Predigt über 2.Kor 1,18-22 am 21.12.25 Andreas Hansen

Lesung vorher: Lk 1,26-45 und gemeinsam das Loblied der Maria Lk 1,46-55

Alles in mir jubelt vor Freude, ruft Maria.
Das Kind in Elisabeths Leib hüpft vor Freude.
Gott kommt zu uns – was für eine Freude.
Freude über Christus will Paulus seinen Gemeinden vor allem bringen (2.Kor 1,24).
Aber das geht manchmal gehörig schief –
so wie mancher Familienstreit ausgerechnet an Weihnachten eskaliert. Wir kennen das.
Es gibt Streit in Korinth. Paulus hatte einen Besuch versprochen und konnte dann doch nicht. Die Korinther dachten, er hat uns versetzt, er hält sein Wort nicht – er konnte ja nicht mal eben per Handy Bescheid geben. Man sollte meinen, das ist kein Grund zu streiten, aber es ist wohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das Verhältnis zwischen Paulus und den Korinthern ist zerrüttet. Dabei ist es Paulus so wichtig, dass sie ihm vertrauen und noch mehr: dass sie Gott vertrauen. Ich lese 2.Kor 1,18-22 – Paulus schreibt:
Bei der Treue Gottes: Keines unserer Worte an euch bedeutet gleichzeitig Ja und Nein.
Wir – das heißt: ich, Silvanus und Timotheus –
haben bei euch Gottes Sohn, Jesus Christus, verkündet. Und von dem gilt: Er war nicht Ja und Nein zugleich, sondern er ist das Ja in Person.
Durch ihn sagt Gott Ja zu allem, was er je versprochen hat. Auf ihn berufen wir uns,
wenn wir zu Gottes Ehre »Amen« sagen.
Gott selbst ist es, der uns gemeinsam mit euch
im Glauben an Christus festigt.
Er hat uns gesalbt und uns sein Siegel aufgedrückt und hat uns den Heiligen Geist als Vorschuss ins Herz gegeben.

Ein Ja ist ein Ja. Es gilt. Wir verlassen uns darauf.
Aber ach: unser Ja ist eben nicht immer eindeutig.
Wir werden schwach, wir missverstehen, wir irren uns, wir sind selbst nicht mehr so überzeugt und im schlimmsten Fall: wir lügen und täuschen.
Zweie haben Ja zueinander gesagt. Ein Leben lang sollte es halten. Und dann sind sie doch enttäuscht voneinander, tun einander weh, werden sich fremd – fast ein Drittel der Paare nehmen ihr Ja zurück und lassen sich scheiden.
Jemand beginnt mit Begeisterung seinen Beruf, hat Erfolg, kommt voran, aber dann wird der Druck immer höher, er muss Misserfolge und Flauten einstecken, er ist erschöpft und fragt sich: Habe ich doch die falsche Stelle oder den falschen Beruf?
Ein Konfirmand sagt bei der Konfirmation ja zum Glauben, aber dann geraten Glaube und Gott aus dem Blick.
Wir fragen uns ganz oft, ob wir einer Zusage, einem Versprechen, einem Ja vertrauen können:
Versprechen der Werbung, Worte vor Gericht, Wahlkampfversprechen und Koalitionsvereinbarungen, die vielen Infos in den sogenannten sozialen Medien, internationale Verträge. So furchtbar oft ist ein Ja nicht ein Ja, ein Versprechen nichts wert, eine Zusage eine Lüge. Seitdem auch in den Kirchen Fälle von sexualisierter Gewalt bekannt wurden, haben auch hier viele Menschen das Vertrauen verloren. Können wir überhaupt jemandem trauen?
Wenn wir ehrlich sind mit uns selbst: Ist unser Ja immer hundertprozentig? Wie oft enttäuschen wir jemand anderes? Und wie oft trauen wir uns selbst nicht über den Weg? Paulus schreibt: Keines unserer Worte an euch bedeutet gleichzeitig Ja und Nein. Paulus ringt um das Vertrauen der Christen in Korinth.
Ein Ja ist ein Ja – es gibt ein Ja, auf das können wir uns absolut und unbedingt verlassen. Gott sagt Ja zu uns. Jesus Christus ist das Ja in Person.
Ich möchte einmal den großen Karl Barth zitieren. Er schreibt über das Ja Gottes zu uns, zu seinem Geschöpf: Indem er (Gott) Ja sagt zu ihm (seinem Geschöpf), ist Ja zu ihm gesagt: ohne Wenn und Aber, ohne Hintergedanken und Vorbehalt, nicht vorläufig, sondern abschließend, nicht in halber, sondern in ganzer, nicht in zeitlicher, sondern in ewiger Treue. Die Frage, ob dieses Ja gelten oder nicht gelten könnte, die Sorge, wie man sich dieses Ja allenfalls verschaffen oder erhalten könnte, die Verzweiflung angesichts der immer wieder sichtbar werdenden völligen Unmöglichkeit, von sich aus diesem Ja zu leben – das Alles liegt, indem Gottes Wahl (sein Ja) sich ereignet hat, nicht mehr vor, sondern (…) nur noch hinter seinem Geschöpf. Es ist bejaht, es hat gar kein anderes Leben mehr als das Leben aus dem Ja, so gewiss Gott Gott ist. (Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, II,2, S.32f)
Gottes Ja zu uns gilt unbedingt.
Das können wir sehen an Jesus Christus.
Gott setzt sich selbst für uns ein. Gott verspricht sein Ja, trotz all unseres Nein. Durch Jesus Christus sagt Gott Ja zu allem, was er je versprochen hat. Auf ihn berufen wir uns, wenn wir zu Gottes Ehre »Amen« sagen.
„Amen“ kommt aus dem Hebräischen: Ämunah heißt Treue, das Verb aman vertrauen, glauben.
„Amen“ – wir vertrauen auf Gottes Ja in Christus.
Und wir erfahren es auch in uns selbst.
Gott hat uns den Heiligen Geist als Vorschuss ins Herz gegeben. Der Heilige Geist ist nicht wolkig und unklar. Ganz im Gegenteil: er wirkt konkret in unserem Leben. Wir sind so unzuverlässig, schwach, selbstsüchtig, und doch wirkt Gottes Geist in uns:
Zwei haben Ja zueinander gesagt, sie haben es schwer, enttäuschen einander und halten das Ja dann doch durch, nicht aus Feigheit oder Bequem-lichkeit, sondern in Freiheit und trotz aller Mühe.
Da erfüllt eine oder eine ihren oder seinen Beruf und setzt sich ganz ein: Wie schön, wenn wir Lehrerinnen und Lehrer erleben, die ihre Sache mit Herzblut machen – wie viel haben sie uns mitgegeben. Oder in jedem Beruf, an jedem Platz: als engagierte Handwerkerin, Arzthelferin, Künstler, Kaufmann, Ingenieurin – wir spüren, wie ernst jemand seinen Beruf nimmt und Gutes schafft.
Der Geist schenkt uns Kraft, unser Ja durchzuhalten, Phantasie und Mut für neue Schritte, Glauben trotz allem Zweifel. Der Geist wirkt in aller Unvollkommenheit und Fragwürdigkeit, die uns eigen ist.
Wir enttäuschen einander. Unser Ja ist zweifelhaft. Mit unseren Versprechen und mit unserer Treue ist es nicht weit her.
Und doch schenkt uns Gott durch seinen Geist, dass wir über uns selbst hinauswachsen.
In unsere Herzen gibt Gott seinen Geist.
In unseren Händen, in unseren Worten, unserem Tun, Verstehen und Vertrauen wirkt Gottes Geist.
Ein Vorschuss ist dieses geschenkte Gelingen, die glücklichen Momente, in denen wir in unserem Leben, in dieser Welt schon spüren, wie wunderbar das große, göttliche Ja ist.
Gott ist so heilig und groß. Und Gott sagt Ja zu uns in dem kleinen Kind, dessen Geburt wir feiern.
Amen