Chronik

Wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind…

Die Geschichte der evangelischen Diaspora in Kenzingen

Hätte die Freiburger Obrigkeit den reformatorischen, wortgewaltigen Jakob Otter, der von 1522 bis 1524 an der Kenzinger Liebfrauenkirche predigte, nicht vertrieben, wäre die Geschichte der evangelischen Gemeinde in Kenzingen eine viel längere. So aber lebten 1879 im ehemals vorderösterreichischen und daher katholischen Kenzingen nur 120 Evangelische. Sie haben sich nach dem Bürgerrechtsgesetz von 1831, das allen Bürgern erlaubte, in jeder Gemeinde des Großherzogtums als Bürger aufgenommen zu werden, ab 1844 in Kenzingen niedergelassen, meist im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau. Ihr Weg in die nächste evangelische Kirche ist weit: Sie gehen Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst in das evangelische Tutschfelden, das dem Markgrafen zu Baden und Hachberg gehörte und daher die Reformation mitmachte. Weil in der neuentstandenen Diasporasituation das Pfründegut zur Besoldung der Pfarrer gänzlich fehlt, ist an die Einrichtung eines Pfarramts vorerst nicht zu denken. Eine damals gängige Praxis ist jedoch die Bildung von sogenannten Diasporagenossenschaften.

Grünes Licht vom Oberkirchenrat: Die Gründungsversammlung

Auch die evangelischen Kenzinger wollen sich zusammentun und erhalten für ihr Vorhaben vom Oberkirchenrat in Karlsruhe grünes Licht: Am 24. Januar 1879 verfügt der Erlass Nr. 600, dass die Evangelischen Kenzingens von dem jeweiligen Pfarrer von Tutschfelden zu pastorieren sind, und dass sie sich zu einer Genossenschaft förmlich organisieren, zu dem Zwecke einen Kirchenvorstand wählen und insbesondere auch Mittel zur Gründung einer Kirchenkasse ernstlich und eifrig sammeln sollen. Unter dem Vorsitz von Pfarrer Karl Ernst Hagenmeyer aus Tutschfelden findet am 25. Mai 1879 im Kenzinger Rathaussaal eine Sitzung der evangelischen Kirchengemeindeversammlung statt, an der 18 stimmberechtigte Kenzinger und vier Herbolzheimer teilnehmen. Pfarrer Hagenmeyer bezeichnet es als nächstes Ziel, dass wenigstens alle 4-5 Wochen in Kenzingen ein Gottesdienst abgehalten werde, peilt jedoch für die Zukunft die Errichtung einer eigenen Pastorationsstelle an. In den Vorstand gewählt werden: Oberförster Maler, Amtsdiener a. D. Zimmermann, Gerber Krayer, Bierbrauer Karl Beller und Bäcker Bieselin. Wesentliche Aufgabe des Kirchenvorstandes ist die Beschaffung finanzieller Mittel. Erste Starthilfe leistet der Evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung, dessen zahlreiche Haupt- und Zweigvereine seit 1832 evangelische Diasporagemeinden geistig und materiell unterstützen. Außerdem muss ein passender Raum für den Gottesdienst gefunden werden. Zwar hatte man zu diesem Zeitpunkt schon die nicht mehr genutzte Franziskanerklosterkirche im Auge, doch noch kein Geld, diese herzurichten. So findet mit Erlaubnis von Bürgermeister Tritscheler der erste Gottesdienst in Kenzingen am Sonntag, den 9. November, vormittags 8 ¼ Uhr in der Quinta der höheren Bürgerschule statt.

Gesucht: Eine Kirche, gern aus zweiter Hand

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Schon wenige Tage später beginnen die Verhandlungen mit der Stadt über die Klosterkirche, die sich über viele Jahre hinziehen, bis am 9. Mai 1890 ein Pachtvertrag auf 99 Jahre mit der Stadt abgeschlossen wird. Bevor in der 1659 bis 1662 erbauten und seit 1803 als Getreidespeicher und städtische Gerümpelkammer genutzte Kirche Gottesdienste stattfinden können, sind umfangreiche Bauarbeiten notwendig: Der Boden wird zementiert, eine Sakristei gebaut, Altar und Kanzel werden errichtet, Öfen, Fenster und Türen angeschafft. In Waldkirch besorgt man sich beim Orgelbauer Anton Keine eine gebrauchte Orgel. Diese hat „keine besonderen Vorzüge“, wie es in einem alten Zeitungsartikel heißt, doch Gehäuse und Prospekt aus dem Hochbarock sind historisch wertvoll.

Einschneidendste Baumaßnahme ist eine Mauer, die das Schiff vom Chorraum trennt. Der Chor wird nun zur vom Krankenhaus genutzten Spitalkapelle, das Schiff zur evangelischen Kirche. Die Abtrennung des Chorraums mit einer dicken Mauer drückt damit das protestantische Selbstverständnis dieser Zeit deutlich aus, das im Wiesbadener Programm für den evangelischen Kirchenbau 1891 seinen Niederschlag fand.

