Archiv der Kategorie: Predigten

„Bausachen“ – Predigt über 2.Kor 4,16-5,1

Predigt am 22.4.18 von Andreas Hansen über 2.Kor 4,16-5,1

2.Kor 4,16-5,1: Wir werden nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Wer ein Haus hat, dem geht die Arbeit nie aus. Unsere Häuser in Deutschland sind stabil und solide gebaut – „wie für die Ewigkeit“, so sagt man. In anderen Ländern, z.B. in den USA wird leichter, provisorischer gebaut. Das Bedürfnis nach soliden Häusern hatte die Nachkriegsgeneration, weil sie viele Trümmer wegräumen mussten. Das Bedürfnis kennen viele Menschen. Die Städte in Syrien sehen heute so aus wie deutsche Städte nach dem Krieg. Auch in Israel hat das Bauen eine besondere und sehr umstrittene Bedeutung.
Ein festes Haus, ein sicheres Zuhause ist für viele Menschen ein Traum. Schon Kinder bauen begeistert Spielhäuser. Die Sehnsucht nach bleibender Geborgenheit steckt tief in uns. Und doch sind unsere Häuser vergänglich, nur auf Zeit angelegt, wie wir selbst.
Meine Frau und ich, wohnten einmal in einem neuen schönen Haus – aber im Treppenhaus waren die Wände noch nicht verputzt und das Geländer war eine wackelige Holzkonstruktion. Viele Jahre blieb das Haus so unfertig, obwohl die Besitzer fleißige und Ordnung liebende Menschen sind. Ihr Haus blieb eine Baustelle. Anderes war ihnen wichtiger. Heute bewundere ich diese Geduld und diese Freiheit, etwas unvollkommen zu lassen, noch dazu ein so schönes Haus.
Kennen Sie den Drang alles ganz richtig und perfekt zu machen, wie für die Ewigkeit zu bauen? Gründlich soll alles geschehen und möglichst makellos dastehen: Nicht nur das Haus, auch die berufliche Laufbahn, unser Körper, unser Ansehen.
Aber das geht ja gar nicht. Wir mühen uns vergeblich, fertig zu werden, perfekt zu sein oder Häuser zu bauen, die ewig stehen. Unsere Häuser und vieles mehr in unserem Leben bleibt unfertig und unvollkommen wie eine Baustelle. Manches, wovon wir träumten, haben wir nicht erreicht. Wir schließen Kompromisse. Mit manchen Konflikten müssen wir leben, weil es keine Lösung gibt. Wir stoßen an Grenzen. Zum Beispiel unser Körper zeigt uns Grenzen. Wir müssen Einschränkungen und Rückschritte hinnehmen. Vollkommen ist weder unser Haus, noch unser Lebenshaus. Es muss immer wieder renoviert, gestützt, gestärkt, „konfirmiert“ werden.
Paulus vergleicht unser irdisches Haus, unser Leben mit einem Zelt – Luther übersetzt „Hütte“ – da steht Zelt. Ein paar Stangen, Planen, Stricke – die muss man immer wieder neu verankern gegen den Wind und den Regen – ein Zelt fällt im Sturm in sich zusammen – ein Zelt kann leicht abgebrochen und weggebracht werden. So ist unser Leben.
So erlebt Paulus sein eigenes Schicksal. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er fühlt sich verbraucht und erschöpft. Er hat schon so viel Enttäuschungen, Angriffe, Rückschläge und Prügel einstecken müssen. Paulus ist krank oder behindert – er deutet es nur an. Sein Lebenshaus ist nicht perfekt. Es hat Risse und Schäden. Es ist zerbrechlich wie ein leichtes Zelt. Trotzdem ist Paulus keineswegs resigniert. Seine Kräfte nehmen ab.
Aber er sagt: Davon lasse ich mich nicht klein kriegen. „Wir werden nicht müde.“ Denn Paulus erlebt gleichzeitig eine ganz andere, gegensätzliche Entwicklung. Er schreibt: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert – gleichzeitig wird das, was ich zukünftig sein werde, auf unsichtbare Weise schon jetzt ganz neu in mir begründet und wächst mit jedem neuen Tag.“ Paulus erlebt in sich ein Wachstum, ein Neu- und Starkwerden, eine Hoffnung. Je schwächer er äußerlich wird, desto offener wird er für das Neue, das Gott ihm schenkt und das Jesus in ihm wirkt. Er ist immer enger mit Jesus verbunden. So kann er sagen, er sei  in Jesus Christus. Wenige Verse nach unserem Textabschnitt steht: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
In Christus und das heißt von Ostern her wird alles neu. Von Ostern her gewinnt das Leben. Wir stöhnen noch unter der Last der Vergänglichkeit. Wir erschrecken noch vor dem Tod und haben Angst vor Abschied, Leid und Schmerzen. Paulus aber schreibt: Unsere Trübsal, unsere Bedrängnis wiegt leicht – viel schwerer ist die unfassbare Fülle ewiger Herrlichkeit, die Gott uns schenkt.
Stellen Sie sich vor: Da sitzen Tod und Leben auf einer Wippe. Der Tod macht sich breit mit all seiner düstern Last und lässt grinsend das Leben in der Luft zappeln. Aber das Leben wird schwer und schwerer. Und der dürre Tod wird durch die Luft geschleudert. Das ist unsere Hoffnung seit Ostern: Das Leben hat das größere Gewicht. Es besiegt den Tod. Gott hat schon entschieden: Für das Leben.
Dreimal steht in unserem Text das Wort ewig. Wir können allenfalls ahnen, was ewig und Ewigkeit bedeuten mag. Ewig ist größer, wie eine andere Dimension. Jesus gibt uns die Hoffnung auf ewiges Leben. Der Glaube ist schon berührt von der Ewigkeit Gottes. Gottes Ewigkeit umgibt unser zerbrechliches Lebenshaus. Sie scheint in unser Leben hinein. Paulus erfährt Tag für Tag, dass Gott ihn aufbaut, dass das Leben schwerer wiegt.
Und er hofft auf das ewige Haus, von Gott erbaut, nicht mit Händen gemacht. Unser Lebenshaus gleicht einer Baustelle. Manches ist nicht fertig oder gehörte schon längst renoviert. Und doch fällt in die Zimmer ein herrliches wunderbares Licht. Gottes Ewigkeit umgibt unser Leben.
Wir können das Unfertige und Unvollkommene stehen lassen, den Karrierewunsch, der sich nicht erfüllt hat, den Traum, der ein Traum blieb, die Belastung, das Zerbrechen von Beziehungen, etwas, was unser Leben einschränkt. Gottes Ewigkeit umgibt unser Leben. Schon als Gott uns schuf, zeigte die Waage auf Leben. Er hat sich für uns entschieden.
Wir können frei sein von der Angst Leben zu verpassen, frei von der Angst zu kurz zu kommen, frei von der Angst um uns selbst. Gott schenkt uns ein Ahnen von Ewigkeit, Licht, das in unser Lebenshaus fällt. In der Liebe, die uns bewegt, in allem, was wir liebevoll tun, erfahren wir, was Ziel und Sinn unseres Lebens ist.„Wir haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lebenszeichen, Predigt über Lk10,20

Predigt am 15.4.18 von Andreas Hansen über Lk 10,20

Gottesdienst zum Auftakt der Kunstausstellung Andreas Ernst (zoolo) - im Gottesdienst ist ein Bild von zoolo zu sehen, dh ein von ihm bemalter und gestalteter Bunker an der Antlantikküste - Harry White, Saxophon, und Jakoba Marten-Büsing, Orgel spielen auch einmal währen der Predigt

Philip Glass ( geboren 1937) zwei Melodien für Saxophon (1995)

„ZOOLO“ – ein Bunker, eine Wandfläche, ein Eisenbahnwaggon bekommen eine Signatur, ein Lebenszeichen. Zoon, Lebewesen – der Name erinnert daran. Ein Lob der Schöpfung – so würde ich das Bild an der Außenwand unseres Gemeindehauses nennen. Der kahlen Wand, dem toten Beton des Bunkers wird widersprochen. Wir finden uns nicht mit dem düsteren Grau ab. Nein, wir leben, wir hinterlassen Lebenzeichen, bunt, fröhlich, lebendig.
Ich schreibe meinen Namen. Ich signiere – nicht umsonst klingt segnen ähnlich. Ich lebe. Leben soll sein. Gesegnet sei alles Leben.
Lebenszeichen widersprechen dem, was erstarrt und tot ist – so empfinde und deute ich sie.

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lk 10,20) So sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern.
Ich schaue hinauf zum Himmel und sehe den Kondensstreifen eines Flugzeugs, ein weißes Band 10000 m über der Erde. Fast wie mit unsichtbarer Hand gezogen entsteht die Linie am Himmel. Aber schon nach wenigen Minuten verblasst sie, ohne Spur verschwindet sie.
Sind unsere Namen so im Himmel geschrieben? So flüchtig?
Menschen werden vernichtet, als wären sie nichts. Ein Lebensmüder fährt in Menschen vor einem Cafe und erschießt sich dann. Zynische Machthaber werfen Giftgas auf wehrlose Zivilisten in Syrien. Menschen werden einfach so ausradiert. Die Zahlen und Bilder der Opfer erschrecken uns kaum noch.
Man könnte glauben, ein Leben ist bedeutungslos. Ist es so?
Nein, unsere Namen sind eingeschrieben im Himmel, wie in Stein geritzt – engraphein, das klingt wie eingraviert – im Himmel, bei Gott, ist nichts verloren; was dort geschrieben ist, bleibt.

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Unsere Namen sind kostbar. Wie schön klingt der Name dessen, den ich liebe. Wie vertraut und lieb ist mir alles, was ich mit seinem oder ihrem Namen verbinde. Wie schön kann mein Name klingen im Mund eines Freundes, der mich schätzt. Unsere Namen sind kostbar, weil wir kostbar sind, gerufen, geliebt, angenommen. Und wir selbst nennen liebevoll die Namen der Geliebten.
„Mose, Mose“ ruft Gott aus dem brennenden Dorn-busch. Gott hat etwas vor mit dem Flüchtling Mose. Er beruft und begabt ihn zu einem großen Auftrag.
„Zachäus, komm schnell, ich muss dich besuchen!“ Jesus spricht den verachteten Kooperateur der Besatzungsmacht mit Namen an – woher kennt er ihn nur? Zachäus ist glücklich – „er sieht mich;  er will tatsächlich zu mir“ – nun kann Zachäus umkehren.
„Maria“, ruft Jesus. Weinend steht sie vor dem leeren Grab und versteht nicht und ist außer sich. Sie erkennt ihn nicht, aber dann sagt Jesus ihren Namen: „Maria“. „Nicht zu fassen: Er ist da. Er lebt und steht vor mir und spricht mich an, mich!“ Wer mich mit Namen anspricht, kennt mich und meint mich. Jesus spricht Maria an. „Der Tod ist besiegt. Du sollst leben.“

Eugene Bozza (1905-1991), Aria pour Saxophone alto et Piano

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Ich gebe meinen Namen bei Google ein und staune, wie viele Träger meines Namens es gibt.
Als ich in der sechsten Klasse war, gab es da viermal Andreas. Das war anstrengend.
Trotzdem steht mein Name für das, was mich unverwechselbar ausmacht. Ich bin geprägt von vielen Einflüssen und Gegebenheiten, die andere ebenso prägen. Und doch bin ich, ist jede und jeder von uns einmalig und besonders.
„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat“ erklärt Martin Luther zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses: Mich, so unverwechselbar wie ich bin, mich, der diesen Namen trägt.
„Freut euch, dass ihr einmalig seid, jede und jeder etwas ganz Besonderes.“
Einmalig und besonders sind wir für den, der unseren Namen nennt, der ihn sogar in den Himmel eingraviert.
Aber die meisten von uns sind doch gar nicht so besonders, normale Jugendliche, Erwachsene  oder Alte mit normalen Lebensläufen, Familien, Freundeskreisen, nichts Ungewöhnliches. Die meisten von uns werden nicht berühmt und wollen das auch gar nicht. Nur sein wie die anderen wollen wir, einigermaßen zufrieden bitte und möglichst von großem Unglück verschont.
Und wir sollten etwas Besonderes sein, wir mit einem Stern in einem himmlischen Walk of Fame? Kann das wahr sein?
„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Jede und jeden von uns ruft Gott mit Namen. Jede und jeder von uns hat eine eigene ganz besondere Beziehung zu Gott.
Wie wir unter Geschwistern jede und jeder ihre und seine eigene Beziehung zu den Eltern haben und uns manchmal wundern, wie eigen und anders wir sind. Dabei wickelt der kleine Tom Mama um den Finger und sein Bruder Tim muss immer Streit anfangen, bis Mama schimpft. Eltern sind manchmal so ungerecht. Kinder sind manchmal   so schwierig.
Jede und jeder von uns hat eine besondere ganz eigene Beziehung zu Gott. Jede und jeder ist von Gott gerufen, jede und jeder auf besondere Weise begabt, beauftragt, begleitet.
Jede und jeder von uns kann auf seine und ihre Weise antworten. Auf unsere Antwort wartet Gott. Er sehnt sich nach unserer Antwort. Darum hat er uns ja so einmalig und frei geschaffen.
Anders als manche Kinder bei ihren Eltern haben wir alle bei Gott einen dicken Stein im Brett: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Tragen wir unsere Namen so!
Tragen wir unsere Namen stolz, als stünden sie auf einem Stern im Himmel.
Tragen wir sie froh, weil Gott uns mit Namen ruft und uns nie vergisst.
Schreiben wir unsere Namen fröhlich und bunt, Protestzeichen gegen alles, was Leben zerstört, Lebenszeichen gegen das Grau.
Amen

Lied: Gott hat das erste Wort EG 199

Tränen der Wut und Jubel über das Leben, Predigt über 1.Samuel 2,1-8

Predigt am 1.4.18 von Andreas Hansen über 1.Sam 2,1-8

Als Evangelium zum Ostersonntag hörten wir Joh 20,11-18 Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen

Eine Frau steht im Tempel und betet. Sie ist verzweifelt. Sie klagt Gott ihr Leid. Ein Priester beobachtet sie. Sie bemerkt ihn nicht einmal. Lautlos bewegen sich ihre Lippen. Immer weiter betet sie – und sie weint. Der Priester denkt, sie muss betrunken sein und spricht sie an. Dann versteht er und tröstet Hanna.
Viele Menschen klagen Gott ihr Leid und zerbrechen fast an dem, was sie ertragen müssen. Viele fragen sich: „Hört Gott mich? Kümmert ihn mein Schicksal?“
Einige Jahre später kehrt Hanna zurück. Sie erinnert sich an ihr Gebet. So verzweifelt war sie, so am Boden. Und jetzt steht sie aufrecht und froh. Ja, Gott hat sie gehört und aufgerichtet. Und wieder betet Hanna, sie singt ein Lied der Freude über Gott:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.  Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.  Es ist niemand heilig wie der HERR,  außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.
Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr.
Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.
Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.
Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.
Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.  (1.Sam 2,1-8)

Samuel, so nennt Hanna ihr Kind: Gott hört.
Gott hat mich erhört. Ich war wie ein Nichts, so verachtet und verspottet. Eine Frau ohne Kind ist nichts wert. Sie kann verstoßen werden.
Ein unerfüllter Kinderwunsch lässt auch heute manche Paare verzweifeln. Für Hanna damals bedeutete er das soziale Aus. Und neben ihr war  seine andere Frau mit ihrer wachsenden Kinderschar. Ein spöttischer Blick von ihr genügte um Hanna zum Heulen zu bringen. Aber jetzt kann sie aufrecht stehen und fröhlich singen. Hanna singt von Gott. Gott verwandelt Trauer in Freude, Ängste in Mut, Sorge in Zuversicht, ja sogar Tod in Leben.

Zum zweiten Mal ist jetzt von Tränen die Rede, zwei weinende Frauen, Maria Magdalena und Hanna. Man könnte meinen, Ostern ist etwas für Heulsusen, eine Art Trost für Zartbesaitete. Keineswegs! Maria gibt sich nicht zufrieden. Sie geht nicht heim wie Petrus und der andere Jünger. Sie muss wissen, was passiert ist. „Das geht doch nicht, dass sie Jesus weggenommen haben!“
Und auch Hanna zerfließt nicht vor Selbstmitleid. Ihr kommen auch vor Wut die Tränen.
Liebe Gemeinde, auch Wut gehört zu Ostern, Wut über die Gemeinheiten, die Menschen angetan werden, Wut über Krieg und zynische Macht, Wut über bösartige Krankheit, Wut über den Tod und all seine Helfer, alle Todesmächte. Da können einem schon die Tränen kommen, wenn man nicht so tut, als wäre die Welt heil und in Ordnung. Wut gehört zum Ostermorgen. Wir stellen uns aller Todesmacht entgegen. Der Tod ist besiegt. Er behält nicht das letzte Wort. Ostern ist auch der Triumph nach allem Leid. Der Karfreitag ist nicht vergessen.
Die Wut bebt noch in Hannas Lied. Sie schreit ihre Feinde an. „Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt“! Sie äußert ihre Wut unverblümt – das Gefühl können wir nachvollziehen. Aber um Rache geht es nicht. „der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen“ Hanna singt von den Schwachen und Armen, von denen, die keine Chance haben, von denen, auf die andere herabsehen. Gott ist auf ihrer Seite. Er kümmert sich um sie. Er sieht das Leid der hebräischen Sklaven in Ägypten. Er hört die, die ihn rufen wie Hanna. Er ist bei denen, die im Schatten stehen.
Gott „hebt auf den Dürftigen aus dem Staub“. Das ist Hannas beglückende Erkenntnis. Gott steht nicht nur bei den Erfolgreichen und Mächtigen, bei den Gewinnern. Er wendet sich gerade zu den Dürftigen und zu denen im Staub, den Überforderten, den Gestürzten, den Verlierern und hebt sie auf, richtet sie auf, schenkt ihnen Leben.
Hanna weiß nichts von Jesus. Sie hat rund tausend Jahre vor ihm in Israel gelebt. Aber sie macht doch eine Ostererfahrung. Ihr Lied weist über ihr eigenes Schicksal hinaus. Hanna erlebt: „Gott hat mein Gebet gehört. Ich war nie allein, auch als ich verzweifelte. Gott war bei mir.“
Wir erschrecken vielleicht, wenn wir lesen: „Der Herr tötet und macht lebendig…“. Ich verstehe es so: Keine Macht ist Gott ebenbürtig. Der Tod, der uns so erschreckt, oder das Böse, das sich in der Welt austobt, sie stehen nicht annähernd auf einer Stufe mit Gott. Gott, der Schöpfer, hat das erste und das letzte Wort über uns und über die Welt. Weil er uns liebt und unser Leben will, darum hat er uns erschaffen. Auch in Unglück, Krankheit oder Tod sind wir in Gottes Hand.
„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.“ Wir besingen mit Hanna den Gott des Lebens. „Es ist niemand heilig, wie der Herr, außer dir ist keiner…“ Sie ist außer sich vor Freude. Sie jubelt über Gott. Hanna weiß noch nichts von Jesus. Und doch hat ihr Lied einen österlichen Klang.
Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Der Tod ist besiegt.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. 
Wir gehen über den Friedhof und singen von der Auferstehung unseres Herrn. Da stehen Kreuze und erzählen davon, dass wir in Gottes Liebe bleiben. Sinnvoll, wertvoll, kostbar ist das Leben, denn Gott schenkt und behält es in seiner Liebe.
Der Tod und alle Todesmacht sind besiegt. Nach Zeiten tiefer Trauer lernen Menschen wieder zu lachen. Trotz Krankheit und Schmerzen genießen Menschen ihren Tag und freuen sich über alles Schöne, das sie erleben dürfen.
„Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.“ Hanna verspottet die Mächte des Todes. Ihre Wut gegen das Böse, gegen die Todesmacht bleibt, aber ihre Tränen haben sich in Triumph gewandelt. Sie hat eine österliche Freude im Herzen. So singt Paulus ein Spottlied über den Tod:
„Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch Jesus Christus, unseren Herrn.“

Der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und  Sinne in Christus Jesus. Amen

Schluss mit Opfern! – Predigt an Karfreitag Hebräer 9,24-28

Predigt am 30.3.18 von Andreas Hansen über Hebräer 9,24-28

Wir schauen auf Jesus am Kreuz – „o Haupt voll Blut und Wunden“. Da stehen sie und gaffen und spotten über seine Ohnmacht – „hilf dir doch selbst, wenn du es kannst!“ – nur von weitem sehen auch die Freunde zu und können es nicht fassen.
Er wehrt sich nicht. Er wird zum Opfer von Unrecht, Lüge und Machtmissbrauch. Er lässt sich zum Opfer machen. Unvorstellbar, ein Skandal war das Opfer damals und ist es auch heute. 
Wie ist zu verstehen, was am Kreuz geschieht?

Wir hören fast täglich von Opfern.
“Frankreich wird niemals sein Heldentum, seine Tapferkeit und sein Opfer vergessen.“, schrieb der Innenminister. Vor einer Woche starb der Polizist Arnaud Beltrame. Er ließ sich für eine Geisel eintauschen. Es ist mutig und schön, wenn ein Mensch für andere einsteht und sogar sein Leben einsetzt. Es ist furchtbar, dass er und andere zu Opfern des Terrors wurden.
Über 60 Menschen, darunter viele Kinder sterben beim Brand eines Einkaufszentrums in Kemerowo in Sibirien. Fahrlässigkeit und Korruption ist wohl der Grund für die große Zahl der Opfer.
Wir hören von Verkehrsopfern, Opfern der Kriege in Syrien, im Jemen, immer noch in der Ostukraine und in vielen anderen Kriegen.
Und immer, wenn wir von Opfern reden, ist Böses geschehen, Unrecht und Gewalt und Unglück.
Keine Opfer mehr! So möchten wir schreien, wie Hunderttausende Jugendliche in den USA.
Es reicht. Es ist unerträglich. Hört auf! Es ist schrecklich, wenn Menschen zu Opfern gemacht werden.
Jesus am Kreuz schreit: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ und stirbt.
Will Gott dieses Opfer? Warum setzt er sich so aus, dass er zum Opfer wird?
Gott will keine Opfer. Er braucht sie nicht. Das Leid unschuldiger Opfer ist für ihn unerträglich. Gott ist barmherzig, unser Vater.
„Es reicht. Hört auf, Menschen zu Opfern zu machen!“
Darum stirbt Jesus am Kreuz.

Hören wir den für heute gegebenen Predigttext aus dem Hebräerbrief. Ein unbekannter Autor schreibt an eine judenchristliche Gemeinde und deutet den Tod Jesu. Er bezieht sich auf das Opfer, das der Hohe Priester einmal im Jahr im Tempel darbringt.

Er schreibt:  Hebr 9,24-28  (Zürcher Übersetzung)

Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des echten, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor Gottes Angesicht für uns einzutreten.
Er ist auch nicht hineingegangen, um sich immer wieder darzubringen, so wie der Hohe Priester Jahr für Jahr mit fremdem Blut ins Heiligtum hineingeht; sonst hätte er nämlich immer wieder leiden müssen seit Grundlegung der Welt.
Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, und dann kommt das Gericht, so ist auch Christus ein einziges Mal geopfert worden, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen. Ein zweites Mal wird er nicht  der Sünde wegen erscheinen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

Opfer gehören zum Gottesdienst. Das ist für Menschen in der Antike selbstverständlich, auch wenn wir es grausig finden. Das Heiligtum ist der Ort der Opfer. Hier ist Gott zu finden. Tieropfer, besonders das Blut wird Gott dargebracht, denn Gott gehört das Leben. Mit Opfern kann man dem Herrn des Lebens, dem Heiligen nahe kommen.  Opfer zeigen Dank und Reue.
Das heiligste aller Opfer ist eben das, das der Hohe Priester einmal im Jahr für das ganze Volk darbringt. Nur einmal im Jahr geht der Priester in das Innerste des Tempels, das Allerheiligste. In diesem feierlichen Moment geschieht Versöhnung mit Gott. Vielleicht gibt es den Tempel in Jerusalem schon nicht mehr, als der Hebräerbrief geschrieben wird. Der Tempel und die Stadt wurden im Jahr 70 von den Römern zerstört. Damit war der Opferkult in der jüdischen Religion vorbei. Aber jeder versteht noch, wovon die Rede ist, wenn der Brief Jesus mit dem Hohen Priester vergleicht.
Nur ist Jesus noch unvergleichlich viel heiliger als ein Hoher Priester. Er geht nicht in ein von Menschen gebautes Heiligtum, sondern steht vor Gott selbst. Er bringt nicht das Blut von Tieren dar, sondern er opfert sich selbst. Und das geschieht nicht alle Jahre wieder, sondern ein einziges Mal.
Ein einziges Mal oder ein für alle Mal geschieht das Opfer Jesu.
Der Tod Jesu verändert die Welt. Die Liebe Gottes verändert die Welt.
In dem Moment, als Jesus stirbt, wird die Welt eine andere.
Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Jesus hebt die Sünde auf.
Sünde ist wie eine Mauer zwischen Gott und uns, ein gestörtes Verhältnis.
Wir errichten die Mauer der Sünde. Wir widersprechen seiner Liebe. Wir wollen unser Leben in die Hand nehmen, nicht von ihm empfangen. Wir wollen tun, was uns richtig erscheint, nicht ihm folgen, nicht gehorchen. Gott genügt uns für Notfälle, ansonsten vergessen wir ihn. Wir sind von uns selbst eingenommen, von unserer Gier gehetzt, von unserer Angst gelähmt. Gleichgültig und selbstsüchtig machen wir Menschen zu Opfern. Wir verschließen uns für Gott und zugleich auch für unsere Mitmenschen: wie eine Mauer ist das.
Jetzt aber ist Jesus am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Die Mauer ist offen. Ein für alle Mal ist sie geöffnet. Es soll keine Opfer mehr geben.
Gott protestiert gegen einen Opferkult, der viel grausiger ist als die Tieropfer in antiken Tempeln.
Gott erträgt nicht, dass Menschen der Geldgier und der Machtgier geopfert werden, dass wir gleichgültig Opfer in Kauf nehmen.
Schluss damit!
Noch immer werden wir schuldig aneinander.
Aber die Mauer ist offen, ein für alle Mal. Niemand wird sie je wieder schließen. Die Sünde kann uns nicht trennen von Gott. Das gilt ein für alle Mal. Amen

Er weckt mich alle Morgen, Predigt zu Jes 50,4-9

Predigt am 25.3.18 von Andreas Hansen über Jesaja 50,4-9

Vor der Predigt singen wir das Lied Kreuz auf, das ich schaue, von Eckart Bücken und Lothar Graap, während und nach der Predigt wird aus EG 452 Er weckt mich alle Morgen, von Jochen Klepper und Rudolph Zöbeley gesungen

Wir schauen auf das Kreuz und auf unseren Herrn am Kreuz. Wir möchten uns abwenden vom Leid, wir ertragen es nicht.
Die Badische Zeitung zeigte am Mittwoch einen Jungen in einem Auto auf der Flucht aus Afrin im Norden Syriens. 100000 Menschen sollen dort auf der Flucht sein – viele von ihnen waren vorher ins vermeintlich ruhige Afrin geflüchtet. Was mag in dem Jungen vorgehen? Was hat er schon alles mitansehen müssen? Was soll aus ihm werden?
Wir möchten uns abwenden. Gott wendet sich nicht ab von Leid und Schuld der Welt. Jesus geht den Weg ans Kreuz. Er ist bei den Opfern von Unrecht und Gewalt.
Im Alten Testament im Propheten Jesaja stehen vier Lieder eines Leidenden. Gottes Knecht wird er genannt. Die Texte sind besonders und rätselhaft. Vielleicht ist das leidende Volk Israel gemeint. Gott hält zu seinem Knecht, dem Unrecht angetan wird. Gott ist ihm besonders nah – in Zeiten von Verfolgung hat sich das Gottesvolk an dieser Zusage festgehalten.
Von Anfang an haben Christen Jesus mit dem Gottesknecht identifiziert. Die Lieder im Buch Jesaja halfen ihnen, Jesu Weg zu verstehen. In ihnen spiegelt sich auch unser Glaube.
Wir hören das dritte Gottesknechtslied, Jes 50,4-9, unseren Predigttext für heute.

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen;  er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Orgel zu 452

Jesus weiß mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Er sieht, wie einsam der verachtete Zöllner ist und geht auf ihn zu: „Komm, ich muss heute dein Gast sein.“ Und dann: “Gott freut sich über dich.“
Er erkennt, wie müde und frustriert die Frau am Jakobsbrunnen ist, und hilft ihr sich selbst zu erkennen. Aufgeregt rennt sie ins Dorf und holt die Leute: „Dieser Mann hat mir alles gesagt, was ich getan habe. Ist er wohl der Christus?“
Die Verlorenen will Jesus suchen und retten und noch am Kreuz tröstet er den zum Tod Verurteilten neben ihm: „Du wirst bei Gott sein.“
Jesus sieht Menschen. Er sieht sie wirklich.
Er weiß mit ihnen zu reden.
Er sagt den Müden Gottes Nähe zu.
Manche Menschen müssen unerträglich viel verkraften. Manche verzweifeln an ihrem Leben und fühlen sich von Gott verlassen. Der Knecht Gottes erfährt: Gott ist mir täglich nahe. Gott gibt meinem Leben Sinn – er spricht mich gerecht – selbst wenn ich noch so verzweifelt bin.
Jochen Klepper hat viele gute Lieder in unserem Gesangbuch geschrieben. Er bekam als Dichter unter der Nazidiktatur Berufsverbot. Der Versuch mit seiner jüdischen Frau auszureisen scheiterte. Ihre Deportation in ein KZ stand bevor. 1942 nahmen Klepper, seine Frau und die Tochter sich gemeinsam das Leben. Die letzte Eintragung im Tagebuch lautet:
„Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“
Jochen Klepper hat in seinem Morgenlied das alte Lied aus Jesaja auf sein Leben bezogen.
Singen wir die Strophen EG 452, 1+4+5

Unsere Grenzen sind manchmal sehr eng, unser Vertrauen ist schwach und wir werden müde.
Ist unser Engagement in Familie und Beruf sinnvoll – es wird oft nicht wertgeschätzt? Werde ich von meinen Freunden ausgenutzt und sobald ich sie nicht mehr interessiere, lassen sie mich fallen? Was wird aus unserer Gesellschaft, wenn reich und arm auseinander fallen? Was geschieht, wenn viele keine Perspektive haben, wenn manche Berufe wie zum Beispiel Hebamme kaum zum Leben ausreichen? Was wird aus unserer Welt, in der zahllose Menschen auf der Flucht sind wie der Junge auf dem Bild?
Ängstlich fragen wir. Das Herz wird eng. Resignation befällt uns, Müdigkeit.
Wecke uns auf, Gott!
Jesus weiß mit den Müden zu reden. Er kennt sie. Ihre Leidenswege sind ihm vertraut. Er weicht nicht zurück –
und er schlägt nicht zurück. Sanftmütig und gewaltlos ist der Gottesknecht, aber er ist alles andere als schwach. Im Gegenteil: Hart wie einen Kiesel macht er sein Gesicht. Stark und ruhig und sogar zuversichtlich begegnet er denen, die ihn angreifen und schlagen.
Woher bekommt er die Kraft?
„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“ Jeden Morgen, immer und immer wieder weckt Gott seinen Knecht. Jesus ist im Gespräch mit Gott. Er zieht sich zurück um zu hören, Kraft zu schöpfen.
Jesus sagt: „Von Gottes Wort lebt der Mensch.“
Schon menschliche Worte lassen uns aufleben. Wie dringend warten wir manchmal darauf, dass das Handy vibriert und endlich eine Antwort kommt. Wie schön ist erst eine geliebte Stimme. Ohne den vertrauten Klang von Stimmen gehen Menschen ein wie Blumen ohne Wasser. Um wieviel mehr brauchen wir Worte des Lebens, Worte wie am ersten Tag der Schöpfung, die hervorrufen, schaffen und liebevoll gestalten.
Gott redet uns an, ruft uns ins Leben, will unser Leben. Seine Worte alle Morgen, immer wieder vertreiben die Müdigkeit.
Allerdings: „Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet.“ Die Bereitschaft zu hören ist nicht immer gleich – aber manchmal fällt ein Wort direkt in unser Herz, macht uns stark, lebendig, wach. Worte, die das Leben zum Klingen bringen. Der Gottesknecht kann hören. Gott öffnet ihm das Ohr. Der Heilige Geist lässt uns hören, glauben und leben.
Singen wir die Strophen EG 452, 1+2

 „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.“
Jesus verzichtet auf alle Macht, lässt sich verspotten, schlagen, töten. Unschuldig wird er von der römischen Besatzungsmacht zum Tod am Kreuz verurteilt – eine qualvolle und erniedrigende Strafe für die Gegner Roms – heute sagen die Gewaltherrscher gerne Terroristen zu allen, die ihre Macht infrage stellen.
Jesus ist bei den Opfern von Unrecht und Gewalt. Ohne sich zu wehren setzt er sich aus. Er wird zum Opfer gemacht.
Gottes Barmherzigkeit braucht keine Opfer.
Aber wir Menschen machen andere zu Opfern, egoistisch, rücksichtslos, gierig, Macht-besessen.
Gott selbst setzt sich uns Menschen aus.
Er weicht nicht aus.
Er bleibt nicht unberührt.
Er ist dort, wo Menschen verzweifeln.
Er ist bei dem Flüchtlingsjungen mit dem verlorenen Blick.
Er trägt den Schmerz all der Opfer.
Jesus, der Gottesknecht, gibt ihnen allen die Gewissheit: Gott sieht mein Leid und leidet mit mir. Ich werde nicht zuschanden. Keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann mich trennen von Gottes Liebe.
„Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen?“
Singen wir die Strophe EG 452, 3

 

unheimlich, Predigt über 4.Mose 21,4-9

Predigt am 18.3.18 von Andreas Hansen über 4.Mose 21,4-9

Eine unheimliche Geschichte ist der Predigttext für heute, eine Geschichte von Wüste und Not und von tödlichen Schlangen. Aber vielleicht passt sie in unsere unheimliche Zeit. Hören wir 4.Mose 21,4-9:

Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.
Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.
Und Mose bat für das Volk.
Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.
Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Die Wüste ist wunderschön. Touristen bestaunen die prächtige Landschaft, Steinformationen in den schönsten Farben, von Wind und Sand bizarr geformt, oder Sanddünen, endlose Weite, das Licht bei Tag und bei Nacht der Sternenhimmel.
Aber die Wüste ist auch unerbittlich und hart. Ungehört verhallt der Ruf, mühsam wird jeder Schritt, Durst und Hunger plagen. Verzweiflung und Wahnsinn sind nah. Ich bin auf mich selbst geworfen, zutiefst einsam, selbst in einer Gruppe. Wie leicht verliere ich die Orientierung. Ohnmächtig und winzig klein bin ich in der Wüste.
Nach endlos langem Weg, eigentlich kurz vor dem Ziel, müssen die Israeliten noch einmal zurück auf einen großen Umweg durch die Wüste. Für sie ist die Wüste einfach nur lebensbedrohlich, ausweglos, frustrierend, überfordernd bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung. Und sie denken: „Wir sind verloren. Alle Mühe war vergeblich. Es hat keinen Sinn.“  Sie sind verdrossen, das heißt wörtlich: Die Seele wird kurz. Ihnen geht die Puste aus. Sie sind am Ende ihrer Kraft.
Ich kann verstehen, dass die Israeliten murren und sich enttäuscht gegen Gott und Mose wenden.

Unheimlich ist diese Geschichte. Unheimlich nah kommt mir das, obwohl ich nur  als Tourist am Rand der Wüste war und solche Strapazen nie erlebt habe. Dennoch finde ich mich und die Erfahrung vieler Menschen wieder. Die alte rätselhafte Geschichte beschreibt unsere Welt.
Wir erleben Wüsten, frustrierende, beängstigende Wüstenerfahrungen. Wir kennen Situationen, in denen wir getrieben und allein sind. Wir erleben Böses, das uns bedroht und dessen wir uns kaum erwehren können.
Nun wird das verzweifelte Volk am Ende seiner Kraft auch noch von Schlangen angegriffen, schlimmer noch: Gott schickt die Schlangenplage. Das kann doch nicht wahr sein! Auch dies kennen wir: Dass Menschen Gott und die Welt nicht verstehen können und enttäuscht sind, dass manche unsäglich viel Böses und Leid ertragen müssen und immer noch mehr aufgeladen bekommen.
Die Wüste ist unterschiedlich: Für manche Kinder ist es der Schulalltag, die Angst nicht gut genug zu sein, nicht zu schaffen, was anderen ganz leicht fällt,  ausgelacht zu werden. Vielleicht kommen dazu auch noch Schlangen: der Spott und das Mobbing von Mitschülern.
Für manche, überwiegend Frauen, deren Rente nicht einmal für die Wohnung und das Mindeste ausreicht ist die Wüste der Gang zum Sozialamt. Wie demütigend nach einem Leben voll Arbeit das Gefühl sozusagen nichts wert zu sein, immer jeden Cent umdrehen zu müssen, von manchem Politiker gar Verachtung zu hören.
Die Wüste für viele, der aus Syrien Geflohenen: Sie haben unter Gefahr ihr Land verlassen, haben Beruf, Besitz und alles aufgegeben und müssen von Null anfangen. Aber nun geht ihnen der Krieg nach, denn ihre Freunde und Verwandten werden gerade in Ost-Ghuta belagert und ausgebombt. Sie sind vor Angst fast gelähmt. Noch dazu plagt sie die Schlange des Hasses, Menschen, die ihnen feindselig und bösartig begegnen.
Wir erleben eine Verwüstung der politischen Kultur, die Macht in Händen skrupelloser Führer in Russland, in den USA, in vielen anderen Ländern. Wir erleben auch in unserem Land gewählte Politiker, die Demokratie und Menschenrechte verachten und doch für sich benutzen, die Hass auf alles Fremde schüren und eine bösartige Stimmung anheizen.

„Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk.“ Gott hat die Schlangen nicht geschickt – das glaube ich nicht – er lässt das Böse aber geschehen. Die Schlangen waren schon da, aber jetzt beißen sie. Gott grenzt unser Tun nicht auf freundliche Regungen ein. Er schützt uns nicht vor uns selbst. Er hält uns einen Spiegel vor. Wohin führt es, wenn wir ohne Gott unseren eigenen Impulsen folgen? Ohne Gott werden wir an unserer eigenen Bosheit eingehen.
Aber Israel ist nicht verloren. Wir sind nicht verloren. Gott wartet ja auf uns. Er freut sich, wenn wir umkehren zu ihm. Gott lässt sich finden.
„Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk.“
Eben noch haben sie Mose heftig angegriffen. Aber sofort ist Mose bereit für das Volk zu bitten. Und Gott lässt sich nicht lange bitten. Er zeigt einen Weg zur Rettung, einen seltsamen Weg, einen heilsamen Umweg.
Er nimmt die Schlangen nicht einfach weg. Das Böse lässt sich nicht einfach wegwischen. Sie beißen sogar noch. Aber ihre Bisse müssen nicht tödlich sein. Wer das bronzene Schlangenbild des Mose anblickt, ist gerettet. Wer aufsieht zu dem Zeichen Gottes, stirbt nicht an den Schlangen.
Das Böse ist eine Realität in dieser Welt.
Es genügt nicht, dass wir bestimmte politische Bewegungen verteufeln und bei jeder ihrer Provokationen aufschreien.
Lassen wir uns nicht vom Bösen lähmen oder gar anstecken! Begegnen wir ihm beharrlich mit Menschlichkeit, Vernunft, Freiheit! Das Böse mit Gutem überwinden – das ist der Weg.
Das Volk soll die bronzene Schlange ansehen. Wer darauf schaut, den kann das Böse plagen, aber nicht vernichten. Wir brauchen die Mahnung vor dem Bösen, was wir anrichten können, was Menschen schon angerichtet haben.
Die bronzene Schlange auf dem Stab erinnert daran, dass wir uns von Gott und unserem Mitmenschen abwenden. Aber die bronzene Schlange ist zugleich ein wirksames Zeichen, eine Zusage der Güte und Vergebung Gottes. Das Volk soll leben. Wir sollen leben. So will es Gott.
Er nimmt das Böse nicht einfach aus der Welt. Aber er heilt uns vor seinen Folgen. Wir sehen auf Gottes Zeichen.
Gott selbst nimmt den größten denkbaren Umweg in Kauf, für uns, damit er uns bewahrt und heilt. Jesus geht den Weg des Leides bis zum Tod am Kreuz. Er lässt sich Unrecht und Gewalt antun. Ein Weg durch Leid und Tod, damit wir leben. Der Weg ans Kreuz – wir sehen auf zu ihm, wie das Volk Israel auf das Zeichen des Mose. Wir schauen auf zu ihm und wissen: Das Böse kann uns nicht vernichten. Wir bleiben in Gottes Liebe.
Im Johannesevangelium heißt es: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Predigt über Phil1,6+12-21

Predigt am 11.3.18 von Andreas Hansen über Phil 1,6.12-21

Vor der Predigt singen wir EG 98 Korn, das in die Erde

Über Gottes Liebe bricht die die Welt den Stab. Ihr wird tausendfach widersprochen. In den Dreck getreten wird die Liebe, wo Menschen gedemütigt und benutzt werden. Wir feiern die Liebe Gottes. Sie wächst wie Weizen, unaufhaltsam. Wir feiern Jesus in unserer Mitte, im Gottesdienst, auch jetzt in der Passionszeit, gerade jetzt.
In Krankheit und Trauer, wenn einer gegen uns ist, wenn wir Angst haben, in allem, was uns bedrängt, wir feiern dennoch Gottesdienst.
Der Krieg in Syrien wird immer verworrener. Schockierend ist die Gewalt gegen Wehrlose. Hilflos und wütend sehen wir das Spiel der Mächtigen. Die Not schreit zum Himmel. Wir hoffen und feiern dennoch, auch jetzt.
Wir sehen mit der Visitationskommission auf unsere Gemeinde. Wir wissen: Vielen ist Kirche und der Glaube fremd und gleichgültig. Und auch viele, die sich in den Gemeinden engagieren, haben manchmal Mühe damit, wie Kirche ist. Die Hauptsache aber ist: Wir feiern Jesus Christus in unserer Mitte.
Paulus sitzt im Gefängnis in Ephesus und schreibt an seine Gemeinde in Philippi. Von Zuversicht und Freude schreibt er, obwohl er nicht weiß, wie sein Prozess ausgehen wird und obwohl seine Gegner versuchen ihm zu schaden. Er schreibt:

Ich bin überzeugt, dass der, der etwas so Gutes in eurem Leben angefangen hat, dieses Werk auch weiterführen und bis zu jenem großen Tag zum Abschluss bringen wird, an dem Jesus Christus wiederkommt. …                  Ich bin froh, euch mitteilen zu können, Geschwister, dass das, was mit mir geschehen ist, die Ausbreitung des Evangeliums sogar noch gefördert hat. Bei der ganzen kaiserlichen Garde und weit darüber hinaus hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass meine Gefangenschaft eine Gefangenschaft wegen Christus ist.
Und bei den meisten Geschwistern ist gerade, weil ich inhaftiert bin, das Vertrauen auf den Herrn so gewachsen, dass sie jetzt noch viel mutiger sind und das Evangelium ohne Furcht weitersagen.
Bei manchen sind zwar Neid und Streitsucht mit im Spiel, wenn sie die Botschaft von Christus verkünden. Doch es gibt auch solche, die es in der richtigen Haltung tun. Sie handeln aus Liebe zu mir, denn sie wissen, dass ich mit dem Auftrag hier bin, für das Evangelium einzutreten. Die anderen hingegen verkünden Christus aus selbstsüchtigen Motiven. Sie meinen es nicht ehrlich, sondern hoffen, mir in meiner Gefangenschaft noch zusätzliche Schwierigkeiten zu bereiten. Aber was macht das schon? Ob es nun mit Hintergedanken geschieht oder in aller Aufrichtigkeit – entscheidend ist, dass im einen wie im anderen Fall die Botschaft von Christus verkündet wird, und darüber freue ich mich. Auch in Zukunft wird nichts mir meine Freude nehmen können.
Denn ich weiß, dass am Ende von allem, was ich jetzt durchmache, meine Rettung stehen wird, weil ihr für mich betet und weil Jesus Christus mir durch seinen Geist beisteht. Ja, es ist meine sehnliche Erwartung und meine feste Hoffnung, dass ich in keiner Hinsicht beschämt und enttäuscht dastehen werde, sondern dass ich – wie es bisher immer der Fall war – auch jetzt mit ganzer Zuversicht auftreten kann und dass die Größe Christi bei allem sichtbar wird, was mit mir geschieht, ob ich nun am Leben bleibe oder sterbe.
Denn der Inhalt meines Lebens ist Christus, und deshalb ist Sterben für mich ein Gewinn. (Phil 1,6.12-21 Neue Genfer Übersetzung)

Da sitzt einer in seiner Zelle und freut sich. Seine Zelle ist kein Hotel. Paulus tun seine Fesseln weh und er wäre lieber frei. Sicher kennt er Zeiten der Angst und der Fragen. Er ist ausgeliefert. Er kann nichts gegen seine Gegner in Philippi ausrichten.
Aber selbst, wenn er in einer so hilflosen Situation ist, geht die Sache Jesu weiter. Und gerade jetzt gewinnt Paulus eine Zuversicht, dass alles gut wird.
„Ich freue mich … nichts wird mir meine Freude nehmen.“ Die Freude über Jesus ist der rote Faden in seinem Brief und in seinem Leben. Er ist voll Zuversicht für seine Gemeinde, obwohl es da offenbar Streit gibt. Er fühlt sich gestärkt durch das Gebet der Gemeinde und durch die Nähe Christi. Die Angriffe seiner Gegner berühren ihn kaum, obwohl sie ihm doch schaden wollen. Allerdings wird sein Ton in einem anderen Teil des Briefes sehr scharf, wie wir Paulus auch sonst kennen. Hier gelingt es ihm, ruhig zu bleiben. „Ich freue mich.“ „die Größe Christi soll bei allem sichtbar“ werden. Paulus will Christus groß machen. Er ist ganz bei sich, stark und zuversichtlich in der Hoffnung auf Christus.
Nicht einmal die Todesgefahr erschreckt ihn. Der Tod kann ihn nur näher zu Christus bringen – so sieht Paulus das.
Er ist frei, obwohl er im Gefängnis sitzt.

Ich frage: „Woher nimmst du diese Freiheit, Paulus?“
„Der Inhalt meines Lebens ist Christus, Christus ist mein Leben. Mein Leben ist für immer an Christus gebunden. Über mein Leben hat Gott schon entschieden, als Jesus am Kreuz gestorben ist und Gott ihn vom Tod auferweckt hat. Darum bin ich frei von der Angst um mich selbst. Auch der Tod wird mich nicht trennen von Gottes Liebe. Leben und Sterben sind aufgehoben, gehalten in Gott.“
„Paulus, das klingt sehr gut, aber weit weg von mir. Der Inhalt meines Lebens ist vieles andere, meine Familie, meine Arbeit, vieles, was mich beschäftigt und erfüllt, vieles, was mich bedrückt und wütend macht.“
Paulus widerspricht mir: „Nein, das ist nicht weit weg. Darum ist Christus Mensch geworden und in unser Leben hineingekommen, damit er in deiner Familie, in deiner Arbeit, in der Welt wirkt. Ich sage immer: Wir sind in Christus, weil er uns so nah ist, in unserem Leben. Alles soll in Christus liebevoll geschehen.“
„Aber Paulus, was ist mit dem Hass und der Gewalt in der Welt? Wo ist Gott, wenn Kinder verhungern oder mit Giftgas ermordet werden? Wo ist Christus, wenn Leid und Krankheit einen Menschen trifft,  und wir stehen hilflos daneben?“
„Ich habe nicht gesagt, dass alles schön ist. Mein Leben ist nicht leicht und meine Zelle wahrlich kein Hotel. Ich habe mir sehr Sorgen gemacht um meinen Freund Epaphroditus, als er sterbenskrank war, und ich sorge mich um meine Gemeinde in Philippi. Vielleicht werde ich wirklich vom Gericht zum Tod verurteilt. Ich nehme das nicht leicht und ich bin manchmal auch verzagt. Aber dann bin ich wieder ganz sicher, dass Christus bei mir ist und dass er weiß, was mich bedrückt. Darum ist er ja am Kreuz gestorben. Du fragst mich, wo Gott ist – da ist er, bei den sterbenden Kindern, bei den Opfern von Gewalt. Ich fühle mich ihm nah, wenn ich bete und wenn ich weiß, dass auch die Freunde beten. Ich spüre die Freude, wenn ich daran denke, wie wir sein Mahl gefeiert haben, seine Auferstehung.“

Paulus feiert die Auferstehung Jesu. Er lebt von Ostern her.
Obwohl er gefangen und bedrängt ist, feiert er.
Wir feiern in jedem Gottesdienst Jesus Christus in unserer Mitte, den Lebendigen, der Leid und Tod überwunden hat.
Noch sehen wir nur dieses Leben und können uns kaum vorstellen, wie begrenzt es ist.
Noch bedrängt uns das Elend und das Unrecht in der Welt. Es wird so viel gelitten.
Noch müssen wir durch finstere Täler von Abschied und Trauer und Leid. Da haben wir auf einmal nicht viel in der Hand, was zählt und uns Halt geben kann, Inhalt unseres Lebens.
Noch ist die Kirche manchmal zaghaft und schwach, manchmal ärgerlich, und viele wenden sich ab von ihr.
Dennoch feiern wir den, der das Leben schenkt. Schon jetzt klingt österliche Freude an.
Vor gut 30 Jahren haben Christen aus aller Welt ein Bekenntnis formuliert. Das könnte fast von Paulus stammen:

„Mitten in Hunger und Krieg feiern wir, was verheißen ist: Fülle und Frieden.
Mitten in Drangsal und Tyrannei feiern wir, was verheißen ist: Hilfe und Freiheit.
Mitten in Zweifel und Verzweiflung feiern wir, was verheißen ist: Glauben und Hoffnung.
Mitten in Furcht und Verrat feiern wir, was verheißen ist: Freude und Treue.
Mitten in Hass und Tod feiern wir, was verheißen ist: Liebe und Leben.
Mitten in Sünde und Hinfälligkeit feiern wir, was verheißen ist: Rettung und Neubeginn.
Mitten im Tod, der uns von allen Seiten umgibt, feiern wir, was verheißen ist durch den lebendigen Christus.“
(Weltkirchenkonferenz in Vancouver 1984)

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Predigt über Amos 5,21-24

Predigt am 11.2.18 von Andreas Hansen über Amos 5,21-24

„Liebe Gemeinde, ihr wollt dass ich ein falscher Prophet bin! Ich soll nichts sagen, was euch stört. Ich soll lieber die Unwahrheit sagen. Aber das geht nicht.“ So hat der große Theologe Karl Barth einmal eine Predigt begonnen.
„Ihr wollt, dass ich ein falscher Prophet bin.“ Das ist schon fast eine Beschimpfung der Gemeinde, nicht wahr? Es ging darum, dass die falschen Propheten den Leuten nach dem Mund reden, dass sie die unbequeme, böse Wirklichkeit verschweigen und lieber Fake-News vom Frieden verbreiten. Aber das geht nicht. Gott stört den falschen Frieden. Er lässt nicht zu, dass wir uns die Welt schönreden. Darum muss sein Prophet stören. In Gottes Namen schreit der Prophet Amos im Tempel: (Amos 5,21-24)

 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.  Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder;  denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 Stellen Sie sich mal vor, jemand würde in diesem Ton in unseren Gottesdienst reden!
Amos fliegt raus. Der Oberpriester beschwert sich beim König über ihn. Er verbietet Amos weiter zu reden im Heiligtum des Königs – so sagt er. Aber ist es nicht Gottes Tempel und Heiligtum? Gott redet dazwischen, aber der Priester sagt: „Raus mit dem Störenfried!“ Mir fiel dazu ein Gedicht von Kurt Marti ein:

„Der ungebetene Hochzeitsgast

Die Glocken dröhnen ihren vollen Ton
und Photographen stehen knipsend krumm.
Es braust der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn.
Der Pfarrer kommt! Mit ihm das Christentum.

Die Damen knien im Dome schulternackt,
noch im Gebet kokett und photogen,
indes die Herren konjunkturbefrackt,
diskret auf ihre Armbanduhren sehn.

Sanft wie im Kino surrt die Liturgie
zum Fest von Kapital und Eleganz.
Nur einer flüstert leise „Blasphemie!“
Der Herr. Allein. Ihn überhört man ganz.“

Das hätte Amos gefallen. Nur dass er nicht flüstert, er brüllt. Amos stört das Fest von Kapital und Eleganz. Hören Sie, was er sonst noch sagt: Die eleganten Damen nennt er fette Kühe (4,1). Er ruft zur Umkehr: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben könnt, so wird der HERR bei euch sein, wie ihr rühmt.“ (4,14) Damals bereichern sich der König und eine dünne Oberschicht auf Kosten vieler. Sie treiben die Armen in die Schuldsklaverei und leben selbst in Saus und Braus. Amos wettert gegen das Unrecht: „Sie treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Weg. “ (2,6) „Ihr unterdrückt die Armen und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn. Ihr bedrängt die Gerechten, nehmt Bestechungsgelder und unterdrückt die, die kein Geld haben“ (5,11). Viele Menschen werden immer ärmer und elender. Und auch die Priester im Tempel profitieren von dem Unrecht.
Im Namen Gottes stört Amos. Gott stört. König und Priester wollten ihn nicht hören. Aber die Worte von Amos stehen bis heute in der Bibel.
Amos kritisiert einen Gottesdienst, der Gott widerspricht. Da wird nicht Gott verehrt, sondern wir sehen nur uns selbst. Da wird nicht auf Gott gehört, denn es darf nichts gesagt werden,   was uns infrage stellt. Da entsteht nicht Gemeinschaft, sondern Trennung. So wird Gottesdienst in sein Gegenteil verkehrt: Ein Beruhigungsmittel, Selbstbestätigung, Blasphemie, Gotteslästerung. Im schlimmsten Fall wäre das ein Versuch, uns Gott vom Leib zu halten, ihn zum harmlosen Greis zu machen, der zu allem nur freundlich nickt. Karl Barth wusste, dass wir uns gerne einen Gott zurechtmachen. Darum begann er: „Ihr wollt, dass ich ein falscher Prophet bin.“

Ich glaube nicht, dass unsere Gottesdienste Gott zuwider sind, dass ihn unsere Feiern und Gebete ärgern, dass ihn unser Gesang nervt. Gott will unseren Gottesdienst. Gott will, dass wir uns zu ihm wenden.  Er hört, was wir von Herzen singen und beten. Er hört auch den kläglichen Gesang oder die Gebete, für die wir keine Worte finden. Aber Gott will vor allem selbst etwas zu uns sagen. Wir sollen hören, wirklich hören.
So viele Worte rauschen an uns vorbei und berühren uns gar nicht – im gleichen Moment haben wir sie vergessen. Gott meint es ernst mit uns, wie eine Mutter, wie ein Freund, wie ein Mensch, der uns liebt. Was ein solcher Mensch sagt, ist uns wichtig, berührt und bewegt uns. So sollen wir hören.
Und Gott ist noch viel mehr als ein liebevoller Mensch. Das altmodische Wort Ehrfurcht entspricht der Haltung, die Gott verdient. Was er uns sagt, müssen wir unbedingt hören, ehrfürchtig, weil es wichtig und heilig für uns ist. Menschen verdienen keine Ehrfurcht, ganz gleich, welches Amt sie haben. Aber Gott, der das Leben schenkt, Gott, der Ewige, der Einzige, ihm begegnen wir mit Ehrfurcht. Wenn du betest, sollst wissen vor wem du stehst.
Eine ehrfürchtige Haltung vor Gott erniedrigt uns nicht, im Gegenteil: Gott erhebt uns und würdigt uns, dass wir ihm antworten.

Das hört nicht an der Kirchentür auf.
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Was Amos kritisiert, klingt bedrückend aktuell: Mächtige Kapitaleigner spekulieren mit Ackerland in Afrika und treiben Menschen in Hunger und Not. Wie Sklaven schuften Arbeiter in den Kleiderfabriken für unsere Importe. Waffen aus Deutschland helfen Unterdrückern und Kriegstreibern. In der globalisierten Welt sind wir alle verstrickt in weltweites Unrecht. Wir sind immer bereit, die Schuld bei anderen zu suchen. „Die da oben“ müssten etwas tun. Wir können ja zumindest versuchen, den Menschen neben uns gerecht zu werden.

Gerechtigkeit ist das, was wir zu einem guten Miteinander brauchen: Dass alle leben können und keiner untergeht, keiner dem anderen den Platz nimmt, keiner den anderen unterdrückt. Gerecht ist nach biblischem Verständnis das, was einer funktionierenden Gemeinschaft dient. 
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Das ist zuerst eine ungeheuer anspruchsvolle Forderung. Aber es ist auch ein Versprechen: Wo ein Bach nie versiegt, gibt es eine zuverlässige Quelle. Gott selbst ist die Quelle von Recht und Gerechtigkeit.
Gott verspricht: Meine Gerechtigkeit hört nicht auf. Meine Gemeinschaft mit euch zerbricht nicht. Gott ermöglicht uns Gerechtigkeit. Gott heilt zerbrochene Gemeinschaft.
Jeder Gottesdienst hat darum Teile, die auf Umkehr zielen, auf eine Rückkehr in die Gemeinschaft  mit Gott und untereinander.
Gott will unseren Gottesdienst.
Gott will, dass wir an die Quelle kommen, Gemeinschaft erfahren, gestärkt werden.
Wir sollen sein Recht und seine Gerechtigkeit kennen. Gott würdigt uns, dass wir vor ihm stehen dürfen, dass wir ihm antworten.

Amen

schwach und doch stark – Predigt über 2.Kor12,1-10

Predigt am 4.2.18 von Andreas Hansen über 2.Kor 12,1-10

Angeberei finde ich unerträglich. Wie peinlich ist das, wenn ein Präsident sich immer wieder als den besten aller Zeiten preist! Wie mühsam ist überhaupt die ganze Angeberei in der Politik!
Andrerseits gehört Klappern zum Handwerk. Man muss sich gut verkaufen, sonst gilt man nichts. Das lernt ihr schon in der Schule, wenn ihr eine Präsentation vorbereitet.
So geht es auch Paulus. Er muss sich rühmen. Die Gemeinde in Korinth hat große Apostel erlebt, beeindruckende, mitreißende Prediger, vom Geist Gottes erfüllte Frauen und Männer. Wenn sie von ihren Gotteserfahrungen sprechen, schweigt die Gemeinde ehrfürchtig. Sie verstehen es, Hoffnung zu wecken. Zum Greifen nah scheint die Erlösung, Befreiung von allem Leid, ein Licht der Erkenntnis, das alle Rätsel durchdringt. So muss ein Apostel sein! Eine starke Persönlichkeit, voll Gewissheit. Ein Mensch, der den Weg zu Gott weisen kann, ein Leitstern des Glaubens. Aber Paulus?  Paulus ist eine Enttäuschung! Wie kläglich steht er da! Wie unsicher ist sein Auftreten, wie schwach seine Rede! Und der will ein Apostel sein?! Hat er überhaupt eine Ahnung von Gottes Geist und Gottes Kraft?

2 Korinther 12,1-10

Ich bin – wie gesagt – gezwungen, mich selbst zu rühmen.  Eigenlob nützt zwar nichts; trotzdem will ich nun noch auf Visionen und Offenbarungen vonseiten des Herrn zu sprechen kommen.
Ich kenne einen Menschen in Christus, der – es ist jetzt vierzehn Jahre her – bis in den dritten Himmel versetzt wurde. Ob er dabei in seinem Körper war, weiß ich nicht; ob er außerhalb seines Körpers war, weiß ich genauso wenig; Gott allein weiß es. Auf jeden Fall weiß ich, dass er ins Paradies versetzt wurde (ob in seinem Körper oder ohne seinen Körper, weiß ich – wie gesagt – nicht; nur Gott weiß es) und dass er dort geheimnisvolle Worte hörte, Worte, die auszusprechen einem Menschen nicht zusteht. Im Hinblick auf diesen Menschen will ich mich rühmen;  an mir selbst jedoch will ich nichts rühmen – nichts außer meinen Schwachheiten. Wenn ich wollte, könnte ich mich sehr wohl auch mit anderen Dingen rühmen, ohne mich deshalb zum Narren zu machen; denn was ich sagen würde, wäre die Wahrheit. Trotzdem verzichte ich darauf, weil ich nicht möchte, dass jemand eine höhere Meinung von mir hat als die, die er sich selbst bilden kann, wenn er sieht, wie ich lebe, und hört, was ich lehre. Ich verzichte darauf, weil diese Offenbarungen etwas ganz Außerge-wöhnliches darstellen. Gerade deshalb nämlich – um zu verhindern, dass ich mir etwas darauf einbilde – ist mir ein Leiden auferlegt worden, bei dem mein Körper wie von einem Stachel durchbohrt wird: Einem Engel des Satans wurde erlaubt, mich mit Fäusten zu schlagen, damit ich vor Überheblichkeit bewahrt bleibe. Dreimal habe ich deswegen zum Herrn gebetet und ihn angefleht, der Satansengel möge von mir ablassen. Doch der Herr hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.«  Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt. Ja, ich kann es von ganzem Herzen akzeptieren, dass ich wegen Christus mit Schwachheiten leben und Misshandlungen, Nöte, Verfolgungen und Bedrängnisse ertragen muss.
Denn gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.

 Paulus wird in Korinth heftig angegriffen und verspottet. Wir würden von Mobbing sprechen. Seine Arbeit und seine Person werden in Frage gestellt. Darauf antwortet Paulus nun und erzählt sehr persönlich von seiner Erfahrung mit Gott. Er gibt mit seinen geistlichen Erlebnissen nicht an.
Wir verstehen nicht, was er meint, wenn er vom dritten Himmel schreibt oder auch von einem Engel Satans, der ihn mit Fäusten schlägt. Paulus versteht das selbst nicht ganz. Er schreibt von sich wie von einem anderen: „Ich kenne einen Menschen in Christus.“ Er weiß nicht, ob er außer sich war, ob er seinen Leib verlassen hat, in Ekstase war. Er war im Paradies und hörte geheimnisvolle, unsagbare Worte, die kein Mensch sagen kann. Man spürt einen Hauch von Erlösung, ein himmlisches Glück. Dies Erlebnis hat Paulus für immer geprägt.
Paulus beschreibt vorsichtig, ehrfürchtig, was ihm widerfahren ist. Er achtet und wahrt das Geheimnis Gottes. Er maßt sich nicht an, mit seinem geistlichen Höhenflug zu prahlen. Denn zugleich wird er hart an seine Grenzen erinnert.   Er meinte fast, er habe seinen sterblichen Körper verlassen, da bringt ihn ein Stachel im Fleisch zurück auf den Boden. Es ist, als ob man im glücklichsten Moment  plötzlich von Zahnschmerzen geplagt wird oder kurz vor einem großen wichtigen Fest einen Migräneanfall erleidet und keinen Schritt gehen kann. Wir wissen nicht, was Paulus plagt, vielleicht Rheuma oder Gallenkoliken oder auch, nicht weniger schmerzhaft, eine Depression, ein Stachel in seiner Seele.
Vergeblich betet Paulus um Heilung. Er muss mit seinem Leiden weiterleben. Und er muss mit seiner Schwäche zurechtkommen.
Ich finde es tröstlich, dass auch für einen wie Paulus nicht alles glatt und gut geht. Unser Leben bleibt in vielem unvollkommen, unfertig. Wir erleben Brüche und wir tragen Narben. Der gnädige Gott trägt uns. Jesus hilft den Verlorenen auf.
Liebe Gemeinde, von geistlichen Höhenflügen oder ekstatischen Gotteserfahrungen höre ich eher selten. Aber ich begegne Menschen, die mit einer Schwäche leben müssen. Ein Mensch wird krank, und auf einmal sieht sein Leben ganz anders aus. Ein Mensch wird von seinem Partner oder seiner Partnerin belogen und verlassen und trägt schwer an diesem Bruch. Ein Mensch schafft eine Prüfung nicht und muss seinen Lebenstraum loslassen. Alte Menschen erzählen auch von Erfahrungen im Krieg und auf der Flucht, die sie immer noch plagen. Aber Menschen, die ganz unten waren, haben gerade da erfahren, wie Gott sie trägt – auch das höre ich oft.
Wir genießen es nicht etwa, schwach zu sein. Wir erklären Leiden oder Schwäche nicht zu etwas Gutem. Wo immer das möglich ist, kämpfen wir dagegen und tun alles dafür, dass wir in Gottes Namen Schwäche und Leid überwinden. Aber es ist nicht immer möglich. Wir stoßen an Grenzen. Mit mancher Schwachheit oder Last müssen wir einfach weiterleben. Paulus kann seine Schwäche akzeptieren. Paulus rühmt sich sogar seiner Schwachheit, „weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt.“
Aber Paulus kann das wohl erst im Nachhinein  erkennen. Mitten im Schmerz rufen wir wie der Psalmbeter: „Wo bist du Gott? Hast du mich vergessen?“ Oder wie im Lied: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr, fremd wie dein Name sind mir deine Wege.  … Ich möchte glauben, komm du mir entgegen!“ Erst später dürfen wir vielleicht erkennen, wie nah Gott uns war, als wir schwach und allein waren.
„Gerade dann, wenn ich schwach bin, bin ich stark.“ Das klingt paradox, widersinnig. Ich verstehe Paulus so: „Dann, wenn ich ganz unten war und nicht mehr weiter wusste, hat Gott mir Kraft gegeben.“ Und ich würde weiter sagen: „Selbst dann, wenn ein Mensch wirklich am Ende seiner Möglichkeiten ist, lässt Gott ihn nicht allein.“
Dietrich Bonhoeffer bekannte, „Gott will uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“
„Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.“
Gott selbst geht den Weg der Schwachheit. Das klingt absurd, denn Gott stellen wir uns doch stark und mächtig vor. Gott verzichtet in Jesus Christus auf die Stärke. Er ist machtlos und angegriffen. Er leidet und stirbt am Kreuz. Gott schenkt Leben, indem er selbst sein Leben lässt. Gott geht den unteren Weg.
Die Leute in Korinth greifen Paulus an. Sie werfen ihm vor, dass er kein rechter Apostel ist, schwach und ohne Charisma. Da erzählt er ihnen, was er an der Grenze des Sagbaren erleben durfte. Himmel und Erde haben sich berührt. Es bleibt ihm selbst ein Geheimnis. Aber Paulus bekennt auch, wie seine eigene Schwachheit ihn plagt und zu Boden wirft.
„Ich kenne einen Menschen in Christus“. In Christus – so umschreibt er seine Existenz. In Christus vermag er sich zu rühmen. In Christus kann aus Schwachheit Stärke wachsen.
Wir sind in Christus, liebe Gemeinde. Christus verbindet sich mit uns in der Taufe. Christus schenkt sich uns im Abendmahl. Christus sagt uns ein gutes Wort: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zu ihrem Ziel.“ Amen

geschenkt – Predigt über Mt 20,1-16 am 28.1.2018

Predigt am 28.1.18 von Andreas Hansen über Mt20,1-16

Da stehen sie in der morgendlichen Kälte am Brunnen auf dem Marktplatz. „Was wird dieser Tag bringen?“ Ein Gutsherr kommt auf sie zu. „Ich habe Arbeit für euch. Ein Denar für den Tag? – der übliche Lohn. Geht in den Weinberg! Es gibt viel zu tun.“
Ein langer Tag beginnt. Zwölf Stunden Arbeit. Ein Denar ist nicht viel, in heutiger Kaufkraft vielleicht 20 Euro – davon kommt eine Familie gerade so rum. Mühsam verdientes Geld.
Wie beginnen Sie einen langen Tag oder eine schwere Aufgabe? Der Anfang ist schwer. Ich mache eine Liste, überlege, teile die Arbeit in Schritte, hake ab, was geschafft ist und versuche nichts zu vergessen.
Wer engagiert ist wie, wohl die meisten von uns, wird sich zu denen zählen, die den ganzen Tag reichlich zu tun haben. Nur stehen wir morgens eher am Bahnhof oder im Stau nach Freiburg und wir verdienen mehr als ein Tagelöhner damals.

Es ist schon warm morgens um neun. Andere Arbeiter stehen auf dem Markt. „Der Tag hat mies begonnen. Haben wir überhaupt noch eine Chance?“ Der Herr kommt und schickt sie in seinen Weinberg. Er verhandelt nicht über den Lohn. Sie müssen nehmen, was sie bekommen –  besser als mit leeren Händen heimzugehen.
Manchmal geht von Anfang an alles schief. Lohnt sich die Mühe überhaupt? Nicht immer haben wir die Kraft, aus einer verfahrenen Situation noch das Beste zu machen.
Da bewundere ich das Durchhaltevermögen der Koalitionsverhandler.

In der ärgsten Mittagshitze hängen ein paar Leute am Brunnen herum. Sie sind wie erschlagen von der Hitze und ihrem Frust. Ein vergeblicher Tag. Was ist, wenn wir morgen auch nichts finden? Aber der Besitzer des Weinbergs kommt wieder und gibt auch ihnen Arbeit.
Sie erinnern mich an die vielen Jungen, die jahrelang nur Praktikumsplätze bekommen, oder kleine befristete Stellen. In Griechenland haben fast 40% der Jungen unter 25 keine Arbeit, in Spanien 38%, in Italien 32%. Was haben sie für Perspektiven?

Eine Stunde vor Feierabend, fünf Uhr. Auf dem Markt stehen die übrig Gebliebenen. „Niemand hat uns eingestellt.“ Was  für eine deprimierende Feststellung. Wie nutzlos müssen sie sich vorkommen. Aber auch sie schickt der Gutsherr noch in seinen Weinberg. Das lohnt sich doch gar nicht mehr.
Manche Leute verlieren den Mut noch einmal neu zu beginnen. Zu oft haben sie sich vergeblich bemüht. Sie geben es auf. Sie bleiben die Verlierer, die Abgehängten.

Täglich erleben die Tagelöhner im Gleichnis die Herausforderung sich zu behaupten und die Unsicherheit, was der Tag wohl bringt. Der Druck kann enorm sein, sowohl bei den sogenannten Leistungsträgern ganz oben, als auch bei denen ganz unten, die keiner braucht: Habe ich Chancen? Bin ich gut genug? Kann ich meinen Platz finden? Lohnt sich die Anstrengung? Und auch eine Portion Glück gehört dazu. Ähnlich gehen wir in neue Lebenssituationen: eine neue Aufgabe, neue Beziehungen, auch Abschiede, ein Umzug, eine neue Lebensphase. Gelingt uns der Schritt? Lohnt sich die Mühe?

Nun lässt der Gutsherr seine Arbeiter auszahlen. Tagelöhner müssen täglich ihren Lohn erhalten. Und nun kommt die Überraschung:
Leistung muss sich lohnen, sagen wir. Wer viel arbeitet, verdient einen guten Lohn. Wir wollen belohnt werden. Es kann uns tief verletzen, wenn unsere Anstrengung missachtet wird. Ich gebe etwas und will dafür entsprechende Anerkennung. Dieses Denken, diese Haltung steckt tief in uns und bestimmt uns, wo wir gehen und stehen. Stimmt der Lohn nicht, empfinden wir das als großes Unrecht. Wehe, wir fühlen uns übergangen oder missachtet!
Einen ganzen Denar bekommen die, die nur eine Stunde gearbeitet haben.
Einen Denar bekommen sie alle!
Geht denn das?
„Wir haben den ganzen Tag geschuftet und was ist der Dank? Die da, die fast nichts getan haben, bekommen genauso viel wie wir. Gemeinheit!“ Und nun werden sie auch noch getadelt: „Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?“
Der Gutsherr bringt uns ganz durcheinander. Natürlich gönnen wir jedem sein Auskommen, aber Leistung muss sich doch lohnen.
Nein, der Gutsherr Gott setzt das Prinzip Lohn   für Leistung außer Kraft. Er besteht auf seiner Freiheit zu schenken. „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht.“
Wir haben große Mühe mit dem, was er tut, denn wir haben verinnerlicht, dass wir nur dann belohnt werden, wenn wir etwas bringen.
Aber Gott sagt: „Von mir werdet ihr beschenkt, weil ich euch beschenken will. Ihr seid mir lieb und wert, ob ihr viel leisten könnt oder wenig. Ich schenke euch das Leben und was ihr braucht, aber schuldig bin ich euch nichts.“
Das ist ein himmlisches Lohnbüro. Gott gibt mehr als wir verdienen. Er beschenkt uns alle. Er gibt ja auch denen, die viel leisten können, Begabung und Kraft dazu.
Gott nennt uns Freunde; er macht uns zu seinen Freunden. Wir sind Gott lieb wie Freunde. Ohne Gegenleistung sind wir reich beschenkt. Unser Leistung-und-Lohn-Denken greift zu kurz. Wir werden anderen und auch uns selbst niemals gerecht, wenn wir nur darauf sehen, was einer leistet und sich leisten kann.

Was heißt das für uns, wenn wir unseren Markt-Wert testen, wenn wir unsere Chancen ausloten, und wenn wir Neues beginnen und den Schritt ins Ungewisse wagen? Was heißt es, wenn wir um Lohn verhandeln und Anerkennung verlangen?
Natürlich erleben wir nach wie vor den Druck und die Herausforderung, den Frust, wenn wir uns vergeblich anstrengen und auch die Freude über Erfolge, Lohn und Anerkennung.
Aber das ist nicht alles und das ist nicht entscheidend.
Der Wert und die Würde unseres Lebens hängen nicht an dem, was wir verdienen. Sie sind uns zugesagt von Gott, geschenkt.
Jesus spricht von der Güte Gottes.
Himmlisch frei und groß ist seine Güte.
Er schenkt viel mehr als wir je verdienen können. Seine Freiheit färbt auf uns ab.
Gott schenke uns auch das Vertrauen und die Freiheit, uns auf Unbekanntes und Neues einzulassen.

Der Friede Gottes, der unser Verstehen weit übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen