Alle Beiträge von Andreas Hansen

Pfarrer in Kenzingen seit Mai 2012, vorher als Pfarrer in Waldshut (1997-2012) und Riegel (1990-1997), verheiratet, drei erwachsene Kinder, Jahrgang 1960

Mk 2,18-22 Ich sage Ja

Predigt am 20.1.19 von Andreas Hansen über Mk 2,18-22

Sing-Gottesdienst mit dem neuen Anhang zum Gesangbuch: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder - während der werden zweimal Verse aus dem Lied 158, ich sage Ja, gesungen und danach das ganze Lied, Evangelium des Sonntags ist das Weinwunder zu Kana, Joh 2

Jesus feiert gerne. Große steinerne Krüge sind auf einmal voll Wein, viel mehr als die Gäste trinken können, viel feiner, als das Paar es sich leisten könnte.
Freude im Überfluss, wenn Jesus mit uns feiert. Hochzeit, hohe, schöne, glückliche Zeit mit ihm. Reich und verschwenderisch teilt er aus und schenkt ein Wunder, das einfach nur schön ist und zum Feiern einlädt.
Jesus setzt sich mit Menschen an einen Tisch und schenkt ihnen Gemeinschaft und Vergebung. An seinem Tisch schenkt er die Hoffnung, dass unser Leben heil wird und zu Gott führt.
Auch wenn Jesus den Himmel beschreibt, spricht er von einem großen Fest, einem Hochzeitsmahl.
Seine Gegner ärgern sich über Jesus. Sie beschimpfen ihn als Fresser und Weinsäufer. Ein Lehrer muss doch würdig, ernst und zurückhaltend sein. Die Zeiten sind hart. Viele leiden Not in Israel. Aber Jesus feiert?
Und wie kann Jesus ausgerechnet mit denen essen und feiern, die vom System der römischen Unterdrückung profitieren? „Er isst mit den Zöllnern und Sündern!“ Tatsächlich begibt sich Jesus in schlechte Gesellschaft. Er isst mit Gaunern und Huren. Er hat keine Berührungsangst. Jesus kann ohne Vorbehalte auf andere zugehen, getragen von Vertrauen. Er nimmt Menschen an – und gibt ihnen die Chance umzukehren, neu anzufangen. In der Begegnung mit Jesus erfahren Menschen, wie nahe Gott ihnen ist.  Sie erleben: Gott nimmt mich an. Wunderbar ist das, befreiend. Nun können sie neu anfangen, wie der Zöllner Zachäus, wie viele, die Jesus geheilt hat. Jesus richtet Menschen auf. Er freut sich über sie. Er feiert mit ihnen.

Lied 158,1 (Ich sage Ja)

Seine Gegner ärgern sich über die Freiheit, die Jesus sich herausnimmt. Sie streiten mit ihm. Unser Predigttext für heute steht im Markusevangelium in einer ganzen Reihe von Streitgesprächen. Ich lese die ersten Verse:

Weil die Jünger des Johannes und die Pharisäer regelmäßig fasteten, kamen einige Leute zu Jesus und sagten: »Die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten; warum fasten dann deine Jünger nicht?«
Jesus gab ihnen zur Antwort: »Können etwa bei einer Hochzeit die Gäste fasten, während der Bräutigam noch bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie doch nicht fasten!
Es kommt allerdings eine Zeit, wo ihnen der Bräutigam entrissen sein wird; dann werden sie fasten.  (Mk 2,18-20)

Fasten hat seine Zeit. Fasten heißt: Innehalten, Still sein, Verzicht auf alles, was mich ablenkt, zu Gott kommen, sich ausrichten wie ein Kompass. Jesus kannte und übte solche besonderen Zeiten, Zeiten des Gebets und des Fastens. Wir wissen heute in der evangelischen Kirche, wie gut so eine besondere Zeit sein kann – wir haben aber keine Vorschriften für bestimmte Zeiten und Weisen des Fastens. Üblich war damals das Fasten in Trauerzeiten. Fasten hat seine Zeit. So sagt Jesus. Er wird dem Leid und dem Schmerz nicht aus dem Weg gehen, wenn es soweit ist. Er wird auf alle Möglichkeiten, auf alle Freude verzichten und den Weg des Kreuzes gehen bis zum Ende. Aber jetzt ist eine andere Zeit, nicht die Zeit zum Fasten. Jetzt ist Freudenzeit, Zeit der Gnade, Tag des Heils, Zeit hochzeitlicher Freude: Gott ist nahe. „Der Bräutigam ist da“, sagt Jesus. Ausgelassenheit, Verliebtheit, Lust liegt in der Luft, ein festlicher Glanz über allem, Lachen und Gesang und Freude.
Schon im Alten Testament ist die Hochzeit ein Bild für Gottes Nähe. Juden begrüßen den Sabbat wie eine Braut, denn sie feiern Gottes Nähe.  Die Trauerzeit wird am Sabbat unterbrochen. Beichte und Klage werden verschoben. Auch nach christlichem Brauch wird das Fasten sonntags unterbrochen. Jeden Sonntag feiern wir Jesu Auferstehung, den Sieg über Tod und Leid, Ostern. Gott will unser Leben – ist das nicht ein Grund, dass wir uns freuen und feiern? Jetzt, in der Weihnachtszeit, die ja noch andauert, feiern wir, dass Gott in Jesus zu uns kommt. Er wird ein Mensch. Er nimmt unser Menschsein an. So sehr liebt Gott diese Welt und uns. „Ich sage ja zu dem, der mich erschuf.“ Ich bejahe den, der zu mir und zu allen seinen Geschöpfen ja sagt.
Dazu gehört dann auch, dass wir nein sagen zu allem, was der Schöpfung schadet. Es ist stark, dass Schülerinnen und Schüler für die Schöpfung demonstrieren. (Demonstration gegen den Klimawandel in Freiburg mit über 3500 Jugendlichen) Gott sagt ja zu unserem Leben und nein zu allem, was Leben vernichtet.

158, 1+2

Gleich nach dem Wort Jesu von dem Bräutigam, der nicht fastet, sondern feiert, hat der Evangelist Markus zwei andere Jesusworte überliefert: Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff, sonst reißt das neue Stück wieder aus, und der Riss im alten Stoff wird noch größer. Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche.   Er gärt ja noch und würde die Schläuche zum Platzen bringen, und der Wein samt den Schläuchen wäre verloren. Nein, jungen Wein füllt man in neue Schläuche (Mk 2,21+22)

Ich hänge an meinen alten Klamotten, und ich laufe am liebsten in den Schuhen, die schon ein wenig ausgelatscht sind. Wir hängen an dem, was immer schon so war, was wir gewohnt sind. Und auch in unseren Einstellungen und unserem Verhalten bewegen wir uns am liebsten in gewohnten Bahnen. Auch an schlechten Gewohnheiten halten wir fest, kaum bereit uns zu verändern. Immer wieder am gleichen Punkt geraten wir in Streit oder sind wir eingeschnappt. Immer wieder bleiben wir an den Verletzungen und Enttäuschungen unseres Lebens hängen. Wirklich neu beginnen und einem anderen wirklich eine neue Chance geben – das fällt uns unendlich schwer.
Jesus spricht viel von Umkehr. Er weiß, wie sehr wir im Alten verhaftet sind, wie unbeweglich und oft unfrei. Er weiß, wie uns Schuld lähmt. Manchen beschäftigt ein Leben lang, was ihm angetan wurde oder worin er selbst versagt hat. Die Vergangenheit kann wie ein Schatten über dem Leben liegen.
Das ist ja so schön bei den demonstrierenden Jugendlichen, dass sie sich Veränderung und Neuwerden wirklich vorstellen und zutrauen.
Jesus hilft Menschen, die versagt haben oder die verletzt sind. Er zeigt dem Zöllner Zachäus, wie rissig und fadenscheinig sein Lebensgewand ist. Jesus gibt ihm die Kraft umzukehren, neu zu beginnen, Nein zu sagen zum dem, was unrecht ist, Ja zu sagen zu seinen Mitmenschen und zu Gott.
Wir sehen uns selbst, unsere Gesellschaft, unsere Welt oft viel zu eng, eingesperrt in Zwängen, ohne die Möglichkeit etwas zu gestalten oder zu verändern. Jesus hat einen weiten unverstellten Blick. Für ihn sind Menschen nicht einfach festgelegt. Er hat Gottes Reich als Ziel. Darum kann er nicht einfach resignieren vor Unrecht und Gewalt in der Welt. Darum sieht er immer neue Möglichkeiten und treibt die Hoffnung weiter.
„Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, zu wagen Frieden und Gerechtigkeit in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.“ (Text von Lied 158,3)

Jesus lädt uns ein zu seinem Fest.
Wir nehmen Brot und Wein und wir feiern sein Ja zu uns.

Amen.

Predigt Josua 3,5-11+17

Predigt am 13.1.19 von Andreas Hansen über Jos 3,5-11.17

Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des HERRN der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Meine Familie hat mir davon erzählt, von der Flucht in den kalten Januartagen in Ostpreußen vor 74 Jahren. Man hatte noch verboten, Vorbereitungen für die Flucht zu treffen, als Königsberg schon besetzt war. Vom Sieg wurde geredet, als schon alles verloren war.
Dann musste es plötzlich ganz schnell gehen. Heimlich hatte fast jede Familie doch einen Wagen gepackt. Aber in der Hektik des Aufbruchs haben sie dann doch Unentbehrliches vergessen – eigentlich war es egal, denn das Meiste ging sowieso verloren – mit fast nichts kamen sie an.
Sie haben mir davon erzählt, aber ich kann es mir kaum vorstellen, wie es war: der Abschied, die Strapazen auf dem erzwungenen Umweg zur Küste, das Gedränge auf dem Schiff – andere Schiffe mit Tausenden Menschen liefen auf Minen oder wurden getroffen – dann in Schleswig-Holstein und später hier: ein Flüchtling sein, ein Niemand, ein Bittsteller, widerwillig aufgenommen, argwöhnisch auf Abstand gehalten.
Vielleicht ist diese Erinnerung verblasst, weil die andere so stark wirkte: der Neubeginn mit Arbeit und den ersten Anschaffungen – wie Könige fühlten sie sich in der ersten Wohnung, die sie nicht mehr mit den Großeltern teilen mussten.  An Krieg und Flucht wollten sie nicht denken. Nur im Albtraum kehrten die Erinnerungen manchmal zurück und haben manche dieser Generation im Alter noch geplagt.
Wie beginnt man neu, wenn alles, was war, zerbrochen ist?
Wie ist es für „unsere“ Flüchtlinge heute und hier?
Alle Brücken abbrechen und neu anfangen: So ähnlich erleben es Menschen, die ihre Arbeit und ihr Zuhause verlieren, oder wenn Beziehungen zerbrechen und man plötzlich alleine dasteht.
Wie geht es weiter?
Wo ist eine Hand, die mich führt, eine Brücke über den Fluss, ein Ausweg aus der Not?

Die Israeliten sehen den Jordan vor sich. Es ist eigentlich ein kleiner Fluss, aber jetzt schmilzt der Schnee auf dem Libanon. Das Wasser des Jordan ist tief und reißend schnell und tritt über die Ufer.
Sollen sie warten, so kurz vor dem Ziel? Lang sind sie durch die Wüste gegangen, immer wieder erschöpft, verzweifelt, in Not – aber immer wieder auch bewahrt, gerettet, gestärkt.
Der Prophet Jeremia meint später über diese Zeit: „Wie ein Honeymoon, wie die erste Liebe war diese Zeit in der Wüste. Voll Vertrauen seid ihr Gott gefolgt.“
Soll Josua es wagen, das Volk über den Fluss zu führen? Gott sagt: „Ich werde mit dir sein, wie ich mit Mose gewesen bin. Geh hinüber!“ Wie damals am Schilfmeer stehen sie vor dem Wasser und kommen nicht weiter. Damals drohte hinter ihnen das Heer der Ägypter mit seinen Streitwagen, modernste und weit überlegene Militärtechnik. Da wagten sie den Schritt und das Meer teilte sich und Gott schützte sie. Sie waren gerettet.

„Erinnert euch und habt Vertrauen! Wagt euch über den Fluss, ins Ungewisse, auf den Weg mit all seinen Gefahren! Ihr sollt es erfahren, wie eure Mütter und Väter! Ihr sollt vertrauen wie sie!“
Die Lebens- und Glaubenserfahrungen unserer Mütter und Väter helfen uns weiter. Wir stehen auf ihren Schultern und schöpfen aus dem, was sie erlebt haben. Josua blickt zurück auf den Weg des Mose und bekommt Mut. Wir stehen auf den Schultern derer, die vor hundert Jahren eine demokratische Ordnung nach Krieg und Kaiserreich schufen. Wir bauen auf das, was die Mütter und Väter des Grundgesetzes vor 70 Jahren formulierten. Wir blicken zurück auf die Flüchtlinge, den Fall der Mauer, die Einwanderung der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion.
Natürlich kann man vieles anführen, was meiner Familie damals nach der Flucht geholfen hat. Sie haben Glück gehabt, dass sie einander fanden, dass sie die Not überstanden und in der Zeit des Aufbaus und dann des Wirtschaftswunders eine Chance bekamen. Aber man kann auch sagen: Gott hat sie bewahrt und ihnen Glauben und Kraft gegeben sich wieder aufzurichten.

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn wir vor dem Fluss stehen, Konflikte und Gefahren vor uns – es können auch Übergänge sein, die nur uns persönlich betreffen? Wie geht Josua damals in das, was so unübersichtlich und bedrohlich ist? Die Bundeslade lässt er vorangehen. In dem kostbar verzierten Kasten, den die Priester tragen sind die Tafeln der Gebote. Gott verspricht: „Ich bin dein Gott. Ich habe dich befreit.“ Und Gott wartet auf unsere Antwort. Ein gegenseitiges Versprechen ist der Bund. Den hat Gott uns gegeben. Er ist und bleibt unser Gott, der uns befreit. Wir sind und bleiben die Seinen. Josua sagt zum Volk „Heiligt euch für Gott!“ Dann geht er den ersten Schritt: im Vertrauen auf Gott, der Mose und dem Volk geholfen hat.
Vertrauen ist zuerst passiv: Ich lasse zu, ich lasse an mir geschehen, was jetzt kommt, denn Gott ist bei mir, was auch geschieht. Vertrauen ist aber auch aktiv: Ich gehe den Weg seiner Gebote.

Es mag uns grausam und falsch erscheinen, wenn da von der Vertreibung der Völker die Rede ist und das Josuabuch auch sonst sehr kriegerisch klingt. Nehmen wir das nicht zu wörtlich. Es ist in viel späterer Zeit geschrieben. Israel wird immer wieder von benachbarten Völkern gedemütigt und bedrängt. Sieben Völker will Gott für sie vertreiben – damit sagt Gott symbolisch: „In allem, was kommt, will ich euch bewahren.“

Wie also gehen wir den nächsten Schritt, wenn das Leben chaotisch und unübersichtlich ist wie ein wirbelnder Fluss und es keine bequeme Brücke gibt?
„Heiligt euch für Gott!“ – wie soll das gehen? Besinnt euch auf euren Bund mit Gott, Gottes Bund mit euch, sein Versprechen in der Taufe, alle Tage bei euch zu sein!
Konzentriert euch wie ein Hochleistungssportler vor dem entscheidenden Lauf – alles ist vorbereitet und jetzt geht es, wie es eben geht!
Schaut auf die, die vor liefen und vor euch glaubten!
Geht im Vertrauen auf Gott!

Der Friede Gottes, höher als unser Verstehen, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Ein Stern in der Nacht – Predigt über Mt 2,1-12 6.1.19

Predigt am 6.1.19 von Andreas Hansen über Mt 2,1-12

vor der Predigt singen wir EG 23 - der Text der STrophe 4 wird zu Beginn der Predigt zitiert

Mt 2,1-12 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.  Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.
Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Ein Stern leuchtet und zeigt den Weg.
„Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht´ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“
Ein Licht kommt in die Welt und verändert uns. Wer das Licht sieht, wird hocherfreut wie die Weisen.
Sie fallen auf die Knie. Sie schenken ihm ihre Schätze. Laut Martin Luther stehen Gold, Weihrauch und Myrrhe für Glauben, Liebe und Hoffnung.
Glaube macht froh, Hoffnung macht stark und Liebe macht glücklich.
Christen sind fröhliche Leute, Kinder des Lichts.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
„Ein neuer König?“ Herodes erschrickt. „Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Ein neuer König – das ist einer zu viel. Das Kind muss weg!“
Jedes Mittel ist Herodes recht dafür, seine Macht zu erhalten. Er setzt die Führer und Sachverständigen der Religion ein – und sie lassen sich benutzen: Es kann ja nicht schaden, einen Machthaber zum Freund zu haben.   Schamlos belügt er die drei Weisen. Sie sollen seiner hinterhältigen Intrige dienen und ihm den Weg zeigen. Herodes wird auch bedenkenlos einen Massenmord an Kindern befehlen.
Was ist das für eine düstere Geschichte! So gar nicht weihnachtlich, sondern grausam. Rücksichtslos wird um die Macht gekämpft. Herodes ist einer von vielen Machthabern damals und heute. Wenn es um sein Interesse geht, lügt er, spielt er Leute aus, geht er über Leichen. Der Evangelist Matthäus beschreibt einfach unsere Welt, wie sie ist, wie wir sind. Wir sind in unseren kleinen Kreisen ebenfalls verstrickt in das Spiel um Einfluss, Erfolg, Macht und den eigenen Vorteil. Es genügt nicht, dass wir auf die Mächtigen zeigen. Oft sind die, die vorher über „Die da oben“, die Eliten schimpften, keinen Deut besser, wenn sie selbst Macht haben.
Aber da ist dieses Kindlein, der neugeborene König der Juden, wie die Drei sagen. „König der Juden“ – so wird Pilatus an sein Kreuz schreiben und wird damit nicht nur ihn verspotten, sondern alle Juden.
Da ist das Kindlein, das uns und das alle Menschen zu Kindern des Lichts machen will.    Er kommt in unsere düstere Wirklichkeit. Er wird Israel weiden. Er wird der gute Hirte sein.

Ein Stern leuchtet mitten in der Nacht.
Fast beiläufig erwähnt Matthäus den Traum der drei Weisen. Sie gehen nicht zurück zu Herodes. Sie spielen nicht mit in seinem Machtpoker. Gott weist ihnen einen neuen Weg.
Schauen Sie auf das Bild aus der Kathedrale von Autun im Burgund: Der Traum der drei Könige – vor über 800 Jahren von einem Künstler namens Gislebertus für die Kirche geschaffen.
( zB auf dieser Seite zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Autun)
Unter einer Decke schlafen die Drei. Geborgen in schützender Gemeinschaft ruhen sie aus von ihrem langen Weg. Ihre Suche hat sich gelohnt. Sie sind angekommen. Dem Stern sind sie gefolgt bis hierher. Jetzt durften sie sehen, wonach sie sich gesehnt haben. Kostbare Geschenke haben sie gebracht und sind selbst glückliche Beschenkte. Sie schlafen selig.
Sanft kommt ein Gottesbote, weckt leise nur einen von ihnen, berührt ihn mit einem Finger und zeigt auf den Stern. Ihr müsst einen anderen Weg gehen. Ihr könnt nicht gemeinsame Sache mit Herodes machen.

Ein Stern leuchtet in der Nacht.
Der Engel bleibt diskret im Hintergrund. Er gibt nur einen Wink und vertraut den Weisen, dass sie folgen werden. Es fährt kein Blitz vom Himmel, der den brutalen, machtgierigen Herodes unschädlich macht. Die Herodes-Typen unserer Zeit ersticken nicht an ihren Lügen und zerbrechen nicht unter der Gewalt, die sie anderen antun. Gott spricht nicht ein donnerndes Machtwort. Gott greift nicht durch, so sehr wir uns das manchmal wünschen.
Aber fragen wir uns: Wo sind wir? Sind wir bei denen, die dem Stern folgen, oder stecken wir selbst unter einer Decke mit einem Herodes?
Behutsam greift Gott ein: Ein Stern, ein Traum, eine zarte Berührung, ein Kind. Menschen auf der Suche, wie die Weisen: sie sollen ankommen, sie dürfen finden.
Die Weisen aus dem Osten stehen für viele Menschen auf der Suche. Sie haben noch längst keinen fertigen Glauben oder sie rechnen sich vielleicht zu einer anderen Religion. Gott öffnet ihnen einen Weg. Jesus lädt sie ein. Seine Wahrheit ist größer als die Grenzen der Konfessionen und Religionen.       Alle sollen erkennen, wie sehr Gott uns liebt. Wie die drei Weise so sollen wir alle hocherfreut Gott anbeten. Irgendwann, so glaube ich, werden wir alle gemeinsam diese Freude erleben.
Die Weisen schenken ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihre Liebe, und sie sind selbst reich und glücklich beschenkt. Sie freuen sich, Gott zu begegnen. Sie erkennen ihn in dem Kind, im Stern, in der Berührung im Traum.
Wir erschrecken vor Herodes, dem Grausamen und Machtgierigen. Wir erschrecken vor Gewalt, Intrige, Bosheit in unserer Welt. Aber wir dürfen wie die Weisen ruhig schlafen und aufatmen: Gott zeigt uns den Weg und er schenkt uns genug Glauben und Hoffnung und Liebe, damit wir ankommen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Gottes Gnade ist erschienen – Predigt zum Christfest über Tit 2,11

Predigt am 25.12.18 von Andreas Hansen über Tit 2,11

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herren Jesus Christus. Amen

Vom Kind in der Krippe und den Engeln bei den Hirten haben wir gehört. Das Weihnachtsevangelium des Lukas ist uns vertraut und lieb. Vielleicht haben Sie bei der Lesung Melodien von Bach im Ohr oder mehr oder weniger berühmte Krippendarstellungen vor Augen.
Eben hörten wir, wie Johannes wunderschön und rätselhaft schreibt. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. (Joh 1,14) Gott wird Mensch. Wir haben Christus als wahren Gott und wahren Menschen gepriesen.
Beide, Lukas und Johannes, beschreiben, dass Gott in Jesus in die Welt kommt.
Hören wir eine dritte Version: Paulus schreibt an Titus, seinen Freund auf der Insel Kreta. Eigentlich ist es ein Späterer, der unter dem Namen von Paulus schreibt, aber wir nennen ihn jetzt einfach Paulus.
Er beschreibt Weihnachten in vier Worten:
Gottes Gnade ist erschienen. (Tit 2,11)
So verhält sich Gott zu uns.
An Weihnachten zeigt Gott, wie er zu uns steht. In Jesus Christus ist ein für alle Mal geklärt, wie Gott zu uns und zu allen Menschen steht. Über uns und unser Leben ist entschieden, zum Guten entschieden.  Gott hat ja zu uns gesagt.
Gottes Gnade ist erschienen.
Die Gnade Gottes ist ein Mensch.
Sie hat Hand und Fuß, ein Gesicht, eine Stimme. Noch sind es winzige Händchen und Füßchen. Wie ein Kind uns fröhlich anlacht, so liebevoll sieht Gott uns an. Wie ein Kind mit offenen Armen auf uns zukommt, so will Gott von uns angenommen werden. „Lass mich doch deine Krippe sein“, singt Paul Gerhardt, „dass ich dich stets in, bei und an mir trage.“ (EG 37,4)

„Du, Paulus, das liebe kleine Kind, das mir seine Händchen entgegenstreckt, kann ich mir besser vorstellen, als deinen Satz von der Gnade. So ein Kindchen nehme ich gern mal auf den Arm und trage es. Das höre ich gern, dass Gott so lieb ist. Warum sagst du Gnade? Das klingt nicht schön.
Um Gnade muss man bitten. Gnade wird von oben herab gewährt oder verweigert. Und warum sagst du erscheinen und nicht einfach kommen?“
Paulus antwortet: „Gott kommt nicht mal eben vorbei wie der Nachbar von nebenan. Gott ist anders. Kein Mensch kann Gott sehen. Mit unserem Verstehen erreichen wir ihn nicht. Unser Abstand zu Gott ist unendlich. Wir können nur viel zu klein von Gott denken. Und doch zeigt sich Gott. Darum sage ich „erscheinen“: das Geheimnis bleibt, dass Gott viel größer ist als unser Verstehen, und doch zeigt er sich uns in Jesus. Gott will bei uns sein. Wenn uns jemand fragt: Wie ist Gott? erzählen wir, was Jesus gesagt und getan hat.“
„Aber warum „Gnade“, Paulus? Sollen die Leute sich klein und schlecht fühlen vor Gott?“
„Ganz im Gegenteil: Wir werden durch Gottes Gnade nicht klein gemacht, sondern groß.
Jesus richtet Menschen auf. „Steh auf!“, sagt er zum Gelähmten, „Ich will dein Gast sein.“, sagt er zu dem von allen Verachteten. „Ich verurteile dich nicht“, zu der Frau, über deren Lebenswandel sich alle empören.
Die Gnade hat Hand und Fuß, ein Gesicht und eine Stimme. Ihre Hände haben Kraft zu helfen und zu heilen. Ihre Füße sind auf dem Weg zu denen am Rand. Ihre Augen sehen, wie es um Menschen steht. Ihre Worte stärken und geben Vertrauen.
Die Gnade macht uns groß.Sie erhebt uns zu Freiheit und Würde.“

Gottes Gnade ist erschienen.
Aber sie trifft auf unsere gnadenlose Welt. Wir sagen Nein zu denen, die uns nicht in den Kram passen. Ein Stichwort genügt und schon wissen wir: „So einer ist das. Mit dem will ich nichts zu tun haben.“ Wir verschwenden keine Zeit für Leute, die uns nichts bringen. Wir sagen: „Man bekommt nichts geschenkt“, und handeln meist auch entsprechend. Wir bestehen auf unserem guten Recht. Wir überziehen die, gegen die wir sind, mit übler Nachrede.
Ich sage „wir“, und tue hoffentlich vielen von Ihnen Unrecht. Ich erlebe bei mir, dass ich oft Nein zu anderen sage und dem Ja Gottes widerspreche. Gnadenlos, unversöhnlich, verletzend sind viele persönlichen Verhältnisse.
Gnadenlos geht es in der Welt zu. Ohne Rücksicht auf Verluste werden Interessen verfolgt. Diktatoren wie Assad verwüsten ihr Land um ihre Macht zu erhalten. Kriege und Konflikte gehen immer weiter und fordern zahllose Opfer, weil sie aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen gewollt werden, z.B. der Krieg zwischen Russland der Ukraine oder auch der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

 Gottes Gnade ist erschienen.
Gottes Gnade widerspricht uns und der Welt, wenn wir keine Gnade kennen.
Gott sagt Ja, wenn wir Nein sagen.
Gott will Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit.
Er setzt sich dem Hass, der Gewalt und dem Unrecht aus.
Die Gnade hat Hände und Füße, ein Gesicht und eine Stimme. Ihre Worte werden zum Ärgernis, ihr Gesicht wird geschlagen und angespuckt, ihre Hände ans Kreuz genagelt.
Über die Gnade lachen die Mächtigen, aber sie haben sich verrechnet.
Gott überlässt die Welt nicht ihrer Gnadenlosigkeit.

Gottes Gnade ist erschienen. Und weiter schreibt Paulus. Sie bringt allen Menschen die Rettung. Sie erzieht uns, dass wir uns abwenden von Gottlosigkeit und maßloser Gier, dass wir besonnen und gerecht leben und Gott achten.
Und sie erfüllt uns mit glücklicher Hoffnung: Die Herrlichkeit des großen Gottes wird erscheinen und unser Retter Jesus Christus.
Weihnachten ist ein Fest des Anfangs.
Die Gnade bleibt nicht ohne Folgen. Sie wirkt. Sie nimmt uns an die Hand wie ein Kind. Wir werden erzogen. Glücklich sind die Kinder, denen die Eltern nicht einfach alles durchgehen lassen.
Und wir werden mit Hoffnung erfüllt. Wir warten sehnsüchtig darauf, dass Gottes Herrlichkeit erscheint, dass klar und offenbar wird, was jetzt noch im Dunkel liegt und was uns plagt.
Wir warten sehnsüchtig darauf, dass alle alle, die Gnade Gottes erkennen und der Friede Christi uns alle vereint.

Das wird ein Fest!

Amen

Uns ist ein Kind geboren – Predigt in der Christvesper über Jes 9,1-6

Predigt am 24.12.18 von Andreas Hansen über Jes 9,1-6

Vor der Predigt singen wir EG 37,1-3 Ich steh an deiner Krippen hier, nach der Predigt EG 37,4+9

Ich stehe an deiner Krippe und erkenne durch dich mein Leben.
Du legst dich mir in den Arm und ans Herz.
Ist es wahr? Kann es sein? Frieden auf Erden?
Frieden für die Welt, für mich?
Ich suche deinen Frieden und lese:

(Jesaja 9,1-6) Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Ich stehe an deiner Krippe. Ein Kind ist uns geboren. Du bist mir geboren, für mich da. Ich habe dich bei mir, Kind von Gott. Schon immer bist du da.

Ein Kind ist uns geboren. Gott hilft uns.
Israel singt ein Danklied. Der Kriegslärm ist verstummt. Der Gestank der Angst ist vergangen.
Jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt.
Unterdrückung – schwer wie ein Joch, hart wie ein Schlagstock – das ist vorbei. Ein großes Licht geht auf, wie ein neuer Schöpfungstag nach düsterem Chaos.
Ein Kind ist uns geboren. Wie die Völker jubeln über die Geburt eines Thronfolgers, so besingt Israel eine neue Zeit in Frieden und Gerechtigkeit. Sie jubeln über Gott: Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Ein Kind ist uns geboren?
Wir sind gar nicht bereit für das Fest. Wir haben anderes auf dem Herzen und im Sinn als Weihnachten. Das können wir nicht einfach hinter uns lassen und das wird uns sowieso in wenigen Tagen wieder einholen: unser Alltag  mit seinen Herausforderungen, was wir uns vornehmen, was auf uns einstürmt, Erfolg und Enttäuschung, Krankheit, Abschied, Fragen. Auch bedrängen uns die verwirrenden, ungelösten Konflikte der Welt: Kriege in Syrien, im Jemen, in der Ukraine, Unfreiheit in immer mehr Ländern, der Klimawandel, Terrorismus, immer mehr Länder spalten sich in unversöhnliche Lager. Wohin führt das? Das alles macht uns müde und mutlos – und spricht es nicht gegen Weihnachten?

Ein Kind ist uns geboren!
In unsere Welt, so wie sie ist, kommt Gott. In unser Leben, so wenig bereit, wie wir sind, kommt Gott. Gott stellt sich auf uns ein. Er kommt in unser Leben. Er gibt uns ein Licht, das das Dunkel durchdringt. Ein Kind wird uns in die Arme und ans Herz gelegt. Es will mit uns leben. Es braucht uns. Es weckt das Beste in uns und beschenkt uns mit Liebe und Hoffnung. Es braucht unsere Hände, unsere Arme und unser Herz. Wir handeln, als sei Rettung möglich. Wir widerstehen der Mutlosigkeit.
Ein Kind ist uns geboren. Jesus vertraut sich uns an in den Menschen, die für uns da sind, und in denen, für die wir uns engagieren. Jesus fordert uns heraus und weckt unsere Hoffnung.

Ein Kind wird geboren in Bethlehem. Ein Kind armer Leute, die von der Besatzungsmacht Rom herumgestoßen werden. Seine Geburt findet in einer Notunterkunft statt. Sein erstes Bett ist eine Futterkrippe. Was für ein Gegensatz zur Geburt eines königlichen Thronfolgers!
Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, Namen eines Herrschers, dem Gott selbst Macht verleiht.
  Ein Kind ist uns geboren, königliches Kind in einer Krippe, und dann Gottes Sohn am Kreuz. Größer könnte der Gegensatz nicht sein. Gott selbst erträgt den denkbar härtesten Widerspruch. Er lässt sich ablehnen, verspotten und zum Opfer machen. Er geht durch das tiefste Dunkel. Gott lässt sich ein auf die Welt, so wie sie ist. So ist er Licht für die in der Finsternis.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Wege durch Dunkel und Not bekommen eine Richtung und ein Ziel. So wie der Schöpfer das Licht aus der Finsternis rief und dem Chaos abgerungen hat, so durchleuchtet das rettende Licht von Gott, sein Frieden, die Nächte von Krieg und Tod. Wie das Licht einer neuen Schöpfung, so ist Jesus. Neues beginnt. Es bleibt nicht dunkel.

Ein Kind ist uns geboren.
Dein Licht leuchtet auf.
Ich stehe an deiner Krippe und bringe dir, was in unserer Welt ungelöst, leidvoll beängstigend ist,  was mich bedrängt und womit ich selbst nicht fertig werde. Für uns, für mich bist du geboren. Vor dem Dunkel schreckst du nicht zurück.
Ist es wahr? Kann es sein? Frieden auf Erden? Frieden für die Welt, für mich?
Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen, und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Ewigkeitssonntag Predigt über Jesaja 65,17-25

Predigt am 25.11.18 von Andreas Hansen über Jes 65,17-25

Jesaja 65,17-25:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des Herrn, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der Herr.

„Das kann nicht sein!“ denkt sie. Sie kann kaum hören, was die Ärztin zu ihrer Diagnose erklärt. Innerlich schreit sie: „Mach, dass das nicht wahr ist!“    Wochen braucht sie, bis sie sagen kann: „Das bin ich, die diese Krankheit hat. Gib mir Kraft für diesen Weg!“
Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Gott hört. Wir beten und mit uns geschieht etwas. Gott antwortet, aber wir merken es erst später.
Unser Leben ist nicht einfach so in die Welt geworfen. Es ist bedeutungsvoll und kostbar. Trotz allem, was wir nicht verstehen: Unser   Leben ist von Gott gewollt und bejaht.

Fünfzig Jahren nach Krieg und Verbannung sind die Israeliten in ihre Heimat zurückgekehrt. Ein armseliger, enttäuschender Neuanfang ist das. Das Land ist verwüstet. Jerusalem und der Tempel liegen in Trümmern. So haben sie sich das nicht vorgestellt, als sie noch in der Fremde waren und sich nach Hause sehnten. Gott sagt: Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.
Kann aus diesem Trümmerhaufen jemals wieder etwas werden? Werden wir uns je wieder freuen können? Noch sehen wir nur, was früher war und was wir vermissen. Wird es irgendwann so sein, wie du sagst, dass man des Vorigen nicht mehr gedenken und es nicht mehr zu Herzen nehmen wird? Kann es sein, dass man nicht mehr die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens hören wird?
Noch drückt uns böser Tage schwere Last. Noch bedrängt uns die Erfahrung des Abschieds. Unsere Trauer braucht Zeit. Eine Kleinigkeit genügt und der Schmerz ist wieder da. Was uns verbunden hat, der geliebte Mensch, bleibt ein Teil von uns. Der Schmerz gehört zu uns. Wird er in den Hintergrund rücken, vergessen sein?

Die hebräische Sprache hat ein Verb, das nur mit Gott als Subjekt verwendet wird: erschaffen, bara. Nur Gott kann Neues erschaffen und einen neuen Anfang geben. Wenn der Schöpfer spricht, weicht das Chaos zurück. Gott kennt den Grund von allem, was ist, das Geheimnis der Welt.
Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, … freuet euch über das, was ich schaffe.
Mitten in den Ruinen verheißt Gott das Neue. ER  widerspricht der Gewalt und dem Leid und dem Tod. Gott erschafft, was wir uns noch gar nicht vorstellen können.
Wir denken traurig an die, die wir verloren haben. Aber wir leben von Ostern her. Das Leben bekommt eine neue Dimension. 
Jesus sagt: „Ich lebe, ihr sollt auch leben.“ Der Tod behält nicht das letzte Wort.
Ein neuer Himmel und eine neue Erde?
Gott stellt unser kleines Leben in den großen Kreis der Schöpfung. Ich bin und wir sind von Gott gewollt.   Jede und jeder hat Anteil am Sinn und am Ziel der ganzen Schöpfung. Der Kosmos, Himmel und Erde und das Leben jedes einzelnen Menschen sind von der gleichen Liebe Gottes getragen.
Gott freut sich über seine Schöpfung. Gott freut sich über uns. Darum macht er das Leid vergessen. Darum segnet er und schafft neu.

Wir möchten sagen: Jesaja, sieh doch, was auf der Welt geschieht! Menschen, die jeden Halt verloren haben. Junge Menschen, die unheilbar krank sind. Kinder, die so viel Schlimmes erfahren haben, dass sie niemandem vertrauen können. Tausende Frauen, deren Partner sie schlagen. Über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Iran und Saudi Arabien heizen den Krieg im Jemen an – Millionen hungern und leiden, und die Welt wendet sich ab. Es ist unfassbar, was Menschen leiden und was Menschen einander antun.
Gott will das nicht. ER steht auf der Seite des Lebens. ER wird dem Leid ein Ende setzen.  Jedes Leben soll sich entfalten, jeder Mensch soll alt und lebenssatt sterben.
Sie werden Häuser bauen und darin wohnen und Weinberge pflanzen und deren Früchte essen.  Sie werden nicht bauen, damit ein anderer wohnt, sie werden nicht pflanzen, damit ein anderer isst.
Die große Hoffnung in kleiner Münze: Das Leben funktioniert. Sie wohnen sicher. Sie haben ihr Auskommen. Die Arbeit ist nicht vergeblich, nicht umsonst.
Für viele Menschen wäre das schon traumhaft schön. Viele werden es nie erreichen, weil der Frieden in weiter Ferne ist, die Konflikte und die Not dagegen übermächtig nah.
Und doch: Es ist kein Traum. Gott will Frieden.  ER wird neu erschaffen, was wir kaum zu hoffen wagen. Jedes Leben soll sein Ziel erreichen. Die ganze Schöpfung soll Frieden haben.

Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Es ist ein mühsamer Weg für sie. Die Krankheit nimmt ihr mehr und mehr von ihrem Leben. Oft kann sie nicht mehr beten. Doch die Antwort: „Du bist bei mir. Ich falle. Du bleibst bei mir.“

Es sind mühsame, kraftzehrende Wege:
Reden, wo Streit und Verletzungen sind.
Anknüpfen, wo alles zerrissen ist.
Aufbauen, wo Ruinen stehen.
Heilen und trösten.
Wir müssen uns wehren gegen den Hass und die Gewalt. Wir sollen uns nicht gleichgültig abwenden vom Leid unserer Mitmenschen. Wir dürfen nicht resignieren.
Gott verspricht: Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wir bauen und pflanzen.
Die Arbeit ist nicht umsonst.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Perspektivenwechsel, Predigt zu Röm 7,14-25a

Predigt am 28.10.18 von Andreas Hansen über Röm7,14-25a

Vor der Predigt singen wir EG 341, 1-3, zwischendrinn und nach der Predigt weitere Strophen des Liedes

EG 341,1. Nun freut euch, lieben Christen gmein, Und laßt uns fröhlich springen, Daß wir getrost und all in ein Mit Lust und Liebe singen, Was Gott an uns gewendet hat Und seine süße Wundertat Gar teur hat ers erworben.

2. Dem Teufel ich gefangen lag, Im Tod war ich verloren, Mein Sünd mich quälet Nacht und Tag, Darin ich war geboren; Ich fiel auch immer tiefer drein, Es war kein Guts am Leben mein, Die Sünd hat mich besessen.

3. Mein guten Werk, die galten nicht, Es war mit ihn verdorben, Der frei Will hasset Gotts Gericht, er war zum Gut erstorben. Die Angst mich zu verzweifeln treib, Daß nichts denn Sterben bei mir bleib, Zur Höllen mußt ich sinken.

Freut euch! Lasst uns springen und tanzen! Lasst uns singen von dem, was Gott an uns gewendet hat! Aber dann erzählt Luthers Lied so drastisch von Teufel, Sünde und Hölle, dass ich stocke. Ist das nicht finsteres Mittelalter? Mensch, Martin, wer glaubt das heute noch?
Wir reden heute nicht vom Teufel, und doch sind verteufelt böse Mächte in der Welt, nicht wahr?
Die Hölle passt nicht zu unserer Weltsicht, aber die Angst vor dem Verderben treibt viele um.
„Ich fiel auch immer tiefer drein – die Sünd hat mich besessen.“ Wie auf einer steilen schiefen Ebene rutscht der Mensch weg von Gott. Das Böse in der Welt, das Verderben und auch die Angst ist leider nicht finsteres Mittelalter. Wir erfahren es um uns und in uns. Wir sind darin verstrickt. Und es ist ein Widerspruch gegen Gott. Wir haben immer nur uns selbst im Blick.
Paulus spürt diesen Widerspruch gegen Gott. Auch er spricht davon, dass die Sünde ihn zur Verzweiflung treibt, und auch er kann fröhlich über Gott jubeln: Gott sei Dank, der uns durch Jesus gerettet hat. Hören wir, wie Paulus schreibt: Das Gesetz ist durch Gottes Geist gegeben worden,  das wissen wir. Ich aber bin meiner eigenen Natur ausgeliefert; ich bin an die Sünde verkauft und ihr unterworfen. 
Ich verstehe selbst nicht, warum ich so handle, wie ich handle. Denn ich tue nicht das, was ich tun will; im Gegenteil, ich tue das, was ich verabscheue.
Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann gebe ich damit dem Gesetz recht und heiße es gut. Und das bedeutet: Der, der handelt, bin nicht mehr ich, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich weiß ja, dass in mir, das heißt in meiner eigenen Natur, nichts Gutes wohnt. Obwohl es mir nicht am Wollen fehlt, bringe ich es nicht zustande, das Richtige zu tun. Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will. Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann handle nicht mehr ich selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich inner-lich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt.
Ich unglückseliger Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wird mich denn niemand aus diesem elenden Zustand befreien? Doch! Und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. 
Röm 7,14-25 (Neue Genfer Übersetzung)

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“
Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Lachen. Dass wir Gutes wollen und Böses tun.
Eigentlich sind die sozialen Medien super, nur leider verbreiten sie weltweit Unwahrheiten und stacheln zum Hass auf.
Eigentlich ist es toll, wenn unsere Wirtschaft wächst, nur nehmen wir damit so viel Unrecht und Schaden in Kauf.
Eigentlich wollen wir Frieden, aber wir verkaufen Waffen in Krisengebiete und an Unrechtsstaaten.
Eigentlich liebe ich die Menschen, die mir nahe stehen – und doch handele ich manchmal rücksichtslos und verletzend gegen sie.
Nicht einzelne Verfehlungen beschreibt Paulus. Was wir immer und immer wieder tun, was in uns wirkt und uns zutiefst treibt, das meint er mit Sünde.  Er schließt sich selbst und uns ein, wenn er sagt: die Sünde, der Widerspruch gegen Gott, ist geradezu ein Gesetz in uns, eine Macht die uns beherrscht: die Gier immer mehr zu haben, der Egoismus, die Angst zu kurz zu kommen und in allem ein tiefer Unglaube:
Wir wollen unser Leben selbst begründen.
Wir wollen Gott gar nicht in unserem Leben.
Und wir wollen uns gar nicht ändern, nicht das Gute tun, das wir doch erkennen.
Sünde ist nicht die Praline zu viel oder der lüsterne Blick auf nackte Haut.
Sünde ist der Riss zwischen uns und Gott. Paulus starrt auf sich selbst und ist wie gelähmt. „Ich komme nicht los von mir, von der Angst mich selbst zu verfehlen, von der Gier nach Erfolg und Anerkennung.“ Das gute Gesetz, die Gebote, die zum Leben führen sollen, ziehen ihn nur immer weiter herunter. Hilflos starrt er auf sich. Er spürt, wie es ihn von Gott weg treibt, wie gott-los er ist. „Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen.“ Er verzweifelt, wenn er sich ansieht.

Singen wir weiter mit dem Lutherlied.
EG 341,4. Da jammert Gott in Ewigkeit Mein Elend übermaßen, Er dacht an sein Barmherzigkeit, Er wollt mir helfen lassen. Er wandt zu mir das Vaterherz, Es war bei ihm fürwahr kein Scherz, Er ließ sein Bestes kosten.

5. Er sprach zu seinem lieben Sohn: Die Zeit ist hie zurbarmen, Fahr hin, meins Herzens werte Kron, Und sei das Heil der Armen Und hilf ihm aus der Sünden Not, Erwürg für ihn den bittern Tod Und laß ihn mit dir leben.

6. Der Sohn dem Vater ghorsam ward, Er kam zu mir auf Erden Von einer Jungfrau rein und zart, Er sollt mein Bruder werden. Gar heimlich führt er sein Gewalt, Er ging in meiner armen Gstalt, Den Teufel wollt er fangen.

Eine neue Perspektive: „Da jammert Gott mein Elend“. Nicht mehr der Mensch starrt verzweifelt auf sein Unvermögen. Jetzt sieht Gott ihn an, Gott sei Dank. Gott wendet sich uns zu. „Er wandt zu mir das Vaterherz“ Gott sieht uns an wie ein lieber Vater sein Kind. Gott sieht uns, wie wir eigentlich sind im Blick seiner Liebe.
Gott sieht auch unsere Sünde, den Riss. Er sieht gestörte Beziehungen, verfehltes Leben, verlorenen Glauben, beschädigte Liebe. Aber er nimmt es nicht hin, dass wir von ihm weg treiben, dass wir gefangen sind in der Sünde.
Gott kommt selbst zu uns in Jesus Christus. Er selbst setzt sich dem Bösen, der Gewalt, dem Unrecht aus. So überwindet er die Macht der Sünde. So heilt er den Riss zwischen uns und Gott.
Wir schauen auf Jesus. Wir halten uns fest an ihm.
„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“
Eigentlich will ich keinen Streit, aber dann fällt ein Stichwort und alles Böse, was ich erlitten und auch selbst getan habe, ist wieder da. Jesus hilf!
Eigentlich weiß ich, dass mein Energieverbrauch zu groß ist, aber was soll´s, das machen doch alle. Jesus hilf!
Das Böse, das Unrecht ist noch in der Welt. Wir leiden daran und wir sind verstrickt darin. Wie Paulus möchten wir schier verzweifeln, wenn wir uns ansehen, wenn wir die Welt ansehen.
Wir brauchen die neue Sicht, die neue Perspektive, die Jesus uns schenkt. Wir gehören zu ihm. Amen

EG 341,7. Er sprach zu mir: Halt dich an mich, Es soll dir jetzt gelingen; Ich geb mich selber ganz für dich, Da will ich für dich ringen; Denn ich bin dein und du bist mein, Und wo ich bleib, da sollst du sein, Uns soll der Feind nicht scheiden.

8. Vergießen wird er mir mein Blut, Dazu mein Leben rauben, Das leid ich alles dir zu gut, Das halt mit festem Glauben, Den Tod verschlingt das Leben mein, Mein Unschuld trägt die Sünde dein, Da bist Du selig worden.

9. Gen Himmel zu dem Vater mein Fahr ich von diesem Leben, Da will ich sein der Meister dein, Den Geist will ich dir geben, Der dich in Trübnis trösten soll Und lernen mich erkennen wohl Und in der Wahrheit leiten.

Gerne geben – Predigt zum Erntedankfest Mk12,41-44

Predigt am 7.10.18 von Andreas Hansen über Mk12,41-44

Die Predigt folgt nach einem Spiel und Lied der Kindergartenkinder

„Wenn jeder etwas abgibt vom dem, was er hat, dann werden alle Menschen auf Erden satt.“ Euer Lied ist gut. Wir haben so viel! Das ist schön. Darüber freuen wir uns. Dafür danken wir Gott.
Aber wir wissen auch: Viele Menschen werden nicht satt. Viel Essen wird in unserem Land weggeworfen, obwohl es gut ist – im Schnitt 55 kg pro Person und Jahr werfen wir weg. Viele Menschen wollen alles für sich haben und nichts abgeben – geizig sind sie.
Abgeben, teilen, anderen etwas schenken – das ist so schön und wichtig, und wir sollen es lernen. Ich lese aus der Bibel vor: Mk 12,41-44 (NGÜ)

Jesus setzte sich in die Nähe des Opferkastens und sah zu, wie die Leute Geld hineinwarfen. Viele Reiche gaben große Summen. Doch dann kam eine arme Witwe und warf zwei kleine Kupfermünzen hinein.
Da rief Jesus seine Jünger zu sich und sagte: »Ich versichere euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten gelegt als alle anderen. Sie alle haben von ihrem Überfluss gegeben; diese Frau aber, so arm sie ist, hat alles gegeben, was sie besaß – alles, was sie zum Leben nötig hatte.«

Am Eingang des Tempelhofes steht der Kasten für die Gaben. Hier spenden die Leute für den Tempel – das ist wie unsere Kirchensteuer. Der reiche Kaufmann gibt stolz 200 Denare. Der Priester sagt den Betrag laut. Jeder kann es hören. Und noch ein vornehmer Mann spendet sogar drei Goldstücke. So viel Geld – die Leute staunen.
Dann kommt Rebekka. Sie ist arm. Seit ihr Mann gestorben ist, hat sie fast nichts mehr. Auch sie spendet etwas. Einen winzig kleinen Betrag nennt der Priester. Aber Rebekka lächelt und geht in den Tempel.
Die Jünger sagen: „Was willst du hier, Jesus? Das ist doch langweilig zu sehen und zu hören, was die Leute geben.“
„Meint ihr? Ich find´s interessant. Schaut diese Witwe an, wie gerne sie gibt! Zwei Pfennige nur, aber für sie ist das viel.“
„Zu viel“ sagt Thomas. „Mehr hat sie bestimmt nicht für diesen Tag. Das ist doch unvernünftig, alles zu geben.“
„Unvernünftig? Das kann sein. Aber es ist schön.“
Rebekka hat die Diskussion nicht mitbekommen. Sie ist gern im Tempel. „Hier bin ich Gott nahe. Wie gut, dass es diesen Ort gibt. Dafür gebe ich gerne. Ich gehöre dazu. Es ist auch mein Tempel.“
Es ist schön, wenn Menschen schenken. Beschenkt werden und Schenken – beides gehört zu unserem Leben. Ich bin auf andere angewiesen, als kleines Baby und als alter Mensch, wenn ich krank bin, wenn ich Hilfe brauche. Ich bin auch darauf angewiesen, dass andere mir Liebe und Freundschaft schenken. Aber ich will auch selbst etwas geben. Es ist ein Ausdruck von Würde, wenn ich etwas schenken und geben kann. Großzügig geben zu können ist schön.
Menschen, die sich nichts schenken lassen, die immer gleich etwas zurückgeben müssen, die sind arm dran. Aber noch armseliger sind die Geizigen, die nichts abgeben und immer nur mehr haben wollen.
Jesus sieht Rebekka und freut sich über sie. Die Witwe gibt umgerechnet etwa 4 € – mehr hat sie nicht an diesem Tag. Sie ist glücklich, weil sie etwas geben kann. Sie gibt ohne Berechnung, vielleicht unvernünftig, aber glücklich und schön.
Schön sind Menschen, die sich einsetzen:
Eltern, die alles für ihre Kinder tun.
Kinder, die ihre alten Eltern versorgen.
Ehrenamtliche, die großzügig Zeit und Mühe schenken. Spender, die unterstützen, wo Not ist.
Menschen, die andere ertragen und sich auch den Schwierigen zuwenden. Alle, die ihre tägliche Arbeit mit ganzem Herzen tun.
Schön sind Menschen, die nicht berechnend, sondern gerne geben, was sie haben.
Wir schauen den Erntedankaltar an. So viel Gutes haben wir – und noch viel mehr, als wir hier sehen.
Wir haben, was wir brauchen. Hungern muss in unserem Land keiner. Wir sind frei. Wir dürfen unsere Meinung sagen und schreiben. Wir dürfen wählen. Wir haben einen funktionierenden Staat, eine Demokratie, einen Rechtsstaat.
Das alles ist für uns selbstverständlich – und für viele Menschen in der Welt in weiter Ferne.
Wir reden viel über Missstände, aber wir jammern auf sehr hohem Niveau. Sehr viel Gutes ist für uns sicher und selbstverständlich. Und das bleibt so, weil viele sich einsetzen.
Es ist stark, was alles durch unsere Steuern funktioniert.
Es verdient hohe Anerkennung, was Lehrerinnen, Politikerinnen, Ärzte, Journalisten, Richterinnen, Polizisten, Erzieherinnen leisten.
Wir reden vieles schlecht, aber viele, eigentlich die meisten tun viel Gutes. Wir können ein wenig stolz darauf sein, auf unser Land mit all seinen Gaben. Wir können frei geben, unsere Zeit, unser Engagement, auch unser Geld. Unser Elternbeirat ist ein Beispiel dafür, dass das sogar Spaß macht.
Und wir können vor allem darauf vertrauen, dass Gott für uns sorgt.
Rebekka hat keine Angst zu kurz zu kommen. Selbstbewusst und fröhlich gibt sie.
Ich wünsche mir diese Freiheit, dies Vertrauen.

Amen

Vergeblich? – Mach weiter! – Predigt über Jes 49,1-6

Predigt am 23.9.18 von Andreas Hansen über Jes 49,1-6

Jes 49,1-6
Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke – er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Schrecklich, wenn einer sein Leben ansieht und   so über sich denken muss: vergeblich, umsonst, unnütz, gescheitert, ein Looser – keine und  keiner will Verlierer sein.

Ein Junge, 15 Jahre alt, wacht nach einer Woche aus dem künstlichen Koma auf. Er hat bei einem Unfall beide Beine verloren. Florian Sitzmann erzählt heute, 26 Jahre später, im Radio darüber – letzten Mittwoch hörte ich die Sendung.
Er hat viel vor und lässt sich nicht aufhalten. „Glaub an dich! Mach weiter!“ so ermutigt er uns.  Er sprüht vor Heiterkeit und Zuversicht.
Seinen Großvater nennt er als Vorbild dafür, dass er diese Haltung gewinnen konnte. Der Großvater saß damals an seinem Bett und die Tränen rannten ihm über´s Gesicht. Eine Kriegserfahrung überfiel ihn: das Lazarett, die Schreie derer, die durch Bomben und Minen verletzt ihre Gliedmaßen verloren, die unsägliche Angst jener Zeit. Sein Großvater kannte die Angst und das Scheitern. Von ihm lernte er auch die Zuversicht.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Er muss unendlich viel Druck aushalten. Er ist frustriert, ausgepowert, verzweifelt, der Mensch, der im Jesajabuch von sich und seinem Volk schreibt und Gottes Wort verkündet. Sein Volk hat Krieg und Verwüstung erlebt, den Verlust von allem, was ihnen kostbar und heilig war. Sie leben unterdrückt in der Verbannung.
„Du bist mein Knecht“ sagt Gott zu ihm – eine Ehre ist das! – du sollst mein Wort sagen, mächtige Worte wie ein scharfes Schwert, wie Pfeile.   Aber wer glaubt ihm schon in dieser ausweglosen Situation?  Darum muss der Gottesknecht leiden. Er wird verspottet, angefeindet, gequält und geschlagen. „Was bringt das alles?“ fragt er sich. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Aber Gott hat mit seinem Knecht Großes vor: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke“. Die Zerstreuten und Verbannten soll er sammeln und heimbringen. Und noch viel mehr: Für alle Völker soll er Licht sein. Alle Menschen sollen Gottes Heil erfahren.
Wir wissen nicht, wer der Knecht Gottes war. Schnell wurde das Volk Israel mit seiner leidvollen Erfahrung verbunden. „mein Knecht, Israel“ heißt es, aber „Israel“ wurde wohl später in den Text eingefügt. Das Gottesvolk ist immer wieder nach schlimmen Katastrophen aufgestanden. Sie wurden vertrieben und geschlagen, aber wunderbar hat Gott sie bewahrt.
Christen haben im Auftrag und im Leiden des Gottesknechtes Jesus erkannt und durch die Worte im Jesajabuch Jesu Weg gedeutet.
„Vergeblich, unnütz“ – so könnte man denken, wenn man Jesus am Kreuz sieht. Er ist gescheitert. Tiefer kann man nicht fallen als so verachtet wie der letzte Verbrecher am Kreuz zu sterben. Gott selbst geht den Weg durch Leid und Scheitern hindurch. An Jesus halten wir uns, gerade weil er diesen Weg ging. Menschen aus allen Völkern sehen auf ihn, glauben an ihn.

Viele erleben sich als gescheitert, wenn etwas in ihrer Lebensplanung schief geht. Für viele ist das Leben nichts anderes als eine Abfolge von Projekten, die man erfolgreich absolvieren muss. Je mehr wir denken, dass unsere Lebensplanung oder die unserer Kinder ein Projekt ist, dessen Gelingen wir in der Hand haben, wenn wir’s nur richtig anpacken – desto größer wird die Angst davor, dass es nicht gelingt und die Beschämung, wenn Vorhaben nicht so enden, wie wir uns das vorgestellt haben.
Wir sehen nicht nur die eine oder andere Aufgabe, die vor uns liegt, als ein Projekt, sondern manchmal unsere ganze Lebensgestaltung: die Karriere, das Aufwachsen der Kinder, die Beziehung oder Ehe, alles wird zum „Projekt“, das man nur gut genug in den Griff bekommen muss, damit daraus etwas wird. Aber so einfach ist es nicht: das Leben ist kein Projekt. Es ist ein Weg mit immer neuen Herausforderungen, mit Umwegen – und, ja, auch mit Scheitern und Versagen. (dieser Abschnitt eng angelehnt an Gedanken von Barbara Hauck, GPM  455ff und Predigt im Internet)

Unsere Gesellschaft ist süchtig nach dem Erfolg. Scheitern ist nicht vorgesehen. Gnadenlos lassen wir die fallen, die nichts vorweisen können. Kaum sehen wir ein Problem, schon schreien wir: Warum tut die Politik nichts? Politikerinnen und Politiker starren ängstlich auf ihre Zustimmungsraten und verbiegen sich, um nur ja die nächste Wahl zu bestehen. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt und sich nicht mehr bewegen kann, so sind manche gelähmt aus Angst vor dem Misserfolg. Angst ist kein guter Ratgeber. Angst verzerrt den Blick. Bei manchen meint man, sie verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Ich wünschte, dass die Politikerinnen und Politiker und wir alle sozusagen auf den Boden kommen und tun, was dran ist. Die Sucht nach dem Erfolg und die Angst vor dem Misserfolg verderben uns.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Als er ganz unten ist, merkt er: Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand. Er sieht jetzt realistischer, das heißt er sieht sich und die Welt vor Gott.
Er kann scheitern und doch sinnvoll leben, sogar fröhlich, zuversichtlich, befreit von der Angst.
Gott hat noch etwas mit mir vor.
Ich bin gescheitert, aber nicht am Ende.
Wie Florian Sitzmann sagte: „Glaub an dich! Mach weiter!“
Oder ganz ähnlich Kristina Vogel, die Bahnradfahrerin, die seit drei Monaten querschnittsgelähmt ist: „Was soll ich mich bedauern. Es ist, wie es ist. Ich muss gefordert werden.“
Wie Florians Großvater die Angst des Krieges verarbeitet hat.
Wie viele der Flüchtlinge bei uns ein neues Leben aufbauen.
Wie manche Behinderte und Kranke den Gesunden Zuversicht vorleben.
Das Scheitern gehört zu unserem Leben. Mancher merkt, nachdem er hingefallen ist, was wirklich zählt. Aber wir sind nicht am Ende. Selbst denn, wenn wir keine Möglichkeit sehen:  Gott hat etwas mit uns vor. Gott gibt unserm Leben Sinn und Ziel. Wir sind vor Gott wert geachtet. Gott ist unsere Stärke.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

„Mutig“ – Predigt zu 2.Tim 1,6-10

Predigt am 16.9.18 von Andreas Hansen über 2.Tim 1,6-10

Paulus schreibt an seinen Freund Timotheus. Paulus ist im Gefängnis. In dieser Zeit werden Christen verfolgt und bedrängt. Sie haben Angst. „Was kommt noch auf uns zu?“ Paulus will seinen Freund ermutigen, stärken.
Er schreibt: Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte. Lass sie zur vollen Entfaltung kommen! 
Paulus hat Timotheus die Hände aufgelegt. Er hat ihn gesegnet, wie bei einer Konfirmation oder wie die Erstklässler gestern und vorgestern gesegnet wurden oder wie Brautpaare oder wie Menschen, die ein Amt bekommen.
Ich erinnere dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte.
Paulus ist sicher: Gott hat seinen Freund Timotheus mit guten Gaben beschenkt. Er rechnet mit Gottes Kraft in den Menschen, die gesegnet werden. Dass der Glaube in euch Konfis wächst, dass die Erstklässler lernen und glücklich sind, die Paare einander in guten und schweren Zeiten lieben, die Gesegneten ihr Amt erfüllen, dass zur vollen Entfaltung kommt, was Gott an Liebe, Hoffnung und Glaube in uns legt.
Andererseits sehen wir: Nicht alles wird gut. Begabte Menschen geraten auf Abwege.  Paare trennen sich. Konfirmierte treten ein paar Jahre später aus der Kirche aus. Amtsträger missbrauchen ihr Amt.
Wir sehen in unserem Land und in vielen Ländern, wie Angst und Hass sich ausbreiten, wie engstirniger Nationalismus geschürt wird und so leicht Gewalt ausbricht.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und doch lassen wir uns oft von ihr beherrschen.
Paulus schreibt weiter:
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Bekenne dich daher ohne Scheu zu unserem Herrn, und schäme dich auch nicht, zu mir zu stehen, nur weil ich ein Gefangener bin – ich bin es ja um seinetwillen! Sei vielmehr auch du bereit, für das Evangelium zu leiden. Gott wird dir die nötige Kraft geben.
Er ist es ja auch, der uns gerettet und dazu berufen hat, zu seinem heiligen Volk zu gehören. Und das hat er nicht etwa deshalb getan, weil wir es durch entsprechende Leistungen verdient hätten, sondern aufgrund seiner eigenen freien Entscheidung. Schon vor aller Zeit war es sein Plan, uns durch Jesus Christus seine Gnade zu schenken, und das ist jetzt, da Jesus Christus in dieser Welt erschienen ist, Wirklichkeit geworden. Er, unser Retter, hat den Tod entmachtet und hat uns das Leben gebracht, das unvergänglich ist.  So sagt es das Evangelium.
Wir erfahren nicht, welche Not Timotheus plagt. Vielleicht darf Paulus nicht zu viel verraten, um ihn nicht in Gefahr zu bringen.
Nebenbei: ein späterer Christ schreibt hier unter den Namen Paulus und Timotheus – das war damals ganz übliche Praxis.
Er gibt ihm eine ganz enorme Zusage: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Timotheus hat eine schwere Zeit vor sich. Soviel ist sicher. Er muss mit großen Aufgaben fertig werden. Er ist angegriffen, vielleicht tatsächlich verfolgt.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Das möchten auch wir uns zusagen lassen. Wissen, dass die Kraft reicht, vertrauen, dass Gott zu mir hält und mir Kraft gibt: Zum Beispiel in einem Streit, der mich fertig macht, vor einem riesigen Berg von Arbeit, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich erschöpft bin.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Können Sie sich vorstellen, jemandem das zu sagen? Einem, der in ein Vorstellungsgespräch oder eine Prüfung geht: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Jemandem, der deprimiert ist: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“ Einer Sterbenskranken oder ihren Angehörigen: „Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Paulus sagt seinem Freund: „Du bleibst in der Kraft Gottes, auch wenn du leiden musst, auch wenn deine Kraft am Ende ist.“ Unsere Kraft reicht oft nicht aus: Wir fallen durch. Wir geben auf. Wir verzweifeln. Unsere Kraft, unser Leben ist begrenzt. Aber wir bleiben in der Kraft Gottes. Wir sind keine Kraftprotze, ganz gewiss nicht, aber wir sind im Leben und im Sterben von Gott gehalten.
Paulus glaubt an die Lebenskraft von Gott. Er schreibt: wir sind gerettet, berufen, erwählt. Wir sind durch Jesus mit Gnade beschenkt. Jesus Christus hat den Tod entmachtet.
Der Tod scheint uns so übermächtig: Zum Beispiel in Idlib, wo über zwei Millionen bedroht sind, bei den Opfern von Krieg und Katastrophen, aber auch, wenn ein uns naher lieber Mensch stirbt. Vor dem Tod werden wir irgendwann auch selbst stehen. Aber wir hören: Der Tod ist entmachtet. Jesus lebt. Jeden Sonntag feiern wir die Auferstehung. Jeder Sonntag ist ein wenig wie Ostern. Noch erleben und erleiden wir die Macht des Todes. Aber schon jetzt wissen wir: Der Tod ist entmachtet, überwunden. Eine neue Dimension von Leben hat begonnen, Leben in der Kraft Gottes.
Ich sage, eine neue Dimension, weil das unser Verstehen und unsere Erfahrung übersteigt. Ich glaube, dass Jesus auferstanden ist, dass er seinen Jüngern erschienen ist, dass er lebt. Ein neues Leben erschließt sich in Jesus.
Paulus versichert seinem Freund: „Verlass dich darauf: Gott hat dir seinen Geist gegeben, nicht einen Geist der Ängstlichkeit, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Verlasst euch darauf: Gott ist in uns. Sein Geist wirkt in uns. Mit unseren Händen ist er am Werk. Mit unseren Worten spricht er. Was der Heilige Geist macht, muss nicht perfekt oder irgendwie übernatürlich sein. Es ist so menschlich und begrenzt wie wir sind. Gottes Geist wirkt in uns und durch uns.
Glaubt es nur: Gott gibt uns seinen Geist und Gaben des Geistes, Kraft, Liebe, Besonnenheit!
In der düstersten Zeit deutscher Geschichte schrieb Dietrich Bonhoeffer ein Bekenntnis und sagt darin: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Nicht Ängstlichkeit, sondern Kraft und Liebe und Besonnenheit wirkt Gott in uns und durch uns.
Im Moment wird es in Deutschland und vielen Ländern dunkler und enger, aber wir vertrauen dennoch, dass Gottes Geist wirkt.
Wenn uns etwas überfordert und bedrängt, was vor uns ist, greift die Angst nach uns. Aber wir schaffen es nur durch Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wenn wir Tod und Verderben in der Welt sehen, möchten wir verzweifeln oder ganz schnell wegschauen, aber durch Gottes Geist ertragen wir, was geschieht und begegnen den Mächten auch. Wir bleiben in der Kraft Gottes.
„Gott wird dir die nötige Kraft geben.“
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.