Katharina Zell – Vortrag

 

„Ich bin so frei“ – Die Straßburger Reformatorin
Katharina Schütz Zell (1498-1562) mischt sich ein

Vortrag im Rahmen der Freitagsakademie 2017

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zu diesem Abend. Die Flötenklänge haben uns bereits in eine weit zurückliegende Epoche versetzt: in die Spätrenaissance, die Zeit der Vorreformation und Reformation, in die auch das Leben der Straßburger Reformatorin fiel. Es war eine Phase bedeutsamer Umwälzungen und allgemeiner reformatorischer Strömungen, die einerseits zu großen Hoffnungen Anlass gab, sodass man die Morgenröte einer neuen Zeit anbrechen sah, die andererseits aber die Menschen mit kollektiven Ängsten erfüllte. So wähnte man, das Weltende und das Jüngste Gericht stünden unmittelbar bevor. In dieser spannungsgeladenen Umbruchzeit trat Martin Luther auf, der die Reformation mit ihren folgenreichen Wirkungen auslöste. Die Hauptzentren der Reformation sind uns bekannt: Wittenberg, Zürich und Genf. Aber die zahlreichen Nebenzentren, die ebenfalls von beachtlicher Bedeutung waren, sind es weit weniger. Für uns im südwestdeutschen Raum – hier am Oberrhein – ist vor allem der Einfluss von Basel und Straßburg zu nennen.

Die Freie Reichsstadt Straßburg und der Beginn der Reformation

Die elsässische Metropole war mit fast 25000 Einwohnern eine der größten Städte des Deutschen Reiches. Wirtschaftlich und kulturell zählte die freie Reichsstadt zu dessen angesehensten Zentren und seit dem Übergang zur Reformation (1529) eroberte sich Straßburg allmählich die politische Führungsrolle, die zuvor Nürnberg besessen hatte.

Die Macht in der Stadt hatte ein verhältnismäßig kleiner Kreis wohlhabender Familien inne. Durch die Verfassung von 1482 wurde den Zünften ein beträchtlicher politischer Einfluss eingeräumt. In breiten Schichten der Bevölkerung hatte sich ein stark spürbarer Antiklerikalismus ausgebildet. Welt- und Ordensgeistliche bevölkerten nach gängiger Auffassung in zu großer Zahl die Stadt. Sie standen außerhalb der städtischen Gesetze, die allen anderen auferlegt waren, und besaßen zahlreiche, auch wirtschaftliche Privilegien. Ihr Sonderstatus provozierte zunehmend den Unmut der Bevölkerung.

Ein beachtlicher Teil des Klerus stand im Widerspruch zu den sittlichen Normen und zu einer zunehmend wachsenden bürgerlichen Mentalität, für die Arbeit und Leistung maßgebend waren. Über Jahrzehnte hatte der populäre und sittenstrenge Prediger Dr. Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510) von der Kanzel des Münsters die Missstände in der Kirche angegriffen und dieser anstößigen Realität das Ideal der frühen Christenheit gegenübergestellt. Der Humanist und Pädagoge Jakob Wimpfeling (1450-1528) sowie der durch seine Moralsatire „Das Narrenschyff“ (1494) bekannte Straßburger Stadtschreiber Dr. Sebastian Brant (1457/58 – 1521) hatten in ihren Reden und Schriften ebenfalls schonungslos Kritik an den bestehenden Verhältnissen geübt. Auch die anderen Humanisten in der Stadt sorgten mit ihrer Wertschätzung von Bildung und Freiheit für die Verbreitung eines ethischen Leitbildes, mit dem verglichen die kirchliche Wirklichkeit als Niedergang in die Augen sprang.

So sah man in dem Welt- und Ordensklerus zunehmend einen Fremdkörper in der Stadt, gegen den die Bürger Front machten. Es war in erster Linie der erstarkende städtische Patriotismus, der die Führungsschicht der Stadt mit der übrigen Bevölkerung zusammenschloss. Weder die Regierenden noch die Bevölkerung waren grundsätzlich Gegner der Kirche, aber sie drängten auf die Durchführung der längst anstehenden Kirchenreformen.

Viele verschiedene Interessen, Meinungen und Erwartungen verbanden sich mit der reformatorischen Bewegung. Neben moralischen und religiösen Überzeugungen waren politische und wirtschaftliche Zielsetzungen von Bedeutung. Eine latente soziale Unzufriedenheit war ebenso spürbar wie der wachsende Antiklerikalismus. Zugleich jedoch ist festzuhalten, dass es dann auch in Straßburg Kleriker waren, die das reformatorische Gedankengut verbreiteten und der neuen Bewegung entscheidend zum Durchbruch verhalfen.

Wie in anderen Städten wurden die Überzeugungen und Forderungen Luthers durch den Buchdruck und die Predigt publik. Waren es 1519 erst sechs Schriften des Reformators, die in der Gutenbergstadt Straßburg gedruckt wurden, so stieg die Zahl im folgenden Jahr bereits auf 16 an. In den nächsten Jahren wuchs die Produktion reformatorischer Literatur beachtlich. Neben theologischen und erbaulichen Schriften verließen zahlreiche Pamphlete und Flugschriften die Presse. Konnten zu Beginn die Altgläubigen mit dieser Publikationsflut noch mithalten, so ging ihnen doch bald das Interesse der Käufer und der Schutz der Obrigkeit verloren. Bezeichnend für diese Entwicklung war das Vorgehen gegen den Franziskaner und bekannten Polemiker Dr. Thomas Murner (1475-1537), dessen Schmähschrift „Von dem großen Lutherischen Narren“ am 19. Dezember 1522 in Straßburg erschien, um drei Tage später bereits vom Rat verboten zu werden.

Sehr wenig ist von jenen Männern bekannt, die zuerst im Sinne Luthers predigten. In seiner Stellung in der Stadt konnte sich nur Matthäus Zell (1477-1548) aus Kaysersberg halten. Er war zuletzt Rektor der Universität Freiburg im Breisgau gewesen und übernahm im Jahr 1518 die Stelle des Leutpriesters an der Münstergemeinde zu St. Lorenz in Straßburg. In Luthers Schriften bewandert, begann er auf Verlangen der Straßburger Bürger das Wort Gottes nach der Heiligen Schrift auszulegen. Er entwickelte sich zum bekanntesten und beliebtesten Prediger und Seelsorger der Stadt; verehrend nannten sie ihn „Meister Mathis“. Mehr als 1000 Hörer aus allen Schichten der Bevölkerung strömten zu seinen volkstümlichen Predigten.

Das Domkapitel, das den Geist aus Wittenberg aus seiner Verkündigung heraushörte, verweigerte ihm die „Doctorskanzel“, auf der bis 1510 sein berühmter Landsmann Dr. Johann Geiler von Kaysersberg gestanden hatte. Die Zimmerleute fertigten ihm daraufhin eine tragbare Kanzel an, die mit Genehmigung des Rates im Münster für Zell aufgestellt wurde. Dass er Straßburg nicht verlassen musste, lag an den Differenzen, die zwischen dem Bischof, dem Domkapitel und dem Rat der Stadt herrschten.

Bischof Wilhelm III. von Ho(he)nstein (gest. 1541), der seit 1506 Bischof von Straßburg war, legte Matthäus Zell im Dezember 1522 eine Anklageschrift vor. In ihr wurde nicht nur der Vorwurf erhoben, dass er häretisch lehre, sondern auch seinen Pflichten als Priester nicht nachkomme und unerlaubte Neuerungen einführe. Der Rat jedoch hielt an Zell fest und erklärte, dass er ihn „beim Wort Gottes und der Wahrheit schützen und schirmen wolle“. Im März 1523 veränderte sich durch das Mandat des Reichsregiments, fortan sei allein das reine Evangelium zu verkündigen, die Situation zugunsten des Münsterpfarrers. Mit seiner „Christlichen Verantwortung“ (1523) meldete sich Zell öffentlich zu Wort. In dieser ersten Druckschrift der Straßburger Reformation, die er dem Rat der Stadt widmete, setzte er nicht nur zu einer ausführlichen Verteidigung an, sondern ging mit eigenen Zielsetzungen zum Angriff über: Das Evangelium müsse frei und offen für jeden gepredigt werden, weil einzig dadurch den Menschen der Weg zum Heil gewiesen werde. Die Fundamente der Kirche seien die Bibel und Gottes Geist. Ihnen gemäß seien alle kirchlichen Ordnungen und Zeremonien zu begründen und zu gestalten. Die Kleriker hätten der Gemeinde zu dienen und sich nicht zu ihren Herren aufzuwerfen. Dabei betonte Zell deren spezielle Verantwortung für die kleinen Leute. Mit diesen Ansichten gewann er die Zustimmung seiner Zuhörer.

Selbstverständlich gab es auch heftige Gegner der neuen Lehre und viele Unentschiedene. Es gelang Zell jedoch, auch zögernde Geistliche, wie den vorsichtigen Probst von St. Thomas, Dr. Wolfgang Capito (1478-1541), auf die reformatorische Seite zu ziehen. Dem Rat lag vor allem daran, die eigene Vorherrschaft zu sichern sowie Ordnung und Ruhe in der Stadt zu erhalten. Für ihn lautete der Leitsatz aller künftigen Entwicklungen: „Ein recht christlich Gemüt und die evangelische Wahrheit, aber auch brüderliche Liebe, Einigkeit und Frieden.“

 

Katharina Zell – Herkunft und religiöse Lebenswende

In dieser Stadt, die ein weithin ausstrahlender Mittelpunkt von hoher Gelehrsamkeit und Bildung war, und die sich als Handels- und Gewerbezentrum selbstbewusst und weltoffen präsentierte, kam Katharina Zell 1498 zur Welt. Über ihre Abstammung mütterlicherseits ist wenig bekannt. Die Mutter, Elisabeth Gerster, starb vermutlich 1525. Katharinas Vater hieß Jakob Schütz. Er war Mitglied des Rates und hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Von den mindestens zehn Kindern des Ehepaares erreichten sieben das Erwachsenenalter. Über die Schulausbildung Katharina Zells ist nichts bekannt. Es ist davon auszugehen, dass sie eine volkssprachliche Grundbildung erhielt, wie es für Kinder aus Kaufmanns- und Handwerkerkreisen gefragt war. Wesentlich bedeutsamer war die Eigeninitiative, die Katharina während ihres ganzen Lebens an den Tag legte. In ihrem Lerneifer war sie stets bemüht, ihr Wissen zu erweitern und ihre Fertigkeiten zu verbessern.

Ihre theologischen Kenntnisse hatte sie sich zunächst als Bibelleserin und Predigthörerin angeeignet. Bei Katharina Zell zeigte sich schon früh ein starkes Interesse an religiösen Fragen. „Ich bin seit jch zehen jar alt / ein kirchenmuoter / eine ziererin des predigtstuols und schulen gewesen / alle gelerten geliebt / viel besuocht / um mit jhnen mein gespraech / nit vom dantz / weltfreüden / reichtumb noch Faßtnacht / sonder vom rich gottes mit jhnen gehebt.“.

Trotz ihrer frommen Lebensführung versagten bei Katharina die traditionellen Wege, auf denen die Kirche Trost anbot und die Gewissheit der Gnade Gottes vermittelte. Weder gute Werke noch Bußübungen und Gebete, nicht einmal die Sakramente konnten ihr die Gewissheit schenken, von Gott angenommen zu sein. Sie wurde, wie sie rückblickend schrieb, an Leib und Seele „biß auff den todt kranck und schwach“.

In dieser Lebenskrise stieß sie bei der Lektüre der Schriften Martin Luthers auf die befreiende Antwort ihrer Glaubensnöte: „Da warde geholffen / also mir auch unnd manchen bekümmerten hertzen / die dazumal mit mir in großer anfechtung waren / […] da erbarmet sich Gott unser unnd vieler menschen / erweckte und sandt auß mit mund und schrifften / den lieben und nun saeligen Doctor Martin Luther / der mir unnd andern den Herrn Jesum Christu so lieblich fürschriebe / dass ich meinte man zuege mich erdreichs tieff / auß dem erdreich herauff / ja auß der grimmen bittern hell / in das lieblich süß Himmelreich“. Bis zu ihrem Lebensende hat Katharina Zell Luther hoch geschätzt als den, der der Reformation die Bahn gebrochen und ihren Glauben auf ein biblisches Fundament gestellt hatte. Frömmigkeitsgeschichtlich ist ihre Schilderung von Interesse, zeigt sie doch, dass die Glaubensnöte, die Martin Luther umgetrieben hatten, durchaus zeittypisch waren. Dabei verstärkte die herrschende Endzeitstimmung noch die individuellen Ängste.

Die Pfarrfrau und Publizistin

Aufgrund ihrer neu gewonnenen Glaubensüberzeugung entschloss sich Katharina, ihre bisherigen Lebenspläne aufzugeben und zu heiraten, um so in Form der Ehe die evangelische Lehre zu praktizieren; zumal Martin Luther in seiner Ehelehre die Ehe als göttliche Schöpfungsordnung aufgewertet hatte. Von Anfang an hatte Katharina zu den fleißigen Predigthörerinnen von Matthäus Zell im Münster gehört. Ihre tätige Frömmigkeit war ihm ebenso bekannt wie seinem reformatorischen Mitstreiter und später bedeutendsten Mann der Straßburger Reformation Martin Bucer (1491-1551). Dieser bezeichnete sie vor ihrer Hochzeit in einem Brief an Hector Poemer (1494-1541) als „virgo evangelicissima“ („überaus evangelische Jungfrau“).

Am 3. Dezember 1523 traute Bucer Katharina Schütz und den um zwanzig Jahre älteren Matthäus Zell. Ihre freie Entscheidung für diese Verbindung unterstrich sie später mit den Worten: „Wär ich nit seines sinnes gewesen, ich hätt ihn nit genommen.“ Es gehörte Mut zu diesem gewagten Schritt und Katharina war sich klar darüber, dass sie sich damit einer gewissen sozialen Ächtung aussetzte. Denn die Ehe mit einem Priester wurde als offene Auflehnung gegen die Kirche betrachtet.

Zwar war Martin Bucer bereits als verheirateter Priester nach Straßburg gekommen und Matthäus Zell hatte schon im November 1523 den Priester von St. Nicolas, Anton Firn, und seine Lebensgefährtin getraut, aber Katharina Zell war die erste Straßburger Bürgerin, die einen Priester heiratete. Bald darauf entschlossen sich weitere Priester zur Ehe mit Bürgerinnen der Stadt.

Der Bischof von Straßburg ließ die verheirateten Priester vorladen, aber der Rat der Reichsstadt schützte seine Prediger, die inzwischen Bürger der Stadt geworden waren. Im April 1524 verurteilte der Bischof feierlich alle verheirateten Priester. Doch die Wirkung dieses Bannes war recht gering. Die Ehepriester blieben im Amt und predigten weiterhin im reformatorischen Sinn. Die Stadt jedoch war von gärender Unruhe erfüllt. Mönche und Nonnen traten aus ihren Klöstern aus und die Spannungen zwischen den Altgläubigen und den Neuerern verschafften sich Luft. Dass die Priester- bzw. Mönchsehe ein aktuelles, brisantes Thema war, macht auch die Flugschrift von Johannes Eberlin deutlich. Matthäus Zell und Wolfgang Capito verfassten eine „Appellatio“ gegen den Bannspruch.

Aber auch Katharina Zell schrieb eine „rauchende Epistel“ an den Bischof, in der sie die Priesterehe rechtfertigte. Der Bischof legte Beschwerde beim Rat der Stadt ein über dieses Schreiben „eines heißen Inhalts“, wie er es bezeichnete. Matthäus Zell bekam wegen dieses Briefes seiner Frau einen Verweis durch das Stadtregiment. Daraufhin verfasste die junge Ehefrau eine „Entschuldigung Katharina Schützinn / für M. Matthes Zellen […]“. Darin betonte sie in Bezug auf ihre „pfaffen Ee“ mit Matthäus Zell, dass sie auf ihrer gemeinsamen „bekandtnüß Christi“ basiere. In ihrer Argumentation übernahm sie wesentliche Gedanken der Ehelehre Luthers. Dieser Schrift kommt eine Sonderstellung zu, da sie die einzige ist, die aus der Sicht einer Pfarrfrau verfasst wurde. Als sie die Apologie drucken ließ, wurde die Publikation auf Anordnung des Rates konfisziert, um zusätzliche Konflikte mit den Altgläubigen zu vermeiden. Katharina Zell erhielt Schreib- und Druckverbot in dieser Sache.

Wie in ihren späteren Publikationen trat sie auch in dieser Verteidigungsschrift als eine selbstbewusste und kämpferische Frau auf, die es verstand, sich schlagfertig zu Wort zu melden. Sie war nicht die erste und einzige Frau, die sich durch eine Flugschrift in die Streitkultur der Männer einmischte. Vor ihr hatte sich schon Argula von Grumbach (1492-1554) dieses Mediums bedient, um sich für die reformatorische Bewegung einzusetzen.

Nach ihrer „Entschuldigung“ trat Katharina Zells publizistische Tätigkeit für längere Zeit in den Hintergrund. Jedoch auch als Verfasserin künftiger Schriften bezog sie öffentlich Position. Damit beteiligte sie sich an dem, was man als die „reformatorische Öffentlichkeit“ bezeichnete, die Stellungnahme auch von Laien zu aktuellen, zeitkritischen Themen. Schriftstellerisch betrachtet entwickelte sich Zell zu der bedeutendsten Frau der Reformationszeit, die ein beeindruckendes Zeugnis weiblicher Mitsprache und Teilnahme am damaligen Zeitgeschehen der Nachwelt hinterlassen hat.

Mit ihrer Heirat hatte sich Katharina Zell nicht nur für einen Partner entschieden, sondern zugleich für eine bestimmte Glaubenspraxis. Vom Beginn ihrer Ehe an ging es ihr in erster Linie um die Verbreitung des Evangeliums im reformatorischen Geist und um den Aufbau der Gemeinde. Von ihrer „Eheberedung“ [Eheabsprache] mit Matthäus Zell schreibt sie später, dass nicht von „Morgengab, Silber noch Gold gesprochen wurde, sondern von Feuer und Wasser um des Bekenntnisses Christi willen.

Bei Ihrer Eheabsprache legte ihr Matthäus Zell ans Herz, von nun an „armer und verjagter leüth / Mutter zuo sein“. Dazu sollte sie bereits im ersten Jahr ihrer Ehe Gelegenheit bekommen. Denn am 1. Juli 1524 kamen Glaubensflüchtlinge in der Stadt Straßburg an, deren Aufnahmebereitschaft für Verfolgte bekannt war. Es handelte sich um etwa 150 Kenzinger Männer mit ihrem Prediger Jakob Otter (um 1485 – 1547). Dieser hatte seit zwei Jahren die Botschaft Luthers in Kenzingen mit Erfolg vertreten, was „die brüderliche Liebe und die christliche Ordnung“ anbelangte. Er musste nun jedoch auf Druck der österreichischen Regierung weichen.

Im Mai 1524 reiste Erzherzog Ferdinand (1503-1564) in den Breisgau, um die Verfolgung der „lutherischen Ketzer“ voranzubringen. Den Kenzinger Stadtherrn Wolf von Hürnheim (gest. 1533) ließ er wissen, dass er Otter in Kenzingen „nit mer haben noch gedulden wolte.“. Am 24. Juni 1524 verließ Otter die Stadt in Begleitung der bewaffneten Bürger, die ihm bis nach Malterdingen das Geleit gaben. Als sie am Tag darauf nach Kenzingen zurückkehren wollten, verweigerte man den Ausgezogenen auf Befehl der vorderösterreichischen Regierung in Ensisheim die Aufnahme in die Stadt. Daraufhin entschlossen sich die Ausgesperrten mit ihrem Prediger in Straßburg Asyl zu suchen. 80 dieser Flüchtlinge brachte das Ehepaar Zell zunächst im Pfarrhaus unter. Mithilfe einiger Straßburger Bürgerinnen verpflegte Katharina anschließend mehrere Wochen täglich 50 bis 60 Personen, bis den Kenzingern im September die Rückkehr in ihre Heimatstadt gestattet wurde.

„Den leydenden Christglaubigen weyberen der gemein zuo Kentzingen […]“

Katharina Zell ging es jedoch nicht nur um die Versorgung der Flüchtlinge vor Ort, ihr Mitgefühl galt auch den in Kenzingen zurückgebliebenen Frauen. So verfasste sie im Juli 1524 ein Trostschreiben an sie, das als Flugschrift in Straßburg gedruckt wurde. Der Sendbrief, der nur acht Druckseiten umfasste, begann und endete mit Gebeten. In ihnen bat sie Gott, den „vatter aller barmhertzigkeit“, er möge den besorgten Frauen Geduld und Stärke verleihen sowie den Geist Christi als „tröster / furer vnd schirmer“ schenken. Sie versuchte, ihre „Mitschwestern“ zu trösten, indem sie ihnen den tieferen Sinn ihrer Not darlegte, sie zum rechten Umgang mit dem Leiden anwies und die christliche Hoffnung in ihren Blick rückte.

Dabei bekundete sie den Betroffenen ihr Mitgefühl und ließ sie wissen, dass sie und andere Gemeindeglieder für sie beten. Katharina war davon überzeugt, dass Gott selbst dieses Unheil über die Frauen habe kommen lassen, aber sie verstand diese „von gott gesandte trübsal“ nicht als Strafe, sondern als eine Prüfung und ein „leyden vmb Christus willen“. Sie sprach auch von dem Ziel, das Gott durch solche Prüfungen mit seinen „Kindern“ erreichen wolle: die Abkehr „von begird diser welt“ und eine Lebenshaltung, in der die Gläubigen „allein zu ym begeren“.

Die Bibel war für Katharina Zell die Grundlage theologischer und geistlicher Erkenntnisse sowie ihre wichtigste Argumentationsbasis. Dabei erstaunen bei der jungen Pfarrfrau die umfassenden Bibelkenntnisse und ihre Fähigkeit, die entsprechenden Belegstellen in ihre theologischen Darlegungen einzubauen. Die neutestamentlichen Zitate stammten aus Luthers Septemberbibel, die 1522 bereits auch in Straßburg gedruckt wurde. Durch „tröstliche guldene wort“, die sie in der Schrift fand, versuchte sie die Kenzingerinnen aufzurichten und durch „das unüberwindliche wort gottes“ in ihrem Glauben zu bestärken. In diesem Schreiben zeigt sich schon das theologische Reflexions- und Abstraktionsvermögen der Verfasserin. Zurecht wird Zell in der heutigen Forschung als Laientheologin bezeichnet. Ebenso erweist sie sich bereits in diesem Trostbrief als eine beeindruckende Briefseelsorgerin, die sich in die Betroffenen einzufühlen vermochte und sie ihre geschwisterliche, menschliche wie geistliche Nähe spüren ließ.

„In Christo ist weder man noch weyb.“

Die notwendige Reform der Kirche war auch Frauensache und gerade durch ihre Pfarrersehe konnte Katharina sich in dieser Hinsicht einbringen. Aber sie war keineswegs der Auffassung, mit dem Schritt in die Ehe ihre Eigenständigkeit aufgegeben zu haben. Damit stand sie im Widerspruch zu den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen. Ihr Mann bildete in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn er vertrat die laienpriesterliche Gleichwertigkeit von Mann und Frau.

Pfarrfrau zu sein bedeutete für Katharina Zell, den Beruf ihres Ehemannes und einen Teil der damit verbundenen Pflichten mitzuübernehmen. Einer Fülle von Aufgaben sah sie sich damit gegenüber und sie stellte sich ihnen mit der ganzen Energie ihrer Person, denn sie war davon überzeugt, in diese Arbeit von Gott hineingestellt worden zu sein.

Matthäus Zell ließ seine Frau nicht nur gewähren, er bestärkte sie in ihrem seelsorgerlichen und karitativen Handeln und verzichtete selbst auf Rechte, die ihm als Ehemann zugestanden hätten. Für Katharina wie für Matthäus Zell hatte die Arbeit in der Gemeinde Priorität vor allen persönlichen Belangen. Der Dienst im Haushalt des einen Herrn der Kirche, Jesus Christus, ließ die Frage nach der Geschlechterhierarchie in ihrer Ehe als überholt erscheinen. Dem Paar ging es um eine gleichwertige Gemeinschaft und partnerschaftliche Zusammenarbeit in dem einen, für beide verbindlichen Geist Christi.

Das ständig bedrohte Leben unter den Geißeln Krieg und Krankheit

1525 erschütterte der Bauernkrieg Deutschland. Der Aufstand hatte im April auch das Elsaß ergriffen. Der Versuch der Reformatoren Zell, Bucer und Capito, die im Auftrag des Rates der Stadt mit den Anführern der Aufständischen verhandelten, um eine Auflösung des Heeres zu erreichen, schlug fehl. Das Bauernheer wurde von den Truppen des altgläubigen Herzogs Anton von Lothringen (1489 – 1544) vernichtend geschlagen. Etwa 3000 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kinder, flohen nach Straßburg. Katharina Zell organisierte unter Mitarbeit des Almosenpflegers und hilfsbereiter Bürger für die Betroffenen Unterkunft und Verpflegung. Um die größte Not zu lindern, bemühte sie sich um Spenden der Straßburger. Diese akute Krisenhilfe dauerte sechs Monate.

Kein Jahr verging in dieser unruhigen Umbruchzeit, in dem nicht vertriebene Prediger Zuflucht in Straßburg suchten. Das Pfarrersehepaar Zell öffnete sein Haus in der Bruderhofgasse für alle, soweit sie nur die reformatorische Gesinnung teilten. Die Weite der Gastfreundschaft war Ausdruck der toleranten Glaubenshaltung des Ehepaares. Denn sie fühlten sich nicht genötigt, die Meinungen anderer zu übernehmen, wohl aber verpflichtet, den Flüchtlingen um Christi Willen Dienst, Liebe und Barmherzigkeit zu erweisen.

Die Gefängnisse der Stadt waren überfüllt und unter den Inhaftierten fanden sich zahlreiche Todeskandidaten. In den Annalen der Stadt wurde über die Pfarrfrau aufgezeichnet: „Catharina, meister Mathis Zellen frau, ist zu den armen sündern, die zum tod verurtheilet, gangen sie zu trösten.“. Ebenso besuchte sie einen Führer der Täuferbewegung, den apokalyptischen Schwärmer Melchior Hoffmann (um 1500 – 1543), der in Straßburg die Wiederkunft Christi erwartete und von 1533 bis zu seinem Tod inhaftiert war.

Da das Ehepaar Zell seine beiden Kinder schon früh verloren hatte, konnte Katharina die diakonische Arbeit zu ihrem Schwerpunkt machen. In diesem weiten Handlungsfeld kamen immer neue Herausforderungen auf sie zu. Als 1541 die Pest ausbrach, starben in Straßburg mehr als 3000 Menschen an der Seuche. Katharina Zell besuchte unerschrocken die Kranken und spendete an manchem Sterbebett Trost. Unter den Betroffenen waren auch Martin Bucers Ehefrau Elisabeth und fünf seiner Kinder. Nur Bucer und sein Sohn Nathanael überlebten. Auch Wolfgang Capito wurde ein Opfer der Pest. Seine Witwe, Wibrandis Rosenblatt, heiratete im folgenden Jahr in vierter Ehe Martin Bucer. Caspar Hedio verlor sechs seiner Kinder und elf Jahre später fiel er selbst der Seuch anheim. Er wünschte sich ausdrücklich Katharina Zell als Seelsorgerin an sein Sterbebett.

Im städtischen Spital, dem „Blatterhaus“, herrschten schwere Missstände. Sowohl die leibliche Verpflegung wie auch die seelsorgerliche Betreuung waren mangelhaft. Zell beanstandete in zwei ausführlichen Eingaben an den Rat der Stadt diese unhaltbare Situation. Ebenso wenig wie sie sich den Glauben ohne Werke vorzustellen vermochte, waren für sie ihre sozialen Aktivitäten ohne Wortverkündigung denkbar. Ihr karitatives Engagement begründete sie wie Luther mit dem fünften Gebot: Wer den Armen nicht helfe, werde von Gott wie ein Totschläger angesehen. Vor allem aber war sie davon überzeugt, dass das Evangelium durch ein christliches Leben im Alltag glaubwürdig bekannt sein will.

Vom Umgang mit gelehrten Baumeistern der Kirche Christi und ihren Werken

Nicht weniger bedeutsam als die praktische Tätigkeit waren für Katharina die geistige Arbeit und der geistliche Austausch. An erster Stelle stand hier das intensive Gespräch mit ihrem Mann. Sodann profitierte sie von seinen Anregungen zu weiterführender Literatur. Unter anderem waren ihr die frühen Lutherschriften bekannt, ebenso Philipp Melanchthons (1497-1560) grundlegendes Werk „Loci communes rerum theologicarum“ („Allgemeine Grundbegriffe der Theologie“) in der deutschen Übersetzung. Arbeiten Bucers zur Abendmahlsfrage und den Katechismus von Johannes Zwick (1496-1542) aus Konstanz hatte sie gelesen sowie Werke des württembergischen Reformators Johannes Brenz (1499-1570).

Ihre Notizhefte, in denen sie ihre Lesefrüchte sowie eigene geistliche Erfahrungen festzuhalten pflegte, sind leider verloren gegangen. Das Bibelstudium sowie die theologische Eigenarbeit waren und blieben ein wesentlicher Teil ihrer christlichen Existenz. Wie sie selbst dankbar berichtete, habe Matthäus Zell ihr dazu großzügig „Platz und Weile gegeben“. An den Gesprächen mit Gelehrten, die im Hause Zell oft über längere Zeit zu Gast waren, nahm sie nicht nur teil, sie beteiligte sich daran. Allerdings erregte dieses ungewöhnliche Verhalten zuweilen auch die Kritik der Theologen.

Man gab ihr den Spottnamen „Doctor Catharina“ und Bucer äußerte sich einmal abträglich in einem Brief über sie, in dem er ihr vorwarf, sie halte sich für klug und rede zu viel. Nicht allein mit den Straßburger Reformatoren Bucer, Capito und Dr. Caspar Hedio (1494-1552) hatte sie Umgang, auch Johannes Calvin (1509-1564) lernte sie während seiner Straßburger Zeit (1538-1541) kennen. Während des Hagenauer Religionsgesprächs (1540) waren „dreißig herrlicher gelerter Menner / auf ein mal bey einander in unserem Haus zu Gast“, berichtete Katharina Zell rückschauend in ihrem „Brieff“ von 1557.

Obgleich die Amtskollegen ihres Mannes etwas Anderes von ihr erwarteten, mischte sie sich in die innerprotestantischen Auseinandersetzungen ein, in den „Zanck des Sacraments“, wie sie die Streitigkeiten um das Verständnis des Abendmahls bezeichnete. Wie ihr Mann war sie der Ansicht, dass die Theologen bei dem Versuch, in dieser Frage eine verbindliche Antwort festzulegen, ihre Kompetenzen überschritten und die Geheimnisse des dreieinigen Gottes aufzudecken versuchten.

Auf ihrem Weg nach Marburg (1529), wo sie eine Verständigung mit Luther in der Abendmahlsfrage zu erzielen hofften, waren Johannes Oekolampad (1482-1531), der Reformator von Basel, und Huldreich Zwingli (1484-1531), der Reformator der Eidgenossenschaft, für zwei Wochen Gäste im Hause Zell. Nachdem das Religionsgespräch zu keiner Einigung geführt hatte, schrieb Katharina einen Brief an Luther. Sie legte ihm ihre Auffassung vom Glauben dar, der in der Liebe seinen Ursprung hat. Wichtiger als alle Lehrstreitigkeiten sei das Gebot der Liebe untereinander. Sie bat ihn, sich den Frieden mit den oberdeutschen Brüdern angelegen sein zu lassen.

Luther antwortete ihr am 24. Januar 1531: „Der tugentsamen frawen, der Mathes Zellin zu Straßburg, meiner freundlichen lieben Freundin. […] Denn ihr wisset zu guter maßen, das woll die lieb soll über alles gehn und den forgang haben, ausgenomen Gott, der ueber alles, auch ueber die liebe ist. Es will solche hohe sachen nicht mit unsern anschlegen nach andacht, sondern mit hertzlichem gebet und geistlichem seufftzer angriffen sein. Denn es ist Gottes sache, nit unser.“ Damit wurde die Briefschreiberin freundlich darauf hingewiesen, dass es ihr nicht zustehe, in diesen schwierigen theologischen Fragen mitzureden.

Nicht nur mit Martin Luther wechselte Katharina Zell Briefe, auch mit anderen Reformatoren tauschte sie sich auf diesem Weg aus, unter anderem mit Ambrosius Blarer (1492-1564) aus Konstanz, mit Huldreich Zwingli sowie mit seinem Nachfolger Heinrich Bullinger (1504-1575) und Johannes Brenz. Mit dem Schlesier Caspar Schwenckfeld von Ossig (1489-1561), der von 1529 bis 1533 in Straßburg lebte und als Spiritualist zum linken Flügel der Reformation gehörte, stand sie nach seiner Ausweisung aus der Stadt bis 1558 in Briefkontakt.

Mit ihrem Mann und teilweise auch allein unternahm sie mehrere Reisen, um Beziehungen zu knüpfen und zu festigen. Im Sommer 1538 besuchte das Ehepaar Zell Martin Luther in Wittenberg. Diese Begegnung machte auf Katharina einen tiefen Eindruck. Auch mit Philipp Melanchthon, dem Freund und Mitstreiter Luthers, kam eine Begegnung zustande. Weitere gemeinsame Reisen führten die Zells in die Schweiz, nach Schwaben und Nürnberg sowie in die Pfalz. Dabei kam es ebenfalls zu zahlreichen Gesprächen mit bekannten Theologen.

Ein „Leer-, Gebet- und danckbuoch“ für das Volk

Von Anfang an hatte Katharina Zell miterlebt, dass zur reformatorischen Erneuerungsbewegung liturgische Veränderungen gehörten. Die lateinische Sprache ersetzte man durch die deutsche und den gregorianischen Gesang der Kleriker durch den Gemeindegesang. Bereits 1525 war in Straßburg das erste deutsche Gesangbuch erschienen, das bald unter dem Namen „Straßburger Psalter“ bekannt wurde. Katharina war davon überzeugt, dass es wichtig sei, nicht nur im Gottesdienst christliche Lieder zu singen, sondern sie in den Tageslauf und das Alltagsgeschehen einzubeziehen.

Von Caspar Schwenckfeld hatte sie vermutlich das „New Gesangbüchlein“ der böhmisch-mährischen Brüder geschenkt bekommen. Das 1531 erschienene Gesangbuch mit 157 Liedern war das umfangreichste der Reformation und enthielt zahlreiche Lieder des Herausgebers und Vorstehers der Brüdergemeine Michael Weiße (um 1488-1534). Mit diesen geistlichen Liedern hielt sie in der Hand, was sie für die Verbreitung und Vertiefung des evangelischen Glaubens im Alltag gesucht hatte.

Sie traf eine Auswahl der Lieder und gab sie zwischen 1534 und 1536 in vier handlichen Heften zu einem für jedermann erschwinglichen Preis heraus. Es war ein kluger Schritt von Katharina Zell, auf diese Weise das geistliche Lied zum Volkslied werden zu lassen. Zugleich konnte das Gesangbuch für die Bevölkerung als ein Mittel zur elementaren Unterrichtung im reformatorischen Glauben dienen. Damit leistete es auch einen katechetischen Beitrag.

Der Verlust von Matthäus Zell

Am 9. Januar 1548 verstarb siebzigjährig Matthäus Zell, der erste protestantische Münsterprediger Straßburgs nach drei Jahrzehnten fruchtbaren Wirkens. Kurz zuvor hatte er noch mit einer großen Gemeinde Gottesdienst gefeiert. Noch am Tag der Beerdigung ließ Martin Bucer, der Matthäus Zell die Grabrede gehalten hatte, Johannes Brenz wissen: Seit Menschengedenken habe es in Straßburg kein Begräbnis mit einer solch überwältigenden Anteilnahme der Bevölkerung gegeben. Mit Matthäus Zell hatte Katharina ihren äußerst verständnisvollen und frommen Ehemann verloren, mit dem sie in Glaubens- wie in Lebensfragen übereinstimmte.

Sie ließ es sich nicht nehmen, am Grab ihres Mannes an die versammelte Gemeinde eine Ansprache zu richten. Zu seinem Gedenken arbeitete sie diese als „Klagrede und Ermahnung Katharina Zellin zum Volck bei dem Grab M. Mattheus Zellen, Pfarrer zum Münster zu Straßburg […]“ aus, vielleicht für eine geplante, dann aber nicht erfolgte Drucklegung. Theologische Lehre und Lebensführung hatten bei Matthäus Zell eine untrennbare Einheit gebildet, die sie als beispielhaftes Zeugnis der Gemeinde vor Augen führte als eine Ermutigung am reformatorischen Bekenntnis festzuhalten.

Zwar hatte Katharina bei der Beerdigung ihres Mannes gefasst gewirkt, doch kurz danach überwältigte sie die Trauer. Martin Bucer sorgte dafür, dass sie bei dem befreundeten Münsterpfarrer in Basel, Oswald Myconius (1488-1552), etwas Abstand gewinnen konnte. In seinem Brief vom 16. Juli 1548 schrieb er an ihn: „Unseres Zells Witwe, ein frommes und heiliges Weib, kommt zu Euch, ob sie vielleicht dadurch irgendeine Linderung ihres Schmerzes finde… Einen unglaublichen Liebeseifer besitzt diese Frau für die Armen und Betrübten Christi und die Geheimnisse Gottes kennt sie sehr genau und sucht sie immer mehr zu erforschen.“ Nach ihrem Aufenthalt in Basel besuchte sie in Zürich Heinrich Bullinger und Konrad Pellikan (1478-1556), der maßgeblich an der Fertigstellung der Züricher Bibel beteiligt war. Die Besuche und Gespräche richteten die Witwe allmählich wieder auf. Anfang 1549 kehrte sie nach Straßburg zurück. Es war ihr erlaubt worden, noch für zwei Jahre das Münsterpfarrhaus zu bewohnen.

Konflikte im Zuge der zunehmenden Konfessionalisierung

Das „Interim“, die vorläufige Regelung der Religionsfrage, beendete den Schmalkaldischen Krieg (1546-1547), in dem die kaiserliche und katholische Seite die protestantischen Fürsten besiegt hatte. Gravierende Einschränkungen der Reformation waren die Folge. Zahlreiche Pfarrer wurden entlassen und emigrierten. Die katholischen Gottesdienste mussten – so auch in Straßburg – wieder zugelassen werden. Zu den entschiedensten Gegnern des Interims gehörten in der Stadt Martin Bucer und Paul Fagius (1504-1549). Auch für sie war es nur eine Frage der Zeit, wann sie ihre Stellung verlieren würden. Denn der Rat hatte sich unter kaiserlichem Druck und aus handelspolitischen sowie wirtschaftlichen Gründen dazu entschlossen, das Interim einzuführen. Ausgerechnet der langjährige Mitstreiter für die reformatorische Bewegung, der über zwei Jahrzehnte die Geschicke der Stadt umsichtig gelenkt hatte, der Stettmeister Jakob Sturm von Sturmeck (1489-1553), wurde beauftragt, Bucer und Fagius die Entlassung zum 1. März 1549 mitzuteilen.

Bucer hatte verschiedene Angebote von Zufluchtsstätten bekommen. Er entschied sich dazu, dem Ruf von Erzbischof Thomas Cranmer (1489-1556) nach Cambridge zu folgen. Um mögliche Verfolger abzuschütteln und noch einige Angelegenheiten zu regeln, tauchten Bucer und Fagius für mehrere Tage bei Katharina Zell unter, der stets hilfsbereiten Witwe ihres einstigen Weggefährten. In der Nacht vom 5. auf den 6. April 1549 verließ Bucer mit Fagius und einigen Gefährten Straßburg, so wie er einst gekommen war – als Flüchtling. Im Jahr darauf musste Katharina Zell das Pfarrhaus für einen katholischen Geistlichen räumen. Dies dürfte ihr besonders schwer gefallen sein, zumal auch sie eine strikte Gegnerin des Interims war.

Mit dem Tod von Wolfgang Capito, Matthäus Zell und Caspar Hedio sowie der Flucht Bucers waren die Reformatoren der ersten Generation verschwunden, die Straßburg als eine Stadt der versöhnlichen Reformation bekannt gemacht hatten. Nun aber kam eine junge Generation von Predigern, die den streitbaren Geist der lutherischen Orthodoxie an den Tag legte und die außer den Katholiken und den Anhängern des „Augsburger Bekenntnisses“ (1530) alle anderen reformatorischen Richtungen zumindest offiziell ausgeschlossen wissen wollten. Als der alte Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer in dieser Zeit Straßburg einen Besuch abstattete, beklagte er, „den heiligen butzerischen Geist des Friedens“ nicht mehr anzutreffen und stellte an den neuen Predigern einen Dogmatismus fest, der sie dazu trieb, „sich gleich mit dem Anathema auf jeden zu stürzen, der nur ein wenig abwich.“

Als Dr. Ludwig Rabus (1524-1592), der letzte Helfer (Vikar) von Matthäus Zell und sein Nachfolger im Amt, seine Weihnachtspredigt von 1556 zu einer polemischen Attacke gegen Schwenckfelds Anschauungen machte und ihn als „verflucht, teuflisch, verdammt und schändlich“ diffamierte, fühlte sich Katharina Zell zu einer Stellungnahme herausgefordert. Sie richtete einen Brief an Rabus und verwies auf die einstigen Reformatoren, die nicht so gehässig und unrecht an Schwenckfeld gehandelt hätten. Als „alte und langjährige Kirchenmutter“, wie sie schrieb, fühlte sie sich zu dieser Ermahnung autorisiert. Rabus schickte ihren Brief ungeöffnet an sie zurück. Verärgert darüber, dass er die Kommunikation mit ihr, seiner einstigen „Ziehmutter“, verweigerte, und auch aufgebracht über den „undankbaren, schnellen, unfreundlichen und ärgerlichen Abschied“, den Rabus den Straßburgern bereitet hatte, schrieb ihm Zell in einem offenen Brief.

Rabus hatte der Stadt heimlich den Rücken gekehrt. Er war empört über die duldsame Haltung des Rates Andersglaubenden gegenüber sowie über seine Zurücksetzung bei der Wahl von Bucers Nachfolger. Als Reaktion darauf war er dem Ruf nach Ulm gefolgt und hatte dort die Stelle des Superintendenten angetreten. In ihrem Schreiben wandte Zell sich nicht nur mit Vorwürfen gegen ihn persönlich, sie sah in ihm zugleich einen Vertreter der kommenden Generation, in der sich ein rechthaberisches und rücksichtsloses Verhalten breitmachte.

Aber man könne den Glauben nicht zwingen und regieren, denn er sei Sache des Herzens und Gewissens. Dieses Mal antwortete Rabus mit einem Schmähbrief aus Ulm, in dem er Katharina Zell öffentlich bloßzustellen versuchte. Den Briefwechsel ließ Zell zusammen mit ihrem „Brieff an die gantze Burgerschafft der Statt Straszburg […]“ drucken, damit diese sich ein Bild davon machen konnte, ob Katharina „heidnisch, unchristlich, erstunken und erlogen“ geschrieben habe, wie Rabus es ihr zur Last legte.

Sie gab der Straßburger Bürgerschaft Rechenschaft über ihre eigene Lebensgeschichte und ihre Rolle in der evangelischen Kirche der Stadt. Zum anderen beleuchtete sie das Verhalten von Rabus, indem sie es an den Anforderungen maß, die in ihren Augen an das theologische Lehr- und Hirtenamt zu stellen waren. Dabei entwickelte sie theologische Gedanken zu Fragen des Machtgebrauchs kirchlicher Amtsträger, die auch ein Programm der religiösen Toleranz beinhalteten. Die Unduldsamkeit der sich durchsetzenden Orthodoxie und der Aufbau einer neuen Hierarchie, die kraft Amtes über Leben und Lehre richtete, kamen für Katharina Zell einer Abkehr vom Evangelium und einem Verrat an der Reformation gleich. Es gibt, soweit es mir bekannt ist, keine vergleichbare Darstellung zur Reformationsgeschichte aus der Feder einer unmittelbar an der protestantischen Bewegung beteiligten Frau.

Ihre letzte Schrift publizierte Zell im Jahr 1558. Es handelte sich dabei um einen theologisch aufschlussreichen Trostbrief, den sie ihrem langjährigen Bekannten Felix Armbruster widmete. Er war der letzte seines Geschlechts und hatte als Mitglied des Rates der Stadt hohe Ehrenämter begleitet, bis er von Lepra befallen wurde.

Katharina Zell hatte ihn trotz des geltenden Verbots besucht, solange es ihr gesundheitlich möglich war. Nun wollte sie Felix Armbruster wenigstens durch ihren Brief erreichen und ihm Trost aus der Schrift zuteilwerden lassen. In ihr Schreiben nahm sie eine erbauliche Auslegung des 51. Psalms auf sowie Auslegungen zum Apostolischen Glaubensbekenntnis und zum Vaterunser. Die Sechzigjährige, die ihrem eigenen Ende bewusst und voller Glaubenszuversicht entgegensah, zeigte sich in diesem Brief wiederum als eine Seelsorgerin, der die Not des Nächsten am Herzen lag.

Selbst schon schwer krank, erwies Katharina Zell zwei ihrer Freundinnen, die Anhängerinnen Schwenckfelds gewesen waren, einen letzten Liebesdienst. Sie hielt für sie die Grabpredigt. Die zuständigen Pfarrer hatten von der Kirchenleitung die Anweisung, bei der Beerdigung von Schwenckfeldern darauf hinzuweisen, dass diese vom Glauben abgefallen seinen und die Kirche verlassen hätten. Die Familien der Verstorbenen wollten sich auf diese öffentliche Verurteilung nicht einlassen, darum baten sie Katharina Zell, die Trauerfeier zu halten.

Man setzte das Begräbnis jeweils auf den frühen Morgen fest, um Aufsehen zu vermeiden. Katharina ließ sich auf den Friedhof tragen und übernahm die Traueransprache. Die Empörung der Pfarrer war daraufhin groß. Der Rat der Stadt wollte sie nach ihrer Genesung dafür zur Rechenschaft ziehen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Katharina Zell starb am 5. September 1562.

Der Vorsitzende des Straßburger Kirchenkonvents, Dr. Johannes Marbach (1521-1581), ordnete an, dass auch bei dem Begräbnis von Katharina Zell – bei aller Anerkennung ihrer Verdienste – gesagt werden müsse, sie sei vom wahren Glauben und der Kirche abgefallen. Ihre Freunde bemühten sich um einen Prediger, der bereit war, diese Bestimmung zu umgehen. Der langjährige Mitarbeiter Bucers, Konrad Hubert (1507-1577), besaß den Mut, die Beerdigung Katharina Zells auf dem Friedhof von St. Urban zu halten, auf dem schon ihre Kinder und ihr Mann ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Eine ansehnliche Trauergemeinde hörte seine Würdigung einer leidenschaftlichen Verfechterin der evangelischen Botschaft.

Die Straßburger „Kirchenmutter“

Katharina Zells Selbst- und Rollenverständnis kommt in einem Begriff am deutlichsten zum Ausdruck, den sie vermutlich prägte: die „Kirchenmutter“. Dabei war es nicht ihre Entscheidung, eine ‚Kirchenmutter‘ zu werden, sie fühlte sich vielmehr von Gott dazu berufen. Dies stellte sie deutlich an einer anderen Stelle der Vorrede des Briefs heraus:

Dieweil mich dann der Herr von meiner muoter leib gezogen / und von jugent auff gelert / hab ich mich seiner kirchen und haußhaltung der selbigen gern und alle zeit nach dem maß meins verstandts und gegebener gnaden / zuo jeder zeit fleißig angenommen unnd treülich gehandelt / ohne schalck / und mit ernst gesuocht / waß des Herrn Jesu ist.“ Ihren Auftrag, in der Kirche Jesu Christi in mütterlicher Funktion tätig zu sein, hat Katharina Zell nach ihrer Darstellung unmittelbar von dem Herrn selbst empfangen und sie ist ihm schon vor ihrer Ehe voller Eifer nachgekommen.

Ihr mutiges und mahnendes Auftreten, durch das sie so manche Veränderung anstieß und dabei in den Augen anderer immer wieder Anstoß erregte, hatte seinen tiefsten Grund nicht in persönlichen Stärken, sondern in ihrem Sendungsbewusstsein. Die innere Gewissheit, dazu berufen zu sein, machte sie bereit, gegen herrschende kirchliche und gesellschaftliche Vorstellungen zu verstoßen. Dabei verfocht sie die biblische Weisung: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29).

Man kann bei dieser ‚Kirchenmutter‘, die in ihrem Handeln nicht nur etwas, vielmehr sich selbst ganz einsetzte, damit durchaus prophetische Züge wahrnehmen. Bereits der Mitreformator von St. Gallen, Johannes Kessler (um 1502-1574), erkannte ihre prophetische Gabe und verglich sie in seiner Chronik „Sabbata“ mit biblischen Prophetinnen. Es erschien ihr aufgrund ihrer Verantwortung für die Mitchristen verpflichtend, sie kritisch zu begleiten und korrigierend einzugreifen, wo sie Missstände und Fehlentwicklungen beobachtete.

Ihrer Meinung nach waren Luther, Zwingli und Schwenckfeld gleichermaßen „frumme lerer und prediger“. Als theologisch gebildeter Laiin ging es ihr darum, den Konsens in den zentralen Glaubensfragen in den Mittelpunkt zu stellen. Durch Mahnen zur Einheit und Werben um Versöhnlichkeit versuchte sie die gemeindliche Gestaltung einer innerprotestantischen Ökumene weiterzubringen. Sie selbst war dankbar dafür, dass sie bei vielen Theologen unterschiedlicher Denkrichtungen lernen durfte.

Dabei behielt sie es sich vor, das was sie hörte und las „uff dem strichstein / heiliger schrifft“ zu probieren, um dann ihr „frey urtheil darjber zu haben“, wie sie in ihrem Brief von 1553 an den schlesischen Laienreformator Schwenckfeld betonte, als dessen Anhängerin sie oft bezeichnet wurde. Aber auch ihm gegenüber stellte sie klar, dass sie keiner ‚Richtung‘ zugeordnet werden wolle und sich von keiner ‚Partei‘ vereinnahmen lasse. Denn sie wünschte durch Christus befreit „kein Knecht mehr der menschen zu werden“. Stets blieb sie dem apostolischen Grundsatz treu: „Prüfet alles, und das Gute behaltet“ (1. Thess 5, 21). Gerade dieses Streben nach persönlicher Unabhängigkeit sowie unparteiischer Urteilsfähigkeit und Mündigkeit kennzeichnete eine Grundhaltung Katharina Zells.

Dabei ließ sie keine Unklarheit darüber bestehen, woher sie die Kraft für ihr unermüdliches Engagement in allen ihren Tätigkeitsfeldern nahm, sondern betonte in der Vorrede zu ihrem „Brieff“: „Dass ich nicht nach dem Maß einer Frau, sondern nach dem eingeschenkten Maß, das mir Gott durch seinen Geist gegeben hat“ gehandelt habe. Die vielfältigen Aufgaben, die sie als ‘Kirchenmutter’ übernahm, fasste sie in der Formulierung zusammen: „Das Evangelium bauen“. Mit ihrem Organisationstalent gelang es ihr, in Notzeiten ein dichtes diakonisches Netz zu knüpfen. Aufgrund dieses außergewöhnlichen Einsatzes nannte man sie dankbar den „Engel von Straßburg“.

Der viel gerühmte, versöhnliche Verlauf der Straßburger Reformation war vermutlich nicht nur das Verdienst der verantwortlichen Männer. Die Straßburgerin dürfte ihren Anteil daran gehabt haben, da sie bei den oft heftigen Auseinandersetzungen der Theologen immer wieder die Bedeutsamkeit der geschwisterlichen Liebe und Barmherzigkeit ins Bewusstsein rief. Sie setzte sich ihren Möglichkeiten entsprechend dafür ein, dass der Streit um die Wahrheit nicht zu liebloser Rechthaberei verkam.

So war Katharina Zell eine ‘Reformatorin’, die sich am Aufbau der protestantischen Kirche in Straßburg aktiv beteiligte. Von ihrem Leben ist durch ihre Schriften eine Spur zurückgeblieben, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts intensiv verfolgt wird und die ein Zeugnis des Glaubens bleibt, der in der Liebe tätig ist. Ein Teil der Spur führt zu uns nach Kenzingen, genauer gesagt, heute zur Evangelischen Kirchengemeinde. Es wäre ein schönes Zeichen der Wertschätzung und dankbaren Erinnerung an Katharina Zell, wenn wir diese Spur im Zusammenhang des Reformationsgedenkens aufnähmen.