Archiv der Kategorie: Predigten

Ostern Predigt über Joh 20,11-18

Predigt am 21.4.19 von Andreas Hansen über Joh 20,11-18

Lesung vor der Predigt Joh 20,1-11, die Gemeinde hat das Bild Noli me tangere von Fra Angelico vor sich, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Angelico,_noli_me_tangere.jpg

Es ist noch finster, als Maria sich auf den Weg macht am ersten Tag der Woche, finster wie am ersten Tag der Schöpfung, bevor Gott sprach: „Es werde Licht.“ Maria findet das Grab leer und läuft zu den anderen. „Wo ist er, unser Jesus?“
Petrus und der andere Jünger rennen zum Grab, fast wie ein Wettlauf. Der andere kommt als erster dort an, aber Petrus geht zuerst in das leere Grab. Auch Maria kommt wieder.
Von dem rätselhaften anderen Jünger heißt es, er sah und glaubte, aber dann zieht er sich doch mit Petrus zurück. Bleibt er mit seinem Glauben lieber im stillen Kämmerlein? Oder ist sein Glaube nur ein kleiner Funke, der gleich wieder verglimmt?

Es ist dunkel für die Gemeinde des Evangelisten Johannes. Sie sind enttäuscht. Die römischen Behörden verfolgen sie. Die jüdische Gemeinde will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Was wird aus uns? Und wo ist Jesus? Viele ziehen sich zweifelnd und resigniert zurück.

Nicht ins Endlose wälzt sich der Strom von Gewalt und Unrecht, Leiden und Sterben. Wir bekennen und hoffen, dass Gott alle Tränen abwischen wird, dass die Liebe siegt. Aber dann fragen auch wir: Wo ist Jesus? Wir möchten gegen den Tod protestieren, aber er scheint so übermächtig.

Maria bleibt weinend am Grab stehen, als die anderen wieder fort sind. Und weiter:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria weint und sieht nichts. „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“ Für nichts anderes hat sie Augen.  Im Grab sitzen zwei Engel. Maria nimmt sie nicht wahr. Sie beeindrucken oder erschrecken sie nicht. Sie sieht nur die Tücher, die Stelle, wo Jesus gelegen hat.
Trauernde schauen auf den Platz, der leer bleibt. „Hier hat sie immer gesessen.“ „Das hat er oft getan.“ „So schön hat sie gelacht.“ „Dort waren wir gemeinsam.“ Unfassbar, dass er nicht mehr da ist. „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“
Was ist, wenn wir Jesus verlieren, wenn kein Bezug mehr zu ihm da ist, wenn uns unser Jesus, wie wir ihn geglaubt haben, fremd geworden ist? Auch so kann uns Jesus genommen werden, wenn der Glaube verblasst oder ganz erlischt.

Maria weint und erkennt selbst Jesus nicht, als er vor ihr steht. Sie dreht sich wieder zum Grab um. „Er ist weg. Hast du ihn fortgebracht? Ich will ihn wieder holen.“ Seltsam ist die Frage der Engel und die gleiche Frage Jesu: „Warum weinst du? Wen suchst du?“ Am Grab weinen wir um die, die wir verloren haben. Wir sehen zurück, auf das, was uns fehlt. Die Engel wissen schon mehr. Sie sehen das Licht Gottes, wenn für uns der Tag noch finster ist. Jesus weiß mehr. Er öffnet Maria den Blick für das Leben. „Maria!“ Sie fährt herum, erkennt ihn. Seine Stimme! Das ist er! Ihr Name in Jesu Mund! „Mein Meister! Rabbuni!“ und sie will ihn umarmen, den geliebten, so sehr vermissten Freund, aber das geht nicht. „Rühre mich nicht an! Noli me tangere! Du kannst mich nicht festhalten, Maria.“

Wir haben ja nur, was sie erzählt hat, um uns ein Bild davon zu machen. Zum Glück hat sie erzählt, Maria, die erste Zeugin des Auferstandenen, die Apostelin der Apostel! Zu Recht hat Fra Angelico ihr einen Heiligenschein gemalt. Für uns alle hat sie erzählt, dass der lebendige Jesus ihr begegnet ist. Er lebt. Jetzt erkennt sie ihn. Und doch ist er nicht wieder da, als sei nichts gewesen. Sein Leben ist nicht einfach das alte. Er ist auferstanden. Er lebt. Alles, was er gesagt hat, gilt. Sein Leben, alles, was er getan hat, ist von Gott bestätigt. Aber nun gehört er ganz zu Gott.
„Rühre mich nicht an! Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ In den Psalmen haben sie Worte dafür gefunden, die wir bis heute bekennen: Jesus lebt. Er sitzt zur Rechten Gottes. Und er ist doch auch bei uns alle Tage.

Maria sieht ihn an und meint, es ist der Gärtner. Ist das ein dummes Missverständnis oder eine tiefe Wahrheit? Sehen Sie, wie Frau Angelico entschieden hat: Eine Hacke trägt der Auferstandene über der Schulter. Üppig grünt der Garten. Paradiesisch blüht das Leben um das Grab. In der Mitte steht eine Palme, ein Lebensbaum, dort, wo das Kreuz stand. Jesus lebt. Alles Leben wird geheilt – was für eine wunderbare Hoffnung! – Gottes Liebe behält das letzte Wort, auch über unser zerbrechliches Leben und über die geschundene Schöpfung. Maria kann Jesus nicht festhalten, aber sie ist ihm begegnet. Jesus lebt. Sein Licht erfüllt sie. Sie wird vom Leben erzählen und seine Botin sein.

Und wir? Was wird aus uns, wenn unsere Tage dunkel sind, und wir unseren Glauben lieber verstecken? Was sollen wir glauben, wenn der Tod so mächtig erscheint, und wir auf die Gräber starren? „Wo ist Jesus? Wo ist unser Herr?“ fragte Maria und die anderen Jünger, fragt die Gemeinde des Johannes und fragen oft auch wir.

Gott sei Dank hat Maria davon erzählt: „Ich sah Jesus stehen und wusste nicht, dass es Jesus ist. Ich stand wie blind vor ihm. So kann es sein, dass unsere Augen blind sind, unsere Herzen verzagt, unser Glaube viel zu schwach. Aber Jesus ist mir begegnet. Er hat meinen Namen gesagt – da hab ich ihn erkannt. Und auch ihr sollt ihn erkennen.“

So erzählt es Maria den Jüngern und uns. So sollen wir es weitersagen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Nicht weglaufen – Predigt an Karfreitag 19 über Joh 19,16-30

Predigt am 19.4.19 von Andreas Hansen über Joh 19,16-30

„Ich will hier bei dir stehen. Ich sehe dein Leid. Dein Sterben macht mich hilflos, aber ich will dir nahe sein und dich nicht alleine lassen.“
Das Sterben eines geliebten Menschen sehen, Gewalt nicht aufhalten können, Sinnlosigkeit ertragen – das ist unfassbar schwer. Oft empfinde ich in der Begegnung mit Trauernden eine Scheu: Was sie bewegt, was sie verlieren, wieviel sie einander bedeuten, kann ich nur ahnen.
Unendlich schwer ist es, wenn Eltern ihr Kind verlieren, wenn ein Unfall plötzlich ein Leben beendet, wenn jemand sich selbst umbringt oder wenn gar ein Mensch durch ein Verbrechen ums Leben kommt. Immer stellt uns der Tod in Frage. Aber hart greift er uns an, wenn uns das Sterben sinnlos erscheint und wir verzweifelt nach dem Warum fragen.

Tausendfach zeigen wir den Tod in den Medien, fiktive und echte Tode – ist das ein Versuch, den Schrecken zu bannen? Sind wir, wie die Gaffer auf der Autobahn, vom Grusel fasziniert? Facebook schaffte es nicht, die vielen Kopien der Terrorvi-deos zu löschen, die in Windeseile ins Netz ge-stellt wurden. Geben wir denen keine Chance, die Gewalt verherrlichen! Wenden wir uns den Opfern zu und stehen ihnen bei, wie die Neuseeländer nach dem Massaker von Christchurch!
„Ich will hier bei dir stehen. Ich will mich neben deine Mutter und ihre Schwester stellen, neben Maria von Magdala und den Jünger, den du liebst. Warum hat er keinen Namen? Meint der Evangelist sich selbst? Oder kann ich deine Jüngerin, dein Jünger sein? Von dir geliebt, ja, aber kann ich dir folgen? Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht, lass mich bei dir und bei den Deinen sein.“

Sie sind einfach da, vier Menschen, eng mit Jesus verbunden. Sie halten es aus, die Sterbenden zu sehen, ihre Angst zu spüren, ihr Stöhnen und Schreien zu hören. Es mag der Mutter und den Freunden das Herz zerreißen, aber sie bleiben da. Es braucht Menschen, die nicht weglaufen vor dem Schrecken: Sanitäter, Ärztinnen, Polizis-tinnen, Pfleger, Seelsorger, Feuerwehrleute und viele andere. Es braucht uns als Nachbarn, Mitmenschen, Freunde, dass wir zu denen in Not gehen und bei ihnen bleiben, dass wir Angst oder auch Ekel überwinden und uns anrühren lassen vom Leid. Wir sind nötig als wache Zeitgenossen, dass wir bei denen bleiben, denen Unrecht und Gewalt geschieht.
Vier Menschen bleiben bei Jesus. Sie lassen sich nicht abhalten von denen, die ihn verspotten. Sie  überwinden die Angst vor den Soldaten, die den Verurteilten die Kleider vom Leib reißen, sie an die Balken binden oder nageln und sich die Zeit mit Würfeln  vertreiben, während sie auf den Tod der Gekreuzigten warten.
Vier Menschen lassen sich von dem Grauen und der unmenschlichen Gewalt nicht vertreiben. Sie bleiben stehen bei Jesus. Jesus spürt ihre Nähe und kann noch kurz vor seinem Tod mit ihnen fühlen und für sie da sein. Jesus stirbt, aber seine Liebe und Herzlichkeit sind ungebrochen. „Siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter. Tröstet einander, passt auf einander auf, seid füreinander da.“ So sinnlos und grausam ist sein Sterben, aber Jesus bleibt sich treu. Er liebt die Seinen bis zum Schluss.
Versuchen wir, ihm zu folgen! Lassen wir uns nicht verhärten und abstumpfen von der Gewalt in unserer Welt! Antworten wir auf den Hass mit Menschlichkeit!

Johannes betont einen anderen Akzent als die ersten drei Evangelisten: Jesus bleibt er selbst. Er hängt am Kreuz: unter großen Schmerzen hilflos, ohnmächtig, nackt und verspottet. Und doch schaffen Pilatus und die Soldaten es nicht, ihn selbst, seine Person zu zerstören oder auch nur lächerlich zu machen. Sie würfeln um seinen Rock und tun damit nur, was die Schrift  erfüllt. Pilatus will Jesus und alle Juden mit der Inschrift über dem Gekreuzigten verspotten und er sagt damit doch die Wahrheit über Jesus. Alle Welt kann es lesen: Jesus ist der König.
Wir wissen nicht, ob Pilatus ihn für schuldig hält – ohne mit der Wimper zu zucken geht er über Leichen. Er genießt es, die Juden zu provozieren. „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Basta!“  Die Priester halten Jesus für gefährlich. Sie wollen ihn loswerden: „Seht, alle Welt läuft ihm nach. Besser einer stirbt, als das ganze Volk geht unter.“ Die Soldaten fragen nicht viel. Sie machen eben, was man ihnen befiehlt. Jesus ist das Opfer eines Justizmordes.
Johannes muss das Leid des Verurteilten nicht ausmalen. Seine Gemeinde weiß, wie es ist, verfolgt zu sein. Die judenchristliche Randgruppe wird in dieser Zeit aus den Synagogen ausgeschlossen und römischen Behörden ausgeliefert. Darum schreibt Johannes so hart über „die Juden“.
Aber der Evangelist zeigt Jesus nicht einfach als wehrloses Opfer von Unrecht und Gewalt. Er beschreibt ihn fast wie einen Sieger: „Es ist vollbracht.“ Als sei er am Ziel: „Es ist vollbracht.“ Ganz und gar hat Jesus sich hingegeben. Die Liebe ist am Ziel. Sein Leben, sein Werk,  ist nicht vernichtet. Die Mächtigen können sein Leben nicht für falsch und sinnlos erklären. Ihr Spott über Jesus kann vielmehr nur seine Wahrheit bestätigen: Er ist der von Gott gesandte König.
Am Kreuz wurden Menschen ausgelöscht. Aber jetzt ist das Kreuz ein Siegeszeichen.
Johannes schreibt, anders als die anderen: Jesus trägt sein Kreuz. Und schon sein Wort für „Tragen“ deutet an, dass es nicht das Ende ist. Ertragen, begreifen, austragen, wie eine Frau ein Kind austrägt – all das klingt an.
„Es ist vollbracht“, damit wir leben.
„Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht. Ich will bei dir sein, du, mein Herr, du Weg, du Wahrheit, du Leben. Ich will bei denen sein, die du liebst und die der Liebe mehr zutrauen als der Gewalt. Sei du bei mir, heute und immer! Amen.“

die Wahrheit des Pilatus, Predigt über Joh 18,28-19,5

Predigt am 7.4.19 von Andreas Hansen über Joh 18,28-19,5

Jubelnd wird Jesus kurz vor dem Passafest in Jerusalem empfangen: „Sohn Davids, König!“  schreit die Menge ihm entgegen. Es sind die Festpilger, die so rufen, die Leute vom Land. Sie haben ja keine Ahnung, wie gefährlich das   ist. Die Stadt ist voller Soldaten. Die Lage ist gespannt. Jeder Aufstand wird im Keim erstickt. Darum sind die Priester alarmiert, als sie die Demonstration für Jesus sehen. Sie fürchten Strafaktionen der Besatzungsmacht – ihre Sorge ist durchaus berechtigt. Jahre später werden die Römer einen Aufstand niederschlagen und den Tempel zerstören. „Alle Welt läuft Jesus nach. Darum muss er weg!“ Sie machen noch in der Nacht kurzen Prozess mit ihm. Nur schnell, bevor das Fest beginnt! Hier setzt der Predigttext aus dem Johannesevangelium ein:

 Johannes 18,28-19,5

Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?          Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Die koptische Kirche verehrt Pilatus als Märtyrer. Einer Legende nach ist er Christ geworden und darum gestorben. Eric-Emanuel Schmitt schrieb vor ein paar Jahren einen Roman über ihn. Er vermutet, Pilatus sei vielleicht der erste Christ.
Dass Johannes so feindselig über die Juden schreibt, hat zu Missverständnissen geführt. Der Evangelist schreibt in einer Zeit, als Christen verfolgt werden und die jüdische Gemeinde sich von ihnen lossagt, um sich vor der Staatsmacht zu schützen. Später aber werden Juden von Christen angeschwärzt und grausam verfolgt.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Ich glaube, Pilatus grinst die Priester hämisch an, als er sein grausames Spiel mit Jesus treibt. Er verspottet sie auch mit der Tafel über dem Gekreuzigten „König der Juden – seht, so eine Jammergestalt ist euer König!“ Pilatus hat keine Skrupel. Warum sollte er eine Fehlentscheidung fürchten? Er will Ruhe in der Stadt. Aber was dieser Störenfried sagt, und worüber sich die Priester aufregen, das ist ihm doch sowas von gleichgültig! Er spielt mit Jesus und benutzt ihn, um die Priester zu ärgern.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen! – ein bisschen Prügel, dann werdet ihr schon zufrieden sein. Nein? Na, dann soll er halt ans Kreuz.“ Er spielt ein zynisches, Menschen verachtendes Spiel.
Aber Pilatus ist auch neugierig, etwa so wie ein Kind ein Tier quält, nur um zu sehen, was es wohl macht: „Was hast du getan? Warum wollen sie deinen Tod? Bist du einer von denen, die König sein wollen?“ Er redet an Jesus vorbei. Er redet von Macht, während Jesus von Gott spricht. Pilatus kann ihn nicht verstehen. „Also bist du doch ein König?“ „Das hast du gesagt. Ich selbst sage über mich: Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Jeder, der aus der Wahrheit Gottes kommt, hört auf mein Wort.“ „Was ist Wahrheit?“ Damit ist das Gespräch für Pilatus beendet.
Das kennen wir. Wir reden miteinander und reden aneinander vorbei. Es ist als lebten wir in verschiedenen Welten. Jeder kennt nur seine Sicht der Dinge, die er sich immer wieder bestätigen lässt, und bezichtigt den anderen der Lüge. Und tatsächlich werden falsche Nachrichten, Fakenews zu Hauf in den sogenann-ten sozialen Medien verbreitet. Jeder hört seinen Nachrichtenkanal und glaubt nur ihm. Jeder lebt in seiner Blase. So teilen wir die Welt in die, die so sind und denken wie wir, und die anderen auf der falschen Seite. So lassen wir uns zu Hass und Verachtung erziehen.
„Was ist Wahrheit?“ Die Frage hat für Pilatus keine Bedeutung. Er hat für sich entschieden, was zählt. Alles andere interessiert ihn nicht. Seine Haltung: „Dort sind deine Gegner: schade ihnen, so gut du kannst. Vertraue niemandem!“
„Bei dem, was die Bibel unter “Wahrheit“ versteht, müssen wir kräftig umlernen.“ Ich zitiere Klaus Berger, und weiter: „Denn in der gesamten Bibel ist die Wahrheit nicht etwas, mit dem man einfach Recht hat, sondern Wahrheit ist viel mehr: Sie ist die Kraft, die einem hilft zurechtzukommen, und zwar mit Leben und Tod. Wahrheit ist das, was bleibt, indem es den Tod überwindet. Das schließt ein, dass das „stimmt“, was man glaubt; aber es ist mehr, nämlich das, was immer sein wird, was am Ende siegreich über alles Vergängliche triumphiert Dessen liebevolle Zuwendung und Stellvertretung diesen Sieg vermittelt.- Wahrheit ist keine Sache, sondern Gott selbst ist die Wahrheit.“ So Berger.
Jesus legt Zeugnis ab für die Wahrheit Gottes. Jesus ist die Wahrheit – er schenkt Gottes Liebe. Er sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen – nichts steht zwischen Gott und euch.“ Wahrheit ist eine verlässliche, tragfähige Beziehung. Sie tröstet mich und hält mich im Leben und im Sterben.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Pilatus sieht einen Gescheiterten, einen, der nichts mehr zu melden hat, der am Ende ist. Von der Wahrheit Jesu hat er keine Ahnung. Sie ist ihm auch gleichgültig.
Wir sind Pilatus wohl manchmal ähnlich: Hart in unserem Urteil, gleichgültig gegenüber dem Leid anderer, auf unseren Vorteil bedacht.
“Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Jesus lässt sich schlagen und verspotten. Er schlägt nicht zurück. Er erträgt die Erniedrigung und die Schmerzen. Er bleibt sich treu und geht seinen Weg. Der König der Wahrheit, der Mensch nach Gottes Bild.  So schildert ihn der Evangelist Johannes.
Jesus gibt sich uns.
Von Sünde lässt er sich nicht abschrecken.
Er sagt Ja, obwohl wir Nein sagen.
Er bezeugt Gottes Wahrheit. Amen

Antwort auf das Sehnen tief in uns, Predigt über Joh 3,14-21

Predigt am 17.3.19 von Andreas Hansen über Joh 3,14-21

Vor der Predigt singen wir das Lied: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, neuer Anhang 116

Jetzt sind wir in der Passionszeit.  Wir sehen auf den Unfrieden, die großen ungelösten Fragen unserer Welt, das Leid vieler Menschen und das Leid der Schöpfung. Es geht uns, wie wir gerade gesungen haben: Da wohnt ein Sehnen tief in uns. Wir sehnen uns nach Frieden – Hass, Gewalt und Terror nun sogar im friedlichen Neuseeland, der endlose Konflikt  zwischen Indien und Pakistan, die Drohung eines neuen Wettrüstens zwischen Russland und den USA hier in Europa: der Frieden ist weit weg, auch unser Frieden ist in Gefahr. Wir sehnen uns nach Freiheit und sehen, wie in vielen Ländern die Freiheit der Presse immer mehr eingeschränkt wird, wie die Justiz von Machthabern benutzt wird, wie Nationalismus die Freiheit bedroht und den Hass schürt. Auch ein Sehnen nach Heilung und Ganzsein in dem, was uns persönlich angreift, belastet oder sogar krank macht. Ein Sehnen nach Glück und Liebe für uns selbst, nach Bewahrung für unsere Welt. Da wohnt ein Sehnen tief in uns, und wir bitten Gott: Sei da, sei uns nahe!

Mitten in der Nacht kommt Nikodemus zu Jesus.   Auch ihn treibt ein Sehnen. Er gehört zum Hohen Rat, den geistlichen Leitern in Jerusalem. Jesus nennt ihn einen Lehrer Israels.  Vielleicht kommt er nachts, damit ihn keiner sieht. Nachts ist auch die Zeit der tiefen Gedanken und der Begegnung mit Gott. Er kommt zu Jesus und beginnt ein Gespräch, man könnte sagen, ein Gespräch unter religiösen Fachleuten. Er will wissen: „Wer bist du, Jesus? Hast du eine Antwort auf das, was mich umtreibt? Man müsste noch einmal von vorne beginnen, aber geht das?“
Unser Predigttext aus dem Johannesevangelium ist ein Teil dieses nächtlichen Gesprächs. Jesus antwortet auf das Sehnen und die Angst und sagt:

Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet;  wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet,  denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.        Joh 3,14-21

Johannes schreibt nicht, was Nikodemus dazu sagt. Versteht er, was Jesus meint? Weiß er jetzt, wer Jesus ist? Genügt ihm das als Antwort auf sein Sehnen? Ihr Gespräch endet offen.
Aber später wird Nikodemus sich im Hohen Rat für Jesus einsetzen. Er wird sagen: „Verurteilt ihn nicht, ohne ihn angehört zu haben!“ Und nach dem Tod Jesu wird Nikodemus kostbare Salbe für den Leichnam schenken. Ob er an Jesus glaubt? Auf jeden Fall versteckt er sich nicht mehr in der Nacht, sondern zeigt offen seine Sympathie.

Gott liebt die Welt. Er will sie retten.
Gott will nicht verurteilen und richten, sondern retten. Das ist die Antwort.
Gott will und wird das Sehnen nach Frieden und Freiheit und Ganzsein stillen, weil er die Welt liebt.

Aber wie geschieht das? Wenn wir auf das Unheil in der Welt sehen, auf das Leid und Unrecht, das zahllose Menschen trifft, möchten wir verzweifeln. „Es ist Zeit!“ möchten wir rufen, wie die Jugendlichen auf den Freitagsdemos. „Es ist Zeit. Wir können nicht warten. Zeig uns deine Antwort, Gott!“

Und Jesus zeigt auf das Kreuz. Er zeigt auf sich selbst am Kreuz. Gott schlägt nicht mit Macht auf das Unrecht ein. Er lässt sich selbst schlagen. Er setzt sich selbst dem Unrecht und dem Leid aus. Er gibt seinen Sohn her. Sich selbst gibt er. Sein Weg der Liebe ist nicht Macht. Er gibt sich hin. Er stirbt ohnmächtige am Kreuz.

Jesus erinnert an eine seltsame Begebenheit auf dem Weg des Volkes Israel in das gelobte Land: „Wie Mose damals in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss auch der Menschensohn erhöht werden.“ Das Volk auf dem Weg durch die Wüste ist erschöpft und frustriert. Sie schimpfen über Mose und über Gott. Schlangen überfallen sie und beißen sie. Da bittet Mose für das Volk, und Gott lässt ihn eine bronzene Schlange auf einem Stab aufrichten. Wenn die Israeliten dieses Bild ansehen, werden sie zwar noch gebissen, aber sterben müssen sie nicht. So geht es uns, wenn wir auf Jesus am Kreuz sehen. Er bewahrt uns nicht vor allem Unheil, aber er schenkt uns doch Leben, „ewiges Leben“, wahres Leben.

Wir schauen auf zum Gekreuzigten. Das heißt: den Gekreuzigten aushalten. Leiden und Tod aushalten. Nicht davonlaufen. Und darauf vertrauen, dass Gott aus Liebe zur Welt seinen Sohn dahingegeben hat. Er hat es zugelassen. Es ist sein Weg.
Was passiert, wenn wir aufs Kreuz schauen, wenn wir ihm vertrauen? Jesus sagt: „Wer an den Sohn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet. (…) Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist“.
Das Gericht Gottes geschieht nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt. Das Gericht ist nicht einfach göttliche Strafe. Gericht heißt nicht: hier auf der einen Seite sind die Guten und dort auf der anderen die Bösen. Die mittelalterlichen Angstbilder vom jüngsten Gericht sind falsch. Sie projizieren unsere Rachewünsche auf Gott.
Das Gericht ist Licht, ein Licht, vor dem sich kein Mensch verstecken kann. „die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht“ sagt Jesus.    Wir bleiben lieber im Dunklen. Wir wollen gar nicht alles wissen. Wir verstecken uns lieber vor unserem eigenen Unrecht.
Unseren Anteil am Klimawandel, unseren Energieverbrauch, unsere bequemen, aber schädlichen Gewohnheiten wollen wir lieber nicht sehen. Unsere Rücksichtslosigkeit gegen andere verleugnen wir. Was wir selbst falsch machen und womit wir andere verletzen, das entschuldigen wir.
Ein Licht leuchtet. Gott schlägt nicht mit Macht auf das Unrecht ein. Er setzt sich selbst dem Unrecht und dem Leid aus. Und wir müssen nicht einfach weitermachen. Wir können umkehren, wie Nikodemus. „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“
Wir werden ins Licht gestellt. Unser Unrecht hält Gott nicht davon ab, uns zu lieben, die Welt, die ihn ans Kreuz bringt, zu lieben.
Wir schauen auf zum Gekreuzigten.
„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Amen

der sympathische Gott, Predigt Hebr 4,14-16

Predigt am 10.3.19 von Andreas Hansen über Hebr 4,14-16

Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben,  der den ganzen Himmel bis hin zum Thron Gottes durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes – wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten.
Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er ohne Sünde blieb. 
Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!
Der Hohepriester ist der oberste Priester im Tempel in Jerusalem. Einmal im Jahr geht er ins Innerste des Tempels. Er betet und opfert für das Volk, damit alle Vergebung erfahren und neu anfangen. Der Brief spricht von Jesus als Hoherpriester, aber er ist anders. Jesus lässt sich selbst zum Opfer machen, ein schuldloses Opfer von Unrecht und Gewalt. Er geht nicht in das Innerste des Tempels, sondern bis in den Himmel. Er ist an Gottes Seite. Er schafft ein für alle Mal Versöhnung. Nichts trennt uns von Gottes Liebe.
Der Hohepriester ist weit weg von den Sorgen und Lasten der Menschen. Jesus ist uns nah. Er kennt uns. Er kann mit uns fühlen – sympathein, mitleiden steht da – ein sympathischer Gott. Unser Leben ist vor Gott, versöhnt mit Gott, angenommen, geliebt. Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!

Schauen wir uns das Bild mit dem Kreuz an. Das Kreuz steht oberhalb von Waldshut.
Um kurz vor vier ist sie losgelaufen. Stockfinster und kalt war es noch unten im Albtal. Fast zwei Stunden ist sie aus dem Tal herauf gestiegen. Sie stellt das schwere Tragegestell ab. Um sieben muss sie in Waldshut auf dem Markt sein, aber bis dort geht es jetzt nur noch abwärts. Ein paar Minuten Pause sind drin. Es ist fast schon hell. Sie schaut hinunter ins Tal. Wie oft war sie schon hier oben – wie viel hat sie schon über diesen Berg geschleppt – ein hartes Leben.
Dann sieht sie auf Christus am Kreuz. „Du hast es auch schwer. Und siehst mich doch so freundlich an. Streckst mir deine Arme entgegen, als wolltest du mich umarmen – darf man so denken?“ fragt sie sich – aber sie fühlt sich diesem kleinen Christus nah. Er ist ihr nah. So als ob er sagte: „Stell deine Kiepe bei mir ab. Schau, wie weit und schön es hier ist, trotz allem, was dir das Leben schwer macht. Ich weiß, was dich niederdrückt. Ich trage es mit dir.“
Viele sind über die Höhe beim Dorf Gaiss gelaufen, eine gute Stunde von Waldshut entfernt. Drei Stunden Fußweg am frühen Morgen mit einer Kiepe auf dem Rücken – jemand, der  es selbst noch so erlebt hat, hat mir davon erzählt.
Wie viele wohl an diesem Kreuz Rast gemacht haben. Sonne und Mond stehen über Jesus am Kreuz. „Jede Stunde, alle Tage bin ich bei euch.“
Die Marktfrau am frühen Morgen weiß nicht, was die drei Buchstaben bedeuten: ATM. Manche denken, der Müller Adam Tröndle hat das Kreuz errichten lassen. Er wurde dort überfallen und hat es glücklich überlebt.
„ATM – ave tutor mundi – sei gegrüßt, Beschützer der Welt.“ So liest der Mönch, der später am Tag vorbeikommt. Er kommt von St. Blasien und muss in der Amtsstadt Waldshut vor Gericht aussagen. Er hat Angst vor dem Richter, obwohl er nur Zeuge ist. In der Stadt fühlt er sich nicht wohl – er weiß, wie unbeliebt die Mönche aus dem reichen Kloster sind. „ave tutor mundi – beschütze mich, Jesus! Ich weiß nicht, was heute auf mich zukommt, aber du bist bei mir.“

„Wir haben Jesus. Halten wir uns fest an ihm!“   Die Christen des Hebräerbriefes sind in einer schwierigen Lage. Sie sind damals nur eine kleine Minderheit und erleben Druck und Anfeindung. Sie sind müde und frustriert. Die erste Begeisterung der jungen Gemeinde ist verflogen. Viele kommen nicht mehr in die Gottesdienste. Die Gewissheit ist brüchig geworden, der Glaube schwach.
Da bekommen sie gesagt: Schaut auf Jesus! Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!
Wir haben Jesus. Wir haben einen, der´s Leben kennt und uns versteht. Sei uns nahe, Gott! Ave tutor mundi, beschütze die Welt, Jesus!
Sei da für die, denen die Arbeit über den Kopf wächst. Wie die Frau auf dem Weg zum Markt schleppen sie eine schwere Last mit sich.    Nachts wachen sie auf und grübeln,  am Morgen sind sie erschöpft.
Ave tutor mundi. Sei bei denen, die sich nicht verstanden fühlen. Sei da für die, denen Unrecht geschieht, die hungernden und notleidenden Menschen in Venezuela, im Jemen, in den Flüchtlingslagern der Welt.
Ave tutor mundi, beschütze deine Schöpfung vor der Gier und Rücksichtslosigkeit von uns. Hilf uns sie zu schützen, dass wir nicht einfach immer weiter machen.
Wenn wir weiterdenken, wird die Last von Schuld und Leid in unserer Welt unerträglich.
Wir tragen unsere Lasten zu Jesus am Kreuz.   Wir stehen da und wissen, zu oft haben wir am Leid anderer vorbeigesehen. Wir bringen ihm unsere Schuld, Hilflosigkeit und Schwäche, unseren Mangel an Glaube und Liebe. Wir sehen den leidenden Jesus. Wir sehen wie Jesus uns entgegenkommt, als würde er sagen: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Ich bin bei euch alle Tage, Tag und Nacht.“
Wir haben Jesus. Wir haben den Herrn im Himmel bei Gott. Und wir haben den sympathischen Gott, Jesus, der mit uns und für uns leidet.
„Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten“ – „Zuversicht“ heißt wörtlich die Freiheit alles zu sagen. Wir können Gott alles anvertrauen. Er ist zuständig, unser Ansprechpartner.
Daran erinnern die alten Wegkreuze. Oder ein Kreuz, das wir in unserer Wohnung aufhängen. Daran erinnert uns die Passionszeit. Vor den Thron unseres gnädigen Gottes dürfen wir alles bringen und frei aussprechen. Amen

Wir sind Hirten, Predigt über Hes (Ez) 34,1-4.7-16.31

Predigt am 3.2.19 von Andreas Hansen über Hes 34,1-4.7-16.31

Hesekiel 34,1-4.7-16.31

Und das Wort des HERRN erging an mich: Du Mensch, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, zu den Hirten: So spricht Gott, der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Das Fett esst ihr und mit der Wolle bekleidet ihr euch und die fetten Schafe schlachtet ihr – ihr weidet die Schafe nicht! Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, und was krank war, habt ihr nicht geheilt, und was gebrochen war, habt ihr nicht verbunden, und was versprengt war, habt ihr nicht zurückgeholt, und was verloren gegangen war, habt ihr nicht gesucht …
Darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! So wahr ich lebe, Spruch Gottes, des HERRN, weil meine Schafe zur Beute und meine Schafe zum Fraß geworden sind für alle Tiere des Feldes, ohne Hirt, und meine Hirten nicht nach meinen Schafen gefragt haben und die Hirten sich selbst geweidet und meine Schafe nicht geweidet haben, darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! So spricht Gott, der HERR: Seht, ich gehe gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand und sorge dafür, dass sie keine Schafe mehr weiden, und auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden. Und ich werde meine Schafe vor ihrem Rachen retten, und sie werden ihnen nicht zum Fraß werden.
Denn so spricht Gott, der HERR: Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert am Tag, da er inmitten seiner Schafe ist, die aufgeteilt worden sind, so werde ich mich um meine Schafe kümmern und sie retten aus allen Orten, wohin sie zerstreut worden sind am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels. Und ich werde sie herausführen aus den Völkern und sie sammeln aus den Ländern, und ich werde sie auf ihren Boden bringen, und auf den Bergen Israels, an den Flussbetten und an allen Wohnorten im Land werde ich sie weiden. Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihr Weideplatz sein; dort werden sie auf gutem Weideplatz lagern, und auf fetter Weide werden sie weiden auf den Bergen Israels. Ich selbst werde meine Schafe weiden, und ich selbst werde sie lagern lassen! Spruch Gottes, des HERRN. Was verloren gegangen ist, werde ich suchen, und was versprengt worden ist, werde ich zurückholen, und was gebrochen ist, werde ich verbinden, und was krank ist, werde ich stärken.
Und ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott. Spruch des HERRN.

„Großmutter, warum hast du einen so großen Mund? – Damit ich dich besser fressen kann!“
Das liebliche Bild vom Hirten ist vielleicht nur ein Märchen. Es hat einen Riss. Die Könige nennen sich Hirten. „Ich behüte und leite euch“, sagen sie, aber sie fressen ihr Volk auf. „Wehe den Hirten, die sich selbst geweidet haben!“
So stellen wir uns einen rechten Propheten vor. So möchten wir manchmal selbst losdonnern: „Wehe über verantwortungslose Politiker! Wehe über korrupte Machthaber, die sich auf Kosten ihres Volkes bereichern! Wehe den Diktatoren, die über Leichen gehen!“ Wir denken z.B. an Maduro in Venezuela – in dem reichen Land hungern die Menschen, oder an die ewigen Staatschefs in Afrika, die ihre Länder ausbeuten. Uns fallen beängstigend viele Wölfe im Hirtenkleid ein.
Kurz nach dem Zusammenbruch redet der Prophet Hesekiel von den Hirten Israels. Das Land  ist von Feinden besetzt, der Staat zerstört, der Tempel vernichtet. Viele, auch der Prophet selbst, sind vertrieben und verbannt. Nichts funktioniert. Heute sprechen wir von failed states, gescheiterten, chaotischen Staaten. Die Hirten haben versagt. Sie haben ihr Volk in den Abgrund geführt. Wie gut, dass Hesekiel ihnen ordentlich Bescheid gibt, nicht wahr?

Aber dann, ganz am Ende, kommt eine überraschende Wendung: „Und ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott.“
Was sind wir: Schafe oder doch keine Schafe? Warum betont er: Ihr seid Menschen? Wir sind Hirten und Schafe zugleich. Ja, auch wir sind Hirten!
Ihr seid Menschen, Menschen unter Mitmenschen, Menschen, die Verantwortung tragen, Menschen vor Gott.
An vielen Stellen sind wir Hirtin und Hirte. Am Arbeitsplatz müssen wir in unserem Bereich Verantwortung tragen, jede und jeder an ihrem und seinem Platz. Menschen sind uns anvertraut, unsere Partner, unsere Kinder, Freunde, Kollegen. Wir müssen entscheiden, in welche Schule unser Kind geht. Wir müssen für unsere Familie sorgen oder für andere. Wir müssen Konflikte und schwierige Mitmenschen ertragen. Wir stehen manchmal vor großen Entscheidungen für andere: Muss ich diesen Angestellten entlassen? Kann ich mich für diesen Menschen entscheiden? Sollen wir die Therapie eines schwer Kranken oder Sterbenden beenden? Ich bin eigentlich froh, dass ich nicht so große Entscheidungen treffen muss wie die Politiker. Wir wollen Menschen gerecht werden. Aber das gelingt uns nicht immer. Oft handeln und entscheiden wir egoistisch. Leicht missbrauchen wir die Macht des Hirten.
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ fragte Kain. Er wollte nicht sehen, was er angerichtet hatte. Er hatte seinen Bruder nicht behütet, im Gegenteil.
Hesekiel spricht nach dem Versagen der Hirten. Er schont sie nicht. Er beschönigt nichts. Aber passen wir auf: Immer wenn wir mit einem Finger auf andere zeigen, zeigen drei Finger unserer Hand auf uns selbst.

Gott sei Dank, Hesekiel sagt noch mehr: „Denn so spricht Gott, der HERR: Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Ich selbst werde meine Schafe weiden!“
Gott selbst ist Hirte. Er sucht das Verlorene. Er heilt das Verwundete. Das zerrissene und befleckte Bild des Hirten bekommt eine neue Bedeutung. Gott ist der gute, der wahre Hirte. Hesekiel tröstet das verirrte, geschlagene Volk. Gott selbst will sie suchen und aus allen Völkern zurück in ihr Land führen. Gott sieht die Not und verspricht einen neuen Anfang, einen Weg aus dem finsteren Tal. Gott sieht das Versagen von uns großen und kleinen Hirten, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und die vor allem an den eigenen Vorteil denken. Gott kommt seinem Volk entgegen als der gute Hirte. Er sucht die Verlorenen. Gott kommt uns entgegen.

Wir sind Hirten und wir sind Schafe. Ja, wir sind, in dem Bild gesprochen, auch Schafe. Andere müssen für uns entscheiden, für uns da sein, uns beschützen. Wir brauchen andere, denen wir uns anvertrauen. Wir brauchen Hirten, die uns behüten, die uns suchen, wenn wir verloren gehen, Hirten, die nicht ohne uns einfach weiter gehen. Tief enttäuscht sind wir, wenn unser Vertrauen verletzt wird. Natürlich gibt es Hirten, die versagen, Politiker, Ärzte, Eltern, Lehrer. Es gibt angebliche Hirten, die nur sich selbst weiden. Und es gibt Menschen, die verloren gehen und einfach vergessen werden.
Schiffbrüchige müssen wochenlang vor der Küste warten, bis sie an Land dürfen. Menschen in unserer Nachbarschaft verlieren alle Kontakte und vereinsamen. Ein Jugendamt übersieht oder verharmlost die Gefahr, der Kinder ausgesetzt sind. Beispiele für Menschen, die verloren gehen, Lebenswege, die zum Verzweifeln sind.
Viele fragen, wie in den Psalmen: „Wo bist du, Gott? Verbirg dich doch nicht! Komm zur Hilfe!“
Hesekiel sagt: Gott gibt keinen Menschen verloren. Gott vergisst keinen Menschen. Kein Mensch, keiner von den vielen Opfern, deren Zahlen wir in den Nachrichten hören, keiner, dessen Leid oder Tod uns ganz nahe geht, keiner ist Gott gleichgültig. Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht lieb hat, der ihm nicht am Herzen liegt.

In der Stunde Null, als alles zum Verzweifeln verloren und kaputt ist, da sagt Hesekiel seinem Volk: Gott ist unser Hirte. Er gibt uns nicht verloren. Er lässt uns nicht einfach im Stich. Wir glauben, dass Gott in Jesus Christus die Verlorenen sucht und rettet. Am Kreuz hat er selbst die tiefste Verlorenheit und Verzweiflung auf sich genommen. Wir sehen auf ihn und finden Trost im Leben und im Sterben.
Schon damals, 600 Jahre vor Jesus, lässt Gott seinem Volk sagen: Ich bin euer Hirte. Ich lasse euch nicht los. Ich gebe euch nicht verloren. „Ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott.“
Gott hat einen Bund geschlossen mit seinem Volk. Er hat ihnen fest versprochen: „Ich bin euer Gott.“
Dies Versprechen bleibt und gilt auch uns: „Ich bin euer Gott.“
Vertrauen wir uns ihm an, ihm, dem guten Hirten!
Versuchen wir selbst an unserem Ort gute Hirten zu sein, unseres Mitmenschen Hüterin und Hüter!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

hellwach – Predigt zum 27.1., Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus, Eph 4,22-26.29

Predigt am 27.1.19 von Andreas Hansen über Eph 4,22-26.29

„I have a dream“ – Ich habe einen Traum. Martin Luther King träumte: Eine Welt ohne Rassismus, eine Welt ohne trennende Grenzen. Er träumte von Versöhnung, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen. In der Bibel fand er den Grund für seinen Traum. Martin Luther King wurde erschossen. Sein Traum lebt.
„I have a dream“ – Ich habe einen Traum. Der Glaube hält den Traum lebendig.
„Die Bibel ist ein Traumbuch vom Menschsein.“, so sagt der Theologe Friedrich-Wilhelm Marquard, der sich für die Versöhnung von Juden und Christen einsetzt. „Die Bibel ist ein Traumbuch vom Menschsein.“
Trotz allem, was geschah, hoffen wir auf Frieden, Versöhnung, eine menschliche und gerechte Welt. Gemeinsam buchstabieren Juden und Christen heute die Hoffnung. Dass dies möglich ist, ist schon ein Grund den Traum nicht aufzugeben.
Wer dem Traum vom Menschsein folgen will, muss hellwach sein.
Wir hören den Predigttext für diesen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ein Schüler von Paulus schreibt im Epheserbrief:

Eph 4, 22-26.29

Legt ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.

Wer dem Traum vom Menschsein folgen will, muss hellwach sein. Der Epheserbrief redet vom neuen Menschen. Da ist Vorsicht geboten! Die Rede vom neuen Menschen ist oft genug faules Geschwätz. Sie stinkt nach Machtgier und Menschenverachtung. Von einer neuen Zeit und dem neuen Menschen sprachen und sprechen die Diktatoren. Die Nazis wollten den neuen Menschen sogar züchten und ihn mit Hass und Härte imprägnieren.
„Legt ab den alten Menschen mit seiner Gier!“ So eindringlich, wie wir ermahnt werden, wird deutlich: Es fällt uns nicht leicht. Wir können ihn nicht wie ein altes Gewand abstreifen und wegwerfen. Er klebt an uns, dieser alte Mensch. Vorsicht ist geboten vor allen, die sich selbst und ihresgleichen für den neuen Menschen halten,   für besser als die anderen. Das ist ja die Gier, dass wir so gerne die Besseren sind, dass wir uns überlegen fühlen, dass wir über andere bestimmen wollen, weil wir es ja besser wissen, weil uns das ja zusteht. So leicht machen wir andere schlecht – wer könnte sagen, er ist frei von dieser Gier des alten Menschen? „Legt den alten Menschen ab“ heißt: Auch gegen uns selbst müssen wir wachsam sein.
„Legt die Lüge ab. Redet die Wahrheit. Zürnt ihr, so sündigt nicht. Kein faules Geschwätz. Redet, was gut ist, was erbaut, was notwendig ist, damit es Gnade bringe.“
Worte können so viel anrichten. So leicht sagen wir im Streit unbedachte Worte. Wir verletzen und zerstören Beziehungen. So leicht halten wir für wahr, was uns selbst in den Kram passt, und unterstellen dem anderen Unwahrheit. So leicht verurteilen wir, hassen wir, hetzen wir. So leicht wird aus Worten Gewalt.
Worte können viel anrichten. Reporter werden als Lügenpresse beschimpft. Menschen, die sich für andere einsetzen, werden als Gutmenschen verspottet. Unliebsame Politiker werden bedroht und mit Shitstorms überzogen. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird Fake-News genannt. Wir erleben das bei den Herren im Weißen Haus oder im Kreml oder im Palast Erdogans oder bei den Populisten in zahlreichen Ländern und auch bei uns.
Und wir können den Worten kaum ausweichen. Hellsichtig schrieb Orwell 1948 in seinem Roman 1984: Allgegenwärtig ist der Teleschirm, über den es heißt: „Man konnte das Gerät zwar leiser stel-len, aber ganz ausschalten ließ er sich nicht.“
Ein Kampf der Worte –  so begannen die Nazis ihr Werk, und fast alle fielen auf ihre Worte herein und huldigten der Macht. Fast keiner widersprach den Lügen, der Hetze gegen Juden, der Menschenverachtung, der Verhöhnung demokratischer Rechte, der Aufstachelung zum Mord.
Aus Worten wird Gewalt, Sprache, die ausgrenzt, eine „spalterische Sprache“ nennt sie der Bundespräsident. Sie vergiftet das Klima und letztlich die ganze Gesellschaft.
Als 1979 der Film Holocaust das alltägliche Unrecht an den Juden zeigte, erschraken viele: „Wir haben ja auch mitgemacht. Wir sind ja auch an den Leuten mit dem Stern vorbeigegangen.“

Es ist den evangelischen Kirchen sehr schwer gefallen zu erkennen und zu bekennen, dass auch sie Schuld am Unrecht im Nationalsozialismus trugen. Die meisten hatten Hitler begrüßt. Auch an unserem Pfarrhaus hing wohl die Fahne mit dem Hakenkreuz. Sie haben geschwiegen zum Unrecht zB zu den Pogromen im November 1938. Nur einzelne Christen wie Dietrich Bonhoeffer wagten Widerspruch.
Im Oktober 1945 kam eine Delegation des Ökumenischen Rates zur Versammlung des Rates der EKD in Stuttgart. Da formulierten sie eine für damalige Verhältnisse mutige Schulderklärung: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden.“
Der Text war damals sehr umstritten. Es stimmt leider nicht, dass die Kirche „im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft (hat), der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat“. Aber immerhin war es ein erster Schritt für einen neuen Anfang. Erst seit den 80er Jahren gibt es klare Worte zur Schuld der Kirche an den Verbrechen. Heute sagt unsere Landessynode „Antisemitismus ist Gotteslästerung“ und in der Grundordnung unserer Kirche heißt der dritte Artikel: „Die Evangelische Landeskirche in Baden will im Glauben an Jesus Christus und im Gehorsam ihm gegenüber festhalten, was sie mit der Judenheit verbindet. Sie lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist, und bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels. Sie beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und verurteilt alle Formen der Judenfeindlichkeit.“

Wir haben einen Traum.
Wir träumen vom Menschsein und wollen hellwach sein gegen alle Vergiftung und Verwahrlosung der Sprache, gegen die Sprache der Verachtung und der Feindseligkeit, wachsam auch gegen den alten Menschen in uns selbst.
Aber wir wollen, wie es der Epheserbrief sagt, uns erneuern lassen in unserem Geist und Sinn und den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Paulus meint: Wir haben Jesus Christus angezogen. Von ihm sind wir schon jetzt geprägt. Wir sind frei, neu zu beginnen. Wir können der Lüge begegnen und die Wahrheit sagen. Wir können reden, was gut ist, was erbaut, was notwendig ist, damit es Gnade bringe.
Jesus Christus hat die Macht des alten Menschen gebrochen, obwohl wir immer wieder erleben, wieviel Unheil die Gier bewirkt.
Wir haben einen Traum. Unser Glaube an Jesus Christus hält ihn lebendig und wir erkennen schon jetzt Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit durch ihn.
Lasst uns – hellwach – träumen in seinem Namen.

Amen

Mk 2,18-22 Ich sage Ja

Predigt am 20.1.19 von Andreas Hansen über Mk 2,18-22

Sing-Gottesdienst mit dem neuen Anhang zum Gesangbuch: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder - während der werden zweimal Verse aus dem Lied 158, ich sage Ja, gesungen und danach das ganze Lied, Evangelium des Sonntags ist das Weinwunder zu Kana, Joh 2

Jesus feiert gerne. Große steinerne Krüge sind auf einmal voll Wein, viel mehr als die Gäste trinken können, viel feiner, als das Paar es sich leisten könnte.
Freude im Überfluss, wenn Jesus mit uns feiert. Hochzeit, hohe, schöne, glückliche Zeit mit ihm. Reich und verschwenderisch teilt er aus und schenkt ein Wunder, das einfach nur schön ist und zum Feiern einlädt.
Jesus setzt sich mit Menschen an einen Tisch und schenkt ihnen Gemeinschaft und Vergebung. An seinem Tisch schenkt er die Hoffnung, dass unser Leben heil wird und zu Gott führt.
Auch wenn Jesus den Himmel beschreibt, spricht er von einem großen Fest, einem Hochzeitsmahl.
Seine Gegner ärgern sich über Jesus. Sie beschimpfen ihn als Fresser und Weinsäufer. Ein Lehrer muss doch würdig, ernst und zurückhaltend sein. Die Zeiten sind hart. Viele leiden Not in Israel. Aber Jesus feiert?
Und wie kann Jesus ausgerechnet mit denen essen und feiern, die vom System der römischen Unterdrückung profitieren? „Er isst mit den Zöllnern und Sündern!“ Tatsächlich begibt sich Jesus in schlechte Gesellschaft. Er isst mit Gaunern und Huren. Er hat keine Berührungsangst. Jesus kann ohne Vorbehalte auf andere zugehen, getragen von Vertrauen. Er nimmt Menschen an – und gibt ihnen die Chance umzukehren, neu anzufangen. In der Begegnung mit Jesus erfahren Menschen, wie nahe Gott ihnen ist.  Sie erleben: Gott nimmt mich an. Wunderbar ist das, befreiend. Nun können sie neu anfangen, wie der Zöllner Zachäus, wie viele, die Jesus geheilt hat. Jesus richtet Menschen auf. Er freut sich über sie. Er feiert mit ihnen.

Lied 158,1 (Ich sage Ja)

Seine Gegner ärgern sich über die Freiheit, die Jesus sich herausnimmt. Sie streiten mit ihm. Unser Predigttext für heute steht im Markusevangelium in einer ganzen Reihe von Streitgesprächen. Ich lese die ersten Verse:

Weil die Jünger des Johannes und die Pharisäer regelmäßig fasteten, kamen einige Leute zu Jesus und sagten: »Die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten; warum fasten dann deine Jünger nicht?«
Jesus gab ihnen zur Antwort: »Können etwa bei einer Hochzeit die Gäste fasten, während der Bräutigam noch bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie doch nicht fasten!
Es kommt allerdings eine Zeit, wo ihnen der Bräutigam entrissen sein wird; dann werden sie fasten.  (Mk 2,18-20)

Fasten hat seine Zeit. Fasten heißt: Innehalten, Still sein, Verzicht auf alles, was mich ablenkt, zu Gott kommen, sich ausrichten wie ein Kompass. Jesus kannte und übte solche besonderen Zeiten, Zeiten des Gebets und des Fastens. Wir wissen heute in der evangelischen Kirche, wie gut so eine besondere Zeit sein kann – wir haben aber keine Vorschriften für bestimmte Zeiten und Weisen des Fastens. Üblich war damals das Fasten in Trauerzeiten. Fasten hat seine Zeit. So sagt Jesus. Er wird dem Leid und dem Schmerz nicht aus dem Weg gehen, wenn es soweit ist. Er wird auf alle Möglichkeiten, auf alle Freude verzichten und den Weg des Kreuzes gehen bis zum Ende. Aber jetzt ist eine andere Zeit, nicht die Zeit zum Fasten. Jetzt ist Freudenzeit, Zeit der Gnade, Tag des Heils, Zeit hochzeitlicher Freude: Gott ist nahe. „Der Bräutigam ist da“, sagt Jesus. Ausgelassenheit, Verliebtheit, Lust liegt in der Luft, ein festlicher Glanz über allem, Lachen und Gesang und Freude.
Schon im Alten Testament ist die Hochzeit ein Bild für Gottes Nähe. Juden begrüßen den Sabbat wie eine Braut, denn sie feiern Gottes Nähe.  Die Trauerzeit wird am Sabbat unterbrochen. Beichte und Klage werden verschoben. Auch nach christlichem Brauch wird das Fasten sonntags unterbrochen. Jeden Sonntag feiern wir Jesu Auferstehung, den Sieg über Tod und Leid, Ostern. Gott will unser Leben – ist das nicht ein Grund, dass wir uns freuen und feiern? Jetzt, in der Weihnachtszeit, die ja noch andauert, feiern wir, dass Gott in Jesus zu uns kommt. Er wird ein Mensch. Er nimmt unser Menschsein an. So sehr liebt Gott diese Welt und uns. „Ich sage ja zu dem, der mich erschuf.“ Ich bejahe den, der zu mir und zu allen seinen Geschöpfen ja sagt.
Dazu gehört dann auch, dass wir nein sagen zu allem, was der Schöpfung schadet. Es ist stark, dass Schülerinnen und Schüler für die Schöpfung demonstrieren. (Demonstration gegen den Klimawandel in Freiburg mit über 3500 Jugendlichen) Gott sagt ja zu unserem Leben und nein zu allem, was Leben vernichtet.

158, 1+2

Gleich nach dem Wort Jesu von dem Bräutigam, der nicht fastet, sondern feiert, hat der Evangelist Markus zwei andere Jesusworte überliefert: Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff, sonst reißt das neue Stück wieder aus, und der Riss im alten Stoff wird noch größer. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche.   Er gärt ja noch und würde die Schläuche zum Platzen bringen, und der Wein samt den Schläuchen wäre verloren. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche (Mk 2,21+22)

Ich hänge an meinen alten Klamotten, und ich laufe am liebsten in den Schuhen, die schon ein wenig ausgelatscht sind. Wir hängen an dem, was immer schon so war, was wir gewohnt sind. Und auch in unseren Einstellungen und unserem Verhalten bewegen wir uns am liebsten in gewohnten Bahnen. Auch an schlechten Gewohnheiten halten wir fest, kaum bereit uns zu verändern. Immer wieder am gleichen Punkt geraten wir in Streit oder sind wir eingeschnappt. Immer wieder bleiben wir an den Verletzungen und Enttäuschungen unseres Lebens hängen. Wirklich neu beginnen und einem anderen wirklich eine neue Chance geben – das fällt uns unendlich schwer.
Jesus spricht viel von Umkehr. Er weiß, wie sehr wir im Alten verhaftet sind, wie unbeweglich und oft unfrei. Er weiß, wie uns Schuld lähmt. Manchen beschäftigt ein Leben lang, was ihm angetan wurde oder worin er selbst versagt hat. Die Vergangenheit kann wie ein Schatten über dem Leben liegen.
Das ist ja so schön bei den demonstrierenden Jugendlichen, dass sie sich Veränderung und Neuwerden wirklich vorstellen und zutrauen.
Jesus hilft Menschen, die versagt haben oder die verletzt sind. Er zeigt dem Zöllner Zachäus, wie rissig und fadenscheinig sein Lebensgewand ist. Jesus gibt ihm die Kraft umzukehren, neu zu beginnen, Nein zu sagen zum dem, was unrecht ist, Ja zu sagen zu seinen Mitmenschen und zu Gott.
Wir sehen uns selbst, unsere Gesellschaft, unsere Welt oft viel zu eng, eingesperrt in Zwängen, ohne die Möglichkeit etwas zu gestalten oder zu verändern. Jesus hat einen weiten unverstellten Blick. Für ihn sind Menschen nicht einfach festgelegt. Er hat Gottes Reich als Ziel. Darum kann er nicht einfach resignieren vor Unrecht und Gewalt in der Welt. Darum sieht er immer neue Möglichkeiten und treibt die Hoffnung weiter.
„Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.“ (Text von Lied 158,3)

Jesus lädt uns ein zu seinem Fest.
Wir nehmen Brot und Wein und wir feiern sein Ja zu uns.

Amen.

Predigt Josua 3,5-11+17

Predigt am 13.1.19 von Andreas Hansen über Jos 3,5-11.17

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des HERRN der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Meine Familie hat mir davon erzählt, von der Flucht in den kalten Januartagen in Ostpreußen vor 74 Jahren. Man hatte noch verboten, Vorbereitungen für die Flucht zu treffen, als Königsberg schon besetzt war. Vom Sieg wurde geredet, als schon alles verloren war.
Dann musste es plötzlich ganz schnell gehen. Heimlich hatte fast jede Familie doch einen Wagen gepackt. Aber in der Hektik des Aufbruchs haben sie dann doch Unentbehrliches vergessen – eigentlich war es egal, denn das Meiste ging sowieso verloren – mit fast nichts kamen sie an.
Sie haben mir davon erzählt, aber ich kann es mir kaum vorstellen, wie es war: der Abschied, die Strapazen auf dem erzwungenen Umweg zur Küste, das Gedränge auf dem Schiff – andere Schiffe mit Tausenden Menschen liefen auf Minen oder wurden getroffen – dann in Schleswig-Holstein und später hier: ein Flüchtling sein, ein Niemand, ein Bittsteller, widerwillig aufgenommen, argwöhnisch auf Abstand gehalten.
Vielleicht ist diese Erinnerung verblasst, weil die andere so stark wirkte: der Neubeginn mit Arbeit und den ersten Anschaffungen – wie Könige fühlten sie sich in der ersten Wohnung, die sie nicht mehr mit den Großeltern teilen mussten.  An Krieg und Flucht wollten sie nicht denken. Nur im Albtraum kehrten die Erinnerungen manchmal zurück und haben manche dieser Generation im Alter noch geplagt.
Wie beginnt man neu, wenn alles, was war, zerbrochen ist?
Wie ist es für „unsere“ Flüchtlinge heute und hier?
Alle Brücken abbrechen und neu anfangen: So ähnlich erleben es Menschen, die ihre Arbeit und ihr Zuhause verlieren, oder wenn Beziehungen zerbrechen und man plötzlich alleine dasteht.
Wie geht es weiter?
Wo ist eine Hand, die mich führt, eine Brücke über den Fluss, ein Ausweg aus der Not?

Die Israeliten sehen den Jordan vor sich. Es ist eigentlich ein kleiner Fluss, aber jetzt schmilzt der Schnee auf dem Libanon. Das Wasser des Jordan ist tief und reißend schnell und tritt über die Ufer.
Sollen sie warten, so kurz vor dem Ziel? Lang sind sie durch die Wüste gegangen, immer wieder erschöpft, verzweifelt, in Not – aber immer wieder auch bewahrt, gerettet, gestärkt.
Der Prophet Jeremia meint später über diese Zeit: „Wie ein Honeymoon, wie die erste Liebe war diese Zeit in der Wüste. Voll Vertrauen seid ihr Gott gefolgt.“
Soll Josua es wagen, das Volk über den Fluss zu führen? Gott sagt: „Ich werde mit dir sein, wie ich mit Mose gewesen bin. Geh hinüber!“ Wie damals am Schilfmeer stehen sie vor dem Wasser und kommen nicht weiter. Damals drohte hinter ihnen das Heer der Ägypter mit seinen Streitwagen, modernste und weit überlegene Militärtechnik. Da wagten sie den Schritt und das Meer teilte sich und Gott schützte sie. Sie waren gerettet.

„Erinnert euch und habt Vertrauen! Wagt euch über den Fluss, ins Ungewisse, auf den Weg mit all seinen Gefahren! Ihr sollt es erfahren, wie eure Mütter und Väter! Ihr sollt vertrauen wie sie!“
Die Lebens- und Glaubenserfahrungen unserer Mütter und Väter helfen uns weiter. Wir stehen auf ihren Schultern und schöpfen aus dem, was sie erlebt haben. Josua blickt zurück auf den Weg des Mose und bekommt Mut. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor hundert Jahren eine demokratische Ordnung nach Krieg und Kaiserreich schufen. Wir bauen auf das, was die Mütter und Väter des Grundgesetzes vor 70 Jahren formulierten. Wir blicken zurück auf die Flüchtlinge, den Fall der Mauer, die Einwanderung der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion.
Natürlich kann man vieles anführen, was meiner Familie damals nach der Flucht geholfen hat. Sie haben Glück gehabt, dass sie einander fanden, dass sie die Not überstanden und in der Zeit des Aufbaus und dann des Wirtschaftswunders eine Chance bekamen. Aber man kann auch sagen: Gott hat sie bewahrt und ihnen Glauben und Kraft gegeben sich wieder aufzurichten.

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn wir vor dem Fluss stehen, Konflikte und Gefahren vor uns – es können auch Übergänge sein, die nur uns persönlich betreffen? Wie geht Josua damals in das, was so unübersichtlich und bedrohlich ist? Die Bundeslade lässt er vorangehen. In dem kostbar verzierten Kasten, den die Priester tragen sind die Tafeln der Gebote. Gott verspricht: „Ich bin dein Gott. Ich habe dich befreit.“ Und Gott wartet auf unsere Antwort. Ein gegenseitiges Versprechen ist der Bund. Den hat Gott uns gegeben. Er ist und bleibt unser Gott, der uns befreit. Wir sind und bleiben die Seinen. Josua sagt zum Volk „Heiligt euch für Gott!“ Dann geht er den ersten Schritt: im Vertrauen auf Gott, der Mose und dem Volk geholfen hat.
Vertrauen ist zuerst passiv: Ich lasse zu, ich lasse an mir geschehen, was jetzt kommt, denn Gott ist bei mir, was auch geschieht. Vertrauen ist aber auch aktiv: Ich gehe den Weg seiner Gebote.

Es mag uns grausam und falsch erscheinen, wenn da von der Vertreibung der Völker die Rede ist und das Josuabuch auch sonst sehr kriegerisch klingt. Nehmen wir das nicht zu wörtlich. Es ist in viel späterer Zeit geschrieben. Israel wird immer wieder von benachbarten Völkern gedemütigt und bedrängt. Sieben Völker will Gott für sie vertreiben – damit sagt Gott symbolisch: „In allem, was kommt, will ich euch bewahren.“

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn das Leben chaotisch und unübersichtlich ist wie ein wirbelnder Fluss und es keine bequeme Brücke gibt?
„Heiligt euch für Gott!“ – wie soll das gehen? Besinnt euch auf euren Bund mit Gott, Gottes Bund mit euch, sein Versprechen in der Taufe, alle Tage bei euch zu sein!
Konzentriert euch wie ein Hochleistungssportler vor dem entscheidenden Lauf – alles ist vorbereitet und jetzt geht es, wie es eben geht!
Schaut auf die, die vor liefen und vor euch glaubten!
Geht im Vertrauen auf Gott!

Der Friede Gottes, höher als unser Verstehen, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Ein Stern in der Nacht – Predigt über Mt 2,1-12 6.1.19

Predigt am 6.1.19 von Andreas Hansen über Mt 2,1-12

vor der Predigt singen wir EG 23 - der Text der STrophe 4 wird zu Beginn der Predigt zitiert

Mt 2,1-12 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.  Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.
Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Ein Stern leuchtet und zeigt den Weg.
„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht´ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“
Ein Licht kommt in die Welt und verändert uns. Wer das Licht sieht, wird hocherfreut wie die Weisen.
Sie fallen auf die Knie. Sie schenken ihm ihre Schätze. Laut Martin Luther stehen Gold, Weihrauch und Myrrhe für Glauben, Liebe und Hoffnung.
Glaube macht froh, Hoffnung macht stark und Liebe macht glücklich.
Christen sind fröhliche Leute, Kinder des Lichts.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
„Ein neuer König?“ Herodes erschrickt. „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Ein neuer König – das ist einer zu viel. Das Kind muss weg!“
Jedes Mittel ist Herodes recht dafür, seine Macht zu erhalten. Er setzt die Führer und Sachverständigen der Religion ein – und sie lassen sich benutzen: Es kann ja nicht schaden, einen Machthaber zum Freund zu haben.   Schamlos belügt er die drei Weisen. Sie sollen seiner hinterhältigen Intrige dienen und ihm den Weg zeigen. Herodes wird auch bedenkenlos einen Massenmord an Kindern befehlen.
Was ist das für eine düstere Geschichte! So gar nicht weihnachtlich, sondern grausam. Rücksichtslos wird um die Macht gekämpft. Herodes ist einer von vielen Machthabern damals und heute. Wenn es um sein Interesse geht, lügt er, spielt er Leute aus, geht er über Leichen. Der Evangelist Matthäus beschreibt einfach unsere Welt, wie sie ist, wie wir sind. Wir sind in unseren kleinen Kreisen ebenfalls verstrickt in das Spiel um Einfluss, Erfolg, Macht und den eigenen Vorteil. Es genügt nicht, dass wir auf die Mächtigen zeigen. Oft sind die, die vorher über „Die da oben“, die Eliten schimpften, keinen Deut besser, wenn sie selbst Macht haben.
Aber da ist dieses Kindlein, der neugeborene König der Juden, wie die Drei sagen. „König der Juden“ – so wird Pilatus an sein Kreuz schreiben und wird damit nicht nur ihn verspotten, sondern alle Juden.
Da ist das Kindlein, das uns und das alle Menschen zu Kindern des Lichts machen will.    Er kommt in unsere düstere Wirklichkeit. Er wird Israel weiden. Er wird der gute Hirte sein.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
Fast beiläufig erwähnt Matthäus den Traum der drei Weisen. Sie gehen nicht zurück zu Herodes. Sie spielen nicht mit in seinem Machtpoker. Gott weist ihnen einen neuen Weg.
Schauen Sie auf das Bild aus der Kathedrale von Autun im Burgund: Der Traum der drei Könige – vor über 800 Jahren von einem Künstler namens Gislebertus für die Kirche geschaffen.
( zB auf dieser Seite zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Autun)
Unter einer Decke schlafen die Drei. Geborgen in schützender Gemeinschaft ruhen sie aus von ihrem langen Weg. Ihre Suche hat sich gelohnt. Sie sind angekommen. Dem Stern sind sie gefolgt bis hierher. Jetzt durften sie sehen, wonach sie sich gesehnt haben. Kostbare Geschenke haben sie gebracht und sind selbst glückliche Beschenkte. Sie schlafen selig.
Sanft kommt ein Gottesbote, weckt leise nur einen von ihnen, berührt ihn mit einem Finger und zeigt auf den Stern. Ihr müsst einen anderen Weg gehen. Ihr könnt nicht gemeinsame Sache mit Herodes machen.

Ein Stern leuchtet in der Nacht.
Der Engel bleibt diskret im Hintergrund. Er gibt nur einen Wink und vertraut den Weisen, dass sie folgen werden. Es fährt kein Blitz vom Himmel, der den brutalen, machtgierigen Herodes unschädlich macht. Die Herodes-Typen unserer Zeit ersticken nicht an ihren Lügen und zerbrechen nicht unter der Gewalt, die sie anderen antun. Gott spricht nicht ein donnerndes Machtwort. Gott greift nicht durch, so sehr wir uns das manchmal wünschen.
Aber fragen wir uns: Wo sind wir? Sind wir bei denen, die dem Stern folgen, oder stecken wir selbst unter einer Decke mit einem Herodes?
Behutsam greift Gott ein: Ein Stern, ein Traum, eine zarte Berührung, ein Kind. Menschen auf der Suche, wie die Weisen: sie sollen ankommen, sie dürfen finden.
Die Weisen aus dem Osten stehen für viele Menschen auf der Suche. Sie haben noch längst keinen fertigen Glauben oder sie rechnen sich vielleicht zu einer anderen Religion. Gott öffnet ihnen einen Weg. Jesus lädt sie ein. Seine Wahrheit ist größer als die Grenzen der Konfessionen und Religionen.       Alle sollen erkennen, wie sehr Gott uns liebt. Wie die drei Weise so sollen wir alle hocherfreut Gott anbeten. Irgendwann, so glaube ich, werden wir alle gemeinsam diese Freude erleben.
Die Weisen schenken ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe, und sie sind selbst reich und glücklich beschenkt. Sie freuen sich, Gott zu begegnen. Sie erkennen ihn in dem Kind, im Stern, in der Berührung im Traum.
Wir erschrecken vor Herodes, dem Grausamen und Machtgierigen. Wir erschrecken vor Gewalt, Intrige, Bosheit in unserer Welt. Aber wir dürfen wie die Weisen ruhig schlafen und aufatmen: Gott zeigt uns den Weg und er schenkt uns genug Glauben und Hoffnung und Liebe, damit wir ankommen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen