Predigt Römer 13,8-12 Andreas Hansen

Unser Predigttext für diesen 1. Advent steht im Römerbrief von Paulus in Kapitel 13:
Bleibt niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben! Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz schon erfüllt. Dort steht: »Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht begehren!« Diese und all die anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«
Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!
Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist näher als damals, als wir zum Glauben kamen.
Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.

Wir stehen vor riesengroßen Herausforderungen.
Wo wir auch hinsehen, ist die Lage unklar und die Probleme groß. Gerade ist die Weltklimakonferenz gescheitert. Die USA legen einen Plan vor, der die Ukraine zur Kapitulation zwingen und ganz Europa bedrohen würde. In unserem Land ist wie in vielen anderen Ländern die Demokratie in Gefahr. Demokratische Parteien zerlegen sich selbst zur Freude der Feinde der Demokratie. Soziale Systeme drohen zu scheitern. Eine Menge an Baustellen, nicht wahr? Auch die Kirche ist eine Baustelle – vieles muss sich verändern.
Ich empfinde den Druck, den so viele Probleme erzeugen. Ich mache mir Sorgen und finde die vielen Baustellen furchtbar ermüdend. Geht es Ihnen ähnlich? Dazu kommen noch unsere ganz persönlichen Probleme, ob wir nun 14 sind oder 50 oder 75 – jeder und jede hat noch das eigene Päckchen und viele meinen: Das reicht mir schon und ich höre lieber gar keine Nachrichten mehr.

Vor großen Herausforderungen sehen sich damals auch die Christen in Rom. Was Paulus in diesen Versen schreibt, rührt an zwei Fragen: Was sollen wir tun? Und was dürfen wir hoffen?
Auf die erste Frage – was sollen wir tun? – gibt Paulus eine Antwort, die zuerst einfach oder zu einfach erscheint: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! So wie Jesus konzentriert Paulus die Fülle der biblischen Gebote auf dieses Zentrum: Liebe deinen Nächsten – das finden wir im sog. Alten Testament und das ist für alle Juden zentral. Nebenbei sagt Paulus: Zwischen jüdischem Gebotsverständnis und dem Ethos Christi besteht kein Gegensatz. Alle Gebote lassen sich in dem einen fassen. Paulus zählt einige der Zehn Gebote auf. Dann schließt er: Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Und auf einmal wird das naive und zu großartig klingende Wort „Liebe“ sehr konkret. Wer liebt, lebt nicht auf Kosten kommender Generationen oder auf Kosten der Armen in der Welt – da geht es z.B. um unseren Verbrauch von Ressourcen, oder darum, wo und was wir kaufen, wem unser Preisvorteil schadet, aber auch um Generationengerechtigkeit in der Rentenfrage.
Wer liebt, rechnet damit, dass das eigene Verhalten anderen schaden kann, dass wir alle verletzlich sind und aufeinander achten müssen.
Natürlich machen wir es uns gerne einfach und zeigen auf andere, die doch viel mehr Schuld an der Misere haben. Paulus rät dazu, dass jede und jeder bei sich beginnt, die Möglichkeit erwägt, dass sein Handeln Böses bewirken kann und das nach Kräften vermeidet. Wir schätzen uns selbst realistisch ein. Was wir tun, kann für andere böse sein oder Gottes Schöpfung schaden.
Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Kein einfaches Gebot, aber in Zeiten großer Herausforderungen umso nötiger.

Und was dürfen wir hoffen? Was dürfen wir hoffen, wenn die Mächtigen immer hemmungsloser Unrecht tun, wenn so viele Probleme uns ratlos und müde machen und das eigene Päckchen uns schon schwer genug drückt? Paulus meint:
Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt!
Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.

Die Nacht ist am schwersten zu ertragen, bevor das erste Licht sich zeigt. Aber Paulus ist voll Zuversicht: Die Nacht geht zu Ende – Gott ist uns nah mit seinem Licht.
Jesus sagte: Gottes Reich ist nahe – kehrt um!
Wir feiern im Advent, dass der Tag kommt.
Wir zünden kleine Lichtlein an und hoffen, dass Gott ein großes Licht in die Welt bringt, ein Licht, das alle und alles erhellt, ein himmlischer Glanz wie bei den Hirten auf dem Feld.
Die Nacht geht zu Ende – wir dürfen hoffen, dass Gottes Tag anbricht. Hoffen ist nicht ein schönes Gefühl oder gar eine Flucht aus der Wirklichkeit. Im Gegenteil: die Hoffnung stellt sich den Herausforderungen der Nacht. Lasst uns alles ablegen,
was die Finsternis mit sich bringt. Lasst uns stattdessen die Waffen anlegen, die das Licht uns verleiht.

Waffen des Lichts? Vielleicht finden Sie und findet Ihr das anstößig, so ein militärisches Bild. Mir fällt der Song „Krieger des Lichts“ der Gruppe Silbermond ein mit dem Refrain: Lasst uns aufstehn Macht euch auf den Weg An alle Krieger des Lichts An alle Krieger des Lichts
Wo seid Ihr Ihr seid gebraucht hier

Kennt Ihr das Lied? – es ist etwa so alt wie Ihr Konfis.
Wir sind gebraucht als Kriegerinnen und Krieger des Lichts. Wir sind gebraucht als Menschen, die sich einsetzen, die nicht die Hände in den Schoß legen. Wir warten nicht nur auf bessere Zeiten, wir tun schon jetzt etwas, damit die Welt heller wird.
„Krieger des Lichts“ würden wir uns selbst wohl nicht nennen. Aber das können wir sein. Z.B wenn Ihr Euch zum Kirchengemeinderat wählen lasst und die Gemeinde leitet, damit Menschen von Gott hören und Gottesdienste feiern können und Gemeinschaft erleben.
Wir alle können „Krieger des Lichts“ sein, die Waffen des Lichts anlegen – Glaube und Liebe und Hoffnung – und trotz aller Herausforderung zuversichtlich dem Tag entgegen gehen.
Im Norden Grönlands ist es seit Ende Oktober finster. Vier Monate lang sieht man die Sonne nicht. Wenn es wieder soweit ist, Ende Februar, begrüßen die Inuit die ersten Sonnenstrahlen mit lautem Jubel. Was für ein Fest ist das Licht der ersten noch kurzen Tage! „Steht auf! Das dürft ihr nicht verpassen!“ Ich sehne mich schon nach wenigen düsteren kalten Tagen nach Licht.
Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.
Wunderbar! Amen