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Pfarrer in Kenzingen seit Mai 2012, vorher als Pfarrer in Waldshut (1997-2012) und Riegel (1990-1997), verheiratet, drei erwachsene Kinder, Jahrgang 1960

wer sind wir? Predigt über 1.Petrus 2,2-5a. 9

Predigt am 28.7.19 von Andreas Hansen über 1.Pt 2,2-5.9

„Wer bin ich?“ fragt Dietrich Bonhoeffer. Er ist zermürbt durch die Haft – z.B. bei Luftangriffen auf Berlin ließ man die Gefangen in ihren Zellen.     Er erfährt, dass das Attentat auf Hitler misslungen ist. Nun weiß er: es ist so gut wie sicher, dass er zum Tod verurteilt wird. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Bonhoeffer erkennt in dieser schlimmen Situation, was ihn trägt, das Fundament seines Lebens. Wenn uns Böses trifft, wenn unser Leben durcheinander gerät, wenn wir Gewissheit und Halt verlieren, halten wir uns daran fest: Gott hat zugesagt: „Du bist mein“. Gott hat Ja zu uns gesagt. Das ist wichtiger als alles.

Unser Predigttext steht im ersten Petrusbrief. Der Autor schreibt an „die von Gott Erwählten, die – als Fremde in dieser Welt“ – in den Provinzen Kleinasiens zerstreut sind. Als Fremde in dieser Welt – die Welt ist damals und heute zerrissen von Unrecht und Gewalt – und doch sind sie und sind wir zuhause, geborgen bei Jesus Christus.

Petrus schreibt ihnen und uns: Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf die geistige, unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst,   bis das Ziel, eure endgültige Rettung, erreicht ist. 
Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist. (1.Pt 2,2-3).  

Wer sind wir? Wie Neugeborene, die gestillt werden, so bedürftig und geborgen, so gierig nach der Milch, der Mutter so innig nah.
Ich sehe meinen Enkel mit einem halben Jahr. Wenn er hungrig ist, wird er unleidig. Er kann es kaum erwarten, bis er gestillt wird. Ganz außer sich vor Gier wird er, wenn das Ersehnte naht, und dann saugt und trinkt er, als würde er gleich verdursten. Jedes Mal neu überwältigt ihn die Gier, bis er erlöst und still wird.
Wer sind wir? Die Antwort liegt darin, wie Gott zu uns ist. Gott gibt uns mütterlich, fürsorglich, gütig, was wir brauchen. Und wir sind Bedürftige. Wir bleiben bedürftig danach, immer wieder gefüttert, gestillt, getröstet zu werden, wie Babys, auch wenn wir graue Haare haben.
Wir dürfen, wir sollen!, gierig sein auf Gottes Wort, die geistige, unverfälschte Milch. Wir sollen trinken und wachsen. In erstaunlich kurzer Zeit hatte mein Enkel sein Gewicht verdoppelt.   Unser Glaube soll wachsen. Aber er darf auch immer wieder anfangen. Wir werden nicht irgendwann abgestillt, sondern dürfen die Milch für die ganz Kleinen trinken.
Wer sind wir? Geliebt, umsorgt, getragen und gestillt wie Neugeborene – was für ein Glück! 
Wir leiden zuweilen darunter, dass unser Glaube so anfängerhaft ist, aber das ist schon in Ordnung. Der große Martin Luther schrieb und betete: „Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das bedarf sehr, dass man es fülle. Mein Herr, fülle es. Ich bin schwach im Glauben; stärke mich. Ich bin kalt in der Liebe; wärme mich und mache mich heiß, dass meine Liebe herausfließe auf meinen Nächsten. Ich habe keinen festen, starken Glauben und zweifle zuzeiten und kann dir nicht vertrauen. Ach Herr, hilf mir, mehre meinen Glauben und das Vertrauen. Lehre mich hören. Alles, was ich habe, ist in dir beschlossen.“
Wir sind immer wieder Anfänger im Glauben. Darum passt das Bild des Neugeborenen zu uns. Manchmal verzweifelte Luther fast über sich. Dann haben ihm seine Freunde ermutigende Worte der Schrift zugesagt, bis er ruhiger wurde.
Ich höre, dass Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage“. Ich höre es ganz direkt als Zusage an mich und uns: Jesus bei uns als Gemeinde in dieser Umbruchszeit. Hören wir genau auf ihn! Jesus bei uns, wenn wir die Gefahr von Krieg mit dem Iran sehen oder uns um das Klima sorgen. Jesus bei mir in den Herausforderungen meines Lebens. „Du bei mir.“ Wie ein Säugling die Muttermilch, so brauche ich solche Worte.

Wer sind wir? Petrus hat noch andere Bilder für uns: Kommt zu Jesus! Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. (1.Pt 2,4-5a)

Ganz schön schwer ist dieser Stein. (alter Backstein) Man sieht ihm an, dass er schon einiges mitgemacht hat. Aus Tausenden solcher Steine sind die großen Kirchen in Nord- und Ostdeutschland – Backsteingotik nennt man den Baustil.
Die Steine, aus denen unsere Kirche vor 357 Jahren gebaut wurde, stammen zum Teil von einer anderen Kirche, aus dem Dorf Niedingen zwischen Kenzingen und Forchheim, das im 30-jährigen Krieg verlassen und aufgegeben wurde. Dort wurde die Kirche abgebaut und die Bau-steine bei uns wiederverwendet. Wir sind als lebendige Steine von Gott in sein Haus eingefügt.
Aber Steine sind doch kalt und hart und tot. Versteinert ist das Gegenteil von lebendig. Jesus ist lebendiger Stein. Jesus überwindet den Tod. Er ist der Stein, auf den Gott baut.
„Kommt zu Jesus, seid selbst lebendige Steine, lasst euch einfügen in das Haus, das Gott baut,  erfüllt von seinem Geist!“ Auch wir sollen leben. Wie Jesus sollen wir sein. Wie er sollen wir dem Tod widersprechen. Wir sind Teil in seinem Haus, lebendige Steine.
Man sieht den Steinen ihre Geschichte an.  Da sind im Mauerwerk einer Kirche alte, dunkle Steine, die die Spuren der Zeit an sich tragen. Wind und Wetter haben ihnen zugesetzt. Genauso kann man das auch von uns sagen. Manchen von uns hat das Leben es nicht leicht gemacht und man sieht es uns an.  Gott baut seine Kirche aus lebendigen Steinen. Wie beim Bau eines Hauses hat jeder Stein seine eigene und ganz besondere Bedeutung. Jeder Stein hat seinen besonderen Platz. Keiner ist entbehrlich. Jeden Stein setzt der Baumeister sorgfältig an seinen Platz. Gott gibt jeder und jedem von uns ihren und seinen richtigen Platz. Genau dort werden wir gebraucht. Dort sollen wir tragen, die Nachbarsteine stützen und uns gleichzeitig von den anderen Steinen tragen und stützen lassen. Zusammen bilden wir das „Haus der lebendigen Steine“. Jesus ist der Stein, der den ganzen Bau zusammenhält, der Eckstein. Die Gemeinde Jesu als ein Bau: sie bekommt ein Zuhause und bietet ein Zuhause. Das ist kostbar in einer Welt, in der so vieles fremd und feindlich wird.

Wer sind wir? Bedürftig wie ein Säugling, gierig nach der Milch der Zusage Gottes, aber auch tragfähig, verlässlich wie Stein, wichtig im Bau des Hauses Gottes.
Gott will, dass wir ihn brauchen, wie ein Kleinkind seine Mutter. Und Gott will, dass wir einstehen für unseren Glauben. Er fügt uns ein in seinen Bau.
Manchmal kommen wir uns als Kirche in dieser Zeit fremd vor – von vielen belächelt, verspottet, nicht ernst genommen. Aber Gott stellt uns an unseren Platz und in unsere Zeit.

Noch einmal Petrus: Ihr seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (1.Pt 2,9)

Wer sind wir? Gottes Volk, eine königliche Priesterschaft. Großes traut Gott uns zu. Wir sind in sein wunderbares Licht gerufen.  Wir sollen seine großen Taten verkünden.
Wir Christen haben einen Auftrag an die Welt. Wir müssen widersprechen, wenn erbarmungslos zurückgeschlagen wird. Die Leidenden und die, die ihnen Leid zufügen, die Machtlosen und die Mächtigen müssen von den großen Taten Gottes hören. Die Welt braucht sein Licht, das Licht der Hoffnung, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Wir Christen haben den Auftrag, davon nicht zu schweigen, die Traurigen zu trösten und das Unrecht beim Namen zu nennen. So viel traut Gott uns zu – ihm allein gehören wir. Petrus nennt uns eine königliche Priesterschaft. Die Reformatoren sprachen vom Priestertum aller Getauften. Jeder Christ darf sich zutrauen, zu verstehen, was Gott uns durch sein Wort sagt. Jede und jeden will Gott selbst unmittelbar ansprechen. Wir alle, jede und jeder an seinem Platz, haben Anteil am Auftrag, das Erbarmen und die großen Taten Gottes zu verkünden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Keine Jammerlappen, Predigt über Mt 9,35-10,7, in Sundhouse

Predigt am 21.7.19 von Andreas Hansen über Mt9,35-10,1.6f

Predigt im gemeinsamen Gottesdienst in der Partnergemeinde in Sundhouse

Liebe Mitchristen aus Sundhouse und Kenzingen,
bei unserem letzten Treffen erzählten Sie uns von „Perspektive 2030“ hier im Elsaß. Es geht um die Entwicklungen der Kirche, um sinkende Mitgliederzahlen, Finanzen und Mangel an Pfarrerinnen und Pfarrern. Am vergangenen Mittwoch hörten wir etwas Ähnliches von unseren katholischen Nachbarn. Sie nennen es „Pastoral 2030“. Auch  in unserer Kirche kennen wir solche Prognosen. Sie jagen uns Angst ein und wir fragen verzagt: „Oje, was wird aus der Kirche? Wird alles immer schlechter?“  Unser Predigttext für heute klingt herausfordernd anders:

Mt 9, 35-38; 10,1.7f

Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.
Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.
Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.  Und er sprach: Geht und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.

„Und als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn.“ Nanu – ist Jesus etwa ein Jammerlappen? Kennen Sie das Wort „Jammerlappen“? Gibt es dafür ein französisches oder elsässisches Wort? Ein Lappen ist das (Lappen zeigen). Wer immer herumjammert, wehleidig, schlechte Stimmung verbreitend, selbstmitleidig, verzagt, negativ, so einen Menschen nennen wir einen Jammerlappen.
Ist Jesus ein Jammerlappen? Aber nein! Das Wort, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, wird fast nur für Jesus gebraucht und von ihm selbst in manchen Gleichnissen. Den Vater des verlorenen Sohnes jammert sein Sohn, als der zerlumpt und elend heimkommt. Dahinter steckt ein hebräisches Wort für Erbarmen und Mitgefühl, und eigentlich das Wort Eingeweide, Gebärmutter. Was Jesus jammert, geht ihm nah, geht ihm ans Herz, schlägt ihm auf den Magen. Jesus jammert das Volk, das verängstigt ist und orientierungslos wie Schafe ohne Hirten.
Aber dann lamentiert Jesus nicht herum wie ein oller Jammerlappen, nein: Er predigt die gute Botschaft, das Evangelium: „Gott regiert. Gott ist König.“ Und er zeigt auch gleich, was das bedeutet: Krankheiten und alle Gebrechen heilt er.
Jesus ist bis ins Tiefste angefasst vom Elend der Menschen. Er ist das Gegenteil von gleichgültig. Mitten ins Herz trifft ihn das Leid. Er lässt sich anrühren von unserer Suche nach Liebe, von unserer Unversöhnlichkeit, unseren Tränen um geliebte Menschen, unserer Angst vor Krankheit und Tod, unserem Hunger nach Leben. Jesus ist getroffen vom Unrecht, das Menschen trifft. Er nimmt Teil an ihrer Ohnmacht gegenüber den Mächtigen, an ihrem Leid, ihrer Erschöpfung und Schutzlosigkeit.
Im Jammer Jesu ist kein anklagender Unterton und kein Gejammer über die Gottlosigkeit der Welt. Jesu Jammer ist seine Zuwendung, ist seine Liebe zu den Menschen. Gott jammert unser Elend – darum kommt er in Jesus zu uns. Darum setzt er sich selbst dem Leid aus.

Jesus nimmt nicht nur unser Elend überdeutlich wahr. Er sieht ebenso klar unsere Möglichkeiten. Jesus hat eine doppelte Sicht auf uns.
Darum wechselt er auf einmal das Bild: Er sieht das Volk und uns wie verlorene Schafe und er sieht uns auch wie ein schönes reifes Weizenfeld, das nur auf die Ernte wartet.

Jesus gibt seinen Jüngern Macht. Er ermächtigt sie zu verkündigen und zu heilen. Wie er selbst, so sollen die Seinen Gottes Reich ankündigen  und auch zeigen. „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.“ – Hier stolpere ich. Was für ein Auftrag!
Die Jünger sollen heilen, Leben geben, böse Geister austreiben? Die Kirche, wir sollen das?
Ich gestehe, dass ich um diesen Predigttext bisher immer einen großen Bogen gemacht habe. Auch bin ich misstrauisch, wenn Kirchen behaupten, sie könnten heilen. Was für eine Überforderung! Was für eine Anmaßung!

Aber hören wir das heute zusammen mit den bedrohlichen Prognosen für die Kirche!
Wie ist unsere Perspektive?
Jesus sagt uns: „Seid keine Jammerlappen!
Ich gebe euch einen Auftrag und die nötige Macht und Kraft dafür. Verkündet, dass Gott regiert! Das Reich Gottes ist nah. Und dann heilt, weckt zum Leben, treibt böse Geister aus!“
Unsere Perspektive orientiert sich an seiner Sichtweise: Er sieht das Elend der Welt, das Leid vieler Menschen und der geplagten Schöpfung. Das trifft ihn tief. Aber er sieht auch das Feld, reif zur Ernte, die vielen guten Möglichkeiten, die sich entfalten sollen.

Jesus schickt seine Jüngerinnen und Jünger, Fischer, einen ehemaliger Zöllner, einen, der früher im Widerstand gegen Römer kämpfte, einfache Leute. Jesus schickt uns, normale Leute. Er gibt uns einen großen Auftrag: Sagt, Gottes Reich ist nah, und dann tut genau, was das bedeutet! Heilt, was krank ist.  Setzt euch für das Leben ein. Findet euch nicht ab mit Krieg und Gewalt. Findet euch nicht ab mit Hunger und Sextourismus und all den zahllosen Arten wie Menschen um ihr Leben und ihre Würde gebracht werden. Macht Aussätzige rein. Lasst nicht zu, dass Menschen ausgegrenzt werden. Schaut nicht verächtlich auf die, die anders sind als ihr selber. Die anders  aussehen, die anders glauben, die anders lieben. Treibt böse Geister aus. Das ist vielleicht das Schwerste. Lasst eure Herzen nicht voll böser Gedanken sein. Lasst euch nicht zum Hass verleiten.
Uns, seiner Kirche, gibt Jesus eine Perspektive, dass wir in seinem Namen reden und handeln.

Ich möchte Ihnen noch eine Geschichte erzählen: Als Christus die Erde verließ und in den Himmel kam, schauten die Engel voll Sorge auf die Erde und sagten: „Willst du nicht dort bleiben, Herr? Sieh doch, wie es auf der Erde zugeht, wie Hass und Streit und Habgier alles zerstören!“ „Aber“, sagte Christus. „Ich habe doch meine Kirche, die mich auf Erden vertritt.“ Die Engel betrachteten die Kirche und schauten noch sorgenvoller: „Herr, hast du denn niemand anderes, der dich vertritt?“ Und Christus lachte: „Nein, jemand anderes habe ich nicht.“ Amen

das Gegenteil von gleichgültig – Predigt über Lk 15,1-7

Predigt am 14.7.19 von Andreas Hansen über Lk 15,1-7

Lukas 15,1-7

Jesus war ständig umgeben von Zolleinnehmern und anderen Leuten, die als Sünder galten; sie wollten ihn alle hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten waren darüber empört. »Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!«, sagten sie.
Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis: 
»Angenommen, einer von euch hat hundert Schafe, und eins davon geht ihm verloren. Lässt er da nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wieder gefunden, das mir verloren gegangen war.‹
Ich sage euch: Genauso wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.«

„Moment mal, Jesus, mit deiner Geschichte stimmt etwas nicht.“ Nathan schüttelt den Kopf. „Neunundneunzig Gerechte und ein Sündern – so ist das doch niemals!“
Jesus lächelt ihn an: „Du meinst, es sind weniger Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren?“ Nathan nickt. „Wieviel meinst du, sind gerecht? Achtzig? Die Hälfte? Oder nur ganz wenige? Und du, Nathan, rechnest du dich zu den Gerechten, die es nicht nötig haben umzukehren?“        Nathan wird rot.     Darum bemüht er sich doch, gerecht zu sein. Von ganzem Herzen will er Gottes Gebote halten. Er will kein Sünder sein.   Er will rein sein. Von diesem Gesindel, mit dem Jesus verkehrt, hält er sich fern. Aber ist er gerecht?
Jesus lächelt ihn immer noch freundlich an. Er sieht, wie es in Nathan arbeitet. Dann erzählt Jesus noch eine Geschichte vom Verlieren und der Freude zu finden. Und noch eine dritte Geschichte, die berühmteste, von dem jungen Mann, der seine Eltern verlässt und das halbe Familienvermögen verschwendet und buchstäblich im Dreck endet. Aber dann kehrt er um und kommt zurück. Sein Vater ist voll Freude und Glück, dass er seinen Sohn wieder hat. Er macht ein großes Fest. Der ältere Bruder aber will nicht mitfeiern. Er gönnt dem Taugenichts das Fest nicht. Und er versteht den Vater nicht. Da kommt der Vater zu ihm und lädt ihn ein: „Komm, freu dich mit mir!“
Nathan hört aufmerksam zu. Jesus sieht ihn an: „Komm, freu dich mit mir, Nathan! Freu dich mit Gott und den Engeln, wenn ein verlorener Mensch sich finden lässt! Freu dich wie der Hirte über sein Schaf, wenn die Zöllner und Sünder mich hören wollen!“
Ich weiß nicht, ob Nathan oder die anderen Pharisäer sich von Jesus überzeugen lassen. Aber ich bin sicher, Jesus versucht es immer weiter. Jesus sucht auch die, deren Herz hart und gleichgültig ist, die andere Menschen einfach so verloren geben, die sich selbst für gerecht halten. Jesus sucht auch uns. Hören wir noch einmal genau hin!

Eine liebe Geschichte erzählt Jesus. Ein Schaf geht verloren. Wir sehen die süßen, stolpernden Lämmer im Frühjahr vor uns. Wir hören ein Schäfchen kläglich jammern, auf Abwege geraten, im Dorngestrüpp verhakt, allein den Raubtieren ausgesetzt. Wir hören den guten Hirten rufen und sehen, wie er überall am Weg Ausschau hält, bis er es findet und auf seine Schultern hebt und jubelnd zuhause ankommt. Wie schön!
Auch wer gerne Lammfleisch genießt, ist gerührt. Unsere beste Seite hat Jesus getroffen, Mitleid, Engagement, unser Herz.
Aber Jesus erzählt nicht nur eine liebe, rührende Geschichte – zugleich klingen ganz andere  Erfahrungen an, die harte Wirklichkeit von Menschen, die verloren gehen und die verlieren.

Verloren ist der Jugendliche, der mit seinem Zeugnis nicht den ersehnten Beruf lernen kann und nun nicht weiß, wie es weitergeht.
Verloren: Menschen, die ihr Partner verlassen hat.
Verloren sind Menschen, die obdachlos werden – auch Familien mit Kindern trifft dieses Los.
Verlorene: Über 2200 Flüchtlinge sind 2018 im Mittelmeer ertrunken – und wie viele gingen in den Lagern unter?
Damals die Zöllner: sie haben sich bereichert auf Kosten der unterdrückten Bevölkerung – sie waren verloren in einem Unrechtssystem, Betrüger. Und bei den Sündern dachte man wohl an Prostituierte oder andere, mit denen sich kein ehrbarer Mensch an einen Tisch setzte. Schuldig oder unschuldig sind sie auf falsche Wege geraten und nun werden sie verachtet und gemieden.
Alle die Verlorenen sind Jesu Schäfchen. „Dieser Mensch gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen!“, so sagen sie. Jesus erzählt nicht einfach eine rührende, harmlose Geschichte.
Jesus erzählt gegen die furchtbare Gleichgültigkeit damals und heute. Jesus sagt, dass Gott keinen Menschen verloren gibt.
Wir sind so schnell mit einem anderen fertig: „Die passt mir nicht.“ „Der ist doch selbst schuld, dass es ihm so dreckig geht.“ „Mit so einem will ich nichts zu tun haben.“ Wir wollen nicht hinsehen. Wir grenzen uns ab. Wir schreiben Menschen ab. Uns erzählt Jesus seine Geschichte. Wir sind die selbstgerechten Pharisäer. Uns will Jesus mit dem verlorenen Lämmchen das Herz anrühren.
Ich erschrecke über mich und über uns. Ich erschrecke über die Gleichgültigkeit, die viele Menschen empfinden oder die sie selbst trifft.      Schrecklich ist das z.B., wenn ein Lehrer seinen Schüler verloren gibt, wenn der Schüler spüren muss: Dem Lehrer liegt gar nichts an mir. Schrecklich ist, dass wir uns abfinden mit der Not unserer Mitmenschen. „Da kann man halt nichts machen“, sagen wir. Vielleicht können wir nicht anders: wir blenden die meisten Konflikte unserer Zeit einfach aus und ignorieren die Not der Mitmenschen und auch die Not der Schöpfung.
Jesus ist das Gegenteil von gleichgültig.
Jesus sieht die verlorenen Menschen.  Er weiß um die gescheiterten, verzweifelten, verletzten Menschen. Jesus kennt auch die dunklen Stunden von uns, die Zeiten, in denen wir verloren sind, die Abgründe unserer Seele. Jesus geht zu den verlorenen Menschen und freut sich über jeden, der sich finden lässt.
Es gibt nicht einen, der nicht umkehren müsste. Es gibt nicht einen einzigen, der Gott nicht nötig hat. Und umgekehrt: Gott sehnt sich nach uns. Wir sind Gott lieb und kostbar. So kommt er in Jesus zu uns und sucht uns. Mehr als alles andere will Gott, dass wir ihn brauchen und uns von ihm finden lassen.
Gott sucht den Menschen. Die Freude im Himmel ist riesig, wenn ein verlorener Mensch entdeckt, wie sehr Gott nach ihm sucht, wenn wir umkehren, wenn wir uns finden lassen. Amen

harte Fragen an uns, Predigt über Joh 5,39-44

Predigt am 23.6.19 - Gottesdienst in Hecklingen von Andreas Hansen über Joh 5,39-44

Die Lesung des Sonntages: Jeremia 23,16-29, Lied vor der Predigt: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr, EG 382, Lied nach der Predigt: Du siehst mich, neuer Anhang 130

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
Es kann sein, dass wir uns irren über Gott.
Es ist möglich, dass wir uns einen lieben Gott zurechtschnitzen, einen Gott, der uns in den Kram passt und der uns nach dem Mund redet, so wie es die falschen Propheten tun, von denen Jeremia spricht.
Der berühmte Theologe Karl Barth hat einmal eine Predigt mit den Worten begonnen:  „Ihr wollt, dass ich ein falscher Prophet bin.“ Wir wollen nicht, dass Gott uns stört. Gott soll uns behüten und bestätigen, mehr nicht!
Misstrauen ist angesagt: Misstrauen gegen uns selbst, gegen unsere Zufriedenheit mit uns selbst, unsere Gleichgültigkeit für Leid und Not anderer. Lieblosigkeit und Kälte ist die Schwester des bequemen Glaubens der falschen Propheten.
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
Jesus stört die felsenfeste Selbstgewissheit derer, die meinen, sie sind auf der richtigen Seite und  kennen ihren Gott schon sehr gut. Unser Predigttext sind Verse aus dem Johannesevangelium, harte Worte Jesu zu den Gottes-gelehrten seiner Zeit. Ich lese aus Johannes 5 in der Neuen Genfer Übersetzung (v 39-44):

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, in ihr das ewige Leben zu finden. Aber gerade die Schrift weist auf mich hin. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, obwohl ihr bei mir das Leben finden würdet.
Ich bin nicht darauf aus, von Menschen Anerkennung zu bekommen. Aber bei euch ist es anders. Ich kenne euch und weiß, dass ihr der Liebe zu Gott keinen Raum in eurem Leben gebt.
Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Doch wenn jemand anders in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr ihn mit offenen Armen aufnehmen. Wie solltet ihr auch glauben können? Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen;  nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.

Jesus sagt einmal: Ich bin gekommen um die Verlorenen zu suchen und zu retten.  Die Verlorenen freuen sich über Jesus, wie Zachäus, der Betrüger, wie die beim Ehebruch ertappte Frau – alle klagen sie an, Jesus vergibt ihr, wie die Geheilten und alle, die durch Jesus  spüren „Gott ist mir nahe, Gott spricht mich an“. Andere brauchen Jesus nicht. Oder sie meinen, sie brauchen Jesus nicht. Er stört sie, weil er sie zu Gott weist. „Umkehren? – warum sollte ich das? Und überhaupt: wer gibt Jesus das Recht,  so zu reden?“ Gerade die Gottesgelehrten, die, die sich in der Kirche und der Bibel auskennen – gerade sie sind oft selbstgewiss und kalt, sie fragen nicht nach Jesus, sie brauchen ihn nicht, sie wollen sich nicht stören lassen.
Es kann sein, dass ich mich irre über Gott, und über mich selbst.
Es kann sein, dass ich selbst zu den vielen gehöre, die nicht nach Gott fragen.
Es kann sein, dass Jesus mich meint, wenn er sagt: Wie solltet ihr glauben können? Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen; nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.
Es kann sein, dass ich zu den Verlorenen gehöre, dass ich Gott verfehle und es gar nicht wissen will.
Redet Jesus darum so hart?

Was Jesus anspricht, trifft mich persönlich, seine Anfragen treffen auch uns, die Kirche. Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen.
Ich bin und wir sind auf Anerkennung aus. Ungeheuer wichtig ist uns, wie wir wirken, wie wir ankommen, wie wir uns darstellen. Wir wollen medientaugliche Events. Wir zählen die Besucher, die Klicks, die Kollekten. Der Kirchentag ist ein gutes Beispiel: hier machen sich Menschen auf die Suche nach Gott in unserer Zeit, hier wird leidenschaftlich diskutiert, gebetet und gefeiert – das ist wunderbar. Berichtet wird von den Zahlen, den Prominenten, den schrillen Auftritten. Kaum zu bemerken ist, dass wir nach Gott und dem Glauben fragen.
Worauf sind wir als Kirche aus? Worum geht es mir? Um die Anerkennung der anderen?

 Ich kenne euch und weiß, dass ihr der Liebe zu Gott keinen Raum in eurem Leben gebt.  Luther übersetzt: ihr habt Gottes Liebe nicht in euch.
Eine harte Anfrage an mich und an uns.
Ein Mensch, der sich nur für sein Wohlergehen interessiert, wird lieblos. Eine Kirche, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, wird blind für die Not und die Fragen der Menschen. „Wir haben doch die Fachleute vom Diakonischen Werk. Gehen Sie zur Beratungsstelle in Emmendingen!“
Wofür gebe ich und geben wir Raum?
Durch was lassen wir uns in unserer Ruhe stören?
Wofür mache ich mich auf den Weg?

Wie solltet ihr auch glauben können? … die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.
Jesus stört die Selbstgewissheit. Er will mich und uns aus der Ruhe bringen. Er fragt die Gottesgelehrten seiner Zeit und er fragt mich und uns, seine Kirche: „Sucht ihr nach Gott? Ist er euch wichtig? Oder meint ihr, ihr habt ihn schon; es ist alles gut?“
Nehmen wir ihn ernst!
Jesus will uns ja nicht beschimpfen, er will uns gewinnen, er will, dass wir ihm glauben und ihm folgen.
Glaube braucht die Suche nach Gott –und die kritische Frage: Worauf, auf wen verlasse ich mich? Wessen Anerkennung suche ich?

Wir sollen als Christen und als Kirche glauben, Gottes Wort verstehen und ihm folgen.
Wir sind aber Menschen. Unser Glaube ist schwach. Gott ist uns fremd. Wir wenden uns von ihm ab und folgen seinem Wort nicht.
Wir sollen beides wissen, unsere Bestimmung als Menschen, unseren Auftrag als Kirche, und andrerseits unseren Widerspruch gegen Gott, unser Unvermögen.
Wir sollen beides ernst nehmen und doch Gott suchen und ihm antworten, die Anerkennung bei dem wahren Gott suchen.
Und Jesus kommt uns entgegen. Er sucht uns und will uns retten.
Jesus will uns anstecken mit seiner Liebe zu Gott und mit seiner Liebe zu den Menschen.

Amen

Pfingsten Predigt über Joh 14,16-19+25-27

Predigt am 9.6.19 von Andreas Hansen über Joh 14,16-19.25-27

Der Heilige Geist „ist von wolkenloser Musikalität und, wenn man ihn wiegen könnte, ganz leicht und deshalb so schwierig, je leichter der Heilige Geist, desto mehr steckt in ihm, … er ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen.“ Hans-Dieter Hüsch schreibt poetisch über den Heiligen Geist. (Zitat aus: Ders., Ein gütiges Machtwort. Alle meine Predigten, Düsseldorf 2001, 37f) An Pfingsten gehen die Jünger Jesu auf die Straße, unter die Leute. Sie haben alle Furcht verloren. Jetzt verstecken sie sich nicht mehr. Laut und für alle wunderbar verständlich reden sie von Jesus. Sie sagen, dass er lebt. Mit ihrer Freude und Begeisterung stecken sie viele an. So entsteht die Kirche.
Das Schwere wird leicht. Der Geist klingt in wolkenloser Musikalität. Lassen wir uns anstecken! Hören wir auf die Worte, die Jesus seinen Jüngern vor seinem Abschied sagte, Johannes 14: Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen zum Fürsprecher geben, der für immer bei euch bleiben soll: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht erkennt; ihr erkennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. Eine Weile noch, und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. Das habe ich euch gesagt, als meine Bleibe noch bei euch war. Der Fürsprecher aber, der heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! (Joh 14,16-19.25-27 Zürcher Übersetzung)

Geht es Ihnen auch so: das Johannesevangelium muss ich immer zwei- und dreimal lesen oder hören, bis ich anfange, etwas zu verstehen? Aber dann wird jedes Wort schön und tröstlich. „… ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen zum Fürsprecher (einen Anwalt, einen Tröster) geben, der für immer bei euch bleiben soll: den Geist der Wahrheit … Der Fürsprecher, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Ich musste einmal in einem Rechtsstreit vor Gericht aussagen. Ich war so furchtbar aufgeregt, schrecklich! Und ich war heilfroh, einen guten Anwalt zu haben – er ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und führte mich sicher durch die Klippen des Verfahrens. Die Kirche hat einen mächtigen Fürsprecher. Er bleibt für immer bei ihr, bei uns. Jesus schickt uns einen, der für uns spricht, einen Anwalt, einen Tröster, der uns die Wahrheit Jesu erschließt. Die Kirche ist angegriffen. Sie sitzt auf der Anklagebank. Auch wir selbst klagen manchmal über „die Kirche“, als wären das nicht wir selbst. Wir alle, die Christen, wir sind „die Kirche“. Wenn Vertreter der Kirche sich unglaubwürdig verhalten, zB wenn es um den Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen geht, ist auch unsere Vertrauenswürdigkeit in Frage gestellt. Wenn wir hören, dass die Mitgliederzahlen immer weiter zurückgehen und bis 2060 wohl nur noch die Hälfte von heute ausmachen, sorgen wir uns um unsere Kirche. Wenn sich Leute enttäuscht abwenden, aber vor allem, wenn viele einfach gleichgültig sind und austreten, greift das auch uns an. Wollen die, die austreten wirklich, dass es irgendwann keine Kirche mehr gibt? Unsere Misere ist wohl nichts im Vergleich zu der Not der Gemeinden, an die sich das Johannes-evangelium zuerst richtet, denn die sind damals verfolgt und unter enormem Druck. Uns geht es super, verglichen mit den Christen im Iran, in China, in vielen Ländern. Und auch deren Not geht uns an. Sie betrifft die weltweite Kirche und damit auch uns. Aber Jesus sagt: „Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!“ Ruhe und Gemütlichkeit hat Jesus seiner Kirche nicht versprochen, aber den Tröster, den Anwalt, der uns beisteht und uns in seiner Wahrheit hält. Darum haben wir tatsächlich keinen Grund verzagt zu sein. Der Heilige Geist ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen. Jesus sagt: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.“ Er selbst ist eins mit dem Geist und eins mit Gott. Er wird seine Kirche nicht allein lassen. Die Kirche bei uns sieht in 30, 40 oder 50 Jahren bestimmt ganz anders aus. Vielleicht gibt es dann nur noch eine Gemeinde, eine Pfarrerin oder einen Pfarrer und ein Kirchengebäude für Kenzingen, Herbolzheim und das Bleichtal zusammen. Vielleicht wird haben wir dann auch gemeinsam mit der katholischen Gemeinde eine Kirche und einen Gottesdienst. Wer weiß? Aber es wird die Kirche Jesu Christi sein, denn er lässt seine Kirche nicht allein. Sie wird leben von seinem Wort, in seiner Wahrheit, in seiner Liebe und Gemeinschaft. Jesus sagt: „ich lebe und auch ihr werdet leben“. Die Kirche, seine Kirche wird leben, weil er lebt. Die Kirche lebt von Ostern her. Hier sehen wir immer auf Jesus am Kreuz, zu Tod gefoltert, aber wir wissen und bekennen: Jesus lebt. Auch das schrecklichste Leid hält sein Leben nicht auf. Auch im Tod gilt seine Zusage: ihr werdet leben. Der Heilige Geist entfacht den Glauben und die Liebe. Der Heilige Geist bewegt uns, Kirche Jesu Christi zu sein. Der Geist, der Tröster wirkt gegen alles, was hinunterziehen und deprimieren will. So ist eine zentrale Aufgabe der Kirche zu trösten, zu ermutigen, aufzurichten. Hören wir darum noch einmal Hans Dieter Hüsch: Der Heilige Geist „ist von wolkenloser Musikalität und, wenn man ihn wiegen könnte, ganz leicht und deshalb so schwierig, je leichter der Heilige Geist, desto mehr steckt in ihm, … er ist im Auftrage Gottes unterwegs, uns das Schwere leicht zu machen. … Es gibt ja auch Tage bei uns, wo wir ihn wirklich nicht spüren mit unserem kleinen Menschenglauben, wo wir ihn uns jedes Mal aufs Neue erfühlen müssen und glücklich sind, wenn das Schwere plötzlich in uns abfällt und der Geist hier in uns und bei uns ist und Probleme sich aus dem Staub machen und die Menschen wieder anfangen zu lächeln. Gott ist leicht, Gott ist nicht schwer, Gott ist schwierig, ist kompliziert, ist hoch differenziert, aber nicht schwer. Gott ist ein Lachen, nicht das Gelächter, Gott ist die Freude, nicht die Schadenfreude, das Vertrauen, nicht das Misstrauen, er gab uns den Sohn, um uns zu ertragen und er schickt seit Jahrtausenden den heiligen Geist in die Welt, dass wir zuversichtlich sind, dass wir uns freuen, dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut, dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken und im Namen Gottes Kinder sind in allen Teilen der Welt eins und einig sind und Fantasten des Herrn werden, von zartem Gemüt, von fassungsloser Großzügigkeit, und von leichtem Geist.“ Amen

Konfirmation 2019

Predigt am 2.6.19 von Andreas Hansen über Joh 6,66-69

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

ein knappes Jahr über habe ich euch auf eurem Weg begleitet. Das war schön für mich, zu sehen, wie ihr euch in diesen Monaten verändert habt. Rund 14 Jahre dauert euer Lebensweg bisher.

Eure Eltern und Paten erinnern sich bestimmt an die ersten Schritte, als ihr laufen lerntet, oder an die Eingewöhnung im Kindergarten oder den ersten Schultag. Aber Eltern muss man irgendwann beibringen, dass man kein Kind mehr ist. Die Kinderzeit ist vorbei. Die Konfirmation ist eine Station auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Wir beten für euch auf diesem Weg. Wir danken Gott für euch und bitten um seinen Segen für euch.

Jede und jeder von euch fragt: „Wohin geht mein Weg? Was will ich erreichen? Wie will ich leben?“ Die vielen Jugendlichen, die jeden Freitag für eine neue Klimapolitik demonstrieren, die zeigen uns: Ihr Jugendlichen fragt nicht nur nach euch selbst. Ihr wollt auch in einer gerechten Welt leben, in der wir und alle Menschen, alles Leben eine Zukunft haben.

„Wohin geht mein Weg und wohin geht für uns alle ein guter und gerechter Weg?“ – ich hoffe, ihr bleibt wach und aufmerksam und stellt Fragen  und gebt euch nicht zu schnell zufrieden.  Ich hoffe, ihr geht mit Mut und Zuversicht weiter und traut euch etwas zu, z.B. eine Aufgabe im Roten Kreuz, bei der Feuerwehr oder vielleicht lasst ihr euch irgendwann aufstellen für die Wahl zur Bundestagsabgeordneten oder zum Stadtrat, oder viele, viele andere Möglichkeiten. Ich traue euch zu, dass ihr euch für andere einsetzt und etwas bewirkt. Und ich hoffe, ihr traut euch selbst ganz viel Gutes zu.

Aber was hat das mit der Konfirmation zu tun? Unser Thema in diesem Jahr hieß: Mit Gott auf dem Weg. Wir beten für euch und segnen euch, weil wir euch dieses Vertrauen wünschen: „Gott ist bei mir und bei uns. Auf allen meinen Wegen geht Gott mit. Ob ich für das Klima demonstriere oder mich bei der Feuerwehr engagiere,   ob ich einen Beruf ergreife, einem Menschen Liebe und Treue verspreche oder Kinder erziehe, wohin auch immer mein und unser Weg geht, Gott geht mit mir und mit uns.“

Wir sind gespannt, wohin euer Weg geht, gespannt und voll guter Zuversicht für euch. In einem eurer selbst geschriebenen Glaubensbekenntnisse heißt es: „Auch wenn wir manchmal zweifeln, glauben wir doch an Gott. In seinen Händen sind wir geborgen und nicht allein. Glauben wir an Gott, sind wir stark. Sind wir stark, geht es uns gut. Geht es uns gut, sind wir glücklich.“  Das wünschen wir euch so sehr, dass ihr stark und glücklich seid und dass ihr glauben könnt.

Andere waren vor uns auf dem Weg mit Gott.  Wir schauen auf ihre Wege und lesen darüber in der Bibel. Gestern ging es um Maria Magdalena, heute um Simon. Im Johannesevangelium steht:   Von da an zogen sich viele seiner Jünger von ihm zurück und begleiteten ihn nicht mehr. Da fragte Jesus die Zwölf: »Wollt ihr etwa auch weggehen?« – »Herr, zu wem sollten wir gehen?«, antwortete Simon Petrus. »Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir glauben und haben erkannt: du bist der Heilige, den Gott gesandt hat.« (Joh 6,66-69)

Das sind starke Worte, ein klares Bekenntnis. Beeindruckend! Für Simon steht absolut fest:    „Ich gehe mit dir, Jesus.“ Darum nennt Jesus ihn Petrus, der Fels. Den wirft nichts um. Er steht wie ein Fels in der Brandung.

„Ach, Simon Petrus, wir wissen doch, auch du bist umgefallen. Als Jesus verhaftet wird, bekommst du es mit der Angst zu tun und sagst: „Ich kenne den nicht.“ Dreimal verleugnest du deinen Freund, deinen geliebten Herrn.“
Die Bibel erzählt eben keine Heldengeschichten, in denen die Starken immer stark sind und die Guten immer gut – so sind wir ja nicht.  Ganz offen heißt es hier, einige Jünger verlassen Jesus. Oder es wird in der Bibel erzählt, wie die Jünger streiten, wer von ihnen den besten Platz bekommt. Von denen, die den Auferstandenen sehen, zweifeln einige. So ist auch Simon Petrus keineswegs immer felsenfest stark und im Glauben sicher.  „Wollt ihr auch weggehen?“ fragt Jesus. Er drängt seine Jünger nicht. Er schreibt ihnen nichts vor. Aber Jesus möchte sehr, dass seine Jüngerinnen und Jünger weiter mit ihm gehen.    Er wartet auf ihre Antwort und freut sich über das, was Petrus sagt. Wir sind mit Gott auf dem Weg und mit Jesus auf dem Weg, aber da ist Freiheit. Schaut noch einmal auf unsere Tauben! Sie stehen für den Heiligen Geist. Der ist frei und der macht frei. Gott schenkt uns Glauben. Wir bitten ihn, dass wir glauben, hoffen, lieben können. Er sehnt sich danach, dass wir weiter mit ihm gehen, aber er zwingt uns nicht.    Er wartet auf unsere freie Antwort. Jesus sagt nicht: „Wenn ihr mit mir geht, dann seid ihr immer stark und glücklich.“ Sein eigener Weg ist hart. Keinem Menschen bleibt Leid erspart. Ihr wisst schon gut, wie schwer unser Leben sein kann: wenn wir traurig sind, wenn wir streiten und angegriffen oder gemobbt werden, wenn wir mit Misserfolgen fertig werden müssen, und vieles andere mehr. Jesus sagt nicht: „Geht nur mit mir, dann ist das Leben einfach.“ Aber immer wieder können wir lesen, wie Jesus den Menschen Mut gibt. Er heilt einen, der schon gar nicht mehr glauben kann, dass er je wieder laufen kann. Er spricht Menschen an, die einsam sind. Er gibt schuldig Gewordenen eine Chance. Jesus lässt die Leute spüren: Gott ist uns nah. Gott hilft uns auf. Jesus gibt den Menschen Mut und Selbstvertrauen und Zuversicht. Er hat auch zu Simon gesagt: „Komm mit mir. Du sollst mein Freund sein.“, obwohl Simon meinte: „Ich passe gar nicht zu dir. Du bist Gott so nah und ich überhaupt nicht.“ Aber jetzt ist aus dem einfachen Fischer ein eng vertrauter Freund von Jesus geworden. Aus Simon wird Petrus, der Fels. Jetzt meint Simon: „Wir bleiben bei dir, Jesus. Nur du sagst uns Worte des ewigen Lebens. Du weißt, wo es lang geht. Du weißt, was Zukunft und Leben verspricht. Du, Jesus, kennst alle Höhen und Tiefen des Lebens. Durch dich finden wir das ewige, das wahre Leben. Darum bleiben wir bei dir.“

Wohin geht euer Weg? Wir wissen es nicht, wie glücklich und leicht oder wie schwer und leidvoll er sein wird. Aber Gott geht mit euch. Ihr könnt euch auf ihn verlassen. Er ist uns in Jesus ganz nah.  Ihm könnt ihr vertrauen.

Und dann ist es, wie in dem englischen Lied, das wir gleich singen: „Lead me on, I am yours. Use my life to bless the world.“ Gott segnet euch und ihr sollt ein Segen sein für eure Mitmenschen, für unsere Welt. Amen

Konfirmationsjubiläum – Predigt über Kol 3,9-17

Predigt am 19.5.19 von Andreas Hansen über Kol 3,9-17

Vor der Predigt singen wir das Lied 56 im neuen Anhang: Ich sing dir mein Lied

Ihr habt den neuen Menschen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat. Da ist alles und in allen Christus.
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Bei meiner Konfirmation saß ich zwischen zwei Stühlen. Buchstäblich, so war es. Die Stühle für unsere Gruppe waren abgezählt, und der erste setzte sich einen Stuhl zu früh hin – schwupp, war der leere Stuhl weg. Mich traf es, zwei Stunden zwischen zwei Stühlen zu sitzen.
Das passt gut dazu, wie man sich mit 14 fühlt. Kein Kind mehr und noch nicht erwachsen, voller Fragen, zutiefst unsicher über sich selbst und wohin der Weg gehen soll. Ich hab keine Ahnung, was der Pfarrer damals sagte, aber ich möchte den Konfis und uns allen zusagen, was ich hier im Kolosserbrief höre: Ihr habt den neuen Menschen angezogen. Ganz gleich, ob ihr cool seid oder schüchtern, stark oder schwach, ihr seid okay. Ihr gehört zu Jesus Christus. Ihr seid schon „in Christus“, wie Paulus schreibt. Ich muss das nicht irgendwie selbst schaffen, ein Christ zu sein – es ist mir gegeben.  Ich bin gut genug, weil Gott mich will. Der Grund ist gelegt, und ich kann immer wieder darauf zurückkommen. Paulus oder sein Schüler schreibt den Brief, um der Gemeinde die Furcht zu nehmen. Es ist gut. Ihr habt den neuen Menschen angezogen. Ihr seid in Christus.

Wir schauen zurück auf die Vierzehnjährigen, die wir waren, und staunen, was alles geworden ist. Bestimmt gibt es auf dem Weg glückliche Zeiten, Erfolge, gute Entscheidungen, Freundschaft und Liebe. Vielleicht gab und gibt es auch Unglück, Enttäuschung und Misserfolg, leidvolle und belastende Erfahrungen. Aber weder das Eine noch das Andere, weder Glück, Erfolge und gute Taten, noch Unglück, Misserfolge oder Versagen definieren mich, beschreiben, wer ich bin, meine Identität. Evangelischer Glaube beschreibt uns von Jesus Christus her. Wir sind zu allererst Menschen, die Gott liebt und bejaht.
Und darum spricht Paulus seine Gemeinde und uns so an. Er nennt uns die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten.
Hören Sie, wie schön wir sind! Gott sieht uns an als etwas Besonderes. Wir sind seine Auserwählten. Wir gehören zu seinem heiligen Volk, das ihm so sehr am Herzen liegt. Eltern sehen ihre Kinder oder Großeltern ihre Enkel als etwas Besonderes an. So und noch viel mehr sieht Gott uns liebevoll an. Gott sieht uns an und darum sind wir schön. Wir haben ein Ansehen. Wir sind die Auserwählten Gottes, die Heiligen und Geliebten.

„So zieht nun an … herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ 
Puh! Wer soll denn das schaffen? Da hören wir Erwartungen, die uns überfordern. In den Mühen des Alltags verlieren wir so oft die Geduld und die Freundlichkeit, sind leicht beleidigt, verletzend, nachtragend. Eigentlich schreibt der Apostel an die Gemeinde damals, aber Streit, Rechthaberei, Rücksichtslosigkeit gibt´s überall, auch in der Kirche.
Aber bitte hören Sie nicht den hohen Anspruch, dem wir so oft nicht gerecht werden!    Bitte hören Sie vielmehr die Zusage, was Christus mit uns vorhat, wozu wir bestimmt sind!                     Obwohl wir ihm so wenig entsprechen,           nimmt Christus uns an. Wir  sind dazu bestimmt und begabt, dass wir wertschätzend miteinander umgehen. Wenn mir jemand zutraut, dass ich meine Sache gut mache, und das auch zeigt, das hilft enorm. „herzliches Erbarmen“ heißt: keine und keiner muss perfekt sein; ich ertrage, dass der andere meinen Erwartungen nicht entspricht; ich sage, was mich stört, ohne den anderen klein zu machen. Gott sieht uns liebevoll an und erwartet Gutes. So lernen wir, uns selbst und andere anzusehen. Wir haben die Verheißung und das Ziel, dass wir Christus ähnlich werden.

Und weil Gott so groß von uns denkt, weil wir ihm lieb sind und so ein hohes Ansehen bei ihm haben, darum lädt Paulus uns ein, die Beziehung zu Gott zu pflegen – Spiritualität kann man das nennen. Das ist eine fröhliche Sache, dass wir mit Gottes Wort umgehen, dass wir alles im Namen des Herrn tun, also im Gespräch mit Gott sind, und dass wir vor allem singen, singen, singen. „Spiritualität“ klingt für Sie vielleicht weltabgewandt oder vergeistigt und weltfremd. Das Gegenteil ist der Fall: Gottes Wort Hören, Beten, Singen hilft uns, die Welt und uns selbst wach und kritisch zu sehen. Ein spiritueller Mensch will sich informieren, was in der Welt geschieht, und wählen gehen und sich einsetzen. Wir lassen uns berühren von den Fragen, vom Leid in der Welt, und doch vertrauen wir alles Gott an. Wir sehen unsere eigenen dunklen Seiten und doch wissen wir uns von Gott angenommen. Spiritualität ist wie ein guter Humor, eine Haltung. In allem rechnen wir mit Gott. Alles sehen wir in seiner Hand. Darum hören und beten und singen und handeln wir. 
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben.“ Wer singt, betet doppelt, heißt es. Wir leihen uns die Lieder derer, die vor uns glaubten, und wir singen mit denen, die mit uns glauben. Wer für Gott singt, dankbar im Herzen, ist ganz ihm zugewandt, nah bei Gott und auch ganz nah bei sich selbst.
„Die Töne, den Klang hast du mir gegeben.“ Gottes Geist öffnet uns Herz und Mund. Dann erahnen wir singend und hörend die Schönheit, mit der Gott uns umgibt.
„Du Quelle des Lebens, du Hüter des Lebens, du Wunder des Lebens, dir sing ich mein Lied.“

Amen

Ostern Predigt über Joh 20,11-18

Predigt am 21.4.19 von Andreas Hansen über Joh 20,11-18

Lesung vor der Predigt Joh 20,1-11, die Gemeinde hat das Bild Noli me tangere von Fra Angelico vor sich, https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Angelico,_noli_me_tangere.jpg

Es ist noch finster, als Maria sich auf den Weg macht am ersten Tag der Woche, finster wie am ersten Tag der Schöpfung, bevor Gott sprach: „Es werde Licht.“ Maria findet das Grab leer und läuft zu den anderen. „Wo ist er, unser Jesus?“
Petrus und der andere Jünger rennen zum Grab, fast wie ein Wettlauf. Der andere kommt als erster dort an, aber Petrus geht zuerst in das leere Grab. Auch Maria kommt wieder.
Von dem rätselhaften anderen Jünger heißt es, er sah und glaubte, aber dann zieht er sich doch mit Petrus zurück. Bleibt er mit seinem Glauben lieber im stillen Kämmerlein? Oder ist sein Glaube nur ein kleiner Funke, der gleich wieder verglimmt?

Es ist dunkel für die Gemeinde des Evangelisten Johannes. Sie sind enttäuscht. Die römischen Behörden verfolgen sie. Die jüdische Gemeinde will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Was wird aus uns? Und wo ist Jesus? Viele ziehen sich zweifelnd und resigniert zurück.

Nicht ins Endlose wälzt sich der Strom von Gewalt und Unrecht, Leiden und Sterben. Wir bekennen und hoffen, dass Gott alle Tränen abwischen wird, dass die Liebe siegt. Aber dann fragen auch wir: Wo ist Jesus? Wir möchten gegen den Tod protestieren, aber er scheint so übermächtig.

Maria bleibt weinend am Grab stehen, als die anderen wieder fort sind. Und weiter:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria weint und sieht nichts. „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“ Für nichts anderes hat sie Augen.  Im Grab sitzen zwei Engel. Maria nimmt sie nicht wahr. Sie beeindrucken oder erschrecken sie nicht. Sie sieht nur die Tücher, die Stelle, wo Jesus gelegen hat.
Trauernde schauen auf den Platz, der leer bleibt. „Hier hat sie immer gesessen.“ „Das hat er oft getan.“ „So schön hat sie gelacht.“ „Dort waren wir gemeinsam.“ Unfassbar, dass er nicht mehr da ist. „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“
Was ist, wenn wir Jesus verlieren, wenn kein Bezug mehr zu ihm da ist, wenn uns unser Jesus, wie wir ihn geglaubt haben, fremd geworden ist? Auch so kann uns Jesus genommen werden, wenn der Glaube verblasst oder ganz erlischt.

Maria weint und erkennt selbst Jesus nicht, als er vor ihr steht. Sie dreht sich wieder zum Grab um. „Er ist weg. Hast du ihn fortgebracht? Ich will ihn wieder holen.“ Seltsam ist die Frage der Engel und die gleiche Frage Jesu: „Warum weinst du? Wen suchst du?“ Am Grab weinen wir um die, die wir verloren haben. Wir sehen zurück, auf das, was uns fehlt. Die Engel wissen schon mehr. Sie sehen das Licht Gottes, wenn für uns der Tag noch finster ist. Jesus weiß mehr. Er öffnet Maria den Blick für das Leben. „Maria!“ Sie fährt herum, erkennt ihn. Seine Stimme! Das ist er! Ihr Name in Jesu Mund! „Mein Meister! Rabbuni!“ und sie will ihn umarmen, den geliebten, so sehr vermissten Freund, aber das geht nicht. „Rühre mich nicht an! Noli me tangere! Du kannst mich nicht festhalten, Maria.“

Wir haben ja nur, was sie erzählt hat, um uns ein Bild davon zu machen. Zum Glück hat sie erzählt, Maria, die erste Zeugin des Auferstandenen, die Apostelin der Apostel! Zu Recht hat Fra Angelico ihr einen Heiligenschein gemalt. Für uns alle hat sie erzählt, dass der lebendige Jesus ihr begegnet ist. Er lebt. Jetzt erkennt sie ihn. Und doch ist er nicht wieder da, als sei nichts gewesen. Sein Leben ist nicht einfach das alte. Er ist auferstanden. Er lebt. Alles, was er gesagt hat, gilt. Sein Leben, alles, was er getan hat, ist von Gott bestätigt. Aber nun gehört er ganz zu Gott.
„Rühre mich nicht an! Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ In den Psalmen haben sie Worte dafür gefunden, die wir bis heute bekennen: Jesus lebt. Er sitzt zur Rechten Gottes. Und er ist doch auch bei uns alle Tage.

Maria sieht ihn an und meint, es ist der Gärtner. Ist das ein dummes Missverständnis oder eine tiefe Wahrheit? Sehen Sie, wie Frau Angelico entschieden hat: Eine Hacke trägt der Auferstandene über der Schulter. Üppig grünt der Garten. Paradiesisch blüht das Leben um das Grab. In der Mitte steht eine Palme, ein Lebensbaum, dort, wo das Kreuz stand. Jesus lebt. Alles Leben wird geheilt – was für eine wunderbare Hoffnung! – Gottes Liebe behält das letzte Wort, auch über unser zerbrechliches Leben und über die geschundene Schöpfung. Maria kann Jesus nicht festhalten, aber sie ist ihm begegnet. Jesus lebt. Sein Licht erfüllt sie. Sie wird vom Leben erzählen und seine Botin sein.

Und wir? Was wird aus uns, wenn unsere Tage dunkel sind, und wir unseren Glauben lieber verstecken? Was sollen wir glauben, wenn der Tod so mächtig erscheint, und wir auf die Gräber starren? „Wo ist Jesus? Wo ist unser Herr?“ fragte Maria und die anderen Jünger, fragt die Gemeinde des Johannes und fragen oft auch wir.

Gott sei Dank hat Maria davon erzählt: „Ich sah Jesus stehen und wusste nicht, dass es Jesus ist. Ich stand wie blind vor ihm. So kann es sein, dass unsere Augen blind sind, unsere Herzen verzagt, unser Glaube viel zu schwach. Aber Jesus ist mir begegnet. Er hat meinen Namen gesagt – da hab ich ihn erkannt. Und auch ihr sollt ihn erkennen.“

So erzählt es Maria den Jüngern und uns. So sollen wir es weitersagen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Nicht weglaufen – Predigt an Karfreitag 19 über Joh 19,16-30

Predigt am 19.4.19 von Andreas Hansen über Joh 19,16-30

„Ich will hier bei dir stehen. Ich sehe dein Leid. Dein Sterben macht mich hilflos, aber ich will dir nahe sein und dich nicht alleine lassen.“
Das Sterben eines geliebten Menschen sehen, Gewalt nicht aufhalten können, Sinnlosigkeit ertragen – das ist unfassbar schwer. Oft empfinde ich in der Begegnung mit Trauernden eine Scheu: Was sie bewegt, was sie verlieren, wieviel sie einander bedeuten, kann ich nur ahnen.
Unendlich schwer ist es, wenn Eltern ihr Kind verlieren, wenn ein Unfall plötzlich ein Leben beendet, wenn jemand sich selbst umbringt oder wenn gar ein Mensch durch ein Verbrechen ums Leben kommt. Immer stellt uns der Tod in Frage. Aber hart greift er uns an, wenn uns das Sterben sinnlos erscheint und wir verzweifelt nach dem Warum fragen.

Tausendfach zeigen wir den Tod in den Medien, fiktive und echte Tode – ist das ein Versuch, den Schrecken zu bannen? Sind wir, wie die Gaffer auf der Autobahn, vom Grusel fasziniert? Facebook schaffte es nicht, die vielen Kopien der Terrorvi-deos zu löschen, die in Windeseile ins Netz ge-stellt wurden. Geben wir denen keine Chance, die Gewalt verherrlichen! Wenden wir uns den Opfern zu und stehen ihnen bei, wie die Neuseeländer nach dem Massaker von Christchurch!
„Ich will hier bei dir stehen. Ich will mich neben deine Mutter und ihre Schwester stellen, neben Maria von Magdala und den Jünger, den du liebst. Warum hat er keinen Namen? Meint der Evangelist sich selbst? Oder kann ich deine Jüngerin, dein Jünger sein? Von dir geliebt, ja, aber kann ich dir folgen? Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht, lass mich bei dir und bei den Deinen sein.“

Sie sind einfach da, vier Menschen, eng mit Jesus verbunden. Sie halten es aus, die Sterbenden zu sehen, ihre Angst zu spüren, ihr Stöhnen und Schreien zu hören. Es mag der Mutter und den Freunden das Herz zerreißen, aber sie bleiben da. Es braucht Menschen, die nicht weglaufen vor dem Schrecken: Sanitäter, Ärztinnen, Polizis-tinnen, Pfleger, Seelsorger, Feuerwehrleute und viele andere. Es braucht uns als Nachbarn, Mitmenschen, Freunde, dass wir zu denen in Not gehen und bei ihnen bleiben, dass wir Angst oder auch Ekel überwinden und uns anrühren lassen vom Leid. Wir sind nötig als wache Zeitgenossen, dass wir bei denen bleiben, denen Unrecht und Gewalt geschieht.
Vier Menschen bleiben bei Jesus. Sie lassen sich nicht abhalten von denen, die ihn verspotten. Sie  überwinden die Angst vor den Soldaten, die den Verurteilten die Kleider vom Leib reißen, sie an die Balken binden oder nageln und sich die Zeit mit Würfeln  vertreiben, während sie auf den Tod der Gekreuzigten warten.
Vier Menschen lassen sich von dem Grauen und der unmenschlichen Gewalt nicht vertreiben. Sie bleiben stehen bei Jesus. Jesus spürt ihre Nähe und kann noch kurz vor seinem Tod mit ihnen fühlen und für sie da sein. Jesus stirbt, aber seine Liebe und Herzlichkeit sind ungebrochen. „Siehe, das ist dein Sohn. Siehe, das ist deine Mutter. Tröstet einander, passt auf einander auf, seid füreinander da.“ So sinnlos und grausam ist sein Sterben, aber Jesus bleibt sich treu. Er liebt die Seinen bis zum Schluss.
Versuchen wir, ihm zu folgen! Lassen wir uns nicht verhärten und abstumpfen von der Gewalt in unserer Welt! Antworten wir auf den Hass mit Menschlichkeit!

Johannes betont einen anderen Akzent als die ersten drei Evangelisten: Jesus bleibt er selbst. Er hängt am Kreuz: unter großen Schmerzen hilflos, ohnmächtig, nackt und verspottet. Und doch schaffen Pilatus und die Soldaten es nicht, ihn selbst, seine Person zu zerstören oder auch nur lächerlich zu machen. Sie würfeln um seinen Rock und tun damit nur, was die Schrift  erfüllt. Pilatus will Jesus und alle Juden mit der Inschrift über dem Gekreuzigten verspotten und er sagt damit doch die Wahrheit über Jesus. Alle Welt kann es lesen: Jesus ist der König.
Wir wissen nicht, ob Pilatus ihn für schuldig hält – ohne mit der Wimper zu zucken geht er über Leichen. Er genießt es, die Juden zu provozieren. „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Basta!“  Die Priester halten Jesus für gefährlich. Sie wollen ihn loswerden: „Seht, alle Welt läuft ihm nach. Besser einer stirbt, als das ganze Volk geht unter.“ Die Soldaten fragen nicht viel. Sie machen eben, was man ihnen befiehlt. Jesus ist das Opfer eines Justizmordes.
Johannes muss das Leid des Verurteilten nicht ausmalen. Seine Gemeinde weiß, wie es ist, verfolgt zu sein. Die judenchristliche Randgruppe wird in dieser Zeit aus den Synagogen ausgeschlossen und römischen Behörden ausgeliefert. Darum schreibt Johannes so hart über „die Juden“.
Aber der Evangelist zeigt Jesus nicht einfach als wehrloses Opfer von Unrecht und Gewalt. Er beschreibt ihn fast wie einen Sieger: „Es ist vollbracht.“ Als sei er am Ziel: „Es ist vollbracht.“ Ganz und gar hat Jesus sich hingegeben. Die Liebe ist am Ziel. Sein Leben, sein Werk,  ist nicht vernichtet. Die Mächtigen können sein Leben nicht für falsch und sinnlos erklären. Ihr Spott über Jesus kann vielmehr nur seine Wahrheit bestätigen: Er ist der von Gott gesandte König.
Am Kreuz wurden Menschen ausgelöscht. Aber jetzt ist das Kreuz ein Siegeszeichen.
Johannes schreibt, anders als die anderen: Jesus trägt sein Kreuz. Und schon sein Wort für „Tragen“ deutet an, dass es nicht das Ende ist. Ertragen, begreifen, austragen, wie eine Frau ein Kind austrägt – all das klingt an.
„Es ist vollbracht“, damit wir leben.
„Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht. Ich will bei dir sein, du, mein Herr, du Weg, du Wahrheit, du Leben. Ich will bei denen sein, die du liebst und die der Liebe mehr zutrauen als der Gewalt. Sei du bei mir, heute und immer! Amen.“

die Wahrheit des Pilatus, Predigt über Joh 18,28-19,5

Predigt am 7.4.19 von Andreas Hansen über Joh 18,28-19,5

Jubelnd wird Jesus kurz vor dem Passafest in Jerusalem empfangen: „Sohn Davids, König!“  schreit die Menge ihm entgegen. Es sind die Festpilger, die so rufen, die Leute vom Land. Sie haben ja keine Ahnung, wie gefährlich das   ist. Die Stadt ist voller Soldaten. Die Lage ist gespannt. Jeder Aufstand wird im Keim erstickt. Darum sind die Priester alarmiert, als sie die Demonstration für Jesus sehen. Sie fürchten Strafaktionen der Besatzungsmacht – ihre Sorge ist durchaus berechtigt. Jahre später werden die Römer einen Aufstand niederschlagen und den Tempel zerstören. „Alle Welt läuft Jesus nach. Darum muss er weg!“ Sie machen noch in der Nacht kurzen Prozess mit ihm. Nur schnell, bevor das Fest beginnt! Hier setzt der Predigttext aus dem Johannesevangelium ein:

 Johannes 18,28-19,5

Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?          Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Die koptische Kirche verehrt Pilatus als Märtyrer. Einer Legende nach ist er Christ geworden und darum gestorben. Eric-Emanuel Schmitt schrieb vor ein paar Jahren einen Roman über ihn. Er vermutet, Pilatus sei vielleicht der erste Christ.
Dass Johannes so feindselig über die Juden schreibt, hat zu Missverständnissen geführt. Der Evangelist schreibt in einer Zeit, als Christen verfolgt werden und die jüdische Gemeinde sich von ihnen lossagt, um sich vor der Staatsmacht zu schützen. Später aber werden Juden von Christen angeschwärzt und grausam verfolgt.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Ich glaube, Pilatus grinst die Priester hämisch an, als er sein grausames Spiel mit Jesus treibt. Er verspottet sie auch mit der Tafel über dem Gekreuzigten „König der Juden – seht, so eine Jammergestalt ist euer König!“ Pilatus hat keine Skrupel. Warum sollte er eine Fehlentscheidung fürchten? Er will Ruhe in der Stadt. Aber was dieser Störenfried sagt, und worüber sich die Priester aufregen, das ist ihm doch sowas von gleichgültig! Er spielt mit Jesus und benutzt ihn, um die Priester zu ärgern.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen! – ein bisschen Prügel, dann werdet ihr schon zufrieden sein. Nein? Na, dann soll er halt ans Kreuz.“ Er spielt ein zynisches, Menschen verachtendes Spiel.
Aber Pilatus ist auch neugierig, etwa so wie ein Kind ein Tier quält, nur um zu sehen, was es wohl macht: „Was hast du getan? Warum wollen sie deinen Tod? Bist du einer von denen, die König sein wollen?“ Er redet an Jesus vorbei. Er redet von Macht, während Jesus von Gott spricht. Pilatus kann ihn nicht verstehen. „Also bist du doch ein König?“ „Das hast du gesagt. Ich selbst sage über mich: Ich bin in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Jeder, der aus der Wahrheit Gottes kommt, hört auf mein Wort.“ „Was ist Wahrheit?“ Damit ist das Gespräch für Pilatus beendet.
Das kennen wir. Wir reden miteinander und reden aneinander vorbei. Es ist als lebten wir in verschiedenen Welten. Jeder kennt nur seine Sicht der Dinge, die er sich immer wieder bestätigen lässt, und bezichtigt den anderen der Lüge. Und tatsächlich werden falsche Nachrichten, Fakenews zu Hauf in den sogenann-ten sozialen Medien verbreitet. Jeder hört seinen Nachrichtenkanal und glaubt nur ihm. Jeder lebt in seiner Blase. So teilen wir die Welt in die, die so sind und denken wie wir, und die anderen auf der falschen Seite. So lassen wir uns zu Hass und Verachtung erziehen.
„Was ist Wahrheit?“ Die Frage hat für Pilatus keine Bedeutung. Er hat für sich entschieden, was zählt. Alles andere interessiert ihn nicht. Seine Haltung: „Dort sind deine Gegner: schade ihnen, so gut du kannst. Vertraue niemandem!“
„Bei dem, was die Bibel unter “Wahrheit“ versteht, müssen wir kräftig umlernen.“ Ich zitiere Klaus Berger, und weiter: „Denn in der gesamten Bibel ist die Wahrheit nicht etwas, mit dem man einfach Recht hat, sondern Wahrheit ist viel mehr: Sie ist die Kraft, die einem hilft zurechtzukommen, und zwar mit Leben und Tod. Wahrheit ist das, was bleibt, indem es den Tod überwindet. Das schließt ein, dass das „stimmt“, was man glaubt; aber es ist mehr, nämlich das, was immer sein wird, was am Ende siegreich über alles Vergängliche triumphiert Dessen liebevolle Zuwendung und Stellvertretung diesen Sieg vermittelt.- Wahrheit ist keine Sache, sondern Gott selbst ist die Wahrheit.“ So Berger.
Jesus legt Zeugnis ab für die Wahrheit Gottes. Jesus ist die Wahrheit – er schenkt Gottes Liebe. Er sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen – nichts steht zwischen Gott und euch.“ Wahrheit ist eine verlässliche, tragfähige Beziehung. Sie tröstet mich und hält mich im Leben und im Sterben.
„Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Pilatus sieht einen Gescheiterten, einen, der nichts mehr zu melden hat, der am Ende ist. Von der Wahrheit Jesu hat er keine Ahnung. Sie ist ihm auch gleichgültig.
Wir sind Pilatus wohl manchmal ähnlich: Hart in unserem Urteil, gleichgültig gegenüber dem Leid anderer, auf unseren Vorteil bedacht.
“Da schaut ihn euch an, den Menschen!“
Jesus lässt sich schlagen und verspotten. Er schlägt nicht zurück. Er erträgt die Erniedrigung und die Schmerzen. Er bleibt sich treu und geht seinen Weg. Der König der Wahrheit, der Mensch nach Gottes Bild.  So schildert ihn der Evangelist Johannes.
Jesus gibt sich uns.
Von Sünde lässt er sich nicht abschrecken.
Er sagt Ja, obwohl wir Nein sagen.
Er bezeugt Gottes Wahrheit. Amen