Gott der Freiheit, oder: Heraus aus der Komfortzone, Predigt über 2.Mose 3,1-14

Predigt am 5.2.17 von Andreas Hansen über 2.Mose 3,1-14

Noch bevor wir dich suchen, bist du bei uns.
Bevor wir deinen Namen kennen, bist du schon unser Gott.
Öffne unsere Herzen für das Geheimnis, in das wir aufgenommen sind: Dass du uns zuerst geliebt hast und dass wir glücklich sein dürfen mit dir.
Nicht weil wir gut sind, dürfen wir uns dir nahen, sondern weil du Gott bist. Amen (das Gebet ist zB im Gotteslob 6.1. zu finden)

Gott, der uns liebt, das ist die Mitte.
Alles, alles tut Gott dafür, dass sein Volk leben und frei sein kann. Er rettet sie. Er befreit sie. Und will nichts lieber, als dass sie ihm vertrauen.
Das ist die zentrale Botschaft des jüdischen wie des christlichen Glaubens. Gott will, dass wir frei sind, denn er liebt uns.
Heute hören wir als Predigttext, wie Gott sein Volk befreien will und wie er Mose dafür ruft.

Exodus 3,1-14

Mose wird später zur zentralen Gestalt Israels, ein Held, ein Religionsführer – man spricht gar von der mosaischen Religion. Aber noch ist er ahnungslos wie ein Schaf. Er will mit Gott lieber nichts zu tun haben und ist keineswegs ein Held. Das Gespräch geht noch weiter und Mose versucht nach Kräften sich vor der Aufgabe zu drücken. Aber Gott will sein Volk befreien – da gibt es keine Widerrede. Dieser zögernde, zweifelnde Mose ist uns nah. Und Gott will auch durch uns seine Güte und seine Freiheit weitergeben.

„ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land“
Sie sollen frei sein? Unvorstellbar für Mose  und unvorstellbar für das Volk.
So sind wir. Wir glauben viel leichter, dass alles so bleibt wie es ist. So ist es halt: die einen sind begabt und haben Chancen, die anderen nicht. Die einen sind in einem reichen Land geboren, viele anderen haben nur das Nötigste oder weniger als das. Die einen haben Glück, die anderen Pech. So war es schon immer. Und es ändert sich nicht. Man kann nichts machen. Finden wir uns damit ab!
„ein gutes, wetes Land“ – Lange haben Amerikaner bei dem guten, weiten Land der Freiheit an ihr Land gedacht. Sie nennen es stolz „Gods own country“. Aber jetzt will dieses Land sich einmauern.
Wir Europäer sind nicht besser. Wir errichten Grenzen und wollen uns die Not der Welt vom Hals halten. Die Mauerparteien feiern Erfolge in ganz Europa, auch bei uns und übrigens auch besonders schlimm im heutigen Israel.
Gott will sein Volk retten vor dem Unrecht und sie in die Freiheit führen. Er ist ein Gott der Hoffnung und des Aufbruchs und der Freiheit.
Aber wir fürchten die Freiheit, ich glaube sehr viele von uns tun das.
„Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Mit Händen und Füßen wehrt sich Mose gegen den Auftrag, der ihn aus seinem bisherigen Leben reißen wird. Murrend und zutiefst misstrauisch wird ihm das Volk folgen und dabei immer wieder jammern: „Wären wir doch nur in Ägypten geblieben, da ging es uns doch gut!“ 
Sind wir wirklich so ängstlich, dass wir uns unsere Mauern auch noch schön färben?
Auf unserer Konfi-Freizeit haben wir ein wenig von der Kirche des Mittelalters gesehen: sie war in weiten Teilen nur an Macht interessiert und zwang die Menschen in Ängste und Abhängigkeit.
Selbst die Kirche liebte -und liebt?- die Unfreiheit.
Jesus war ein freier Mensch.
Er hat Menschen von Leid und Verachtung befreit. Er hat anders, als seine Zeitgenossen, Frauen und Kinder geachtet und Kranke nicht ausgegrenzt. Er hat sich nicht in den Streit seiner Zeit hineinziehen und instrumentalisieren lassen. Selbst den verhassten Römern und den Andersgläubigen konnte er Gutes tun. Jesus hat vor allem Gott, den barmherzigen Vater verkündet. Und darum haben sie ihn gefürchtet und aus dem Weg geräumt.
Die Freiheit, in die Gott sein Volk führen will, ist eine Herausforderung. Gott hat seine liebe Mühe, Mose zu überzeugen und dann das bockige Volk zu leiten.
Die Freiheit Jesu stellt uns infrage.
Immer wieder stößt er an unsere Grenzen, unseren Unwillen uns zu verändern, unsere Ängste, unseren Egoismus.

„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und ihre Klage gehört.“ Gott sieht und hört, was uns Menschen bedrängt.
Wenn wir am Krankenbett eines geliebten Menschen stehen und nicht helfen können und bald verzweifeln. Wenn wir mit unserem Leben nicht zurechtkommen, überfordert sind und nicht weiter wissen. Wenn wir streiten und uns wehtun und Beziehungen zerbrechen. Es geschieht wohl kein Wunder, dass alles wieder gut ist. Auch die Frage nach dem Warum bleibt. Aber Gott ist da bei uns. Wir sind mit unserem Elend nicht allein.
Gott sieht und hört die zahllosen Opfer von Krieg und Gewalt. Er sieht die verfolgten Christen im Irak und die unterdrückten Muslime in Myanmar. Er sieht die Not der Menschen, denen das Nötigste fehlt und das Leid der Flüchtlinge.
Gott ist keineswegs weit weg und unberührt vom Leid. Gott sieht und hört und leidet mit. In Jesus trägt er selbst das Leid, die Zerrissenheit und Sünde der Welt, auch den Tod.
Gott ist parteiisch für die Opfer. Er will sie retten und befreien. Darum ruft er Mose.

Gott ist uns fremd.
Wir meinen meistens, dass wir sehr gut ohne Gott auskommen. Wir können auch ohne Gott rechte Menschen sein. So ist unser Bewusstsein. So leben wir.
Und so ist auch Mose. Bis Gott ihn anspricht.
Was in dieser Begegnung geschehen ist, bleibt geheimnisvoll, die Stimme aus dem brennenden Dornbusch. Es geschieht etwas mit Mose. Er wird zu einem Menschen, der Gott hört, mit ihm redet.
„Wer bin ich?“ fragt Mose. Eine moderne Frage. Wer bin ich? Was kann ich tun? Was zählt in meinem Leben? – so kann ich fragen, wenn die Konflikte in der Welt oder ganz nah in meinem Leben zu groß werden. Wer bin ich, wenn das Leben durcheinander gerät? Wer bin ich in der Tiefe von Leid und Angst? Gott antwortet Mose und uns: „Ich will mit dir sein.“ Gott geht mit seinem Volk und mit uns durch alles hindurch.
Mose fragt weiter: „Wer bist du, Gott? Wie ist dein Name?“ Für Israel ist der Name Gottes heilig. Mit großer Ehrfurcht wird er umschrieben. Juden sagen der Ewige. Gott erklärt seinen Namen: „Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin immer für euch da.“
Gott verspricht Mose seine Treue.
Gott bleibt seinem Volk und uns Menschen treu.
Ich bin, der ich bin. Gott ist da für uns.
Wir hören, wie Gott es mit uns meint, dass er uns Menschen frei will, dass er uns Leben und Würde schenkt und auf unsere Antwort wartet.

Heinrich Albertz, Pfarrer und zeitweise Bürgermeister in Berlin, schrieb zu dieser Stelle: „Die Urgeschichte des Mose ist keine christliche Geschichte. Aber wer dächte beim Lesen von 2.Mose 3 nicht an die anderen Hirten und an das noch viel hellere Licht? Da hat Gott einen Namen, den Namen eines Kindes. Da beginnt noch mehr zu brennen als ein Busch. Vielleicht ist die Freiheit der Kinder Gottes, der Gefährten Jesu eben dies: zu brennen und nicht zu verbrennen.“
Jesus nimmt uns hinein in Gottes Versprechen an sein Volk. Er führt uns hinein in die Freiheit der Kinder Gottes. Und er sagt zu uns: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Noch bevor wir dich suchen, bist du bei uns.
Bevor wir deinen Namen kennen, bist du schon unser Gott.
Öffne unsere Herzen für das Geheimnis, in das wir aufgenommen sind: Dass du uns zuerst geliebt hast und dass wir glücklich sein dürfen mit dir. Nicht weil wir gut sind, dürfen wir uns dir nahen, sondern weil du Gott bist. Amen