
Orgelvorspiel
… „so vielschichtig wie das Leben“ ist Ihre Fotokunst, Herr Berg. Es ist reizvoll und lohnend, die vielen Schichten eines Bildes zu entdecken. Fragen nach dem Leben stellen sich. „Was macht mein Leben aus? Wer bin ich? Wer bin ich vor Gott?
Ihr Bild begleitet uns durch den Gottesdienst.
EG 452,1+2+5 Er weckt mich alle Morgen
Votum
Gruß
Ps 139
HERR, du erforschest mich und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht alles wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht.
Herr, du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
Es war dir mein Gebein nicht verborgen,
da ich im Verborgenen gemacht wurde,
da ich gebildet wurde unten in der Erde.
Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.
Ehr sei dem Vater
Wer bin ich? Ich bringe meine Frage zu dir, Gott.
Du erforschest mich und kennest mich,
aber ich selbst bin mir oft ein Rätsel.
Ich sehe wohl, was für Begabungen und Möglichkeiten du mir schenkst,
was für einen Schatz an guten Gaben, an Menschen, die ich liebe,
Schönes, das ich genieße, schöne Erlebnisse, beglückende Erfahrungen.
Hab Dank dafür, dass du mir das Leben und so viel Gutes geschenkt hast.
Wunderbar hast du mich geschaffen.
Aber ich sehe auch die Grenzen meiner Möglichkeiten,
mein Ungenügen, mein Scheitern,
dass ich anderen nicht gerecht werde,
dass ich gefangen bin in dem, was mich geprägt hat,
in kleinlicher Sorge um mich selbst, in Ängsten.
Du weißt, wie widersprüchlich ich bin,
wie fehlbar, wie schwach.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.
Amen
Neue Lieder 130 Du siehst mich
Eigentlich bin ich ganz anders,
ich komme nur so selten dazu.
Paulus beschreibt, wie sehr er ein anderer sein will und es doch nicht kann. Wir hören Verse aus Römer 7:
Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden,
aber nicht die Fähigkeit, es zu tun.
Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute.
Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse.
Ich tue also das, was ich nicht will.
Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde.
Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit:
Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach
stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu.
Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt.
Sünde: Was mich trennt – von anderen, von mir selbst, von Gott. Sünde hat viele Gestalten.
Selbstsucht, Egoismus und auch Angst vor dem, was in mir steckt. Habgier und auch Angst zu kurz zu kommen.
Rechthaberei und die Angst zur Wahrheit zu stehen.
Verbohrtheit, Fanatismus und Gleichgültigkeit. Unfähigkeit zu Beziehungen und das Ausnutzen von anderen. Trägheit und Aktionismus. Gier und Ekel.
Orgelinterpretation
Wenige Verse später schreibt Paulus von der Befreiung aus der Gefangenschaft der Sünde, Verse aus Römer 8:
Aber ihr seid nicht mehr von der menschlichen Natur bestimmt, sondern vom Geist Gottes. Denn der wohnt in euch. … Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat,
wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken.
Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.
… Alle, die sich von diesem Geist führen lassen,
sind Kinder Gottes. Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht.
Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben.
Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: »Abba! Vater!« Und derselbe Geist bestätigt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.
Amen
351,1+5+7 Ist Gott für mich
Ich sehe das Bild an:
Eine Gestalt – eine Puppe, ein Mensch? – aufrecht stehend, oder kommt sie auf mich zu? – gesichtslos und doch mir zugewandt
Holzmaserungen, Stirnholz mit Jahresringen: überlagert die Gestalt, zergliedert, fragmentiert sie, löst sie auf
Blau: freundlich, himmlisch oder kalt, technisch? geheimnisvoll, vielschichtig, tief
Brüche, Risse, unfertig, getrennt, gescheitert
Wachsen, Reifen, kraftvoll und fruchtbar
Orgelinterpretation
Sie wollen nicht einfach abbilden, was man sehen kann, Herr Berg. Oft fängt Ihre künstlerische Arbeit nach dem Fotografieren erst an. Sie gestalten Bilder mit verschiedenen Ebenen, die gliedern und korrespondieren. Sie verfremden, abstrahieren, lösen das Fotografierte auf und setzen es neu zusammen. Die Vielschichtigkeit Ihrer Bilder fordert uns auf: „Seht hin! Seht genau hin!
Was ihr zu sehen meint, könnte auch anders sein. Lasst euch überraschen!
Entdeckt neue Möglichkeiten!
Findet Wesentliches! Seht!“
Unsere subjektive Interpretation ist gefragt.
So sehe ich diese Gestalt,
die mir einen Spiegel vorhält: Wer bin ich?
Zerbrochen, fragmentarisch, unfertig,
zugleich vor diesen Jahresringen,
Symbol von Wachsen,
voll Hoffnung auf das, was wird.
Wer bin ich vor Gott?
Wie mag Gott mich sehen?
Hören wir zwei Verse aus dem 1. Johannesbrief:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Darum kennt uns die Welt nicht;
denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder;
es ist aber noch nicht offenbar geworden,
was wir sein werden.
Wir wissen aber: wenn es offenbar wird,
werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist. (1.Joh3,1f)
Gott entdeckt uns.
Gott sieht uns, sieht, was noch verborgen ist,
was sich entfalten wird, vollenden wird.
