Begrüßung …. Heute ist der Israelsonntag, an dem wir in besonderer Weise an die wechselvolle und schwierige Beziehung von Christen und Juden denken. In dieser Zeit Ende Juli bis Anfang August liegt im jüdischen Kalender der 9.Aw – in diesem Jahr war es der 23.Juli: An diesem Trauertag denken Juden an die Zerstörung des Tempels 586 vor Christus durch die Babylonier und dann wieder 70 nach Christus durch die Römer. Auch hörte das Volk auf dem Weg durch die Wüste an diesem Tag Gottes Urteil, weil sie ein goldenes Kalb angebetet hatten.
Ohne das Judentum sind Christentum und Islam nicht zu denken. Unser AT ist für Jesus und Paulus die heilige Schrift, ihre Bibel. Israel ist und bleibt Gottes geliebtes, auserwähltes Volk. Wir Christen sind und bleiben verbunden mit dem jüdischen Glauben und der Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Nach Ostern entsteht aus einer kleinen jüdischen Randgruppe eine Religion, die sich durch den Glauben an Jesus Christus unterscheidet. Dennoch bleibt der Glaube der Juden die Grundlage, die Wurzel des Christentums.
Aus enger Verbundenheit mit der Mutterreligion wird Konkurrenz und Feindschaft, zT schon im NT zu spüren. So gibt es eine schreckliche Tradition des christlichen Antijudaismus, für die wir uns heute nur schämen können. Sie gipfelt darin, dass die Kirchen zum Holocaust geschwiegen haben oder ihn gar als gerechte Strafe Gottes deuteten.
Unser Verhältnis ist also nicht nur von Religion und Glauben, sondern auch von Geschichte und Politik bestimmt. Da geht vieles durcheinander. Unser Volk und unsere Kirche haben sich schuldig gemacht. Israel ist bedroht. Juden werden gehasst.
Der Angriff am 7.Oktober 2023 hat das grausam deutlich gemacht. Es gibt auch in unserem Land wieder viel mehr Antisemitismus und sehr wenig Erschrecken darüber.
Unabhängig davon ist schrecklich, was die rechtsradikale Regierung Israels und religiöse Fanatiker in Gaza und im besetzten Westjordanland angerichtet haben und anrichten.
Eine Fülle von Themen schwingt also mit, wenn wir heute Gottesdienst feiern. Singen wir mit einer Melodie aus Israel, singen wir und loben wir Gott, der uns befreit.
EG 617,1+4-6 Kommt herbei, singt dem Herrn
Votum
Gruß
Psalm 74,1-10.18-23
Warum, Gott, hast du uns für immer verstoßen?
Warum lodert dein Zorn gegen die Schafe auf deinem Weideland?
Denk doch an deine Gemeinde!
Vor Urzeiten hast du sie erworben.
Du hast diesen Stamm als dein Eigentum freigekauft.
Es ist der Berg Zion, auf dem du wohnst.
Geh zu den Trümmern, die für immer daliegen!
Alles haben die Feinde zerstört im Heiligtum.
Mit Gebrüll stürmten sie deine Versammlungsstätte.
Auf dem Platz stellten sie ihre Feldzeichen auf.
Mit erhobenen Äxten schlugen sie drein,
wie man sie im Dickicht des Waldes schwingt.
Sogar all die kostbaren Schnitzereien
schlugen sie entzwei mit Beil und Hammer.
Dann steckten sie dein Heiligtum in Brand.
Den Ort, an dem man deinen Namen lobte,
entweihten sie bis auf den Grund.
Sie hatten bei sich beschlossen:
»Wir zwingen sie in die Knie, alle zusammen!«
Sie verbrannten alle Gotteshäuser im Land.
Zeichen, die uns hoffen ließen,
haben wir seit damals nicht mehr gesehen.
Auch ist kein Prophet mehr aufgetreten,
und niemand von uns weiß: Wie lange noch?
Wie lange noch, Gott, darf der Angreifer spotten?
Darf der Feind für immer deinen Namen lästern?
Herr, denk daran: Der Feind hat dich verhöhnt!
Ein nichtswürdiges Volk lästert deinen Namen.
Gib das Leben deiner Taube nicht wilden Tieren preis
und vergiss niemals das Leben deiner Armen!
Schau auf den Bund, der Leben bewahrt!
Denn im Land gibt es viele Schlupfwinkel,
und auf den Weiden herrscht rohe Gewalt.
Wehrlose sollen nicht wieder in Schande geraten.
Arme und Besitzlose sollen deinen Namen loben.
Steh auf, Gott! Führe du den Rechtsstreit!
Denk daran, wie du verhöhnt wurdest –
von nichtswürdigen Leuten Tag für Tag!
Vergiss nicht das Geschrei deiner Feinde –
den Lärm deiner Gegner, der zum Himmel dringt.
Ehr sei dem Vater…
Wie lange noch, Gott, dürfen die Feinde höhnen?
Wir bringen die Zerstörung dieser zerklüfteten Welt vor dich, barmherziger Gott, Gott Abrahams und Saras,
Vater Jesu Christi, du, unser Gott.
Du kennst den Schmerz und das Leid.
Wir beklagen die schreckliche Geschichte von Juden
und Christen über all die Jahrhunderte bis zum millionen-fachen Mord an Juden und dem Plan, sie auszurotten.
Wir beklagen, dass Israel auch heute bedroht ist und angegriffen wird, dass Juden sich in unserem Land nicht mehr sicher fühlen können, dass Hass, Hetze und Gewalt gegen Juden immer weiter gehen.
Wir beklagen den ungelösten Konflikt Israels und seiner Nachbarn, das Unrecht und die Untaten der Fanatiker und Kriegstreiber auf beiden Seiten.
Wie lange noch dürfen die höhnen,
die dein Recht mit Füßen treten,
denen das Leid der Opfer gleichgültig ist,
die sich auf Gewalt verlassen
und die schamlos lügen?
Wir sehen keinen Weg,
aber du weißt den Weg
für dein Volk, für uns Menschen,
barmherziger Gott. Amen
NL 178 Meine engen Grenzen
Mit Worten aus dem jüdischen Morgengebet beten wir:
Mit großer Liebe hast du uns geliebt, Herr, unser Gott.
Großes, reiches Erbarmen hast du uns erwiesen.
Unser Vater, unser König, um unserer Väter willen,
die auf dich vertraut haben
und welche du die Satzungen des Lebens gelehrt hast:
Sei uns allen gnädig und belehre uns. Amen
Der Glaube Israels ist geprägt durch die Zeit des Exils nach der Zerstörung des ersten Tempels.
Aus dieser Zeit stammen Worte, die Gott seinem Volk durch Jesaja sagen lässt. Wir hören Verse aus Jesaja 46 und dann singen wir ein Lied nach diesen Worten.
Hört mir zu, ihr Nachkommen Jakobs,
die ihr von Israel übrig geblieben seid!
Schon im Mutterleib seid ihr mir aufgeladen worden.
Von Geburt an habe ich euch getragen.
Ich bleibe euch treu, bis ihr alt seid.
Ich trage euch, bis ihr graue Haare habt.
Das habe ich getan und werde es weiter tun.
Ich bin es, der euch trägt und rettet!
Mit wem wollt ihr mich vergleichen,
neben wen wollt ihr mich stellen?
Kennt ihr einen, der mir ähnlich ist
und der sich mit mir messen könnte?
Denkt daran und geht in euch!
Nehmt es euch zu Herzen, ihr Treulosen!
Denkt an das, was früher war,
an das, was ich vor langer Zeit getan habe.
Ich bin Gott und keiner sonst,
niemand ist mir gleich.
Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist,
dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. Halleluja!
Halleluja!
EG 380 Ja, ich will euch tragen
Eine zentnerschwere Last bedrückt Paulus. Er ist traurig um sein Volk, die Juden. Die meisten von ihnen glauben nicht an Jesus. Das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus – für Israel bleibt sie verschlossen.
