Archiv der Kategorie: Predigten

Antwort auf das Sehnen tief in uns, Predigt über Joh 3,14-21

Predigt am 17.3.19 von Andreas Hansen über Joh 3,14-21

Vor der Predigt singen wir das Lied: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, neuer Anhang 116

Jetzt sind wir in der Passionszeit.  Wir sehen auf den Unfrieden, die großen ungelösten Fragen unserer Welt, das Leid vieler Menschen und das Leid der Schöpfung. Es geht uns, wie wir gerade gesungen haben: Da wohnt ein Sehnen tief in uns. Wir sehnen uns nach Frieden – Hass, Gewalt und Terror nun sogar im friedlichen Neuseeland, der endlose Konflikt  zwischen Indien und Pakistan, die Drohung eines neuen Wettrüstens zwischen Russland und den USA hier in Europa: der Frieden ist weit weg, auch unser Frieden ist in Gefahr. Wir sehnen uns nach Freiheit und sehen, wie in vielen Ländern die Freiheit der Presse immer mehr eingeschränkt wird, wie die Justiz von Machthabern benutzt wird, wie Nationalismus die Freiheit bedroht und den Hass schürt. Auch ein Sehnen nach Heilung und Ganzsein in dem, was uns persönlich angreift, belastet oder sogar krank macht. Ein Sehnen nach Glück und Liebe für uns selbst, nach Bewahrung für unsere Welt. Da wohnt ein Sehnen tief in uns, und wir bitten Gott: Sei da, sei uns nahe!

Mitten in der Nacht kommt Nikodemus zu Jesus.   Auch ihn treibt ein Sehnen. Er gehört zum Hohen Rat, den geistlichen Leitern in Jerusalem. Jesus nennt ihn einen Lehrer Israels.  Vielleicht kommt er nachts, damit ihn keiner sieht. Nachts ist auch die Zeit der tiefen Gedanken und der Begegnung mit Gott. Er kommt zu Jesus und beginnt ein Gespräch, man könnte sagen, ein Gespräch unter religiösen Fachleuten. Er will wissen: „Wer bist du, Jesus? Hast du eine Antwort auf das, was mich umtreibt? Man müsste noch einmal von vorne beginnen, aber geht das?“
Unser Predigttext aus dem Johannesevangelium ist ein Teil dieses nächtlichen Gesprächs. Jesus antwortet auf das Sehnen und die Angst und sagt:

Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet;  wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet,  denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.        Joh 3,14-21

Johannes schreibt nicht, was Nikodemus dazu sagt. Versteht er, was Jesus meint? Weiß er jetzt, wer Jesus ist? Genügt ihm das als Antwort auf sein Sehnen? Ihr Gespräch endet offen.
Aber später wird Nikodemus sich im Hohen Rat für Jesus einsetzen. Er wird sagen: „Verurteilt ihn nicht, ohne ihn angehört zu haben!“ Und nach dem Tod Jesu wird Nikodemus kostbare Salbe für den Leichnam schenken. Ob er an Jesus glaubt? Auf jeden Fall versteckt er sich nicht mehr in der Nacht, sondern zeigt offen seine Sympathie.

Gott liebt die Welt. Er will sie retten.
Gott will nicht verurteilen und richten, sondern retten. Das ist die Antwort.
Gott will und wird das Sehnen nach Frieden und Freiheit und Ganzsein stillen, weil er die Welt liebt.

Aber wie geschieht das? Wenn wir auf das Unheil in der Welt sehen, auf das Leid und Unrecht, das zahllose Menschen trifft, möchten wir verzweifeln. „Es ist Zeit!“ möchten wir rufen, wie die Jugendlichen auf den Freitagsdemos. „Es ist Zeit. Wir können nicht warten. Zeig uns deine Antwort, Gott!“

Und Jesus zeigt auf das Kreuz. Er zeigt auf sich selbst am Kreuz. Gott schlägt nicht mit Macht auf das Unrecht ein. Er lässt sich selbst schlagen. Er setzt sich selbst dem Unrecht und dem Leid aus. Er gibt seinen Sohn her. Sich selbst gibt er. Sein Weg der Liebe ist nicht Macht. Er gibt sich hin. Er stirbt ohnmächtige am Kreuz.

Jesus erinnert an eine seltsame Begebenheit auf dem Weg des Volkes Israel in das gelobte Land: „Wie Mose damals in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss auch der Menschensohn erhöht werden.“ Das Volk auf dem Weg durch die Wüste ist erschöpft und frustriert. Sie schimpfen über Mose und über Gott. Schlangen überfallen sie und beißen sie. Da bittet Mose für das Volk, und Gott lässt ihn eine bronzene Schlange auf einem Stab aufrichten. Wenn die Israeliten dieses Bild ansehen, werden sie zwar noch gebissen, aber sterben müssen sie nicht. So geht es uns, wenn wir auf Jesus am Kreuz sehen. Er bewahrt uns nicht vor allem Unheil, aber er schenkt uns doch Leben, „ewiges Leben“, wahres Leben.

Wir schauen auf zum Gekreuzigten. Das heißt: den Gekreuzigten aushalten. Leiden und Tod aushalten. Nicht davonlaufen. Und darauf vertrauen, dass Gott aus Liebe zur Welt seinen Sohn dahingegeben hat. Er hat es zugelassen. Es ist sein Weg.
Was passiert, wenn wir aufs Kreuz schauen, wenn wir ihm vertrauen? Jesus sagt: „Wer an den Sohn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet. (…) Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist“.
Das Gericht Gottes geschieht nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern jetzt. Das Gericht ist nicht einfach göttliche Strafe. Gericht heißt nicht: hier auf der einen Seite sind die Guten und dort auf der anderen die Bösen. Die mittelalterlichen Angstbilder vom jüngsten Gericht sind falsch. Sie projizieren unsere Rachewünsche auf Gott.
Das Gericht ist Licht, ein Licht, vor dem sich kein Mensch verstecken kann. „die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht“ sagt Jesus.    Wir bleiben lieber im Dunklen. Wir wollen gar nicht alles wissen. Wir verstecken uns lieber vor unserem eigenen Unrecht.
Unseren Anteil am Klimawandel, unseren Energieverbrauch, unsere bequemen, aber schädlichen Gewohnheiten wollen wir lieber nicht sehen. Unsere Rücksichtslosigkeit gegen andere verleugnen wir. Was wir selbst falsch machen und womit wir andere verletzen, das entschuldigen wir.
Ein Licht leuchtet. Gott schlägt nicht mit Macht auf das Unrecht ein. Er setzt sich selbst dem Unrecht und dem Leid aus. Und wir müssen nicht einfach weitermachen. Wir können umkehren, wie Nikodemus. „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.“
Wir werden ins Licht gestellt. Unser Unrecht hält Gott nicht davon ab, uns zu lieben, die Welt, die ihn ans Kreuz bringt, zu lieben.
Wir schauen auf zum Gekreuzigten.
„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Amen

der sympathische Gott, Predigt Hebr 4,14-16

Predigt am 10.3.19 von Andreas Hansen über Hebr 4,14-16

Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben,  der den ganzen Himmel bis hin zum Thron Gottes durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes – wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten.
Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er ohne Sünde blieb. 
Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!
Der Hohepriester ist der oberste Priester im Tempel in Jerusalem. Einmal im Jahr geht er ins Innerste des Tempels. Er betet und opfert für das Volk, damit alle Vergebung erfahren und neu anfangen. Der Brief spricht von Jesus als Hoherpriester, aber er ist anders. Jesus lässt sich selbst zum Opfer machen, ein schuldloses Opfer von Unrecht und Gewalt. Er geht nicht in das Innerste des Tempels, sondern bis in den Himmel. Er ist an Gottes Seite. Er schafft ein für alle Mal Versöhnung. Nichts trennt uns von Gottes Liebe.
Der Hohepriester ist weit weg von den Sorgen und Lasten der Menschen. Jesus ist uns nah. Er kennt uns. Er kann mit uns fühlen – sympathein, mitleiden steht da – ein sympathischer Gott. Unser Leben ist vor Gott, versöhnt mit Gott, angenommen, geliebt. Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!

Schauen wir uns das Bild mit dem Kreuz an. Das Kreuz steht oberhalb von Waldshut.
Um kurz vor vier ist sie losgelaufen. Stockfinster und kalt war es noch unten im Albtal. Fast zwei Stunden ist sie aus dem Tal herauf gestiegen. Sie stellt das schwere Tragegestell ab. Um sieben muss sie in Waldshut auf dem Markt sein, aber bis dort geht es jetzt nur noch abwärts. Ein paar Minuten Pause sind drin. Es ist fast schon hell. Sie schaut hinunter ins Tal. Wie oft war sie schon hier oben – wie viel hat sie schon über diesen Berg geschleppt – ein hartes Leben.
Dann sieht sie auf Christus am Kreuz. „Du hast es auch schwer. Und siehst mich doch so freundlich an. Streckst mir deine Arme entgegen, als wolltest du mich umarmen – darf man so denken?“ fragt sie sich – aber sie fühlt sich diesem kleinen Christus nah. Er ist ihr nah. So als ob er sagte: „Stell deine Kiepe bei mir ab. Schau, wie weit und schön es hier ist, trotz allem, was dir das Leben schwer macht. Ich weiß, was dich niederdrückt. Ich trage es mit dir.“
Viele sind über die Höhe beim Dorf Gaiss gelaufen, eine gute Stunde von Waldshut entfernt. Drei Stunden Fußweg am frühen Morgen mit einer Kiepe auf dem Rücken – jemand, der  es selbst noch so erlebt hat, hat mir davon erzählt.
Wie viele wohl an diesem Kreuz Rast gemacht haben. Sonne und Mond stehen über Jesus am Kreuz. „Jede Stunde, alle Tage bin ich bei euch.“
Die Marktfrau am frühen Morgen weiß nicht, was die drei Buchstaben bedeuten: ATM. Manche denken, der Müller Adam Tröndle hat das Kreuz errichten lassen. Er wurde dort überfallen und hat es glücklich überlebt.
„ATM – ave tutor mundi – sei gegrüßt, Beschützer der Welt.“ So liest der Mönch, der später am Tag vorbeikommt. Er kommt von St. Blasien und muss in der Amtsstadt Waldshut vor Gericht aussagen. Er hat Angst vor dem Richter, obwohl er nur Zeuge ist. In der Stadt fühlt er sich nicht wohl – er weiß, wie unbeliebt die Mönche aus dem reichen Kloster sind. „ave tutor mundi – beschütze mich, Jesus! Ich weiß nicht, was heute auf mich zukommt, aber du bist bei mir.“

„Wir haben Jesus. Halten wir uns fest an ihm!“   Die Christen des Hebräerbriefes sind in einer schwierigen Lage. Sie sind damals nur eine kleine Minderheit und erleben Druck und Anfeindung. Sie sind müde und frustriert. Die erste Begeisterung der jungen Gemeinde ist verflogen. Viele kommen nicht mehr in die Gottesdienste. Die Gewissheit ist brüchig geworden, der Glaube schwach.
Da bekommen sie gesagt: Schaut auf Jesus! Lasst uns am Bekenntnis zu Jesus festhalten. Vertraut darauf, dass er uns hilft!
Wir haben Jesus. Wir haben einen, der´s Leben kennt und uns versteht. Sei uns nahe, Gott! Ave tutor mundi, beschütze die Welt, Jesus!
Sei da für die, denen die Arbeit über den Kopf wächst. Wie die Frau auf dem Weg zum Markt schleppen sie eine schwere Last mit sich.    Nachts wachen sie auf und grübeln,  am Morgen sind sie erschöpft.
Ave tutor mundi. Sei bei denen, die sich nicht verstanden fühlen. Sei da für die, denen Unrecht geschieht, die hungernden und notleidenden Menschen in Venezuela, im Jemen, in den Flüchtlingslagern der Welt.
Ave tutor mundi, beschütze deine Schöpfung vor der Gier und Rücksichtslosigkeit von uns. Hilf uns sie zu schützen, dass wir nicht einfach immer weiter machen.
Wenn wir weiterdenken, wird die Last von Schuld und Leid in unserer Welt unerträglich.
Wir tragen unsere Lasten zu Jesus am Kreuz.   Wir stehen da und wissen, zu oft haben wir am Leid anderer vorbeigesehen. Wir bringen ihm unsere Schuld, Hilflosigkeit und Schwäche, unseren Mangel an Glaube und Liebe. Wir sehen den leidenden Jesus. Wir sehen wie Jesus uns entgegenkommt, als würde er sagen: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Ich bin bei euch alle Tage, Tag und Nacht.“
Wir haben Jesus. Wir haben den Herrn im Himmel bei Gott. Und wir haben den sympathischen Gott, Jesus, der mit uns und für uns leidet.
„Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten“ – „Zuversicht“ heißt wörtlich die Freiheit alles zu sagen. Wir können Gott alles anvertrauen. Er ist zuständig, unser Ansprechpartner.
Daran erinnern die alten Wegkreuze. Oder ein Kreuz, das wir in unserer Wohnung aufhängen. Daran erinnert uns die Passionszeit. Vor den Thron unseres gnädigen Gottes dürfen wir alles bringen und frei aussprechen. Amen

Wir sind Hirten, Predigt über Hes (Ez) 34,1-4.7-16.31

Predigt am 3.2.19 von Andreas Hansen über Hes 34,1-4.7-16.31

Hesekiel 34,1-4.7-16.31

Und das Wort des HERRN erging an mich: Du Mensch, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, zu den Hirten: So spricht Gott, der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Das Fett esst ihr und mit der Wolle bekleidet ihr euch und die fetten Schafe schlachtet ihr – ihr weidet die Schafe nicht! Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, und was krank war, habt ihr nicht geheilt, und was gebrochen war, habt ihr nicht verbunden, und was versprengt war, habt ihr nicht zurückgeholt, und was verloren gegangen war, habt ihr nicht gesucht …
Darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! So wahr ich lebe, Spruch Gottes, des HERRN, weil meine Schafe zur Beute und meine Schafe zum Fraß geworden sind für alle Tiere des Feldes, ohne Hirt, und meine Hirten nicht nach meinen Schafen gefragt haben und die Hirten sich selbst geweidet und meine Schafe nicht geweidet haben, darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! So spricht Gott, der HERR: Seht, ich gehe gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand und sorge dafür, dass sie keine Schafe mehr weiden, und auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden. Und ich werde meine Schafe vor ihrem Rachen retten, und sie werden ihnen nicht zum Fraß werden.
Denn so spricht Gott, der HERR: Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert am Tag, da er inmitten seiner Schafe ist, die aufgeteilt worden sind, so werde ich mich um meine Schafe kümmern und sie retten aus allen Orten, wohin sie zerstreut worden sind am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels. Und ich werde sie herausführen aus den Völkern und sie sammeln aus den Ländern, und ich werde sie auf ihren Boden bringen, und auf den Bergen Israels, an den Flussbetten und an allen Wohnorten im Land werde ich sie weiden. Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihr Weideplatz sein; dort werden sie auf gutem Weideplatz lagern, und auf fetter Weide werden sie weiden auf den Bergen Israels. Ich selbst werde meine Schafe weiden, und ich selbst werde sie lagern lassen! Spruch Gottes, des HERRN. Was verloren gegangen ist, werde ich suchen, und was versprengt worden ist, werde ich zurückholen, und was gebrochen ist, werde ich verbinden, und was krank ist, werde ich stärken.
Und ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott. Spruch des HERRN.

„Großmutter, warum hast du einen so großen Mund? – Damit ich dich besser fressen kann!“
Das liebliche Bild vom Hirten ist vielleicht nur ein Märchen. Es hat einen Riss. Die Könige nennen sich Hirten. „Ich behüte und leite euch“, sagen sie, aber sie fressen ihr Volk auf. „Wehe den Hirten, die sich selbst geweidet haben!“
So stellen wir uns einen rechten Propheten vor. So möchten wir manchmal selbst losdonnern: „Wehe über verantwortungslose Politiker! Wehe über korrupte Machthaber, die sich auf Kosten ihres Volkes bereichern! Wehe den Diktatoren, die über Leichen gehen!“ Wir denken z.B. an Maduro in Venezuela – in dem reichen Land hungern die Menschen, oder an die ewigen Staatschefs in Afrika, die ihre Länder ausbeuten. Uns fallen beängstigend viele Wölfe im Hirtenkleid ein.
Kurz nach dem Zusammenbruch redet der Prophet Hesekiel von den Hirten Israels. Das Land  ist von Feinden besetzt, der Staat zerstört, der Tempel vernichtet. Viele, auch der Prophet selbst, sind vertrieben und verbannt. Nichts funktioniert. Heute sprechen wir von failed states, gescheiterten, chaotischen Staaten. Die Hirten haben versagt. Sie haben ihr Volk in den Abgrund geführt. Wie gut, dass Hesekiel ihnen ordentlich Bescheid gibt, nicht wahr?

Aber dann, ganz am Ende, kommt eine überraschende Wendung: „Und ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott.“
Was sind wir: Schafe oder doch keine Schafe? Warum betont er: Ihr seid Menschen? Wir sind Hirten und Schafe zugleich. Ja, auch wir sind Hirten!
Ihr seid Menschen, Menschen unter Mitmenschen, Menschen, die Verantwortung tragen, Menschen vor Gott.
An vielen Stellen sind wir Hirtin und Hirte. Am Arbeitsplatz müssen wir in unserem Bereich Verantwortung tragen, jede und jeder an ihrem und seinem Platz. Menschen sind uns anvertraut, unsere Partner, unsere Kinder, Freunde, Kollegen. Wir müssen entscheiden, in welche Schule unser Kind geht. Wir müssen für unsere Familie sorgen oder für andere. Wir müssen Konflikte und schwierige Mitmenschen ertragen. Wir stehen manchmal vor großen Entscheidungen für andere: Muss ich diesen Angestellten entlassen? Kann ich mich für diesen Menschen entscheiden? Sollen wir die Therapie eines schwer Kranken oder Sterbenden beenden? Ich bin eigentlich froh, dass ich nicht so große Entscheidungen treffen muss wie die Politiker. Wir wollen Menschen gerecht werden. Aber das gelingt uns nicht immer. Oft handeln und entscheiden wir egoistisch. Leicht missbrauchen wir die Macht des Hirten.
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ fragte Kain. Er wollte nicht sehen, was er angerichtet hatte. Er hatte seinen Bruder nicht behütet, im Gegenteil.
Hesekiel spricht nach dem Versagen der Hirten. Er schont sie nicht. Er beschönigt nichts. Aber passen wir auf: Immer wenn wir mit einem Finger auf andere zeigen, zeigen drei Finger unserer Hand auf uns selbst.

Gott sei Dank, Hesekiel sagt noch mehr: „Denn so spricht Gott, der HERR: Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Ich selbst werde meine Schafe weiden!“
Gott selbst ist Hirte. Er sucht das Verlorene. Er heilt das Verwundete. Das zerrissene und befleckte Bild des Hirten bekommt eine neue Bedeutung. Gott ist der gute, der wahre Hirte. Hesekiel tröstet das verirrte, geschlagene Volk. Gott selbst will sie suchen und aus allen Völkern zurück in ihr Land führen. Gott sieht die Not und verspricht einen neuen Anfang, einen Weg aus dem finsteren Tal. Gott sieht das Versagen von uns großen und kleinen Hirten, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und die vor allem an den eigenen Vorteil denken. Gott kommt seinem Volk entgegen als der gute Hirte. Er sucht die Verlorenen. Gott kommt uns entgegen.

Wir sind Hirten und wir sind Schafe. Ja, wir sind, in dem Bild gesprochen, auch Schafe. Andere müssen für uns entscheiden, für uns da sein, uns beschützen. Wir brauchen andere, denen wir uns anvertrauen. Wir brauchen Hirten, die uns behüten, die uns suchen, wenn wir verloren gehen, Hirten, die nicht ohne uns einfach weiter gehen. Tief enttäuscht sind wir, wenn unser Vertrauen verletzt wird. Natürlich gibt es Hirten, die versagen, Politiker, Ärzte, Eltern, Lehrer. Es gibt angebliche Hirten, die nur sich selbst weiden. Und es gibt Menschen, die verloren gehen und einfach vergessen werden.
Schiffbrüchige müssen wochenlang vor der Küste warten, bis sie an Land dürfen. Menschen in unserer Nachbarschaft verlieren alle Kontakte und vereinsamen. Ein Jugendamt übersieht oder verharmlost die Gefahr, der Kinder ausgesetzt sind. Beispiele für Menschen, die verloren gehen, Lebenswege, die zum Verzweifeln sind.
Viele fragen, wie in den Psalmen: „Wo bist du, Gott? Verbirg dich doch nicht! Komm zur Hilfe!“
Hesekiel sagt: Gott gibt keinen Menschen verloren. Gott vergisst keinen Menschen. Kein Mensch, keiner von den vielen Opfern, deren Zahlen wir in den Nachrichten hören, keiner, dessen Leid oder Tod uns ganz nahe geht, keiner ist Gott gleichgültig. Es geht kein Mensch über die Erde, den Gott nicht lieb hat, der ihm nicht am Herzen liegt.

In der Stunde Null, als alles zum Verzweifeln verloren und kaputt ist, da sagt Hesekiel seinem Volk: Gott ist unser Hirte. Er gibt uns nicht verloren. Er lässt uns nicht einfach im Stich. Wir glauben, dass Gott in Jesus Christus die Verlorenen sucht und rettet. Am Kreuz hat er selbst die tiefste Verlorenheit und Verzweiflung auf sich genommen. Wir sehen auf ihn und finden Trost im Leben und im Sterben.
Schon damals, 600 Jahre vor Jesus, lässt Gott seinem Volk sagen: Ich bin euer Hirte. Ich lasse euch nicht los. Ich gebe euch nicht verloren. „Ihr, meine Schafe, die Schafe meiner Weide, ihr seid Menschen; ich bin euer Gott.“
Gott hat einen Bund geschlossen mit seinem Volk. Er hat ihnen fest versprochen: „Ich bin euer Gott.“
Dies Versprechen bleibt und gilt auch uns: „Ich bin euer Gott.“
Vertrauen wir uns ihm an, ihm, dem guten Hirten!
Versuchen wir selbst an unserem Ort gute Hirten zu sein, unseres Mitmenschen Hüterin und Hüter!

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

hellwach – Predigt zum 27.1., Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus, Eph 4,22-26.29

Predigt am 27.1.19 von Andreas Hansen über Eph 4,22-26.29

„I have a dream“ – Ich habe einen Traum. Martin Luther King träumte: Eine Welt ohne Rassismus, eine Welt ohne trennende Grenzen. Er träumte von Versöhnung, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen. In der Bibel fand er den Grund für seinen Traum. Martin Luther King wurde erschossen. Sein Traum lebt.
„I have a dream“ – Ich habe einen Traum. Der Glaube hält den Traum lebendig.
„Die Bibel ist ein Traumbuch vom Menschsein.“, so sagt der Theologe Friedrich-Wilhelm Marquard, der sich für die Versöhnung von Juden und Christen einsetzt. „Die Bibel ist ein Traumbuch vom Menschsein.“
Trotz allem, was geschah, hoffen wir auf Frieden, Versöhnung, eine menschliche und gerechte Welt. Gemeinsam buchstabieren Juden und Christen heute die Hoffnung. Dass dies möglich ist, ist schon ein Grund den Traum nicht aufzugeben.
Wer dem Traum vom Menschsein folgen will, muss hellwach sein.
Wir hören den Predigttext für diesen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ein Schüler von Paulus schreibt im Epheserbrief:

Eph 4, 22-26.29

Legt ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.
Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.

Wer dem Traum vom Menschsein folgen will, muss hellwach sein. Der Epheserbrief redet vom neuen Menschen. Da ist Vorsicht geboten! Die Rede vom neuen Menschen ist oft genug faules Geschwätz. Sie stinkt nach Machtgier und Menschenverachtung. Von einer neuen Zeit und dem neuen Menschen sprachen und sprechen die Diktatoren. Die Nazis wollten den neuen Menschen sogar züchten und ihn mit Hass und Härte imprägnieren.
„Legt ab den alten Menschen mit seiner Gier!“ So eindringlich, wie wir ermahnt werden, wird deutlich: Es fällt uns nicht leicht. Wir können ihn nicht wie ein altes Gewand abstreifen und wegwerfen. Er klebt an uns, dieser alte Mensch. Vorsicht ist geboten vor allen, die sich selbst und ihresgleichen für den neuen Menschen halten,   für besser als die anderen. Das ist ja die Gier, dass wir so gerne die Besseren sind, dass wir uns überlegen fühlen, dass wir über andere bestimmen wollen, weil wir es ja besser wissen, weil uns das ja zusteht. So leicht machen wir andere schlecht – wer könnte sagen, er ist frei von dieser Gier des alten Menschen? „Legt den alten Menschen ab“ heißt: Auch gegen uns selbst müssen wir wachsam sein.
„Legt die Lüge ab. Redet die Wahrheit. Zürnt ihr, so sündigt nicht. Kein faules Geschwätz. Redet, was gut ist, was erbaut, was notwendig ist, damit es Gnade bringe.“
Worte können so viel anrichten. So leicht sagen wir im Streit unbedachte Worte. Wir verletzen und zerstören Beziehungen. So leicht halten wir für wahr, was uns selbst in den Kram passt, und unterstellen dem anderen Unwahrheit. So leicht verurteilen wir, hassen wir, hetzen wir. So leicht wird aus Worten Gewalt.
Worte können viel anrichten. Reporter werden als Lügenpresse beschimpft. Menschen, die sich für andere einsetzen, werden als Gutmenschen verspottet. Unliebsame Politiker werden bedroht und mit Shitstorms überzogen. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird Fake-News genannt. Wir erleben das bei den Herren im Weißen Haus oder im Kreml oder im Palast Erdogans oder bei den Populisten in zahlreichen Ländern und auch bei uns.
Und wir können den Worten kaum ausweichen. Hellsichtig schrieb Orwell 1948 in seinem Roman 1984: Allgegenwärtig ist der Teleschirm, über den es heißt: „Man konnte das Gerät zwar leiser stel-len, aber ganz ausschalten ließ er sich nicht.“
Ein Kampf der Worte –  so begannen die Nazis ihr Werk, und fast alle fielen auf ihre Worte herein und huldigten der Macht. Fast keiner widersprach den Lügen, der Hetze gegen Juden, der Menschenverachtung, der Verhöhnung demokratischer Rechte, der Aufstachelung zum Mord.
Aus Worten wird Gewalt, Sprache, die ausgrenzt, eine „spalterische Sprache“ nennt sie der Bundespräsident. Sie vergiftet das Klima und letztlich die ganze Gesellschaft.
Als 1979 der Film Holocaust das alltägliche Unrecht an den Juden zeigte, erschraken viele: „Wir haben ja auch mitgemacht. Wir sind ja auch an den Leuten mit dem Stern vorbeigegangen.“

Es ist den evangelischen Kirchen sehr schwer gefallen zu erkennen und zu bekennen, dass auch sie Schuld am Unrecht im Nationalsozialismus trugen. Die meisten hatten Hitler begrüßt. Auch an unserem Pfarrhaus hing wohl die Fahne mit dem Hakenkreuz. Sie haben geschwiegen zum Unrecht zB zu den Pogromen im November 1938. Nur einzelne Christen wie Dietrich Bonhoeffer wagten Widerspruch.
Im Oktober 1945 kam eine Delegation des Ökumenischen Rates zur Versammlung des Rates der EKD in Stuttgart. Da formulierten sie eine für damalige Verhältnisse mutige Schulderklärung: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden.“
Der Text war damals sehr umstritten. Es stimmt leider nicht, dass die Kirche „im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft (hat), der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat“. Aber immerhin war es ein erster Schritt für einen neuen Anfang. Erst seit den 80er Jahren gibt es klare Worte zur Schuld der Kirche an den Verbrechen. Heute sagt unsere Landessynode „Antisemitismus ist Gotteslästerung“ und in der Grundordnung unserer Kirche heißt der dritte Artikel: „Die Evangelische Landeskirche in Baden will im Glauben an Jesus Christus und im Gehorsam ihm gegenüber festhalten, was sie mit der Judenheit verbindet. Sie lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist, und bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels. Sie beugt sich unter die Schuld der Christenheit am Leiden des jüdischen Volkes und verurteilt alle Formen der Judenfeindlichkeit.“

Wir haben einen Traum.
Wir träumen vom Menschsein und wollen hellwach sein gegen alle Vergiftung und Verwahrlosung der Sprache, gegen die Sprache der Verachtung und der Feindseligkeit, wachsam auch gegen den alten Menschen in uns selbst.
Aber wir wollen, wie es der Epheserbrief sagt, uns erneuern lassen in unserem Geist und Sinn und den neuen Menschen anziehen, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Paulus meint: Wir haben Jesus Christus angezogen. Von ihm sind wir schon jetzt geprägt. Wir sind frei, neu zu beginnen. Wir können der Lüge begegnen und die Wahrheit sagen. Wir können reden, was gut ist, was erbaut, was notwendig ist, damit es Gnade bringe.
Jesus Christus hat die Macht des alten Menschen gebrochen, obwohl wir immer wieder erleben, wieviel Unheil die Gier bewirkt.
Wir haben einen Traum. Unser Glaube an Jesus Christus hält ihn lebendig und wir erkennen schon jetzt Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit durch ihn.
Lasst uns – hellwach – träumen in seinem Namen.

Amen

Mk 2,18-22 Ich sage Ja

Predigt am 20.1.19 von Andreas Hansen über Mk 2,18-22

Sing-Gottesdienst mit dem neuen Anhang zum Gesangbuch: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder - während der werden zweimal Verse aus dem Lied 158, ich sage Ja, gesungen und danach das ganze Lied, Evangelium des Sonntags ist das Weinwunder zu Kana, Joh 2

Jesus feiert gerne. Große steinerne Krüge sind auf einmal voll Wein, viel mehr als die Gäste trinken können, viel feiner, als das Paar es sich leisten könnte.
Freude im Überfluss, wenn Jesus mit uns feiert. Hochzeit, hohe, schöne, glückliche Zeit mit ihm. Reich und verschwenderisch teilt er aus und schenkt ein Wunder, das einfach nur schön ist und zum Feiern einlädt.
Jesus setzt sich mit Menschen an einen Tisch und schenkt ihnen Gemeinschaft und Vergebung. An seinem Tisch schenkt er die Hoffnung, dass unser Leben heil wird und zu Gott führt.
Auch wenn Jesus den Himmel beschreibt, spricht er von einem großen Fest, einem Hochzeitsmahl.
Seine Gegner ärgern sich über Jesus. Sie beschimpfen ihn als Fresser und Weinsäufer. Ein Lehrer muss doch würdig, ernst und zurückhaltend sein. Die Zeiten sind hart. Viele leiden Not in Israel. Aber Jesus feiert?
Und wie kann Jesus ausgerechnet mit denen essen und feiern, die vom System der römischen Unterdrückung profitieren? „Er isst mit den Zöllnern und Sündern!“ Tatsächlich begibt sich Jesus in schlechte Gesellschaft. Er isst mit Gaunern und Huren. Er hat keine Berührungsangst. Jesus kann ohne Vorbehalte auf andere zugehen, getragen von Vertrauen. Er nimmt Menschen an – und gibt ihnen die Chance umzukehren, neu anzufangen. In der Begegnung mit Jesus erfahren Menschen, wie nahe Gott ihnen ist.  Sie erleben: Gott nimmt mich an. Wunderbar ist das, befreiend. Nun können sie neu anfangen, wie der Zöllner Zachäus, wie viele, die Jesus geheilt hat. Jesus richtet Menschen auf. Er freut sich über sie. Er feiert mit ihnen.

Lied 158,1 (Ich sage Ja)

Seine Gegner ärgern sich über die Freiheit, die Jesus sich herausnimmt. Sie streiten mit ihm. Unser Predigttext für heute steht im Markusevangelium in einer ganzen Reihe von Streitgesprächen. Ich lese die ersten Verse:

Weil die Jünger des Johannes und die Pharisäer regelmäßig fasteten, kamen einige Leute zu Jesus und sagten: »Die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten; warum fasten dann deine Jünger nicht?«
Jesus gab ihnen zur Antwort: »Können etwa bei einer Hochzeit die Gäste fasten, während der Bräutigam noch bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie doch nicht fasten!
Es kommt allerdings eine Zeit, wo ihnen der Bräutigam entrissen sein wird; dann werden sie fasten.  (Mk 2,18-20)

Fasten hat seine Zeit. Fasten heißt: Innehalten, Still sein, Verzicht auf alles, was mich ablenkt, zu Gott kommen, sich ausrichten wie ein Kompass. Jesus kannte und übte solche besonderen Zeiten, Zeiten des Gebets und des Fastens. Wir wissen heute in der evangelischen Kirche, wie gut so eine besondere Zeit sein kann – wir haben aber keine Vorschriften für bestimmte Zeiten und Weisen des Fastens. Üblich war damals das Fasten in Trauerzeiten. Fasten hat seine Zeit. So sagt Jesus. Er wird dem Leid und dem Schmerz nicht aus dem Weg gehen, wenn es soweit ist. Er wird auf alle Möglichkeiten, auf alle Freude verzichten und den Weg des Kreuzes gehen bis zum Ende. Aber jetzt ist eine andere Zeit, nicht die Zeit zum Fasten. Jetzt ist Freudenzeit, Zeit der Gnade, Tag des Heils, Zeit hochzeitlicher Freude: Gott ist nahe. „Der Bräutigam ist da“, sagt Jesus. Ausgelassenheit, Verliebtheit, Lust liegt in der Luft, ein festlicher Glanz über allem, Lachen und Gesang und Freude.
Schon im Alten Testament ist die Hochzeit ein Bild für Gottes Nähe. Juden begrüßen den Sabbat wie eine Braut, denn sie feiern Gottes Nähe.  Die Trauerzeit wird am Sabbat unterbrochen. Beichte und Klage werden verschoben. Auch nach christlichem Brauch wird das Fasten sonntags unterbrochen. Jeden Sonntag feiern wir Jesu Auferstehung, den Sieg über Tod und Leid, Ostern. Gott will unser Leben – ist das nicht ein Grund, dass wir uns freuen und feiern? Jetzt, in der Weihnachtszeit, die ja noch andauert, feiern wir, dass Gott in Jesus zu uns kommt. Er wird ein Mensch. Er nimmt unser Menschsein an. So sehr liebt Gott diese Welt und uns. „Ich sage ja zu dem, der mich erschuf.“ Ich bejahe den, der zu mir und zu allen seinen Geschöpfen ja sagt.
Dazu gehört dann auch, dass wir nein sagen zu allem, was der Schöpfung schadet. Es ist stark, dass Schülerinnen und Schüler für die Schöpfung demonstrieren. (Demonstration gegen den Klimawandel in Freiburg mit über 3500 Jugendlichen) Gott sagt ja zu unserem Leben und nein zu allem, was Leben vernichtet.

158, 1+2

Gleich nach dem Wort Jesu von dem Bräutigam, der nicht fastet, sondern feiert, hat der Evangelist Markus zwei andere Jesusworte überliefert: Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff, sonst reißt das neue Stück wieder aus, und der Riss im alten Stoff wird noch größer. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche.   Er gärt ja noch und würde die Schläuche zum Platzen bringen, und der Wein samt den Schläuchen wäre verloren. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche (Mk 2,21+22)

Ich hänge an meinen alten Klamotten, und ich laufe am liebsten in den Schuhen, die schon ein wenig ausgelatscht sind. Wir hängen an dem, was immer schon so war, was wir gewohnt sind. Und auch in unseren Einstellungen und unserem Verhalten bewegen wir uns am liebsten in gewohnten Bahnen. Auch an schlechten Gewohnheiten halten wir fest, kaum bereit uns zu verändern. Immer wieder am gleichen Punkt geraten wir in Streit oder sind wir eingeschnappt. Immer wieder bleiben wir an den Verletzungen und Enttäuschungen unseres Lebens hängen. Wirklich neu beginnen und einem anderen wirklich eine neue Chance geben – das fällt uns unendlich schwer.
Jesus spricht viel von Umkehr. Er weiß, wie sehr wir im Alten verhaftet sind, wie unbeweglich und oft unfrei. Er weiß, wie uns Schuld lähmt. Manchen beschäftigt ein Leben lang, was ihm angetan wurde oder worin er selbst versagt hat. Die Vergangenheit kann wie ein Schatten über dem Leben liegen.
Das ist ja so schön bei den demonstrierenden Jugendlichen, dass sie sich Veränderung und Neuwerden wirklich vorstellen und zutrauen.
Jesus hilft Menschen, die versagt haben oder die verletzt sind. Er zeigt dem Zöllner Zachäus, wie rissig und fadenscheinig sein Lebensgewand ist. Jesus gibt ihm die Kraft umzukehren, neu zu beginnen, Nein zu sagen zum dem, was unrecht ist, Ja zu sagen zu seinen Mitmenschen und zu Gott.
Wir sehen uns selbst, unsere Gesellschaft, unsere Welt oft viel zu eng, eingesperrt in Zwängen, ohne die Möglichkeit etwas zu gestalten oder zu verändern. Jesus hat einen weiten unverstellten Blick. Für ihn sind Menschen nicht einfach festgelegt. Er hat Gottes Reich als Ziel. Darum kann er nicht einfach resignieren vor Unrecht und Gewalt in der Welt. Darum sieht er immer neue Möglichkeiten und treibt die Hoffnung weiter.
„Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.“ (Text von Lied 158,3)

Jesus lädt uns ein zu seinem Fest.
Wir nehmen Brot und Wein und wir feiern sein Ja zu uns.

Amen.

Predigt Josua 3,5-11+17

Predigt am 13.1.19 von Andreas Hansen über Jos 3,5-11.17

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des HERRN der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Meine Familie hat mir davon erzählt, von der Flucht in den kalten Januartagen in Ostpreußen vor 74 Jahren. Man hatte noch verboten, Vorbereitungen für die Flucht zu treffen, als Königsberg schon besetzt war. Vom Sieg wurde geredet, als schon alles verloren war.
Dann musste es plötzlich ganz schnell gehen. Heimlich hatte fast jede Familie doch einen Wagen gepackt. Aber in der Hektik des Aufbruchs haben sie dann doch Unentbehrliches vergessen – eigentlich war es egal, denn das Meiste ging sowieso verloren – mit fast nichts kamen sie an.
Sie haben mir davon erzählt, aber ich kann es mir kaum vorstellen, wie es war: der Abschied, die Strapazen auf dem erzwungenen Umweg zur Küste, das Gedränge auf dem Schiff – andere Schiffe mit Tausenden Menschen liefen auf Minen oder wurden getroffen – dann in Schleswig-Holstein und später hier: ein Flüchtling sein, ein Niemand, ein Bittsteller, widerwillig aufgenommen, argwöhnisch auf Abstand gehalten.
Vielleicht ist diese Erinnerung verblasst, weil die andere so stark wirkte: der Neubeginn mit Arbeit und den ersten Anschaffungen – wie Könige fühlten sie sich in der ersten Wohnung, die sie nicht mehr mit den Großeltern teilen mussten.  An Krieg und Flucht wollten sie nicht denken. Nur im Albtraum kehrten die Erinnerungen manchmal zurück und haben manche dieser Generation im Alter noch geplagt.
Wie beginnt man neu, wenn alles, was war, zerbrochen ist?
Wie ist es für „unsere“ Flüchtlinge heute und hier?
Alle Brücken abbrechen und neu anfangen: So ähnlich erleben es Menschen, die ihre Arbeit und ihr Zuhause verlieren, oder wenn Beziehungen zerbrechen und man plötzlich alleine dasteht.
Wie geht es weiter?
Wo ist eine Hand, die mich führt, eine Brücke über den Fluss, ein Ausweg aus der Not?

Die Israeliten sehen den Jordan vor sich. Es ist eigentlich ein kleiner Fluss, aber jetzt schmilzt der Schnee auf dem Libanon. Das Wasser des Jordan ist tief und reißend schnell und tritt über die Ufer.
Sollen sie warten, so kurz vor dem Ziel? Lang sind sie durch die Wüste gegangen, immer wieder erschöpft, verzweifelt, in Not – aber immer wieder auch bewahrt, gerettet, gestärkt.
Der Prophet Jeremia meint später über diese Zeit: „Wie ein Honeymoon, wie die erste Liebe war diese Zeit in der Wüste. Voll Vertrauen seid ihr Gott gefolgt.“
Soll Josua es wagen, das Volk über den Fluss zu führen? Gott sagt: „Ich werde mit dir sein, wie ich mit Mose gewesen bin. Geh hinüber!“ Wie damals am Schilfmeer stehen sie vor dem Wasser und kommen nicht weiter. Damals drohte hinter ihnen das Heer der Ägypter mit seinen Streitwagen, modernste und weit überlegene Militärtechnik. Da wagten sie den Schritt und das Meer teilte sich und Gott schützte sie. Sie waren gerettet.

„Erinnert euch und habt Vertrauen! Wagt euch über den Fluss, ins Ungewisse, auf den Weg mit all seinen Gefahren! Ihr sollt es erfahren, wie eure Mütter und Väter! Ihr sollt vertrauen wie sie!“
Die Lebens- und Glaubenserfahrungen unserer Mütter und Väter helfen uns weiter. Wir stehen auf ihren Schultern und schöpfen aus dem, was sie erlebt haben. Josua blickt zurück auf den Weg des Mose und bekommt Mut. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor hundert Jahren eine demokratische Ordnung nach Krieg und Kaiserreich schufen. Wir bauen auf das, was die Mütter und Väter des Grundgesetzes vor 70 Jahren formulierten. Wir blicken zurück auf die Flüchtlinge, den Fall der Mauer, die Einwanderung der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion.
Natürlich kann man vieles anführen, was meiner Familie damals nach der Flucht geholfen hat. Sie haben Glück gehabt, dass sie einander fanden, dass sie die Not überstanden und in der Zeit des Aufbaus und dann des Wirtschaftswunders eine Chance bekamen. Aber man kann auch sagen: Gott hat sie bewahrt und ihnen Glauben und Kraft gegeben sich wieder aufzurichten.

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn wir vor dem Fluss stehen, Konflikte und Gefahren vor uns – es können auch Übergänge sein, die nur uns persönlich betreffen? Wie geht Josua damals in das, was so unübersichtlich und bedrohlich ist? Die Bundeslade lässt er vorangehen. In dem kostbar verzierten Kasten, den die Priester tragen sind die Tafeln der Gebote. Gott verspricht: „Ich bin dein Gott. Ich habe dich befreit.“ Und Gott wartet auf unsere Antwort. Ein gegenseitiges Versprechen ist der Bund. Den hat Gott uns gegeben. Er ist und bleibt unser Gott, der uns befreit. Wir sind und bleiben die Seinen. Josua sagt zum Volk „Heiligt euch für Gott!“ Dann geht er den ersten Schritt: im Vertrauen auf Gott, der Mose und dem Volk geholfen hat.
Vertrauen ist zuerst passiv: Ich lasse zu, ich lasse an mir geschehen, was jetzt kommt, denn Gott ist bei mir, was auch geschieht. Vertrauen ist aber auch aktiv: Ich gehe den Weg seiner Gebote.

Es mag uns grausam und falsch erscheinen, wenn da von der Vertreibung der Völker die Rede ist und das Josuabuch auch sonst sehr kriegerisch klingt. Nehmen wir das nicht zu wörtlich. Es ist in viel späterer Zeit geschrieben. Israel wird immer wieder von benachbarten Völkern gedemütigt und bedrängt. Sieben Völker will Gott für sie vertreiben – damit sagt Gott symbolisch: „In allem, was kommt, will ich euch bewahren.“

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn das Leben chaotisch und unübersichtlich ist wie ein wirbelnder Fluss und es keine bequeme Brücke gibt?
„Heiligt euch für Gott!“ – wie soll das gehen? Besinnt euch auf euren Bund mit Gott, Gottes Bund mit euch, sein Versprechen in der Taufe, alle Tage bei euch zu sein!
Konzentriert euch wie ein Hochleistungssportler vor dem entscheidenden Lauf – alles ist vorbereitet und jetzt geht es, wie es eben geht!
Schaut auf die, die vor liefen und vor euch glaubten!
Geht im Vertrauen auf Gott!

Der Friede Gottes, höher als unser Verstehen, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Ein Stern in der Nacht – Predigt über Mt 2,1-12 6.1.19

Predigt am 6.1.19 von Andreas Hansen über Mt 2,1-12

vor der Predigt singen wir EG 23 - der Text der STrophe 4 wird zu Beginn der Predigt zitiert

Mt 2,1-12 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.  Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.
Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Ein Stern leuchtet und zeigt den Weg.
„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht´ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“
Ein Licht kommt in die Welt und verändert uns. Wer das Licht sieht, wird hocherfreut wie die Weisen.
Sie fallen auf die Knie. Sie schenken ihm ihre Schätze. Laut Martin Luther stehen Gold, Weihrauch und Myrrhe für Glauben, Liebe und Hoffnung.
Glaube macht froh, Hoffnung macht stark und Liebe macht glücklich.
Christen sind fröhliche Leute, Kinder des Lichts.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
„Ein neuer König?“ Herodes erschrickt. „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Ein neuer König – das ist einer zu viel. Das Kind muss weg!“
Jedes Mittel ist Herodes recht dafür, seine Macht zu erhalten. Er setzt die Führer und Sachverständigen der Religion ein – und sie lassen sich benutzen: Es kann ja nicht schaden, einen Machthaber zum Freund zu haben.   Schamlos belügt er die drei Weisen. Sie sollen seiner hinterhältigen Intrige dienen und ihm den Weg zeigen. Herodes wird auch bedenkenlos einen Massenmord an Kindern befehlen.
Was ist das für eine düstere Geschichte! So gar nicht weihnachtlich, sondern grausam. Rücksichtslos wird um die Macht gekämpft. Herodes ist einer von vielen Machthabern damals und heute. Wenn es um sein Interesse geht, lügt er, spielt er Leute aus, geht er über Leichen. Der Evangelist Matthäus beschreibt einfach unsere Welt, wie sie ist, wie wir sind. Wir sind in unseren kleinen Kreisen ebenfalls verstrickt in das Spiel um Einfluss, Erfolg, Macht und den eigenen Vorteil. Es genügt nicht, dass wir auf die Mächtigen zeigen. Oft sind die, die vorher über „Die da oben“, die Eliten schimpften, keinen Deut besser, wenn sie selbst Macht haben.
Aber da ist dieses Kindlein, der neugeborene König der Juden, wie die Drei sagen. „König der Juden“ – so wird Pilatus an sein Kreuz schreiben und wird damit nicht nur ihn verspotten, sondern alle Juden.
Da ist das Kindlein, das uns und das alle Menschen zu Kindern des Lichts machen will.    Er kommt in unsere düstere Wirklichkeit. Er wird Israel weiden. Er wird der gute Hirte sein.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
Fast beiläufig erwähnt Matthäus den Traum der drei Weisen. Sie gehen nicht zurück zu Herodes. Sie spielen nicht mit in seinem Machtpoker. Gott weist ihnen einen neuen Weg.
Schauen Sie auf das Bild aus der Kathedrale von Autun im Burgund: Der Traum der drei Könige – vor über 800 Jahren von einem Künstler namens Gislebertus für die Kirche geschaffen.
( zB auf dieser Seite zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Autun)
Unter einer Decke schlafen die Drei. Geborgen in schützender Gemeinschaft ruhen sie aus von ihrem langen Weg. Ihre Suche hat sich gelohnt. Sie sind angekommen. Dem Stern sind sie gefolgt bis hierher. Jetzt durften sie sehen, wonach sie sich gesehnt haben. Kostbare Geschenke haben sie gebracht und sind selbst glückliche Beschenkte. Sie schlafen selig.
Sanft kommt ein Gottesbote, weckt leise nur einen von ihnen, berührt ihn mit einem Finger und zeigt auf den Stern. Ihr müsst einen anderen Weg gehen. Ihr könnt nicht gemeinsame Sache mit Herodes machen.

Ein Stern leuchtet in der Nacht.
Der Engel bleibt diskret im Hintergrund. Er gibt nur einen Wink und vertraut den Weisen, dass sie folgen werden. Es fährt kein Blitz vom Himmel, der den brutalen, machtgierigen Herodes unschädlich macht. Die Herodes-Typen unserer Zeit ersticken nicht an ihren Lügen und zerbrechen nicht unter der Gewalt, die sie anderen antun. Gott spricht nicht ein donnerndes Machtwort. Gott greift nicht durch, so sehr wir uns das manchmal wünschen.
Aber fragen wir uns: Wo sind wir? Sind wir bei denen, die dem Stern folgen, oder stecken wir selbst unter einer Decke mit einem Herodes?
Behutsam greift Gott ein: Ein Stern, ein Traum, eine zarte Berührung, ein Kind. Menschen auf der Suche, wie die Weisen: sie sollen ankommen, sie dürfen finden.
Die Weisen aus dem Osten stehen für viele Menschen auf der Suche. Sie haben noch längst keinen fertigen Glauben oder sie rechnen sich vielleicht zu einer anderen Religion. Gott öffnet ihnen einen Weg. Jesus lädt sie ein. Seine Wahrheit ist größer als die Grenzen der Konfessionen und Religionen.       Alle sollen erkennen, wie sehr Gott uns liebt. Wie die drei Weise so sollen wir alle hocherfreut Gott anbeten. Irgendwann, so glaube ich, werden wir alle gemeinsam diese Freude erleben.
Die Weisen schenken ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe, und sie sind selbst reich und glücklich beschenkt. Sie freuen sich, Gott zu begegnen. Sie erkennen ihn in dem Kind, im Stern, in der Berührung im Traum.
Wir erschrecken vor Herodes, dem Grausamen und Machtgierigen. Wir erschrecken vor Gewalt, Intrige, Bosheit in unserer Welt. Aber wir dürfen wie die Weisen ruhig schlafen und aufatmen: Gott zeigt uns den Weg und er schenkt uns genug Glauben und Hoffnung und Liebe, damit wir ankommen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Gottes Gnade ist erschienen – Predigt zum Christfest über Tit 2,11

Predigt am 25.12.18 von Andreas Hansen über Tit 2,11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herren Jesus Christus. Amen

Vom Kind in der Krippe und den Engeln bei den Hirten haben wir gehört. Das Weihnachtsevangelium des Lukas ist uns vertraut und lieb. Vielleicht haben Sie bei der Lesung Melodien von Bach im Ohr oder mehr oder weniger berühmte Krippendarstellungen vor Augen.
Eben hörten wir, wie Johannes wunderschön und rätselhaft schreibt. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. (Joh 1,14) Gott wird Mensch. Wir haben Christus als wahren Gott und wahren Menschen gepriesen.
Beide, Lukas und Johannes, beschreiben, dass Gott in Jesus in die Welt kommt.
Hören wir eine dritte Version: Paulus schreibt an Titus, seinen Freund auf der Insel Kreta. Eigentlich ist es ein Späterer, der unter dem Namen von Paulus schreibt, aber wir nennen ihn jetzt einfach Paulus.
Er beschreibt Weihnachten in vier Worten:
Gottes Gnade ist erschienen. (Tit 2,11)
So verhält sich Gott zu uns.
An Weihnachten zeigt Gott, wie er zu uns steht. In Jesus Christus ist ein für alle Mal geklärt, wie Gott zu uns und zu allen Menschen steht. Über uns und unser Leben ist entschieden, zum Guten entschieden.  Gott hat ja zu uns gesagt.
Gottes Gnade ist erschienen.
Die Gnade Gottes ist ein Mensch.
Sie hat Hand und Fuß, ein Gesicht, eine Stimme. Noch sind es winzige Händchen und Füßchen. Wie ein Kind uns fröhlich anlacht, so liebevoll sieht Gott uns an. Wie ein Kind mit offenen Armen auf uns zukommt, so will Gott von uns angenommen werden. „Lass mich doch deine Krippe sein“, singt Paul Gerhardt, „dass ich dich stets in, bei und an mir trage.“ (EG 37,4)

„Du, Paulus, das liebe kleine Kind, das mir seine Händchen entgegenstreckt, kann ich mir besser vorstellen, als deinen Satz von der Gnade. So ein Kindchen nehme ich gern mal auf den Arm und trage es. Das höre ich gern, dass Gott so lieb ist. Warum sagst du Gnade? Das klingt nicht schön.
Um Gnade muss man bitten. Gnade wird von oben herab gewährt oder verweigert. Und warum sagst du erscheinen und nicht einfach kommen?“
Paulus antwortet: „Gott kommt nicht mal eben vorbei wie der Nachbar von nebenan. Gott ist anders. Kein Mensch kann Gott sehen. Mit unserem Verstehen erreichen wir ihn nicht. Unser Abstand zu Gott ist unendlich. Wir können nur viel zu klein von Gott denken. Und doch zeigt sich Gott. Darum sage ich „erscheinen“: das Geheimnis bleibt, dass Gott viel größer ist als unser Verstehen, und doch zeigt er sich uns in Jesus. Gott will bei uns sein. Wenn uns jemand fragt: Wie ist Gott? erzählen wir, was Jesus gesagt und getan hat.“
„Aber warum „Gnade“, Paulus? Sollen die Leute sich klein und schlecht fühlen vor Gott?“
„Ganz im Gegenteil: Wir werden durch Gottes Gnade nicht klein gemacht, sondern groß.
Jesus richtet Menschen auf. „Steh auf!“, sagt er zum Gelähmten, „Ich will dein Gast sein.“, sagt er zu dem von allen Verachteten. „Ich verurteile dich nicht“, zu der Frau, über deren Lebenswandel sich alle empören.
Die Gnade hat Hand und Fuß, ein Gesicht und eine Stimme. Ihre Hände haben Kraft zu helfen und zu heilen. Ihre Füße sind auf dem Weg zu denen am Rand. Ihre Augen sehen, wie es um Menschen steht. Ihre Worte stärken und geben Vertrauen.
Die Gnade macht uns groß.Sie erhebt uns zu Freiheit und Würde.“

Gottes Gnade ist erschienen.
Aber sie trifft auf unsere gnadenlose Welt. Wir sagen Nein zu denen, die uns nicht in den Kram passen. Ein Stichwort genügt und schon wissen wir: „So einer ist das. Mit dem will ich nichts zu tun haben.“ Wir verschwenden keine Zeit für Leute, die uns nichts bringen. Wir sagen: „Man bekommt nichts geschenkt“, und handeln meist auch entsprechend. Wir bestehen auf unserem guten Recht. Wir überziehen die, gegen die wir sind, mit übler Nachrede.
Ich sage „wir“, und tue hoffentlich vielen von Ihnen Unrecht. Ich erlebe bei mir, dass ich oft Nein zu anderen sage und dem Ja Gottes widerspreche. Gnadenlos, unversöhnlich, verletzend sind viele persönlichen Verhältnisse.
Gnadenlos geht es in der Welt zu. Ohne Rücksicht auf Verluste werden Interessen verfolgt. Diktatoren wie Assad verwüsten ihr Land um ihre Macht zu erhalten. Kriege und Konflikte gehen immer weiter und fordern zahllose Opfer, weil sie aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen gewollt werden, z.B. der Krieg zwischen Russland der Ukraine oder auch der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

 Gottes Gnade ist erschienen.
Gottes Gnade widerspricht uns und der Welt, wenn wir keine Gnade kennen.
Gott sagt Ja, wenn wir Nein sagen.
Gott will Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit.
Er setzt sich dem Hass, der Gewalt und dem Unrecht aus.
Die Gnade hat Hände und Füße, ein Gesicht und eine Stimme. Ihre Worte werden zum Ärgernis, ihr Gesicht wird geschlagen und angespuckt, ihre Hände ans Kreuz genagelt.
Über die Gnade lachen die Mächtigen, aber sie haben sich verrechnet.
Gott überlässt die Welt nicht ihrer Gnadenlosigkeit.

Gottes Gnade ist erschienen. Und weiter schreibt Paulus. Sie bringt allen Menschen die Rettung. Sie erzieht uns, dass wir uns abwenden von Gottlosigkeit und maßloser Gier, dass wir besonnen und gerecht leben und Gott achten.
Und sie erfüllt uns mit glücklicher Hoffnung: Die Herrlichkeit des großen Gottes wird erscheinen und unser Retter Jesus Christus.
Weihnachten ist ein Fest des Anfangs.
Die Gnade bleibt nicht ohne Folgen. Sie wirkt. Sie nimmt uns an die Hand wie ein Kind. Wir werden erzogen. Glücklich sind die Kinder, denen die Eltern nicht einfach alles durchgehen lassen.
Und wir werden mit Hoffnung erfüllt. Wir warten sehnsüchtig darauf, dass Gottes Herrlichkeit erscheint, dass klar und offenbar wird, was jetzt noch im Dunkel liegt und was uns plagt.
Wir warten sehnsüchtig darauf, dass alle alle, die Gnade Gottes erkennen und der Friede Christi uns alle vereint.

Das wird ein Fest!

Amen

Uns ist ein Kind geboren – Predigt in der Christvesper über Jes 9,1-6

Predigt am 24.12.18 von Andreas Hansen über Jes 9,1-6

Vor der Predigt singen wir EG 37,1-3 Ich steh an deiner Krippen hier, nach der Predigt EG 37,4+9

Ich stehe an deiner Krippe und erkenne durch dich mein Leben.
Du legst dich mir in den Arm und ans Herz.
Ist es wahr? Kann es sein? Frieden auf Erden?
Frieden für die Welt, für mich?
Ich suche deinen Frieden und lese:

(Jesaja 9,1-6) Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Ich stehe an deiner Krippe. Ein Kind ist uns geboren. Du bist mir geboren, für mich da. Ich habe dich bei mir, Kind von Gott. Schon immer bist du da.

Ein Kind ist uns geboren. Gott hilft uns.
Israel singt ein Danklied. Der Kriegslärm ist verstummt. Der Gestank der Angst ist vergangen.
Jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt.
Unterdrückung – schwer wie ein Joch, hart wie ein Schlagstock – das ist vorbei. Ein großes Licht geht auf, wie ein neuer Schöpfungstag nach düsterem Chaos.
Ein Kind ist uns geboren. Wie die Völker jubeln über die Geburt eines Thronfolgers, so besingt Israel eine neue Zeit in Frieden und Gerechtigkeit. Sie jubeln über Gott: Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Ein Kind ist uns geboren?
Wir sind gar nicht bereit für das Fest. Wir haben anderes auf dem Herzen und im Sinn als Weihnachten. Das können wir nicht einfach hinter uns lassen und das wird uns sowieso in wenigen Tagen wieder einholen: unser Alltag  mit seinen Herausforderungen, was wir uns vornehmen, was auf uns einstürmt, Erfolg und Enttäuschung, Krankheit, Abschied, Fragen. Auch bedrängen uns die verwirrenden, ungelösten Konflikte der Welt: Kriege in Syrien, im Jemen, in der Ukraine, Unfreiheit in immer mehr Ländern, der Klimawandel, Terrorismus, immer mehr Länder spalten sich in unversöhnliche Lager. Wohin führt das? Das alles macht uns müde und mutlos – und spricht es nicht gegen Weihnachten?

Ein Kind ist uns geboren!
In unsere Welt, so wie sie ist, kommt Gott. In unser Leben, so wenig bereit, wie wir sind, kommt Gott. Gott stellt sich auf uns ein. Er kommt in unser Leben. Er gibt uns ein Licht, das das Dunkel durchdringt. Ein Kind wird uns in die Arme und ans Herz gelegt. Es will mit uns leben. Es braucht uns. Es weckt das Beste in uns und beschenkt uns mit Liebe und Hoffnung. Es braucht unsere Hände, unsere Arme und unser Herz. Wir handeln, als sei Rettung möglich. Wir widerstehen der Mutlosigkeit.
Ein Kind ist uns geboren. Jesus vertraut sich uns an in den Menschen, die für uns da sind, und in denen, für die wir uns engagieren. Jesus fordert uns heraus und weckt unsere Hoffnung.

Ein Kind wird geboren in Bethlehem. Ein Kind armer Leute, die von der Besatzungsmacht Rom herumgestoßen werden. Seine Geburt findet in einer Notunterkunft statt. Sein erstes Bett ist eine Futterkrippe. Was für ein Gegensatz zur Geburt eines königlichen Thronfolgers!
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, Namen eines Herrschers, dem Gott selbst Macht verleiht.
  Ein Kind ist uns geboren, königliches Kind in einer Krippe, und dann Gottes Sohn am Kreuz. Größer könnte der Gegensatz nicht sein. Gott selbst erträgt den denkbar härtesten Widerspruch. Er lässt sich ablehnen, verspotten und zum Opfer machen. Er geht durch das tiefste Dunkel. Gott lässt sich ein auf die Welt, so wie sie ist. So ist er Licht für die in der Finsternis.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Wege durch Dunkel und Not bekommen eine Richtung und ein Ziel. So wie der Schöpfer das Licht aus der Finsternis rief und dem Chaos abgerungen hat, so durchleuchtet das rettende Licht von Gott, sein Frieden, die Nächte von Krieg und Tod. Wie das Licht einer neuen Schöpfung, so ist Jesus. Neues beginnt. Es bleibt nicht dunkel.

Ein Kind ist uns geboren.
Dein Licht leuchtet auf.
Ich stehe an deiner Krippe und bringe dir, was in unserer Welt ungelöst, leidvoll beängstigend ist,  was mich bedrängt und womit ich selbst nicht fertig werde. Für uns, für mich bist du geboren. Vor dem Dunkel schreckst du nicht zurück.
Ist es wahr? Kann es sein? Frieden auf Erden? Frieden für die Welt, für mich?
Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen, und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Ewigkeitssonntag Predigt über Jesaja 65,17-25

Predigt am 25.11.18 von Andreas Hansen über Jes 65,17-25

Jesaja 65,17-25:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

„Das kann nicht sein!“ denkt sie. Sie kann kaum hören, was die Ärztin zu ihrer Diagnose erklärt. Innerlich schreit sie: „Mach, dass das nicht wahr ist!“    Wochen braucht sie, bis sie sagen kann: „Das bin ich, die diese Krankheit hat. Gib mir Kraft für diesen Weg!“
Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Gott hört. Wir beten und mit uns geschieht etwas. Gott antwortet, aber wir merken es erst später.
Unser Leben ist nicht einfach so in die Welt geworfen. Es ist bedeutungsvoll und kostbar. Trotz allem, was wir nicht verstehen: Unser   Leben ist von Gott gewollt und bejaht.

Fünfzig Jahren nach Krieg und Verbannung sind die Israeliten in ihre Heimat zurückgekehrt. Ein armseliger, enttäuschender Neuanfang ist das. Das Land ist verwüstet. Jerusalem und der Tempel liegen in Trümmern. So haben sie sich das nicht vorgestellt, als sie noch in der Fremde waren und sich nach Hause sehnten. Gott sagt: Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.
Kann aus diesem Trümmerhaufen jemals wieder etwas werden? Werden wir uns je wieder freuen können? Noch sehen wir nur, was früher war und was wir vermissen. Wird es irgendwann so sein, wie du sagst, dass man des Vorigen nicht mehr gedenken und es nicht mehr zu Herzen nehmen wird? Kann es sein, dass man nicht mehr die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens hören wird?
Noch drückt uns böser Tage schwere Last. Noch bedrängt uns die Erfahrung des Abschieds. Unsere Trauer braucht Zeit. Eine Kleinigkeit genügt und der Schmerz ist wieder da. Was uns verbunden hat, der geliebte Mensch, bleibt ein Teil von uns. Der Schmerz gehört zu uns. Wird er in den Hintergrund rücken, vergessen sein?

Die hebräische Sprache hat ein Verb, das nur mit Gott als Subjekt verwendet wird: erschaffen, bara. Nur Gott kann Neues erschaffen und einen neuen Anfang geben. Wenn der Schöpfer spricht, weicht das Chaos zurück. Gott kennt den Grund von allem, was ist, das Geheimnis der Welt.
Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, … freuet euch über das, was ich schaffe.
Mitten in den Ruinen verheißt Gott das Neue. ER  widerspricht der Gewalt und dem Leid und dem Tod. Gott erschafft, was wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Wir denken traurig an die, die wir verloren haben. Aber wir leben von Ostern her. Das Leben bekommt eine neue Dimension. 
Jesus sagt: „Ich lebe, ihr sollt auch leben.“ Der Tod behält nicht das letzte Wort.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde?
Gott stellt unser kleines Leben in den großen Kreis der Schöpfung. Ich bin und wir sind von Gott gewollt.   Jede und jeder hat Anteil am Sinn und am Ziel der ganzen Schöpfung. Der Kosmos, Himmel und Erde und das Leben jedes einzelnen Menschen sind von der gleichen Liebe Gottes getragen.
Gott freut sich über seine Schöpfung. Gott freut sich über uns. Darum macht er das Leid vergessen. Darum segnet er und schafft neu.

Wir möchten sagen: Jesaja, sieh doch, was auf der Welt geschieht! Menschen, die jeden Halt verloren haben. Junge Menschen, die unheilbar krank sind. Kinder, die so viel Schlimmes erfahren haben, dass sie niemandem vertrauen können. Tausende Frauen, deren Partner sie schlagen. Über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Iran und Saudi Arabien heizen den Krieg im Jemen an – Millionen hungern und leiden, und die Welt wendet sich ab. Es ist unfassbar, was Menschen leiden und was Menschen einander antun.
Gott will das nicht. ER steht auf der Seite des Lebens. ER wird dem Leid ein Ende setzen.  Jedes Leben soll sich entfalten, jeder Mensch soll alt und lebenssatt sterben.
Sie werden Häuser bauen und darin wohnen und Weinberge pflanzen und deren Früchte essen.  Sie werden nicht bauen, damit ein anderer wohnt, sie werden nicht pflanzen, damit ein anderer isst.
Die große Hoffnung in kleiner Münze: Das Leben funktioniert. Sie wohnen sicher. Sie haben ihr Auskommen. Die Arbeit ist nicht vergeblich, nicht umsonst.
Für viele Menschen wäre das schon traumhaft schön. Viele werden es nie erreichen, weil der Frieden in weiter Ferne ist, die Konflikte und die Not dagegen übermächtig nah.
Und doch: Es ist kein Traum. Gott will Frieden.  ER wird neu erschaffen, was wir kaum zu hoffen wagen. Jedes Leben soll sein Ziel erreichen. Die ganze Schöpfung soll Frieden haben.

Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Es ist ein mühsamer Weg für sie. Die Krankheit nimmt ihr mehr und mehr von ihrem Leben. Oft kann sie nicht mehr beten. Doch die Antwort: „Du bist bei mir. Ich falle. Du bleibst bei mir.“

Es sind mühsame, kraftzehrende Wege:
Reden, wo Streit und Verletzungen sind.
Anknüpfen, wo alles zerrissen ist.
Aufbauen, wo Ruinen stehen.
Heilen und trösten.
Wir müssen uns wehren gegen den Hass und die Gewalt. Wir sollen uns nicht gleichgültig abwenden vom Leid unserer Mitmenschen. Wir dürfen nicht resignieren.
Gott verspricht: Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wir bauen und pflanzen.
Die Arbeit ist nicht umsonst.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen