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Predigt über Röm 8,26f am Sonntag Rogate 22.5.22

Alle telefonieren. Laut sprechend kommt mir jemand entgegen. Der ist doch allein. Mit wem redet der? Ach so, er spricht in sein Handy.

Eine Mutter schafft es, ihr Kind im Kinderwagen zu schieben, den Hund an der Leine zu halten und zugleich ihr Smartphone am Ohr zu haben.

Ganz zu schweigen von den vielen Autofahrern, die ihren Wagen steuern und mit einer Hand das Handy halten, was ja eigentlich verboten ist.     Alle telefonieren, manche anscheinend ohne Pause. Es gibt so viel Wichtiges zu sagen. Das Bedürfnis in Verbindung zu bleiben ist so groß.

Alle telefonieren? Nein, nicht alle. Manche nervt die dauernde Telefoniererei. Manche sind auch stumm, weil sie meinen: Wen sollten sie schon anrufen? Und was hätten sie zu sagen? Da ist keine Verbindung. Nicht aus technischen Gründen oder weil sie kein Handy haben. Sie wissen nichts zu sagen. Es soll auch Menschen geben, die so tun, als würden sie telefonieren. Sie wollen zu denen gehören, die viele Verbindungen haben.

 

„Betet!“ heißt es heute. „Bleibt in Verbindung mit Gott!“ So einfach ist das nicht. Wenn man schon so lange nicht mehr gebetet hat. Wenn einem zu belanglos scheint, was man sagen könnte, oder man nicht weiß, wie man es sagen soll. Wenn man nicht weiß: Ist da überhaupt eine Verbindung möglich? Hört Gott mich? Und auch, wenn es einem die Sprache verschlägt, wenn das, was geschieht, uns ratlos und sprachlos macht.

 

Hören wir zwei Verse aus dem Römerbrief dazu:  In gleicher Weise steht uns der Geist Gottes

da bei, wo wir selbst unfähig sind.

Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.

Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein. Dies geschieht in einer Weise,

die nicht in Worte zu fassen ist.

Aber Gott weiß ja, was in unseren Herzen vorgeht. Er versteht, worum es dem Geist geht.

Denn der Geist tritt vor Gott für die Heiligen ein. (Röm 8,26f)

Paulus, der große Paulus schreibt von seiner Unfähigkeit zu beten. Selbst Paulus hat keinen heißen Draht zu Gott. Kopf und Herz sind besetzt. Worte bleiben aus oder fallen ins Leere. Keine Verbindung möglich. Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Und wir wissen auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.

Zum Glück hat Paulus das geschrieben.

Zum Glück hat er alle in das „Wir“ eingeschlossen.     Es mag Zeiten geben, da fällt es uns leicht zu beten, aber oft ist es nicht so und das kennen wir alle. Niemand muss sich dafür schämen.  Niemand muss sagen: „Das ist nichts für mich.  Ich kann eben nicht beten.“

Wir alle können sozusagen von Natur aus nicht beten. Und keine und keiner kann es besser,   zum Beispiel weil sie Pfarrerin ist oder er der Apostel Paulus.

Wir alle können es nicht und können es doch.

Weil der Geist Gottes uns beisteht. Weil der   Geist mit Seufzen und Flehen für uns eintritt.

Weil Gott unsere Herzen kennt

und unser Seufzen und Flehen versteht.

Wir können nicht beten und können es doch.

Denn Gott will die Verbindung mit uns.

Gott ist wie einer dieser Smartphonejunkies.       Er hat uns so viel Wichtiges zu sagen. Gott ist geradezu süchtig nach der Verbindung zu uns.

 

Auch wenn bei mir nur die Sehnsucht da ist: Eigentlich würde ich gern beten.

Auch wenn ich keine Worte dafür finde.

Gott hört es.

Er sieht mich und kennt mein Herz.

Und er schickt keinen weg.

Gott ist nicht wie ein beleidigter Freund, der sagt:           „So lange hast Du dich nicht gemeldet – dann brauchst Du jetzt auch nicht kommen, wo du Hilfe brauchst.“ Gottes Geist ist bei denen, die ihn brauchen, nicht nur bei den vorbildlichen Christen. Gerade den Schwachen hilft er auf. Nicht nur denen, die immer alles richtig gemacht haben. Denen, die keinen Rat wissen, die meinen, sie seien von Gott und der Welt verlassen, bei denen ist Gott mit seinem Geist.

 

Fangen Sie einfach an mit einem Satz:

„Gott, du kennst mein Herz.“

Oder: „Gott, hier bin ich vor dir.“

Und dann seien Sie still, warten Sie,

bleiben Sie vor Gott!

Vielleicht kommt nur ein Seufzen, oder ein „Danke“ oder viele Gedanken.

Vielleicht kennen Sie dann selbst Ihr Herz besser – und das ist eine Antwort.

Vielleicht hilft Gottes Geist auch, indem andere mit Ihnen beten, zum Beispiel hier in der Kirche.
Jesus hat sich Sprache zum Beten ausgeliehen.

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen“, hat er am Kreuz geschrien. Ein Psalm hat ihm geholfen, sich an Gott zu wenden. „Gott, hier bin ich vor dir. Wo bist du? Hör mich doch!“

Nehmen Sie einen Vers, wenige Worte,

sprechen Sie wieder und wieder,

etwa: „Herr, weise mir deinen Weg!“

Das reicht.

Ob Sie auf der Straße laufen und für sich beten, das geht gut. Ob Sie für Ihre Kinder und Enkel beten, besser noch mit ihnen. Ob Sie beim Autofahren beten, das ist nicht verboten. Und es geht ohne Handy. Die Verbindung ist da. Gott ist da.

 

Wir seufzen unter dem, was uns bedrückt.

Und schon, indem wir seufzen,

hilft der Geist uns auf. Die Verbindung ist da.

Gott hört und versteht uns.

Gott will ja unbedingt mit uns verbunden sein.

Darum ist er in Jesus Christus zu uns gekommen.

Er will bei uns sein, in allem, was uns bedrückt, im Leid und in der Schuld dieser Welt, sogar im Tod.

Nichts und niemand wird die Verbindung Gottes zu uns unterbrechen.

Gott hält die Verbindung zu uns, selbst wenn wir an unserer Verbindung zu ihm zweifeln.

Wir bleiben in seiner Liebe.

Amen

 

Predigt 8.5.22 1. Mose 1+2

Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

Die Erde war wüst und leer,

und Finsternis lag über dem Urmeer.

Über dem Wasser schwebte Gottes Geist.

Gott sprach: »Es soll Licht werden!«

Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott trennte das Licht von der Finsternis. Er nannte das Licht »Tag« und die Finsternis »Nacht«. Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag. ….

Gott sprach: »Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein! Sie sollen herrschen über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel, über das Vieh und die ganze Erde, und über alle Kriechtiere auf dem Boden.« Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.

Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Bevölkert die Erde und nehmt sie in Besitz! Herrscht über die Fische im Meer und die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf dem Boden kriechen!«

So wurden Himmel und Erde vollendet mit allem, was darin ist. Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte. An diesem Tag ruhte er aus von all seiner Arbeit, die er getan hatte. Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn zu einem heiligen Tag. Denn an diesem Tag ruhte Gott aus von all seinen Werken, die er geschaffen und gemacht hatte. (aus 1.Mose 1+2)

 

So wunderschön ist die Welt. Gehen Sie in den Frühlingswald und bleiben Sie eine Weile einfach stehen und schauen Sie, hören Sie, riechen Sie – wunderbar! Schauen Sie eine einzige Blüte an – so kunstvoll! Hören Sie den Gesang der Vögel oder eines Menschen! Wir können nur immer wieder staunen: Wie schön hat Gott alles geschaffen.

Auf der anderen Seite fällt uns Schreckliches ein: die Hitze in Indien, die Flut im Ahrtal und auch der Krieg. Es ist nicht alles wunderbar, ganz und gar nicht. Und auch ohne die Eingriffe des Menschen gab und gibt es Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamies.

Die Welt ist schön und doch so bedroht.

Wir sehen Leben, vielfältig und stark,

und zugleich Chaos und Tod überall.

Über dem brodelnd heißen Innern der Erde,  auf der dünnen Kruste der Erdoberfläche, in der eiskalten Leere des Weltraums gibt es hier Luft zum Atmen und Wasser zum Trinken. Es ist gerade so warm und alles stimmt zusammen, dass die Erde ein Lebensort ist.

Nichts ist selbstverständlich.

Der Lebensort Erde ist bedroht, viele Arten, das Leben selbst, jeder einzelne Mensch.

Gott schafft Ordnung, wo Chaos war, Leben, wo nur lebensfeindliche Kräfte wüteten.

Schöpfung ist nicht nur ein Anfang. Weiterhin ist Gott bei seiner Schöpfung und ermöglicht Leben. Das Bewusstsein hinter dem Schöpfungsbericht: Es kann jederzeit kippen und das Chaos bricht wieder aus. Jeden Augenblick bewahrt Gott die Schöpfung. Ununterbrochen geht sein Schöpferhandeln weiter. Keinen Schritt können wir gehen, keinen Atemzug tun ohne Gottes Hilfe und Bewahrung.

Dort, wo der Bericht entstand, gab es verheeren-de Überschwemmungen wie die Sintflut: Gott hält die bedrohlichen Wasser zurück.

Der Schöpfungsbericht ist nicht Wissenschaft.

Die Autoren wollen nicht die Welt erklären.

Sie bekennen ihren Glauben. Sie preisen Gott.

Darum geht völlig fehl, wer meint, die biblischen Berichte seien mit heutiger Wissenschaft widerlegt. Natürlich ist die Welt nicht in sieben Tagen entstanden.

Wir glauben, die Welt, das Leben ist kein Zufall. In dem, was ist, erkennen wir Gottes Liebe. Am Ende jedes Schöpfungstages sieht Gott an, was entstanden ist, und befindet es für gut.

Gott freut sich über die Schöpfung.

Aus Gottes Liebe ist sie geworden.

Im Ganzen der Schöpfung ist der Mensch heraus-gehoben. Wir bekommen eine einzigartige Würde und zugleich unsere Grenze aufgezeigt.

Biologisch unterscheiden wir uns kaum von unseren tierischen Urahnen. In vieler Hinsicht sind wir anderen Lebewesen unterlegen. Und doch ist der Mensch besonders: Als Gottes Ebenbild geschaffen, besonders gesegnet und beauftragt.

Ebenbild heißt: wir sollen Gott antworten.

Wir sollen entscheiden für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden. Wir sollen so handeln, dass wir das Leben und die Schätze der Erde nicht verbrauchen, sondern schützen.

Gott will uns als sein Ebenbild, frei sollen wir sein, uns frei zum Guten entscheiden.

Wir sollen Gott antworten.

Aber wir sind Geschöpfe, nicht der Schöpfer.

Wir sind begrenzt. Wir sind nicht Gott gleich.

Zu gern wäre der Mensch Herr seines Lebens, mächtig, völlig ungebunden.

Aber wir sind verantwortlich.

Wir müssen die Folgen unseres Tuns tragen.

Gott schafft den Menschen als sein Gegenüber.

Er will im Bund mit uns sein, er unser Gott, wir seine Menschen.

Sie hören es: da ist überall Spannung in der Schöpfung: Zwischen den Kräften des Lebens und der zerstörerischen Gewalt, zwischen Gottes Auftrag für uns und unserem Egoismus und Widerspruch gegen Gott.

Die Schöpfung ist noch nicht am Ziel.

Aber Gott feiert schon das gute Ziel seiner Schöpfung.  Am 7. Tag ruht Gott und findet alles prima.

Das ist ein Tag für uns!

Am Sabbat und am Sonntag feiern wir das Leben. Wir nehmen das gute Ziel vorweg.

Gott wird seine Schöpfung vollenden – alles wird tatsächlich gut.

Jede Woche legen wir für einen Tag die Hände in den Schoß, als wäre schon alles erledigt.

Wir bekommen einen Vorgeschmack des Heils.

Wunderbar hat Gott die Welt erschaffen. Amen

 

Gottesdienst und Predigt am 1.5. 22 mit einem Bild von Wolf Becke “noch schleifen?”

Lied 432

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.

Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn.

Im Namen des Vaters ….

Noch schleifen? – so fragen Sie zu ihrem Bild, Herr Becke. Das Motiv ist wie ein ungeschliffener Edelstein. Sie denken bei der Entstehung des Bildes nach über die Entwicklung von Menschen, besonders von Kindern.

Die Menschen sind aus krummem Holz geschnitzt, meinte Kant. Und wir sind doch dazu bestimmt aufrecht zu gehen.

Noch schleifen? Wie finden wir zu uns selbst?

Wir schauen jetzt, in der Kriegszeit, auf das Bild und auf uns Menschen. Was macht dieser Konflikt aus uns? Wie finden wir zurück zu Frieden und Menschlichkeit?

Wir nehmen zu Beginn des Gottesdienstes Elemente eines südafrikanischen Versöhnungsrituals auf und feiern die Versöhnung, die Christus uns in seinem Mahl schenkt.

 

Lasst uns gemeinsam im Wechsel beten:

Die Welt gehört Gott

die Erde und alle Menschen, die auf ihr wohnen.

Wie gut und heilsam ist es

gemeinsam in Eintracht zu leben.

Liebe und Glaube kommen zusammen,

Gerechtigkeit und Frieden begegnen sich.

Wenn die Jüngerinnen und Jünger Jesus schweigen

werden die Steine laut schreien.

Gott, tue meine Lippen auf,

dass mein Mund deinen Ruhm verkünde.

Amen

Neue Lieder 82 Suchen und fragen

„Nimm die Hitze aus unseren Herzen!“ – so nannten sie den Ritus der Versöhnung in Südafrika. So viel Verletzung, so viel Unrecht und Gewalt stand zwischen ihnen. Sie wollten neu anfangen und sich verlassen auf Gottes Ja zu uns.

Ostern heißt: Es wird möglich, was wir uns nicht mehr vorstellen konnten. Es heilt, was zerbrochen ist. Gott schenkt ein Neues. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.  „Nimm die Hitze aus unseren Herzen!“ – beten wir gemeinsam.

 

Gott, mit diesem Wasser kühle unsere Hände, unsere Köper von der Hitze der Sonne.

Christus, erbarme dich.

Mit diesem Wasser nimm die Hitze aus unseren Herzen.

Gott, erbarme dich.

Mit diesem Wasser lindere unsere verletzten Gefühle, entferne die Wut von gestern.

Christus, erbarme dich.

Reinige uns von wahren und falschen Anschuldigungen.

Gott, erbarme dich.

Reinige uns von dem Makel, den unsere Missetaten hinterlassen haben.

Christus, erbarme dich.

Entferne alle Spuren des Argwohns.

Gott, erbarme dich.

Mit diesem Wasser schenke uns einen Neubeginn, dass wir eine neue Gemeinschaft werden.

Christus, erbarme dich.

Mit diesem Wasser fülle unsere Herzen mit einem reinen Geist.

Gott, erbarme dich.

Mit diesem Wasser mach uns bereit zur Versöhnung.

Amen

 

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom (Röm 12)

Eure Liebe soll aufrichtig sein.

Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest.

Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern.

Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung.

Vergeltet Böses nicht mit Bösem.

Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn.

Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt.

Lass dich nicht vom Bösen besiegen,

sondern besiege das Böse durch das Gute!

 

Wir schauen auf das Bild von Wolf Becke

Noch schleifen?

 (Orgelimprovisation)

Predigt nach Gen 28 und 32:

Ein Stein in seiner Hand.

Er schimmert rosa und blau,

als wäre Kostbares in ihn eingeschlossen.

Aber er ist auch rau, zerkratzt, zerschunden

von all dem, was über ihn hinweg gegangen ist.

Jakob hält den Stein in der Hand,

seit vielen Jahren immer wieder.

Er gehört zu ihm wie sein Leben,

ist wie ein Spiegel seiner selbst,

führt ihn zu Selbstgesprächen, Gebeten.

Ein Stein in seiner Hand wie der große Stein,

an den er sein Haupt lehnte

in der dunkelsten Nacht seines Lebens.

Am Morgen richtet er den Stein auf,

damit er ihn wiederfinden kann.

Erst da sieht er seine Farben, seine Schönheit.

Einen Splitter hebt er auf, der dem großen gleicht.

Abgespalten, getrennt – gibt es ein Zurück?

Kann der Riss zwischen ihm und seinem Bruder, zwischen ihm und seinem Vater je wieder heilen?

Er hört sie schreien, außer sich vor Wut.

Erst da beginnt er zu ahnen,

wie sehr er sie verletzt hat.

Er muss fort, rennt um sein Leben,

rennt den ganzen Tag,

bis er sich völlig erschöpft an diesen Stein lehnt.

Was soll werden?

Wohin wird er geworfen?

Wird je ein Mensch nach ihm fragen?

Jakob schläft ein – und träumt,

träumt wunderbar von einem himmlischen Licht.

Gott kommt zu ihm.

Zu ihm kommt Gott.

Sagt ihm: Ich bin bei dir und segne dich.

Du kehrst zurück.

Am Morgen richtet Jakob den Stein auf

und macht sich wieder auf den Weg,

ein Flüchtling mit Gottes Verheißung.

Viele Jahre schon hält er den Stein in seiner Hand, denkt an den Riss in seinem Leben und an Gottes Wort. Sein Stein gehört gerade so zu ihm, mit seinen Narben und Kanten und rauen Stellen

und mit der Ahnung: da ist noch mehr.

So wie sein Stein verheißungsvoll schimmert und manchmal im Licht glänzt, so glänzt über seinem Leben, was Gott gesagt hat: Ich bin bei dir und segne dich. Du kehrst zurück.

 

Und jetzt ist Jakob auf dem Weg zurück. Morgen wird er seinen Bruder wiedersehen – wie wird das sein nach so vielen Jahren?

Mit allen, die zu ihm gehören, ist Jakob unterwegs, den Kindern, dem Vieh, seinem ganzen Besitz. Jakob hat seinem Bruder kostbare Geschenke bringen lassen. Der kommt ihm mit einer großen Schar Männer entgegen. Hat er eine Chance?

In dieser Nacht ringt Jakob mit Gott.

Eine Gestalt kämpft mit Jakob bis zum Morgen. Jakob packt und hält ihn fest: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Ich lass dich erst los, wenn du mich gesegnet hast.

Seit diesem Kampf humpelt Jakob.

Seit dieser Nacht heißt er Israel, Gotteskämpfer. Am Morgen begegnet ihm sein Bruder, bereit zur Versöhnung.

 

Einen ungeschliffenen Edelstein habe ich in Ihrem Bild erkannt und habe ihn mit Lebenswegen in Verbindung gebracht: zerkratzt, rau, verletzt und verletzend und doch darunter ein Glanz, eine schöne Ahnung und Bestimmung.

Noch schleifen? Nein.

Die Kanten und Narben gehören zu uns.

Die Lüge und der Betrug Jakobs haben seinen Vater und seinen Bruder zutiefst verletzt.

Sie können sich am Ende versöhnen und doch bleibt dieser Riss in ihrer Geschichte. Er lässt sich nicht einfach abschleifen.

Der schreckliche Überfall Russlands auf seine Schwestern und Brüder wird das Verhältnis auf Dauer bestimmen. Ganz Europa sieht jetzt anders auf Russland. Irgendwann wird – so hoffen wir – Versöhnung möglich sein. Aber es wird nicht mehr sein wie vorher. „Man schließt nicht mit Freunden Frieden, sondern mit Feinden.“, meinte Jizchak Rabin. Zum Frieden gehört Geduld, Weisheit und Mut. Wie schwer heilen wir, was zwischen uns zerrissen ist! Wie unendlich schwer wenden wir uns ab von unserem verletzenden Tun!

Zwischen Jakobs Betrug und der Versöhnung liegen mindestens 20 Jahre. Jakobs Bruder wird Abstand halten und vorsichtig bleiben. Leider ist das nötig.

Das ist die eine Seite: Machen wir uns nichts vor! Wir haben Grund einander zu misstrauen.

Wir haben Grund auch uns selbst den rücksichts-losen Egoismus eines Jakob zuzutrauen.

Die andere Seite ist Gottes Geschichte mit Jakob und mit uns. Gott kommt zu Jakob in der Nacht: Ich bin bei dir und segne dich.

Ich erkenne auf Ihrem Bild eine Verheißung.      Wir sind nicht am Ende. Unsere Geschichte geht weiter, weil Gott segnen will.

Gott kommt zu uns in unserer Nacht, zu uns, die seiner Liebe widersprechen, zu uns Sündern. Warum nur setzt Gott sich der von Gewalt zerrissenen Welt aus? Weil er sie dennoch liebt.

Ich bin bei dir und segne dich, sagt Jesus zu uns. Jakob klammert sich an die Verheißung: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Gott lässt sich den Segen abringen.

Jakob und sein Bruder versöhnen sich.

Gott sieht nicht einfach über unsere Kanten und rauen Stellen hinweg. Er segnet Jakob so, wie er ist. Trotzdem: er segnet ihn. Amen

EG (Baden) 646

Wags und sei doch, was du in Christus bist, in seinem Urteil, in seiner Liebe, in seines Auges ewigem Licht schon bist.

Garnichts hast du, was er nicht selbst dir gab. Anspruch und ntwort, Wollen und Wirken strömen aus gleicher Quelle den Berg hinab.

Schuld und Ängste lasten nicht mehr auf dir. Nun bist du frei zu dienen und lieben wen du auch triffst und Jesus in ihm , in ihr.

Jetzt schon bist du, der einmal werden wird: schuldig und heilig, tot und erstanden, frei geliebt, eins mit Ihm, der dich heimgeführt.

 

Wir feien das Mahl unseres Herrn. In Christus sind wir versöhnt, geheilt, voll Hoffnung.

Wir danken dir, Gott. Du kommst zu uns in Jesus Christus, dass wir neu anfangen können. Du hilfst uns weiter zu sehen, wo wir heillos zerstritten sind. Du überwindest Sünde und Tod. An deinem Tisch, Jesus, empfängst du uns als Menschen des Friedens. Deinen Frieden schenkst du uns. Wir preisen dich, denn du bist heilig.

Neue Lieder 125: Du bist heilig

Heilig bist du, Gott, Quelle aller Heiligkeit. Du bringst Licht aus der Finsternis, Leben aus dem Tod, Wort aus dem Schweigen. Wir preisen dich für Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn.

Einsetzungsworte

Sende deinen Heiligen Geist. Verbinde uns alle, die dieses Brot empfangen und aus diesem Kelch trinken in deiner Gemeinschaft. Gemeinsam mit allen deinen Kindern und der ganzen Kirche auf Erden beten wir mit den Worten Jesu.

Vaterunser

Wir verkünden den Tod und die Auferstehung unseres Herrn. Christus ist unsere Hoffnung und unsere Freude, unser Licht.

Neue Lieder 180 Meine Hoffnung und meine Freude

Austeilung

Wir danken dir, Christus, unser Bruder und Herr. Du schenkst uns deine Gemeinschaft. Du weckst die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung. Mach uns bereit dazu. Wir bitten für die Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden. Mach ein Ende mit dem unsagbaren Leid, heile die Wunden, steh den Trauernden bei. Gib uns Mut zur Versöhnung für unsere ungelösten Konflikte, für den Streit, der immer wieder weh tut. Hilf uns zu Umkehr, zum Frieden. Wir bitten für unsere Kranken, für die von Ängsten Geplagten, für die Einsamen. Hilf uns ihre Not zu sehen und ihnen beizustehen. Für deine Kirche in allen Konfessionen und in allen Ländern bitten wir. Mach uns zu Botinnen und Boten deines Friedens. Amen

EG 421

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

Segen

 

Predigt Ostermontag 18.4.22 Jona 2,1-10 Andreas Hansen

Ein neuer Predigttext für Ostern ist das Gebet des Jona im Bauch des Fisches. Oder eigentlich: so neu ist er doch nicht, denn schon in den Katakomben bei Rom malten Christen ihre düstere Erfahrung und ihre Osterhoffnung in Bildern von Jona. Gott reißt Jona aus der Todeszone heraus. Beten wir mit Jona.

 

Der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach:

Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst,

und er antwortete mir.

Ich schrie aus dem Rachen des Todes,

und du hörtest meine Stimme.

Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer,

dass die Fluten mich umgaben.

Alle deine Wogen und Wellen  gingen über mich,

dass ich dachte,  ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.

Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.

Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,

der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.

Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir

in deinen heiligen Tempel.

Die sich halten an das Nichtige,

verlassen ihre Gnade.

Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen.

Meine Gelübde will ich erfüllen.

Hilfe ist bei dem Herrn.

 

Es ist eine fantastische Geschichte: Jona läuft weg vor Gott. Er flieht über das Meer und gerät in einen schrecklichen Sturm. Er fällt in die tosende Flut und wird verschlungen von einem riesigen Fisch.

Eine Geschichte wie in einem bösen Traum: in die Tiefe stürzen, in Todesangst sein, verschlungen werden.

