Er(Jesus) sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.
Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lk 18,9-14)
Und wieder zählen wir Medaillen. Täglich wird gemeldet, welche deutschen Sportlerinnen und Sportler Medaillen gewonnen haben und wie der Medaillenspiegel aussieht. Deutschland ist auf Platz drei oder vier in Paris bei der Schwimmmeisterschaft und ebenfalls auf Platz drei oder vier in Birmingham bei der Leichtathletik (Stand 14.8.) Auch wenn ich von beiden Sportarten keine Ahnung habe, freue ich mich über die Erfolge. Wir wollen so gerne zu den Guten oder am liebsten zu den Besten gehören: zu den Sportlichen, zu den Schönen, zu den Schlauen und zu den Erfolgreichen. Seit wir Kleinkinder waren brauchen, wir das Gefühl gut zu sein, anerkannt und geliebt, und spätestens in der Schule haben wir uns mit anderen verglichen.
Aber Angeber, die sich selbst loben und andere verachten, gehen uns auf die Nerven. Donald Trump ist das krasseste Beispiel. So wollen wir auf keinen Fall sein. Eugen Roth schrieb zu dem, was Jesus erzählt:
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
„Gottlob!“ rief er in eitlem Sinn,
„dass ich kein Pharisäer bin“.
Wir halten uns für besser, und schon haben wir es genauso gemacht und den Pharisäer verachtet. Er ist sprichwörtlich geworden für Heuchelei. Unsere Sympathie ist beim Zöllner. Aber die Pharisäer haben unsere Verachtung nicht verdient, und was die Zöllner damals machten, war alles andere als sympathisch.
Jesus fordert uns mit seinem Gleichnis heraus. Und was er erzählt, ist für seine ersten Hörer bestimmt richtig ärgerlich.
Zöllner werden verachtet und gemieden. Sie pachten eine Zollstation von den Römern und ziehen für die verhasste Besatzungsmacht Geld ein. Sie leben davon, dass sie zu viel Gebühren verlangen und in die eigene Tasche wirtschaften – Ausbeutung der eigenen Leute und Korruption. Pharisäer dagegen sind hoch geachtet. Sie bemühen sich ehrlich um ein Leben nach Gottes Gebot. Sie warnen übrigens ausdrücklich vor Selbstgerechtigkeit. Ein Zehntel der Einnahmen für die Armen? – alle Achtung – damit könnten wir viele Probleme lösen. „Pharisäer“ wurde zu einem anderen Wort für Heuchler – damit haben wir auch eine antijüdische Denkfigur gestärkt. Noch immer wird das Vorurteil gerne gepflegt, alle Juden seien Heuchler. Ihr Eifer, die Gebote zu befolgen sei verlogen.
Was Jesus sagt, ist für seine Hörer kaum zu ertragen. Der Zöllner kommt gut weg und der gerechte Pharisäer wird zum Heuchler erklärt.
Aber schauen wir genau hin, worum es geht:
Beide kommen in den Tempel um zu beten. Ganz unterschiedlich treten sie vor Gott. Jesus sagt nicht, dass der Zöllner gerechter ist als der Pharisäer – das ist er bestimmt nicht. Aber der Zöllner tritt vor Gott und ihm ist bewusst, dass er nichts anderes kann, als um Gnade zu bitten. „Ich brauche dich, Gott. Und ich brauche deine Gnade, denn ich entspreche dir überhaupt nicht. Ich bin ein Sünder, Gott.“
Der Pharisäer dagegen betet und erzählt Gott, wie gerecht er doch ist. Zwar sagt er danke, aber dann zählt er selbstgefällig seine guten Taten auf. Es ist, als ob er zu sich selbst spricht – er ist sich selbst genug und braucht eigentlich Gott gar nicht. Und nun geht der ungerechte Zöllner gerechtfertigt nach Hause, aber nicht der Pharisäer. Gott schenkt dem Vergebung und Gnade, der ihn von Herzen darum bittet – was zwischen ihm und Gott stand, alles, was ihn zum Sünder gemacht hat, das ist bereinigt – er ist gerechtfertigt, denn die Sünde trennt ihn nicht von Gott.
Der Pharisäer kommt zum Gebet in den Tempel, aber eigentlich meint er nicht Gott. Seine Selbstgefälligkeit und die Verachtung der anderen trennt ihn von Gott. Er ist Gott nicht begegnet.
Wie geht es weiter? Wird der Pharisäer bemerken, wie herzlos und gottlos sein Verhalten ist? Wird der Zöllner aufhören, Menschen zu betrügen oder kann er sogar aus dem korrupten System der Besatzungsmacht aussteigen?
Jesus erzählt sein Gleichnis Leuten, die sich selbst für gerecht halten und andere verachten. Er erzählt es nicht um seinen Zuhörern eins auszuwi-schen. Er kritisiert ihre Selbstgerechtigkeit. Aber auch ihnen gilt seine Einladung: Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15) Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1.Tim 2,4)
Und wie gehen wir weiter?
Jesu Gleichnis bleibt eine Provokation.
Wir wollen nicht sein wie dieser Pharisäer. Aber wir tappen nur zu gerne in die Falle, dass wir uns vergleichen, uns für besser halten und auf andere herabschauen wie der Pharisäer: herabschauen auf die Arbeit eines Kollegen, auf die Fähigkeiten oder das Aussehen anderer, auf das, was wir für ihren oder seinen Glauben halten. Wir bewerten andere, oft ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, was sie bewegt und was sie geprägt hat. Wir stehen uns selbst im Weg wie der Pharisäer. Wir bilden uns etwas ein auf unsere Sportlichkeit, unsere Erfolge, unsere Gerechtigkeit oder was auch immer – und wir sehen gar nicht, wie viel davon einfach Begabung ist oder dass wir gefördert wurden oder dass wir Glück hatten.
Beide, der Pharisäer in Jesu Gleichnis wie der Zöllner sind angewiesen auf Gottes Gnade. Beide haben Umkehr nötig, Buße.
Der Zöllner war verstrickt in ein System von Unrecht. Vieles, was er angerichtet hatte, war nicht wieder gut zu machen.
Auch das kennen wir wohl bei uns, dass wir verstrickt sind in ungerechte Strukturen, auf Kosten anderer leben, und dass wir anderen manches schuldig bleiben und Unrecht nicht wieder gut machen können. Wir können aber um Vergebung bitten und neu anfangen.
Vorhin bei der Taufe hörten wir das Evangelium für die Kinder.
Wer darf zu Jesus kommen? Wer darf zu Gott? Auch die Kinder, die nichts haben als ihr Vertrauen. Gerade so sind sie Gott lieb.
Wer darf kommen? Wer darf vor Gott treten und beten?
Alle, die Gott wie einem lieben Vater vertrauen, alle Kinder Gottes. Amen