in seinem Blog im April 2019. Einige von uns haben gesehen, was kommen wird. Tausende reagierten auf die Ver-zweiflung, die er beschreibt. Ein Jahrzehnt lang hat er versucht, ein Naturschutzgebiet wieder aufzuforsten. Dann wird ihm auf einmal bewusst, dass er es nicht schafft. Die meisten seiner jungen Bäume sind abgestorben. Cody sitzt weinend in seinem Auto. Wie kann er das seinen Kindern sagen? „Am 1. April 2019, kurz nach 15 Uhr starb meine Zuversicht, ein Phantasiebild in mir … Wir werden nicht retten, was einmal war.“ „Some of us have seen, what´s coming“
Einige sehen, viele verschließen die Augen.
2007 hat der Weltklimarat der Vereinten Nationen vorhergesagt, dass sich in Australien ab 2030 der Klimawandel bemerkbar machen wird, durch Dürren und heftige Buschfeuer in immer kürzeren Abständen. Eine australische Studie von 2008 sagte voraus, es wird schon 2020 soweit sein. Eine Fläche so groß wie ein Drittel von Deutschland brennt dort oder ist verbrannt.

Den Predigttext habe ich nicht ausgesucht. Er ist uns für diesen Sonntag vorgegeben:
Das war das Wort des HERRN an Jeremia aus Anlass der Dürre-Not. (Gott sagt:)
Juda trauert, und seine Tore sind verfallen, trauernd sind sie zu Boden gesunken, und Jerusalems Schreie steigen empor. Und ihre Mächtigen schicken ihre Diener nach Wasser, sie kommen zu den Gruben, sie finden kein Wasser, sie kehren zurück, ihre Krüge sind leer, sie stehen in Schande und sind beschämt und verhüllen ihr Haupt. Wegen des Ackers voller Risse – ein Schrecken!, weil kein Regen auf das Land fiel, stehen die Bauern in Schande da, sie verhüllen ihr Haupt.  Sogar die Hirschkuh auf dem Feld: Sie verlässt das Junge, das sie geworfen hat, denn da ist kein Gras. Und Wildesel stehen auf kahlen Höhen,  wie die Schakale schnappen sie nach Luft, ihre Augen sind erloschen, denn da ist kein Kraut.
(Das Volk antwortet:)
Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, HERR, so handle, um deines Namens willen! Oft sind wir treulos gewesen, wir haben gesündigt gegen dich! Du, Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Not! Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und dein Name ist ausgerufen über uns! Lass uns nicht in Ruhe!      (Jeremia 14,1-9)

Gott sagt Ja. Er liebt seine Geschöpfe. Er liebt uns, seine Kinder. Gott sagt Ja zu uns und wartet sehnlich auf unsere Antwort.
Denn es ist Gott, der das Elend seiner Schöpfung beklagt. Wie in Australien liegt in Israel die Gefahr einer Dürrekatastrophe nahe. Gott klagt über die Dürre, die zur Zeit Jeremias herrscht. Gott leidet mit, wenn seine Geschöpfe leiden.
Die Tore Judas sind verfallen und trauernd zu Boden gesunken. Im Tor ist der Treffpunkt der Menschen, aber da ist niemand mehr. Die Diener gehen schon nicht mehr zu Quellen und Brunnen, aber selbst in Gruben oder Pfützen finden sie kein Wasser. Verzweifelt sehen die Bauern den rissigen Boden. Sie mühen sich vergeblich für Nahrung zu sorgen. Hirschkühe verlassen gegen ihren Instinkt ihr  Neugeborenes. Selbst die genügsamen Wildesel japsen nach Luft mit gebrochenen Augen. Eine beklemmende Schilderung.
Ich fragte Euch Konfirmanden und Ihr meint: Das erinnert an den Klimawandel, an die Feuer in Australien, auch an Krieg und Not in unserer Zeit. Was da geschieht, weckt in uns Trauer, Mitleid, auch Angst, Wut, Verzweiflung. „Mir wird klar, wie gut es mir geht“ – wie schön und kostbar, dass wir so selbstverständlich Wasser haben. Aber Ihr habt auch den Wunsch, dass wir etwas tun sollen, nicht aufgeben sollen, etwas ändern.
Die Dürre damals, die Katastrophe in Australien heute ist zum Verzweifeln. Und doch bleiben viele cool, als ginge es sie nichts an. Gerne verdrängen und beschwichtigen wir. Lange haben wir die Warnungen überhört. Schon seit über 40 Jahren wird vor dem Klimawandel gewarnt. Wir können die blinden Flecken immer besonders gut bei anderen sehen, zB beim australischen Präsidenten Scott Morrison, der den Klimawandel bis vor wenigen Tagen geleugnet hat und noch immer vehement für den Abbau von Kohle wirbt. Nur mühsam ringen wir uns dazu durch zu sehen, wie sehr auch wir verstrickt sind: Mitschuldig durch unseren Verbrauch an Ressourcen und mitbetroffen von der Not.
Jeremia predigt gegen die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen. Er möchte sie am liebsten schütteln,  damit sie endlich aufwachen. Er möchte ihnen ihre allzu bequeme Gläubigkeit austreiben. Das ist nicht Glauben, wenn ihr meint: „Gott muss uns doch helfen. Wir beten ein wenig und Gott hilft dann schon. Es ist alles gut. Wir sind sicher.“ Jeremia ist empört über die religiöse Selbstsicherheit. Gott ist nicht einfach so verfügbar für uns.  Wir können Gott nicht bei Bedarf herbeizitieren.
Die Antwort des Volkes auf Gottes Klage heißt: „Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, HERR, so handle, um deines Namens willen!“   Ein halbherziges Schuldbekenntnis, sofort verbunden mit einer Aufforderung: „Du musst doch um deines Namens willen was tun, Gott!“ Sie wollen sich nicht ändern. Sie schieben Gott die Verantwortung zu: „Jetzt rette uns, bitteschön!“
Aber Gott lässt sich nicht gleichsam anschalten. Und nun machen sie ihm Vorwürfe und sie haben Angst: „Du, Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Not! Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und dein Name ist ausgerufen über uns!“
Ihr habt die Angst und den Zweifel gut herausgehört: „Ist es Gott egal, was geschieht? Will er nicht helfen? Verschwindet Gott? Hat er uns verlassen? Was soll nur werden?“

Jeremia lässt uns nicht in bequemer Gläubigkeit. Die offenen Fragen dürfen wir nicht verdrängen. Die Not der Welt lässt Gott selbst klagen – lassen wir uns davon bewegen! Schieben wir nicht die Verantwortung von uns! Gott sagt Ja zu uns, Ja zu seiner Schöpfung. Sein Ja gilt, auch unter großen Schmerzen über das Leid der Schöpfung und das Unrecht in unserer Welt. Gott sagt Ja zu uns, aber Gott ist nicht eine bequeme Ausrede für unsere Gleichgültigkeit.
Am Ende steht die Bitte: „Lass uns nicht in Ruhe!“ Die meisten übersetzen „Verlass uns nicht!“ aber wörtlich bittet Jeremia: „Lass uns nicht in Ruhe!“

Wir brauchen deine Unruhe, Gott,
über das, was in der Welt geschieht,
über uns selbst.
Überlass uns nicht uns selbst!
Lass uns nicht in Ruhe! Amen

Quellen:

http://youthleadermagazine.com/cody-petterson-the-pine-valley-is-lost/

Die ZEIT vom 16.1.2020: Dossier über Australien

Übersetzung: Zürcher und Teile aus Christina Constanza, Detlef Dieckmann, Dürrezeiten – Klagezeite – oder: Vom Ende der Ruhe, GPM, Jg. 74, Heft 1 , S. 119 ff

Worte wie ein warmer Wind im Rücken, Predigt über Mt 3,13-17

Predigt am 12.1.20 von Andreas Hansen über Mt 3,13-17

Im Gottesdienst werden die alten Kirchengemeinderäte verabschiedet und die neuen eingeführt

Epiphanias, Erscheinung Christi – so heißt der 6. Januar. Da feiern die Christen der Ostkirche erst Weihnachten. Wir sind noch in der Weihnachtszeit. „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon.“ (1.Joh 2,8) Dieser Vers gehört zu Epiphanias.
Der neue Kirchengemeinderat beginnt in der Epiphanias-Zeit. Das passt gut. Im Licht Jesu Christi fangen wir an. Das Licht Christi soll unsere Gemeinde leiten. Das Licht Christi erhellt die komplizierte, verrückte, friedlose Welt, in der wir leben. Viele Menschen müssen im Schatten von Krieg leben. Wie nah die Gefahr sein kann, haben wir letzte Woche gespürt. Auch sonst gibt es für jede und jeden von uns dunkle Zeiten, aber wir glauben und hoffen „die Finsternis vergeht“. Christus ist alle Tage bei uns. Wir leben schon in seinem Licht.

Vor ein paar Jahren haben wir im KGR ein Leitbild für unsere Gemeinde formuliert. Im Licht Christi sind wir schon eine einladende, offene, lebendige Gemeinde – und zugleich sind wir auf dem Weg, das zu werden. Wir haben z.B. geschrieben:  „Zum Glauben an Jesus Christus gehört die Erfahrung von Gemeinschaft. Darum wollen wir eine einladende Gemeinde sein, in der wir unseren Glauben mit anderen teilen.“
Ich bin gespannt, wie wir das im neuen KGR und mit unserer Gemeinde weiterschreiben. Wir schauen immer wieder: was sind wir von Christus her schon und was wollen wir werden?
Müssen wir den Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, die Achtung vor jedem Menschen in unser Leitbild schreiben und in unserer Gemeinde neu betonen? Was sind wir von Christus her schon? Wie sollen wir Gemeinde sein?

Unser Predigttext für heute ist eine Anfangsgeschichte. Alle vier Evangelisten berichten vom erwachsenen Jesus als erstes: Jesus   kommt zu Johannes und lässt sich taufen. Hören wir, wie Matthäus davon schreibt:
Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten, und sagte: »Ich habe es nötig, von dir getauft  zu werden! Und du kommst zu mir?« Jesus antwortete ihm: »Das müssen wir jetzt tun. So erfüllen wir den Willen Gottes.« Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. Und sieh doch: Der Himmel riss über ihm auf. Er sah den Geist Gottes.  Der kam wie eine Taube auf ihn herab.  Und sieh doch: Dazu erklang eine Stimme aus dem Himmel: »Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude.«

Johannes staunt. Da steht Jesus mitten unter den Leuten, die zu ihm kommen. In Scharen kommen sie an den Jordan. Sie haben Sehnsucht nach einer neuen Zeit, nach einem neuen, guten Leben. Darum wollen sie getauft werden, ein Zeichen voll Hoffnung. Johannes  fährt die Leute an: „Kehrt um! Tut Buße! Lebt endlich gerecht!“
Was würde Johannes zu uns sagen? Vermutlich das Gleiche: „Kehrt um und lebt gerecht! Findet euch nicht ab mit Streit und Krieg! Lebt nicht so, dass ihr der Schöpfung schadet! Seid nicht so habgierig! Hört auf damit, Hass und Lüge zu verbreiten!“ Johannes hätte auch bei uns viel Grund zu schimpfen, so wie er es damals getan hat.
Jesus steht mitten unter diesen Leuten, über die Johannes schimpft. „Zu diesen Sündern passt du doch nicht, Jesus!“ Aber Jesus sagt: „Doch, hier ist mein Platz, bei den sündigen Menschen, bei den Ungerechten, bei den Friedlosen und bei den Schwachen. Zu ihnen schickt mich Gott.“ Auf solche Leute lässt Jesus sich ein.
Jetzt empfängt Jesus die Taufe wie die Leute bei Johannes, die von Gott eigentlich keine Ahnung haben, die Taufe, das Zeichen der Umkehr zu Gott. Jesus steht bei denen, die fern sind von Gott, bei den Sündern. Wir sind fern von Gott, aber Jesus ist bei uns.

Johannes staunt und muss noch mehr staunen.
Der Himmel öffnet sich. Göttlicher Glanz geht auf. Jesus sieht den Geist Gottes herabkommen. Gott lässt sich hören: Das ist mein Sohn. Ich habe ihn lieb. An ihm habe ich Freude.
Wie schön, wenn eine Mutter ihr Kind sieht und lacht und sich von Herzen freut, wenn ein Vater seine Tochter oder seinen Sohn mit glänzenden Augen freundlich ansieht. Da ist Wärme und Nähe und Vertrauen. Mein Kind, ich hab dich lieb und freu mich über dich.
Es ist zu spüren, wie gut dem Kind die Worte tun, wie es innerlich wächst und glücklich ist.
Worte wie ein warmer Wind im Rücken.
So kann man das Leben annehmen. So wird das Kind stark für alles, was kommt.
Das ist mein Sohn. Ich habe ihn lieb. An ihm habe ich Freude. Es gibt unterschiedliche Auslegungen für das, was hier mit Jesus geschieht. Wird ihm erst jetzt richtig bewusst, dass er Gottes Sohn ist? Erfährt Jesus die Stimme aus dem Himmel als Berufung durch Gott? Oder wird nun für alle offen verkündet, wer Jesus ist? Aber ganz gleich, welche Auslegung wir vorziehen, die Wärme und Vertrautheit der Worte entspricht der tiefen Verbundenheit zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater.
Worte wie ein warmer Wind im Rücken. Die Taufe gibt Jesus Rückenwind. Kraft, Mut, Vertrauen, Einsicht für das, was auf ihn zukommt. Denn das Wichtigste ist schon klar. Gott sagt: Du bist mein Sohn. Ich habe dich lieb. An dir habe ich Freude. Darauf kann sich Jesus verlassen, was auch geschieht.

Die Taufe Jesu ist ein Ur-Bild für unsere Taufe.
Gott hat zu uns gesagt: Du bist mein Kind. Ich habe dich lieb. An dir habe ich Freude.
Aber wir sind doch nicht Jesus? Nein, das sind wir nicht. Wir sind oft weit entfernt davon, wie Jesus zu lieben, friedvoll und gerecht zu leben. Aber Jesus ist doch mitten unter den Leuten, die zu Johannes kommen. Er ist bei uns. Wir leben schon in seinem Licht. Wir sind schon Kinder Gottes. Gott gibt uns Rückenwind.
Wir sind schon in der Taufe dazu berufen Jesus zu folgen. Wir sind schon berufen und begabt für unseren Weg. Wir sind gestärkt für den nächsten Schritt, für eine Entscheidung, für einen Abschied, für eine neue Aufgabe.
Martin Luther meinte einmal, die Taufe genügt und begabt uns schon Pfarrer oder Bischof oder Papst zu sein.
Die Zusage der Taufe gibt uns  Kraft und Mut, Vertrauen und Einsicht Kirchengemeinderätin  oder Kirchengemeinderat zu sein. Wir wachsen innerlich, Menschen, die Gott aufrichtet, Menschen, die Gottes Worte hörenund ernst nehmen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Verrückt? Predigt zu Hebr 13,8+9a am 31.12.19

Predigt am 31.12.19 von Andreas Hansen über Hebr 13,8+9a

Unser Predigttext für den letzten Abend des Jahres sind eineinhalb Verse aus dem Schlusskapitel des Briefes an die Hebräer:
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Wie verrückt ist die Welt gerade? Jede Woche stellt die ZEIT diese Frage an einen bekannten Menschen. Schätzen Sie auf einer Skala von eins bis zehn ein: Wie verrückt ist die Welt gerade? Was meinen Sie? Wie würden Sie den Verrückt-heitsgrad der Welt aktuell einschätzen? Bitte zeigen Sie per Handzeichen, wie Sie die Frage beantworten! Würden Sie sagen, der Verrückt-heitsgrad der Welt liegt auf einer Skala zwischen eins und zehn aktuell unter fünf? Liegt er bei sechs? Bei sieben? Acht? Neun? Oder, absolut verrückt, bei zehn? 
In der letzten ZEIT wurde Klaus-Dieter Kottnik gefragt. Er ist ursprünglich Pfarrer und schon lange für diakonische Einrichtungen tätig. Er meint „Ich glaube, die Welt ist zwischen 7 und 8. Ich kann mich in meinem Leben nicht an so komplizierte Zeiten erinnern wie jetzt gerade.“ Unsere Welt ist kompliziert, vielleicht wirklich verrückt, durchgeknallt. Ich will Ihnen keine Beispiele dafür aufzählen.  Das wäre langweilig und Sie können es in der Zeitung und allen anderen Medien bis zum Überdruss sehen.
Aber wie gehen wir damit um?
Wie gehen wir in ein neues Jahr, wenn so vieles im Umbruch ist, so viele Fragen offen, so viele Konflikte ungelöst, so viele Menschen in Not, wenn so vieles bedrohlich und unklar ist? Wie gehen wir als Christen in das neue Jahr? Wie nehmen wir Veränderungen und Herausforderungen für uns persönlich an, auch die jenseits der politischen Fragen?

Jesus Christus, gestern und heute  und derselbe auch in Ewigkeit.  Die Christen des Hebräerbriefes sind verunsichert. Sie stehen im römischen Weltreich gegen Ende des 1.Jahrhunderts am Rand der Gesellschaft.   Sie werden angegriffen und verfolgt. Viele wenden sich von der Gemeinde ab. Anderes ist für sie wichtiger und attraktiver als der Glaube an Jesus Christus. Sie leben also nicht in der Zeit einer mächtigen Staatskirche, zu der selbstverständlich alle gehören. Sie erleben eher eine Situation, die unserer Kirche heute ähnlich ist. Die sogenannte Freiburger Studie, eine Prognose der Kirchenent-wicklung bis 2060 kommt zum Schluss: die Mit-gliederzahlen beider großer Kirchen werden bis 2060 um etwa die Hälfte zurückgehen, von heute insgesamt 44,8 auf 22,7 Millionen Christen. Den Hebräern und uns sagt der Brief: Es wird geschehen, was Gott uns durch Jesus Christus zusagt. Es gilt: gestern und heute und immer. Es gilt: Gott liebt die Welt, seine Schöpfung. Er überlässt sie nicht sich selbst. Jesus ist bei uns alle Tage, was auch geschieht. Es gilt auch: Gott liebt seine Kirche.
Etwas missverständlich ist die Übersetzung „derselbe auch in Ewigkeit“, so als wäre Jesus erstarrt, unbeweglich in Panzerglas gegossen,  ein Stück für das Museum. Gemeint ist: „Jesus Christus ist treu, gestern, heute und für immer.“ Jesus bleibt sich treu und er bleibt uns treu in allem, was sich in diesem Jahr geändert hat und im nächsten ändern wird.
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Der Grund für unser Leben bleibt, das Fundament, auf dem alles ruht.   Nichts, keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Von daher verbietet sich jeder Katastrophismus!
Wir leiden vielleicht an der Verrücktheit unserer Welt, wir fürchten die Bedrohung durch den Klimawandel, aber das ist nur ein Grund, alles uns Mögliche zu tun, damit die Katastrophe ausbleibt und allen schon jetzt Betroffenen geholfen wird.
Christen lieben nicht den Untergang, sondern die Hoffnung. Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. An der Schwelle zum neuen Jahr wünsche ich Ihnen und mir selbst ein festes Herz: Stärke und Mut, Gelassenheit und Zuversicht und Vertrauen, Liebe und Glaube und Hoffnung. Dass wir so leben können: dass wir im Herzen gefestigt die Aufgaben unseres Lebens angehen, mutig und gelassen in den Problemen, die ja nicht ausbleiben, liebevoll und klar in unseren Beziehungen zu den Menschen, die uns am Herzen liegen,  und auch zu denen, mit denen wir es schwer haben oder die gegen uns sind. Ein festes Herz wünschen wir denen, die mit ihrem Leben nicht gut fertig werden. Jede und jeder kennt bei sich die unfertigen Baustellen, Schmerzpunkte, Konflikte, unerledigte Schuld, nicht bewältigtes Leid. Vielleicht kommen wir an manchen Punkten einfach nicht weiter. Dennoch, trotz allem Unvermögen, mag das Herz fest werden: durch Gnade, weil Gottes Güte so viel größer ist als unser Herz.
Dass ihr Herz durch Gottes Gnade fest werde, erbitten wir für unsere Kinder und Jugendlichen, für Menschen in schweren Zeiten, in Krisen und Entscheidungen, für die Liebenden und die Enttäuschten, für unsere Kranken und für die Sterbenden.
Da steht ein Passiv: Das Herz wird gefestigt. Wir empfangen eine confirmatio, ein Gefestigt-Werden. Wir sind auf dem Weg des Glaubens. Dass das Herz gefestigt wird, dass wir innerlich gestärkt werden und bestehen können, das ist „köstlich“, kostbar, schön, aber nicht selbstver-ständlich. Wir können darüber nicht verfügen. Es hängt nicht von unserem Wollen oder Wirken ab. Und doch verlassen wir uns darauf. Denn es wird geschehen, was Gott uns zusagt. Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Gott bleibt uns zugewandt. Christus wird auch in Ewigkeit, am Ziel aller Wege da sein. So können wir getrost in das neue Jahr gehen. Amen

Josefs Überraschung, Predigt zum Christfest über Mt 1,18-25

Predigt am 25.12.19 von Andreas Hansen über Mt 1,18-25

Gott kommt in unsere Welt. Gott wird Mensch. Viele sagen: „Ich verstehe das nicht. Für mich sind das leere Worte.“ Nicht erst heute empfinden Menschen das Wunder von Weihnachten als Zumutung. Auch die ersten Betroffenen waren überfordert. Matthäus berichtet aus der Sicht von Josef. Wir hören die Verse, die auf den Stammbaum folgen (Mt 1,18-25):
Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria,  seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich,  ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Rechtlich gesehen sind die beiden schon ein Paar. Maria gehört schon in den Stammbaum, obwohl wir heute sagen, es ist Josefs Linie.
Maria erschrickt, als sie hört, sie ist schwanger. Sie denkt: „Wie soll das denn gehen? Josef und ich haben doch nicht miteinander geschlafen. Ein Kind? Unvorstellbar!“
Josef erschrickt ebenfalls und er denkt das Naheliegende: „Maria hat was mit einem anderen.“ Er beschließt: „Ich geh fort. Ich verlasse sie. Ein Kind von einem anderen? Unvorstellbar!“ Dabei wäre Maria noch gut weggekommen. Jeder hätte ihn für den Übeltäter gehalten.
Was da geschieht, sprengt jede Vorstellung: Ein Kind ohne Vater? Ein Kind vom Heiligen Geist? Eine schwangere Jungfrau? Wir verstehen nicht. Wie kann das sein? Gott schickt seinen Engel – das Geschehen rührt an Gottes Geheimnis. Das ist für uns zu hoch.
Wir sagen „Wunder“ dazu, und viele meinen: „Wenn ihr Gläubigen nicht weiter wisst, fangt ihr an von Wundern zu reden. Das Gleiche an Ostern: Wer glaubt schon, dass einer lebt, der gestorben ist? Damit kann ich nichts anfangen.“
Was sollen wir machen? Streichen wir aus dem Glaubensbekenntnis, was zu wunderbar und unverständlich ist?
Was macht Josef? Er nimmt ernst, was er geträumt hat. Er hält zu Maria und wartet mit ihr auf das Kind. Josef versteht so wenig wie wir – er kann es nicht vernünftig erklären. Und er kann nicht abschätzen, was jetzt auf ihn zukommt. Er lässt sich darauf ein. Und doch bleibt das eine Frage für Josef: „Stimmt es wirklich? Habe ich Gottes Engel gehört, oder war es bloß ein Traumbild? Stimmt es, was Maria mir erzählt? Was bedeutet das alles?“

Es geht nicht anders: Wir kommen wie Josef an eine Grenze. Da verstehen wir nicht und können uns nur darauf einlassen – oder es ablehnen.
Weihnachten bleibt ein Geheimnis. Ein Kind wird geboren und in diesem Kind kommt Gott in die Welt. Gott wird Mensch. Jesus ist ein Mensch wie wir und doch Gottes Sohn.
Josef lässt sich darauf ein. Er verzichtet auf alles Selbertun. Er wird manchmal belächelt, dieser Josef, der ohne eigenes Zutun zu einem Sohn kommt. In den Krippen steht er oft als alter Mann da. Nachdenklich schaut er Maria und das Kind an. Aber viel schöner ist seine Rolle, wenn wir weiter im Evangelium lesen. Er wird Maria und das Kind behüten und zu ihrem Schutz ins Ausland bringen. Josef kümmert sich um die, die ihm so wunderbar anvertraut wurden. Gott hat sich ihm anvertraut und Josef nimmt ihn als den Seinen an.
Das ist Glauben: Annehmen, dass Gott in unser Leben kommt, Sich-Einlassen auf das Wunder.
Josef und Maria sind die ersten, die glauben, was wir bekennen: Jesus ist „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“.

Gott kommt in unsere Welt. Gott offenbart sich. Gott ist bei uns in dem Menschen Jesus. „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ – das heißt: Wir sind ganz und gar Empfangende.
Die Jungfrauengeburt kann missverstanden werden. Sie wurde gründlich missverstanden. Sie bedeutet nicht, dass Jesus eine Art Übermensch oder Halbgott wäre. Jesus ist ein Mensch wie wir. Jungfrauengeburt heißt nicht, dass Sexualität schlecht ist und dass Jungfräulichkeit an sich irgendwie „heilig“ ist. Dieses Missverständnis hat verheerend gewirkt. Es ist ganz und gar falsch und entspricht auch nicht dem, was in der Bibel steht.
Ob wir nun die Jungfrauengeburt wörtlich nehmen, ob wir sie als eine Legende verstehen oder als metaphorische Ausdruck: Gott, und nur Gott handelt, Gott allein entscheidet, in Jesus zu uns zu kommen. Gott ist in diesem Menschen Jesus der „Immanuel“ – Gott ist mit uns, Gott ist bei uns. Jesus ist der ganz und gar menschliche Sohn seiner Mutter Maria. Aber dass in Jesus Gott zur Welt kommt, geschieht ausschließlich durch Gott. Ohne dieses Geheimnis ist christlicher Glaube nicht vorstellbar.

Ich möchte mich neben Josef stellen und von ihm lernen. Ich möchte Gott in meinem Leben annehmen.
Wir schauen Jesus an, ein Kind wie jedes andere. Wir denken an das, was uns über das Kind gesagt ist: „Immanuel“ – Gott ist bei uns.
Ich weiß nicht, was sein wird, aber ich vertraue, Gott ist bei mir und bei uns. In meinem Leben, in meiner Liebe, in meiner Freude, in meinem Frust, in meinem Scheitern. Wie lange werde ich gesund sein? Gott ist bei mir. Werde ich schaffen, was ich mir vornehme? Gott ist bei mir. Gott ist bei uns.
Gott ist Antwort und Ziel. Gott ist Liebe und Geborgenheit. Gott ist auch Aufgabe und Forderung: ihm zu antworten, für ihn da zu sein, für den Mitmenschen, für die Schöpfung da zu sein.
Ich möchte mich neben Josef stellen und Jesus ansehen und glauben. Amen

es geht um uns, Predigt zur Christvesper über Gal 4,4-7

Predigt am 24.12.2019 von Andreas Hansen über Gal 4,4-7

Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Worte des Weihnachtsevangeliums hören? Ist die Geschichte vertraut und spricht Sie an, oder rauscht sie vorbei – man hört schon nicht mehr hin – es ist ja so viel in diesen Tagen. Haben Sie den Eindruck, Sie kommen in dieser Geschichte vor?
Es geht um uns. Gott geht es um uns.
Wir werden verändert durch Jesu Geburt. Das Kind von Bethlehem gibt uns einen neuen Stand.
Ganz anders als der Evangelist Lukas schreibt der Apostel Paulus. Er nimmt sich keine Zeit das Wunder zu bestaunen. Nicht einmal Marias oder Josefs Namen erwähnt er. Paulus konzentriert sich darauf, was für Folgen die Geburt Jesu für uns hat. Ich lese vier Verse aus dem Brief an die Gemeinden in Galatien:

 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

 Martin Luther meint zu dieser Weihnachtsge-schichte: Hier wird der Mensch „geadelt und gekönigt und gekaisert. Diese Ehre ist höher denn alle Engel. … Es wäre nit Wunder, dass die Engel alle scheele Augen kriegten.“
Wir werden geadelt, gekönigt und gekaisert. Gott wird ein Menschenkind, damit wir Gotteskinder werden.
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!“ Eine „Ehre ist höher denn alle Engel.“ Darum schauen die Engel ganz neidisch auf uns.
Gott wird Mensch: geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. Gott lässt sich ganz und gar auf unser Leben ein. Er wird einer von uns. Gott will zu uns gehören. Paulus interessiert vor allem, wozu das geschieht: damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.
Es geht um uns, liebe Gemeinde. Wir werden „erlöst“ – wir werden freigekauft. Wie man eine Sklavin oder einen Sklaven freikauft, wie man jemanden freikauft, die ihre oder der seine Schulden nicht bezahlen kann.
Wir empfangen die Kindschaft – also werden wir adoptiert, mit allen Rechten als Kinder und Erben angenommen. Wir sind Kinder Gottes.
Dass wir uns Kinder nennen, macht uns nicht etwa klein. Im Gegenteil: Wir werden erhoben und sind stolz und frei, wie Königskinder. Gott will zu uns gehören. Und nun gehören wir zu Gott. Dass wir Gottes Kinder sind, gibt uns ein Selbstvertrauen, eine Stärke, eine Freiheit. Wir werden geadelt, gekönigt, gekaisert.

Als junger Mensch habe ich ab und zu „scheele Augen“ gekriegt. Wir gehörten zu den „kleinen Leuten“, wie meine Eltern sagten. Dass ein Kind studieren durfte, war nicht selbstverständlich. Neidisch habe ich manchmal auf die Kinder aus wohlhabenden und gebildeten Elternhäusern gesehen, die vieles aus Literatur und Kultur kannten, die weltgewandt und souverän waren oder mir zumindest so vorkamen. Meine Vorstellung, wie man sein muss und was man schaffen muss, hat mich unfrei gemacht. Das Gefühl mit den anderen nicht mithalten zu können hat mich unsicher gemacht. Heute weiß ich, dass das nicht nötig ist. Aber ich sehe bei vielen, unter was für einem enormen Leistungsdruck sie stehen, wie groß die Angst ist, abgehängt zu werden, nicht gut genug zu sein.
Weihnachten ist ein Fest der Freiheit. Jesus ist unser Bruder. Gott nimmt uns als seine Kinder an. Als Menschen, die ganz sicher wissen, dass sie zu Gott gehören, bekommen wir eine königliche Freiheit.
Die alte Unfreiheit packt uns immer wieder. Wir setzen einander unter Druck. Wir machen uns selbst Stress durch das, was wir meinen erreichen und leisten und haben zu müssen. Wir sind allzu schnell bereit andere zu verurteilen und zu verachten, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen. Hass und Hetze vergiften viele Beziehungen, in unserem persönlichen Umfeld wie in der großen Politik. Es ist verführerisch gegen jemand zu sein. Wir erklären uns die Welt, indem wir Bösewichte ausmachen und auf sie schimpfen. Die Feindseligkeit, die Verachtung gegen andere – das ist wie ein Gift, das alles Beziehungen kaputt macht. Lassen wir uns nicht dazu hinreißen! Kinder Gottes haben so etwas nicht nötig.  „du bist kein Knecht mehr, sondern Kind“ schärft uns Paulus ein. Er kämpft in seinem Brief sehr engagiert darum, dass seine Gemeinde und dass wir Christen nicht die Freiheit aufgeben, die wir durch  Christus haben. Wütend schimpft er über die, die den anderen Vorschriften machen und das Vertrauen zu Christus untergraben. „Wollt ihr wirklich wieder Sklaven sein?“, fragt Paulus.

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, … damit wir die Kindschaft empfingen.  Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist  seines Sohnes in unsre Herzen gesandt.  Er ruft: Abba, lieber Vater!

Wir feiern Weihnachten.
Die Zeit ist erfüllt: Neues beginnt.
Der alte Mensch geht unter, der Mensch, der besser sein will als andere, der andere verurteilt und verachtet und hasst.
Die alte Angst ist besiegt, die Angst nicht zu genügen, die Angst vor Schwäche, vor dem Tod, die Angst, die uns selbst verurteilt und hasst.
Neues beginnt in uns. Der Geist Jesu Christi in unseren Herzen. Der Geist der Kinder Gottes voll Vertrauen.Der Heilige Geist, Geist der Freiheit.

Amen

Röm 13,8-12+14 Predigt zum 1. Advent

Predigt am 1.12.19 von Andreas Hansen über Röm 13,8-12+14

Römer 13,8-12+14: Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen. … Zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.

Advent heißt Ankommen. Gott kommt zu uns.
Jesus kommt nach Jerusalem. Wie sollen wir ihn empfangen? Wie bereiten wir uns vor?  „Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.“ Kurt Marti schreibt:

Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben. Und die Zeit läuft davon. Wessen Liebe kann das noch gut machen? Die meine nicht. Nein, die meine nicht.

Wir bleiben unseren Mitmenschen einiges und manchen sogar vieles schuldig. Paulus hat in seinem Brief eindringlich davon geschrieben.    Wir werden einander nicht gerecht. Wir sind nicht gerecht vor Gott. Und doch will Gott uns bei sich. Wir stehen in einer Spannung. Unser Leben und Tun entspricht nicht Jesus. Und doch gehören wir zu ihm und er umgibt uns, weil er uns will, weil er uns lieb hat und zu uns gehören will. Wir bleiben einander die Liebe schuldig. Aber Jesu Liebe macht die Schuld gut. Jesus ist die Liebe Gottes in Person. Jesus erfüllt das Gesetz Gottes. Wir bleiben einander vieles schuldig, aber wir bleiben in der Liebe Christi.
Unser Ungenügen kann uns manchmal lähmen. Aber das muss nicht mehr sein. Wir sind befreit von der Last alles perfekt und richtig zu machen. „Liebe und tue, was du willst.“
Wir getrauen uns zum Beispiel, uns in ein Amt wählen zu lassen und die Gemeinde zu leiten.
Oder wir getrauen uns, Kinder zu erziehen.
Wir entscheiden und setzen uns ein.
Natürlich bleiben wir manchen einiges und einigen vieles schuldig. Und doch ist es gut, dass wir mit unserer Kraft, unseren Händen, unserem Verstand und unseren Herzen tun, was wir können.
Es ist gut, wenn wir uns von unserem Ungenügen nicht lähmen lassen, sondern entscheiden und Schritte wagen. Es ist gut, weil wir in der Liebe Christi sind und bleiben.

Advent heißt Ankommen. Eigentlich ist es eine Wartezeit, eine Hoffnungszeit. Wie bereiten wir uns vor? Paulus ist überzeugt: Bald ist es soweit. „Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Gott kommt. Es wird hell.
Am Vorabend des 1. Advent 1937 liest Jochen Klepper in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine; der Spruch für den Tag ist Römer 13,12: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Der Tag Gottes kommt. Gott kommt.
Die Zeiten sind finster. Jochen Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet. Die Nazis drängen ihn, sich scheiden zu lassen. Er wird wegen seiner sogenannten Mischehe aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, darf also nichts mehr veröffentlichen. In dieser Zeit dichtet Klepper sein bekanntestes Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“. Gott kommt. Gott will im Dunkel wohnen. Gott wird uns nicht im Dunkel lassen, denn er kommt. Paulus schreibt von dem Tag, an dem Jesus wiederkommt, vom Ende der Zeit. Klepper dichtet von Krippe und Kreuz: Gott kommt und lässt sich ein auf das Dunkel unserer Welt. Was er damals mit dem Dunkel meint, ist klar. Er erlebt das Unrecht, die Unfreiheit in der Diktatur. Und er dichtet: „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr.“ Er wartet dringend auf das Licht. „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und es dulden lässt.“ Aber noch ist das Dunkel für ihn übermächtig. Der Druck auf Kleppers Familie wird immer größer. Es gelingt nicht, die Stieftochter ins Ausland zu retten. Als Verhaftung und KZ unmittelbar bevorstehen, nehmen sie sich zu dritt das Leben. Klepper schreibt zuletzt: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen gemeinsam in den Tod. Über uns steht das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.“
Die finsterste Zeit unserer deutschen Geschichte erschüttert uns bis heute. Ich misstraue jedem,  der die Verbrechen und das Unrecht jener Zeit verharmlost oder relativiert.
Zugleich glaube ich: Jede Nacht geht zu Ende. Gott kommt in unser Dunkel, in die von Unrecht und Leid gezeichnete Welt. So, wie er sich in Jesus Christus auf die Welt eingelassen hat, so kommt er auch heute an die dunkelsten Orte, wo Menschen leiden. Das feiern wir im Advent.
„Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Wir haben einen Auftrag: Wach zu sein. Lasst uns wach und aufmerksam sein! Wenn heute wieder Juden in unserem Land angegriffen werden. Wenn Hass und Hetze die Politik vergiften und gar zu Gewalt gegen verantwortliche Politiker führen. Wenn Lügen verbreitet werden und die Presse als Lügenpresse diffamiert wird. Lasst uns wach sein auch für die Menschen neben uns, in unserer Familie, in unserer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Wir leben so oft nebeneinander her und bemerken gar nicht, wie es dem anderen geht.
Wir haben den Auftrag, wach zu sein. Die Waffen des Lichts sollen wir anlegen:  Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch die Bereitschaft zugunsten der Schöpfung anders zu leben.

Wir leben wie Menschen im Advent: Bereit für Jesus. Wir erwarten und erhoffen sein Licht. Und wir leben schon jetzt in seiner Liebe. Amen