Predigt über Mk 10,35-45 zum 22.3.26 Andreas Hansen

Predigttext Mk 10,35-45
Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, traten zu Jesus und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« Jesus fragte sie: »Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?« Sie antworteten: »Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst – einen rechts von dir, den anderen links.« Aber Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet! Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?« Sie erwiderten: »Das können wir!« Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken, den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen,
die Gott dafür bestimmt hat.«
Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus auch sie herbei und sagte zu ihnen: »Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzuge-ben als Lösegeld für viele Menschen.«
(Mk 10,35-45)

„Das ist mein Platz!“
Sie schaut auf: „Oh, das wusste ich nicht.“
„Das ist mein Platz, hier sitze ich immer!“
„Entschuldigung.“, sie steht auf.

Kennen Sie solche Situationen?
Natürlich wollen wir alle einen guten Platz.
Wir wollen bei der angesagten Gruppe von Mitschülern sitzen,
oder neben dem Tenor, der so toll singen kann,
oder bei unserem Lieblingslehrer oder dem Star, den wir verehren am liebsten ganz vorne.
Wir wollen den Platz, der uns zusteht,
die Stufe auf der Karriereleiter und in der Gehaltsklasse, die wir uns erarbeitet haben.
Wir vergleichen uns.
Wir konkurrieren.
Es ist ein ständiger Wettbewerb.
Manchmal müssen wir uns behaupten:
„Das ist mein Platz! Der steht mir zu!“
Es geht um unser gutes Recht.
Es geht um Ansehen, um Erfolg, um Macht.
Wer seine Chance nicht ergreift und seinen Platz behauptet, die oder der wird übersehen, bleibt auf der Strecke, geht leer aus.

So machen es Jakobus und Johannes.
Sie wollen auf jeden Fall einen guten Platz. Schließlich gehören sie mit Petrus zu den allerersten Jüngern – im Kreis der Freunde Jesu genießen sie besonders sein Vertrauen; mehrfach wird das berichtet.
Ist es nicht ganz angemessen, dass sie Jesus um einen besonderen Platz bitten, ganz nah bei ihm?
Aber was bewegt sie?
Wollen sie ihrem geliebten Meister und Freund einfach immer nahe sein?
Ergreift sie eine Art Torschlusspanik?
Sie sind nun kurz vor Jerusalem sind. Dort wird sich entscheiden, wie es mit Jesus weitergeht. Höchste Zeit also, sich einen guten Platz zu sichern.
Aber sie haben wohl nicht verstanden, was Jesus schon mehrmals gesagt hat: Er wird verurteilt werden. Er wird leiden und sterben.
Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet!
Sie aber sagen: Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst.
Sie behaupten: Ja, sie können ihm folgen auf seinem Leidensweg. Aber ihr Ziel ist seine Herrlichkeit, seine Herrschaft, eine glänzende Position im Zentrum der Macht. Geht es ihnen tatsächlich um Macht?
Sympathisch sind uns die beiden auf jeden Fall nicht. Ganz schön egoistisch sind sie. Streber. Rücksichtslos. Die anderen zehn sind auch ziemlich sauer auf sie.
Und dann sagt Jesus: bei euch ist das nicht so.
Nicht so wie bei den Machthabern, die ihre Macht missbrauchen. Nicht so wie bei denen, die als Herrscher gelten. Bei euch ist das nicht so.

„Meinst du das im Ernst, Jesus?
Sieh doch deine Jünger an: Sie wollen ganz oben sitzen, neben dir auf deinem Thron.
Sieh doch deine Kirche an.
Meinst du wirklich, dass wir nicht so sind?“

Die Kirche und die Macht – das ist ein düsteres Kapitel. Aus einer verfolgten Minderheit wurde die bestimmende Religion im Römischen Reich.
Der Papst in Rom wurde für lange Zeit zur mächtigsten Person der westlichen Welt mit dem Anspruch über Könige zu bestimmen und gar unfehlbare Wahrheit zu verkünden.
Die evangelische Variante ist auch nicht besser mit ihrer engen Verknüpfung von Thron und Altar.
Lange haben wir Macht missbraucht um Andersgläubige auszugrenzen. Das ging bis zur Hetze und Gewalt gegen Juden, zu Hexenwahn und Verteufelung Andersdenkender.
Die schrecklichen Fälle von sexualisierter Gewalt in den Kirchen zeigen, wie verheerend ein System wirkt, das vor allem seine Macht erhalten will, aber rücksichtslos über die Opfer hinweggeht.
Wir schleppen als Kirche viel Schuld mit uns, weil es uns so oft um Macht ging und bis heute geht.
Bei euch ist das nicht so?

Jede Organisation, jede Gemeinde, jede Kirche braucht eine Struktur, die sie zusammenhält, die sie vertritt und Entscheidungen fällt. Immer ist das auch mit Macht verbunden. Aber Macht in der Kirche sollte begrenzt und kontrollierbar sein.
Das versuchen wir. Unser Versuch ist alles andere als vollkommen. Immer wieder gibt es auch bei uns ungute Konkurrenz, fragwürdige Entscheidungen und auch Machtmissbrauch. Wir wollen eine Kirche sein, der die Menschen vertrauen.
„Macht ist kein Selbstzweck, sondern entscheidet darüber, wie glaubwürdig wir als Kirche wahrgenommen werden.“, meinte die Theologin Kristin Merle in einer Diskussion der EKD zum Thema.

Bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein.
Wo ist unser Platz?
Als ich vor rund 40 Jahren Pfarrer wurde, war bei öffentlichen Anlässen selbstverständlich ein Platz bei den wichtigen Personen des Ortes reserviert. Ich gehörte an den Honoratiorentisch und die Gemeindeglieder achteten darauf, dass ich als Vertreter der Evangelischen dort saß und offiziell begrüßt wurde. Das hat sich in den meisten Orten längst geändert. Eher selten sitze ich neben dem Bürgermeister. Viel weniger Menschen gehören zur Kirche oder nehmen sie überhaupt wahr.
Die Rolle der Kirche verändert sich in unserer ganzen Gesellschaft. Der Platz der Kirche ist nicht mehr dort, wo sie schon immer war und eine oft sehr einflussreiche Rolle spielte. Die Kirche wird kleiner und ärmer, aber sie bleibt bestimmt lebendig: Es wird weiterhin Menschen geben, die Jesus folgen und die gemeinsamen Gottesdienste feiern.
Ich glaube, es liegt eine Chance darin, dass wir weniger Macht haben. Wir können uns besser auf das ausrichten, was Jesus sagt: nicht selbst groß sein zu wollen, sondern andere groß zu machen, auf der Seite der Opfer von Macht zu stehen,
Machtmissbrauch zu kritisieren.
Die Chance ist, dass auf uns eher zutrifft, was Jesus sagt: bei euch ist das nicht so –
nicht so wie bei den Machthabern und denen, die als Herrscher gelten.

Wo ist unser Platz?
Der Menschensohn ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen.
Zum Glück haben wir durch ihn einen Platz.
Er gibt auch für uns sein Leben als Lösegeld.
Wie Sklaven losgekauft wurden und dann frei waren, so sind wir.
Unser Platz ist die Freiheit der Kinder Gottes.
Wir können ohne Furcht zurückschauen auf die zum Teil schlimme Geschichte der Kirche.
Wir können ohne Furcht nach vorne schauen auf eine ungewisse Zukunft für die Kirche und für uns.
Wir haben unseren Platz bei ihm, der uns liebt und uns befreit. Amen