Phil 4,4-7 Predigt beim Gottesdienst zur Verabschiedung 27.9.26 Andreas Hansen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
unserem Vater und dem Herren Jesus Christus. Amen

Pfarrerin und Pfarrer ist ein toller Beruf.
Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich ihn erlernen und fast 40 Jahre ausüben durfte.
Wir feiern, was uns verheißen ist durch den lebendigen Christus. (Zitat der Weltkirchenkonferenz in Vancouver 1983 – das Bekenntnis wurde vorher im Gottesdienst gebetet) In den Herausforderungen unseres Lebens und unserer Zeit hören wir auf die Bibel, lassen wir uns aufrichten und ausrichten durch das, was Gott uns sagt.
Es ist so wichtig, dass wir als Gemeinde miteinander beten und feiern und auf Gott hören.
Darum war ich gerne Ihr und Euer Pfarrer: in den Gottesdiensten, im Kindergarten, in der Schule, im Gefängnis, im Kirchengemeinderat, bei den Konfis, auf dem Friedhof, usw., in den Festzeiten, in Krisen wie der Coronapandemie, in der Sorge und in den Bedrohungen, die unsere Gesellschaft und unser Land umtreiben. Wir feiern, was uns verheißen ist durch den lebendigen Christus.
Hören wir den Predigttext, vier Verse im letzten Kapitel des Philipperbriefes. Paulus schreibt:

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.
(Phil 4,4-7)

Wahrscheinlich ist das der letzte Brief, den wir von Paulus kennen. Paulus schreibt im Gefängnis an die Gemeinde in Philippi. Er betont die enge Verbundenheit mit den Christen in Philippi. Immerhin darf Paulus im Gefängnis Besuch empfangen und Briefe schreiben.
Er weiß noch nicht, wie sein Verfahren ausgehen wird, rechnet aber mit der Möglichkeit eines Todesurteils – er ist wohl in der ersten Welle der Christenverfolgung gestorben.
Trotz der ernsten Lage ist Paulus ganz erfüllt und glücklich, dass er in Christus ist, verbunden mit Christus, geliebt und gerettet. Christus ist mein Leben, kann er sagen.
Zuversichtlich ist Paulus auch für die Gemeinde: Gott hat Gutes in euch begonnen und wird es vollenden; eure Liebe und euer Verstehen sollen immer weiter wachsen (Phil 1,6.9), so schreibt er ihnen.
Und immer wieder schreibt er von der Freude, so auch in den Versen im letzten Kapitel: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Kann man zu Freude auffordern, ermahnen? Sollen Christinnen und Christen immer fröhlich und mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Gegend laufen? Gewollte oder gespielte Freude erscheint uns eher abschreckend, eine Fassade, vielleicht nur Heuchelei.
Nein, Freude meint hier nicht so sehr ein Gefühl. Freude ist vielmehr eine Haltung, eine Verhaltensweise. Zu der kann ich mich bewusst entscheiden.
Freut euch in dem Herrn. Wir haben in Christus allen Grund zur Freude. Wir leben von Ostern her.
Ich besuchte eine alte Frau, die hatte in ihrem Leben schrecklich viel Leid und Unglück erfahren und war nun schwer krank. „Ich hab einen starken Gott.“, sagte sie. Mitten in ihrem Elend strahlte sie Zuversicht aus.
In schlimmen, traurigen Situationen wie dem Tod kleiner Kinder haben wir gebetet: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Und wir haben uns erinnert: Keine Macht der Welt, auch nicht der Tod, kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Seit viereinhalb Jahren beten wir gemeinsam um Frieden. Wir hoffen und verlassen uns trotz aller Grausamkeit in der Welt auf Gottes Gerechtigkeit und Frieden. Eine fröhliche Fassade brauchen wir nicht, obwohl wir durchaus gerne und oft fröhlich zusammen sind. Was wir brauchen und wozu wir uns rufen lassen, ist die Freude in Christus.

In Christus: Paulus beschreibt seine enge, innige Beziehung zu Jesus Christus wie einen Raum.
Es ist wie die besondere Nähe von Verliebten oder von besten Freunden – da sind wir einander vertraut und bleiben ständig im Gespräch.
In Christus erfahren wir die Liebe Gottes. Nichts kann uns von ihr trennen.
In Christus sind wir freie Kinder Gottes. Keine Macht der Welt nimmt uns diese Freiheit.
Der Herr ist nahe! – In Christus ist schon jetzt die Nähe gewiss, die einst alle erfahren werden.

Freut euch in dem Herrn allewege … ! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Alle Menschen sollen merken, wie gütig ihr seid.
Güte, Milde, Luther übersetzt das seltene Wort mit Lindigkeit – ich verstehe: großzügiges Wohlwollen.
So sollen die Philipper allen Menschen begegnen und gerade auch den Nichtchristen und ihren Gegnern. Begegnet allen Menschen mit Güte, Großzügigkeit und Wohlwollen!
Wir erleben, wie Streit entgleisen kann, wie Menschen, die einander einmal nahe standen, einander nur noch verletzend und voll Hass begegnen, schlecht reden und schaden wollen. Streit gibt es überall, wo Menschen sind. Aber trotz allem, was zwischen uns steht, und wenn wir noch so sehr im Recht sind, können wir jeder und jedem mit Respekt und Wohlwollen begegnen. – Nebenbei ist hier auch Paulus zu kritisieren, wenn er im gleichen Brief die Irrlehrer in Philippi übelst beschimpft.
Wir erleben im Bundestag, in Wahlkämpfen und in den sogenannten sozialen Medien Beleidigungen, böswillige Hetze, hasserfülltes Geschrei, Lügen – es ist entsetzlich.
Lassen wir uns nicht selbst auf dieses Niveau ziehen! Begegnen wir auch denen wohlwollend, deren Meinung wir nicht teilen und die uns vielleicht sogar angreifen! Wir können uns das leisten! Die Kinder Gottes sind frei, gütig zu handeln. Wir wissen doch, wie sehr wir alle auf Gottes Güte angewiesen sind.
Wir müssen leben mit den vielen, die jetzt AfD gewählt haben. Wir müssen leben mit Politikern und Politikerinnen, die orientierungslos scheinen. Unsere Haltung allen Menschen gegenüber soll Güte und Wohlwollen sein. Natürlich sollen wir unsere Meinung sagen und das Recht einfordern. Wir halten uns als Christen und Christinnen keinesfalls heraus aus der aktuellen Diskussion. Wir sind überzeugt, dass Christus, unser Herr, nahe ist. Wir sagen, wie es im Barmer Bekenntnis heißt: Es gibt keine Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.

Weiter schreibt Paulus: Macht euch keine Sorgen. Im Gegenteil: Wendet euch in jeder Lage an Gott. Tragt ihm eure Anliegen vor in Gebeten und Fürbitten und voller Dankbarkeit.
Ich denke an die Menschen, um die ich mir Sorgen mache. Ja, natürlich mache ich mir doch Sorgen, lieber Paulus, und versuche deinem Rat zu folgen und bete für sie.
Ich denke an unser Land nach den drei Landtagswahlen, in der Notwendigkeit von schwierigen Reformen – wie geht es weiter?
Ich denke mit Sorge an den Klimawandel, die Kriege, die Bedro-hung der liberalen Demokratie in vielen Ländern.
Ich denke auch an unsere Gemeinde und die Kirche im Strukturprozess.
Und dann denke ich daran, wie ungewiss und bedrohlich die Situation damals für Paulus und seine Gemeinden war.
Und doch ist so viel Gutes gewachsen: Glaube und Gemeinschaft an vielen Orten, Fürsorge, Diakonie in vielen Gestalten,
Trost und Hoffnung für zahllose Menschen, trotz allem, was an der Kirche zu beklagen ist, ein großer Segen Gottes.
Also treten wir heraus aus dem Mauerwerk der Sorgen und Ängste!
Wenden wir uns in jeder Lage an Gott, voll Zuversicht und voll Dankbarkeit!
Unser Gebt wird nicht vergeblich sein.
Gott hat Gutes in seiner Kirche begonnen.
Ich bin gewiss, dass er sein Werk vollenden wird.
(Phil 1,6)
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren
in Christus Jesus.

Amen