Eine Geschichte, die wir nachfühlen können, obwohl sie so fantastisch ist, denn wir können uns vorstellen, dass Schmerz und Leid und finsteres Unglück wie eine Welle über einen Menschen kommen und er untergeht. Da sitzt er tief unten, hinuntergestürzt in Angst, Scheitern, Trauer.

Im Rachen des Todes: dem Tod nah, in der Intensivstation, am Kreuz, unter Beschuss, schiffbrüchig auf dem Mittelmeer.

Jonas Geschichte ist offen für die schlimmsten Erfahrungen, so wie am Kreuz das Leid und die Schuld der ganzen Welt Platz hat.

 

Die fantastische Geschichte von Jona hat einen realen Hintergrund. Es geht um das sagenhaft grausame Reich der Assyrer mit der Hauptstadt des Bösen: Ninive. Oder um eine spätere Zeit, als das Büchlein von Jona geschrieben wurde und die Perser andre Völker versklavten. Es geht genauso um heute, wenn ein großes Land seinen kleinen Nachbarn überfällt, Städte zerbombt und Menschen ermordet. Der Hintergrund ist damals und heute: die Wirklichkeit des Bösen.

Gott gibt Ninive nicht auf. Es tut ihm Leid um die Menschen und Tiere in der großen, bösen Stadt. Und tatsächlich kehren sie um.

Für Ninive und Moskau gilt: Gott ist nicht fertig mit euch. Ihr sollt umkehren.

Gott sieht für alle diese Chance.

Der seltsame, bockige Prophet macht es vor,    dass Umkehr möglich ist. Gott lässt ihn nicht einfach davonkommen. Gott findet Jona. Gott findet uns. Jona muss im Sturm untergehen und durch die Hölle gehen, aber er ist gerettet.

Jesus geht in den Tod für uns, aber er lebt.

Für uns und für alle gilt: Gott findet sich nicht ab mit dem Bösen. Er gibt der Welt einen neuen Weg.

Das klingt wie ein Märchen.

Und doch: das Leben siegt.

Dazu braucht Gott mutige Menschen, die sich nicht drücken und das Richtige tun.

Es wird einen Ausweg aus diesem Krieg geben. Gott wird das noch Unvorstellbare möglich machen.

Jona zeigt uns Gottes Mitleid mit der bösen, gewalttätigen Welt. Und ebenso zeigt Jesus Gottes Leiden an der Welt und seinen Sieg.

Das ist unsere Hoffnung.

 

Wir können uns einfühlen in Jonas Sturz in die Tiefe, in das Untergehen und Verschlungen-Werden. Beten wir auch mit ihm. Er klagt.

Er klagt zuerst Gott an: Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen  gingen über mich, dass ich dachte,  ich wäre von deinen Augen verstoßen. Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt. Jona erspart Gott nichts: Er versteht nicht und klagt. Er ist verzweifelt und am Ende.        Beten hilft: Wie Jesus am Kreuz, so nimmt Jona Worte aus den Psalmen, um seine Not vor Gott zu bringen. Er stellt sich in den Kreis der Betenden.

Und nun gewinnt er eine neue Sicht.

Jona sieht er sich selbst vor Gott.

Gott ist nicht am Ende.

Neue Möglichkeiten öffnen sich.

Nimmt Jona vorweg, was er hofft? Gott hat doch schon geholfen und wird wieder helfen.

Oder sieht er schon zurück auf die Rettung?

Sein Gebet wird zum Lob: du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Beten hilft Jona auszuhalten, die Panik zu überwinden, neu anzufangen.

Beten hilft uns: Wir sehen uns vor Gott.

Gott öffnet neue Wege für uns.

Wir glauben und beten von Ostern her.

Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, Herr, mein Gott!

Amen

 

Predigt Ostersonntag Mk 16,1-8

Vor der Predigt singen wir EG 111, 1+2+11+13

Frühmorgens, da die Sonn aufgeht, mein Heiland Christus aufersteht. Vertrieben ist der Sünden Nacht, Licht, Heil und Leben wiederbracht. Halleluja.

Wenn ich des Nachts oft lieg in Not verschlossen, gleich als wär ich tot, lässt du mir früh die Gnadensonn aufgehn: nach Trauern Freud und Wonn. Halleluja.

O Wunder groß, o starker Held! Wo ist ein Feind, den er nicht fällt? Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür. Halleluja.

Lebt Christus, was bin ich betrübt? Ich weiß, dass er mich herzlich liebt; wenn mir gleich alle Welt stürb ab, g’nug, dass ich Christus bei mir hab. Halleluja.

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr früh am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging.

Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?  Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist. Er war sehr groß.

Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen, weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagt zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus von Nazareth sucht ihr, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.  (Mk 16,1-8)

 

In panischem Schrecken laufen sie davon – nur weg von hier! – durch die Gassen der Stadt laufen sie, bis Salome stolpert und sich gerade noch fangen kann – es klirrt. „Das Salböl!“

Ihre Tasche wird fleckig. Es beginnt zu duften – das Salböl läuft aus.

„Wie vor ein paar Tagen. Wisst ihr noch?“ „Nardenöl – das ganze Haus war erfüllt vom Duft.“ Da stehen sie und sehen einander an.

„Was war das vorhin in dem Grab?“

„Was hat er gemeint mit: Er ist auferweckt?“

„Es ist wie ein Traum. Aber ihr seid da, und ich rieche das Salböl.“ Sie lächelt.

 

Groß, ungeheuer groß ist die Angst, wie ein schwerer Stein auf dem Herzen. Was geschieht, ist so bedrängend, löst so tiefe Gefühle von Hilf-losigkeit und Schmerz aus, dass das Gehirn es nicht normal verarbeiten kann: ein Trauma.

Eine Wunde: Wir zucken zurücA, sobald etwas in die Nähe kommt. Niemand darf sie anrühren!

Ein traumatisierter Mensch ist voll Unruhe oder wie gelähmt. Plötzlich ist der Schrecken wieder da. Unerträglich: „Nur weg von hier!“

Traumatisiert sind Menschen, denen Gewalt angetan wird, die Katastrophen erleben oder die Zeuge schrecklichen Leides werden. Ein Unfall, der Tod eines geliebten Menschen, oder die Grausamkeit des Krieges. Das Geschehene      hat sich in die Seele eingebrannt.

Es steht im Weg und verstellt den Blick.

Wie ein Stein, der schwer lastet.

Wer wird uns den Stein wegwälzen?

 

Gut, dass sie zu dritt sind, Maria Magdalena, Maria und Salome. Keiner soll in diesem Zustand alleine sein. Den Sabbat über mussten sie warten, jetzt endlich können sie tun, was man tut.

Das Normale hilft, Salböl für den Verstorbenen.

Doch nichts ist normal:

Der Stein ist fort, das Grab offen – sie erschrecken über den Jungen in Weiß, sie sind schockiert über seine Worte und laufen davon.

Zuerst sind da nur Zweifel und Fragen.

„Denkst du auch daran?“ Aber sie schweigen.

Eine unverständliche, fremde Wirklichkeit bricht herein. Alles, was sie wissen über Leben und Tod, ist auf den Kopf gestellt. Die Grenze zwischen Tod und Leben wird brüchig. Wer darüber nicht erschrickt, versteht nicht, was hier vor sich geht.

Aber das ist ein anderer Schrecken.

Der Gekreuzigte ist auferweckt.

Was heißt das?

Jesus lebt! Tot ist nicht mehr tot.

Er ist gestorben und lebt.

Etwas Neues, Großes ist in ihrem Leben.

Sie sind Gott begegnet.

 

Groß sind die Steine unserer Angst.

Alles ist auf einmal anders, wenn ein lieber Mensch krank wird oder wir selbst. Was wir selbstverständlich erledigt haben, wird zum Problem. Wir fragen uns, wie es weitergeht.

Vieles verändert sich durch den Krieg in der Ukraine. Eine Zeitenwende. Wir konnten uns   nicht vorstellen, was jetzt gar nicht so weit von uns geschieht, was die Menschen dort mitmachen. Wohin führt das noch?

Die Welt ist bedroht, wir sind verletzlich.

Täglich erfahren wir das.

Und doch ist seit Ostern eine neue Dimension aufgebrochen.

Wir spüren den Schrecken der drei Frauen.

Aber auch die Ahnung: Da ist noch mehr.

Eine neue noch nicht greifbare Wirklichkeit.

Wir wissen längst nicht alles.

Gott hält noch vieles bereit für uns.

Gott ist da. Undenkbar: Gott in unserem Leben.

Wunderbar: Gott ist bei uns.

So bedrohlich ist vieles. Aber Jesus ist bei uns.   er ist auferweckt worden.

Kein Angststein liegt so schwer auf mir, er wälzt ihn von des Herzens Tür. Halleluja (EG 111,11)

 

Maria, Maria Magdalena und Salome schweigen.

Sie gehen nach Galiläa. Sie warten.

Vieles erinnert sie: das Haus in Kapernaum – „Deine Sünden sind dir vergeben“ hat er gesagt,

der Platz, an dem so viele satt wurden durch ihn, der See: „was seid ihr so furchtsam – habt ihr noch keinen Glauben?“ hat er im Sturm gesagt.

Überall sind seine Spuren.

Er ist bei ihnen.

Sie denken an das, was sie im ersten Morgenlicht erlebt haben: der Stein war weggerollt, das Grab leer, der junge Mann im weißen Gewand.

Ihr sucht den Gekreuzigten. Er ist nicht hier.

Er ist auferweckt.

Bald treffen sich die Jüngerinnen und Jünger regelmäßig: Am Morgen nach dem Sabbat feiern sie ihren Herrn.

Er lebt. Er ist bei uns. In seinem Namen vergeben wir Sünden. Wie er teilen wir das Brot. Der Herr ist auferstanden.

Lebt Christus, was bin ich betrübt?

Ich weiß, dass er mich herzlich liebt.

Wenn mir gleich alle Welt stürb ab,

g´nug, dass ich Christus bei mir hab.

Halleluja (EG111,13)

Amen

Predigt Mk 10,35-45 3.4.22 Judika

Es gibt viele Gaben und Dienste in der Kirche, auch die Gabe und den Dienst der Leitung.          Wir wählen diejenigen, die für unsere Gemeinde entscheiden. Wir geben ihnen dafür Macht.  Es kann verlockend und gefährlich sein, Macht zu haben, bestimmen zu dürfen. Es kann auch eine Last sein, Verantwortung zu tragen. Heute hören wir von zweien, die ganz oben stehen wollen:

 

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, traten zu Jesus und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« Jesus fragte sie: »Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?« Sie antworteten: »Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst – einen rechts von dir, den anderen links.« Aber Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet! Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?«   Sie erwiderten: »Das können wir!« Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken, den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen, die Gott dafür bestimmt hat.«

Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes.                       Da rief Jesus auch sie herbei und sagte zu ihnen: »Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzuge-ben als Lösegeld für viele Menschen.« (Mk 10,35-45)

 Ach, Jesus, meinst du das wirklich?

Du sagst bei euch ist das nicht so.

Nicht so wie überall in der Welt,

bei denen, die herrschen und mächtig sind.

bei euch ist das nicht so

ach, Jesus, sieh doch deine Jünger an!

Ihr seid kurz vor Jerusalem. Dreimal hast du gesagt, auf dich warten Leid und Tod.

Aber sie wollen das nicht hören.

Sie verstehen dich auch jetzt nicht, wenn du sprichst: vom Becher, den du trinken musst, deinem Leidenskelch.                                                           Nein, sie sehen dich lieber auf dem Thron der Macht. Da wollen sie neben dir sitzen.

Natürlich ist klar, wen du mit den ungerechten Herrschern meinst, die ihre Völker unterdrücken. Pilatus ist so einer. Die Römer haben ihn extra in eure Unruheprovinz geschickt, damit er es den Aufrührern mal so richtig zeigt. Zu den vielen,   die er kreuzigen lässt, wirst auch du gehören.

Uns fallen grausame, machtgierige Herrscher unserer Tage ein. Sie dulden keinen Widerspruch und keine freie Presse. Sie lassen ihre Gegner ermorden. Sie überfallen die, die frei sein wollen.

Ich verstehe deine Jünger, dass sie von einer Zeit träumen, in der sie das Sagen haben.

Aber du weißt doch selbst, wie deine Kirche ist, Jesus. Was haben sie gemacht, als die Verhält-nisse sich besserten und sie nicht mehr verfolgt wurden? Dann haben sie selbst die unterdrückt, die nicht ihrer Meinung waren.

Ach, Jesus, es muss doch jemand bestimmen.

Überall, wo Menschen sind, gibt es auch Macht.

Wir sind nicht besser als Jakobus und Johannes.

Wie kommst du nur darauf zu sagen bei euch ist das nicht so? Du bleibst dabei.

bei euch ist das nicht so – ihr unterscheidet euch von den Herrschern und Mächtigen der Welt.

Du siehst uns anders, besser als wir sind.

Haben wir das verdient?

Stopp: vom Verdienen hältst du ja nicht so viel. Jakobus und Johannes haben sich ausgerechnet, sie hätten den besten Platz bei dir verdient. Aber auf solche Rechnungen lässt du dich nicht ein.

Du sagst: wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzuge-ben als Lösegeld für viele Menschen.

Du gibst dein Leben, dich selbst als Lösegeld.

Was meinst du damit, Jesus?

Wenn jemand eine Geisel gefangen nimmt, verlangt er ein Lösegeld. Manchmal lässt sich einer sogar für eine Geisel eintauschen. Dann ist er selbst das Lösegeld.

Es geht um Freiheit.

Immer wieder machst du Menschen frei, Jesus.

Du befreist sie von Krankheit. Den Betrüger Zachäus befreist du für einen neuen Weg.

Von Dämonen kannst du befreien, die Macht des Bösen bannen.

Wir sind immer wieder in Geiselhaft. Wir tun, was wir eigentlich gar nicht wollen: nur auf unseren Vorteil bedacht zu sein. Immer wieder geschieht es, dass wir wie darin gefangen sind. Daraus können wir uns selber nicht befreien. Keine eigene Anstrengung kann uns daraus loskaufen.

Doch du tust das für uns. Du lässt dich für uns im Garten Gethsemane gefangen nehmen. Du lässt dich für uns zum Opfer am Kreuz machen.

Du gibst dein Leben für uns hin.

Du siehst uns besser, als wir sind, Jesus.

Du kannst uns schön als erlöste, befreite Menschen sehen.

Du sagst: bei euch ist das nicht so.

Ihr müsst nicht besser sein als die anderen.

Ihr müsst nicht für euch herausholen, was geht.

Ihr seid frei. Danke, Jesus. Amen

 

1.Tim 3,16 Predigt zur Christvesper

Wir hören ein Weihnachtslied aus dem Neuen Testament, das wohl älteste Weihnachtslied.

1.Timotheus 3,16

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,                            das Geheimnis des Glaubens:

        Er ist offenbart im Fleisch,

        gerechtfertigt im Geist,

        erschienen den Engeln,

        gepredigt den Völkern,

        geglaubt in der Welt,

        aufgenommen in die Herrlichkeit.

Das Geheimnis ist viel größer als ich sagen kann. Himmel und Erde berühren sich. Gott und Mensch verbinden sich. Man muss das Geheimnis des Glaubens bekennen, singen, feiern – und es bleibt doch immer noch mehr. Gott wird ein Mensch. Gott wird greifbar, uns nah, menschlich.

Er ist offenbart im Fleisch.

„Fleisch“, das ist Schmerz, Endlichkeit, Tod. „Fleisch“ sind wir. Wir stoßen an Grenzen, finden keinen Ausweg aus ungerechten Verhältnissen, scheitern in Beziehungen. „Fleisch“ sind wir, dem Leid und dem Tod ausgesetzt.

Er ist offenbart im Fleisch.

Gott wird ganz Mensch und ist doch Gott in seinem herrlichen, himmlischen Glanz.

Eine Christuslegende:

Viele wollen das Kind in der Krippe sehen.                    Da kommen auch drei seltsame Gestalten.  Sie schleppen sich daher, zerlumpt und elend, einer trägt sogar Ketten an Händen und Füßen.   „Was wollen diese Kerle? Jagt sie fort!“ Aber Josef kommt ihnen entgegen und führt sie zum Kind. „Zu diesem Kind darf jeder kommen.“

So stehen die Drei vor der Krippe und schauen lange und still das Jesuskind an. Es liegt da in seinem Stroh, fast so arm wie sie selbst. Dann geben sie dem Kind ihre Gaben. Der Erste legt einige Lupen auf das Stroh: „Nimm meine Lumpen. Du wirst sie einst tragen, wenn sie dir deine Kleider nehmen und du allein und nackt sein wirst. Denke an mich!“

Der Zweite legt eine Kette dazu: „Nimm meine Fesseln. Sie werden sie dir einst umlegen und dich wegführen. Denke an mich!“

Der Dritte beugt sich über das Kind: „Nimm meine Zweifel und meine Gottverlassenheit. Ich kann sie allein nicht tragen. Teile sie mit mir! Trage sie vor Gott hin, wenn es soweit ist.“

Erschrocken hält Maria die Hände über das Kind. Drohend murren die anderen im Stall.  Allen sind die Drei unheimlich.  Das Kind aber liegt da,  mit offenen Augen schaut es die drei Männer an.

Die erheben sich. Sie strecken sich aus, als ob etwas Schweres von ihnen gefallen wäre.  Sie haben den Ort gefunden, wo sie ihre Last  niederlegen können. Bei dem Kind ist alles in guten Händen. Aufrecht schreiten sie aus dem Stall. Zuversichtlich und offen sehen sie den anderen Leuten ins Gesicht.

( Nach einer Christuslegende von Werner Reiser: Die drei Gaben.)

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,  das Geheimnis des Glaubens. Lange nicht jede und jeder bekennt heute den Glauben. Ebenso damals, als sie noch die Melodie des Liedes kannten. Sie sangen in Hausgemeinden und geheimen Verstecken. Es ist Zukunftsmusik.

Ja, er wird gepredigt den Völkern und geglaubt in der Welt, aber noch nicht von jedem und jeder. Und auch wir singen oft mehr, als wir glauben.  Wir singen voll Sehnsucht nach dem herrlichen Glanz Gottes, nach Frieden auf Erden.

Er ist offenbart im Fleisch.

Die elenden Lumpen, die Ketten, die Zweifel sind bei ihm am richtigen Ort. Er ist zuständig für den Schmerz der Welt, für all das, was nicht gut ist. Das Kind in der Krippe ist der Mann am Kreuz. gerechtfertigt im Geist – Die Neue Genfer Über-setzung sagt: er wurde als Sohn Gottes beglaubigt durch Gottes Geist. Wir sehen Jesus am Kreuz wie hier in unserer Kirche mit glänzenden Strahlen, schon im Licht der Auferstehung.

Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln – wir singen und hoffen. Denn ganz sicher ist es, wie es in Werner Reisers Legende heißt: Zu diesem Kind darf jeder und jede kommen. Bei ihm ist der Ort, wo wir unsere Last niederlegen können. Aufrecht schreiten die drei Gestalten aus dem Stall. Zuversichtlich und offen sehen sie den anderen ins Gesicht. Wir begegnen Jesus und gehen aufrecht weiter, aufrecht trotz der Last.

Das große Geheimnis wird lebendige Wirklichkeit, wo wir das erfahren und weitergeben.

Groß und schön ist das Geheimnis des Glaubens.

Amen

 

Zeig dein Gesicht – Predigt über 1.Mose 3

Predigt am 1.3.20 von Andreas Hansen über 1.Mose 3,1-21

Lesung waren Verse aus 1. Mose 2

Gott ist ein Schneider. Wie bitte? Gott ist ein Schneider. Er macht für Adam und Eva Kleider von Fell und zieht sie ihnen an. Sie sollen nicht frierend und schutzlos durch´s Leben gehen. Gott umsorgt seine Menschen auch jetzt. Sie leben nicht mehr im Paradies. Mühe und Schweiß, Dornen und Disteln, Schmerzen und Vergeblichkeit müssen sie ertragen, aber dennoch sind sie beschützt von Gott.
„Zieh dir was an! Und pass auf dich auf!“ Wie eine fürsorgliche Mutter. Gott kann es nicht lassen. Er schneidert schnell noch was für sie und zieht es ihnen an.
Erinnern Sie sich, wie wir oft bockig auf die Mahnungen reagiert haben? Aber vielleicht waren Sie ja brav und folgsam als Kinder.
Gott ist ein Schneider. Gott ist eine Mutter. Wie ein Töpfer formt Gott den Menschen aus Staub von der Erde. Er beatmet ihn, dass er lebt. Er gibt ihm den Mitmenschen, der ihn glücklich macht.
Ganz einfach redet der Mythos von Gott und von uns Menschen. Natürlich ist es ein Mythos, eine Geschichte des Glaubens. Aber was meinen wir denn, wenn wir von Schöpfung reden? Nichts anderes, als die liebevolle Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen, seine mütterliche Freude an unserem Leben, seine Verbundenheit mit uns, seine Fürsorge für uns  trotz allem, was wir anrichten.
Selbstverständlich wussten sie schon damals, dass Gott kein alter Mann mit Bart ist. Man hört den ironischen Unterton heraus, wenn es heißt:      Gott spaziert in der Kühle des Abends durch seinen Garten. Umso ernster und dringender ist seine Frage: „Wo bist du?“ ruft Gott. „Wo bist du, Mensch? Meinst du wirklich, du kannst dich vor Gott verstecken? Mach dich doch nicht lächerlich!“
„Wo bist du?“ fragt Gott uns. „Wo stehst du? Wofür stehst du? Zeig dein Gesicht!“ Der alte Mythos fordert uns heraus. „Antwortest du? Bist du verantwortlich? Oder willst du dich verstecken?“
Schöpfungsglaube heißt: wir vertrauen auf Gott. Gott schafft Leben in all seiner Schönheit. Wir können das Leben nicht machen. Wir müssen es auch nicht machen – wir stoßen an Grenzen. Das Leben bleibt uns unverfügbar.
Schöpfungsglaube heißt auch: Gott will Gutes für uns und alle Geschöpfe. Wir sollen antworten, mutig und verantwortlich handeln, für das Leben entscheiden. Es kann sein, dass wir Fehler machen und schuldig werden. Trotzdem können wir uns nicht verstecken. Wir leben „jenseits von Eden“. Schuld, Bosheit, menschliche Schwäche kennzeichnen unsere Welt. Wir erleben Böses in unseren Beziehungen und auch in uns selbst. Aber Gott überlässt uns nicht einfach uns selbst. Er kümmert sich um uns, mütterlich, fürsorglich und streng. Er hört nicht auf, nach uns zu fragen. „Wo bist du? Wo stehst du, Mensch?“

Wir müssen unser Gesicht zeigen, entscheiden. In manchen Fällen ist die Entscheidung schwer. So oder so werden wir schuldig. Dürfen wir einem Menschen, der nicht mehr leben kann und will, zur Selbsttötung helfen? Dürfen wir ihm diesen Schritt verwehren? Es geht nicht um ein abstraktes Prinzip – jeder Fall ist besonders. Betroffene und Ärzte brauchen Hilfe und Begleitung. Jede und jeder von uns kann in eine Situation kommen, dass wir mitentscheiden, ob ein Leben enden darf, weil Therapie nicht mehr sinnvoll und angemessen ist.
Oder: Wo bist du? Wir sind gefragt, wenn in unserer Klasse eine oder einer gemobbt wird.   Wir sind gefragt, wenn beleidigt und beschimpft wird. Nach den Gewalttaten in Kassel, Halle und Hanau sind wir dringend gefragt, wie wir für eine freie, menschliche Gesellschaft einstehen, wie wir uns wehren gegen Hass und Hetze. Das gleiche Problem auf dem Schulhof wie in der Politik: Wir sollen alle Menschen achten und kein Hetze und Missachtung zulassen.
Wir sind als Europäer gefragt, wie wir das Elend in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln hinnehmen können. Wir sind als Mitmenschen herausgefordert, anderen zum Nächsten zu werden, zuständig zu sein.
„Wo bist du, Mensch? Hör auf mit dem Versteckspiel! Zeig dein Gesicht!“ Gott hört nicht auf zu fragen. Unsere Antwort ist ihm wichtig. Denn wir sollen Verantwortung tragen. Für uns selbst, für unsere Mitmenschen, für die Schöpfung.
Aber was machen Adam und Eva? Sie spielen Verstecken. „Die Frau, die du mir gegeben hast, die hat mir die Frucht gegeben.   Ich hab nicht angefangen.“ „Die Schlange war´s, die hat mich betrogen. Ich kann nichts dafür.“ Wir könnten ein dickes Buch schreiben voll mit Ausreden dafür, warum wir nicht tun, was recht ist, oder warum wir Unrecht tun, obwohl wir es genau wissen.
Mein Klassenkamerad kam fast täglich zu spät. Eintrag um Eintrag kassierte er, bei den meisten Lehrern. Nur unser lieber Lateinlehrer lachte freundlich zu seinen immer neuen Ausreden.   „Die Schranken waren zu.“ „Mein Wecker ist kaputt.“ „Ich musste noch mein Heft suchen.“     Wir begannen schon zu kichern, wenn er vor sich hin nuschelte und die nächste Ausrede erfand. Unser Lateinlehrer lachte ihn an, freundlich und entwaffnend, als wollte er sagen: „Du weißt doch selbst, dass es nicht stimmt.“
Ich stelle mir vor, Gott lacht wie mein Lateinlehrer. Er ist voll Wohlwollen. Natürlich durchschaut er meine Ausreden. Und er hört nicht auf zu fragen: „Wo bist du?“
Adam und Eva sollen erwachsen werden. Sie müssen selbst erkennen, wie lächerlich ihre Ausreden sind. Sie müssen aufhören damit, sich selbst etwas vorzumachen. Sie schämen sich, weil Gott sie durchschaut.
Sie wollen sein wie Gott. Die Schlange spricht nur aus, was Adam und Eva fühlen: Wir wollen keine Regeln von Gott. Wir setzen selbst unsere Maßstäbe. Wir entscheiden selbst und akzeptieren keine Grenzen.
„Adam“ heißt Mensch. Das sind wir alle. Sünde ist das Misstrauen gegen Gott. In seinem Größenwahn meint der Mensch, er kommt ohne Gott aus. In seiner Gier nimmt er sich einfach, was ihm passt. Die Früchte des Baumes sind ein Symbol für unseren Widerspruch gegen Gott.
Adam will mehr sein, als er ist. Er will sein wie Gott. Er macht Gott seinen Platz streitig. Aber damit muss Adam scheitern. Er ist doch nicht Herr über das Leben. Gott hat Staub von der Erde genommen, den Menschen geformt und ihm Leben eingehaucht. Das Leben kommt von Gott. Die Erde heißt Adama. Adam, der Mensch ist ein Erdling. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“
„Wo bist du?“ Wir sollen erwachsen werden. Wir sollen unseren Platz finden, unsere Grenze, unseren Auftrag. Wir sind Geschöpfe, Erdlinge und doch gewürdigt als Gottes Partner, verantwortlich für unsere Mitmenschen, verantwortlich für  Gottes Schöpfung.

Da stehen Adam und Eva und schämen sich. Gott zeigt ihnen die Folgen ihrer Entscheidung und schickt sie aus dem Garten fort. Sie haben sich gegen ihn entschieden. Aber dennoch macht Gott ihnen Kleider.
„Zieh dir was an, Adam! Pass auf dich auf, Eva! Ich werde immer wieder nach dir fragen. Wo bist du? Zeig dein Gesicht! Geh aufrecht, du mein Mensch!“
So spricht Gott und lacht uns an. Amen

Die Wahrheit muss gesagt werden – Predigt über Ez 2,1-3,3

Predigt am 16.2.20 von Andreas Hansen über Ez 2,1-3,3

Er hat sich sein Leben anders vorgestellt. Ezechiel ist Priester wie sein Vater. Der Tempel ist sein Ort. Aber jetzt ist er weit weg von Jerusalem. Er ist am Fluss Kebar, in Babylonien, in der Fremde zusammen mit den Verbannten. Das geschieht im Jahr 593 vor Christus. Wenige Jahre später wird der Tempel zerstört.
Ezechiel will Priester sein. Er will seinen Mitmenschen zu Gott helfen, ein Mittler sein zwischen Gott und ihnen. Aber jetzt überfällt ihn eine Vision:   Der Himmel öffnet sich. Er sieht Gottes Herrlichkeit und ist überwältigt. „Gottes Wort ergeht an ihn.“ heißt es immer wieder in seinem Buch. Gottes Wort bricht in sein Leben ein. Jetzt ist er Gottes Prophet.
Hören wir im Predigttext, wie Gott Ezechiel beauftragt:

Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füße, und ich will zu dir sprechen!  Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte den, der zu mir sprach. Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, zu Nationen, die sich auflehnen, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag. Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR!  Und sie – mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! -, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! Du aber, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit, öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe. Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle.  Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren Klagen und Seufzer und Wehrufe. Und er sprach zu mir: Du Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle, und geh, sprich zum Haus Israel! Und ich öffnete meinen Mund, und er ließ mich jene Rolle essen. Und er sprach zu mir: Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süß.

Sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist. Sie sind widerspenstig. Verhärtete Gesichter, harte Herzen. Antworten, wie Dornen und Skorpione. Sie und ihre Vorfahren haben mit Gott gebrochen und sich abgewandt von ihm. Dennoch: „Ob sie hören oder nicht, sag ihnen Gottes Wort!“  Das wird ein harter Weg für Ezechiel. „Gott macht stark“, “Gott möge stark machen” heißt sein Name –    er kann es brauchen, dass Gott ihn stark macht. „Fürchte dich nicht, Ezechiel! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“
Gottes Worte gegen unseren Widerspruch.  Gottes Worte  trotz unserer harten Herzen. Gott sagt sein Wort, damals zu seinem Volk, und heute ebenfalls zu Menschen, deren Worte zum Fürchten sind. Auch zu uns spricht Gott durch seinen Propheten.
Worte können viel bewegen.
Ein Ja kann glücklich machen.
Ein abschätziges Urteil kann vernichten.
Ein Gerücht kann Menschen ins Unglück stürzen.
Eine Stimme in einer Wahl kann entscheiden. Was wir einmal gesagt haben, bleibt in der Welt. Der Stachel einer gemeinen Bemerkung bleibt. Das Ergebnis einer Wahl kann nicht einfach rückgängig gemacht werden.
Es ist so hässlich, was für Worte wir Menschen einander an den Kopf werfen. Wir erleben eine Verrohung der Sprache. Beleidigungen, Hassmails, Shitstorms müssen viele Personen des öffentlichen Lebens ertragen. Es gehört zum Konzept rechtsextremer Kreise: dass sie Tabus brechen, sagen, was andere verletzt, Menschen verachtende Sprache. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ So versuchen sie ihre Haltung hoffähig zu machen.
Worte können viel bewegen.
Sie wecken Vertrauen oder zerstören es, sie richten auf oder entmutigen, sie heilen oder richten Schaden an.
Viele setzen Worte wie Waffen ein, beleidigende Tweets, Drohungen, rufschädigende Lügen – etwas bleibt ja immer hängen. Und viele glauben dem Gerede und lassen sich aufhetzen.
Wir machen es genauso, wenn wir Gerüchte streuen, Intrigen anheizen und andere schlecht machen, wenn wir über die anderen reden, statt mit ihnen, wenn wir unser Urteil längst gefällt haben und darum gar nicht mehr zuhören wollen.

Gott klagt: sein Volk  wendet sich von ihm ab – sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit – sie wollen nicht hören. Enttäuscht und traurig ist Gott über sein Volk.
Warum muss Ezechiel diesen üblen Job machen, wenn Gott doch schon überzeugt ist, dass sie nicht hören? Warum muss er Prophet sein für das Haus der Widerspenstigkeit?
Weil die Wahrheit trotz allem gesagt werden muss. Weil Gott nicht resigniert und immer noch und vielleicht umso mehr an diesem widerspenstigen Volk hängt. Ezechiel darf nicht schweigen. Gottes Wort muss er sich einverleiben und er muss es sagen. Klagen, Seufzer, Weherufe – wer mag so eine Botschaft schlucken? Wer mag sich unbeliebt machen mit solchen Worten von Gott?
Die Wahrheit muss gesagt werden.
Sie bleibt wahr, auch wenn sie nicht gehört wird.
Sie wird sich als wahr erweisen, selbst wenn erst Spätere das erkennen.
Die Wahrheit muss gesagt werden.
Das Verfahren gegen Trump hatte keine Chance im Kongress und doch musste es sein.
Die Friday-for-Future-Demonstranten sind von ihrer Wirkung enttäuscht und doch ist wichtig, was sie machen.

Sind wir das Haus der Widerspenstigkeit? Sollen wir uns angesprochen fühlen? Haben wir harte Gesichter? Verstockte Herzen wie der Pharao? Das kann schon sein. Wir wenden uns ab von Gott, wenn wir unseren Mitmenschen verachten und benutzen und verletzen. Wir sind kaum bereit uns selbst kritisch zu sehen, uns zu ändern. Unsere verletzenden Worte treffen Gott.

Wir sind zum Glück nicht Ezechiel, aber getrauen wir uns unbequeme Wahrheiten zu sagen!
„Gott macht stark“ heißt sein Name. Er darf es erfahren, wie Gott ihm die Furcht nimmt. Ezechiel wird ihnen die Wahrheit in ihre harten Gesichter sagen – kein angenehmer Job. Die Wahrheit ist bitter, und wird für ihn doch süß wie Honig, denn es ist Gottes Wort, das er sich einverleiben und dann sagen muss. Später, viel später, wird Ezechiel auch von der neuen Chance reden, die Gott schenkt.

Die Wahrheit muss gesagt werden.
Gott sei Dank: Gott sagt uns sein Wort.
„Fürchte dich nicht, Ezechiel! Fürchte dich nicht, wenn sie dir widersprechen! Hab keine Angst vor ihren harten Gesichtern und verstockten Herzen! Fürchte dich nicht vor ihren Worten! Sag ihnen meine Worte!“
Amen

“seid niemals gleichgültig!”, Predigt über Offenbarung 1,9-18

Predigt am 2.2.20 von Andreas Hansen über Offenbarung 1,9-18

Ich, Johannes, euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis, der mit euch teilhat an der Herrschaft und  mit euch in Jesus ausharrt, ich bin auf die Insel Patmos gekommen – um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die zu mir sprach. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter, und inmitten der Leuchter eine Gestalt, einem Menschensohn gleich, gekleidet in ein Gewand, das bis zu den Füßen reichte, und um die Brust gegürtet mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen, seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen geglüht, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser. Und in seiner Rechten hielt er sieben Sterne, und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Antlitz leuchtete,    wie die Sonne strahlt in ihrer Kraft.
Und als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen, und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

Patmos wird die Heilige Insel genannt. Dort hört Johannes eines Sonntags die Stimme. Wie eine Posaune hinter ihm. Und dann wie tosende Wasser. Als er sich zu der Stimme umwendet, sieht Johannes den Auferstandenen in einem überwältigenden, kaum zu beschreibenden Bild, ein Bild, das ihn umwirft.
Viele Menschen kommen mit dem Schiff nach Patmos, auf die Heilige Insel. Touristen und Pilger klettern auf den Berg mit dem tausend Jahre alten Johanneskloster. Johannes flüchtet vom Festland hierher – er nennt es Verbannung, aber es ist wohl eine Flucht. Heute schützt sich die Heilige Insel vor den Flücht-lingen. Der Weg vom türkischen Festland ist nicht weit. Tausende kommen jedes Jahr. Sie fliehen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Ganz in der Nähe der Heiligen Insel liegen Samos, Leros, Kos und die anderen Inseln mit den berüchtigten Flüchtlingslagern.
Dort schaffen wir es nicht für menschenwürdige Zustände zu sorgen. „Wir“, Europa, nicht die Griechen allein, sind für das Elend dieser Lager verantwortlich. Eine Schande für Europa!
Direkt neben der Heiligen Insel liegt die Not und die Schuld der Welt. So war es schon damals. Bedroht und bedrängt von der gewalttätigen römischen Staatsmacht hat Johannes seine Vision von Christus. Die ersten Märtyrer sind zu beklagen –  sie müssen sterben, weil sie Christen sind. Der Druck auf die Gemeinden steigt. Sie sind nicht bereit, Bilder des Kaisers anzubeten. Sie werden boykottiert und verfolgt. Als Rom brennt, behauptet der Kaiser Nero, die Christen hätten den Brand gelegt – diese seltsame, lächerliche Gruppe von Leuten, die einen Gekreuzigten verehren – sie sind damals der ideale Sündenbock. Johannes sieht und beschreibt in seinem Buch die Gewalt und das Unrecht, das geschieht.
Apokalypse, Offenbarung heißen visionäre Texte wie der von Johannes. In großen, geheimnisvollen Bildern zeigt sich Gott. Das hat immer wieder zu seltsamen Deutungen angeregt. Oft wurden die apokalyptischen Texte missverstanden und falsch gedeutet. Die vielen Bilder können nicht einfach als Schilderung künftiger Ereignisse dienen. Johannes betreibt nicht Wahrsagerei. Auf keinen Fall will er Angst und Schrecken verbreiten. Seine Schilderungen von Gewalt, seine rätselhaften Bilder sind für seine Zeitgenossen offenkundig Anspielungen auf das römische Imperium.
Das Wichtigste ist: Gott offenbart sich den Opfern von Unrecht und Gewalt. Sie sind nicht vergessen. Allen Menschen, auch uns heute wird zugesagt: Das Böse bleibt nicht ohne Antwort.

Ich erinnere mich an ein paar Schläger auf unserer Schulparty, als ich etwa 15 war. Plötzlich, mitten im Gewühl vieler Tanzender standen sie um mich herum und schubsten mich hin und her und boxten mich in den Bauch. Ich kannte die gar nicht. Sie haben mich wohl zufällig ausgesucht. Mir ist nicht viel geschehen, aber ich war erschüttert von der Unverfrorenheit: „das machen die einfach, weil sie sich unangreifbar fühlen, weil sie denken, uns kann keiner etwas anhaben“. Was mich empört hat, ist die Frechheit, mit der Menschen anderen Böses antun.
Meine Erfahrung als Jugendlicher ist ein Klacks, ein Vogelschiss gegenüber Morddrohungen gegen Politiker, Journalisten und andere in unserem Land. In der Anonymität des Internets oder ganz offen auf der Straße wird beleidigt und zu Gewalt aufgerufen.
Die Unverfrorenheit ist erschütternd.
Wir haben in der letzten Woche  Bilder aus Auschwitz gesehen. Unfassbar und beschämend. Sie haben das unsagbar Böse einfach getan. Tausende haben mitgemacht. Millionen haben geschwiegen. „Seid niemals gleichgültig!“,  mahnte einer der Überlebenden am Montag.

Johannes soll auf das Böse antworten. Er denkt an seine Mitchristen und Freunde – sie feiern gerade Gottesdienst und er ist auf Patmos – da sieht er den auferstandenen Christus. „Schreib, was du siehst, tröste die bedrängten Gemeinden. Gott antwortet auf das Böse.“
Karfreitag und Ostern ist Gottes Antwort. Gott selbst setzt sich dem Bösen aus. Jesus lässt sich schlagen und schlägt nicht zurück. Er wird zum Opfer des Unrechts – er opfert sich selbst. Aber er bleibt nicht im Tod. Der Tod kann ihn nicht halten.
Strahlend hell und schön sieht Johannes den auferstandenen Christus vor sich. Er hat sieben Sterne in der Hand. Er steht inmitten der sieben Leuchter für die Gemeinden. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit: Himmel und Erde berühren sich, Dreieinigkeit und vier Elemente. Johannes darf sehen, was unendlich tröstlich ist. Zugleich überfordert ihn das Bild – er stürzt zu Boden.
Dann legt Jesus Christus ihm die Hand auf die Schulter, eine kleine Geste nach diesem großen Erlebnis, und er sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.
Noch einmal bestätigt Jesus Christus, was Johannes gesehen hat: Christus lebt. Er ist auferstanden. Er ist bei uns. Das Böse behält nicht das letzte Wort. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Jesus Christus, der Auferstandene hat die Schlüssel. 
Er sagt: „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“(3,8)
Wir erleben uns selbst eingeschlossen, festgehalten, blockiert von Ängsten, Zwängen, Sorgen.
In Angst, die Anerkennung anderer zu verlieren,  in Sorge um Gesundheit und Auskommen, blockiert von ungelösten Konflikten, von altem Streit, der immer wieder hochkocht. Wir sind festgehalten in ungerechten Strukturen: Was können wir schon tun gegen Armut – und doch stehen wir auf der Seite der Reichen. Wie müssten wir unsere Verhalten ändern, um die Schöpfung zu schon – und doch leben wir auf großem ökologischen Fuß. Wir sind alle eingeschlossen unter der Macht des Todes und manchmal wie gelähmt von der Wucht des Bösen.
„Ich habe die Schlüssel“, sagt Christus. Heißt das, wir legen die Hände in den Schoß und warten einfach, was kommt? Nein, das ist zu wenig. 
Wir stoßen an verschlossene Türen und stolpern über unsere Ängste, aber wir nehmen das nicht hin. Wir sehen das Böse in seiner Macht, die Strukturen des Unrechts, und wir resignieren nicht davor. Wir sehen auch das Böse, das wir selbst tun, aber wir hoffen auf Vergebung und eine neue Chance.
Jesus Christus hat die Schlüssel. Nicht einmal der Tod  kann ihn halten. Er behält das letzte Wort über die Welt und über uns. Amen