Jes 66,10-14 Predigt Andreas Hansen

Das Baby schreit. Es lässt sich nicht mehr ablenken. Jetzt, sofort muss etwas geschehen! Hunger! Länger ist das nicht auszuhalten. Verzweifelt und unduldsam schreit es. Mama knöpft die Bluse auf – das Baby riecht die Milch und sieht, was die Mutter macht. Es japst und giert. Es ist außer sich. Dann endlich die Brust, und es trinkt so gierig, dass es sich zuerst verschluckt, dann in großen, lustvollen Zügen. Vor Wonne brummt es und lächelt. Ganz zurecht heißt das, was da geschieht, Stillen. Was für ein friedliches Bild nach dem Drama, Mutter und Kind eine liebevolle Einheit.
An dies Urbild von Geborgenheit erinnert uns Jesaja in den Versen, die heute unser Predigttext sind. Jes 66,10-14:
Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt! Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen. Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.
Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten. Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.

Eine Stadt, die stillen kann. Trinkt euch satt an ihrer Brust! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Ich habe meine Kinder vor Augen, als sie ganz klein waren und jetzt meine Enkel. Glückliche gestillte Kinder, getröstet, geborgen, ganz hingegeben.
So soll Jerusalem sein? Frieden, der sich ausbreitet wie ein Strom – wie wunderschön wäre das! Darüber sollen sich alle freuen, die Jerusalem lieben. Fröhlich sein sollen alle, die über sie getrauert haben. Und da klingt schon an, dass die Freude nicht immer ungetrübt war.
Trost ist bitter nötig!

Kennen Sie die Madonna von Kiew? Sicher umfangen hält sie den Säugling. Winzig liegt er geborgen im Arm der Mutter. Das Kind trinkt an der Brust der Mutter. Es ist ein inniges Bild. Zart und zärtlich, und es ist ein symbolträchtiges Bild. Während der Bombardierung der ukrainischen Hauptstadt Kiew hat sich die Mutter in die Kiewer Metro geflüchtet und stillt dort ruhig und gelassen ihr Kind. Für das Kind ist jetzt alles gut, aber die Welt ist zerrissen von Gewalt. Ein Foto dieser Szene ist vor vier Jahren um die Welt gegangen. Und hat einer Künstlerin zur Vorlage einer Ikone gedient: die Madonna von Kiew ist zum Symbol des Widerstands und der Hoffnung geworden.
Ein Bild der Hoffnung und des Friedens mitten in all der Grausamkeit.
Bilder von Krieg und Gewalt sehen wir täglich. Kann die Hoffnung standhalten?
Noch immer herrscht in Kiew Krieg, und in Teheran und in Beirut und in Jerusalem.
Noch immer werden Häuser zu Schutthaufen zerbombt, die Schutzräume sind überfüllt, wenn es denn Schutzräume gibt.
Noch immer müssen zahllose Menschen fliehen.
Noch immer entscheiden Machthaber, dass Krieg sein soll ohne Rücksicht auf all das Leid.
Trost ist bitter nötig!

Unser Predigttext steht im letzten Kapitel des Jesajabuches. Über Jahrhunderte wurde an diesem großen Werk gearbeitet. Immer wieder erlebte das Volk großes Leid. Jesaja, oder die, die später unter seinem Namen schreiben, Jesaja warnt und kündigt Unheil an, dann aber tröstet er voll Wärme und Herzlichkeit. Denn sie kehren zurück in ihre Stadt nach dem Krieg, aber wie sieht es hier aus! Der einst so prächtige Tempel ist nur noch ein Notbehelf. Wenn ihre Häuser noch stehen, wohnen dort andere. Wo sind die vertrauten Nachbarn, der Bäcker, der Markt, die Schule? Sie hatten solche Sehnsucht nach Jerusalem, aber nun ist die Stadt ein trostloser Ort.

Trauer und Wut klingt auch in unseren Trostversen an. Gottes Zorn entbrennt über seine Feinde und über das, was sie anrichten. Jesaja macht seinen Zeitgenossen und uns keine heile Welt vor.
Da sind wir mitten in der Passionszeit:
Gott lässt sich ein auf das Leid. Gott stellt sich auf die Seite der Opfer. Jesus lässt sich Unrecht antun ohne sich zu wehren. Er lässt sich zum Opfer machen. Er verzichtet auf alle Macht. Er hängt wie ein Verbrecher am Kreuz und stirbt.
Gottes Zorn entbrennt über die, die Menschen Gewalt antun, denen gleichgültig ist, wie viele Opfer ihr Krieg fordert. Gottes Feinde nennt sie Jesaja. Es ist wichtig, dass Jesaja auch davon spricht, weil unsere Erde so oft ein trostloser Ort ist, weil Trost so bitter nötig ist.

Denn die Feinde Gottes haben nicht das letzte Wort. Jerusalem bleibt kein trostloser Ort. Heute werden von Israel aus Menschen überfallen und in Not gestürzt, im Libanon, im Iran, in der Westbank und in Gaza. Aber umgekehrt wollen sie Israel auslöschen und seine Bewohner ins Meer treiben. Was für ein heilloser Konflikt mit immer neuem Schrecken! Wie viel Schuld auf allen Seiten und wie viel Leid!
Ausgerechnet Jerusalem? – Gott sagt: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Ja, ausgerechnet Jerusalem! Gott findet sich nicht ab mit all dem Unrecht und all dem Elend.
Jerusalem wird zu Ort des Trostes.
Dort stirbt Jesus und dort begegnet der Auferstandene am Ostermorgen den Frauen.
Alle die Jerusalem lieben, sollen sich satt trinken am Reichtum ihrer Brüste – Kavod heißt Glanz, Schwere, Herrlichkeit, auch Reichtum. Das neue Jerusalem wird unsere Sehnsucht stillen.
Und nun identifiziert sich Gott mit der Frau Jerusalem, nun spricht Gott in weiblichen, schönen Bildern zu uns:
Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
Gott ist nicht eine Frau oder ein Mann – das wissen wir doch. Gott ist Vater und Mutter.
Gott hat Sehnsucht nach uns, sie will uns nah sein. Sie ist unbedingt auf unserer Seite. Gott, unsere Mutter, lässt uns nicht los.
Sie ist die Mutter ihres Volkes Israel, aber auch Mutter der Iraner, Libanesen, Palästinenser, der Russen und der Ukrainer und der Deutschen. An allen hängt ihr Herz.
Keine und keiner ist Gott gleichgültig.
Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Für alle will sie Gutes und leidet mit allen Opfern von Krieg und Gewalt und Unrecht.
Auch zornig ist sie, wenn jemand oder etwas ihre Kinder verletzt, zornig auch, wenn ihre Kinder selbst Böses anrichten.
Trost ist bitter nötig!
Zum Glück ist Gott wie eine Mutter,
unbedingt und leidenschaftlich auf unserer Seite, auf der Seite aller Menschen.
Amen