Archiv der Kategorie: Predigten

„Lass uns nicht in Ruhe, Gott!“ Predigt über Jeremia 14,1-9

Predigt am 19.1.20 von Andreas Hansen über Jer 14,1-9

Gott spricht sein Ja. Gott hat Ja zu uns gesagt. Gott hat die Erde und uns Menschen geschaffen. Gott sagt ein unverbrüchliches Ja zu uns in Jesus.
Aber Gott hilft uns nicht wie auf Knopfdruck. Es ist nicht so, dass wir beten: „Hilf uns, Gott!“ und schon ist alles wieder heil. Gott bewahrt uns nicht vor allem Bösen und auch nicht vor dem, was wir selbst anrichten. Und wenn ein Unglück wütet, geraten wir in Angst, dass Gott uns verlassen könnte.

„Some of us have seen, what´s coming“ schreibt Cody Petterson aus Kalifornien in seinem Blog im April 2019. Einige von uns haben gesehen, was kommen wird. Tausende reagierten auf die Ver-zweiflung, die er beschreibt. Ein Jahrzehnt lang hat er versucht, ein Naturschutzgebiet wieder aufzuforsten. Dann wird ihm auf einmal bewusst, dass er es nicht schafft. Die meisten seiner jungen Bäume sind abgestorben. Cody sitzt weinend in seinem Auto. Wie kann er das seinen Kindern sagen? „Am 1. April 2019, kurz nach 15 Uhr starb meine Zuversicht, ein Phantasiebild in mir … Wir werden nicht retten, was einmal war.“ „Some of us have seen, what´s coming“
Einige sehen, viele verschließen die Augen.
2007 hat der Weltklimarat der Vereinten Nationen vorhergesagt, dass sich in Australien ab 2030 der Klimawandel bemerkbar machen wird, durch Dürren und heftige Buschfeuer in immer kürzeren Abständen. Eine australische Studie von 2008 sagte voraus, es wird schon 2020 soweit sein. Eine Fläche so groß wie ein Drittel von Deutschland brennt dort oder ist verbrannt.

Den Predigttext habe ich nicht ausgesucht. Er ist uns für diesen Sonntag vorgegeben:
Das war das Wort des HERRN an Jeremia aus Anlass der Dürre-Not. (Gott sagt:)
Juda trauert, und seine Tore sind verfallen, trauernd sind sie zu Boden gesunken, und Jerusalems Schreie steigen empor. Und ihre Mächtigen schicken ihre Diener nach Wasser, sie kommen zu den Gruben, sie finden kein Wasser, sie kehren zurück, ihre Krüge sind leer, sie stehen in Schande und sind beschämt und verhüllen ihr Haupt. Wegen des Ackers voller Risse – ein Schrecken!, weil kein Regen auf das Land fiel, stehen die Bauern in Schande da, sie verhüllen ihr Haupt.  Sogar die Hirschkuh auf dem Feld: Sie verlässt das Junge, das sie geworfen hat, denn da ist kein Gras. Und Wildesel stehen auf kahlen Höhen,  wie die Schakale schnappen sie nach Luft, ihre Augen sind erloschen, denn da ist kein Kraut.
(Das Volk antwortet:)
Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, HERR, so handle, um deines Namens willen! Oft sind wir treulos gewesen, wir haben gesündigt gegen dich! Du, Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Not! Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und dein Name ist ausgerufen über uns! Lass uns nicht in Ruhe!      (Jeremia 14,1-9)

Gott sagt Ja. Er liebt seine Geschöpfe. Er liebt uns, seine Kinder. Gott sagt Ja zu uns und wartet sehnlich auf unsere Antwort.
Denn es ist Gott, der das Elend seiner Schöpfung beklagt. Wie in Australien liegt in Israel die Gefahr einer Dürrekatastrophe nahe. Gott klagt über die Dürre, die zur Zeit Jeremias herrscht. Gott leidet mit, wenn seine Geschöpfe leiden.
Die Tore Judas sind verfallen und trauernd zu Boden gesunken. Im Tor ist der Treffpunkt der Menschen, aber da ist niemand mehr. Die Diener gehen schon nicht mehr zu Quellen und Brunnen, aber selbst in Gruben oder Pfützen finden sie kein Wasser. Verzweifelt sehen die Bauern den rissigen Boden. Sie mühen sich vergeblich für Nahrung zu sorgen. Hirschkühe verlassen gegen ihren Instinkt ihr  Neugeborenes. Selbst die genügsamen Wildesel japsen nach Luft mit gebrochenen Augen. Eine beklemmende Schilderung.
Ich fragte Euch Konfirmanden und Ihr meint: Das erinnert an den Klimawandel, an die Feuer in Australien, auch an Krieg und Not in unserer Zeit. Was da geschieht, weckt in uns Trauer, Mitleid, auch Angst, Wut, Verzweiflung. „Mir wird klar, wie gut es mir geht“ – wie schön und kostbar, dass wir so selbstverständlich Wasser haben. Aber Ihr habt auch den Wunsch, dass wir etwas tun sollen, nicht aufgeben sollen, etwas ändern.
Die Dürre damals, die Katastrophe in Australien heute ist zum Verzweifeln. Und doch bleiben viele cool, als ginge es sie nichts an. Gerne verdrängen und beschwichtigen wir. Lange haben wir die Warnungen überhört. Schon seit über 40 Jahren wird vor dem Klimawandel gewarnt. Wir können die blinden Flecken immer besonders gut bei anderen sehen, zB beim australischen Präsidenten Scott Morrison, der den Klimawandel bis vor wenigen Tagen geleugnet hat und noch immer vehement für den Abbau von Kohle wirbt. Nur mühsam ringen wir uns dazu durch zu sehen, wie sehr auch wir verstrickt sind: Mitschuldig durch unseren Verbrauch an Ressourcen und mitbetroffen von der Not.
Jeremia predigt gegen die Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen. Er möchte sie am liebsten schütteln,  damit sie endlich aufwachen. Er möchte ihnen ihre allzu bequeme Gläubigkeit austreiben. Das ist nicht Glauben, wenn ihr meint: „Gott muss uns doch helfen. Wir beten ein wenig und Gott hilft dann schon. Es ist alles gut. Wir sind sicher.“ Jeremia ist empört über die religiöse Selbstsicherheit. Gott ist nicht einfach so verfügbar für uns.  Wir können Gott nicht bei Bedarf herbeizitieren.
Die Antwort des Volkes auf Gottes Klage heißt: „Wenn unsere Vergehen gegen uns zeugen, HERR, so handle, um deines Namens willen!“   Ein halbherziges Schuldbekenntnis, sofort verbunden mit einer Aufforderung: „Du musst doch um deines Namens willen was tun, Gott!“ Sie wollen sich nicht ändern. Sie schieben Gott die Verantwortung zu: „Jetzt rette uns, bitteschön!“
Aber Gott lässt sich nicht gleichsam anschalten. Und nun machen sie ihm Vorwürfe und sie haben Angst: „Du, Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Not! Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten? Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und dein Name ist ausgerufen über uns!“
Ihr habt die Angst und den Zweifel gut herausgehört: „Ist es Gott egal, was geschieht? Will er nicht helfen? Verschwindet Gott? Hat er uns verlassen? Was soll nur werden?“

Jeremia lässt uns nicht in bequemer Gläubigkeit. Die offenen Fragen dürfen wir nicht verdrängen. Die Not der Welt lässt Gott selbst klagen – lassen wir uns davon bewegen! Schieben wir nicht die Verantwortung von uns! Gott sagt Ja zu uns, Ja zu seiner Schöpfung. Sein Ja gilt, auch unter großen Schmerzen über das Leid der Schöpfung und das Unrecht in unserer Welt. Gott sagt Ja zu uns, aber Gott ist nicht eine bequeme Ausrede für unsere Gleichgültigkeit.
Am Ende steht die Bitte: „Lass uns nicht in Ruhe!“ Die meisten übersetzen „Verlass uns nicht!“ aber wörtlich bittet Jeremia: „Lass uns nicht in Ruhe!“

Wir brauchen deine Unruhe, Gott,
über das, was in der Welt geschieht,
über uns selbst.
Überlass uns nicht uns selbst!
Lass uns nicht in Ruhe! Amen

Quellen:

http://youthleadermagazine.com/cody-petterson-the-pine-valley-is-lost/

Die ZEIT vom 16.1.2020: Dossier über Australien

Übersetzung: Zürcher und Teile aus Christina Constanza, Detlef Dieckmann, Dürrezeiten – Klagezeite – oder: Vom Ende der Ruhe, GPM, Jg. 74, Heft 1 , S. 119 ff

Worte wie ein warmer Wind im Rücken, Predigt über Mt 3,13-17

Predigt am 12.1.20 von Andreas Hansen über Mt 3,13-17

Im Gottesdienst werden die alten Kirchengemeinderäte verabschiedet und die neuen eingeführt

Epiphanias, Erscheinung Christi – so heißt der 6. Januar. Da feiern die Christen der Ostkirche erst Weihnachten. Wir sind noch in der Weihnachtszeit. „Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon.“ (1.Joh 2,8) Dieser Vers gehört zu Epiphanias.
Der neue Kirchengemeinderat beginnt in der Epiphanias-Zeit. Das passt gut. Im Licht Jesu Christi fangen wir an. Das Licht Christi soll unsere Gemeinde leiten. Das Licht Christi erhellt die komplizierte, verrückte, friedlose Welt, in der wir leben. Viele Menschen müssen im Schatten von Krieg leben. Wie nah die Gefahr sein kann, haben wir letzte Woche gespürt. Auch sonst gibt es für jede und jeden von uns dunkle Zeiten, aber wir glauben und hoffen „die Finsternis vergeht“. Christus ist alle Tage bei uns. Wir leben schon in seinem Licht.

Vor ein paar Jahren haben wir im KGR ein Leitbild für unsere Gemeinde formuliert. Im Licht Christi sind wir schon eine einladende, offene, lebendige Gemeinde – und zugleich sind wir auf dem Weg, das zu werden. Wir haben z.B. geschrieben:  „Zum Glauben an Jesus Christus gehört die Erfahrung von Gemeinschaft. Darum wollen wir eine einladende Gemeinde sein, in der wir unseren Glauben mit anderen teilen.“
Ich bin gespannt, wie wir das im neuen KGR und mit unserer Gemeinde weiterschreiben. Wir schauen immer wieder: was sind wir von Christus her schon und was wollen wir werden?
Müssen wir den Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, die Achtung vor jedem Menschen in unser Leitbild schreiben und in unserer Gemeinde neu betonen? Was sind wir von Christus her schon? Wie sollen wir Gemeinde sein?

Unser Predigttext für heute ist eine Anfangsgeschichte. Alle vier Evangelisten berichten vom erwachsenen Jesus als erstes: Jesus   kommt zu Johannes und lässt sich taufen. Hören wir, wie Matthäus davon schreibt:
Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten, und sagte: »Ich habe es nötig, von dir getauft  zu werden! Und du kommst zu mir?« Jesus antwortete ihm: »Das müssen wir jetzt tun. So erfüllen wir den Willen Gottes.« Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. Und sieh doch: Der Himmel riss über ihm auf. Er sah den Geist Gottes.  Der kam wie eine Taube auf ihn herab.  Und sieh doch: Dazu erklang eine Stimme aus dem Himmel: »Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude.«

Johannes staunt. Da steht Jesus mitten unter den Leuten, die zu ihm kommen. In Scharen kommen sie an den Jordan. Sie haben Sehnsucht nach einer neuen Zeit, nach einem neuen, guten Leben. Darum wollen sie getauft werden, ein Zeichen voll Hoffnung. Johannes  fährt die Leute an: „Kehrt um! Tut Buße! Lebt endlich gerecht!“
Was würde Johannes zu uns sagen? Vermutlich das Gleiche: „Kehrt um und lebt gerecht! Findet euch nicht ab mit Streit und Krieg! Lebt nicht so, dass ihr der Schöpfung schadet! Seid nicht so habgierig! Hört auf damit, Hass und Lüge zu verbreiten!“ Johannes hätte auch bei uns viel Grund zu schimpfen, so wie er es damals getan hat.
Jesus steht mitten unter diesen Leuten, über die Johannes schimpft. „Zu diesen Sündern passt du doch nicht, Jesus!“ Aber Jesus sagt: „Doch, hier ist mein Platz, bei den sündigen Menschen, bei den Ungerechten, bei den Friedlosen und bei den Schwachen. Zu ihnen schickt mich Gott.“ Auf solche Leute lässt Jesus sich ein.
Jetzt empfängt Jesus die Taufe wie die Leute bei Johannes, die von Gott eigentlich keine Ahnung haben, die Taufe, das Zeichen der Umkehr zu Gott. Jesus steht bei denen, die fern sind von Gott, bei den Sündern. Wir sind fern von Gott, aber Jesus ist bei uns.

Johannes staunt und muss noch mehr staunen.
Der Himmel öffnet sich. Göttlicher Glanz geht auf. Jesus sieht den Geist Gottes herabkommen. Gott lässt sich hören: Das ist mein Sohn. Ich habe ihn lieb. An ihm habe ich Freude.
Wie schön, wenn eine Mutter ihr Kind sieht und lacht und sich von Herzen freut, wenn ein Vater seine Tochter oder seinen Sohn mit glänzenden Augen freundlich ansieht. Da ist Wärme und Nähe und Vertrauen. Mein Kind, ich hab dich lieb und freu mich über dich.
Es ist zu spüren, wie gut dem Kind die Worte tun, wie es innerlich wächst und glücklich ist.
Worte wie ein warmer Wind im Rücken.
So kann man das Leben annehmen. So wird das Kind stark für alles, was kommt.
Das ist mein Sohn. Ich habe ihn lieb. An ihm habe ich Freude. Es gibt unterschiedliche Auslegungen für das, was hier mit Jesus geschieht. Wird ihm erst jetzt richtig bewusst, dass er Gottes Sohn ist? Erfährt Jesus die Stimme aus dem Himmel als Berufung durch Gott? Oder wird nun für alle offen verkündet, wer Jesus ist? Aber ganz gleich, welche Auslegung wir vorziehen, die Wärme und Vertrautheit der Worte entspricht der tiefen Verbundenheit zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater.
Worte wie ein warmer Wind im Rücken. Die Taufe gibt Jesus Rückenwind. Kraft, Mut, Vertrauen, Einsicht für das, was auf ihn zukommt. Denn das Wichtigste ist schon klar. Gott sagt: Du bist mein Sohn. Ich habe dich lieb. An dir habe ich Freude. Darauf kann sich Jesus verlassen, was auch geschieht.

Die Taufe Jesu ist ein Ur-Bild für unsere Taufe.
Gott hat zu uns gesagt: Du bist mein Kind. Ich habe dich lieb. An dir habe ich Freude.
Aber wir sind doch nicht Jesus? Nein, das sind wir nicht. Wir sind oft weit entfernt davon, wie Jesus zu lieben, friedvoll und gerecht zu leben. Aber Jesus ist doch mitten unter den Leuten, die zu Johannes kommen. Er ist bei uns. Wir leben schon in seinem Licht. Wir sind schon Kinder Gottes. Gott gibt uns Rückenwind.
Wir sind schon in der Taufe dazu berufen Jesus zu folgen. Wir sind schon berufen und begabt für unseren Weg. Wir sind gestärkt für den nächsten Schritt, für eine Entscheidung, für einen Abschied, für eine neue Aufgabe.
Martin Luther meinte einmal, die Taufe genügt und begabt uns schon Pfarrer oder Bischof oder Papst zu sein.
Die Zusage der Taufe gibt uns  Kraft und Mut, Vertrauen und Einsicht Kirchengemeinderätin  oder Kirchengemeinderat zu sein. Wir wachsen innerlich, Menschen, die Gott aufrichtet, Menschen, die Gottes Worte hörenund ernst nehmen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Verrückt? Predigt zu Hebr 13,8+9a am 31.12.19

Predigt am 31.12.19 von Andreas Hansen über Hebr 13,8+9a

Unser Predigttext für den letzten Abend des Jahres sind eineinhalb Verse aus dem Schlusskapitel des Briefes an die Hebräer:
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Wie verrückt ist die Welt gerade? Jede Woche stellt die ZEIT diese Frage an einen bekannten Menschen. Schätzen Sie auf einer Skala von eins bis zehn ein: Wie verrückt ist die Welt gerade? Was meinen Sie? Wie würden Sie den Verrückt-heitsgrad der Welt aktuell einschätzen? Bitte zeigen Sie per Handzeichen, wie Sie die Frage beantworten! Würden Sie sagen, der Verrückt-heitsgrad der Welt liegt auf einer Skala zwischen eins und zehn aktuell unter fünf? Liegt er bei sechs? Bei sieben? Acht? Neun? Oder, absolut verrückt, bei zehn? 
In der letzten ZEIT wurde Klaus-Dieter Kottnik gefragt. Er ist ursprünglich Pfarrer und schon lange für diakonische Einrichtungen tätig. Er meint „Ich glaube, die Welt ist zwischen 7 und 8. Ich kann mich in meinem Leben nicht an so komplizierte Zeiten erinnern wie jetzt gerade.“ Unsere Welt ist kompliziert, vielleicht wirklich verrückt, durchgeknallt. Ich will Ihnen keine Beispiele dafür aufzählen.  Das wäre langweilig und Sie können es in der Zeitung und allen anderen Medien bis zum Überdruss sehen.
Aber wie gehen wir damit um?
Wie gehen wir in ein neues Jahr, wenn so vieles im Umbruch ist, so viele Fragen offen, so viele Konflikte ungelöst, so viele Menschen in Not, wenn so vieles bedrohlich und unklar ist? Wie gehen wir als Christen in das neue Jahr? Wie nehmen wir Veränderungen und Herausforderungen für uns persönlich an, auch die jenseits der politischen Fragen?

Jesus Christus, gestern und heute  und derselbe auch in Ewigkeit.  Die Christen des Hebräerbriefes sind verunsichert. Sie stehen im römischen Weltreich gegen Ende des 1.Jahrhunderts am Rand der Gesellschaft.   Sie werden angegriffen und verfolgt. Viele wenden sich von der Gemeinde ab. Anderes ist für sie wichtiger und attraktiver als der Glaube an Jesus Christus. Sie leben also nicht in der Zeit einer mächtigen Staatskirche, zu der selbstverständlich alle gehören. Sie erleben eher eine Situation, die unserer Kirche heute ähnlich ist. Die sogenannte Freiburger Studie, eine Prognose der Kirchenent-wicklung bis 2060 kommt zum Schluss: die Mit-gliederzahlen beider großer Kirchen werden bis 2060 um etwa die Hälfte zurückgehen, von heute insgesamt 44,8 auf 22,7 Millionen Christen. Den Hebräern und uns sagt der Brief: Es wird geschehen, was Gott uns durch Jesus Christus zusagt. Es gilt: gestern und heute und immer. Es gilt: Gott liebt die Welt, seine Schöpfung. Er überlässt sie nicht sich selbst. Jesus ist bei uns alle Tage, was auch geschieht. Es gilt auch: Gott liebt seine Kirche.
Etwas missverständlich ist die Übersetzung „derselbe auch in Ewigkeit“, so als wäre Jesus erstarrt, unbeweglich in Panzerglas gegossen,  ein Stück für das Museum. Gemeint ist: „Jesus Christus ist treu, gestern, heute und für immer.“ Jesus bleibt sich treu und er bleibt uns treu in allem, was sich in diesem Jahr geändert hat und im nächsten ändern wird.
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Der Grund für unser Leben bleibt, das Fundament, auf dem alles ruht.   Nichts, keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Von daher verbietet sich jeder Katastrophismus!
Wir leiden vielleicht an der Verrücktheit unserer Welt, wir fürchten die Bedrohung durch den Klimawandel, aber das ist nur ein Grund, alles uns Mögliche zu tun, damit die Katastrophe ausbleibt und allen schon jetzt Betroffenen geholfen wird.
Christen lieben nicht den Untergang, sondern die Hoffnung. Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. An der Schwelle zum neuen Jahr wünsche ich Ihnen und mir selbst ein festes Herz: Stärke und Mut, Gelassenheit und Zuversicht und Vertrauen, Liebe und Glaube und Hoffnung. Dass wir so leben können: dass wir im Herzen gefestigt die Aufgaben unseres Lebens angehen, mutig und gelassen in den Problemen, die ja nicht ausbleiben, liebevoll und klar in unseren Beziehungen zu den Menschen, die uns am Herzen liegen,  und auch zu denen, mit denen wir es schwer haben oder die gegen uns sind. Ein festes Herz wünschen wir denen, die mit ihrem Leben nicht gut fertig werden. Jede und jeder kennt bei sich die unfertigen Baustellen, Schmerzpunkte, Konflikte, unerledigte Schuld, nicht bewältigtes Leid. Vielleicht kommen wir an manchen Punkten einfach nicht weiter. Dennoch, trotz allem Unvermögen, mag das Herz fest werden: durch Gnade, weil Gottes Güte so viel größer ist als unser Herz.
Dass ihr Herz durch Gottes Gnade fest werde, erbitten wir für unsere Kinder und Jugendlichen, für Menschen in schweren Zeiten, in Krisen und Entscheidungen, für die Liebenden und die Enttäuschten, für unsere Kranken und für die Sterbenden.
Da steht ein Passiv: Das Herz wird gefestigt. Wir empfangen eine confirmatio, ein Gefestigt-Werden. Wir sind auf dem Weg des Glaubens. Dass das Herz gefestigt wird, dass wir innerlich gestärkt werden und bestehen können, das ist „köstlich“, kostbar, schön, aber nicht selbstver-ständlich. Wir können darüber nicht verfügen. Es hängt nicht von unserem Wollen oder Wirken ab. Und doch verlassen wir uns darauf. Denn es wird geschehen, was Gott uns zusagt. Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Gott bleibt uns zugewandt. Christus wird auch in Ewigkeit, am Ziel aller Wege da sein. So können wir getrost in das neue Jahr gehen. Amen

Josefs Überraschung, Predigt zum Christfest über Mt 1,18-25

Predigt am 25.12.19 von Andreas Hansen über Mt 1,18-25

Gott kommt in unsere Welt. Gott wird Mensch. Viele sagen: „Ich verstehe das nicht. Für mich sind das leere Worte.“ Nicht erst heute empfinden Menschen das Wunder von Weihnachten als Zumutung. Auch die ersten Betroffenen waren überfordert. Matthäus berichtet aus der Sicht von Josef. Wir hören die Verse, die auf den Stammbaum folgen (Mt 1,18-25):
Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria,  seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich,  ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Rechtlich gesehen sind die beiden schon ein Paar. Maria gehört schon in den Stammbaum, obwohl wir heute sagen, es ist Josefs Linie.
Maria erschrickt, als sie hört, sie ist schwanger. Sie denkt: „Wie soll das denn gehen? Josef und ich haben doch nicht miteinander geschlafen. Ein Kind? Unvorstellbar!“
Josef erschrickt ebenfalls und er denkt das Naheliegende: „Maria hat was mit einem anderen.“ Er beschließt: „Ich geh fort. Ich verlasse sie. Ein Kind von einem anderen? Unvorstellbar!“ Dabei wäre Maria noch gut weggekommen. Jeder hätte ihn für den Übeltäter gehalten.
Was da geschieht, sprengt jede Vorstellung: Ein Kind ohne Vater? Ein Kind vom Heiligen Geist? Eine schwangere Jungfrau? Wir verstehen nicht. Wie kann das sein? Gott schickt seinen Engel – das Geschehen rührt an Gottes Geheimnis. Das ist für uns zu hoch.
Wir sagen „Wunder“ dazu, und viele meinen: „Wenn ihr Gläubigen nicht weiter wisst, fangt ihr an von Wundern zu reden. Das Gleiche an Ostern: Wer glaubt schon, dass einer lebt, der gestorben ist? Damit kann ich nichts anfangen.“
Was sollen wir machen? Streichen wir aus dem Glaubensbekenntnis, was zu wunderbar und unverständlich ist?
Was macht Josef? Er nimmt ernst, was er geträumt hat. Er hält zu Maria und wartet mit ihr auf das Kind. Josef versteht so wenig wie wir – er kann es nicht vernünftig erklären. Und er kann nicht abschätzen, was jetzt auf ihn zukommt. Er lässt sich darauf ein. Und doch bleibt das eine Frage für Josef: „Stimmt es wirklich? Habe ich Gottes Engel gehört, oder war es bloß ein Traumbild? Stimmt es, was Maria mir erzählt? Was bedeutet das alles?“

Es geht nicht anders: Wir kommen wie Josef an eine Grenze. Da verstehen wir nicht und können uns nur darauf einlassen – oder es ablehnen.
Weihnachten bleibt ein Geheimnis. Ein Kind wird geboren und in diesem Kind kommt Gott in die Welt. Gott wird Mensch. Jesus ist ein Mensch wie wir und doch Gottes Sohn.
Josef lässt sich darauf ein. Er verzichtet auf alles Selbertun. Er wird manchmal belächelt, dieser Josef, der ohne eigenes Zutun zu einem Sohn kommt. In den Krippen steht er oft als alter Mann da. Nachdenklich schaut er Maria und das Kind an. Aber viel schöner ist seine Rolle, wenn wir weiter im Evangelium lesen. Er wird Maria und das Kind behüten und zu ihrem Schutz ins Ausland bringen. Josef kümmert sich um die, die ihm so wunderbar anvertraut wurden. Gott hat sich ihm anvertraut und Josef nimmt ihn als den Seinen an.
Das ist Glauben: Annehmen, dass Gott in unser Leben kommt, Sich-Einlassen auf das Wunder.
Josef und Maria sind die ersten, die glauben, was wir bekennen: Jesus ist „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“.

Gott kommt in unsere Welt. Gott offenbart sich. Gott ist bei uns in dem Menschen Jesus. „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ – das heißt: Wir sind ganz und gar Empfangende.
Die Jungfrauengeburt kann missverstanden werden. Sie wurde gründlich missverstanden. Sie bedeutet nicht, dass Jesus eine Art Übermensch oder Halbgott wäre. Jesus ist ein Mensch wie wir. Jungfrauengeburt heißt nicht, dass Sexualität schlecht ist und dass Jungfräulichkeit an sich irgendwie „heilig“ ist. Dieses Missverständnis hat verheerend gewirkt. Es ist ganz und gar falsch und entspricht auch nicht dem, was in der Bibel steht.
Ob wir nun die Jungfrauengeburt wörtlich nehmen, ob wir sie als eine Legende verstehen oder als metaphorische Ausdruck: Gott, und nur Gott handelt, Gott allein entscheidet, in Jesus zu uns zu kommen. Gott ist in diesem Menschen Jesus der „Immanuel“ – Gott ist mit uns, Gott ist bei uns. Jesus ist der ganz und gar menschliche Sohn seiner Mutter Maria. Aber dass in Jesus Gott zur Welt kommt, geschieht ausschließlich durch Gott. Ohne dieses Geheimnis ist christlicher Glaube nicht vorstellbar.

Ich möchte mich neben Josef stellen und von ihm lernen. Ich möchte Gott in meinem Leben annehmen.
Wir schauen Jesus an, ein Kind wie jedes andere. Wir denken an das, was uns über das Kind gesagt ist: „Immanuel“ – Gott ist bei uns.
Ich weiß nicht, was sein wird, aber ich vertraue, Gott ist bei mir und bei uns. In meinem Leben, in meiner Liebe, in meiner Freude, in meinem Frust, in meinem Scheitern. Wie lange werde ich gesund sein? Gott ist bei mir. Werde ich schaffen, was ich mir vornehme? Gott ist bei mir. Gott ist bei uns.
Gott ist Antwort und Ziel. Gott ist Liebe und Geborgenheit. Gott ist auch Aufgabe und Forderung: ihm zu antworten, für ihn da zu sein, für den Mitmenschen, für die Schöpfung da zu sein.
Ich möchte mich neben Josef stellen und Jesus ansehen und glauben. Amen

es geht um uns, Predigt zur Christvesper über Gal 4,4-7

Predigt am 24.12.2019 von Andreas Hansen über Gal 4,4-7

Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Worte des Weihnachtsevangeliums hören? Ist die Geschichte vertraut und spricht Sie an, oder rauscht sie vorbei – man hört schon nicht mehr hin – es ist ja so viel in diesen Tagen. Haben Sie den Eindruck, Sie kommen in dieser Geschichte vor?
Es geht um uns. Gott geht es um uns.
Wir werden verändert durch Jesu Geburt. Das Kind von Bethlehem gibt uns einen neuen Stand.
Ganz anders als der Evangelist Lukas schreibt der Apostel Paulus. Er nimmt sich keine Zeit das Wunder zu bestaunen. Nicht einmal Marias oder Josefs Namen erwähnt er. Paulus konzentriert sich darauf, was für Folgen die Geburt Jesu für uns hat. Ich lese vier Verse aus dem Brief an die Gemeinden in Galatien:

 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

 Martin Luther meint zu dieser Weihnachtsge-schichte: Hier wird der Mensch „geadelt und gekönigt und gekaisert. Diese Ehre ist höher denn alle Engel. … Es wäre nit Wunder, dass die Engel alle scheele Augen kriegten.“
Wir werden geadelt, gekönigt und gekaisert. Gott wird ein Menschenkind, damit wir Gotteskinder werden.
„Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!“ Eine „Ehre ist höher denn alle Engel.“ Darum schauen die Engel ganz neidisch auf uns.
Gott wird Mensch: geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. Gott lässt sich ganz und gar auf unser Leben ein. Er wird einer von uns. Gott will zu uns gehören. Paulus interessiert vor allem, wozu das geschieht: damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.
Es geht um uns, liebe Gemeinde. Wir werden „erlöst“ – wir werden freigekauft. Wie man eine Sklavin oder einen Sklaven freikauft, wie man jemanden freikauft, die ihre oder der seine Schulden nicht bezahlen kann.
Wir empfangen die Kindschaft – also werden wir adoptiert, mit allen Rechten als Kinder und Erben angenommen. Wir sind Kinder Gottes.
Dass wir uns Kinder nennen, macht uns nicht etwa klein. Im Gegenteil: Wir werden erhoben und sind stolz und frei, wie Königskinder. Gott will zu uns gehören. Und nun gehören wir zu Gott. Dass wir Gottes Kinder sind, gibt uns ein Selbstvertrauen, eine Stärke, eine Freiheit. Wir werden geadelt, gekönigt, gekaisert.

Als junger Mensch habe ich ab und zu „scheele Augen“ gekriegt. Wir gehörten zu den „kleinen Leuten“, wie meine Eltern sagten. Dass ein Kind studieren durfte, war nicht selbstverständlich. Neidisch habe ich manchmal auf die Kinder aus wohlhabenden und gebildeten Elternhäusern gesehen, die vieles aus Literatur und Kultur kannten, die weltgewandt und souverän waren oder mir zumindest so vorkamen. Meine Vorstellung, wie man sein muss und was man schaffen muss, hat mich unfrei gemacht. Das Gefühl mit den anderen nicht mithalten zu können hat mich unsicher gemacht. Heute weiß ich, dass das nicht nötig ist. Aber ich sehe bei vielen, unter was für einem enormen Leistungsdruck sie stehen, wie groß die Angst ist, abgehängt zu werden, nicht gut genug zu sein.
Weihnachten ist ein Fest der Freiheit. Jesus ist unser Bruder. Gott nimmt uns als seine Kinder an. Als Menschen, die ganz sicher wissen, dass sie zu Gott gehören, bekommen wir eine königliche Freiheit.
Die alte Unfreiheit packt uns immer wieder. Wir setzen einander unter Druck. Wir machen uns selbst Stress durch das, was wir meinen erreichen und leisten und haben zu müssen. Wir sind allzu schnell bereit andere zu verurteilen und zu verachten, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen. Hass und Hetze vergiften viele Beziehungen, in unserem persönlichen Umfeld wie in der großen Politik. Es ist verführerisch gegen jemand zu sein. Wir erklären uns die Welt, indem wir Bösewichte ausmachen und auf sie schimpfen. Die Feindseligkeit, die Verachtung gegen andere – das ist wie ein Gift, das alles Beziehungen kaputt macht. Lassen wir uns nicht dazu hinreißen! Kinder Gottes haben so etwas nicht nötig.  „du bist kein Knecht mehr, sondern Kind“ schärft uns Paulus ein. Er kämpft in seinem Brief sehr engagiert darum, dass seine Gemeinde und dass wir Christen nicht die Freiheit aufgeben, die wir durch  Christus haben. Wütend schimpft er über die, die den anderen Vorschriften machen und das Vertrauen zu Christus untergraben. „Wollt ihr wirklich wieder Sklaven sein?“, fragt Paulus.

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, … damit wir die Kindschaft empfingen.  Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist  seines Sohnes in unsre Herzen gesandt.  Er ruft: Abba, lieber Vater!

Wir feiern Weihnachten.
Die Zeit ist erfüllt: Neues beginnt.
Der alte Mensch geht unter, der Mensch, der besser sein will als andere, der andere verurteilt und verachtet und hasst.
Die alte Angst ist besiegt, die Angst nicht zu genügen, die Angst vor Schwäche, vor dem Tod, die Angst, die uns selbst verurteilt und hasst.
Neues beginnt in uns. Der Geist Jesu Christi in unseren Herzen. Der Geist der Kinder Gottes voll Vertrauen.Der Heilige Geist, Geist der Freiheit.

Amen

Röm 13,8-12+14 Predigt zum 1. Advent

Predigt am 1.12.19 von Andreas Hansen über Röm 13,8-12+14

Römer 13,8-12+14: Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen. … Zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.

Advent heißt Ankommen. Gott kommt zu uns.
Jesus kommt nach Jerusalem. Wie sollen wir ihn empfangen? Wie bereiten wir uns vor?  „Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.“ Kurt Marti schreibt:

Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben. Und die Zeit läuft davon. Wessen Liebe kann das noch gut machen? Die meine nicht. Nein, die meine nicht.

Wir bleiben unseren Mitmenschen einiges und manchen sogar vieles schuldig. Paulus hat in seinem Brief eindringlich davon geschrieben.    Wir werden einander nicht gerecht. Wir sind nicht gerecht vor Gott. Und doch will Gott uns bei sich. Wir stehen in einer Spannung. Unser Leben und Tun entspricht nicht Jesus. Und doch gehören wir zu ihm und er umgibt uns, weil er uns will, weil er uns lieb hat und zu uns gehören will. Wir bleiben einander die Liebe schuldig. Aber Jesu Liebe macht die Schuld gut. Jesus ist die Liebe Gottes in Person. Jesus erfüllt das Gesetz Gottes. Wir bleiben einander vieles schuldig, aber wir bleiben in der Liebe Christi.
Unser Ungenügen kann uns manchmal lähmen. Aber das muss nicht mehr sein. Wir sind befreit von der Last alles perfekt und richtig zu machen. „Liebe und tue, was du willst.“
Wir getrauen uns zum Beispiel, uns in ein Amt wählen zu lassen und die Gemeinde zu leiten.
Oder wir getrauen uns, Kinder zu erziehen.
Wir entscheiden und setzen uns ein.
Natürlich bleiben wir manchen einiges und einigen vieles schuldig. Und doch ist es gut, dass wir mit unserer Kraft, unseren Händen, unserem Verstand und unseren Herzen tun, was wir können.
Es ist gut, wenn wir uns von unserem Ungenügen nicht lähmen lassen, sondern entscheiden und Schritte wagen. Es ist gut, weil wir in der Liebe Christi sind und bleiben.

Advent heißt Ankommen. Eigentlich ist es eine Wartezeit, eine Hoffnungszeit. Wie bereiten wir uns vor? Paulus ist überzeugt: Bald ist es soweit. „Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Gott kommt. Es wird hell.
Am Vorabend des 1. Advent 1937 liest Jochen Klepper in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine; der Spruch für den Tag ist Römer 13,12: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Der Tag Gottes kommt. Gott kommt.
Die Zeiten sind finster. Jochen Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet. Die Nazis drängen ihn, sich scheiden zu lassen. Er wird wegen seiner sogenannten Mischehe aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, darf also nichts mehr veröffentlichen. In dieser Zeit dichtet Klepper sein bekanntestes Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“. Gott kommt. Gott will im Dunkel wohnen. Gott wird uns nicht im Dunkel lassen, denn er kommt. Paulus schreibt von dem Tag, an dem Jesus wiederkommt, vom Ende der Zeit. Klepper dichtet von Krippe und Kreuz: Gott kommt und lässt sich ein auf das Dunkel unserer Welt. Was er damals mit dem Dunkel meint, ist klar. Er erlebt das Unrecht, die Unfreiheit in der Diktatur. Und er dichtet: „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr.“ Er wartet dringend auf das Licht. „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und es dulden lässt.“ Aber noch ist das Dunkel für ihn übermächtig. Der Druck auf Kleppers Familie wird immer größer. Es gelingt nicht, die Stieftochter ins Ausland zu retten. Als Verhaftung und KZ unmittelbar bevorstehen, nehmen sie sich zu dritt das Leben. Klepper schreibt zuletzt: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen gemeinsam in den Tod. Über uns steht das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.“
Die finsterste Zeit unserer deutschen Geschichte erschüttert uns bis heute. Ich misstraue jedem,  der die Verbrechen und das Unrecht jener Zeit verharmlost oder relativiert.
Zugleich glaube ich: Jede Nacht geht zu Ende. Gott kommt in unser Dunkel, in die von Unrecht und Leid gezeichnete Welt. So, wie er sich in Jesus Christus auf die Welt eingelassen hat, so kommt er auch heute an die dunkelsten Orte, wo Menschen leiden. Das feiern wir im Advent.
„Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Wir haben einen Auftrag: Wach zu sein. Lasst uns wach und aufmerksam sein! Wenn heute wieder Juden in unserem Land angegriffen werden. Wenn Hass und Hetze die Politik vergiften und gar zu Gewalt gegen verantwortliche Politiker führen. Wenn Lügen verbreitet werden und die Presse als Lügenpresse diffamiert wird. Lasst uns wach sein auch für die Menschen neben uns, in unserer Familie, in unserer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Wir leben so oft nebeneinander her und bemerken gar nicht, wie es dem anderen geht.
Wir haben den Auftrag, wach zu sein. Die Waffen des Lichts sollen wir anlegen:  Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch die Bereitschaft zugunsten der Schöpfung anders zu leben.

Wir leben wie Menschen im Advent: Bereit für Jesus. Wir erwarten und erhoffen sein Licht. Und wir leben schon jetzt in seiner Liebe. Amen

„Lass mich in Ruhe, Gott.“ Predigt Hiob 14, 17.11.19

Predigt am 17.11.19 von Andreas Hansen über Hi 14,1-6

„Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!“ (Ps 39) Ein Leben ist plötzlich vorbei. Was einer sich aufgebaut hat, worauf er stolz ist, zerbröselt ihm unter den Händen. Wie der Beter oder die Beterin des Psalms erschrecken wir über unsere Vergänglichkeit und darüber, dass alles, was wir schaffen, plötzlich vergeblich und sinnlos erscheint.
Hiob ist die biblische Gestalt, die diese Erfahrung in extremer Weise machen muss. Alles wird ihm aus der Hand geschlagen. Er verliert seine Kinder, seinen Wohlstand, seine Gesundheit. Stellen Sie sich das vor! Jeder einzelne dieser Schläge kann einen Menschen zerbrechen. Unser Predigttext für heute ist ein Gebet, eine Klage und Anklage gegen Gott, Hiob 14:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 Schau ihn dir an, den Menschen, die Krone der Schöpfung. Er wird geboren, er lebt und er stirbt – und das soll alles gewesen sein? Wir sind vergänglich und sterblich wie eine Blume, die aufblüht und schon bald wieder verwelkt.
Heute ist einer der King. Alles läuft super. Er ist stolz auf seine Karriere – und morgen wird seine Stelle gestrichen. Er ist überflüssig. Heute gesund und fit – morgen krank und schwach. Was bleibt von unserem Leben, von unserer Arbeit, Mühe? »Der Mensch flieht wie ein Schatten und bleibt nicht«, sagt Hiob. Weder Faltencreme noch Medizin können verhindern, dass wir alt werden. Wie eine Blume verwelken wir. Wie ein Blatt vom Baum fallen wir – das ist unser Schicksal. Brutal spricht Hiob von unserer Vergänglichkeit und klagt Gott dafür an. So hat der Schöpfer uns geschaffen – er ist schuld daran, dass wir sterben müssen.
Und das ist noch nicht alles: Dieses kurze und düstere Leben wird von Gott noch zusätzlich verdunkelt. Wie eine finstere Wolke schwebt er über uns Menschen. Keine Sekunde lässt er uns aus den Augen; wir stehen unter seinem Urteil. Eugen Roth hat es humorvoll so beschrieben:
Ein Mensch, der recht sich überlegt,
dass Gott ihn anschaut unentwegt,
fühlt mit der Zeit in Herz und Magen
ein ausgesprochnes Unbehagen.
Und bittet schließlich Gott voll Grauen,
nur fünf Minuten wegzuschauen.
Hiob verzweifelt unter Gottes strengem Blick. „Du hast recht, Gott, ich bin nicht rein. Ich gebe zu, dass ich ein Sünder bin. Keiner kann immer alles richtig machen. Ich bin ein Sünder wie meine Eltern.“ Aber Hiob verlangt mildernde Umstände. Hat nicht Gott uns so geschaffen, weiß Gott nicht längst, dass wir vor seinem Urteil nicht bestehen können? Und dann richtet Hiob an Gott eine ungeheure Bitte: „Schau weg, Gott. Lass mich in Frieden! Wenn ich schon sterben muss, dann will ich wenigstens die paar Jahre hier auf der Erde meine Ruhe haben. Lass mich in Ruhe, Gott!“
Steht das wirklich in der Bibel? Ja, tatsächlich. Hiob will mit Gott nichts zu tun haben. So steht es da. Und Hiob ist mit dieser Haltung ja nicht allein. Es gibt Menschen, die so viel Schreckliches erleben, dass sie alles Gottvertrauen verlieren.  Sie kennen bestimmt auch Menschen, die sagen: „Nach allem, was in meinem Leben geschehen ist, nach allem, was in der Welt an Unrecht und Katastrophen geschieht, will ich von Gott nichts mehr wissen.“ Liebe Konfis, das ist das Gegenteil von unserem Spruch, nicht wahr: „Die auf Gott vertrauen, kriegen immer wieder neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Wir wollen doch vertrauen. Wir wissen, was für eine Kraft das ist, wenn einer vertrauen kann. Aber es gibt auch Hiob und Leute wie ihn, die sagen: „Ich kann nicht vertrauen. Ich bin fertig mit Gott.“ Das steht in der Bibel, weil es Menschen so gehen kann. Es steht auch darum da, damit wir niemanden für seinen Unglauben verurteilen. Es hat ja auch keinen Sinn, jemandem diese Haltung ausreden zu wollen.
Wir können ihm aber sagen, worauf wir vertrauen. Wir können entsprechend handeln: wie Menschen, die für unsere Welt Gutes erwarten, Menschen der Hoffnung, Menschen, die sich engagieren.

Aber wie ist das mit dem Gericht Gottes?
„Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ sagen wir im Glaubensbekenntnis über Jesus. Vorhin hörten wir von Paulus „wir alle müssen einmal vor dem Richterstuhl von Christus erscheinen, wo alles offengelegt wird“.
Hiob ruft: „Ich kann doch sowieso nicht vor deinem Anspruch bestehen, Gott. Schau weg von mir! Lass mich doch wenigstens mein kurzes Leben genießen! Aber du machst mich fertig mit deinem strengen Richterblick!“
Ist das so? Ist Gott einer, der uns nur zeigen will, wie mies wir sind? Dann hätte Hiob recht.
In vielen Kirchen früherer Zeiten wurde das Gericht dargestellt: in der Mitte Christus auf dem Thron, auf der einen Seite glückliche Erlöste, zum Teil kommen sie aus ihren Gräbern, auf der anderen Seite die, die in die Hölle stürzen, hinabgezerrt und gestoßen von sadistischen Teufeln. So würde es auch Hiob malen. Nein! Wir müssen diesen Bildern widersprechen und wir müssen auch Hiob widersprechen.
Gericht heißt: Alles Böse kommt ans Licht. So wie vor 30 Jahren als die Stasizentralen besetzt wurden und dann jeder seine Akten sehen konnte. Das Böse zu sehen tut weh, aber vor Gericht kann es nicht mehr schaden. Die Angst ist vorbei. Hinabgestürzt wird das Böse, es wird entmachtet und vernichtet. Gottes Gericht heißt: Gott bringt zurecht, was falsch und böse ist. Christus als Richter trägt selbst die ganze Last der Schuld. Er will uns nicht verdammen. Er erlöst uns. Wir haben Grund das Böse zu fürchten: Die Gewalt, die so viel Unheil anrichtet. Und unsere eigene Rücksichtslosigkeit. Die Machtgier und Selbstsucht mancher Herrscher. Und unseren eigenen Egoismus. Die Zerstörung der Schöpfung. Und unsere eigene Bequemlichkeit. Wir haben Grund das Böse in der Welt und in uns selbst zu fürchten, aber wir haben noch viel mehr Grund dem Bösen Gutes entgegen zu setzen.
Denn wie gut ist es, dass Gott uns keine Minute aus dem Blick verliert! Wie gut ist es, dass Christus unser Richter ist  – er hat schon für uns entschieden! Wir müssen sein Gericht nicht fürchten! Christus wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten – darauf hoffen wir.

Amen

Ich habe keinen Menschen, Predigt über Joh 5,1-17

Predigt am 27.10.19 von Andreas Hansen über Joh 5,1-17

Joh 5,1-17

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Es war aber Sabbat an diesem Tag. Da sprachen die Juden zu dem, der geheilt worden war: Heute ist Sabbat, es ist dir nicht erlaubt, dein Bett zu tragen. Er aber antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber geheilt worden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war fortgegangen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.
Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch.

Wir feiern das Leben. Jeden Sabbat und jeden Sonntag feiern Juden und Christen das Leben. Ein Tag der Ruhe und der Freude über Gott. Gott hat alles geschaffen. Er schenkt das Leben. Ihm, dem Höchsten verdanken wir alles – darum halten Juden den Sabbat heilig. Wir Christen feiern dagegen den Tag nach dem Sabbat. Da finden die Frauen das Grab Jesu leer. Jesus ist auferstanden. Er besiegt den Tod. Das feiern wir.
In Jerusalem wird gefeiert. Auf einen Sabbat fällt auch noch ein Fest. Viele sind gekommen. Es ist was los in der Stadt. Gerade an so einem Tag sind manche besonders traurig. Kennen Sie die Stimmung, wenn die Familien etwas unternehmen und Freunde sich treffen? – für die Einsamen sind Feiertage und Wochenenden schwer zu ertragen.
Jesus geht dorthin, wo der Festtrubel nur von ferne zu hören ist, an einen der Orte, wo niemand recht zum Feiern zumute ist. Denen, die von diesem Tag nichts haben, bereitet er ein Fest. Für sie entfacht er eine Sabbatfreude, die sie so schnell nicht vergessen werden.
Da ist ein Teich mit einer Quelle, die das Wasser von Zeit zu Zeit in Bewegung versetzt. Es heißt, ein Engel bewegt das Wasser und wer zuerst hineinsteigt, soll gesund werden. Um den Teich herum sind Säulenhallen gebaut. In ihnen eine Schar von Kranken – wie ein riesiges Wartezimmer. Hier wird nicht gefeiert. Hier warten sie. Sie haben schon viele vergebliche Therapien hinter sich, verzweifelte und verbitterte Menschen. Die meisten Gesunden meiden diesen Ort. Wer geht schon gern in ein Krankenhaus? Viele haben eine Scheu davor – mir wird vor Augen geführt: „Irgendwann brauche auch ich Hilfe und bin krank. Und irgendwann muss ich sterben.“ Ist hier ein Ort für fröhliche Feste?
Der Teich heißt wie heute manche Krankenhäuser oder Heime: Bethesda – das bedeutet: Haus des Erbarmens. Wenn freilich das Wasser im Teich in Bewegung gerät, gibt es kein Erbarmen: Jede und jeder schaut, dass er so schnell wie möglich zum Teich kommt. Jeder muss sehen, wo er bleibt. Keiner will der Verlierer sein.
Jesu kommt zu dem, der immer Pech hat. Er hört sich seine Leidensgeschichte an: gelähmt, „schwach“ steht da wörtlich, 38 Jahre ist er schon in diesem Zustand, unvorstellbar lang.
„Willst Du gesund werden?“ – was für eine Frage, Jesus! „Willst Du gesund werden?“ Heißt das: „Soll ich dir helfen gesund zu werden?“, oder: „Kannst du dir nach so langer Zeit überhaupt noch vorstellen gesund zu werden?“, oder: „Willst du gesund werden – bist du selbst bereit anders als krank zu sein, willst du es wirklich?“ Vielleicht kann, wer so lange daliegt, gar nicht mehr richtig wollen. Vielleicht ist ihm seine Krankheit wie ein selbstverständlicher Begleiter geworden. Wie ein düsterer Schatten über der Seele kann die Resignation sein. „Es hat ja doch keinen Sinn. Ich kann sowieso nichts ändern.“ Da ist keine Kraft mehr, kein Wille. Jesus spricht diese Lähmung der Seele an.
Wir kenne viele Formen, dass Menschen sich zurückziehen, keinen Mut mehr haben, sich eine Änderung gar nicht mehr vorstellen können, vor jedem kleinen Schritt aus der gewohnten Bahn Angst haben. „Willst Du?“ – eine Zumutung. Und doch: Jesus überfällt den Kranken nicht mit seiner Hilfe. Er achtet die Schwere des Leides, die Mühe, die Angst vor dem ersten Schritt. Aber er lässt den Menschen auch nicht in seiner Resignation. Er hilft ihm selbst zu wollen.
Die Antwort des Gelähmten ist erschreckend: „Ich habe keinen Menschen.“ So allein, wie er ist, kann er sich gar nicht vorstellen, dass er es jemals schafft. „Ich habe keinen Menschen.“ Man kann allein sein mitten unter den Leuten, im Festtrubel, in der Klasse, unter den Kollegen. Das Alleinsein ist besonders schlimm, wenn andere da sind, aber keiner hilft, keiner nimmt einen wahr. „Ich habe keinen Menschen.“
Ich weiß von Menschen, die wirklich vereinsamen, die wohl auch immer scheuer werden, die aus verschiedensten Gründen kaum anderen begegnen. Das macht mich ratlos. Andrerseits weiß ich auch, wie kalt und teilnahmslos und selbstbezogen viele Menschen sind –  fördert unsere Gesellschaft, unsere Kultur diese Kälte sogar? „Ich habe keinen Menschen“ – 38 Jahre lang allein, äußerlich und innerlich gelähmt durch die Krankheit. Gerade zu diesem Menschen kommt Jesus. Er widerlegt den Satz „Ich habe keinen Menschen.“ Jesus findet sich nicht ab. Er schreibt keinen ab. Gott will für jeden Menschen Leben. Darum widerspricht Jesus der düsteren Hoffnungslosigkeit. Er heilt diesen einen Kranken und meint alle, meint auch uns. Gott hat uns geschaffen, dass wir leben, dass wir nicht düster und resigniert sind, dass wir auch nicht kalt und selbstbezogen sind.
Es werden nicht alle Kranken mit einmal gesund, aber selbst die, die krank bleiben, haben ein Ziel von Gott – das ist Leben in seiner Liebe, da ist Hoffnung über alles Leid hinaus, selbst über den Tod hinaus. Nach 38 Jahren soll der Kranke tun, was er sich nicht vorstellen kann, aufstehen. Gott findet sich nicht mit dem Leid ab. Darum ist er Mensch geworden und in all unser Leid mitten hinein gekommen.
Etwas verwirrt tappt der geheilte Kranke umher. Seine Matte soll er nehmen. Seine bisherige Lebensgeschichte kann er nicht einfach ablegen. Die Heilung muss noch weitergehen. Nicht nur die Füße, er selbst muss wieder laufen lernen, auch lernen, anderen ein Mitmensch zu sein.

Noch eine andere Geschichte ist mit dieser Heilung verknüpft. Jesus selbst und nach ihm die Gemeinden der Christen werden in ihrer Umgebung angegriffen und abgelehnt.
Missverständlich ist, dass der Evangelist die Juden wie Feinde zeigt. Er schreibt lange nach Jesus. Die Christen trennen sich Jahrzehnte nach Jesus von den jüdischen Gemeinden, und die wiederum sagen sich von ihnen los – das ist ein schmerzhafter Prozess, weil wir uns ja eigentlich so nahe stehen. Angesichts der schrecklichen Geschichte christlicher Judenfeindschaft müssen wir sehr vorsichtig sein und Missverständnissen vorbeugen. Jesus selbst ist Jude und will nichts anderes sein. Den Sabbat nimmt er sehr ernst. Er sagt: „Mein Vater ist bis heute am Werk“ – Gott ist am Werk und lässt seine Schöpfung und uns, seine Geschöpfe nicht los. Gott ist am Werk, Leben zu schenken. Das feiern wir jeden Sonntag und das feiern die Juden am Sabbat. Wir legen an diesem Tag unsere Hände in den Schoß und verlassen uns auf Gott, der das Leben erhält und uns keinen Tag, keine Stunde einfach loslässt. Wir feiern, dass Gott unserem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt. Wir feiern, dass kein Geschöpf Gottes von ihm verlassen ist. Jeden Sonntag feiern wir den Gott des Lebens. Ebenso feiern die Juden am Sabbat den Gott der das Leben schenkt, auch wenn sie dabei nicht an die Auferstehung Jesu denken.

Mitten in einer Welt voll Leid und Unrecht und Tod feiern wir ein Fest der Hoffnung. Jeden Sonntag protestieren wir gegen die Missachtung von Menschen, gegen Unrecht und gegen Resignation. An dem Ort, wo niemandem zum Feiern zumute ist, am Teich Betesda, bereitet Jesus ein Fest, weckt er eine Hoffnung und Freude. So feiert er den Sabbat und Gott, der Leben schenkt. Gott ist bis heute am Werk. Keinen soll es geben, der sagen muss: „Ich habe keinen Menschen.“ Jesus widerlegt diesen Satz.  Amen

Jes 58,1-12 Predigt

Predigt am 6.10.19 von Andreas Hansen über Jes 58,1-12

dreißig Jahre nach dem Mauerfall

Jesaja 58,1-12  (Zürcher Übersetzung)

Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Einem Schofar gleich erhebe deine Stimme, und verkünde meinem Volk sein Vergehen und dem Haus Jakob seine Sünden!
Tag für Tag suchen sie mich, und es gefällt ihnen, meine Wege zu erkennen. Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat, fragen sie mich nach den Satzungen der Gerechtigkeit, es gefällt ihnen, wenn Gott sich nähert.
„Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen, haben wir uns gedemütigt, und du weißt nichts davon?“
Seht, an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach, und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet so, dass es zu Streit kommt und zu Zank und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts. Ihr fastet heute nicht so, dass ihr eure Stimme in der Höhe zu Gehör bringt. Soll das ein Fasten sein, wie ich es will: Ein Tag, an dem der Mensch sich demütigt? Soll man seinen Kopf hängen lassen wie die Binse und sich in Sack und Asche betten? Soll man das ein Fasten nennen und einen Tag, dem HERRN wohlgefällig?
Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will: Ungerechte Fesseln öffnen, die Stricke der Jochstange lösen und Misshandelte freilassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen und dass du Arme, Obdachlose ins Haus bringst? Wenn du einen Nackten siehst, dann bedeck ihn, und deinen Brüdern sollst du dich nicht entziehen!
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot, und rasch wird deine Heilung gedeihen. Vor dir her zieht deine Gerechtigkeit, und deine Nachhut ist die Herrlichkeit des HERRN. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten, du wirst um Hilfe rufen, und er wird sprechen: Sieh, hier bin ich! Wenn du aus deiner Mitte das Joch entfernst, das Zeigen mit dem Finger und die unrechte Rede und dem Hungrigen gewährst, was du selbst zum Leben brauchst, und satt machst den, der gedemütigt ist, dann wird dein Licht aufstrahlen in der Finsternis, und deine Dunkelheit wird sein wie der Mittag.  Und allezeit wird der HERR dich leiten, und in dürrem Land macht er dich satt, und deine Knochen macht er stark. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, deren Wasser nicht trügen.  Und die von dir abstammen, werden die uralten Trümmerstätten aufbauen, die Grundmauern vergangener Generationen wirst du aufrichten.  Und du wirst Der-die-Bresche-zumauert genannt werden, Der-Pfade-wieder-herstellt-damit-man-wohnen-kann.

Ein Todesstreifen lief quer durch unser Land und trennte es in zwei Teile. Wenn man da heute entlang geht, stößt man auf Erinnerungen an Menschen, die ermordet wurden, weil sie nicht mehr eingesperrt sein wollten. Morgen ist es 30 Jahre her, da feierte die DDR 40 Jahre ihres Bestehens, unbeirrt, als ob sie nicht schon längst überholt und am Zusammenbrechen gewesen wäre. Es wurde nicht eine Bresche zugemauert, sondern die Mauer eingerissen. Pfade wurden wieder hergestellt und vieles wieder aufgebaut. Wir konnten es kaum fassen.
„Heute sind wir das glücklichste Volk!“ Wir waren völlig aus dem Häuschen vor Begeisterung. „Wahnsinn! Wahnsinn!“ schrien die Menschen, als sie einfach so über die schreckliche Grenze liefen.
So viel Hoffnung haben wir gespürt! So eine wunderbare Hoffnung auf ein friedliches und freies und gerechtes Miteinander. Natürlich wusste jeder Vernünftige, dass der Weg dorthin lang und schwer sein würde. Natürlich wissen wir, dass Frieden und Gerechtigkeit uns nicht einfach in den Schoß fallen. Aber nun hatten wir in Ost und West Hoffnung, strahlend hell und schön wie das Morgenrot.
Wir waren dankbar, dass wir das erleben durften. Viele haben vor Freude geweint. Wir haben uns beschenkt gefühlt, von Gott glücklich Beschenkte.
Kann man sagen, das war eine Gotteserfahrung? Ich glaube ja. Gott will uns begegnen, hier, ganz nah. Mitten in unserem Leben will Gott da sein. Es muss nicht etwas Geistiges, Übersinnliches geschehen, dass wir Gott spüren. Eine Mauer fällt. Die Angst ist fort. Menschen finden zueinander. Licht strahlt auf. Auf einmal öffnen sich viele neue Möglichkeiten. So ist Gott bei uns. Gottes Reich ganz nah. So hat Jesus Menschen aus ihrer Unfreiheit geholt und ihnen neues Leben geschenkt.
Der Prophet Jesaja gerät ins Schwärmen, wenn  er von der Hoffnung erzählt: Du wirst sein wie ein bewässerter Garten, eine blühende Landschaft. Du wirst stark sein. Du wirst aufbauen, was wüst und kaputt war. Deine Gerechtigkeit wird gerühmt. „Der-Pfade-wieder-herstellt-damit-man-wohnen-kann.“  So wird man dich nennen, weil andere durch dich eine Perspektive und ein Zuhause bekommen. So wunderbar öffnet Gott Wege für uns.
Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Ihr Konfirmanden könnt euch kaum vorstellen, was für ein Staat die DDR war und warum wir damals glücklich waren. Nur ein kleines Beispiel: Viele junge Leute durften nicht lernen oder studieren, weil ihre Familie dem Staat, der Partei nicht passte. Man musste immer aufpassen, was man sagte, zB in der Schule – überall wurden die Leute bespitzelt. Es ist wichtig, dass ihr Jungen von dieser Geschichte erfahrt und dass wir alle sie nicht vergessen. Der Zauber des Neuanfangs war leider bald verblasst. Viele aus dem Westen benahmen sich im Osten wie Kolonialherren. Vielen im Osten ging es nur um die D-Mark und den Wohlstand.  Es wurde nicht gemeinsam Neues geschaffen, sondern vielfach einfach alles abgeräumt, was nach DDR roch. Es gab unnötige Verletzungen.

An die Hoffnung und Begeisterung vor 30 Jahren erinnert mich, was Jesaja sagt. Das, worüber der Prophet schimpft, passt nur teilweise zum dem, was vor 30 Jahren falsch war: Seht, an eurem Fastentag geht ihr anderen Dingen nach, und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Seht, ihr fastet so, dass es zu Streit kommt und zu Zank und dass man zuschlägt mit der Faust des Unrechts. Habgier, Streit, Gewalt und Unrecht klagt Jesaja an. Ist nicht dies ein Fasten, wie ich es will: Ungerechte Fesseln öffnen, die Stricke der Joch-stange lösen und Misshandelte freilassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Wisst ihr, was ein Joch ist? Ein Holz, das man Rindern auf den Nacken legt. Unter einem Joch ziehen sie einen schweren Karren oder einen Pflug. Menschen unter ein Joch zu binden ist unmenschlich. So wurden Leute geschunden, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Nein, sagt Gott: Kein Mensch soll zerbrechen unter seiner Last. Keiner soll hungern oder obdachlos sein. Wer sich dem Mitmenschen verweigert, trennt sich von Gott.  Wer habgierig und gewalttätig ist, kann Gott nicht finden. So schimpft Jesaja. So muss er das Unrecht beim Namen nennen: erhebe deine Stimme, und verkünde meinem Volk sein Vergehen und dem Haus Jakob seine Sünden! 
In dem Menschen, der uns braucht, begegnen wir Gott oder verfehlen wir Gott. In dem Unrecht, das wir tun oder zulassen, wenden wir uns gegen Gott. Beides hängt untrennbar zusammen: Unser Verhalten zu unseren Mitmenschen und unser Verhältnis zu Gott. Wenn wir andere missachten, wenn wir Lügen verbreiten oder Gewalt üben, dann ist auch unsere Beziehung zu Gott gestört. Und umgekehrt: Wenn wir andere achten, ehrlich und hilfreich mit ihnen umgehen, geht hell wie die Sonne Hoffnung auf, und Gott ist nah. Mitten in unserem Leben will Gott da sein.
Jesus knüpft an Jesaja an: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.                                   Gott will uns begegnen. Ich glaube nicht, dass wir Menschen von Natur aus gut und lieb sind. Von Natur aus leben wir nach dem Motto „Hauptsache mir geht´s gut.“ Wir denken nicht daran zu teilen oder auf andere Rücksicht zu nehmen. Von Natur aus sind wir Menschen Egoisten. 
Aber Gott ermutigt uns:  „Lass den Hungrigen dein Herz finden! Öffne dich für deinen Mitmenschen! Dann wird dein Licht hervorbrechen. Dann wirst du zu einem, der Pfade wieder herstellt, damit man wohnen kann.  Dann begegnest du Gott.  Du bist reich.                    Du hast ein Zuhause – nimm andere auf!  Du hast Menschen, die du liebst – sei für sie da!  Du kannst arbeiten – tu es so, dass andere Gutes dadurch erfahren!“ Es ist als ob die Sonne aufgeht,  wenn einer ohne Eigennutz für andere schafft, wenn einer verzichtet, obwohl er Macht hat, wenn einer nicht zurückschlägt, sondern Frieden stiftet. Das traut Gott uns zu. Das erwartet er von uns. Er verspricht: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot, und rasch wird deine Heilung gedeihen. Vor dir her zieht deine Gerechtigkeit, und deine Nachhut ist die Herrlich-keit des HERRN. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten, du wirst um Hilfe rufen,  und er wird sprechen: Sieh, hier bin ich!

Amen

Predigt 1.Pt 5,7 29.9.19

Predigt am 29.9.19 von Andreas Hansen über 1.Pt 5,7

Eine Besonderheit von evangelischen Christen sind Bibelsprüche zu jedem Anlass. Zu jeder Taufe, Trauung, Bestattung ein Vers. Viele kennen ihren Konfirmationsspruch. Für viele ist ihr Spruch ein Leben lang wichtig, tröstlich, anregend, hilfreich. Was in der Bibel steht, nehmen wir für unser Leben in Anspruch. Das ist typisch evangelisch, dass wir in der Bibel sozusagen einen direkten Draht zu Gott erkennen: „Das ist mein Spruch. Das sagt Gott zu mir.“ 
Viele Christen weltweit lesen die Herrnhuter Losungen, für jeden Tag ein Vers aus dem AT und einer aus dem NT, und sie fragen: „Was willst du mir für diesen Tag mitgeben, Gott?“
Auch jede Woche hat ihren eigenen Spruch. Alle Jahre wieder begleitet der gleiche Spruch uns eine Woche lang. Der Bibelvers für die heute beginnende Woche aus dem 1.Petrusbrief lautet: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Ja, wenn das so einfach wäre, die Sorgen von sich zu werfen! Wie wir ein schmutziges Hemd eben mal in die Wäschetonne werfen oder eine Mail, die uns nicht interessiert, in den Papierkorb schieben. Weg damit! Wenn das so einfach wäre! Wir können unsere Sorgen doch nicht einfach abschütteln. Es hilft doch auch nichts, einander eine heile, sorgenfreie Welt vorzumachen. Vielleicht haben Sie schon bei der Lesung stillen Einspruch erhoben, wenn Jesus sagt: „Sorgt euch nicht, ihr Kleingläubigen, seht die Vögel an und die Lilien auf dem Felde! Macht euch keine Sorgen um den nächsten Tag! Der nächste Tag wird für sich selbst sorgen.“ Wie meinst du das, Jesus? Unsere Sorgen lassen sich doch nicht einfach wegwischen. Sie sind doch berechtigt: Wenn wir genau wissen: Auf diese Klassenarbeit bin ich viel zu schlecht vorbereitet. Wenn der Arbeitsplatz in Gefahr ist oder keine Chance auf einen Wiedereinstieg in Sicht. Wenn die alte Mutter oder der Vater immer gebrechlicher werden, aber nicht einsehen,   dass sie Hilfe oder auch Pflege brauchen. Wie furchtbar kann uns das plagen, wenn Krankheit, seelisches Leid oder Schmerzen uns selbst oder einen geliebten Mitmenschen treffen. Die Freitagsdemonstranten halten uns vor: Ihr macht euch viel zu wenig Sorgen um die Folgen des Klimawandels. Ihr belastet die Erde, als hättet ihr noch eine zweite in Reserve.     „Wie konntet ihr es wagen, unserer Generation das anzutun!“ ruft Greta in die Versammlung in New York. Mit Sorge sehen wir auf den Konflikt oder die vielen Konflikte im Nahen Osten. Mit Sorge erleben wir eine Verrohung der politischen Auseinandersetzung, wie Hass und Angst geschürt werden und Politiker im Netz beleidigt und angegriffen werden. Muss uns das alles nicht Sorgen bereiten? Was uns Sorgen macht, lässt uns zuweilen nicht schlafen und begleitet uns bis in die Träume. Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ – Wie können wir das verstehen?

Was uns Sorgen bereitet, ist Gott wichtig. Das wird keineswegs einfach abgetan. Im Gegenteil: Gott nimmt uns ernst. Er will hören, was uns Sorgen macht.
Wenn wir in den Evangelien über Jesus lesen, dann staunen wir immer wieder, wie Jesus die Menschen versteht. Er weiß gleich, wo der Schuh drückt. Er sieht, dass die Frau am Jakobsbrunnen so enttäuscht und einsam ist. Jesus erkennt, der Gelähmte, den seine Freunde zu ihm bringen, ist verbittert und ohne Vertrauen. Schon wenn Jesus die Menschen anspricht, können sie wieder ein wenig aufatmen, weil sie spüren, wie er sie versteht.
Gott will hören, was uns Sorgen macht. In den Psalmen im AT lesen wir immer wieder, dass Menschen klagen. Sie jammern über Leid, Krankheit, Unglück oder sie schreien über Ungerechtigkeit und Bosheit. Gott will das hören, denn trotz allem, was uns plagt und Angst macht, ist das Leben nicht vergeblich oder sinnlos, trotz allem Leid ist es gut. Gott will unsere Sorge hören, denn schon, wenn wir sie aussprechen, sie auf ihn werfen, wächst ein wenig Vertrauen und Hoffnung. „Alle eure Sorge werft auf ihn.“ Petrus meint wirklich, dass seine Gemeinde und dass wir die Sorgen zu Jesus und zu Gott tragen dürfen. Wir müssen uns selbst und anderen keine heile Welt vorspielen. Wir müssen nicht allezeit gut drauf sein. Gott nimmt unsere Sorgen ernst und er will sie hören.

„denn er sorgt für euch!“ Mit diesen Worten werden wir an unsere Grenze geführt. Gott sorgt für uns. Das anzunehmen fällt uns so schwer: Wir können nicht für uns sorgen. Wir wollen das Leben so gerne managen, in der Hand haben, aber wir geraten an unsere Grenze.   Ein Mensch rennt in sein Unglück, und wir sehen verzweifelt, dass wir nicht helfen können. Machtlos stehen wir vor Krankheit und Tod. Wir können trotz aller Sorge so oft nichts tun. Unsere Grenzen sind eng.
Aber Gott sorgt für uns. Dieses wunderbare, zerbrechliche Leben ist sein Geschenk. Jeder Tag, jeder Atemzug, jeder schöne Moment ist uns aus seiner Güte gegeben. Und kein Leben ist vergeblich. Kein Mensch fällt aus Gottes Hand. Keine Schuld, kein Leid, keine Behinderung oder Einschränkung machen einen Menschen wertlos. Gott sorgt für uns. Gott hat uns das Leben geschenkt und sagt Ja zu uns. An Jesus sehen wir, wie viel Gott für uns einsetzt. Er trägt selbst das Leid, das Scheitern, den Tod. Gott überwindet den tiefsten Grund der Sorge. Keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod kann uns trennen von seiner Liebe.

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Gott nimmt uns ernst in dem, was wir brauchen und worum wir uns sorgen. Wir legen nicht die Hände in den Schoß. Wir schieben nicht die Verantwortung weg.       Wir tun, was wir können – für den kranken Mitmenschen, für die schwere Klassenarbeit, für eine friedliche und klimagerechte Welt, und wofür auch immer. Wir tun, was wir können, und werfen doch die Sorge auf ihn: „Du, Gott, hilf, dass es gelingt!“ Aus unseren kleinen Schritten und selbst aus unserem Scheitern wird Gott etwas machen. Darauf vertrauen wir. Und auch, wenn wir nichts tun können, wenn wir an unsere Grenze geraten, vertrauen wir auf ihn, der das Leben schenkt und unser Leben will.
Gott gebe uns die Weisheit und den Mut, das Unsere zu tun, und Gelassenheit und Vertrauen, dass er für uns sorgt

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.