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Ewigkeitssonntag Predigt über Jesaja 65,17-25

Predigt am 25.11.18 von Andreas Hansen über Jes 65,17-25

Jesaja 65,17-25:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

„Das kann nicht sein!“ denkt sie. Sie kann kaum hören, was die Ärztin zu ihrer Diagnose erklärt. Innerlich schreit sie: „Mach, dass das nicht wahr ist!“    Wochen braucht sie, bis sie sagen kann: „Das bin ich, die diese Krankheit hat. Gib mir Kraft für diesen Weg!“
Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Gott hört. Wir beten und mit uns geschieht etwas. Gott antwortet, aber wir merken es erst später.
Unser Leben ist nicht einfach so in die Welt geworfen. Es ist bedeutungsvoll und kostbar. Trotz allem, was wir nicht verstehen: Unser   Leben ist von Gott gewollt und bejaht.

Fünfzig Jahren nach Krieg und Verbannung sind die Israeliten in ihre Heimat zurückgekehrt. Ein armseliger, enttäuschender Neuanfang ist das. Das Land ist verwüstet. Jerusalem und der Tempel liegen in Trümmern. So haben sie sich das nicht vorgestellt, als sie noch in der Fremde waren und sich nach Hause sehnten. Gott sagt: Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.
Kann aus diesem Trümmerhaufen jemals wieder etwas werden? Werden wir uns je wieder freuen können? Noch sehen wir nur, was früher war und was wir vermissen. Wird es irgendwann so sein, wie du sagst, dass man des Vorigen nicht mehr gedenken und es nicht mehr zu Herzen nehmen wird? Kann es sein, dass man nicht mehr die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens hören wird?
Noch drückt uns böser Tage schwere Last. Noch bedrängt uns die Erfahrung des Abschieds. Unsere Trauer braucht Zeit. Eine Kleinigkeit genügt und der Schmerz ist wieder da. Was uns verbunden hat, der geliebte Mensch, bleibt ein Teil von uns. Der Schmerz gehört zu uns. Wird er in den Hintergrund rücken, vergessen sein?

Die hebräische Sprache hat ein Verb, das nur mit Gott als Subjekt verwendet wird: erschaffen, bara. Nur Gott kann Neues erschaffen und einen neuen Anfang geben. Wenn der Schöpfer spricht, weicht das Chaos zurück. Gott kennt den Grund von allem, was ist, das Geheimnis der Welt.
Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, … freuet euch über das, was ich schaffe.
Mitten in den Ruinen verheißt Gott das Neue. ER  widerspricht der Gewalt und dem Leid und dem Tod. Gott erschafft, was wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Wir denken traurig an die, die wir verloren haben. Aber wir leben von Ostern her. Das Leben bekommt eine neue Dimension. 
Jesus sagt: „Ich lebe, ihr sollt auch leben.“ Der Tod behält nicht das letzte Wort.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde?
Gott stellt unser kleines Leben in den großen Kreis der Schöpfung. Ich bin und wir sind von Gott gewollt.   Jede und jeder hat Anteil am Sinn und am Ziel der ganzen Schöpfung. Der Kosmos, Himmel und Erde und das Leben jedes einzelnen Menschen sind von der gleichen Liebe Gottes getragen.
Gott freut sich über seine Schöpfung. Gott freut sich über uns. Darum macht er das Leid vergessen. Darum segnet er und schafft neu.

Wir möchten sagen: Jesaja, sieh doch, was auf der Welt geschieht! Menschen, die jeden Halt verloren haben. Junge Menschen, die unheilbar krank sind. Kinder, die so viel Schlimmes erfahren haben, dass sie niemandem vertrauen können. Tausende Frauen, deren Partner sie schlagen. Über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Iran und Saudi Arabien heizen den Krieg im Jemen an – Millionen hungern und leiden, und die Welt wendet sich ab. Es ist unfassbar, was Menschen leiden und was Menschen einander antun.
Gott will das nicht. ER steht auf der Seite des Lebens. ER wird dem Leid ein Ende setzen.  Jedes Leben soll sich entfalten, jeder Mensch soll alt und lebenssatt sterben.
Sie werden Häuser bauen und darin wohnen und Weinberge pflanzen und deren Früchte essen.  Sie werden nicht bauen, damit ein anderer wohnt, sie werden nicht pflanzen, damit ein anderer isst.
Die große Hoffnung in kleiner Münze: Das Leben funktioniert. Sie wohnen sicher. Sie haben ihr Auskommen. Die Arbeit ist nicht vergeblich, nicht umsonst.
Für viele Menschen wäre das schon traumhaft schön. Viele werden es nie erreichen, weil der Frieden in weiter Ferne ist, die Konflikte und die Not dagegen übermächtig nah.
Und doch: Es ist kein Traum. Gott will Frieden.  ER wird neu erschaffen, was wir kaum zu hoffen wagen. Jedes Leben soll sein Ziel erreichen. Die ganze Schöpfung soll Frieden haben.

Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Es ist ein mühsamer Weg für sie. Die Krankheit nimmt ihr mehr und mehr von ihrem Leben. Oft kann sie nicht mehr beten. Doch die Antwort: „Du bist bei mir. Ich falle. Du bleibst bei mir.“

Es sind mühsame, kraftzehrende Wege:
Reden, wo Streit und Verletzungen sind.
Anknüpfen, wo alles zerrissen ist.
Aufbauen, wo Ruinen stehen.
Heilen und trösten.
Wir müssen uns wehren gegen den Hass und die Gewalt. Wir sollen uns nicht gleichgültig abwenden vom Leid unserer Mitmenschen. Wir dürfen nicht resignieren.
Gott verspricht: Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wir bauen und pflanzen.
Die Arbeit ist nicht umsonst.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Perspektivenwechsel, Predigt zu Röm 7,14-25a

Predigt am 28.10.18 von Andreas Hansen über Röm7,14-25a

Vor der Predigt singen wir EG 341, 1-3, zwischendrinn und nach der Predigt weitere Strophen des Liedes

EG 341,1. Nun freut euch, lieben Christen gmein, Und laßt uns fröhlich springen, Daß wir getrost und all in ein Mit Lust und Liebe singen, Was Gott an uns gewendet hat Und seine süße Wundertat Gar teur hat ers erworben.

2. Dem Teufel ich gefangen lag, Im Tod war ich verloren, Mein Sünd mich quälet Nacht und Tag, Darin ich war geboren; Ich fiel auch immer tiefer drein, Es war kein Guts am Leben mein, Die Sünd hat mich besessen.

3. Mein guten Werk, die galten nicht, Es war mit ihn verdorben, Der frei Will hasset Gotts Gericht, er war zum Gut erstorben. Die Angst mich zu verzweifeln treib, Daß nichts denn Sterben bei mir bleib, Zur Höllen mußt ich sinken.

Freut euch! Lasst uns springen und tanzen! Lasst uns singen von dem, was Gott an uns gewendet hat! Aber dann erzählt Luthers Lied so drastisch von Teufel, Sünde und Hölle, dass ich stocke. Ist das nicht finsteres Mittelalter? Mensch, Martin, wer glaubt das heute noch?
Wir reden heute nicht vom Teufel, und doch sind verteufelt böse Mächte in der Welt, nicht wahr?
Die Hölle passt nicht zu unserer Weltsicht, aber die Angst vor dem Verderben treibt viele um.
„Ich fiel auch immer tiefer drein – die Sünd hat mich besessen.“ Wie auf einer steilen schiefen Ebene rutscht der Mensch weg von Gott. Das Böse in der Welt, das Verderben und auch die Angst ist leider nicht finsteres Mittelalter. Wir erfahren es um uns und in uns. Wir sind darin verstrickt. Und es ist ein Widerspruch gegen Gott. Wir haben immer nur uns selbst im Blick.
Paulus spürt diesen Widerspruch gegen Gott. Auch er spricht davon, dass die Sünde ihn zur Verzweiflung treibt, und auch er kann fröhlich über Gott jubeln: Gott sei Dank, der uns durch Jesus gerettet hat. Hören wir, wie Paulus schreibt: Das Gesetz ist durch Gottes Geist gegeben worden,  das wissen wir. Ich aber bin meiner eigenen Natur ausgeliefert; ich bin an die Sünde verkauft und ihr unterworfen. 
Ich verstehe selbst nicht, warum ich so handle, wie ich handle. Denn ich tue nicht das, was ich tun will; im Gegenteil, ich tue das, was ich verabscheue.
Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann gebe ich damit dem Gesetz recht und heiße es gut. Und das bedeutet: Der, der handelt, bin nicht mehr ich, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich weiß ja, dass in mir, das heißt in meiner eigenen Natur, nichts Gutes wohnt. Obwohl es mir nicht am Wollen fehlt, bringe ich es nicht zustande, das Richtige zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will. Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann handle nicht mehr ich selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich inner-lich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt.
Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wird mich denn niemand aus diesem elenden Zustand befreien? Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. 
Röm 7,14-25 (Neue Genfer Übersetzung)

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“
Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen. Dass wir Gutes wollen und Böses tun.
Eigentlich sind die sozialen Medien super, nur leider verbreiten sie weltweit Unwahrheiten und stacheln zum Hass auf.
Eigentlich ist es toll, wenn unsere Wirtschaft wächst, nur nehmen wir damit so viel Unrecht und Schaden in Kauf.
Eigentlich wollen wir Frieden, aber wir verkaufen Waffen in Krisengebiete und an Unrechtsstaaten.
Eigentlich liebe ich die Menschen, die mir nahe stehen – und doch handele ich manchmal rücksichtslos und verletzend gegen sie.
Nicht einzelne Verfehlungen beschreibt Paulus. Was wir immer und immer wieder tun, was in uns wirkt und uns zutiefst treibt, das meint er mit Sünde.  Er schließt sich selbst und uns ein, wenn er sagt: die Sünde, der Widerspruch gegen Gott, ist geradezu ein Gesetz in uns, eine Macht die uns beherrscht: die Gier immer mehr zu haben, der Egoismus, die Angst zu kurz zu kommen und in allem ein tiefer Unglaube:
Wir wollen unser Leben selbst begründen.
Wir wollen Gott gar nicht in unserem Leben.
Und wir wollen uns gar nicht ändern, nicht das Gute tun, das wir doch erkennen.
Sünde ist nicht die Praline zu viel oder der lüsterne Blick auf nackte Haut.
Sünde ist der Riss zwischen uns und Gott. Paulus starrt auf sich selbst und ist wie gelähmt. „Ich komme nicht los von mir, von der Angst mich selbst zu verfehlen, von der Gier nach Erfolg und Anerkennung.“ Das gute Gesetz, die Gebote, die zum Leben führen sollen, ziehen ihn nur immer weiter herunter. Hilflos starrt er auf sich. Er spürt, wie es ihn von Gott weg treibt, wie gott-los er ist. „Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen.“ Er verzweifelt, wenn er sich ansieht.

Singen wir weiter mit dem Lutherlied.
EG 341,4. Da jammert Gott in Ewigkeit Mein Elend übermaßen, Er dacht an sein Barmherzigkeit, Er wollt mir helfen lassen. Er wandt zu mir das Vaterherz, Es war bei ihm fürwahr kein Scherz, Er ließ sein Bestes kosten.

5. Er sprach zu seinem lieben Sohn: Die Zeit ist hie zurbarmen, Fahr hin, meins Herzens werte Kron, Und sei das Heil der Armen Und hilf ihm aus der Sünden Not, Erwürg für ihn den bittern Tod Und laß ihn mit dir leben.

6. Der Sohn dem Vater ghorsam ward, Er kam zu mir auf Erden Von einer Jungfrau rein und zart, Er sollt mein Bruder werden. Gar heimlich führt er sein Gewalt, Er ging in meiner armen Gstalt, Den Teufel wollt er fangen.

Eine neue Perspektive: „Da jammert Gott mein Elend“. Nicht mehr der Mensch starrt verzweifelt auf sein Unvermögen. Jetzt sieht Gott ihn an, Gott sei Dank. Gott wendet sich uns zu. „Er wandt zu mir das Vaterherz“ Gott sieht uns an wie ein lieber Vater sein Kind. Gott sieht uns, wie wir eigentlich sind im Blick seiner Liebe.
Gott sieht auch unsere Sünde, den Riss. Er sieht gestörte Beziehungen, verfehltes Leben, verlorenen Glauben, beschädigte Liebe. Aber er nimmt es nicht hin, dass wir von ihm weg treiben, dass wir gefangen sind in der Sünde.
Gott kommt selbst zu uns in Jesus Christus. Er selbst setzt sich dem Bösen, der Gewalt, dem Unrecht aus. So überwindet er die Macht der Sünde. So heilt er den Riss zwischen uns und Gott.
Wir schauen auf Jesus. Wir halten uns fest an ihm.
„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“
Eigentlich will ich keinen Streit, aber dann fällt ein Stichwort und alles Böse, was ich erlitten und auch selbst getan habe, ist wieder da. Jesus hilf!
Eigentlich weiß ich, dass mein Energieverbrauch zu groß ist, aber was soll´s, das machen doch alle. Jesus hilf!
Das Böse, das Unrecht ist noch in der Welt. Wir leiden daran und wir sind verstrickt darin. Wie Paulus möchten wir schier verzweifeln, wenn wir uns ansehen, wenn wir die Welt ansehen.
Wir brauchen die neue Sicht, die neue Perspektive, die Jesus uns schenkt. Wir gehören zu ihm. Amen

EG 341,7. Er sprach zu mir: Halt dich an mich, Es soll dir jetzt gelingen; Ich geb mich selber ganz für dich, Da will ich für dich ringen; Denn ich bin dein und du bist mein, Und wo ich bleib, da sollst du sein, Uns soll der Feind nicht scheiden.

8. Vergießen wird er mir mein Blut, Dazu mein Leben rauben, Das leid ich alles dir zu gut, Das halt mit festem Glauben, Den Tod verschlingt das Leben mein, Mein Unschuld trägt die Sünde dein, Da bist Du selig worden.

9. Gen Himmel zu dem Vater mein Fahr ich von diesem Leben, Da will ich sein der Meister dein, Den Geist will ich dir geben, Der dich in Trübnis trösten soll Und lernen mich erkennen wohl Und in der Wahrheit leiten.

Gerne geben – Predigt zum Erntedankfest Mk12,41-44

Predigt am 7.10.18 von Andreas Hansen über Mk12,41-44

Die Predigt folgt nach einem Spiel und Lied der Kindergartenkinder

„Wenn jeder etwas abgibt vom dem, was er hat, dann werden alle Menschen auf Erden satt.“ Euer Lied ist gut. Wir haben so viel! Das ist schön. Darüber freuen wir uns. Dafür danken wir Gott.
Aber wir wissen auch: Viele Menschen werden nicht satt. Viel Essen wird in unserem Land weggeworfen, obwohl es gut ist – im Schnitt 55 kg pro Person und Jahr werfen wir weg. Viele Menschen wollen alles für sich haben und nichts abgeben – geizig sind sie.
Abgeben, teilen, anderen etwas schenken – das ist so schön und wichtig, und wir sollen es lernen. Ich lese aus der Bibel vor: Mk 12,41-44 (NGÜ)

Jesus setzte sich in die Nähe des Opferkastens und sah zu, wie die Leute Geld hineinwarfen. Viele Reiche gaben große Summen. Doch dann kam eine arme Witwe und warf zwei kleine Kupfermünzen hinein.
Da rief Jesus seine Jünger zu sich und sagte: »Ich versichere euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten gelegt als alle anderen. Sie alle haben von ihrem Überfluss gegeben; diese Frau aber, so arm sie ist, hat alles gegeben, was sie besaß – alles, was sie zum Leben nötig hatte.«

Am Eingang des Tempelhofes steht der Kasten für die Gaben. Hier spenden die Leute für den Tempel – das ist wie unsere Kirchensteuer. Der reiche Kaufmann gibt stolz 200 Denare. Der Priester sagt den Betrag laut. Jeder kann es hören. Und noch ein vornehmer Mann spendet sogar drei Goldstücke. So viel Geld – die Leute staunen.
Dann kommt Rebekka. Sie ist arm. Seit ihr Mann gestorben ist, hat sie fast nichts mehr. Auch sie spendet etwas. Einen winzig kleinen Betrag nennt der Priester. Aber Rebekka lächelt und geht in den Tempel.
Die Jünger sagen: „Was willst du hier, Jesus? Das ist doch langweilig zu sehen und zu hören, was die Leute geben.“
„Meint ihr? Ich find´s interessant. Schaut diese Witwe an, wie gerne sie gibt! Zwei Pfennige nur, aber für sie ist das viel.“
„Zu viel“ sagt Thomas. „Mehr hat sie bestimmt nicht für diesen Tag. Das ist doch unvernünftig, alles zu geben.“
„Unvernünftig? Das kann sein. Aber es ist schön.“
Rebekka hat die Diskussion nicht mitbekommen. Sie ist gern im Tempel. „Hier bin ich Gott nahe. Wie gut, dass es diesen Ort gibt. Dafür gebe ich gerne. Ich gehöre dazu. Es ist auch mein Tempel.“
Es ist schön, wenn Menschen schenken. Beschenkt werden und Schenken – beides gehört zu unserem Leben. Ich bin auf andere angewiesen, als kleines Baby und als alter Mensch, wenn ich krank bin, wenn ich Hilfe brauche. Ich bin auch darauf angewiesen, dass andere mir Liebe und Freundschaft schenken. Aber ich will auch selbst etwas geben. Es ist ein Ausdruck von Würde, wenn ich etwas schenken und geben kann. Großzügig geben zu können ist schön.
Menschen, die sich nichts schenken lassen, die immer gleich etwas zurückgeben müssen, die sind arm dran. Aber noch armseliger sind die Geizigen, die nichts abgeben und immer nur mehr haben wollen.
Jesus sieht Rebekka und freut sich über sie. Die Witwe gibt umgerechnet etwa 4 € – mehr hat sie nicht an diesem Tag. Sie ist glücklich, weil sie etwas geben kann. Sie gibt ohne Berechnung, vielleicht unvernünftig, aber glücklich und schön.
Schön sind Menschen, die sich einsetzen:
Eltern, die alles für ihre Kinder tun.
Kinder, die ihre alten Eltern versorgen.
Ehrenamtliche, die großzügig Zeit und Mühe schenken. Spender, die unterstützen, wo Not ist.
Menschen, die andere ertragen und sich auch den Schwierigen zuwenden. Alle, die ihre tägliche Arbeit mit ganzem Herzen tun.
Schön sind Menschen, die nicht berechnend, sondern gerne geben, was sie haben.
Wir schauen den Erntedankaltar an. So viel Gutes haben wir – und noch viel mehr, als wir hier sehen.
Wir haben, was wir brauchen. Hungern muss in unserem Land keiner. Wir sind frei. Wir dürfen unsere Meinung sagen und schreiben. Wir dürfen wählen. Wir haben einen funktionierenden Staat, eine Demokratie, einen Rechtsstaat.
Das alles ist für uns selbstverständlich – und für viele Menschen in der Welt in weiter Ferne.
Wir reden viel über Missstände, aber wir jammern auf sehr hohem Niveau. Sehr viel Gutes ist für uns sicher und selbstverständlich. Und das bleibt so, weil viele sich einsetzen.
Es ist stark, was alles durch unsere Steuern funktioniert.
Es verdient hohe Anerkennung, was Lehrerinnen, Politikerinnen, Ärzte, Journalisten, Richterinnen, Polizisten, Erzieherinnen leisten.
Wir reden vieles schlecht, aber viele, eigentlich die meisten tun viel Gutes. Wir können ein wenig stolz darauf sein, auf unser Land mit all seinen Gaben. Wir können frei geben, unsere Zeit, unser Engagement, auch unser Geld. Unser Elternbeirat ist ein Beispiel dafür, dass das sogar Spaß macht.
Und wir können vor allem darauf vertrauen, dass Gott für uns sorgt.
Rebekka hat keine Angst zu kurz zu kommen. Selbstbewusst und fröhlich gibt sie.
Ich wünsche mir diese Freiheit, dies Vertrauen.

Amen

Vergeblich? – Mach weiter! – Predigt über Jes 49,1-6

Predigt am 23.9.18 von Andreas Hansen über Jes 49,1-6

Jes 49,1-6
Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke – er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Schrecklich, wenn einer sein Leben ansieht und   so über sich denken muss: vergeblich, umsonst, unnütz, gescheitert, ein Looser – keine und  keiner will Verlierer sein.

Ein Junge, 15 Jahre alt, wacht nach einer Woche aus dem künstlichen Koma auf. Er hat bei einem Unfall beide Beine verloren. Florian Sitzmann erzählt heute, 26 Jahre später, im Radio darüber – letzten Mittwoch hörte ich die Sendung.
Er hat viel vor und lässt sich nicht aufhalten. „Glaub an dich! Mach weiter!“ so ermutigt er uns.  Er sprüht vor Heiterkeit und Zuversicht.
Seinen Großvater nennt er als Vorbild dafür, dass er diese Haltung gewinnen konnte. Der Großvater saß damals an seinem Bett und die Tränen rannten ihm über´s Gesicht. Eine Kriegserfahrung überfiel ihn: das Lazarett, die Schreie derer, die durch Bomben und Minen verletzt ihre Gliedmaßen verloren, die unsägliche Angst jener Zeit. Sein Großvater kannte die Angst und das Scheitern. Von ihm lernte er auch die Zuversicht.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Er muss unendlich viel Druck aushalten. Er ist frustriert, ausgepowert, verzweifelt, der Mensch, der im Jesajabuch von sich und seinem Volk schreibt und Gottes Wort verkündet. Sein Volk hat Krieg und Verwüstung erlebt, den Verlust von allem, was ihnen kostbar und heilig war. Sie leben unterdrückt in der Verbannung.
„Du bist mein Knecht“ sagt Gott zu ihm – eine Ehre ist das! – du sollst mein Wort sagen, mächtige Worte wie ein scharfes Schwert, wie Pfeile.   Aber wer glaubt ihm schon in dieser ausweglosen Situation?  Darum muss der Gottesknecht leiden. Er wird verspottet, angefeindet, gequält und geschlagen. „Was bringt das alles?“ fragt er sich. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Aber Gott hat mit seinem Knecht Großes vor: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke“. Die Zerstreuten und Verbannten soll er sammeln und heimbringen. Und noch viel mehr: Für alle Völker soll er Licht sein. Alle Menschen sollen Gottes Heil erfahren.
Wir wissen nicht, wer der Knecht Gottes war. Schnell wurde das Volk Israel mit seiner leidvollen Erfahrung verbunden. „mein Knecht, Israel“ heißt es, aber „Israel“ wurde wohl später in den Text eingefügt. Das Gottesvolk ist immer wieder nach schlimmen Katastrophen aufgestanden. Sie wurden vertrieben und geschlagen, aber wunderbar hat Gott sie bewahrt.
Christen haben im Auftrag und im Leiden des Gottesknechtes Jesus erkannt und durch die Worte im Jesajabuch Jesu Weg gedeutet.
„Vergeblich, unnütz“ – so könnte man denken, wenn man Jesus am Kreuz sieht. Er ist gescheitert. Tiefer kann man nicht fallen als so verachtet wie der letzte Verbrecher am Kreuz zu sterben. Gott selbst geht den Weg durch Leid und Scheitern hindurch. An Jesus halten wir uns, gerade weil er diesen Weg ging. Menschen aus allen Völkern sehen auf ihn, glauben an ihn.

Viele erleben sich als gescheitert, wenn etwas in ihrer Lebensplanung schief geht. Für viele ist das Leben nichts anderes als eine Abfolge von Projekten, die man erfolgreich absolvieren muss. Je mehr wir denken, dass unsere Lebensplanung oder die unserer Kinder ein Projekt ist, dessen Gelingen wir in der Hand haben, wenn wir’s nur richtig anpacken – desto größer wird die Angst davor, dass es nicht gelingt und die Beschämung, wenn Vorhaben nicht so enden, wie wir uns das vorgestellt haben.
Wir sehen nicht nur die eine oder andere Aufgabe, die vor uns liegt, als ein Projekt, sondern manchmal unsere ganze Lebensgestaltung: die Karriere, das Aufwachsen der Kinder, die Beziehung oder Ehe, alles wird zum „Projekt“, das man nur gut genug in den Griff bekommen muss, damit daraus etwas wird. Aber so einfach ist es nicht: das Leben ist kein Projekt. Es ist ein Weg mit immer neuen Herausforderungen, mit Umwegen – und, ja, auch mit Scheitern und Versagen. (dieser Abschnitt eng angelehnt an Gedanken von Barbara Hauck, GPM  455ff und Predigt im Internet)

