Archiv der Kategorie: Predigten

Flagge zeigen? – Predigt über 1.Petrus 3,15

Predigt am 24.6.18 von Andreas Hansen

Haltet Christus in euren Herzen heilig.  Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.

Das ist mir heilig: Ein Ring von meiner Liebsten und die Zeit mit ihr, das Bild von Kindern und Enkelin, Freunde und auch mein Beruf – vielleicht auch ein wenig: mein Rad, meine Lieblingskünstler, Musik und Natur – ach nein, so ganz heilig vielleicht doch nicht. Was halte ich heilig? Was ist mir heilig?
Welche fünf Dinge würde ich mitnehmen auf die berühmte Insel? „Stell dir dein Leben vor ohne, ohne die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen, die so wichtig sind!“ Was erfüllt mich so, dass ich meine: ohne das kann ich nicht leben?
Was begründet mein Leben?
Der Heidelberger Katechismus fragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, und gibt die Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin …“
Was bleibt, ist Jesu Beziehung zu mir, seine Beziehung. Ich kann alles verlieren. Ich kann beraubt werden. Meine Lieben können mich verlassen. Mein Leib, meine Seele und mein Verstand können zerbrechen. Aber die Beziehung Jesu zu mir bleibt, bleibt, selbst wenn ich sterbe.  Der Grund meines Lebens liegt nicht in mir selbst, sondern außerhalb meiner selbst. Ich bin geliebt von Gott in Jesus Christus. Ich bleibe in Gottes Liebe. Das ist mein Trost in allem. Das halte ich heilig. Darum will ich Christus in meinem Herzen heilig halten.
Ich denke nicht oft daran. Oft ist mir das viel zu groß und weit weg. Andere und kleinere Dinge sind mir nah: Ärger über ein Missgeschick, eine Dummheit oder eine Unfreundlichkeit, Freude über einen Scherz, ein Lächeln oder ein gutes Mittagessen, schlechter Schlaf oder ein Wehwehchen oder schöne Musik. Meist besteht das Leben aus den vielen Kleinigkeiten.
Aber manchmal geht es drum und dann muss das Große und Heilige gesagt sein: „Haltet Christus in euren Herzen heilig!“

Petrus rät uns: Zeigt Flagge!
Wer in diesen Wochen Flagge zeigt, macht deutlich: Ich fiebere mit, wenn meine Mannschaft spielt. Sicher, es ist nur ein Spiel, aber jetzt kommt es drauf an, jetzt geht es um Sieg oder Niederlage. Viele schließen sich mit ein, identifizieren sich mit den Elf auf dem Platz: wir spielen, wir gewinnen oder wir verlieren.
Zeigt Flagge! „Seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“
Bereit sein sollen wir immer.
Aber wann heben wir unsere Flagge als Christen? Wann wird es ernst? Wann sind wir gefragt unsere Hoffnung als Christen zu zeigen?

Drei Punkte will ich nennen.
In der Begegnung mit Glaubenden aus anderen Religionen: Ich will Muslimen, Juden, Buddhisten mit Respekt begegnen. Ich will sie niemals beleidigen und ihre Freiheit achten. Ich will verstehen, was ihren Glaube ausmacht. Ich will unterscheiden zwischen denen, die Religion für ihre Zwecke benutzen und denen, die einfach von ihrem Glauben erfüllt sind. Aber dann will ich in diesem Gespräch auch sagen, warum ich an Jesus Christus glaube: Gott begegnet uns in dem Menschen Jesus. Gott leidet mit uns und für uns. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, nicht einmal der Tod. Den nahen, liebenden, leidenden, vergebenden Gott sehen wir, glauben wir in Jesus Christus.

Flagge zeigen will ich, wenn Unrecht geschieht: 1945 schrieben die Vertreter der Kirchen über ihre Schuld: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Nur wenige Christen hatten es gewagt, den Verbrechen des Staates in Deutschland zu widersprechen. Dietrich Bonhoeffer dagegen meinte schon 1933: Kirche muss Kirche für andere sein. Wer fromm ist, muss auch politisch sein.  Er sah eine letzte mögliche Aufgabe der Kirche darin, Widerstand gegen den Staat zu leisten, wenn er ein Unrechtssystem ist, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Kirche für andere, Kirche auf der Seite der Opfer – wir weisen auf die Not hin, versuchen Leidenden beizustehen, geraten aber ganz schnell auch in die politische Diskussion über Flüchtlinge, Altersarmut, Fragen der Medizinethik und so weiter. Und in der Nachfolge Jesu können wir nur für das Leben, für die Menschen, für die Wahrheit reden und handeln.
Wenn wir Flagge zeigen für Gerechtigkeit, Freiheit  und Frieden, stehen wir neben Nichtchristen und Andersgläubigen. Sie haben das gleiche Ziel.  Wir wollen „Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist“, die Hoffnung, die Jesus Christus uns schenkt. Wir glauben, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, eine Chance verdient, gegen Unrecht geschützt werden muss.

Schließlich reden wir von unserer Hoffnung als Christen, wenn andere neben uns Trost und Hoffnung nötig haben. Unsere Hoffnung ist gefragt, wenn ein Mensch neben uns mit seinen Fragen nicht weiter kommt.
Ich weiß auch nicht, warum ein lieber Mensch oder gar ein Kind unheilbar krank wird und stirbt. Ich verstehe Gott auch nicht, wenn Unglück viele Menschen trifft. Vielleicht kann ich meine Hoffnung nur ausdrücken, indem ich mit ihnen schweige oder klage: „Mein Gott, warum?“ Unrecht und Leid in der Welt bedrücken mich. Ungelöste Konflikte, Hass und Streit belasten mich. Ich werde damit nicht einfach fertig.
Und doch haben wir eine Hoffnung in Jesus Christus: Dass er das Leid der Welt und jedes Leid eines Menschen kennt und mitträgt.
Dass er auf die Schuld und Gewalt antwortet – er lässt sich selbst zum Opfer machen.
Dass auch er geschrien hat: „Mein Gott!“ und die tiefste Verzweiflung durchlitten hat.
Und dass Jesus auferstanden ist, dass Hoffnung ist, wo nach menschlichem Ermessen alles zu spät ist.

„Haltet Christus in euren Herzen heilig. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“ Unsere Hoffnung ist gefragt. Amen

Brot, das nicht satt macht, Predigt über Jes 55,1-5

Predigt am 10.6.18 von Andreas Hansen über Jes 55,1-5

Gott spricht durch Jesaja, den Propheten:

Ach! Alle ihr Durstigen! Kommt zum Wasser! Auch wer kein Geld hat: Kommt! Kauft und esst! Ohne Geld. Ganz umsonst! Wein und Milch. Warum zahlt ihr für Nicht-Brot; gebt euer Sauer-Verdientes für Nicht-Sättigendes? Warum…? Hört doch auf mich – das ist gute Speise! Das ist ein Festschmaus für eure Seele. Macht eure Ohren auf, kommt zu mir! Hört, dann werdet ihr aufleben!
Ich will mit euch einen bleibenden Bund schließen auf die verlässlichen Gnadenzusagen an David. Siehe: Zum Zeugen für die Völker mache ich ihn, zum Fürsten und Gebieter von Völkern. Siehe: Volk, das du nicht kennst, rufst du; Volk, das dich nicht kennt – zu dir laufen sie um des Herrn, deines Gottes, willen und des Heiligen Israels; denn er verherrlicht dich.

Kennen Sie Metzingen? Outlet-City? Die kleine Stadt besteht zur Hälfte aus Outlet-Centern der angesagten Marken. Im Urlaub waren wir in der Nähe und sind bei schlechtem Wetter nach Metzingen gefahren: Wir sind ganz schnell vor dem ungeheuren Rummel geflüchtet. Täglich kommen Tausende nach Metzingen, aus ganz Deutschland, der Schweiz, ja aus der ganzen Welt. Man sagt, die Ware sei extra für das Outlet-center gefertigt. Und trotzdem lockt die Aussicht auf billige Schnäppchen Massen an. Das Geschäft muss laufen. Fast jeder schleppt etliche Plastiktüten voll Ware mit sich. Wir sollen kaufen, kaufen, kaufen.

Gott geht auf den Markt. Wie ein Marktschreier preist er an, was er zu bieten hat. „Hoj!“ schreit er. „Ach!“, es ist eigentlich ein Klageruf, mit dem er die Aufmerksamkeit weckt: „He, kauft Leute!“ Er ruft. Er preist an. Aber er spielt nicht mit im Spiel um den größten Profit. Er will seine Waren verschenken! „Auch wer kein Geld hat: Kommt! Kauft und esst! Ohne Geld.“ Wo gibt es denn das?  Das widerspricht den Gesetzen des Marktes. Man bekommt nichts geschenkt. Wir erleben es täglich: Was wir bringen und leisten, zählt. Unsere Arbeit, unser Können, unser Geld. Wir bekommen nur etwas, wenn wir was zu bieten haben. Wer nichts leistet und wer sich nichts leisten kann, steht am Rand.
„Alle ihr Durstigen! Kommt zum Wasser!“ Gott verschenkt Wasser. Auch ein neues Wort haben wir im Urlaub kennengelernt: Wissen Sie, was eine Hüle ist? Ganz oben auf der schwäbischen Alb gibt es Dörfer ohne Quellen. Aus dem Teich, der Hüle trank Mensch und Vieh – die Qualität des Wassers war unerträglich. Nur weit unten im Tal gab es frisches Wasser. Vor 120 Jahren gingen sie zum König nach Stuttgart und verlangten eine Wasserleitung. „Mir dädet´s scho no drinke, aber ´s Vieh weigert sich.“
In vielen Ländern ist Wasser ein kostbares Gut. Menschen stehen Schlange und zahlen viel für trinkbares Wasser.
Gott ruft: „Auch, wer kein Geld hat, kommt!“ Umsonst gibt Gott Wasser und Brot, elementare Lebensmittel, ohne die es nicht geht. Gott bietet auch Wein und Milch, den Glanz des Lebens.
Gott lockt und wirbt. Gott sieht, was wir brauchen. Er will es uns geben. Aber uns fällt es schwer, uns einfach beschenken zu lassen.
„Man bekommt nichts geschenkt.“ Davon sind wir zutiefst überzeugt. Wir sind geprägt vom Gesetz des Marktes, Kunden, die für ihr gutes Geld ordentlich bedient werden wollen.
Ich will es noch deutlicher sagen: Wir glauben an Geld und Profit – so funktioniert unsere Welt, und so wird sie untergehen, wenn wir nicht wach werden und der Logik der Habgier widersprechen – überall in der Welt können wir doch sehen, was sie anrichtet.
Gott ruft wie ein Marktschreier, aber Gott widerspricht der Logik des Kaufens und Verkaufens, Gott widerspricht dem Immer-mehr-haben-Wollen.
Man bekommt nichts geschenkt? Doch! Das, was wirklich zählt, können wir nur geschenkt bekommen und selbst schenken: Reich sind wir, wenn wir Zuwendung, Vertrauen, Wertschätzung geben und empfangen. Reich sind wir durch das, was Gott uns schenkt. Das Leben selbst und alle seine Farben und Klänge sind uns geschenkt.
„Warum zahlt ihr für Nicht-Brot?“ fragt Gott sein Volk. So fragt auch der Prophet Jesaja – es war eine Zeit des Umbruchs, die Menschen verwirrt und haltlos, ängstlich und gierig nach Leben. Jesaja verspottet die selbst gezimmerten Götterbilder seiner Zeitgenossen.
„Warum zahlt ihr für Nicht-Brot?“ könnte man auch heute fragen. Warum gebt ihr so viel für das, was nicht satt macht?   Menschen suchen ihr Glück und Heil in dem,  was sie selbst schaffen oder einkaufen. Ihre Seele bleibt hungrig. Gott widerspricht dem Gesetz des Kaufens und dem Gesetz der Leistung und der ganzen selbstsüchtigen Angst, zu kurz zu kommen. Gott will, dass wir nicht am Leben vorbei leben.  Was wir wirklich zutiefst brauchen, was unseren Hunger und Durst nach Leben stillt, das will er uns geben, das kann uns nur Gott selbst geben. Darum wirbt er so eindringlich: „Hört doch auf mich – das ist gute Speise! Das ist ein Festschmaus für eure Seele. Macht eure Ohren auf, kommt zu mir! Hört, dann werdet ihr aufleben!“ Wir sollen durch Worte gesättigt werden. Können Worte so viel bewirken? Ja, ganz sicher: Freundliche Worte eines Menschen, der mir wichtig ist, machen mich froh. Gute Worte eines Menschen, den ich liebe, sind ein Glück. Wie viel Mut und Kraft zum Leben ist dann erst in Worten von Gott! – sie können sogar Leid und Tod überwinden. „Hört, dann werdet ihr aufleben!“ Dem Hören ist die Gabe des Lebens verheißen.
Gott sagt: „Ich will mit euch einen bleibenden Bund schließen auf die verlässlichen Gnaden-zusagen an David.“ Ein Bund: Bei unserer Taufe hat Gott einen Bund mit uns geschlossen. Als wir konfirmiert (oder gefirmt) wurden, sagten wir: Wir bleiben mit Gott im Bund. Gott gibt ein Versprechen, wie er es David, dem König, gegeben hat. Mit Gott im Bund sind wir wie Königskinder. Wir sind Menschen, die sich etwas zutrauen dürfen.
David steht für die Hoffnung auf eine gerechte und gute Welt. David ist der Friedenskönig, nach dem sich die Menschen sehnten und sehnen. Jesus haben sie den Sohn Davids genannt. Menschen, die ihn hörten, sind aufgelebt. Einer sagte zu ihm: Du hast Worte des ewigen Lebens.
„Ach! Alle ihr Durstigen! Kommt!“ Gott wirbt um sein Volk. Gott ruft uns. Er ist sich nicht zu schade, auf den Markt zu gehen. Er will uns Leben geben, Leben in Fülle, in Frieden, in Gerechtigkeit. Er schenkt, was so lebensnotwendig ist wie Wasser, wie Brot. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus. Das Leben können wir nicht kaufen. Wir bekommen es geschenkt. Jesus gibt uns sich selbst.
Wir sind wie Königskinder. Wir sind reich. Amen

Alles in Christus – Predigt zum Sonntag Trinitatis über Epheser 1,3-14

Predigt am 27.5.18 von Andreas Hansen über Eph 1,3-14

im Gottesdienst wird das Bild Auferstehung von Alfred Manessier (1948 ) gezeigt

„ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Irgendwann hat das jemand zu uns gesagt, zu Ihnen und zu mir, und uns Wasser über den Kopf gegossen. Wir sind getauft im Namen des dreieinigen Gottes – unser Name ist zusammen mit Vater, Sohn und Heiliger Geist genannt – wir sind verbunden mit Gott.  
Ich weiß, wann ich getauft wurde, denn meine Mutter hatte an dem Tag Geburtstag und es war  damals der erste Adventssonntag. Aber natürlich weiß ich das nur, weil man es mir erzählt hat. Ich war viel zu klein, um mich zu erinnern. Den meisten von Ihnen wird es ähnlich gehen, aber wir wissen doch, dass wir getauft wurden. Also: Ich gehöre zur Gemeinde. Ich gehöre zu Jesus Christus. Jesus steht an meiner Seite,   was auch geschieht.
Der Predigttext für diesen Sonntag ist ein Lied für Getaufte. Er lobt Gott über alles. Gott hat uns so wunderbar viel Gutes geschenkt. Lassen Sie uns das Loblied gemeinsam im Wechsel sprechen:

Ein Loblied im Epheserbrief (1,3-14),  übersetzt von Klaus Berger und Christiane Nord

Lobend wollen wir uns zu Gott wenden. Er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat sich uns zugewandt mit allem Segen vom hohen Himmel her, indem er Jesus sandte.
Denn er hat uns zu seinem Eigentum gemacht gemeinsam mit Christus von Anbeginn der Welt.
Heilig sollten wir sein und ohne Makel vor seinem Angesicht. Voll Liebe wollte er immer schon, dass wir seine Kinder werden.
Das ist sein erklärter Wille. Denn er will, dass wir seine herrliche Gnade loben, die er uns geschenkt hat in seinem Sohn, den er liebt.
Durch seinen Sohn sind wir befreit. Er war bereit, durch seinen grausamen Tod für uns die Freiheit zu erkaufen. So wurden unsere Verfehlungen vergeben.
Denn reich ist die Gnade, die Gott über uns ausgeschüttet hat. Voll Weisheit und Klugheit hat er uns wissen lassen seinen geheimen Willen.
Das hat er beschlossen und bestimmt um seines Sohnes willen. So hat er festgelegt, was sein wird, wenn alle Zeit abgelaufen ist.
Und alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und alles auf Erden.
Zusammen mit Christus wurden auch wir zu Erben eingesetzt. Denn dazu hat er uns von Anfang an bestimmt. Und was er will, das tut er auch.
Er will, dass die Menschen im Blick auf uns, die wir schon lange auf den Messias hofften, seine Herrlichkeit lobpreisen.
Auch ihr seid dem Messias verbunden. Weil ihr zu ihm gehört, habt ihr die Botschaft vernommen, die Halt gibt, das Evangelium, das euch rettet.
Weil ihr zu ihm gehört, seid ihr gläubig geworden und habt den heiligen Geist empfangen.
Durch ihn sollt ihr wohlbehalten sein, bis Gott seine Verheißungen wahr macht.
Der Heilige Geist ist ein Pfand für unser künftiges Erbe.
Durch dieses Pfand sind wir freigekauft und werden Gottes Eigentum, so dass die Menschen mit Blick auf uns seine Herrlichkeit lobpreisen. Amen

Es kann einem schwindlig werden, nicht wahr, bei dieser Fülle. Lesen Sie noch einmal in Ruhe – ich halte meinen Mund.

Stellen Sie sich vor: Das alles ist im griechischen Urtext ein einziger Satz, ein Satzungetüm. Das Herz ist voll und der Mund fließt über. Wir sind überfordert, der Fülle von Gedanken zu folgen.
Das Lied umspannt die ganze Welt, Himmel und Erde, Ursprung und Ziel, alles. Es ist wie eine große Bewegung, ein Strom, eine Kraft. Sie geht aus von Gott von Anbeginn der Welt. Und sie führt zu Gott, zum Lob seiner Herrlichkeit. Jesus Christus war schon immer da. Es ist dieselbe Liebe, in der Gott ja sagt zu seiner Schöpfung, Leben schenkt und alles ins Sein ruft. Und es ist dieselbe Liebe, die in Jesus Mensch wurde, zu uns kommt und uns erlöst. Von der Schöpfung bis zum Ziel strömt alles aus der Liebe, die wir in Jesus Christus erkennen.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Einen weiten Kreis umspannt das Loblied, viel weiter als wir überhaupt denken können. Und zugleich beschreibt es, dass wir in diese  große Bewegung eingefügt sind durch Jesus Christus. Wir sind erwählt und erlöst. Wir werden erben, teilhaben an Gottes Herrlichkeit und wir haben als Unterpfand schon jetzt den Heiligen Geist. Das alles geschieht in Christus. In ihm berühren sich Himmel und Erde. Er verbindet uns mit Gott.
Ist das nicht viel zu großartig beschrieben? Verliert das Lied die Wirklichkeit aus dem Blick? Alles erfüllt und getragen von Gottes Liebe. Wir sehen von Ostern her, in Christus gleichsam eine neue Dimension von Wirklichkeit. Leben ist nicht vergeblich, sondern sinnvoll und hoffnungsvoll, denn hinter allem steht Gottes Ja. Das Licht von Ostern vertreibt alles Dunkel. Durch Jesus Christus sind wir in das warme, helle Osterlicht getaucht. Wir sind getauft. Wir gehören zu ihm.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Unsere Welt fällt auseinander in Gegensätze, die unüberbrückbar scheinen. Da leben Menschen in Gaza und sagen: es ist ein Gefängnis, in das uns der Staat Israel sperrt – seit 70 Jahren herrscht Unrecht über uns. Darum drängen sie verzweifelt gegen die Grenze an und nehmen sogar Tote und Verletzte in Kauf. Auf der anderen Seite Israel: Immer wieder werden wir aus Gaza beschossen. Terroristen kommen von dort in unser Land. Sie wollen uns vernichten – wir müssen uns wehren. Unrecht gegen Unrecht – wird das je eine Lösung finden? Finden wir einen Ausweg aus unseren unseligen Konflikten? Man könnte verzweifeln über die Unversöhnlichkeit.
Unsere Welt fällt auseinander, weil Egoismus regiert. Der neue Nationalismus, das „Wir-zuerst“, der rücksichtslose Verbrauch von Ressourcen – immer toben sich egoistische, habgierige, macht-hungrige Interessen aus. In unserem Umfeld ganz nah sind wir nicht besser: Wie viele Familien sind heillos zerstritten, weil es etwas zu erben gab. Man könnte verzweifeln über die Rücksichtslosigkeit. Jeder sieht nur auf seinen Vorteil. Vor dem, was wir anrichten verschließen wir die Augen.
Viele verzweifeln wirklichund sagen: „Die Welt ist schlecht. Man kann nichts machen. Alles ist sinnlos.“
Nein! In Gottes Namen Nein! Diese Welt, Gottes Welt, fällt nicht einfach in den Abgrund. Unser Leben, uns von Gott geschenkt, ist nicht sinnlos.
In Konflikten, in Scheitern und Schmerz, in unserem Versagen und unserer Schuld, in Krankheit, Unglück, Tod, in allem ist dennoch Gottes Liebe der Grund dieser Welt und dieses Lebens, sind wir durch Christus von Anbeginn der Welt in Gottes Liebe.
Alles sollte mit Christus ein Haupt und seinen Sinn bekommen, alles im Himmel und auf Erden, alles wird zusammengefasst in Christus.
Für mich zeigt das Osterbild von Manessier etwas von der größeren Kraft Christi, in die alles hineingezogen wird. Gott ist größer als meine Vorurteile, viel größer als mein enger Horizont, größer als meine und unser aller Schuld, größer auch als die Mächte des Bösen und des Todes.
Die Christen damals in Ephesus standen eher am Rand der Gesellschaft. Aber ihnen sagt Paulus: wir sind von Gott erwählt, jede und jeder etwas ganz Besonderes für ihn, geliebt, so wie wir jedes unserer Kinder lieben, Kinder Gottes. Und: Wir sind erlöst. Wir haben sehr nötig, dass Gott sich gnädig zu uns wendet. Das geschieht: Gott nimmt uns an. Gott heilt die zerrissene Welt. Das meinen wir, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen „Jesus sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Ein gnädiges Gericht erhoffen wir durch ihn. Einen weiten Bogen zieht das Loblied. Es mag uns schwindlig werden dabei. Wir entsprechen doch so überhaupt nicht diesen hohen Begriffen. Das ist sozusagen nicht unsere Welt. Wir sind schwach im Glauben. Wie sollen wir tatsächlich in diesem Licht Gottes bestehen? Da sagt das Lied zu uns, zu den Getauften:  Wir werden Gottes Herrlichkeit erben. So zu erben ist eine feine Sache. Gott bindet sich an uns. Gott hat zu seinen Erben gemacht.
Manchmal spüren wir jetzt schon etwas von der Kraft, die uns zuwächst, von Glauben, Liebe und Hoffnung. Der Heilige Geist ist uns in der Taufe versprochen. Gott hilft unserem schwachen Glauben auf.
Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Halleluja. Amen

Pfingstpredigt über 1.Kor 2,12-16

Predigt am 20.5.18 von Andreas Hansen über 1.Kor 2,12-16

Pfingsten
Es ist ein Wort ergangen, das geht nun fort und fort. (Lied vor der Pred EG 586)  Gott spricht in diese Zeit hinein: Unwiderstehlich, begeisternd, treffend.
So haben wir gesungen, liebe Gemeinde. So muss es damals in Jerusalem gewesen sein. Auf einmal können die Jünger reden. Die Angst ist verschwunden. Einfache Leute ziehen mit ihren Worten alle in den Bann. Viele sind so überzeugt, dass sie sich taufen lassen.
Der Heilige Geist begeistert, bewegt, überzeugt, er schafft Klarheit, Erkenntnis und Einsicht. Der Geist führt in die Wahrheit. Menschen verstehen, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen.
Wie sehr wünschen wir uns Verständigung! Verständigung zwischen den Religionen, Verständigung zwischen den Völkern, Frieden, Verständigung in festgefahrenen Beziehungen.
Viele reden nur, um sich durchzusetzen, ihre Macht zu zeigen, Recht zu haben. Es geht ihnen nicht darum zu verstehen und zu verbinden. Worte wie Sprengsätze jagen sie durch die Medien.
Wir feiern heute das Fest des Heiligen Geistes, ein Fest des Verstehens. Hören wir den für heute vorgeschlagenen Predigttext. Paulus schreibt im 1.Korintherbrief:

Wir aber haben diesen Geist erhalten – den Geist, der von Gott kommt, nicht den Geist der Welt. Darum können wir auch erkennen, was Gott uns in seiner Gnade alles geschenkt hat. Und wenn wir davon reden, tun wir es mit Worten, die nicht menschliche Klugheit, sondern der Geist Gottes uns lehrt;  wir erklären das, was Gott uns durch seinen Geist offenbart hat, mit Worten, die Gottes Geist uns eingibt. Ein Mensch, der Gottes Geist nicht hat, lehnt ab, was von Gottes Geist kommt; er hält es für Unsinn und ist nicht in der Lage, es zu verstehen, weil ihm ohne den Geist Gottes das nötige Urteilsvermögen fehlt. Wer hingegen den Geist Gottes hat, ist imstande, über alle diese Dinge angemessen zu urteilen, während er selbst von niemand, der Gottes Geist nicht hat, zutreffend beurteilt werden kann. Es heißt ja in der Schrift: »Wer hat jemals die Gedanken des Herrn ergründet? Wer wäre je imstande, ihn zu belehren?« Wir jedoch haben den Geist Christi bekommen, sodass uns seine Gedanken nicht verborgen sind. 1.Kor 2,12-16

Die Jünger können sagen, was sie durch Jesus erkannt haben: Klar, überzeugend, begeisternd. Viele verstehen. Andere aber sagen: „die sind ja betrunken, schon am frühen Morgen!“ Nur wer von Gott angerührt ist, erkennt ihn. Für viele ist Jesus nichts als ein Mensch, ein besonderer Mensch, beeindruckend, mutig, liebevoll, konsequent, vielleicht auch ein Spinner, aber nur ein Mensch.
Für uns ist Jesus Gottes Sohn, der Weg zu Gott,  die Wahrheit seiner Liebe, das Leben, das den Tod besiegt.
An Pfingsten verstehen die Jünger und später  viele Menschen, was für menschliche Klugheit nicht zu verstehen ist. Paulus unterscheidet den Geist der Welt, menschliche Klugheit von Gottes Geist. Gottes Geist erschließt einen neuen Raum, eine größere Wirklichkeit, ein weiteres Verstehen.
„Wir haben den Geist Gottes erhalten“, schreibt Paulus. Ist das nicht ein wenig vermessen? Getrauen Sie sich zu sagen: „Ich habe den Heiligen Geist oder den Geist Christi“?
Ich möchte Sie ermutigen: Wir können erkennen, was Gott uns durch Jesus geschenkt hat. Wir haben den Heiligen Geist, denn er wirkt in uns Glauben, Hoffnung und Liebe. Wir haben den Heiligen Geist, obwohl unser Glaube oft schwach ist, obwohl wir zuweilen verzagt sind und obwohl wir immer wieder auch lieblos und hart sind. Das ist kein Widerspruch, sondern gerade das Große: Gott wirkt in uns, obwohl wir so sind, wie wir sind.
Gott verwandelt unsere engen Grenzen in Weite. Wie Petrus und die anderen wachsen wir, der Geist erschließt Neues.
Paulus streitet in Korinth mit Leuten, die behaupten: „Wir sind die einzigen wahren Christen.“ Paulus sagt zu ihnen: „Es genügt, dass wir Jesus Christus kennen und dass wir wissen, was Gott uns mit ihm geschenkt hat.“  Wir müssen keine Superchristen sein. Wir müssen nur auf Christus sehen. Lassen wir uns nicht verunsichern! Ja, wir haben den Geist Gottes erhalten, denn wir wissen, wie sehr Gott uns liebt. Das genügt.
Alle unsere Pfingstlieder sind freilich Bittlieder. Wir bitten um Gottes Geist. Wir vertrauen, dass Gott uns seinen Geist schenkt. Wir verfügen nicht über Gottes Geist. Jede Überheblichkeit ist fehl am Platz.
Einer sagt zu Jesus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Das kann ich gut verstehen. Wir haben den Geist Gottes und wir bitten doch um den Geist. In dieser Spannung bleiben wir.

„Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Glaubenden! Komm, Heiliger Geist, verwandele die Welt!“ Auf einmal verstehen Menschen ganz unterschiedlicher Sprachen, was Gott ihnen sagt.
Ich hoffe für uns heute auf ein Pfingstwunder, dass Verständigung möglich wird, dass wir die Vorurteile und Urteile über den anderen hinter uns lassen, dass wir einander als Mitmenschen erkennen.
Da erzählt einer von schwierigen Erfahrungen mit Flüchtlingen und schon bricht ein Shitstorm über ihm los und er wird in die rechte Ecke gestellt. Da wirbt einer um Verständnis für die Not einer Familie, die um ihre Angehörigen in Syrien bangt, und schon wird ihm vorgehalten, was straffällige Jugendliche aus Nordafrika getan haben. So oft wollen wir einander nicht verstehen!
Da halten Israelis und Palästinenser einander Gewalttaten vor: Ihr habt angefangen, schreien sie beide, und so bringt das Unrecht immer neues Unrecht hervor.
Da machen wir einander Vorwürfe und brechen einen Streit vom Zaun. Das geschieht immer wieder an der gleichen Stelle und wieder platzen die alten Wunden auf und stinken schon. Wir wissen, es führt zu nichts, und tun es doch.
Ich hoffe auf ein Pfingstwunder, auf viele Pfingsterlebnisse, auf Verständigung und Wahrhaftigkeit, auf Versöhnung trotz allem, auf gerechten Ausgleich für die Opfer. Ich hoffe, dass der Geist Christi unsere Welt verwandelt und erneuert.
Und ich glaube, wir Christen haben einen besonderen Auftrag von unserem Herrn und in seinem Geist, uns für Verständigung einzusetzen.
Pfingsten ist ein Fest des Verstehens. Der Glaube will verstehen. Wir rechnen damit, dass die Wirklichkeit sehr viel komplexer ist als unser Denken und unsere Vernunft. Wir hoffen, dass Gott, der uns das Leben schenkte, seine Schöpfung, diese Welt liebt und sie niemals loslässt. Gottes Geist wirkt in uns und manchmal springt ein kleines Fünkchen Erkenntnis über und macht uns staunen: Was für eine schöne Welt trotz allem Übel! Was für ein wunderbares Leben trotz allem Leid! Was für eine große Liebe Gottes zu seiner Schöpfung und zu uns, seinen Geschöpfen!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Du stellst meine Füße auf weiten Raum, Predigt zur Konfirmation

Predigt am 13.5.18 von Andreas Hansen über Ps 31,9

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Euer Motto. Gott schenkt mir Freiheit. Seit eurem Gottesdienst im Februar hängt das Mobile mit euren Füßen hier in der Kirche. Ein Dreivierteljahr reicht nicht aus um auszuloten, welche Freiheit Gott uns schenkt. Aber vielleicht seid Ihr auf den Geschmack gekommen das herauszufinden.
Glaube an Jesus heißt: Gott nimmt mich an. Ich muss nichts aus mir machen. Ich muss nicht cool, erfolgreich, perfekt sein.
„Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum. Ich darf sein, so wie ich bin.“ Was mich angreift, macht mein Herz eng: Das blöde Gerede von anderen, die Angst, nicht gut genug zu sein, Streit und Traurigkeit, Hetze und Stress, Misserfolg und Ablehnung – vieles kann mich geradezu lähmen und eng machen.
Weiter Raum heißt: Ich kann umgehen mit dem, was mich angreift. Es macht mir zu schaffen, aber es macht mich nicht fertig. Weil ich in einem tiefen Sinn frei bin: geliebt, angenommen, stark, frei. Gott hat mir das Leben geschenkt. Gott sagt ja zu meinem Leben. Das ist stärker als alles.
Was mich eng macht, verliert seinen Schrecken.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Ihr selbst habt den Psalm übertragen – ich zitiere ein paar Sätze, die Ihr für den Gottesdienst im Februar geschrieben habt: „Herr, ich vertraue dir, bitte hilf mir, dass ich nicht mehr verletzt werde.   Du bist stark und willst mir den richtigen Weg zeigen. Du willst mich vor den Menschen schützen, die mir Böses antun wollen. Ich freue mich, dass du mir beistehst in den schweren Situationen. Du schenkst mir Mut und Vertrauen.“

Mut und Vertrauen brauchen wir – weiten Raum. Da ist Tina. Sie nimmt sich vor, ein Fest zu feiern. Eine große Sache soll es werden. Sie stellt es sich schön vor: mit ihren Freunden, mit guter Stimmung, Musik, Tanz, ihr Fest. Sie überlegt und plant. Aber dann ist so ein Stress in der Schule. Sie hat keine Zeit und muss jede Minute lernen. Wenn sie an die Arbeiten denkt, bekommt sie Bauchweh. Ihr Fest muss warten. Tina erzählt einer Freundin von ihrem Plan und erlebt eine üble Enttäuschung. Die macht sich lustig über ihre Idee. „Tina Partystar“ schreibt sie unter ein peinliches Bild von ihr und stellt es ins Netz. Sie hat Angst: Was denken die anderen jetzt über mich? „Lass es sein mit dem Fest. Das schaffst du nicht! Du holst dir nur noch mehr Ärger.“ meint der Vater. Aber die Mutter sagt: „Versuch es! Jetzt erst recht.“ Und so lädt Tina schließlich doch ein zu ihrem Fest. Ein paar Freunde helfen ihr. Sie schmücken den Raum, sorgen für Musik, die Mutter für etwas zu essen. Als es soweit ist, ist Tina total aufgeregt. Aber dann kommen alle, die sie eingeladen hat. Die Stimmung ist super. Allen gefällt es. Niemand macht Ärger. Und Tina ist glücklich und stolz über ihr Fest. Sie hat es geschafft.
Weiter Raum: „Ich kann eigene Schritte tun, mir selbst etwas zutrauen, meinen Weg finden. Ich kann auch verkraften, wenn etwas misslingt, wegstecken, was enttäuschend ist. Ich bekomme die nötige Kraft.“
Ich wünsche Euch sehr, dass Ihr so etwas erlebt, dass Ihr selbst etwas bewegen könnt und es euch zutraut. Und ich wünsche euch, dass euer Leben zumindest hin und wieder wie ein Fest ist, leicht, fröhlich und hoch gestimmt.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.  „Du“ – Gott ist ein Gegenüber, ein Du. Der Psalmbeter oder die Beterin freut sich über Gott wie über einen Freund. Mit einem Freund kann ich reden. Er lässt mich gelten, auch wenn wir nicht der gleichen Meinung sind. Er will wissen, wie es mir geht. Ich muss ihm nichts vormachen. Natürlich ist Gott noch ganz anders als ein Freund. Wie einen lieben Vater sollen wir Gott anreden, sagt Jesus. Wie eine Mutter will ich euch trösten, heißt es auch einmal von Gott. Oder Propheten sprechen davon, dass Gott wie ein eifersüchtiger Liebhaber um sein Volk wirbt. Das alles sind nur Versuche zu beschreiben, wie Gott ist, wie er zu uns kommt. Immer ist da eine Beziehung, ein Gegenüber, ein Du, nicht nur ein Begriff.
Viele sagen: „Ich glaube schon irgendwie an Gott, an eine höhere Macht.“ Vielleicht stellen sie sich Gott vor wie einen riesengroßen Magneten. Da ist eine Kraft, die einfach immer wirkt. Und wir sind im Kraftfeld. Aber so ein Magnet ist kalt und leblos.   Zu dem kann ich nicht du sagen. Gott ist lebendig, leidenschaftlich, liebevoll.    Martin Luther nannte ihn einmal einen glühenden Backofen voll Liebe. Er will, dass ich lebe. Er, oder sie, spricht mich an – und wartet dringend auf meine Antwort.
Ich wünsche Euch sehr, dass Ihr dieses Du wagt, dass Ihr beten könnt – darin lebt die Beziehung. Ich wünsche Euch, dass Ihr erlebt, wie befreiend, wie gut es ist, wirklich von Herzen sagen zu können: „Du bist mir wie ein Freund, wie Vater und Mutter, wie Liebe. Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Der weite Raum bedeutet Freiheit. Wer ist frei? Einer lässt seine Freundin sitzen und sagt: „Ich hab keine Lust mehr. Du nervst. Ich brauch meine Freiheit.“ Solche Typen, die so reden und handeln, gibt es. Sie kann froh sein, dass sie ihn los ist, nicht wahr? Dieser Typ ist rücksichtslos, gemein und vor allem egoistisch – frei ist anders; der weite Raum ist anders.
Sicher gehört dazu auch die Freiheit nein zu sagen, wenn etwas in die falsche Richtung läuft, noch einmal neu und anders zu beginnen.
Wer ist frei? Frei ist, wer sich getraut ja zu sagen: Ja zu einer Aufgabe, ja zu einer Beziehung, ja zu Verantwortung. Denn dann muss ich mich einsetzen. Dann schaue ich nicht nur auf mich und wozu ich gerade Lust habe, sondern auf die Sache und die Menschen, für die ich mich einsetze. Zum Beispiel, wenn sich alle über einen lustig machen, laut zu sagen: Das ist nicht recht, dass   ihr ihn mobbt. Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“
Frei ist, wer sich getraut, sich zu entscheiden.
Ich wünsche euch die Freiheit ja zu sagen, ja zu guten Zielen, für die ihr euch einsetzt, ja zu Menschen, für die ihr euch entscheidet, und auch ja zum Glauben an Gott und zur Gemeinschaft der Glaubenden.
Verlasst euch darauf! Es ist wahr: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Amen

Ruhe für unsere Seele , Predigt über Mt 11,25-30

Predigt am 29.4.18 von Andreas Hansen über Mt 11,25-30

Gottesdienst zum Konfirmationsjubiläum

Vor fünfzig Jahren, am 4. April 1968 wurde Martin Luther King ermordet. Er sagte in einer Rede kurz vor seinem Tod: „Gewiss, ich habe immer an einen persönlichen Gott geglaubt, aber früher bedeutete er mir kaum mehr als eine metaphy-sische Kategorie. Gott ist mir in den vergangenen Jahren fast greifbar wirklich geworden. Inmitten äußerer Unruhe empfand ich innere Ruhe. Wenn Furcht und Verzweiflung meine Mühen zunichtemachen wollten, verwandelte Gott die Müdigkeit und Verzweiflung in die Spannung neuer Hoffnung.“
Das wünschen wir uns: innere Ruhe inmitten äußerer Unruhe, die Spannung neuer Hoffnung, die Erfahrung von Gott greifbar nahe.
Und noch ein Jubiläum: vor genau 500 Jahren, Ende April 1518, war Martin Luther in Heidelberg und diskutierte darüber, dass wir Gott nur in dem gekreuzigten Jesus erkennen, nicht in Macht und Herrlichkeit. Im Gekreuzigten ist Gott uns nah und schenkt innere Ruhe, Hoffnung und Glauben.
Darum geht es heute, liebe Jubilarinnen und Jubilare, liebe Gemeinde, dass wir in Gott Glauben, Hoffnung, Ruhe finden, dass wir uns rufen lassen und stärken, konfirmieren lassen durch Jesus.
Martin Luther King empfindet es als Geschenk, dass Gott ihm fast greifbar wirklich geworden ist. Auch Martin Luther betont: Nicht aus eigener Kraft kann ich glauben, sondern durch Gottes Gnade wirkt der Heilige Geist in mir.
Staunend sehen wir in unserem Leben, wieviel Gutes uns geschenkt wurde, wie Gott uns gerade in schweren Wegstrecken nahe war und ist.

Unser Predigttext ist ein Lied. Jesus singt.
Erstaunlich ist: Er singt, nachdem er gerade viel Ärger hatte. Die Leute halten den asketischen Johannes den Täufer für besessen. Doch über Jesus, der gerne feiert, sagen sie: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer“. Jesus ärgert sich über ihre engen Herzen, wenn sie schimpfen: „Er ist ein Freund von Zöllnern und Sündern.“ Jesus will gerade die Sünder auf den Weg zu Gott bringen. Er beklagt sich über seine Galiläer, die nicht verstehen wollen. Schlimmer als die Leute von Sodom nennt er sie. Das alles steht in Kapitel Elf des Matthäusevangeliums. Und dann? Dann fängt Jesus an zu singen. Er hört auf zu schimpfen. Er öffnet den Mund und lobt Gott. Hören wir Mt 11,25-30:
Zu der Zeit rief Jesus aus, (gemeint ist die Zeit, als so viel Ärgerliches geschah): Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater,  und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Gott ist spürbar nahe. Gott gibt sich zu erkennen. Gott offenbart sich. Gott rührt die Herzen an.
Der Ärger verblasst hinter der Freude über Gottes Nähe. Jesus singt. Er preist den Vater dafür, dass er das Evangelium nicht den Klugen, sondern den Unmündigen offenbart. Die Klugen stehen sich oft selbst im Weg. Sie wollen nichts von Gott wissen. Sie denken: „Ich komme auch ohne Gott aus. Die Menschen erfinden ihren Gott, wie sie ihn gerade brauchen. Gott kann mir keiner beweisen.“ Die Unmündigen und Kinder staunen. Sie öffnen einfach ihre Hände und lassen sich beschenken. Sie vertrauen. Ihnen offenbart sich Gott. Sicher kennen auch sie und wir alle Zweifel und Fragen: Warum wird ein lieber Mensch krank? Warum gibt es so viel Leid und Böses?
Aber doch staunen wir: dass unser Herz schlägt, dass so viel Leben und Schönes ist, dass wir lieben und geliebt werden. Wir staunen und danken. Unsere Lasten sind nicht fort, aber leichter sind sie. Sie verlieren ihre alles beherrschende Härte.
Glaube heißt nicht, dass wir auf die Vernunft und das Denken verzichten. Aber es geschieht mehr, als wir erklären können. Es kann sein, dass Gott fast greifbar wirklich wird. Gott gibt seinen Geist, dass Glaube entsteht. Ein Funke springt über wie zwischen zwei Menschen, die sich verlieben. Gott offenbart sich. Er begegnet uns in dem Menschen Jesus. Ihm können wir vertrauen. Da werden wir nicht gehemmt und beschränkt,  sondern frei und zuversichtlich und stark.

„Ich preise dich, Vater.“ Jesus singt das Evangelium, dass er eins ist mit dem Vater, dass wir durch ihn Gott erkennen. Er will, dass uns die Augen aufgehen, dass der Funke überspringt: Gott ist nah. Gott kommt zu uns in Jesus.
Auf den Gekreuzigten und Auferstandenen sollen wir sehen. Kein Leid, keine Schuld, nicht einmal der Tod kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Dann ruft Jesus: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken – wörtlich: ich werde euch Ruhe geben – und dann noch einmal: So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
Martin Luther King schrieb: „Inmitten äußerer Unruhe empfand ich innere Ruhe. Wenn Furcht und Verzweiflung meine Mühen zunichtemachen wollten, verwandelte Gott die Müdigkeit und Verzweiflung in die Spannung neuer Hoffnung.“ Was uns unruhig macht und zur Verzweiflung treibt, ist nicht einfach weg, aber wir können freier und zuversichtlicher damit umgehen.
Ich höre Sie und mich selbst innerlich seufzen: „Das wäre schön, wenn ich im Streit nicht die Beherrschung verlieren würde, wenn ich ruhig bliebe, nicht verletzt, nicht verletzend.“ Oder: „Das wäre schön, wenn ich mit dem, was mir Angst macht, anders umgehen könnte.“ Oder: „Wenn ich nur Kraft genug hätte für das, was mich immer wieder bis an die Grenze bringt und so ermüdet.“ Wie gern hätten wir die Spannung neuer Hoffnung, Ruhe für unsere Seele! Wie weit sind wir manchmal davon entfernt.

„Kommt her zu mir!“, ruft Jesus. Er lädt uns ein. Er kennt unsere Lasten. „Kommt her zu mir! Lernt von mir!“
So viel wie Jesus, können wir wohl kaum tragen. Und doch ist seine Last leicht. Er weiß, er ist nicht allein.

Bleib bei uns, Jesus, bleib bei uns, hilf uns mit deiner Zuversicht, deinem Vertrauen, deiner Liebe, dass wir Ruhe finden für unsere Seele. Amen

„Bausachen“ – Predigt über 2.Kor 4,16-5,1

Predigt am 22.4.18 von Andreas Hansen über 2.Kor 4,16-5,1

2.Kor 4,16-5,1: Wir werden nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

Wer ein Haus hat, dem geht die Arbeit nie aus. Unsere Häuser in Deutschland sind stabil und solide gebaut – „wie für die Ewigkeit“, so sagt man. In anderen Ländern, z.B. in den USA wird leichter, provisorischer gebaut. Das Bedürfnis nach soliden Häusern hatte die Nachkriegsgeneration, weil sie viele Trümmer wegräumen mussten. Das Bedürfnis kennen viele Menschen. Die Städte in Syrien sehen heute so aus wie deutsche Städte nach dem Krieg. Auch in Israel hat das Bauen eine besondere und sehr umstrittene Bedeutung.
Ein festes Haus, ein sicheres Zuhause ist für viele Menschen ein Traum. Schon Kinder bauen begeistert Spielhäuser. Die Sehnsucht nach bleibender Geborgenheit steckt tief in uns. Und doch sind unsere Häuser vergänglich, nur auf Zeit angelegt, wie wir selbst.
Meine Frau und ich, wohnten einmal in einem neuen schönen Haus – aber im Treppenhaus waren die Wände noch nicht verputzt und das Geländer war eine wackelige Holzkonstruktion. Viele Jahre blieb das Haus so unfertig, obwohl die Besitzer fleißige und Ordnung liebende Menschen sind. Ihr Haus blieb eine Baustelle. Anderes war ihnen wichtiger. Heute bewundere ich diese Geduld und diese Freiheit, etwas unvollkommen zu lassen, noch dazu ein so schönes Haus.
Kennen Sie den Drang alles ganz richtig und perfekt zu machen, wie für die Ewigkeit zu bauen? Gründlich soll alles geschehen und möglichst makellos dastehen: Nicht nur das Haus, auch die berufliche Laufbahn, unser Körper, unser Ansehen.
Aber das geht ja gar nicht. Wir mühen uns vergeblich, fertig zu werden, perfekt zu sein oder Häuser zu bauen, die ewig stehen. Unsere Häuser und vieles mehr in unserem Leben bleibt unfertig und unvollkommen wie eine Baustelle. Manches, wovon wir träumten, haben wir nicht erreicht. Wir schließen Kompromisse. Mit manchen Konflikten müssen wir leben, weil es keine Lösung gibt. Wir stoßen an Grenzen. Zum Beispiel unser Körper zeigt uns Grenzen. Wir müssen Einschränkungen und Rückschritte hinnehmen. Vollkommen ist weder unser Haus, noch unser Lebenshaus. Es muss immer wieder renoviert, gestützt, gestärkt, „konfirmiert“ werden.
Paulus vergleicht unser irdisches Haus, unser Leben mit einem Zelt – Luther übersetzt „Hütte“ – da steht Zelt. Ein paar Stangen, Planen, Stricke – die muss man immer wieder neu verankern gegen den Wind und den Regen – ein Zelt fällt im Sturm in sich zusammen – ein Zelt kann leicht abgebrochen und weggebracht werden. So ist unser Leben.
So erlebt Paulus sein eigenes Schicksal. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er fühlt sich verbraucht und erschöpft. Er hat schon so viel Enttäuschungen, Angriffe, Rückschläge und Prügel einstecken müssen. Paulus ist krank oder behindert – er deutet es nur an. Sein Lebenshaus ist nicht perfekt. Es hat Risse und Schäden. Es ist zerbrechlich wie ein leichtes Zelt. Trotzdem ist Paulus keineswegs resigniert. Seine Kräfte nehmen ab.
Aber er sagt: Davon lasse ich mich nicht klein kriegen. „Wir werden nicht müde.“ Denn Paulus erlebt gleichzeitig eine ganz andere, gegensätzliche Entwicklung. Er schreibt: „wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert – gleichzeitig wird das, was ich zukünftig sein werde, auf unsichtbare Weise schon jetzt ganz neu in mir begründet und wächst mit jedem neuen Tag.“ Paulus erlebt in sich ein Wachstum, ein Neu- und Starkwerden, eine Hoffnung. Je schwächer er äußerlich wird, desto offener wird er für das Neue, das Gott ihm schenkt und das Jesus in ihm wirkt. Er ist immer enger mit Jesus verbunden. So kann er sagen, er sei  in Jesus Christus. Wenige Verse nach unserem Textabschnitt steht: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
In Christus und das heißt von Ostern her wird alles neu. Von Ostern her gewinnt das Leben. Wir stöhnen noch unter der Last der Vergänglichkeit. Wir erschrecken noch vor dem Tod und haben Angst vor Abschied, Leid und Schmerzen. Paulus aber schreibt: Unsere Trübsal, unsere Bedrängnis wiegt leicht – viel schwerer ist die unfassbare Fülle ewiger Herrlichkeit, die Gott uns schenkt.
Stellen Sie sich vor: Da sitzen Tod und Leben auf einer Wippe. Der Tod macht sich breit mit all seiner düstern Last und lässt grinsend das Leben in der Luft zappeln. Aber das Leben wird schwer und schwerer. Und der dürre Tod wird durch die Luft geschleudert. Das ist unsere Hoffnung seit Ostern: Das Leben hat das größere Gewicht. Es besiegt den Tod. Gott hat schon entschieden: Für das Leben.
Dreimal steht in unserem Text das Wort ewig. Wir können allenfalls ahnen, was ewig und Ewigkeit bedeuten mag. Ewig ist größer, wie eine andere Dimension. Jesus gibt uns die Hoffnung auf ewiges Leben. Der Glaube ist schon berührt von der Ewigkeit Gottes. Gottes Ewigkeit umgibt unser zerbrechliches Lebenshaus. Sie scheint in unser Leben hinein. Paulus erfährt Tag für Tag, dass Gott ihn aufbaut, dass das Leben schwerer wiegt.
Und er hofft auf das ewige Haus, von Gott erbaut, nicht mit Händen gemacht. Unser Lebenshaus gleicht einer Baustelle. Manches ist nicht fertig oder gehörte schon längst renoviert. Und doch fällt in die Zimmer ein herrliches wunderbares Licht. Gottes Ewigkeit umgibt unser Leben.
Wir können das Unfertige und Unvollkommene stehen lassen, den Karrierewunsch, der sich nicht erfüllt hat, den Traum, der ein Traum blieb, die Belastung, das Zerbrechen von Beziehungen, etwas, was unser Leben einschränkt. Gottes Ewigkeit umgibt unser Leben. Schon als Gott uns schuf, zeigte die Waage auf Leben. Er hat sich für uns entschieden.
Wir können frei sein von der Angst Leben zu verpassen, frei von der Angst zu kurz zu kommen, frei von der Angst um uns selbst. Gott schenkt uns ein Ahnen von Ewigkeit, Licht, das in unser Lebenshaus fällt. In der Liebe, die uns bewegt, in allem, was wir liebevoll tun, erfahren wir, was Ziel und Sinn unseres Lebens ist.„Wir haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lebenszeichen, Predigt über Lk10,20

Predigt am 15.4.18 von Andreas Hansen über Lk 10,20

Gottesdienst zum Auftakt der Kunstausstellung Andreas Ernst (zoolo) - im Gottesdienst ist ein Bild von zoolo zu sehen, dh ein von ihm bemalter und gestalteter Bunker an der Antlantikküste - Harry White, Saxophon, und Jakoba Marten-Büsing, Orgel spielen auch einmal währen der Predigt

Philip Glass ( geboren 1937) zwei Melodien für Saxophon (1995)

„ZOOLO“ – ein Bunker, eine Wandfläche, ein Eisenbahnwaggon bekommen eine Signatur, ein Lebenszeichen. Zoon, Lebewesen – der Name erinnert daran. Ein Lob der Schöpfung – so würde ich das Bild an der Außenwand unseres Gemeindehauses nennen. Der kahlen Wand, dem toten Beton des Bunkers wird widersprochen. Wir finden uns nicht mit dem düsteren Grau ab. Nein, wir leben, wir hinterlassen Lebenzeichen, bunt, fröhlich, lebendig.
Ich schreibe meinen Namen. Ich signiere – nicht umsonst klingt segnen ähnlich. Ich lebe. Leben soll sein. Gesegnet sei alles Leben.
Lebenszeichen widersprechen dem, was erstarrt und tot ist – so empfinde und deute ich sie.

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ (Lk 10,20) So sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern.
Ich schaue hinauf zum Himmel und sehe den Kondensstreifen eines Flugzeugs, ein weißes Band 10000 m über der Erde. Fast wie mit unsichtbarer Hand gezogen entsteht die Linie am Himmel. Aber schon nach wenigen Minuten verblasst sie, ohne Spur verschwindet sie.
Sind unsere Namen so im Himmel geschrieben? So flüchtig?
Menschen werden vernichtet, als wären sie nichts. Ein Lebensmüder fährt in Menschen vor einem Cafe und erschießt sich dann. Zynische Machthaber werfen Giftgas auf wehrlose Zivilisten in Syrien. Menschen werden einfach so ausradiert. Die Zahlen und Bilder der Opfer erschrecken uns kaum noch.
Man könnte glauben, ein Leben ist bedeutungslos. Ist es so?
Nein, unsere Namen sind eingeschrieben im Himmel, wie in Stein geritzt – engraphein, das klingt wie eingraviert – im Himmel, bei Gott, ist nichts verloren; was dort geschrieben ist, bleibt.

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Unsere Namen sind kostbar. Wie schön klingt der Name dessen, den ich liebe. Wie vertraut und lieb ist mir alles, was ich mit seinem oder ihrem Namen verbinde. Wie schön kann mein Name klingen im Mund eines Freundes, der mich schätzt. Unsere Namen sind kostbar, weil wir kostbar sind, gerufen, geliebt, angenommen. Und wir selbst nennen liebevoll die Namen der Geliebten.
„Mose, Mose“ ruft Gott aus dem brennenden Dorn-busch. Gott hat etwas vor mit dem Flüchtling Mose. Er beruft und begabt ihn zu einem großen Auftrag.
„Zachäus, komm schnell, ich muss dich besuchen!“ Jesus spricht den verachteten Kooperateur der Besatzungsmacht mit Namen an – woher kennt er ihn nur? Zachäus ist glücklich – „er sieht mich;  er will tatsächlich zu mir“ – nun kann Zachäus umkehren.
„Maria“, ruft Jesus. Weinend steht sie vor dem leeren Grab und versteht nicht und ist außer sich. Sie erkennt ihn nicht, aber dann sagt Jesus ihren Namen: „Maria“. „Nicht zu fassen: Er ist da. Er lebt und steht vor mir und spricht mich an, mich!“ Wer mich mit Namen anspricht, kennt mich und meint mich. Jesus spricht Maria an. „Der Tod ist besiegt. Du sollst leben.“

Eugene Bozza (1905-1991), Aria pour Saxophone alto et Piano

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Ich gebe meinen Namen bei Google ein und staune, wie viele Träger meines Namens es gibt.
Als ich in der sechsten Klasse war, gab es da viermal Andreas. Das war anstrengend.
Trotzdem steht mein Name für das, was mich unverwechselbar ausmacht. Ich bin geprägt von vielen Einflüssen und Gegebenheiten, die andere ebenso prägen. Und doch bin ich, ist jede und jeder von uns einmalig und besonders.
„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat“ erklärt Martin Luther zum ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses: Mich, so unverwechselbar wie ich bin, mich, der diesen Namen trägt.
„Freut euch, dass ihr einmalig seid, jede und jeder etwas ganz Besonderes.“
Einmalig und besonders sind wir für den, der unseren Namen nennt, der ihn sogar in den Himmel eingraviert.
Aber die meisten von uns sind doch gar nicht so besonders, normale Jugendliche, Erwachsene  oder Alte mit normalen Lebensläufen, Familien, Freundeskreisen, nichts Ungewöhnliches. Die meisten von uns werden nicht berühmt und wollen das auch gar nicht. Nur sein wie die anderen wollen wir, einigermaßen zufrieden bitte und möglichst von großem Unglück verschont.
Und wir sollten etwas Besonderes sein, wir mit einem Stern in einem himmlischen Walk of Fame? Kann das wahr sein?
„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Jede und jeden von uns ruft Gott mit Namen. Jede und jeder von uns hat eine eigene ganz besondere Beziehung zu Gott.
Wie wir unter Geschwistern jede und jeder ihre und seine eigene Beziehung zu den Eltern haben und uns manchmal wundern, wie eigen und anders wir sind. Dabei wickelt der kleine Tom Mama um den Finger und sein Bruder Tim muss immer Streit anfangen, bis Mama schimpft. Eltern sind manchmal so ungerecht. Kinder sind manchmal   so schwierig.
Jede und jeder von uns hat eine besondere ganz eigene Beziehung zu Gott. Jede und jeder ist von Gott gerufen, jede und jeder auf besondere Weise begabt, beauftragt, begleitet.
Jede und jeder von uns kann auf seine und ihre Weise antworten. Auf unsere Antwort wartet Gott. Er sehnt sich nach unserer Antwort. Darum hat er uns ja so einmalig und frei geschaffen.
Anders als manche Kinder bei ihren Eltern haben wir alle bei Gott einen dicken Stein im Brett: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
Tragen wir unsere Namen so!
Tragen wir unsere Namen stolz, als stünden sie auf einem Stern im Himmel.
Tragen wir sie froh, weil Gott uns mit Namen ruft und uns nie vergisst.
Schreiben wir unsere Namen fröhlich und bunt, Protestzeichen gegen alles, was Leben zerstört, Lebenszeichen gegen das Grau.
Amen

Lied: Gott hat das erste Wort EG 199

Tränen der Wut und Jubel über das Leben, Predigt über 1.Samuel 2,1-8

Predigt am 1.4.18 von Andreas Hansen über 1.Sam 2,1-8

Als Evangelium zum Ostersonntag hörten wir Joh 20,11-18 Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen

Eine Frau steht im Tempel und betet. Sie ist verzweifelt. Sie klagt Gott ihr Leid. Ein Priester beobachtet sie. Sie bemerkt ihn nicht einmal. Lautlos bewegen sich ihre Lippen. Immer weiter betet sie – und sie weint. Der Priester denkt, sie muss betrunken sein und spricht sie an. Dann versteht er und tröstet Hanna.
Viele Menschen klagen Gott ihr Leid und zerbrechen fast an dem, was sie ertragen müssen. Viele fragen sich: „Hört Gott mich? Kümmert ihn mein Schicksal?“
Einige Jahre später kehrt Hanna zurück. Sie erinnert sich an ihr Gebet. So verzweifelt war sie, so am Boden. Und jetzt steht sie aufrecht und froh. Ja, Gott hat sie gehört und aufgerichtet. Und wieder betet Hanna, sie singt ein Lied der Freude über Gott:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.  Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.  Es ist niemand heilig wie der HERR,  außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.
Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr.
Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.
Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.
Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.
Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.  (1.Sam 2,1-8)

Samuel, so nennt Hanna ihr Kind: Gott hört.
Gott hat mich erhört. Ich war wie ein Nichts, so verachtet und verspottet. Eine Frau ohne Kind ist nichts wert. Sie kann verstoßen werden.
Ein unerfüllter Kinderwunsch lässt auch heute manche Paare verzweifeln. Für Hanna damals bedeutete er das soziale Aus. Und neben ihr war  seine andere Frau mit ihrer wachsenden Kinderschar. Ein spöttischer Blick von ihr genügte um Hanna zum Heulen zu bringen. Aber jetzt kann sie aufrecht stehen und fröhlich singen. Hanna singt von Gott. Gott verwandelt Trauer in Freude, Ängste in Mut, Sorge in Zuversicht, ja sogar Tod in Leben.

Zum zweiten Mal ist jetzt von Tränen die Rede, zwei weinende Frauen, Maria Magdalena und Hanna. Man könnte meinen, Ostern ist etwas für Heulsusen, eine Art Trost für Zartbesaitete. Keineswegs! Maria gibt sich nicht zufrieden. Sie geht nicht heim wie Petrus und der andere Jünger. Sie muss wissen, was passiert ist. „Das geht doch nicht, dass sie Jesus weggenommen haben!“
Und auch Hanna zerfließt nicht vor Selbstmitleid. Ihr kommen auch vor Wut die Tränen.
Liebe Gemeinde, auch Wut gehört zu Ostern, Wut über die Gemeinheiten, die Menschen angetan werden, Wut über Krieg und zynische Macht, Wut über bösartige Krankheit, Wut über den Tod und all seine Helfer, alle Todesmächte. Da können einem schon die Tränen kommen, wenn man nicht so tut, als wäre die Welt heil und in Ordnung. Wut gehört zum Ostermorgen. Wir stellen uns aller Todesmacht entgegen. Der Tod ist besiegt. Er behält nicht das letzte Wort. Ostern ist auch der Triumph nach allem Leid. Der Karfreitag ist nicht vergessen.
Die Wut bebt noch in Hannas Lied. Sie schreit ihre Feinde an. „Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt“! Sie äußert ihre Wut unverblümt – das Gefühl können wir nachvollziehen. Aber um Rache geht es nicht. „der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen“ Hanna singt von den Schwachen und Armen, von denen, die keine Chance haben, von denen, auf die andere herabsehen. Gott ist auf ihrer Seite. Er kümmert sich um sie. Er sieht das Leid der hebräischen Sklaven in Ägypten. Er hört die, die ihn rufen wie Hanna. Er ist bei denen, die im Schatten stehen.
Gott „hebt auf den Dürftigen aus dem Staub“. Das ist Hannas beglückende Erkenntnis. Gott steht nicht nur bei den Erfolgreichen und Mächtigen, bei den Gewinnern. Er wendet sich gerade zu den Dürftigen und zu denen im Staub, den Überforderten, den Gestürzten, den Verlierern und hebt sie auf, richtet sie auf, schenkt ihnen Leben.
Hanna weiß nichts von Jesus. Sie hat rund tausend Jahre vor ihm in Israel gelebt. Aber sie macht doch eine Ostererfahrung. Ihr Lied weist über ihr eigenes Schicksal hinaus. Hanna erlebt: „Gott hat mein Gebet gehört. Ich war nie allein, auch als ich verzweifelte. Gott war bei mir.“
Wir erschrecken vielleicht, wenn wir lesen: „Der Herr tötet und macht lebendig…“. Ich verstehe es so: Keine Macht ist Gott ebenbürtig. Der Tod, der uns so erschreckt, oder das Böse, das sich in der Welt austobt, sie stehen nicht annähernd auf einer Stufe mit Gott. Gott, der Schöpfer, hat das erste und das letzte Wort über uns und über die Welt. Weil er uns liebt und unser Leben will, darum hat er uns erschaffen. Auch in Unglück, Krankheit oder Tod sind wir in Gottes Hand.
„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn, mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.“ Wir besingen mit Hanna den Gott des Lebens. „Es ist niemand heilig, wie der Herr, außer dir ist keiner…“ Sie ist außer sich vor Freude. Sie jubelt über Gott. Hanna weiß noch nichts von Jesus. Und doch hat ihr Lied einen österlichen Klang.
Gott hat Jesus vom Tod auferweckt. Der Tod ist besiegt.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. 
Wir gehen über den Friedhof und singen von der Auferstehung unseres Herrn. Da stehen Kreuze und erzählen davon, dass wir in Gottes Liebe bleiben. Sinnvoll, wertvoll, kostbar ist das Leben, denn Gott schenkt und behält es in seiner Liebe.
Der Tod und alle Todesmacht sind besiegt. Nach Zeiten tiefer Trauer lernen Menschen wieder zu lachen. Trotz Krankheit und Schmerzen genießen Menschen ihren Tag und freuen sich über alles Schöne, das sie erleben dürfen.
„Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.“ Hanna verspottet die Mächte des Todes. Ihre Wut gegen das Böse, gegen die Todesmacht bleibt, aber ihre Tränen haben sich in Triumph gewandelt. Sie hat eine österliche Freude im Herzen. So singt Paulus ein Spottlied über den Tod:
„Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch Jesus Christus, unseren Herrn.“

Der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und  Sinne in Christus Jesus. Amen

Schluss mit Opfern! – Predigt an Karfreitag Hebräer 9,24-28

Predigt am 30.3.18 von Andreas Hansen über Hebräer 9,24-28

Wir schauen auf Jesus am Kreuz – „o Haupt voll Blut und Wunden“. Da stehen sie und gaffen und spotten über seine Ohnmacht – „hilf dir doch selbst, wenn du es kannst!“ – nur von weitem sehen auch die Freunde zu und können es nicht fassen.
Er wehrt sich nicht. Er wird zum Opfer von Unrecht, Lüge und Machtmissbrauch. Er lässt sich zum Opfer machen. Unvorstellbar, ein Skandal war das Opfer damals und ist es auch heute. 
Wie ist zu verstehen, was am Kreuz geschieht?

Wir hören fast täglich von Opfern.
“Frankreich wird niemals sein Heldentum, seine Tapferkeit und sein Opfer vergessen.“, schrieb der Innenminister. Vor einer Woche starb der Polizist Arnaud Beltrame. Er ließ sich für eine Geisel eintauschen. Es ist mutig und schön, wenn ein Mensch für andere einsteht und sogar sein Leben einsetzt. Es ist furchtbar, dass er und andere zu Opfern des Terrors wurden.
Über 60 Menschen, darunter viele Kinder sterben beim Brand eines Einkaufszentrums in Kemerowo in Sibirien. Fahrlässigkeit und Korruption ist wohl der Grund für die große Zahl der Opfer.
Wir hören von Verkehrsopfern, Opfern der Kriege in Syrien, im Jemen, immer noch in der Ostukraine und in vielen anderen Kriegen.
Und immer, wenn wir von Opfern reden, ist Böses geschehen, Unrecht und Gewalt und Unglück.
Keine Opfer mehr! So möchten wir schreien, wie Hunderttausende Jugendliche in den USA.
Es reicht. Es ist unerträglich. Hört auf! Es ist schrecklich, wenn Menschen zu Opfern gemacht werden.
Jesus am Kreuz schreit: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ und stirbt.
Will Gott dieses Opfer? Warum setzt er sich so aus, dass er zum Opfer wird?
Gott will keine Opfer. Er braucht sie nicht. Das Leid unschuldiger Opfer ist für ihn unerträglich. Gott ist barmherzig, unser Vater.
„Es reicht. Hört auf, Menschen zu Opfern zu machen!“
Darum stirbt Jesus am Kreuz.

Hören wir den für heute gegebenen Predigttext aus dem Hebräerbrief. Ein unbekannter Autor schreibt an eine judenchristliche Gemeinde und deutet den Tod Jesu. Er bezieht sich auf das Opfer, das der Hohe Priester einmal im Jahr im Tempel darbringt.

Er schreibt:  Hebr 9,24-28  (Zürcher Übersetzung)

Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des echten, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor Gottes Angesicht für uns einzutreten.
Er ist auch nicht hineingegangen, um sich immer wieder darzubringen, so wie der Hohe Priester Jahr für Jahr mit fremdem Blut ins Heiligtum hineingeht; sonst hätte er nämlich immer wieder leiden müssen seit Grundlegung der Welt.
Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Und wie es den Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, und dann kommt das Gericht, so ist auch Christus ein einziges Mal geopfert worden, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen. Ein zweites Mal wird er nicht  der Sünde wegen erscheinen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

Opfer gehören zum Gottesdienst. Das ist für Menschen in der Antike selbstverständlich, auch wenn wir es grausig finden. Das Heiligtum ist der Ort der Opfer. Hier ist Gott zu finden. Tieropfer, besonders das Blut wird Gott dargebracht, denn Gott gehört das Leben. Mit Opfern kann man dem Herrn des Lebens, dem Heiligen nahe kommen.  Opfer zeigen Dank und Reue.
Das heiligste aller Opfer ist eben das, das der Hohe Priester einmal im Jahr für das ganze Volk darbringt. Nur einmal im Jahr geht der Priester in das Innerste des Tempels, das Allerheiligste. In diesem feierlichen Moment geschieht Versöhnung mit Gott. Vielleicht gibt es den Tempel in Jerusalem schon nicht mehr, als der Hebräerbrief geschrieben wird. Der Tempel und die Stadt wurden im Jahr 70 von den Römern zerstört. Damit war der Opferkult in der jüdischen Religion vorbei. Aber jeder versteht noch, wovon die Rede ist, wenn der Brief Jesus mit dem Hohen Priester vergleicht.
Nur ist Jesus noch unvergleichlich viel heiliger als ein Hoher Priester. Er geht nicht in ein von Menschen gebautes Heiligtum, sondern steht vor Gott selbst. Er bringt nicht das Blut von Tieren dar, sondern er opfert sich selbst. Und das geschieht nicht alle Jahre wieder, sondern ein einziges Mal.
Ein einziges Mal oder ein für alle Mal geschieht das Opfer Jesu.
Der Tod Jesu verändert die Welt. Die Liebe Gottes verändert die Welt.
In dem Moment, als Jesus stirbt, wird die Welt eine andere.
Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Jesus hebt die Sünde auf.
Sünde ist wie eine Mauer zwischen Gott und uns, ein gestörtes Verhältnis.
Wir errichten die Mauer der Sünde. Wir widersprechen seiner Liebe. Wir wollen unser Leben in die Hand nehmen, nicht von ihm empfangen. Wir wollen tun, was uns richtig erscheint, nicht ihm folgen, nicht gehorchen. Gott genügt uns für Notfälle, ansonsten vergessen wir ihn. Wir sind von uns selbst eingenommen, von unserer Gier gehetzt, von unserer Angst gelähmt. Gleichgültig und selbstsüchtig machen wir Menschen zu Opfern. Wir verschließen uns für Gott und zugleich auch für unsere Mitmenschen: wie eine Mauer ist das.
Jetzt aber ist Jesus am Ende der Zeiten ein einziges  Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.
Die Mauer ist offen. Ein für alle Mal ist sie geöffnet. Es soll keine Opfer mehr geben.
Gott protestiert gegen einen Opferkult, der viel grausiger ist als die Tieropfer in antiken Tempeln.
Gott erträgt nicht, dass Menschen der Geldgier und der Machtgier geopfert werden, dass wir gleichgültig Opfer in Kauf nehmen.
Schluss damit!
Noch immer werden wir schuldig aneinander.
Aber die Mauer ist offen, ein für alle Mal. Niemand wird sie je wieder schließen. Die Sünde kann uns nicht trennen von Gott. Das gilt ein für alle Mal. Amen