Einweihung: Der Großherzog kommt

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Am 5. März 1891 wird die Kirche feierlich eingeweiht. Der Großherzog Friedrich I. kommt in Begleitung seiner Frau nach Kenzingen. Das ist für die evangelischen Kenzinger eine große Ehre, denn ihr Großherzog ist gleichzeitig auch ihr Landesbischof. In der protestantisch-evangelischen Kirche Badens gilt wie in den anderen deutschen evangelischen Landeskirchen das Summepiskopat (Summus Episcopus = oberster Bischof). Es ist seit der Reformation das Kirchenregiment des Landesherrn, der damit quasi die Aufgaben des früheren katholischen Bischofs übernommen hat. Großherzogin Luise, eine Tochter des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I., ist wegen ihres großen sozialen Engagements in der Bevölkerung sehr beliebt. Zur Einweihung stiftet sie ein prachtvolles Kruzifix aus dem frühen 16. Jahrhundert, das bis heute seinen Platz über dem Altar hat.

1895: Der erste „eigene“ Pfarrer

Am 28. Februar 1895 wird die Gemeinde durch Erlass des Oberkirchenrats zur selbstständigen Pastorationsgemeinde erhoben: Wir bestimmen, dass der neuzugründende Pastorationsbezirk Kenzingen umfassen soll die Orte Bombach und Hecklingen (bisher von Malterdingen pastoriert), Herbolzheim, Kenzingen und Nordweil (bisher von Tutschfelden pastoriert).
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Zum Pastorationsgeistlichen wird Vikar Hermann Gilg ernannt, der am 1. April 1895 Pfarrer Hagenmeyer ablöst. Für den neuen Pfarrer wird ein passendes Pfarrhaus gesucht. Die Wahl fällt auf das 1888 erbaute Haus des Seminarlehrers Schmidt in Meersburg, vormals Lehrer an der Realschule Kenzingen. Der Kaufpreis beträgt 12.000 Mark.

Endlich: Die Kirche erhält einen Turm

Im Oktober 1898 werden nach einer Bauzeit von fünf Monaten der Kirchturm und die drei neuen Glocken feierlich eingeweiht. An dieser Einweihungsfeier gibt auch der kurz zuvor gegründete Kirchenchor sein Debut.
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In den nächsten zehn Jahren wechseln sowohl die Pfarrer als auch die Chorleiter häufig. Dies stürzt den noch jungen Kirchenchor in eine ernsthafte Krise. Die drohende Auflösung kann nur durch einen vorübergehenden Zusammenschluss mit dem inzwischen ebenfalls gegründeten Herbolzheimer Kirchenchor vermieden werden. Im Jahr 1918 übernimmt Hauptlehrer Wilhelm Hack den Organistendienst und den Kirchenchor und wird diesen Dienst die folgenden 40 Jahre ausüben. Er erhält die erste evangelische Hauptlehrerstelle in Kenzingen, nachdem es hier bereits 43 evangelische Schüler gibt.
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Zum 1. November 1899 übergibt Pfarrer Gilg sein Amt an Pfarrer Ulzhöfer, der jedoch nur bis zum April 1900 in Kenzingen bleibt. Ihm folgen Pfarrer Bachmann und im Januar 1903 Pfarrer Eberle, die es beide nicht lange in Kenzingen hält. Im Juli 1905 kommt Pfarrer Viktor Renner, der die Gemeinde durch die schweren Zeiten des 1. Weltkriegs führen wird. Offiziell führen die genannten Geistlichen den Titel Pastorationsgeistlicher. Denn erst am 31. März 1909 wird die Pastorationsgemeinde Kenzingen offiziell zur selbstständigen Pfarrei erhoben. Nur 18 Jahre können die neuen Glocken läuten, dann verfügt am 29. Mai 1917 ein großherzoglicher Erlass, dass sie – wie viele andere Glocken aus Bronze – eingeschmolzen und zu Kanonen umgegossen werden. Nach kurzer glockenloser Zeit erhält die Kirche am 23. September 1917 ein neues, einfaches Stahlgussgeläute. Auch die zinnenen Prospektpfeifen der Orgel müssen abgegeben werden. Sie werden durch Pfeifen aus Zink ersetzt. Im Jahr 1922 verlässt Pfarrer Renner Kenzingen, weil er an die Lutherpfarrei in Karlsruhe berufen wird. An seine Stelle tritt Lic. Karl Rose. In die Inflationszeit fallen dringende Reparaturen an der Kirche, die durch Spenden vieler Gemeindemitglieder auch durchgeführt werden können. So kommt 1924 elektrisches Licht in die Kirche, wird 1925 das Kirchendach neu gedeckt.

Der 50. Geburtstag: Die Kirche wird herausgeputzt

Nachdem der 40. Geburtstag der Gemeinde mit Rücksicht auf die wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht 1919, sondern in ganz bescheidenem Rahmen am 29. Mai 1921 gefeiert wurde, rüstet sich die Gemeinde mit großem Eifer für ihren 50. Geburtstag. Die Kirche wird hierzu 1929 von Grund auf renoviert. Der Grundton des Innenanstrichs ist die Farbe Gelb. Gleichzeitig wird die Empore vergrößert, damit sie die langersehnte neue Orgel aufnehmen kann. Sie kommt aus der Werkstatt der Firma Bettex in Steinfurt, hat 15 Register, zwei Manuale, 800 Pfeifen und steht hinter dem wertvollen hochbarocken Prospekt. Die Feier findet am 6. Oktober 1929 statt. Prominentester Gast ist Kirchenpräsident Wurth, der die frisch renovierte Kirche und die neue Orgel weiht. Er ist, nachdem Großherzog Friedrich am 22. November 1918 abdankte und damit das landesherrliche Kirchenregiment wegfiel, ranghöchster Repräsentant der Vereinigten evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens, die nach staatlichem Vorbild mit demokratisch-liberal-parlamentarischer Ausrichtung gebildet wurde.

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„Grüß Gott“ und „Heil Hitler“: Die Kirche unterm Hakenkreuz

Wenige ruhige Jahre sind der Gemeinde beschieden, bis der Nationalsozialismus in Kenzingens Kirchen Einzug hält. Zu Hitlers Geburtstag versammeln sich im Schulhof am 22.April 1933 HJ. SS, Mitglieder der NSDAP, die Schüler der Volks- und Realschule, deren Lehrer sowie Bürgermeister Kreth und Pfarrer Rose. Mit Hitlerbild und Urkunde versehen, wird auf dem Schulhof eine Linde gepflanzt. Ein Volk, ein Reich, ein Führer, und endlich auch „eine“ evangelische Kirche hoffen die Deutschen Christen, zu denen auch Pfarrer Rose gehört. Während durch das Reichsgesetz vom 14. Juli 1933 die NSDAP zur einzigen politischen Partei erklärt wurde, verschwindet innerhalb weniger Wochen eine kirchliche Gruppierung nach der anderen. Übrig bleiben die Kirchlich-Positive Vereinigung (KPV) und die Deutschen Christen (DC), die zu den gesamtdeutsch verordneten Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 antreten, und zwar mit Einheitslisten und abgesprochener Sitzverteilung. In die Landessynode werden zwei Kenzinger gewählt: Der Laie Friedrich Dittes, von 1933 bis 1938 Vorsteher des Finanzamtes Kenzingen, für die KPV und Pfarrer Rose für die DC. Mit dabei in der 57 Abgeordnete umfassenden Landessynode sind zwei ehemalige Geistliche, die für die DC kandidiert hatten: Kirchenrat Viktor Renner und Georg Ulzhöfer. Einstimmig hatten noch die alte Landessynode mit allen Parteien am 24. Juni 1933 die Kirchenverfassung geändert, damit das Führerprinzip in der Badischen Landeskirche Einzug halten konnte. Das Amt des an der Spitze der Kirche stehenden Kirchenpräsidenten Wurth wurde am 24. Juni kurzerhand abgeschafft. Statt dessen schuf man das Amt des Landesbischofs, in das der bisherige Prälat Julius Kühlewein gewählt wurde. An der Frage um die Eingliederung der Landeskirche in eine Reichskirche scheiden sich jedoch die Geister. Die Deutschen Christen befürworten eine Reichskirche, in der alle 28 Landeskirchen unter einem Reichsbischof aufgehen sollen. Die Kirchlich-Positive Vereinigung, und mit ihr Friedrich Dittes, sind entschiedene Gegner der Eingliederung. Zog man bis zu den Kirchenwahlen im Sommer 1933 noch an einem Strang, so verschärfen sich danach die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Richtungen. Die Berliner Sportpalastkundgebung der DC am 13. November 1933, auf der Redner gar die Abschaffung des Alten Testaments forderten, führte zum Bruch der beiden kirchlichen Parteien. Die KPV tritt am 28. November 1933 dem Pfarrernotbund Martin Niemöllers bei, ohne ihre Organisation aufzugeben. Am 30. Mai 1934 reist Friedrich Dittes als einer der vier badischen Vertreter der KPV nach Barmen. Hier findet die 1. Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche statt, zu der sich 138 Vertreter aus den lutherischen, unierten und reformierten Landeskirchen treffen. Die theologische Erklärung dieser Synode bezieht in sechs Thesen gegen Machtansprüche seitens des Staates und damit auch gegen die Anschauungen der Deutschen Christen. Im Anschluss an die Synode unterzeichnet Friedrich Dittes, gemeinsam mit den drei anderen badischen Vertretern, einen Brief an die badische Kirchenleitung und fordert diese auf, sich der Bekenntnisgemeinschaft anzuschließen und das Eingliederungsabkommen nicht zu unterzeichnen. Trotzdem wird die Eingliederung der Landeskirche in die Reichskirche am 13. Juli 1934 beschlossen. Friedrich Dittes stimmt wie alle Kirchlich-Positiven Vertreter dagegen. Für Dittes ist dies vorläufig die letzte Sitzung. Er wird vom Landesbischof verabschiedet. Pfarrer Rose, der wenige Tage zuvor in den Führerrat der DC Gau Baden gewählt wurde, stimmt mit den Deutschen Christen für die Eingliederung. Die Landessynode löst sich auf, nachdem sich zuvor am 30. Juni 1934 der Badische Landtag durch Auflösung ausgeschaltet hat. Die Kirchenleitung besteht nur noch aus dem Landesbischof und den Mitgliedern des Oberkirchenrates. Die Antwort der KPV in Baden auf die Eingliederung in die Reichskirche ist die Bildung des Bruderrats der badischen Bekenntnisgemeinschaft, dem auch Friedrich Dittes angehört. Pfarrer Rose, seit November 1933 Dekan des Kirchenbezirks Emmendingen, fährt zur Amtseinführung von Reichsbischof Ludwig Müller am 23. September 1934 nach Berlin. Wie sein Freund Oberkirchenrat Fritz Voges, der im August für zwei Monate nach Berlin berufen wurde, setzt er große Hoffnungen in die Reichskirchenleitung. Doch Voges´ Bilanz nach zwei Monaten der Zusammenarbeit mit Reichsbischof Müller fällt düster aus. Sein detaillierter Bericht veranlasst nicht nur Landesbischof Kühlewein sondern auch Lic. Rose zu einer kirchenpolitischen Kehrtwendung. Der Landesbischof sagt sich am 13. November 1934 vom Reichsbischof los. Über die Rücknahme der Eingliederung der Badischen Landeskirche in die Reichskirche stimmt der Oberkirchenrat am 13. Dezember 1934 ab. Lic. Rose, inzwischen auf Distanz zu den Deutschen Christen, stimmt für die Wiedereingliederung. Der Landesbischof stellt am 23. Februar 1935 die badische Landeskirche unter die vorläufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche. Die Deutschen Christen Gau Baden machen nun Front gegen die badische Kirchenleitung und gegen Rose, dem sie Treuebruch vorwerfen, während Rose dem Landesbischof mehrfach brieflich sein Vertrauen ausspricht. Friedrich Dittes´ weiteres Engagement gilt dem Verein für Innere Mission und dem Diakonissenhaus Nonnenweier, deren Arbeit er als Mitglied des Verwaltungsrates begleitet. Daneben schreibt er regelmäßig im Jahreskalender Volksbote, den der Verein für Innere Mission herausgibt, kleinere Artikel über Fragen des allgemeinen Rechts und des Steuerrechts. Als Laienprediger des Vereins für Innere Mission hält er zahlreiche Ansprachen und Vorträge. Rose wendet sich von den Deutschen Christen ab und bekommt nun den kirchenfeindlichen Wind der NSDAP zu spüren: So können die Kenzinger Jugendlichen nicht zum Gottesdienst, weil zeitgleich ein Treffen der HJ anberaumt ist, so muss Adolf Hitler in das sonntägliche Fürbittengebet eingeschlossen werden, so wird das Grüßen in Amtskleidung der deutsche Gruß angeordnet. Zu Hitlers Geburtstag müssen alle evangelische Kirchen beflaggt werden und um 12 Uhr die Glocken exakt eine Viertelstunde läuten. Außerdem wird der Religionsunterricht auf eine halbe Stunde gekürzt. Die Kontrolle, die das Nazi-Regime auf die Landeskirche ausübt, wird im Mai 1938 durch die Einsetzung der sogenannten Finanzabteilung beim Oberkirchenrat in Karlsruhe perfekt, die die kirchliche Aufsicht über die Verwaltung des Vermögens und der Kirchensteuermittel der Kirchengemeinden und der kirchlichen Verbände ausgeübt. Dem Einspruch des Landesbischofs und des Oberkirchenrats schließen sich über 200 Gemeinden der Landeskirche an, darunter auch Kenzingen. Der Kirchengemeinderat schreibt umgehend einen Postbrief an den Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten. Kopien dieses Briefes gehen auch an die Reichskanzlei, Reichsmarschall Göring und den Stellvertreter des Führers. Bei einem Fliegerangriff wird am 29. Dezember 1944 der Ostflügel des Krankenhauses in Brand gesetzt. Das Feuer erhält dabei so starken Zug, dass es auf das Dach der evangelischen Kirche und der Spitalkapelle übergreift. Der Kirchturm fällt mitsamt seinen drei Glocken brennend in die Eisenbahnstraße. Eine der Glocken, die kleinste, erhält dabei einen Sprung. Auch der Turm der Spitalkapelle, deren Glocke Pfingsten 1942 abgeliefert wurde, wird ein Raub der Flammen. Stark in Mitleidenschaft gezogen wird auch die Orgel.

Ab 1941 werden dem Kirchenchor und seinem Leiter Steine in den Weg gelegt, denn der Chor darf nicht mehr im Schulhaus proben. Außerdem muss Hauptlehrer Wilhelm Hack auf Druck seines Vorgesetzten von seinen kirchlichen Ämtern (Chorleiter, Organist und Kirchengemeinderat) zurücktreten. Pfarrer Lic. Rose bietet dem Chor sein Amtszimmer als Probenraum an. Dennoch kann der Chor nicht weiter bestehen und erst nach Kriegsende 1945 wieder mit der Arbeit beginnen.

19. April 1945: Die Stunde Null

Sie beginnt in Kenzingen am 19. April 1945 mit einer weißen Fahne auf dem Turm der katholischen Stadtkirche und dem Einmarsch der Franzosen. Auf Drängen der französischen Militärregierung beschließt der Oberkirchenrat am 9. August 1945 die Suspendierung von Lic. Rose. Mildernde Umstände wie beispielsweise seine Abkehr von den Deutschen Christen im Herbst 1934 gibt es nicht. Für die Sieger zählen niedrige Parteibuch-Nummern.
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Das gilt auch für Friedrich Dittes, der das Pech hatte, vom Kenzinger Ortsgruppenleiter ohne sein Wissen als Parteimitglied angemeldet worden zu sein, als er Ende Mai 1934 in Barmen zur Bekenntnissynode war. Darüber hinaus wurde sein Parteieintritt vom Ortsgruppenleiter auf den 27. Mai 1933 rückdatiert. Ohne dessen eigenmächtige Handlung wäre Friedrich Dittes wahrscheinlich 1937 oder 1938 von seiner vorgesetzten Behörde vor die Frage des Eintritts in die Partei gestellt worden. Weil aus seiner tiefen Religiosität, insbesondere aus seiner Teilnahme an der Bekenntnissynode hervorgeht, dass er den Nationalsozialismus abgelehnt hat, wird er 1946 „nur“ in die Gruppe 4 der Mitläufer eingestuft und zu einer Geldstrafe von 1.500 Mark verurteilt.

Wiederaufbau: Neues Leben durch die Flüchtlinge

Am 9. August 1945 beruft der Oberkirchenrat Pfarrer Friedrich Kraut als Pfarrverwalter nach Kenzingen. Die Gottesdienste finden im ersten Nachkriegswinter im katholischen Pfarrsaal statt, den der katholische Stiftungsrat der Gemeinde zur Verfügung stellt. Währenddessen wird die Kirche notdürftig wiederhergestellt. Sie erhält ein Notdach aus Brettern, die Fenster werden mit Brettern und Rollglas geschlossen. Das Konfirmationsfest 1946 wird wieder in der Kirche gefeiert. Bereits im November 1945 tritt der Kirchenchor wieder ins Leben, der seit 1941 nicht mehr bestanden hatte. Neues Leben bringen auch die zahlreichen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in die Gemeinde. Die Gemeinde verdoppelt sich von 640 (im Jahre 1946) auf 1445 (im Jahre 1954). Die Flüchtlinge kommen überwiegend aus den evangelischen Ostgebieten und kennen von dort eine andere, liturgisch wesentlich reichere Gottesdienstordnung. Zu einer Brücke zwischen Flüchtlingen und Einheimischen wird daher eine neue Gottesdienstordnung, die von nun an das Gloria, Kyrie und Ehre sei Gott in der Höhe in den evangelischen badischen Gotteshäusern heimisch werden lässt, die 1950 von der Landessynode eingeführt wird. Einen ähnlich großen Einschnitt gibt es im gleichen Jahr noch einmal, als in Baden auch ein neues Gesangbuch verwendet wird. In diesem Gesangbuch gibt es nun einen Stammteil, der in allen evangelischen Landeskirchen gleich ist. Es ist der Ausdruck der beginnenden Einheitsbewegung des deutschen Protestantismus. Das rege Gemeindeleben, das sich unter dem jungen Pfarrer-Ehepaar Kraut entwickelt, trägt erheblich zur Eingliederung der Heimatvertriebenen bei. Im Kirchenchor und anderen kirchlichen Kreisen bilden sie die überwiegende Mehrheit. Meistens finden die Zusammenkünfte des Männerkreises im Nebenzimmer einer Wirtschaft statt, der Frauen- und Jugendkreis trifft sich in einem kleinen Zimmer im Pfarrhaus.

An einen Gemeindesaal, obwohl dringend benötigt, ist vorerst nicht zu denken. Vordringlich ist, das Provisorium der notdürftigen Dach- und Fensterabdeckung in der Kirche zu beenden. 1949 werden die Fenster mit rautenförmigem Kathedralglas wiederhergestellt und knapp zwei Jahre später erhält die Kirche ein neues Dach mit einem kleineren, zwiebelförmigen Türmchen. Das Richtfest wird im Februar 1952 gefeiert. Am 17. Mai 1952 läuten erstmals seit sieben Jahren die drei Glocken wieder. Zwar beteiligt sich die Stadt als Eigentümerin der Kirche zu zwei Dritteln an den entstandenen Kosten, doch für die Gemeinde ist die Verschuldung von 18.000 DM enorm. So muss die Reparatur der Orgel zum großen Bedauern auf das Allernotwendigste beschränkt bleiben.

Nicht nur in Kenzingen, auch in Herbolzheim vergrößert sich die evangelische Gemeinde. Sie steigt hier von 423 Mitgliedern (im Jahre 1946) auf 800 (im Jahre 1954) an. Ein Grund für die Herbolzheimer, mit der Selbstständigkeit also mit einem eigenen Pfarrer zu liebäugeln. Herbolzheim, seit 1895 Diaspora der „selbstständigen Pastorationsgemeinde Kenzingen“ und seit 1909 „Filialgemeinde“ von Kenzingen, wird am 1. Januar 1952 Pfarrvikariat und zwei Jahre später selbstständige Kirchengemeinde. Am Erntedanksonntag 1954 feiert die Kenzinger Gemeinde in einem Jubiläumsgottesdienst ihr 75-jähriges Bestehen.

1958 wird Oberlehrer Hack in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger als Leiter des Kirchenchors wird der aus Sachsen stammende Kantor Curt Kleinstück. Es ist das Anliegen des neuen Chorleiters, dass sich der Kirchenchor nicht als Verein, sondern als ein Teil der Gemeinde versteht, der dem Pfarrer bei der Verkündigung der frohen Botschaft helfen will. Endlich verfügt der Chor auch im Gemeindesaal des neu gebauten Kindergartens über einen Proberaum. Die Mitgliederzahl steigt und es besteht sogar eine Zeit lang eine „Kurrende“, ein Kinderchor, so dass eine Erweiterung der Empore ernsthaft in Erwägung gezogen wird.

Spielraum: Der neue Kindergarten

Das rasche Anwachsen der Bevölkerung führt zu Schwierigkeiten bei der Betreuung der Kleinkinder im städtischen Kindergarten. Die evangelische Gemeinde sieht sich in die Pflicht genommen, hier abzuhelfen und einen neuen Kindergarten zu bauen. Gleichzeitig möchte man den schon lange geplanten Bau eines Gemeindesaales in die Tat umsetzten. Die Stadt unterstützt dieses Vorhaben, indem sie der Gemeinde ein Grundstück unentgeltlich zur Verfügung stellt und für Bauholz und Erschließungskosten günstige Konditionen gewährt. So kann am 11. August 1957 der Kindergarten mit Gemeindesaal eingeweiht werden. Der Kindergarten bietet Platz für 70 Kinder (heute 52). Im Frühjahr 1958 schließt die Kirchengemeinde einen Vertrag mit dem evangelischen Diakonissenhaus Nonnenweier. Das Mutterhaus entsendet Schwester Rosine Ehrhard zum Dienst im Kindergarten. Erst im September 1971 kehrt sie ins Mutterhaus zurück, zu dem der Kindergarten bis heute enge Beziehungen unterhält.

Von April 2004 bis Februar 2005 wird der evangelische Kindergarten komplett saniert und den modernen Erfordernissen pädagogischer Arbeit angepasst. Während der Bauarbeiten werden die Kinder im ehemaligen städtischen Kindergarten am Kirchplatz untergebracht. Die Stadt Kenzingen fördert das 360 000 Euro teure Bauvorhaben mit 250 000 Euro. Der sanierte Kindergarten erhält großzügige und helle Räume, neue sanitäre Anlagen, einen Turnraum und eine behindertengerechte Ausstattung. Die Einweihung wird im April 2005 mit einem Gottesdienst und einem großen Frühlingsfest gefeiert.

Der Harmonie zuliebe: Neue Glocken

1961 steht die Finanzierung der notwendig gewordenen Kirchenrenovation und für die Anschaffung eines neuen Geläutes. Ein halbes Jahr ist die Kirche wegen Bauarbeiten geschlossen, der Gottesdienst findet derweil im Gemeindesaal in der Breslauer Straße statt. Der Altarraum wird neu gestaltet, die Sakristei verlegt und die Empore vergrößert. Der Innenraum erhält einen hellen Anstrich. Das wichtigste aber sind die vier neuen Bronzeglocken, die bei der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe in Auftrag gegeben werden. In der Zeit der Renovierungsarbeiten fällt der nächste Pfarrerwechsel. Am 26. März 1961 übernimmt Pfarrer Gernot Ziegler das Amt von Pfarrer Kraut, der die Gemeinde 16 Jahre lang geleitet hatte. Kurz darauf treffen die neuen Glocken in einem Festzug in Kenzingen ein; die Glocken von St. Laurentius läuten ihnen einen Willkommensgruß. Ein anderer Freudentag der evangelischen Gemeinde ist die Einweihung der neuen Orgel im März 1966. Die Orgel ist aus der Werkstatt der Firma Wagner und Vier in Grötzingen ersetzt das schadhaft gewordene Orgelwerk der Steinfurter Firma Bettex aus dem Jahr 1929. Ende 1966 wird Pfarrer Ziegler an die Konkordienkirche in Mannheim berufen. An seine Stelle tritt im Februar 1967 Pfarrer Richard Elser.

Gemeindehaus: „Ein zeitgemäßes Haus Gottes“

Für die auf 1.730 Mitglieder angewachsene Gemeinde (Stand: 1970) wird der alte Gemeindesaal zu klein, und auch im Kindergarten wäre man froh über ein wenig mehr Platz. Deshalb beschließt der Kirchengemeinderat 1969 den Neubau eines Gemeindehauses, das 1975 eingeweiht wird. Seit dem Jahr 2001 wird das Gebäude in der Offenburger Straße nach und nach saniert. Zunächst sind Gemeindesaal, Flachdach und Außenfassade an der Reihe. Später folgen die Kinder- und Jugendräume sowie Flur und Keller. 2007 wird eine Rampe errichtet, um das Haus barrierefrei zugänglich zu machen und seit Dezember 2008 gibt es eine Behinderten gerechte Toilette im Erdgeschoss. Damit erfüllt das Gemeindehaus alle Voraussetzungen für einen Treffpunkt für die ganze Gemeinde.

Die Kirche mischt sich ein: „KKW nein!“

In den 70er Jahren beherrscht die Diskussion über die Atomenergie das politische Leben in der Bundesrepublik. 1975 spitzt sich in Südbaden die Auseinandersetzung um das geplante Atomkraftwerk in Wyhl zu. Auch Bertold Schneider, seit 1. April 1969 Pfarrer in Kenzingen engagiert sich in dieser Frage. So lädt Pfarrer Bertold Schneider im März 1975 zu einer Informationsveranstaltung zum KKW Wyhl in den Gemeindesaal ein, und dort findet auch am 11. April die Gründungsversammlung der Bürgerinitiative Kenzingen KKW-Nein statt. Soviel politisches Engagement des Pfarrers konnte angesichts der hitzigen Auseinandersetzungen um die Kernenergie nicht ohne Widerspruch bleiben. Doch der Kirchengemeinderat steht hinter ihm und teilt seinen Standpunkt, das es NEIN zu sagen gilt, wenn etwas gegen das Gesetz Gottes geht, und sich die Kirche keinesfalls auf die Insel der Seligkeit zurückziehen kann. Am Ende der Aussprache stellt sich der Kirchengemeinderat einmütig hinter den Pfarrer und weist die gegen ihn gerichteten Angriffe zurück. Nicht zuletzt dank vieler engagierter Pfarrer in der badischen Landeskirche setzte im Zug dieser Auseinandersetzung ein gründliches Nachdenken über die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums ein.

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Auf Grund dieser Erfahrungen bleibt die evangelische Kirchengemeinde in Kenzingen auch nicht untätig, als es darum geht, den viergleisigen Ausbau der Rheintalbahn mitten durch Kenzingen zu verhindern. Es werden zahlreiche Einwendungen gegen den Ausbau erhoben, gleichzeitig wenden sich Pfarrer und Kirchengemeinderat an den Landesbischof und den Ratsvorsitzenden der EKD mit der Bitte um Unterstützung. Etliche Schreiben an Politiker werden verfasst. Im Sommer 2008 findet im benachbarten Herbolzheim das mehrtägige Anhörungsverfahren statt. Auch hier beteiligen sich Gemeindeglieder aktiv am Protest und Pfr. H.H Schneider verliest eine Erklärung der Gemeinde. Darin heißt es u.a.: „Vielleicht hilft die Erinnerung an Albert Schweitzer, der uns die „Ehrfurcht vor dem Leben“ einprägte, vielleicht könnte die Erinnerung daran helfen, das man die Situation in unseren Städten ernst nimmt und den Protest nicht auf die leichte Schulter. Ich bitte die Bahn das geplante Vorhaben – um der hier lebenden Menschen Willen – aufzugeben.“

Fortschritt in der Ökumene

Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt ist seit den 70er Jahren die Ökumene. So wird am 12. Oktober 1973 bei einer gemeinsamen Sitzung des evangelischen Kirchengemeinderates und des katholischen Pfarrgemeinderates das ökumenische Altenwerk gegründet. Es ist die erste Sitzung dieser Art. Das ökumenische Altenwerk sollte bis ins Jahr 2003 bestehen und Senioren beider Gemeinden im sogenannten Altenstüble des Kardinal-Bea-Hauses jeden Donnerstagnachmittag die Möglichkeit zu einem geselligen Beisammensein bieten. Im Mai 1978 verabschiedet sich das Ehepaar Schneider aus Kenzingen, da Pfarrer Schneider an die Providenzkirche in Heidelberg berufen wird. Die Neubesetzung der Pfarrstelle gestaltet sich schwierig. Im November 1978 ist endlich ein Nachfolger gefunden: Pfarrer Volker Trautmann kann jedoch die Stelle erst im März 1979 antreten, da er in Bogota/Kolumbien tätig ist. Gleich im ersten Jahr seiner Amtszeit kann Pfarrer Trautmann mit seiner neuen Gemeinde ein Fest feiern: den 100. Geburtstag. Unter den Festgästen ist auch Stefan Saum, der katholische Stadtpfarrer. Seine Anwesenheit ist ein äußeres Zeichen der guten Zusammenarbeit zwischen den beiden Kirchengemeinden, die auch durch ganz praktische Hilfsbereitschaft gekennzeichnet ist. So stellt beispielsweise die evangelische Gemeinde ihre Kirche den Katholiken zum Sonntagsgottesdienst zur Verfügung, da das katholische Gotteshaus wegen des Einbaus einer neuen Heizung einige Wochen nicht benutzt werden kann. Die Katholiken revanchieren sich mit einem Kirchentausch am 20. März 1983, als die evangelische Kirche wegen des großen Andrangs bei der Konfirmation aus den Nähten zu platzen droht. Bis heute ist die evangelische Gemeinde bei den Konfirmationen in der katholischen Pfarrkirche zu Gast. Weitere Beispiele für das ökumenische Engagement der beiden Gemeinden sind jährliche ökumenische Gottesdienste zur „Woche für das Leben“, der seit 1981 bestehende Krankenpflegeverein als Förderverein der katholischen Sozialstation und der 1987 entstandene ökumenische Gesprächskreis, der bis heute Bestand hat.

Im Jahr 2003 nehmen die evangelische und die katholische Gemeinde in Kenzingen das „Jahr der Bibel“ zum Anlass, sich zu einem besonderen Projekt zusammenzutun. Mit einem ökumenischen Gottesdienst im Februar startet das Projekt: „Kenzingen schreibt die Bibel ab“. 66 Bücher, 1189 Kapitel und 31169 Verse werden im Laufe des Jahres von Hand abgeschrieben. 381 Kenzingerinnen und Kenzinger beteiligen sich an dieser Arbeit. Das Ergebnis sind acht Bände der liebevoll künstlerisch gestalteten „Kenzinger Bibelhandschrift“, die am ersten Advent 2003 den beiden Gemeinden in einem gemeinsamen Gottesdienst präsentiert werden. Die Kenzinger Bibelhandschrift wird seitdem im Kreuzgang des AWO-Pflegeheims ausgestellt.

Am 16. Oktober 2005 wird während eines Festgottesdienstes der Rahmen- und Kooperationsvertrag mit der katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius unterzeichnet. In der Präambel diese Vertrags heißt es: „Im Bekenntnis zur Taufe als dem gemeinsamen grundlegenden Band der Einheit in Jesus Christus, getragen von der Bitte Jesu „dass alle eins seien“ (Joh 17,21), … verpflichten sich die Evangelische Kirchengemeinde in Kenzingen und die katholische Pfarrgemeinde St. Laurentius in Kenzingen zu weiteren Schritten auf dem Weg zur sichtbaren Einheit in einem Glauben und in der einen eucharistischen Gemeinschaft …“

Seit September 2008 bestehen Kontakte über den Rhein hinweg zu der evangelischen Gemeinde in Sundhouse mit dem Ziel eine Partnerschaft aufzubauen.

Job-Sharing im Pfarrhaus: „Grüß Gott, Frau Pfarrerin!“

Im Dezember 1989 kommt das junge Pfarrerehepaar Gudrun und Thomas Ding nach Kenzingen. Mit ihnen hält modernes Job-Sharing im Pfarrhaus Einzug. Das Pfarrerehepaar Ding engagiert sich im 1990 gegründeten, ökumenischen Freundeskreises Asyl. Das 1993 in Kraft getretene Asylrechtsänderungsgesetz betrifft einige asylsuchende Familien hart: Die Annerkennungskriterien und Abschiebepraxis wurden verschärft, Fristen und Rechtsmittel verkürzt, und die sozialen Bedingungen verschlechtern sich, weil die Asylbewerber weniger Bargeld erhielten. Im Behördendschungel wird der Freundeskreis Asyl manchen Familien zum Rettungsanker. Der Asylkreis organisiert Hausaufgabenbetreuung, Begleitung zu Anwälten, Ärzten, Anhörungen und Gerichtsterminen.

Innen und außen: Die Kirche erhält ein neues Gesicht

Fünf Jahre bestimmen nun umfangreiche Renovierungs- und Sanierungsarbeiten in der Kirche das Gemeindeleben, haben Pfarrer, Kirchengemeinderat und viele Handwerker von 1993 bis 1995 alle Hände voll zu tun. Das Nachkriegstürmchen ist baufällig, die Glockenaufhängung durchgerostet, die Heizungsanlage erneuerungsbedürftig und der Innenanstrich verschmutzt. Zunächst bekommt die Kirche eine Bankheizung, dann einen neuen Innenanstrich. Sie wird nicht nur einfach geweißelt, sondern erhält einen künstlerisch belebten Anstrich, der die unterschiedlichen Stilrichtungen der Kirche miteinander verbindet. Über den Köpfen der Kirchgänger ranken sich kunstvolle Ornamente und heimische Kräuter, dazwischen versteckt finden sich Vögel und Fische als Symbole für Luft und Wasser. Dort, wo sich vorher ein Leuchter befunden hatte, strahlt nun die Sonne. An den Wänden rechts und links sind Sterne; der Mond scheint oben am rechten Seitenfenster. Die unbekannten Farbtechniken und –töne aus dem 17. Jahrhundert, auf die man bei den Innenarbeiten gestoßen war, werden konserviert. Der letzte Farbauftrag ist eine Kunststoffbeschichtung, und die Ausmalung ist mit reversiven Farben gefertigt. Sichtbare Veränderungen bahnen sich auch im Äußeren der Kirche an. Der marode Unterbau des Nachkriegstürmchens wird zum Risikofaktor, zumal das Geläut den Dachstuhl zusätzlich in Eigenschwingungen versetzt. Weil die Sanierung des kleinen Turmes unverhältnismäßig teuer wäre, entscheidet sich der Kirchengemeinderat für einen neuen Turm. Man nutzt die Gunst der Stunde, um den alten, 1944 zerstörten Kirchturm originalgetreu wieder entstehen zu lassen und greift auf die alten Baupläne zurück, die sich glücklicherweise noch im Archiv des Oberkirchenrates auftreiben lassen. Das Richtfest des Turmes feiert die Gemeinde mit Pfarrer Hanns-Heinrich Schneider, der seit 1. September 1995 in Kenzingen ist und das Pfarrer-Ehepaar Ding ablöst, das in Pforzheim eine neue berufliche Herausforderung angenommen hat. Es wird am 16. Oktober 1995 in der Tullastraße gefeiert, wo Turmhelm und Turmgerüst aufeinandergesetzt werden. Am 18. März 1996 können Hunderte von Kenzingern ein seltenes Ereignis verfolgen. Ein Tieflader bringt den neuen Turm zur Kirche. Ein Kran hängt die Glocken und das alte Türmchen ab und befördert den neuen alten Turm auf das Kirchendach. Am Gründonnerstag 1996 wird der Turm eingeweiht, läuten nach langer Zeit die Glocken wieder.

Ein großes Fest feiert die Gemeinde am 18. Januar 1998. Der Kirchenchor, den Juliane Nikoleit als Nachfolgerin ihres Vaters Curt Kleinstück seit Januar 1973 leitet, begeht feierlich seinen 100. Geburtstag. Im Dezember des selben Jahres wird Juliane Nikoleit nach 25 Dienstjahren als Kantorin feierlich verabschiedet. Die Gemeinde ist froh, dass Emmanuel Jauch kurzfristig die Leitung der Kantorei übernimmt, bis 1999 in Jakoba Marten-Büsing eine hauptberufliche Kirchenmusikerin zunächst als Organistin, bald aber auch als Kantorin gefunden wird. Unter ihrer Leitung entwickelt sich das kirchenmusikalische Leben in der Gemeinde weiter. Die Kantorei, die trotz des großen Engagements des Leiters kurz vor der Auflösung steht, wächst durch ein Projektmodell kontinuierlich auf eine Größe von ca. 35 Sängerinnen und Sängern an. Flötenkreis und TonArt beteiligen sich regelmäßig an den Gottesdiensten.

Deckenmalerei

Bei aller Betriebsamkeit vergisst die Gemeinde nicht, in welcher Tradition sie steht. Pfarrer Hanns-Heinrich Schneider erinnert in einer Predigt an das Vermächtnis für eine Kirchengemeinde, aus deren Mitte der Synodale Friedrich Dittes die Barmer Erklärung 1934 unterschrieb: Es gibt keine anderen Autoritäten, keine Führer, keine Parteien, niemanden überhaupt, der sich in ihr „Macht“ über andere anzumaßen hätte. Selbst die notwendigen Ämter in der Kirche beinhalten keine Herrschaft über andere, sondern Dienst. Jeder Christ, das heißt, um es noch einmal deutlich zu sagen, jeder Mitmensch, der in unserer Mitte getauft ist und Kirchensteuer zahlt, ist mitverantwortlich für das Aussehen der Kirche in der Öffentlichkeit.

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