Unsere Gesellschaft ist süchtig nach dem Erfolg. Scheitern ist nicht vorgesehen. Gnadenlos lassen wir die fallen, die nichts vorweisen können. Kaum sehen wir ein Problem, schon schreien wir: Warum tut die Politik nichts? Politikerinnen und Politiker starren ängstlich auf ihre Zustimmungsraten und verbiegen sich, um nur ja die nächste Wahl zu bestehen. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt und sich nicht mehr bewegen kann, so sind manche gelähmt aus Angst vor dem Misserfolg. Angst ist kein guter Ratgeber. Angst verzerrt den Blick. Bei manchen meint man, sie verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Ich wünschte, dass die Politikerinnen und Politiker und wir alle sozusagen auf den Boden kommen und tun, was dran ist. Die Sucht nach dem Erfolg und die Angst vor dem Misserfolg verderben uns.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Als er ganz unten ist, merkt er: Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand. Er sieht jetzt realistischer, das heißt er sieht sich und die Welt vor Gott.
Er kann scheitern und doch sinnvoll leben, sogar fröhlich, zuversichtlich, befreit von der Angst.
Gott hat noch etwas mit mir vor.
Ich bin gescheitert, aber nicht am Ende.
Wie Florian Sitzmann sagte: „Glaub an dich! Mach weiter!“
Oder ganz ähnlich Kristina Vogel, die Bahnradfahrerin, die seit drei Monaten querschnittsgelähmt ist: „Was soll ich mich bedauern. Es ist, wie es ist. Ich muss gefordert werden.“
Wie Florians Großvater die Angst des Krieges verarbeitet hat.
Wie viele der Flüchtlinge bei uns ein neues Leben aufbauen.
Wie manche Behinderte und Kranke den Gesunden Zuversicht vorleben.
Das Scheitern gehört zu unserem Leben. Mancher merkt, nachdem er hingefallen ist, was wirklich zählt. Aber wir sind nicht am Ende. Selbst denn, wenn wir keine Möglichkeit sehen:  Gott hat etwas mit uns vor. Gott gibt unserm Leben Sinn und Ziel. Wir sind vor Gott wert geachtet. Gott ist unsere Stärke.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

„Mutig“ – Predigt zu 2.Tim 1,6-10

Predigt am 16.9.18 von Andreas Hansen über 2.Tim 1,6-10

Paulus schreibt an seinen Freund Timotheus. Paulus ist im Gefängnis. In dieser Zeit werden Christen verfolgt und bedrängt. Sie haben Angst. „Was kommt noch auf uns zu?“ Paulus will seinen Freund ermutigen, stärken.
Er schreibt: Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte. Lass sie zur vollen Entfaltung kommen! 
Paulus hat Timotheus die Hände aufgelegt. Er hat ihn gesegnet, wie bei einer Konfirmation oder wie die Erstklässler gestern und vorgestern gesegnet wurden oder wie Brautpaare oder wie Menschen, die ein Amt bekommen.
Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte.
Paulus ist sicher: Gott hat seinen Freund Timotheus mit guten Gaben beschenkt. Er rechnet mit Gottes Kraft in den Menschen, die gesegnet werden. Dass der Glaube in euch Konfis wächst, dass die Erstklässler lernen und glücklich sind, die Paare einander in guten und schweren Zeiten lieben, die Gesegneten ihr Amt erfüllen, dass zur vollen Entfaltung kommt, was Gott an Liebe, Hoffnung und Glaube in uns legt.
Andererseits sehen wir: Nicht alles wird gut. Begabte Menschen geraten auf Abwege.  Paare trennen sich. Konfirmierte treten ein paar Jahre später aus der Kirche aus. Amtsträger missbrauchen ihr Amt.
Wir sehen in unserem Land und in vielen Ländern, wie Angst und Hass sich ausbreiten, wie engstirniger Nationalismus geschürt wird und so leicht Gewalt ausbricht.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und doch lassen wir uns oft von ihr beherrschen.
Paulus schreibt weiter:
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Bekenne dich daher ohne Scheu zu unserem Herrn, und schäme dich auch nicht, zu mir zu stehen, nur weil ich ein Gefangener bin – ich bin es ja um seinetwillen! Sei vielmehr auch du bereit, für das Evangelium zu leiden. Gott wird dir die nötige Kraft geben.
Er ist es ja auch, der uns gerettet und dazu berufen hat, zu seinem heiligen Volk zu gehören. Und das hat er nicht etwa deshalb getan, weil wir es durch entsprechende Leistungen verdient hätten, sondern aufgrund seiner eigenen freien Entscheidung. Schon vor aller Zeit war es sein Plan, uns durch Jesus Christus seine Gnade zu schenken, und das ist jetzt, da Jesus Christus in dieser Welt erschienen ist, Wirklichkeit geworden. Er, unser Retter, hat den Tod entmachtet und hat uns das Leben gebracht, das unvergänglich ist.  So sagt es das Evangelium.
Wir erfahren nicht, welche Not Timotheus plagt. Vielleicht darf Paulus nicht zu viel verraten, um ihn nicht in Gefahr zu bringen.
Nebenbei: ein späterer Christ schreibt hier unter den Namen Paulus und Timotheus – das war damals ganz übliche Praxis.
Er gibt ihm eine ganz enorme Zusage: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Timotheus hat eine schwere Zeit vor sich. Soviel ist sicher. Er muss mit großen Aufgaben fertig werden. Er ist angegriffen, vielleicht tatsächlich verfolgt.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Das möchten auch wir uns zusagen lassen. Wissen, dass die Kraft reicht, vertrauen, dass Gott zu mir hält und mir Kraft gibt: Zum Beispiel in einem Streit, der mich fertig macht, vor einem riesigen Berg von Arbeit, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich erschöpft bin.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Können Sie sich vorstellen, jemandem das zu sagen? Einem, der in ein Vorstellungsgespräch oder eine Prüfung geht: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Jemandem, der deprimiert ist: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Einer Sterbenskranken oder ihren Angehörigen: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Paulus sagt seinem Freund: „Du bleibst in der Kraft Gottes, auch wenn du leiden musst, auch wenn deine Kraft am Ende ist.“ Unsere Kraft reicht oft nicht aus: Wir fallen durch. Wir geben auf. Wir verzweifeln. Unsere Kraft, unser Leben ist begrenzt. Aber wir bleiben in der Kraft Gottes. Wir sind keine Kraftprotze, ganz gewiss nicht, aber wir sind im Leben und im Sterben von Gott gehalten.
Paulus glaubt an die Lebenskraft von Gott. Er schreibt: wir sind gerettet, berufen, erwählt. Wir sind durch Jesus mit Gnade beschenkt. Jesus Christus hat den Tod entmachtet.
Der Tod scheint uns so übermächtig: Zum Beispiel in Idlib, wo über zwei Millionen bedroht sind, bei den Opfern von Krieg und Katastrophen, aber auch, wenn ein uns naher lieber Mensch stirbt. Vor dem Tod werden wir irgendwann auch selbst stehen. Aber wir hören: Der Tod ist entmachtet. Jesus lebt. Jeden Sonntag feiern wir die Auferstehung. Jeder Sonntag ist ein wenig wie Ostern. Noch erleben und erleiden wir die Macht des Todes. Aber schon jetzt wissen wir: Der Tod ist entmachtet, überwunden. Eine neue Dimension von Leben hat begonnen, Leben in der Kraft Gottes.
Ich sage, eine neue Dimension, weil das unser Verstehen und unsere Erfahrung übersteigt. Ich glaube, dass Jesus auferstanden ist, dass er seinen Jüngern erschienen ist, dass er lebt. Ein neues Leben erschließt sich in Jesus.
Paulus versichert seinem Freund: „Verlass dich darauf: Gott hat dir seinen Geist gegeben, nicht einen Geist der Ängstlichkeit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Verlasst euch darauf: Gott ist in uns. Sein Geist wirkt in uns. Mit unseren Händen ist er am Werk. Mit unseren Worten spricht er. Was der Heilige Geist macht, muss nicht perfekt oder irgendwie übernatürlich sein. Es ist so menschlich und begrenzt wie wir sind. Gottes Geist wirkt in uns und durch uns.
Glaubt es nur: Gott gibt uns seinen Geist und Gaben des Geistes, Kraft, Liebe, Besonnenheit!
In der düstersten Zeit deutscher Geschichte schrieb Dietrich Bonhoeffer ein Bekenntnis und sagt darin: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Nicht Ängstlichkeit, sondern Kraft und Liebe und Besonnenheit wirkt Gott in uns und durch uns.
Im Moment wird es in Deutschland und vielen Ländern dunkler und enger, aber wir vertrauen dennoch, dass Gottes Geist wirkt.
Wenn uns etwas überfordert und bedrängt, was vor uns ist, greift die Angst nach uns. Aber wir schaffen es nur durch Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir Tod und Verderben in der Welt sehen, möchten wir verzweifeln oder ganz schnell wegschauen, aber durch Gottes Geist ertragen wir, was geschieht und begegnen den Mächten auch. Wir bleiben in der Kraft Gottes.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt über Apostelgeschichte 3,1-10

Predigt am 19.8.18 von Andreas Hansen über Apg 3,1-10

Eines Tages geschah Folgendes: Gegen drei Uhr, zur Zeit des Nachmittagsgebets, gingen Petrus und Johannes zum Tempel hinauf. Man brachte einen Mann, der von Geburt an gelähmt war, zu dem Tor des Tempels, das die Schöne Pforte genannt wurde. Wie jeden Tag ließ der Gelähmte sich dort hinsetzen, um von den Tempelbesuchern eine Gabe zu erbitten. Als er nun Petrus und Johannes sah, die eben durch das Tor gehen wollten, bat er sie, ihm etwas zu geben. Die beiden blickten ihn aufmerksam an, und Petrus sagte: »Sieh uns an!« Der Mann sah erwartungsvoll zu ihnen auf; er hoffte, etwas von ihnen zu bekommen. Da sagte Petrus zu ihm: »Silber habe ich nicht, und Gold habe ich nicht; doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth – steh auf und geh umher!«  Mit diesen Worten fasste er ihn bei der rechten Hand und half ihm, sich aufzurichten. Im selben Augenblick kam Kraft in die Füße des Gelähmten, und seine Gelenke wurden fest. Er sprang auf, und tatsächlich: Seine Beine trugen ihn; er konnte gehen! Der Mann folgte Petrus und Johannes in den inneren Tempelvorhof, und immerfort lief er hin und her, hüpfte vor Freude und pries Gott. Die ganze Menschenmenge wurde auf ihn aufmerksam. Als die Leute begriffen, dass der, der da hin- und hersprang und Gott lobte, niemand anders war als der Bettler, der sonst immer an der Schönen Pforte des Tempels gesessen hatte, waren sie außer sich vor Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

(Marie-Luise Kaschnitz)

„Hört das denn nie auf?“ Hannas ruft den Hohen Rat zu einer Sitzung ein. „Gestern hat die Wache zwei verhaftet. Sie haben im Tempel von diesem Jesus geredet. Habt ihr von dem Bettler gehört, dem Gelähmten, der vor der schönen Pforte? Jetzt springt er durch den Tempel und schreit herum, dass die zwei ihn geheilt haben, im Namen Jesu geheilt. Hört das denn nie auf mit diesem Jesus?“
Petrus und Johannes werden aus ihrer Zelle geholt und verhört. Sie werden bedroht. Der Hohe Rat verbietet ihnen von Jesus zu reden.
Petrus antwortet: „Wir können nicht schweigen. Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Die Sache Jesu geht weiter.
Die Wahrheit kann nicht zum Schweigen gebracht werden. Nein, das hört niemals auf!
Lukas berichtet in der Apostelgeschichte: Der Hohe Rat will die Jünger zum Schweigen bringen.
Wer in der Türkei sagt, Erdogan hat die Talfahrt der Währung verursacht, wird wegen Verrat angezeigt.
Wer in China gegen den Abriss einer Moschee protestiert, wird eingesperrt. Wer in Nicaragua die Regierung kritisiert, ist seines Lebens nicht sicher. Überall versuchen die Despoten die Wahrheit zu verbieten, aber es geht nicht.
Die vornehmen Mitglieder des Hohen Rates ärgern sich, aber sie wundern sich auch darüber, wie die einfachen Fischer reden. Etwas ist mit Petrus und Johannes geschehen. Eine Kraft treibt sie, nimmt ihnen die Furcht. Nein, es hört nicht auf. Es geht weiter, was an Ostern geschehen ist.

„Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein. Ach, wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein. Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.“
Er saß immer nur vor der Schönen Pforte. Für ihn war im Tempel kein Platz. Der Tempel ist der Ort, wo Gottes Name wohnt, wo im Namen Gottes gebetet und gefeiert wird. Er war draußen. Ohne ihn anzusehen liefen die Leute vorbei. Jeder kannte ihn, aber keiner interessierte sich für ihn. Er war der Bettler da vor der Tür.
Petrus und Johannes gehen beten. Aber sie lassen sich unterbrechen. Sie laufen nicht vorbei, bleiben stehen und schauen ihn an. Für sie ist er nicht irgendeiner. „Sieh uns an!“ Petrus und Johannes wollen ihm begegnen. Im Namen Jesu richten sie ihn auf. Wir haben keine Erklärung dafür. Etwas geschieht mit ihm. Eine Kraft löst seine Lähmung.
„Steh auf!“ sagt Petrus, zieht ihn hoch und stellt ihn auf seine Füße. Auf einmal ist Leben in seinen Füßen, die immer wie tot gewesen sind. Jetzt muss er nicht mehr getragen werden. Auf Augenhöhe schaut er die anderen an. Und jetzt springt und hüpft er vor Freude. Er tanzt einen Ostertanz. Für ihn ist heute Auferstehung. Er tanzt durch die Schöne Pforte in Gottes Haus. Seine Seele ist fröhlich und er preist Gott.

Wir sagen den Namen des lebendigen Gottes.
Im Namen Jesu feiern wir Gottesdienst, taufen wir und halten das Mahl, in seinem Namen, weil er bei uns ist.
Im Namen Jesu hört Ostern nicht auf, sondern geht weiter. Im Namen Jesu schafft Gott Leben.
Im Namen Jesu schneiden wir Brot, empfangen und essen, was wir brauchen.
Im Namen Jesu sagen wir die Wahrheit und ertragen wir die Wahrheit.
Im Namen Jesu hoffen wir, obwohl so viel Leid und Tod in der Welt ist.
Im Namen Jesu, mit seinem Blick nehmen wir Menschen wahr, hören zu, achten auf sie.
Es muss nichts Großes geschehen, dass wir im Namen Jesu einen Menschen aufrichten.
Aber weil Jesus lebt, kann Großes geschehen, dass einer springen lernt, der gelähmt war.

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Christen – Predigt über Gal 2,16+19-21

Predigt am 12.8.18 von Andreas Hansen über Gal 2,16+19-21

Vor der Predigt werden drei Kinder getauft - einer Taufsprüche ist Gal 3,26: Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus

„Sie nennen euch Christen.“
„Ach wirklich?“ Paulus ist überrascht. Das hört er zum ersten Mal. Christianoi, Christusleute, das passt, denkt er.
„Und wo finde ich die Christen?“ Er bekommt eine Wegbeschreibung und sucht, bis er in der großen Stadt Antiochia in Syrien das Haus findet, in dem die Gemeinde sich trifft. Petrus ist schon da. Er ist aus Jerusalem gekommen. Paulus freut sich, ihn nach vielen Jahren wieder zu sehen.
Dann sitzen sie miteinander am Tisch und essen, alle zusammen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen, Juden und Nichtjuden aus vielen Völkern.
„Hast du gehört, Petrus, hier nennen sie uns Christen. Das passt zu unserer Gemeinde, nicht wahr?“ „Ja, wir alle glauben, Jesus ist der Christus.“ „Und nun tragen wir seinen Namen.“
Aber dann kommen andere Leute aus Jerusalem. Jakobus, der Bruder des Herrn schickt sie. Auf einmal ist Petrus anders. Er setzt sich nur mit Juden an einen Tisch. Sie essen nicht mehr mit den Nichtjuden. Sie wollen, dass alle die Sabbatgebote halten.
Da stellt Paulus ihn zur Rede: „Das kannst du nicht machen, Petrus! Wir alle sind doch jetzt Christen. Christus  hat uns befreit und zu Gott gebracht. Aber jetzt kommt ihr und wollt, dass wir alle Juden werden? So geht es nicht!“
Aus einer kleinen Gruppe am Rand des Judentums wird eine neue Religion. Der Streit zwischen den Judenchristen und den Heidenchristen und später zwischen Juden und Christen ist im NT oft zu spüren. In Jahrhunderten haben wir Christen über die Juden unendliches Leid gebracht.
Ohne die Wurzeln im jüdischen Glauben können wir Jesus, Paulus und das Christentum nicht verstehen. Während die Juden uns Christen nicht brauchen.
Damals musste Paulus die neu entstehende Gemeinde der Christen schützen. Ein paar Jahre später begegnet ihm der Konflikt wieder in der Provinz Galatien – das ist etwa bei Ankara.

Paulus schreibt im Brief an die Galater: Gal 2,16+19-21 (NGÜ):
Aber wir wissen, dass der Mensch nicht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften für gerecht erklärt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben auch wir unser Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt, denn wir möchten vor Gott bestehen können, und das ist – wie gesagt – nur auf der Grundlage des Glaubens an Christus möglich, nicht auf der Grundlage der Gesetzeserfüllung. Niemand steht durch das Befolgen von Gesetzesvorschriften vor Gott gerecht da. .

In Wirklichkeit jedoch habe ich mit dem Gesetz nichts mehr zu tun; ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um von jetzt an für Gott zu leben; ich bin mit Christus gekreuzigt.
Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.
Ich weise Gottes Gnade also nicht zurück, denn das Gesetz  kann uns nicht dazu verhelfen, vor Gott gerecht dazustehen. Wäre es anders, dann hätte Christus nicht sterben müssen.

Verrückt sieht er aus mit seinen Ringen im Ohr und in der Nase und den Tatoos auf den Armen. Aber die Alten im Heim lieben ihren Karli. Mit großer Geduld und Freundlichkeit ist er für sie da. Sein seltsames Outfit stört sie schon lang nicht mehr. Sie freuen sich über den hilfsbereiten jungen Mann. Er bringt seine Leute auch zum Gottesdienst, schiebt Rollstühle, schlägt Gesangbücher für sie auf, ist da, wenn jemand mal raus muss. Er singt nicht mit und sitzt eher unbeteiligt da. Vermutlich hat er keine Ahnung und war sonst noch nie im Gottesdienst.
Aber eines Tages geht er zum Pfarrer und sagt: Ich will getauft werden. Darauf ist der Pfarrer nicht gefasst. Noch weniger auf Karlis Begründung: „Das find ich toll, wie Jesus sich um die Leute kümmert und ihnen hilft, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Das ist cool. So will ich das auch machen.“ Der Pfarrer sieht ihn an: so ein komischer Vogel! geht das so einfach? Der passt überhaupt nicht in unsere Gemeinde. Aber dann fällt dem Pfarrer Paulus  ein: Sklaven und Freie, Männer und Frauen, Judenchristen und Christen aus den Völkern – alle sind durch Christus ein neuer Mensch geworden, alle haben Christus angezogen, alle glauben an Jesus Christus und wollen ihm folgen – darauf kommt es an.
„Schön“, er lacht Karli an und ist doch irritiert von seinem Nasenring. Karli grinst. Der Pfarrer sagt: „Die Christen waren schon immer ein bunter Haufen. Aber alle sind wir durch Jesus Gottes Kinder. Wann etwa soll die Taufe sein?“

Wer ist Gott recht? Wer kann vor ihm bestehen? Wenn wir genau hinschauen: Keiner. Keine und keiner von uns ist gut genug, heilig genug. Wir erschrecken, zu was für Grausamkeiten Menschen fähig sind. So sind wir doch nicht! Und verletzen im nächsten Augenblick einen Mitmenschen, weil wir unbedingt recht haben wollen, uns durchsetzen, zurückschlagen oder einfach egoistisch handeln.
Wir widersprechen dem Gebot, unseren Mitmenschen und so auch Gott und uns selbst zu lieben. Wir wenden uns ab von Gott – Sünde ist das. Nein, bestehen können wir nicht vor Gott.
Aber Gott wendet sich dennoch uns zu. In Jesus Christus ist er ganz bei uns und will uns bei sich. Wir sind Gott recht, weil er uns will. Er schenkt uns Gemeinschaft. Er lädt uns ein. Wir müssen nichts tun, nur seine Einladung annehmen und ihm vertrauen. Paulus schreibt: „ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.“

Paulus erträgt es nicht, wenn Petrus plötzlich nichts mehr mit den Nichtjuden zu tun haben will. Und er wird in seinem Brief an die Galater grob, weil sie den Glauben an Jesus Christus verfälschen und verraten. Er schimpft: „Wir sind Christen. Christus ist die Tür zu Gott. Außer Christus brauchen wir nichts. Wer etwas anderes lehrt und meint, das Befolgen von Geboten bringt uns zu Gott, der soll verdammt sein.“
So wütend und hart ist Paulus in seinem Brief.

Wir sind Christen. Wir sind ein bunter Haufen, aber wir gehören zusammen durch Jesus Christus. Wir sind nicht besser als andere, aber wir vertrauen auf Christus und versuchen, ihm zu folgen. Wir sind Christen und glauben, dass wir Gott recht sind, weil Gott uns in Christus seine Liebe schenkt.
Paulus schreibt auch: „Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir.“ Wir sind eins mit Christus, Gottes geliebte Kinder. Amen

Sex – Predigt über 1.Kor 6,12-20

Predigt am 22.7.18 von Andreas Hansen über 1.Kor 6,12-20

Wir haben einen besonderen Predigttext. Paulus schreibt an die Christen in Korinth über Sex und Prostitution. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Vieles, was in Korinth üblich war, verurteilt er. Aber er ist überhaupt nicht leibfeindlich oder prüde. Paulus kennt seine Bibel: da gibt es die erotischen Liebeslieder im Hohelied Salomos und viele schöne Liebesgeschichten, freilich auch Geschichten von sexueller Gewalt und Ehebruch, Eifersucht, usw. Nichts, was uns Menschen bewegt, ist Gott fremd. Darum geht es in der Bibel oft um das Thema Nr1. Sex ist so schön und birgt zugleich die Gefahr, dass wir einander wehtun und schaden. Paulus schreibt über Sex. Er schreibt als Jude, der von seiner Bibel geprägt ist, und er schreibt an Griechen, die ganz andere Vorstellungen haben. Und er schreibt vor fast 2000 Jahren. Wir sehen heute manches anders. Ich lese 1.Korinther 6,12-20 (Neue Genfer Übersetzung).

»Alles ist mir erlaubt!« Wer so redet, dem antworte ich: Aber nicht alles, was mir erlaubt ist, ist auch gut für mich und für andere. – »Alles ist mir erlaubt!«  Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherr-schen lasse. Ihr sagt: »Das Essen ist für den Magen da und der Magen für das Essen, und dem einen wie dem anderen wird Gott ein Ende bereiten.« Einverstanden, aber das heißt noch lange nicht, dass wir mit unserem Körper machen können, was wir wollen. Der Körper ist nicht für die Unmoral da, sondern für den Herrn, und der Herr ist für den Körper da und sorgt für ihn. Und genauso, wie Gott den Herrn von den Toten auferweckt hat, wird er durch seine Macht auch uns vom Tod auferwecken und unseren Körper wieder lebendig machen. Wisst ihr nicht, dass ihr zum Leib Christi gehört und dass damit auch euer Körper ein Teil seines Leibes ist? Soll ich denn nun, indem ich mich mit einer Prostituierten einlasse, Christus das wegnehmen, was einen Teil seines Leibes ausmacht, und es zu einem Teil ihres Leibes machen? Niemals! Überlegt doch einmal: Wer sich mit einer Prostituierten einlässt, wird mit ihr eins; sein Körper verbindet sich mit ihrem Körper. Es heißt ja in der Schrift: »Die zwei werden ein Leib sein.« Wer sich hingegen mit dem Herrn verbindet, wird eins mit ihm; sein Geist verbindet sich mit dem Geist des Herrn. Lasst euch unter keinen Umständen zu sexueller Unmoral verleiten! Was immer ein Mensch für Sünden begehen mag – bei keiner Sünde versündigt er sich so unmittelbar an seinem eigenen Körper wie bei sexueller Unmoral. Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst. Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!

Korinth ist eine große, bunte Hafenstadt. Am Tempel der Liebesgöttin Aphrodite arbeiten Hunderte von Tempeldirnen. Sex mit Sklavinnen und Sklaven ist normal. Hier kann sich jeder nach Lust und Laune austoben. „Paulus, du hast doch gesagt: Uns ist alles erlaubt. Ja, diese Freiheit passt zu uns in Korinth.“
Moment mal! Konnte sich wirklich jeder austoben und vor allem jede Frau? Ich glaube nicht, dass die Sklaven und die Tempeldirnen diese Freiheit so toll fanden. Sexuelle Unterdrückung war für Paulus kein Thema. Uns heute fällt auf, wie sehr er von den Vorstellungen seiner Zeit geprägt ist.
„Alles ist erlaubt“? – „Ja“, sagt Paulus, „aber nicht alles ist auch zuträglich.“ Die griechischen Christen in Korinth messen dem Körperlichen einfach keine Bedeutung bei. Der Leib ist für sie nur eine Hülle, mit der man tun kann, was man will. Griechen denken: „Was nur äußerlich geschieht, kann doch nicht schaden. Was ich esse, ob ich Sport treibe, ob ich Sex habe – das alles ist nur körperlich und der Körper wird zerfallen. Wichtig ist der Geist. Mein Leib ist bedeutungslos. Er ist eher ein Gefängnis für mein wahres Ich. Darum kann ich den Leib und alles Leibliche verachten. Was ich mit meinem Körper anstelle, auch Sex, berührt mich gar nicht wirklich.“ Darum meinen die Leute in Korinth auch: „Es spielt keine Rolle, ob wir zu den Dirnen gehen. Das ist doch nur ein körperlicher Akt, wie Essen und Trinken.“
Hier prallen die Kulturen aufeinander. Hier muss der jüdisch denkende Paulus widersprechen: „Es ist nicht bedeutungslos, was wir mit unserem Körper machen. Körper und Seele sind untrennbar eins. Sex ist kein seelenloses, äußerliches Tun. Leib und Geist und Seele sind eine Einheit.“
An diesem Punkt finde ich Paulus richtig gut und auch modern. Wir alle erfahren, wie eng unser seelisches und unser körperliches Befinden verbunden sind. Viele machen zum Beispiel Karate oder Yoga: Beide betonen, wie eng Körper und Seele aufeinander wirken. Sie können einander beflügeln oder auch lähmen. Wie wir atmen, essen, uns bewegen – was wir mit unserem Körper tun, das macht uns aus, auch als Person. Wir haben nicht nur einen Leib, wir sind Leib. Gott hat uns unseren Leib gegeben.
Paulus kann den Leib also nicht verachten oder gering schätzen. Und das umso weniger, als Gott in Jesus Mensch geworden ist, leibhaftig wie wir.
Das bedeutet nun nicht, dass wir ins Gegenteil verfallen und einen Kult um der Körper treiben. Wir schätzen den Leib als Gabe von Gott und alles, was wir durch ihn genießen. Aber wir müssen nicht um jeden Preis gesund, sportlich und schön sein.
Auch hier gilt die Freiheit eines Christenmenschen: Wir sind von Gott angenommen, gerechtfertigt, auch in unserem leiblichen Sein. Unseren Körper mit seinen Maßen und Möglichkeiten dürfen wir als Gabe von Gott genießen. Wir sollen ihn nicht vernachlässigen oder schädigen, aber wir stehen auch körperlich nicht unter Leistungsdruck.
Darum achten wir Sexualität und Zärtlichkeit als wunderbare Gabe Gottes. Es ist etwas ganz Besonderes, dass wir einen Menschen zärtlich beschenken, verwöhnen, annehmen und einander größte Nähe gewähren. Paulus erinnert an den Schöpfungsbericht: Die zwei werden ein Leib. Das ist für Paulus schön und keineswegs zu verachten.
Sex wurde in der Geschichte der Christen oft verteufelt. Sexuelle Lust wurde nur als Sünde betrachtet. Sünde ist die Gier, die nur haben und beherrschen will, den anderen gebraucht und keine wirkliche Nähe zulässt.
Aber Sexualität, das Sich-einander-Schenken, Begehren und Lust, ist für Paulus gut und schön. Die Liebenden sind einander einmalig nahe. Sie werden eins. Sie werden ein Teil des anderen. Bert Brecht  dichtete: „Der, den ich liebe, hat mir gesagt, dass er mich braucht. Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.“ Die Liebenden brauchen einander. Sie sind einander unersetzlich, kostbar, und darum achten sie auch auf sich selbst.
Liebe verträgt keine Leichtfertigkeit und Unverbindlichkeit.
Liebe braucht Treue, Hingabe, Ehrlichkeit und gegenseitige Achtung.
Für Paulus steht unser Verhältnis zu Gott auf dem Spiel, wenn wir unseren Leib missbrauchen. Als Leib gehören wir uns nicht selbst. Als Leib sind wir in Beziehungen. Die Liebenden werden eins. Für Paulus ist das sogar ein Bild für unsere Beziehung zu Jesus Christus. Er redet von Zärtlichkeit, Begehren und Lust in einem Atemzug mit der Einheit im Leib Christi: „unser Körper ist ein Teil des Leibes Christi“
Daraus folgt für Paulus: „Ihr könnt nicht zu den Dirnen gehen und so tun, als berührte es euch nicht. Ihr irrt euch und ihr schadet euch. Wer sich mit einer Dirne einlässt, stört die Beziehung zu Christus.“
Ich würde noch allgemeiner sagen: „Ihr schadet euch selbst, wenn ihr Sex ohne Liebe und Treue habt, wenn ihr einander nicht wirklich nah sein wollt. Wer Sex ohne wirkliche Beziehung hat, verfehlt, was Gott uns schenkt. Er widerspricht der Liebe Gottes.“
„Habt ihr denn vergessen, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Der Geist, den Gott euch gegeben hat, wohnt in euch, und ihr gehört nicht mehr euch selbst. Gott hat euch als sein Eigentum erworben; denkt an den Preis, den er dafür gezahlt hat! Darum geht mit eurem Körper so um, dass es Gott Ehre macht!“
Mit unserem Leib können wir Gott verherrlichen. Wunderbar: Unser Körper, so unvollkommen, verletzlich und hinfällig wie er ist, kann Gott preisen. Mit unserem Leib können wir Gott verherrlichen. Und zu unserem Leib gehört auch Zärtlichkeit, Begehren, Lust. Sexualität ist eine wunderbare Gabe Gottes.
Das Hohelied Salomos schwärmt: „Kein Wasser kann die Glut der Liebe löschen und keine Sturzflut schwemmt sie je hinweg. Wer meint, er könne solche Liebe kaufen, der ist ein Narr, er hat sie nie gekannt!“

Amen

ein Schatz, Ansprache im Gottesdienst für Klein und Groß mit Kinderchor über Mt 13,44 und Jer 29,13f

Predigt am 8.7.18 von Andreas Hansen über Mt 13,44

Der Kinderchor singt das Musical Der Schatz im Acker

Lesung vor dem Kindermusical: Wir fragen nach Gott. Er antwortet durch den Propheten Jeremia und sagt:

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn  ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. (Jer 29,13f)

Gott will sich von uns finden lassen.
Kennt Ihr das Spiel?: Kleine Kinder verstecken sich. Sie lachen, wenn wir sie finden. Von diesem Spiel können sie gar nicht genug kriegen. Es ist schön, so wunderschön: Mama strahlt, wenn sie mich entdeckt. So und noch viel mehr freut sich Gott, wenn wir ihn suchen und finden. Vom Finden redet auch Jesus. Er erzählt eine Geschichte vom Finden. Er sagt: Gott hat einen wunderschönen Schatz für euch. Das Himmelreich ist wie ein Schatz.

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war und von einem Mann entdeckt wurde. Der Mann freute sich so sehr, dass er, nachdem er den Schatz wieder vergraben hatte, alles verkaufte, was er besaß, und dafür den Acker kaufte. (Mt 13,44)

Nach dem Musical: Das Himmelreich ist wie ein Schatz. Jesus erzählt so, dass die Leute ihn verstehen. Die meisten seiner Zuhörer sind einfache Leute vom Land. Sie müssen schwer arbeiten. Viele sind arm und werden immer ärmer. Die Steuern sind hoch. Viele arbeiten als Knechte für andere. „Oh, einen Schatz zu finden – das wäre toll!“ Sie stellen sich vor, wie es geschieht: „Du ziehst deinen Pflug über den Acker. Auf einmal geht es nicht weiter. Der Pflug stößt auf etwas Hartes und bleibt hängen, bestimmt ein großer Stein. Der muss weg. Also nimmst du die Schaufel und gräbst. Ja, da ist was. Noch ein paar Schaufeln Erde, dann siehst du: Oh, ein Krug aus Ton. Weiter schaufeln, dann kannst du ihn bewegen, rüttelst ihn frei, hebst ihn hoch – ist der schwer, dieser Krug! –  du stellst ihn neben das Loch und kratzt, bis er sich er sich öffnen lässt, und da: Silbermünzen! Ein ganzer Krug voll Silber! Was für ein Fund! Was für ein Glück!“ So stellen sie sich einen Schatz vor.
Ob Jesus so einen Schatz meint? Aber Jesus ist ja genauso arm wie sie selbst.   Der hat keinen Krug voll Silber oder Gold.
„Was für einen Schatz meinst du, Jesus? Was ist so kostbar, dass einer alles dafür gibt?“
Petrus und Andreas stehen daneben und sagen: „Wir haben ja auch alles gegeben. Unsere Boote haben wir stehen gelassen und sogar unsere Familie zurückgelassen.“
Jesus sagt: „Und was habt ihr gefunden?“
„Dich haben wir gefunden. Oder hast eher du uns gefunden?“
Da lacht Jesus: „Und jetzt, seid ihr genauso  arm wie vorher?“
„Nein, reich sind wir.“

Später werden sie Jesus Sohn Gottes und Jesus Christus nennen. Er ist so voller Liebe und Leben. Durch ihn haben sie entdeckt: wir sind kostbar für Gott; wir sind Gottes Kinder.  Gott ist unser guter Vater. Das Himmelreich ist hier, bei Jesus. Niemals mehr wollen sie das verlieren.
Jesus selbst kann auf wunderbare Weise Menschen finden. Jesus entdeckt die Menschen, die sich verstecken und den anderen etwas vormachen, so als ob sie eine Maske tragen. Jesus sieht die Menschen, die sich vor lauter Gier nach Macht oder Erfolg selbst vergessen. Jesus sieht auch die, die sich selbst nichts zutrauen, und die, denen wir nichts Gutes zutrauen. Jesus freut sich über die Menschen, die er findet, und er freut sich über die, die ihn entdecken. Er sagt zu seinen Jüngern: „Auch ihr sollt Menschen finden. Ihr sollt ihnen zeigen, dass Gott sie liebt. So ist das Himmelreich bei euch.“

Der Mann, von dem Jesus erzählt, gibt alles für den Schatz. Wir Christen glauben: Der Glaube an Jesus Christus ist der allergrößte Schatz. Wir haben, entdeckt, wie sehr Gott uns liebt. Das macht uns glücklich und frei. Nie wollen wir diesen Schatz verlieren. Es gab Menschen, die sind lieber gestorben als den Glauben aufzugeben. Sie haben wirklich alles gegeben. Gestern vor 494 Jahren starb hier in Kenzingen ein Mann, der für seinen Glauben bestraft wurde. Er hieß Ernst Lauterwald und war Stadtschreiber. In den Jahren 1522 bis 1524 folgten viele in Kenzingen den Lehren Martin Luthers. Sie hatten einen befreienden Glauben gefunden und wollten ihn um keinen Preis wieder verlieren. Dann wurden diese Lutheraner vertrieben und Lauterwald sogar zum Tod verurteilt. Wie gut, dass wir Christen uns heute nicht mehr so streiten!

Ein Mensch findet einen Schatz.
Er ist glücklich. Er gibt alles dafür.
Der Schatz ist Jesus selbst. Er schenkt uns die Liebe Gottes. Glauben und Freiheit finden wir bei ihm.
Diesen Schatz wollen wir niemals verlieren. Wir sind reich, auch und gerade wenn wir viel geben. Amen

Flagge zeigen? – Predigt über 1.Petrus 3,15

Predigt am 24.6.18 von Andreas Hansen

Haltet Christus in euren Herzen heilig.  Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.

Das ist mir heilig: Ein Ring von meiner Liebsten und die Zeit mit ihr, das Bild von Kindern und Enkelin, Freunde und auch mein Beruf – vielleicht auch ein wenig: mein Rad, meine Lieblingskünstler, Musik und Natur – ach nein, so ganz heilig vielleicht doch nicht. Was halte ich heilig? Was ist mir heilig?
Welche fünf Dinge würde ich mitnehmen auf die berühmte Insel? „Stell dir dein Leben vor ohne, ohne die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen, die so wichtig sind!“ Was erfüllt mich so, dass ich meine: ohne das kann ich nicht leben?
Was begründet mein Leben?
Der Heidelberger Katechismus fragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, und gibt die Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin …“
Was bleibt, ist Jesu Beziehung zu mir, seine Beziehung. Ich kann alles verlieren. Ich kann beraubt werden. Meine Lieben können mich verlassen. Mein Leib, meine Seele und mein Verstand können zerbrechen. Aber die Beziehung Jesu zu mir bleibt, bleibt, selbst wenn ich sterbe.  Der Grund meines Lebens liegt nicht in mir selbst, sondern außerhalb meiner selbst. Ich bin geliebt von Gott in Jesus Christus. Ich bleibe in Gottes Liebe. Das ist mein Trost in allem. Das halte ich heilig. Darum will ich Christus in meinem Herzen heilig halten.
Ich denke nicht oft daran. Oft ist mir das viel zu groß und weit weg. Andere und kleinere Dinge sind mir nah: Ärger über ein Missgeschick, eine Dummheit oder eine Unfreundlichkeit, Freude über einen Scherz, ein Lächeln oder ein gutes Mittagessen, schlechter Schlaf oder ein Wehwehchen oder schöne Musik. Meist besteht das Leben aus den vielen Kleinigkeiten.
Aber manchmal geht es drum und dann muss das Große und Heilige gesagt sein: „Haltet Christus in euren Herzen heilig!“

Petrus rät uns: Zeigt Flagge!
Wer in diesen Wochen Flagge zeigt, macht deutlich: Ich fiebere mit, wenn meine Mannschaft spielt. Sicher, es ist nur ein Spiel, aber jetzt kommt es drauf an, jetzt geht es um Sieg oder Niederlage. Viele schließen sich mit ein, identifizieren sich mit den Elf auf dem Platz: wir spielen, wir gewinnen oder wir verlieren.
Zeigt Flagge! „Seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“
Bereit sein sollen wir immer.
Aber wann heben wir unsere Flagge als Christen? Wann wird es ernst? Wann sind wir gefragt unsere Hoffnung als Christen zu zeigen?

Drei Punkte will ich nennen.
In der Begegnung mit Glaubenden aus anderen Religionen: Ich will Muslimen, Juden, Buddhisten mit Respekt begegnen. Ich will sie niemals beleidigen und ihre Freiheit achten. Ich will verstehen, was ihren Glaube ausmacht. Ich will unterscheiden zwischen denen, die Religion für ihre Zwecke benutzen und denen, die einfach von ihrem Glauben erfüllt sind. Aber dann will ich in diesem Gespräch auch sagen, warum ich an Jesus Christus glaube: Gott begegnet uns in dem Menschen Jesus. Gott leidet mit uns und für uns. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, nicht einmal der Tod. Den nahen, liebenden, leidenden, vergebenden Gott sehen wir, glauben wir in Jesus Christus.

Flagge zeigen will ich, wenn Unrecht geschieht: 1945 schrieben die Vertreter der Kirchen über ihre Schuld: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Nur wenige Christen hatten es gewagt, den Verbrechen des Staates in Deutschland zu widersprechen. Dietrich Bonhoeffer dagegen meinte schon 1933: Kirche muss Kirche für andere sein. Wer fromm ist, muss auch politisch sein.  Er sah eine letzte mögliche Aufgabe der Kirche darin, Widerstand gegen den Staat zu leisten, wenn er ein Unrechtssystem ist, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Kirche für andere, Kirche auf der Seite der Opfer – wir weisen auf die Not hin, versuchen Leidenden beizustehen, geraten aber ganz schnell auch in die politische Diskussion über Flüchtlinge, Altersarmut, Fragen der Medizinethik und so weiter. Und in der Nachfolge Jesu können wir nur für das Leben, für die Menschen, für die Wahrheit reden und handeln.
Wenn wir Flagge zeigen für Gerechtigkeit, Freiheit  und Frieden, stehen wir neben Nichtchristen und Andersgläubigen. Sie haben das gleiche Ziel.  Wir wollen „Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist“, die Hoffnung, die Jesus Christus uns schenkt. Wir glauben, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, eine Chance verdient, gegen Unrecht geschützt werden muss.

Schließlich reden wir von unserer Hoffnung als Christen, wenn andere neben uns Trost und Hoffnung nötig haben. Unsere Hoffnung ist gefragt, wenn ein Mensch neben uns mit seinen Fragen nicht weiter kommt.
Ich weiß auch nicht, warum ein lieber Mensch oder gar ein Kind unheilbar krank wird und stirbt. Ich verstehe Gott auch nicht, wenn Unglück viele Menschen trifft. Vielleicht kann ich meine Hoffnung nur ausdrücken, indem ich mit ihnen schweige oder klage: „Mein Gott, warum?“ Unrecht und Leid in der Welt bedrücken mich. Ungelöste Konflikte, Hass und Streit belasten mich. Ich werde damit nicht einfach fertig.
Und doch haben wir eine Hoffnung in Jesus Christus: Dass er das Leid der Welt und jedes Leid eines Menschen kennt und mitträgt.
Dass er auf die Schuld und Gewalt antwortet – er lässt sich selbst zum Opfer machen.
Dass auch er geschrien hat: „Mein Gott!“ und die tiefste Verzweiflung durchlitten hat.
Und dass Jesus auferstanden ist, dass Hoffnung ist, wo nach menschlichem Ermessen alles zu spät ist.

„Haltet Christus in euren Herzen heilig. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“ Unsere Hoffnung ist gefragt. Amen