„Wie kann das sein? Sie sind doch Gottes Volk. Sind sie ausgeschlossen von Gottes Liebe? Sind sie verworfen?“ Diese Fragen zerreißen Paulus beinahe. Einerseits fühlt er sich dem Volk Gottes tief verbunden. Er ist geprägt vom Glauben und der Frömmigkeit Israels. Andrerseits glaubt er an Jesus Christus. Jesus hat keinen neuen oder anderen Gott verkündigt. Sein lieber Vater im Himmel ist der Gott Israels. Es schmerzt Paulus zutiefst, dass Jesus von den meisten Juden abgelehnt wird.
In Rom leben vor allem Heidenchristen, Christen, die nicht zugleich Juden sind. Paulus will nicht, dass sie Jeden werden, aber sie müssen wissen, welche Wurzeln ihr Glaube an Jesus hat. Paulus, der Judenchrist, verkündet das Evangelium unter den Heidenvölkern. In seiner eigenen Lebensgeschichte kann er die künftigen Spannungen schon ablesen.
Darum widmet er sich in seinem Brief ausführlich dem Verhältnis von Christen und Juden. Am Schluss schreibt er (Röm 11,25-32 Basisbibel):
Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen.
Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern,
bis die Völker sich ihm vollzählig zugewandt haben. Und auf diese Weise wird schließlich
ganz Israel gerettet werden.
In der Heiligen Schrift heißt es ja auch: »Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.«
Betrachtet man es vom Evangelium her, dann sind sie Feinde geworden. Und das kommt euch zugute. Betrachtet man es aber von daher, dass Gott sie erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. Es waren ja ihre Vorfahren, die er einst erwählt hat. Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.
Früher habt ihr Völker Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt.
Genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht, weil er euch sein Erbarmen geschenkt hat. So werden künftig auch sie sein Erbarmen finden.
Denn Gott hat alle im Ungehorsam festgehalten,
weil er allen sein Erbarmen schenken will.
Es schmerzt Paulus tief, dass die Mehrheit seines Volkes nicht an Christus glaubt. Einerseits ist er überzeugt: Das Evangelium von Jesus Christus ist ein Kraft Gottes, die jeden selig macht, die oder der an Christus glaubt. Für ihn steht aber auch fest: Gott liebt sein Volk und Gott hält sein Wort. Er nimmt nichts weg von der Erwählung seines Volkes. Sie sind und bleiben seine geliebten Kinder.
Nun argumentiert Paulus, um beides festhalten zu können. Er schreibt von einem Mysterion, einem Geheimnis, dem Heilsplan Gottes für Juden und Heiden. Er meint, die Juden bleiben nur so lange für die Wahrheit Christi verschlossen, bis alle Heiden ihn erkannt haben.
Gott will allen sein Erbarmen schenken. Gottes Ja zu allen Menschen ist größer als jedes menschliche Nein.
Ich weiß nicht, auf welchem Weg sich die Hoffnung erfüllen wird, aber ich glaube, wie Paulus: Gott will sich aller Menschen erbarmen.
Unser Weg zu ihm ist der Glaube an Jesus Christus. Über die Juden und ihren Glauben muss ich und darf ich nicht urteilen. Aber sie sind, wie Paulus schreibt, Gottes erwähltes Volk, im Bund mit Gott, seine geliebten Kinder.
Lange haben christliche Theologen die Juden und ihren Glauben abgewertet, um den christlichen Glauben umso mehr aufzuwerten. Bis vor wenigen Jahrzehnten meinten viele, die Juden seien von Gott verworfen, die Erwählten seien nun wir. Über Jahrhunderte haben sich Christen des Antijuda-ismus schuldig gemacht und so den Boden für Judenverfolgung bereitet. Erst in den 80er Jahren haben die Kirchen in Deutschland eindeutig die bleibende Erwählung Israels bekannt und ihre Mitschuld am Holocaust deutlich benannt. Unsere badische Landessynode gehörte 1984 zu den ersten Kirchen, die das so deutlich zu sagen wagten. Man könnte auch sagen, erst da haben sie Paulus in Römer 9 bis 11 ernst genommen.
Wir Christen haben den Juden nichts voraus, auch wenn wir an Jesus Christus glauben.
Wir glauben gemeinsam mit den Juden an Gottes Barmherzigkeit, die auch in der Hebräischen Bibel, dem AT, vielfältig bezeugt ist und sozusagen der rote Faden ist. Wir glauben an Gott, der allen Menschen sein Erbarmen schenken will.
Dieser Glaube war zur Zeit des Paulus angefochten durch Streit und Hass.
Paulus wurde selbst wenige Jahre nach seinem Römerbrief zum Märtyrer.
Das kultische Zentrum des Judentums, der Tempel in Jerusalem wurde 14 Jahre nach dem Brief zerstört und ein paar Jahrzehnte später wurde ganz Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht und die Juden unter alle Völker zerstreut.
Voll Scham blicken wir auf eine lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von Juden durch Christen. Wir können kaum ermessen, wie tief das Erschrecken in Israel am 7.Oktober 2023 war, und wie groß die Furcht vor wieder wucherndem Antisemitismus.
Wir sehen auch das schreckliche Unrecht, das Israel in Gaza, im Libanon und in den besetzten Gebieten verübt. Aber jede Form des Aufrechnens von Gewalt und Unrecht verbietet sich für uns.
Und trotzdem glaubt Paulus, trotz allem: Gott will allen Menschen sein Erbarmen und seinen Frieden schenken. Diese Hoffnung, dieser Glaube verbindet uns mit vielen Juden.
Es gibt sehr viele, die sich Juden oder Christen oder auch Muslime nennen, und durch ihr Tun Gott verhöhnen.
Aber wie Paulus kann und will ich nicht glauben, dass Gewalt und Hass das letzte Wort behalten.
Denn ich glaube an Gott, der sein Volk und alle Menschen liebt.
Seine Liebe behält das letzte Wort.
Nach den Versen, die wir vorhin hörten, jubelt Paulus: Wie unerschöpflich ist doch der Reichtum Gottes, wie tief seine Weisheit und Erkenntnis! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen und wie unerforschlich seine Wege! Wer kennt die Gedanken des Herrn?
Wer ist sein Berater gewesen? Wer hat ihm je etwas gegeben, sodass er es von ihm zurückfordern könnte?
Denn alles hat in ihm seinen Ursprung. Durch ihn besteht alles und in ihm hat alles sein Ziel. Denn er regiert in Herrlichkeit für immer. Amen.
NL 183 Nächstes Jahr, du wirst sehn
Barmherziger Gott, bei dir ist die Quelle des Lebens.
Aber in unserer Welt, in deiner Schöpfung ist so viel Zerstörung, so viel Leid, so viel Schmerz.
In unserem Land denken nicht mehr viele an den 7. Oktober 2023, aber in Israel und bei allen Juden ist der Schrecken gegenwärtig. Wachsende Feindseligkeit und Gewalt erinnert sie immer daran, wie bedroht Israel ist und Juden in aller Welt sind.
Tröste, stärke und schütze dein Volk.
Mach ein Ende der Gewalt.
Sei bei allen, die sich um Verständigung und Frieden bemühen, die Israel die Treue halten und sich gegen Antisemitismus wehren.
Wir sehen die Not der Menschen in Gaza, im Libanon, in den besetzten Gebieten, die vielen unschuldigen Opfer von Gewalt, Unterdrückung.
Steh auf gegen die, die deinen Namen verhöhnen, indem sie vermeintlich im Namen Gottes Hass verbreiten und Unrecht tun, gegen die Fanatiker und Kriegstreiber auf allen Seiten.
Bewahre uns vor Selbstgerechtigkeit und Hochmut.
Finde dich nicht ab mit unserer Unfähigkeit zum Mitfühlen.
Lass uns wachsam sein gegen unsere eigenen Vorurteile.
Hilf uns, unsere eigene Geschichte und unsere Verbindung zum Judentum bewusst zu halten.
Auf dein Erbarmen und auf deinen Frieden hoffen wir. Wir bitten um Frieden in der Welt, Frieden für alle Menschen.
Wir bitten für die Hungernden, die Flüchtenden, die Verwaisten, Menschen, die traumatisiert sind.
Wir bitten für unsere Kranken, die, um die wir uns sorgen,
für die Traurigen, für die Überforderten.
Bewahre unsere Gemeinde und die ganze Kirche.
Stärke unseren Glauben, unsere Liebe, unsere Hoffnung.
Mit den Worten Jesu beten wir: Vaterunser
EG 171
Segen