Noch sehen wir Brüche, Bruchstücke, belastete und zerbrochene Beziehungen, ungelöste Konflikte, vieles, was leidvoll unfertig ist.
Wir sehen das in unserem Leben:
Zeiten, in denen wir uns in unserer Haut nicht wohl fühlen, in denen wir unter Druck stehen,
Angst oder Sorge haben, bedrückt sind.
Wir sehen es in unseren Beziehungen, wenn wir einander nicht gerecht werden und wehtun,
wenn wir uns voneinander entfremden.
Wir sehen die Brüche, das Fragmentarische auch vielfältig in der Welt.
Das Konzept von „Leben als Fragment“ ist in der seelsorglichen Betrachtung des Menschen auch entlastend. Unser Leben darf unfertig sein.
Wir lassen uns befreien vom unrealistischen Ideal einer Perfektion, vom irren Drang, besser zu sein als andere, möglichst vollkommen zu sein, schön, erfolgreich, mit uns im Reinen, gesund und sexy.
Wir dürfen wohlwollend auf die Brüche in unserem und anderem Leben sehen, auf das Unfertige und Unvollkommene. Freuen wir an dem, was sich noch entfalten kann, entdeckt werden kann.
„Seht, was für seltsame Gestalten wir zuweilen sind! Oft selbstverliebt und eitel,
oft gezeichnet vom Leben,
von zu viel Genuss oder von zu viel Schmerz.
Seht euch selbst an, mit Humor und Wohlwollen! Dann kommt ihr vielleicht dem liebevollen Sehen Gottes nahe.“
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen.
Voll Liebe sieht Gott uns an, wie eine Mutter, wie ein Vater, mit Wertschätzung, mit Freude, sicher mit Humor: „Was stellen sie schon wieder an!“
Gott sieht unsere Brüche, das Unfertige,
das Scheitern, natürlich auch unsere Schuld,
was wir anrichten, was wir anderen und uns selbst antun.
Das alles sieht Gott und sieht uns doch liebevoll an. Denn wir sind seine Kinder, Töchter und Söhne Gottes.
Wie wir als Erwachsene Kinder unserer Eltern bleiben, dürfen wir auch vor Gott Kinder sein,
kindlich vertrauen, kindlich spielen, uns erfinden, lebendig sein.
Es fällt uns schwer, das zu glauben. Darum unterstreicht Johannes: und wir sind es auch!
Es fällt uns schwer zu glauben, dass wir von Gott behütet, begleitet und geliebt werden. Wir wollen doch, wie alle Kinder, so gerne ganz groß sein. Die Welt, die uns nicht kennt? – das sind wir selbst mit unseren Zweifeln, dem verzweifelten Selbst-Sein-wollen, dem Größenwahn und zugleich der Angst uns zu verfehlen.
Unser Blick ist so oft verstellt.
Unsere Herzen sind so oft eng.
Gott sieht mehr, sieht schon, was uns noch verborgen ist. Liebevoll, barmherzig, mit Freude und voll guter Erwartung sieht Gott uns an, wie Mutter und Vater ihr Kind ansehen.
Seht, und ihr werdet noch mehr sehen!
Wie schön, dass Sie uns mit Ihren Bildern ein wenig die Augen öffnen, dass Sie uns helfen, anders und mehr zu sehen.
Johannes wagt einen tollen Ausblick:
Alles, was uns den Blick verstellt, wird überwunden sein.
Es wird offenbar, was wir sind
und was uns jetzt noch verborgen ist,
was es bedeutet, dass wir Kinder Gottes sind.
Wir werden Christus gleich sein.
Zweifel und Angst werden überwunden sein.
Wir werden ihn sehen, wie er ist.
Amen
Neue Lieder 56 Ich sing dir mein Lied
Barmherziger Gott,
wie Vater und Mutter, so siehst du uns an,
siehst unsere Sorgen, siehst unsere Ängste,
unsere Schuld, unser Scheitern,
und doch blickst du voll Liebe auf unser Leben.
Weite unseren Blick,
hilf uns zu sehen,
unsere Mitmenschen als deine geliebten Kinder,
uns selbst mit all unseren Brüchen,
unserer Sehnsucht, unseren Fehlern,
und doch getragen und geliebt wie Kinder.
Wir bitten für die, die voll Sorge in ihre Zukunft schauen,
in wirtschaftlicher Not, in festgefahrenen Konflikten,
überfordert, ratlos, in psychischem Leiden,
in Krankheit und in Trauer.
Hilf ihnen, zuversichtlich weiterzugehen.
Bewahre und stärke sie.
Und hilf uns, ihnen beizustehen.
Wir bitten um Frieden in der Welt.
Wehre der Gewalt und der Menschenverachtung.
Wir bitten für die Opfer der Kriege, die Verletzten,
die Verwaisten, Menschen in Not, ohne ihr Zuhause,
auf der Flucht.
Wir bitten für die, die sich um Kranke, Verletzte und Flüchtlinge kümmern und sich dabei selbst in Gefahr bringen.
Wehre denen, denen es nur um ihre Macht geht.
Stärke diejenigen, die sich einsetzen für Frieden, für Gerechtigkeit und Demokratie.
Bewahre deine Kirche in allen Konfessionen.
Sei bei unseren Lieben.
Schenke ihnen, schenke uns allen die Freiheit und Lebensfreude deiner Kinder.
Vaterunser
Segen
Orgelnachspiel