Mt 3,13-17 Predigt 11.1.25 Andreas Hansen

Auf dem Weg mit Gott kam das Volk Israel einst an den Jordan. Lange waren sie in der Wüste umhergeirrt. Sie waren fast umgekommen und wurden doch bewahrt. Sie waren Gott untreu geworden, und doch hat Gott ihnen vergeben. Hier, kurz vor dem Schritt in das gelobte Land starb der, der sie geführt hatte: Mose – wie konnte es jetzt weitergehen? Nur im Vertrauen auf Gott und in Treue zu seinem Wort, seinem Gebot.

Unsere gefährliche, konfliktüberladene Weltlage kommt mir auch vor wie ein Wüstenweg, und ich frage mich, wie es weitergehen kann.

In der Gegend am Jordan ist Johannes der Täufer zu finden. In Scharen kommen die Leute zu dem seltsamen Mann aus der Wüste. „Kehrt um!“, ruft er ihnen zu. „Lebt, wie es Gottes Gerechtigkeit entspricht, ändert euer Leben, denn Gottes Reich ist nah!“ Er übt heftig Kritik, aber er weckt auch Hoffnung. Sie lassen sich taufen als Zeichen der Vergebung und des Neuanfangs. Hier setzt unser Predigttext ein, Mt 3,13-17:
Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
Johannes wehrte sich entschieden dagegen: »Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?«
Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Lass es jetzt geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen.«
Da ließ er es geschehen. In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, siehe, da öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, aus dem Himmel sprach eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.« 

Johannes sieht die vielen Leute und Jesus mitten unter ihnen. Es ist eine harte Zeit. Sie leiden unter dem Unrecht und der Unterdrückung der römischen Besatzung und sie sind doch selbst nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Sie leben in Angst und Not und sie gehen doch selbst gleichgültig am Elend anderer vorbei. Sie sehnen sich nach Erlösung und missachten doch Gottes Gebot. „Ändert Euer Leben – oder es ist alles zu spät.“ So droht und drängt Johannes. Aber er tauft hier am Jordan, denn er sieht die Chance für einen Neuanfang mit Gott.
Nur: Warum will Jesus getauft werden?
Der braucht doch keine Vergebung. Der folgt doch ganz und gar Gottes Wort. Johannes kennt Jesus – Jesus war sein Schüler.
Lass es jetzt geschehen! Es ist richtig so,
denn wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen
.
Alle vier Evangelisten erzählen von der Taufe Jesu, aber nur Matthäus begründet sie so: wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen – Jesus sagt wir. Er stellt sich nicht über andere, auch nicht über Johannes. Er steht bewusst und mit Absicht mitten unter den Sündern. Kann man sagen: Jesus ist einer von denen, die Vergebung brauchen? Das wurde entschieden abgelehnt. Aber hier ist Jesus mitten unter den Leuten, bereit zu lernen, bereit auf dem Weg mit Gott zu gehen, bereit die Taufe zur Vergebung der Sünden zu empfangen. Matthäus hat Jesus den Immanuel genannt, den Gott mit uns (Mt 1,18-25) – wir hörten davon an Weihnachten. Dieser Immanuel ist wirklich mit uns. Er sagt wir, und meint es so.
Sein erstes Ziel ist: alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Gerechtigkeit ist kein ausgewogenes Ergebnis von Tarifpartnern, kein Gerichtsurteil und nicht in einer noch so guten Definition wirklich zu erfassen.
Gerechtigkeit geschieht zwischen Menschen und zwischen Gott und Mensch – oder sie wird eben verfehlt und geschieht nicht. Es geht um Treue, Vertrauen, Gemeinschaft.
Bestimmt meint Jesus damit die Thora, Gottes Gebot, und er will kein Iota, kein Strichlein von ihr fallen lassen, er will sie vielmehr zu ihrer vollen Bedeutung gelangen lassen.
Jesus selbst erfüllt die Gerechtigkeit, wenn er gütig und großzügig handelt, wenn er Gebeugte aufrichtet und Gelähmten Kraft gibt, wenn er vergibt und beschenkt und fröhlich macht.
Er nennt sich selbst sanftmütig und von Herzen demütig (Mt 11,28) – wir hätten ihn vielleicht gerne etwas härter. Er will selbst nicht der Erste sein, sondern der Diener aller (Mt 20,27) – wir wollen oft lieber vorne stehen. wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen – das ist sein Ziel und so lebt er.
Wir merken spätestens bei seiner Bergpredigt, wie fremd uns Gerechtigkeit sein kann.

Johannes staunt über Jesus mitten unter den Sündern. Und dann gibt es noch viel mehr zum Staunen: Der Himmel öffnet sich. Gottes Geist kommt zu Jesus, bestätigt ihn, bestärkt ihn und beflügelt ihn. Es folgt eine Liebeserklärung Gottes: mein geliebtes Kind, an dem ich Freude habe.
Heißt das nun: Gott erhöht Jesus?
Jesus ist doch nicht einer von uns?
Er steht zwar mitten unter den Sündern, aber er ist doch völlig anders?
Nein. Gleich danach erzählt Matthäus davon, wie Jesus in der Wüste versucht wird, und noch am Kreuz verspotten ihn seine Gegner: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig doch herab vom Kreuz.“ (Mt 27,40) Er ist wirklich der Immanuel, auf unserer Stufe, vertraut mit unserer Not und unserer Schwäche.
Auf unserem Weg mit Gott geht Jesus mit uns.
Er ist in dieser zerrissenen Welt voll Leid, Gewalt und Unrecht. Und er stellt sich bewusst auf die Seite der Opfer. Die sich nach Gerechtigkeit sehnen, nennt er selig und verspricht ihnen Gerechtigkeit (Mt 5,6).
Er ist bei uns, wenn wir voll Sorge fragen, wie es weitergehen soll. Und er sagt, wie Johannes: Kehrt um, ändert euer Leben, denn Gottes Reich ist nah (Mt 4,17).
Jesus verspricht den Getauften Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20). Die Liebeserklärung Gottes gilt auch uns, denn wir sind seine Kinder. Amen