wer sind wir? Predigt über 1.Petrus 2,2-5a. 9

Predigt am 28.7.19 von Andreas Hansen über 1.Pt 2,2-5.9

„Wer bin ich?“ fragt Dietrich Bonhoeffer. Er ist zermürbt durch die Haft – z.B. bei Luftangriffen auf Berlin ließ man die Gefangen in ihren Zellen.     Er erfährt, dass das Attentat auf Hitler misslungen ist. Nun weiß er: es ist so gut wie sicher, dass er zum Tod verurteilt wird. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
Bonhoeffer erkennt in dieser schlimmen Situation, was ihn trägt, das Fundament seines Lebens. Wenn uns Böses trifft, wenn unser Leben durcheinander gerät, wenn wir Gewissheit und Halt verlieren, halten wir uns daran fest: Gott hat zugesagt: „Du bist mein“. Gott hat Ja zu uns gesagt. Das ist wichtiger als alles.

Unser Predigttext steht im ersten Petrusbrief. Der Autor schreibt an „die von Gott Erwählten, die – als Fremde in dieser Welt“ – in den Provinzen Kleinasiens zerstreut sind. Als Fremde in dieser Welt – die Welt ist damals und heute zerrissen von Unrecht und Gewalt – und doch sind sie und sind wir zuhause, geborgen bei Jesus Christus.

Petrus schreibt ihnen und uns: Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf die geistige, unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst,   bis das Ziel, eure endgültige Rettung, erreicht ist. 
Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist. (1.Pt 2,2-3).  

Wer sind wir? Wie Neugeborene, die gestillt werden, so bedürftig und geborgen, so gierig nach der Milch, der Mutter so innig nah.
Ich sehe meinen Enkel mit einem halben Jahr. Wenn er hungrig ist, wird er unleidig. Er kann es kaum erwarten, bis er gestillt wird. Ganz außer sich vor Gier wird er, wenn das Ersehnte naht, und dann saugt und trinkt er, als würde er gleich verdursten. Jedes Mal neu überwältigt ihn die Gier, bis er erlöst und still wird.
Wer sind wir? Die Antwort liegt darin, wie Gott zu uns ist. Gott gibt uns mütterlich, fürsorglich, gütig, was wir brauchen. Und wir sind Bedürftige. Wir bleiben bedürftig danach, immer wieder gefüttert, gestillt, getröstet zu werden, wie Babys, auch wenn wir graue Haare haben.
Wir dürfen, wir sollen!, gierig sein auf Gottes Wort, die geistige, unverfälschte Milch. Wir sollen trinken und wachsen. In erstaunlich kurzer Zeit hatte mein Enkel sein Gewicht verdoppelt.   Unser Glaube soll wachsen. Aber er darf auch immer wieder anfangen. Wir werden nicht irgendwann abgestillt, sondern dürfen die Milch für die ganz Kleinen trinken.
Wer sind wir? Geliebt, umsorgt, getragen und gestillt wie Neugeborene – was für ein Glück! 
Wir leiden zuweilen darunter, dass unser Glaube so anfängerhaft ist, aber das ist schon in Ordnung. Der große Martin Luther schrieb und betete: „Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das bedarf sehr, dass man es fülle. Mein Herr, fülle es. Ich bin schwach im Glauben; stärke mich. Ich bin kalt in der Liebe; wärme mich und mache mich heiß, dass meine Liebe herausfließe auf meinen Nächsten. Ich habe keinen festen, starken Glauben und zweifle zuzeiten und kann dir nicht vertrauen. Ach Herr, hilf mir, mehre meinen Glauben und das Vertrauen. Lehre mich hören. Alles, was ich habe, ist in dir beschlossen.“
Wir sind immer wieder Anfänger im Glauben. Darum passt das Bild des Neugeborenen zu uns. Manchmal verzweifelte Luther fast über sich. Dann haben ihm seine Freunde ermutigende Worte der Schrift zugesagt, bis er ruhiger wurde.
Ich höre, dass Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage“. Ich höre es ganz direkt als Zusage an mich und uns: Jesus bei uns als Gemeinde in dieser Umbruchszeit. Hören wir genau auf ihn! Jesus bei uns, wenn wir die Gefahr von Krieg mit dem Iran sehen oder uns um das Klima sorgen. Jesus bei mir in den Herausforderungen meines Lebens. „Du bei mir.“ Wie ein Säugling die Muttermilch, so brauche ich solche Worte.

Wer sind wir? Petrus hat noch andere Bilder für uns: Kommt zu Jesus! Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. (1.Pt 2,4-5a)

Ganz schön schwer ist dieser Stein. (alter Backstein) Man sieht ihm an, dass er schon einiges mitgemacht hat. Aus Tausenden solcher Steine sind die großen Kirchen in Nord- und Ostdeutschland – Backsteingotik nennt man den Baustil.
Die Steine, aus denen unsere Kirche vor 357 Jahren gebaut wurde, stammen zum Teil von einer anderen Kirche, aus dem Dorf Niedingen zwischen Kenzingen und Forchheim, das im 30-jährigen Krieg verlassen und aufgegeben wurde. Dort wurde die Kirche abgebaut und die Bau-steine bei uns wiederverwendet. Wir sind als lebendige Steine von Gott in sein Haus eingefügt.
Aber Steine sind doch kalt und hart und tot. Versteinert ist das Gegenteil von lebendig. Jesus ist lebendiger Stein. Jesus überwindet den Tod. Er ist der Stein, auf den Gott baut.
„Kommt zu Jesus, seid selbst lebendige Steine, lasst euch einfügen in das Haus, das Gott baut,  erfüllt von seinem Geist!“ Auch wir sollen leben. Wie Jesus sollen wir sein. Wie er sollen wir dem Tod widersprechen. Wir sind Teil in seinem Haus, lebendige Steine.
Man sieht den Steinen ihre Geschichte an.  Da sind im Mauerwerk einer Kirche alte, dunkle Steine, die die Spuren der Zeit an sich tragen. Wind und Wetter haben ihnen zugesetzt. Genauso kann man das auch von uns sagen. Manchen von uns hat das Leben es nicht leicht gemacht und man sieht es uns an.  Gott baut seine Kirche aus lebendigen Steinen. Wie beim Bau eines Hauses hat jeder Stein seine eigene und ganz besondere Bedeutung. Jeder Stein hat seinen besonderen Platz. Keiner ist entbehrlich. Jeden Stein setzt der Baumeister sorgfältig an seinen Platz. Gott gibt jeder und jedem von uns ihren und seinen richtigen Platz. Genau dort werden wir gebraucht. Dort sollen wir tragen, die Nachbarsteine stützen und uns gleichzeitig von den anderen Steinen tragen und stützen lassen. Zusammen bilden wir das „Haus der lebendigen Steine“. Jesus ist der Stein, der den ganzen Bau zusammenhält, der Eckstein. Die Gemeinde Jesu als ein Bau: sie bekommt ein Zuhause und bietet ein Zuhause. Das ist kostbar in einer Welt, in der so vieles fremd und feindlich wird.

Wer sind wir? Bedürftig wie ein Säugling, gierig nach der Milch der Zusage Gottes, aber auch tragfähig, verlässlich wie Stein, wichtig im Bau des Hauses Gottes.
Gott will, dass wir ihn brauchen, wie ein Kleinkind seine Mutter. Und Gott will, dass wir einstehen für unseren Glauben. Er fügt uns ein in seinen Bau.
Manchmal kommen wir uns als Kirche in dieser Zeit fremd vor – von vielen belächelt, verspottet, nicht ernst genommen. Aber Gott stellt uns an unseren Platz und in unsere Zeit.

Noch einmal Petrus: Ihr seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (1.Pt 2,9)

Wer sind wir? Gottes Volk, eine königliche Priesterschaft. Großes traut Gott uns zu. Wir sind in sein wunderbares Licht gerufen.  Wir sollen seine großen Taten verkünden.
Wir Christen haben einen Auftrag an die Welt. Wir müssen widersprechen, wenn erbarmungslos zurückgeschlagen wird. Die Leidenden und die, die ihnen Leid zufügen, die Machtlosen und die Mächtigen müssen von den großen Taten Gottes hören. Die Welt braucht sein Licht, das Licht der Hoffnung, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Wir Christen haben den Auftrag, davon nicht zu schweigen, die Traurigen zu trösten und das Unrecht beim Namen zu nennen. So viel traut Gott uns zu – ihm allein gehören wir. Petrus nennt uns eine königliche Priesterschaft. Die Reformatoren sprachen vom Priestertum aller Getauften. Jeder Christ darf sich zutrauen, zu verstehen, was Gott uns durch sein Wort sagt. Jede und jeden will Gott selbst unmittelbar ansprechen. Wir alle, jede und jeder an seinem Platz, haben Anteil am Auftrag, das Erbarmen und die großen Taten Gottes zu verkünden.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus