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Gottesdienst zur Vernissage mit Fotokunst von Reinhard Berg, Predigttext 1.Joh 3,1+2, 19.4.26, Andreas Hansen


Orgelvorspiel

… „so vielschichtig wie das Leben“ ist Ihre Fotokunst, Herr Berg. Es ist reizvoll und lohnend, die vielen Schichten eines Bildes zu entdecken. Fragen nach dem Leben stellen sich. „Was macht mein Leben aus? Wer bin ich? Wer bin ich vor Gott?
Ihr Bild begleitet uns durch den Gottesdienst.

EG 452,1+2+5 Er weckt mich alle Morgen
Votum
Gruß
Ps 139
HERR, du erforschest mich und kennest mich. 
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne. 
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege. 
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht alles wüsstest. 
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir. 
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen. 
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht. 
Herr, du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe. 
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. 
Es war dir mein Gebein nicht verborgen,
da ich im Verborgenen gemacht wurde,
da ich gebildet wurde unten in der Erde. 
Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war. 
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. 
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege. 

Ehr sei dem Vater

Wer bin ich? Ich bringe meine Frage zu dir, Gott.
Du erforschest mich und kennest mich,
aber ich selbst bin mir oft ein Rätsel.
Ich sehe wohl, was für Begabungen und Möglichkeiten du mir schenkst,
was für einen Schatz an guten Gaben, an Menschen, die ich liebe,
Schönes, das ich genieße, schöne Erlebnisse, beglückende Erfahrungen.
Hab Dank dafür, dass du mir das Leben und so viel Gutes geschenkt hast.
Wunderbar hast du mich geschaffen.
Aber ich sehe auch die Grenzen meiner Möglichkeiten,
mein Ungenügen, mein Scheitern,
dass ich anderen nicht gerecht werde,
dass ich gefangen bin in dem, was mich geprägt hat,
in kleinlicher Sorge um mich selbst, in Ängsten.
Du weißt, wie widersprüchlich ich bin,
wie fehlbar, wie schwach.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. 
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege. 

Amen

Neue Lieder 130 Du siehst mich

Eigentlich bin ich ganz anders,
ich komme nur so selten dazu.

Paulus beschreibt, wie sehr er ein anderer sein will und es doch nicht kann. Wir hören Verse aus Römer 7:
Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden,
aber nicht die Fähigkeit, es zu tun.
Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute.
Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse.
Ich tue also das, was ich nicht will.
Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde.
Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit:
Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach
stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu.
Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt.

Sünde: Was mich trennt – von anderen, von mir selbst, von Gott. Sünde hat viele Gestalten.
Selbstsucht, Egoismus und auch Angst vor dem, was in mir steckt. Habgier und auch Angst zu kurz zu kommen.
Rechthaberei und die Angst zur Wahrheit zu stehen.
Verbohrtheit, Fanatismus und Gleichgültigkeit. Unfähigkeit zu Beziehungen und das Ausnutzen von anderen. Trägheit und Aktionismus. Gier und Ekel.

Orgelinterpretation

Wenige Verse später schreibt Paulus von der Befreiung aus der Gefangenschaft der Sünde, Verse aus Römer 8:
Aber ihr seid nicht mehr von der menschlichen Natur bestimmt, sondern vom Geist Gottes. Denn der wohnt in euch. … Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat,
wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken.
Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.
… Alle, die sich von diesem Geist führen lassen,
sind Kinder Gottes. Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht.
Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben.
Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: »Abba! Vater!« Und derselbe Geist bestätigt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

Amen

351,1+5+7 Ist Gott für mich

Ich sehe das Bild an:

Eine Gestalt – eine Puppe, ein Mensch? – aufrecht stehend, oder kommt sie auf mich zu? – gesichtslos und doch mir zugewandt

Holzmaserungen, Stirnholz mit Jahresringen: überlagert die Gestalt, zergliedert, fragmentiert sie, löst sie auf

Blau: freundlich, himmlisch oder kalt, technisch? geheimnisvoll, vielschichtig, tief

Brüche, Risse, unfertig, getrennt, gescheitert

Wachsen, Reifen, kraftvoll und fruchtbar

Orgelinterpretation

Sie wollen nicht einfach abbilden, was man sehen kann, Herr Berg. Oft fängt Ihre künstlerische Arbeit nach dem Fotografieren erst an. Sie gestalten Bilder mit verschiedenen Ebenen, die gliedern und korrespondieren. Sie verfremden, abstrahieren, lösen das Fotografierte auf und setzen es neu zusammen. Die Vielschichtigkeit Ihrer Bilder fordert uns auf: „Seht hin! Seht genau hin!
Was ihr zu sehen meint, könnte auch anders sein. Lasst euch überraschen!
Entdeckt neue Möglichkeiten!
Findet Wesentliches! Seht!“
Unsere subjektive Interpretation ist gefragt.

So sehe ich diese Gestalt,
die mir einen Spiegel vorhält: Wer bin ich?
Zerbrochen, fragmentarisch, unfertig,
zugleich vor diesen Jahresringen,
Symbol von Wachsen,
voll Hoffnung auf das, was wird.

Wer bin ich vor Gott?
Wie mag Gott mich sehen?
Hören wir zwei Verse aus dem 1. Johannesbrief:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Darum kennt uns die Welt nicht;
denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder;
es ist aber noch nicht offenbar geworden,
was wir sein werden.
Wir wissen aber: wenn es offenbar wird,
werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
(1.Joh3,1f)

Gott entdeckt uns.
Gott sieht uns, sieht, was noch verborgen ist,
was sich entfalten wird, vollenden wird.
Noch sehen wir Brüche, Bruchstücke, belastete und zerbrochene Beziehungen, ungelöste Konflikte, vieles, was leidvoll unfertig ist.
Wir sehen das in unserem Leben:
Zeiten, in denen wir uns in unserer Haut nicht wohl fühlen, in denen wir unter Druck stehen,
Angst oder Sorge haben, bedrückt sind.
Wir sehen es in unseren Beziehungen, wenn wir einander nicht gerecht werden und wehtun,
wenn wir uns voneinander entfremden.
Wir sehen die Brüche, das Fragmentarische auch vielfältig in der Welt.
Das Konzept von „Leben als Fragment“ ist in der seelsorglichen Betrachtung des Menschen auch entlastend. Unser Leben darf unfertig sein.
Wir lassen uns befreien vom unrealistischen Ideal einer Perfektion, vom irren Drang, besser zu sein als andere, möglichst vollkommen zu sein, schön, erfolgreich, mit uns im Reinen, gesund und sexy.
Wir dürfen wohlwollend auf die Brüche in unserem und anderem Leben sehen, auf das Unfertige und Unvollkommene. Freuen wir an dem, was sich noch entfalten kann, entdeckt werden kann.

„Seht, was für seltsame Gestalten wir zuweilen sind! Oft selbstverliebt und eitel,
oft gezeichnet vom Leben,
von zu viel Genuss oder von zu viel Schmerz.
Seht euch selbst an, mit Humor und Wohlwollen! Dann kommt ihr vielleicht dem liebevollen Sehen Gottes nahe.“
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen.
Voll Liebe sieht Gott uns an, wie eine Mutter, wie ein Vater, mit Wertschätzung, mit Freude, sicher mit Humor: „Was stellen sie schon wieder an!“
Gott sieht unsere Brüche, das Unfertige,
das Scheitern, natürlich auch unsere Schuld,
was wir anrichten, was wir anderen und uns selbst antun.
Das alles sieht Gott und sieht uns doch liebevoll an. Denn wir sind seine Kinder, Töchter und Söhne Gottes.
Wie wir als Erwachsene Kinder unserer Eltern bleiben, dürfen wir auch vor Gott Kinder sein,
kindlich vertrauen, kindlich spielen, uns erfinden, lebendig sein.
Es fällt uns schwer, das zu glauben. Darum unterstreicht Johannes: und wir sind es auch!
Es fällt uns schwer zu glauben, dass wir von Gott behütet, begleitet und geliebt werden. Wir wollen doch, wie alle Kinder, so gerne ganz groß sein. Die Welt, die uns nicht kennt? – das sind wir selbst mit unseren Zweifeln, dem verzweifelten Selbst-Sein-wollen, dem Größenwahn und zugleich der Angst uns zu verfehlen.
Unser Blick ist so oft verstellt.
Unsere Herzen sind so oft eng.
Gott sieht mehr, sieht schon, was uns noch verborgen ist. Liebevoll, barmherzig, mit Freude und voll guter Erwartung sieht Gott uns an, wie Mutter und Vater ihr Kind ansehen.

Seht, und ihr werdet noch mehr sehen!
Wie schön, dass Sie uns mit Ihren Bildern ein wenig die Augen öffnen, dass Sie uns helfen, anders und mehr zu sehen.
Johannes wagt einen tollen Ausblick:
Alles, was uns den Blick verstellt, wird überwunden sein.
Es wird offenbar, was wir sind
und was uns jetzt noch verborgen ist,
was es bedeutet, dass wir Kinder Gottes sind.
Wir werden Christus gleich sein.
Zweifel und Angst werden überwunden sein.
Wir werden ihn sehen, wie er ist.
Amen

Neue Lieder 56 Ich sing dir mein Lied

Barmherziger Gott,
wie Vater und Mutter, so siehst du uns an,
siehst unsere Sorgen, siehst unsere Ängste,
unsere Schuld, unser Scheitern,
und doch blickst du voll Liebe auf unser Leben.
Weite unseren Blick,
hilf uns zu sehen,
unsere Mitmenschen als deine geliebten Kinder,
uns selbst mit all unseren Brüchen,
unserer Sehnsucht, unseren Fehlern,
und doch getragen und geliebt wie Kinder.

Wir bitten für die, die voll Sorge in ihre Zukunft schauen,
in wirtschaftlicher Not, in festgefahrenen Konflikten,
überfordert, ratlos, in psychischem Leiden,
in Krankheit und in Trauer.
Hilf ihnen, zuversichtlich weiterzugehen.
Bewahre und stärke sie.
Und hilf uns, ihnen beizustehen.

Wir bitten um Frieden in der Welt.
Wehre der Gewalt und der Menschenverachtung.
Wir bitten für die Opfer der Kriege, die Verletzten,
die Verwaisten, Menschen in Not, ohne ihr Zuhause,
auf der Flucht.
Wir bitten für die, die sich um Kranke, Verletzte und Flüchtlinge kümmern und sich dabei selbst in Gefahr bringen.
Wehre denen, denen es nur um ihre Macht geht.
Stärke diejenigen, die sich einsetzen für Frieden, für Gerechtigkeit und Demokratie.

Bewahre deine Kirche in allen Konfessionen.
Sei bei unseren Lieben.
Schenke ihnen, schenke uns allen die Freiheit und Lebensfreude deiner Kinder.

Vaterunser

Segen
Orgelnachspiel

Jes 40,26-31 Predigt Andreas Hansen

(Wir singen vor der Predigt Lied EG 117 Der schöne Ostertag)

Was für ein Jubel: Er ist erstanden, erstanden, erstanden!
Die Welt ist eine andere, seit Jesus auferstanden ist. Die Macht des Todes erscheint ungeheuer, aber das Leben hat gesiegt.
Die Mächtigen der Welt toben sich aus, aber sie sind bloßgestellt, entzaubert, lächerliche Figuren.
Im Namen Gottes protestieren wir gegen den Tod und alle Todesmacht.
Im Namen Gottes entzaubert Jesaja, der Prophet, die Mächtigen seiner Zeit.
Die Weltmacht Babylon hat Israel vernichtet. Der Tempel und die Stadt Jerusalem sind Trümmerhaufen. Ein Teil des Volkes ist nach Babylon verbannt. Das Land sieht vielleicht nicht so schrecklich aus wie die Städte nach den Kriegen unserer Zeit, aber es ist in seinen Grundfesten erschüttert. Was damals geschieht, ist für Israel die größte vorstellbare Katastrophe.
Sie fragen: „Was wird aus uns? Hat Gott uns vergessen? Haben wir uns zu Unrecht auf Gott verlassen?“
Jesaja widerspricht der Verzweiflung, der Resignation vor den Mächtigen und ihrem Geprahle, dem Zweifel an Gott.
Hören wir den Predigttext Jesaja 40,26-31:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!
Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen,
und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?
Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 
aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden. 

Alles hat Gott geschaffen.
Gott schenkt das Leben.
Er gibt die Kraft wieder aufzustehen wie Adler, zu laufen und nicht matt zu werden.
Keinen Schritt können wir tun ohne Gott.
Jesaja zeigt auf den Himmel, die Sterne. „Weißt du wie viel Sternlein stehen?… Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass nicht eins von ihnen fehlet.“
In Babylon und Ägypten verehrte man Sonne, Mond und Sterne als Götter, als himmlische Kräfte, die unser Leben lenken, unheimliche, beängstigende Mächte, denen wir hilflos ausgeliefert sind.
Jesaja entzaubert diese Vorstellung.
Auch die Sterne sind Gottes Geschöpfe.
Der Glaube an den einen Gott ist befreiend.
Der riesige, weite Himmel muss euch keine Angst machen. Ihr seid nicht den Kräften des Himmels ausgeliefert. Ihr gehört nicht den Mächten und Gewalten. Ihr gehört allein Gott, eurem Schöpfer.
Denn es ist nur ein Gott. Er hat alles geschaffen. Er zählt die Sterne und hält sie in ihrer Bahn.
Eine enorme Befreiung: Was die Menschen in Angst versetzte, entpuppt sich als Lampen, Lampen, die Gott an den Himmel hängt.
Es ist nur ein Gott, ein Schöpfer. Nichts, was in der Welt ist, kein Geschöpf hat göttliche Macht.
Nicht einmal die Sterne können die Bahn ändern, die Gott ihnen gegeben hat.
Um wie viel kleiner müssen da die Menschen erscheinen, die sich doch so gerne Macht anmaßen und sich selbst vergöttern.
Mir fällt Heinrich Heines Gedicht Belsatzar ein: „Jehowa, dir künd ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.“ Und wenig später ist es aus mit ihm. Eine Botschaft für die großen und kleinen Diktatoren aller Zeiten.
Nur zu gerne reißen wir Menschen Macht an uns und überschreiten unsere Grenzen. Ich verzichte auf Beispiele. Wir sehen sie täglich in den Nachrichten, die sich als Herren der Welt gerieren und von Macht wie betrunken sind.
Auch wir spielen zuweilen mit der Macht und verlieren die Maßstäbe. Davon zeugen die Berichte von Gewalt in Familien, Mobbing in Schulen und Betrieben, digitalem Missbrauch und vielem mehr.
Wie befreiend ist es, wenn der Missbrauch von Macht und wenn die Verbrechen beim Namen genannt werden, wenn die, die sich Macht über andere anmaßen, entzaubert und begrenzt werden – ihre Macht ist endlich.
Auch sie sind nur Menschen.
Gott wird dem Unrecht ein Ende setzen.

Im Gottesdienst finden wir die rechten Maßstäbe, wenn wir Gott loben und nicht Menschen vergöttern oder sie maßlos fürchten.
Wir erkennen unsere Grenzen. Wir entzaubern die Götzen Macht, Erfolg, Leistung, Wachstum um jeden Preis.
Menschen, die Tausende umbringen lassen oder androhen, eine ganze Zivilisation zu vernichten – was für eine wahnsinnige Anmaßung gegen Gott.
Gott rückt unsere Maßstäbe zurecht – darum feiern wir Gottesdienst.
Gott richtet uns auf, damit wir nicht müde werden.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 
Jesaja formuliert derb: Warum sagst du, mein Recht geht meinem Gott am Hintern vorbei? – so oder noch derber müsste man übersetzen.
„Wie es uns geht, ist Gott doch sowas von egal!“
Viele können diese Klage nachvollziehen.
Jesaja meint: Nein, Gott lässt euch nicht aus den Augen, auch wenn ihr ihn jetzt nicht versteht. Er lässt seine Geschöpfe nicht allein. Keinen Schritt, keinen Atemzug können wir tun ohne Gott. Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.
Und Gottes Schöpferhandeln, Gottes Kreativität hört nicht auf. Gott ist die Quelle des Lebens.
Nie Gehörtes, nie Gesehenes kann wahr werden. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

Freilich besteht die ungeheure Herausforderung Israels damals und vieler Menschen bis heute.
Sie verstehen nicht, warum es ihnen so mies geht. Sie klagen, mein Recht geht meinem Gott am Hintern vorbei.
Es ist noch lange nicht alles gut. Übermächtig erscheinen der Tod und seine Helfer.
Und Gott macht nicht, was er könnte.
Gott räumt nicht einfach beiseite, was uns plagt.
„Die Quelle des Lebens ist unverfügbar. Gott kann sich zurücknehmen, sich entziehen und seinen Geschöpfen Raum und damit Freiheit gewähren.
Dieser Entzug Gottes hinterlässt … schmerzhafte Lücken und Schwächen, die zweifeln lassen.“ (Rainer Stuhlmann, GPM)
Darum beklagt sich Israel damals bei Gott. Sie können nicht verstehen, dass Gott sie in ihrem Elend warten lässt.
Jesaja nennt sie auch Jakob und erinnert an den, der mit Gott gestritten hat.
Für Jesaja ist das nur eine begrenzte Phase.
Nur zeitweise entzieht sich Gott.
Die Wende sieht Jesaja schon kommen.
Aber: Gottes Verstand ist unausforschlich.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.
Das könnten wir sein: Menschen, die auf Gott harren, ungeduldig warten, manchmal schwach sind und voller Zweifel.
Harrende sind Menschen voll ungestillter Sehnsucht. Unser Glaube ist nicht fertig.
Wir laufen keineswegs wie Glaubenskraftprotze durch unser Leben. Manchmal schleppen wir uns nur recht müde und matt voran.
Gott, der Schöpfer, die Quelle des Lebens, kann uns aus ihrer, seiner ungebrochenen Kreativität neue Kraft geben, dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler, dass wir laufen und nicht matt werden, dass wir wandeln und nicht müde werden.
„Ja Herr, wir danken dir. Gott, wie lobsingen dir.
Heilig, dein Name! Wir beten dich an.“ (EG 629)
Amen

1.Kor 15,20-28 Predigt Ostersonntag 26 Andreas Hansen

Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden, und zwar als Erster der Verstorbenen. Denn durch einen Menschen kam der Tod in die Welt.
So bringt auch ein Mensch die Auferstehung der Toten. Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbun-den sind, werden wir alle lebendig gemacht.
Das geschieht für jeden nach dem Platz, den Gott für ihn bestimmt hat: Als Erster wird Christus auferweckt. Danach, wenn er wiederkommt,
folgen alle, die zu ihm gehören. Dann kommt das Ende: Christus übergibt Gott, dem Vater, seine Herrschaft. Zuvor wird jede andere Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht vernichtet.
Denn Christus muss so lange herrschen, bis Gott ihm alle seine Feinde zu Füßen gelegt hat. Der letzte Feind, den er vernichten wird, ist der Tod.
Denn alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt.
Das bedeutet: Alles ist ihm unterworfen.
Eines ist jedoch offenkundig: Davon ist der ausgenommen, der ihm alles unterworfen hat – Gott. Sobald ihm nun alles unterworfen ist, wird auch der Sohn selbst sich unterwerfen: Er wird sich Gott unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat. Das geschieht, damit Gott alles umfasst
und in allem gegenwärtig ist.
(1.Kor 15,20-28)

Ganz und gar nicht leer war das Grab des früh verstorbenen Tutenchamun. Bei der schönen Mumie fanden sich unter tausenden anderen Grabbeigaben die königlichen Sandalen. Im Fußbett der Sandalen sind Darstellungen von Gefangen. Neun Bögen symbolisieren die feindlichen Mächte, die Ägypten unterworfen hat.
Der als Gott verehrte König durfte auf seinen Feinden herumtrampeln – eine Vorstellung, die manchen heutigen Möchte-gern-Königen gewiss gefallen würde. Sie trampeln ja zu gerne auf anderen herum. https://egypt-museum.com/sandals-of-tutankhamun/

Der HERR sprach zu meinem Herrn: »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege.« Der rätselhafte Psalm 110 ist der im Neuen Testament am häufigsten zitierte Text des Alten Testaments. Gott macht die Feinde zum Fußschemel. Jesus, nach jüdischem Verständnis König David, sitzt neben Gott und regiert. Er sitzt zur Rechten Gottes – bis in unser Glaubensbekenntnis hat es der Psalm geschafft. Der tief gedemütigte und entwürdigte Gekreuzigte sitzt nun neben Gott. Seine Füße tragen noch die Nägelmale, aber sie stehen auf den Feinden. Denn alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt. … jede andere Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht (wird) vernichtet.

Ostern ist ein erster Schritt, ein Anfang
Jesus ist wahrhaftig auferstanden.
Nun beginnt eine neue Zeit.
Was an Ostern geschah, geht weiter.
Was jetzt beginnt, wird alles verändern.
Paulus verweist auf den allerersten Anfang.
Er stellt Adam und Christus einander gegenüber. So kann er beschreiben, wie sehr sich alles wandeln wird. Adam ist der Mensch, der sterben muss, nicht nur der erste Mensch, jeder Mensch. Wir alle sind Adam. Schon der Name verweist auf die Adama, die Erde, von der er genommen ist und zu der er einmal wird. Adam steht auch für den Menschen, der schuldig wird und über andere Böses und Leid bringt. Adamsmenschen sind wir.
Christus ist der neue Mensch.
Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbunden sind, werden wir alle lebendig gemacht.
Unsere Zukunft ist die von Christusmenschen.
In Christus werden wir erweckt zum Leben.
Noch aber ist es nicht so weit. Noch herrscht der Tod und wir erleben seine Macht. Tagtäglich sehen wir, wie der Tod und seine Helfer regieren.
Es ist verstörend, wie das Morden immer weiter geht. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern, auch in den sogenannten sozialen Netzwerken werden Menschen so verletzt, dass manche verzweifeln. Viele Beziehungen sind vergiftet durch Gewalt und Habgier. Wenn Paulus von den Mächten und Gewalten spricht, denke ich an diese bösartige Seite des Menschen. Die Starken trampeln auf den Schwächeren herum. Und wenn wir selbst die Starken sind, sind wir kaum besser. Rücksichtslos zertrampeln wir z.B mit unserem viel zu großen ökologischen Fußabdruck die Schöpfung, oder wir nutzen wirtschaftliche Vorteile, unter denen andere leiden – wir mischen mit im Spiel der Mächte und Gewalten.

Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden.
Ostern ist der Anfang vom Ende des Todes.
Der erste entscheidende Schritt ist getan.
Wir jubeln schon jetzt und feiern seinen Sieg.
Und wenn wir betroffen sind von Leid und Abschied und Tod, tröstet uns die Hoffnung über Tod und Grab hinaus.
Es ist schon entschieden, wer das letzte Wort behält. Mit Jesu Tod am Kreuz schien alles, was er getan hatte, null und nichtig, aus und vorbei.
Aber seit Ostern ist sein Tod noch ermutigender als es sein Leben schon war.
Den Frauen am Grabe wird aufgehen: im Tod, war Christus nicht allein. Gott selber ist mit ihm in den Tod gegangen. Der lebendige Gott hat Licht in das Dunkel des Todes gebracht. Das unerbittliche Nein des Todes ist verschlungen in Gottes Ja.
Ostern ist der Anfang vom Ende des Todes.

Paulus zieht einen großen Bogen. Wie einen Kampf beschreibt er, was er erwartet. Christus wird alle Herrschaft, Macht und Gewalt vernichten.
Alle Feinde Gottes werden zunichte.
Zuletzt verliert der Tod selbst seine Macht.
Jesus sitzt zur Rechten Gottes, aber er trampelt nicht auf anderen herum. Er nutzt seine Macht nicht aus und bereichert sich auf Kosten anderer.
Christus besiegt alle Macht, um sie abzugeben.
Er gibt alle Macht zuletzt an Gott, denn Gott soll alles in allem sein.
So kommt ans Ziel, was mit Ostern begonnen hat.
Manche wollen hier eine Hierarchie sehen, so als gäbe es eine Abstufung der Macht zwischen Gott, dem Vater und Jesus.
Paulus geht es um das Ende aller zerstörerischen Macht, aller Todesmacht.
Wenn Gott alles in allem ist, siegt die Liebe: Gottes Liebe bleibt,
sie behält das letzte Wort über diese Welt und über uns,
Gottes Liebe, aus der alles geworden ist,
die Liebe Christi, der die Welt erlöst,
Gottes Liebe in uns, Gottes Geist.
Wir sind Adamsmenschen. Wir sind begrenzt und oft fern von dem, was wir sein sollen.
Aber wir gehören schon jetzt zu Christus,
dem Gekreuzigten und Auferstandenen,
der zur Rechten Gottes sitzt.
Alle Gewalt, alle ungerechte Herrschaft,
alle böse Macht wird ein Ende haben.
Gott wird abwischen alle Tränen,
und der Tod wird besiegt sein.
Wir sehen nicht weg von dem, was uns und anderen Sorgen macht. Wir schließen nicht die Augen vor der unheimlichen Macht des Todes.
Aber wir leben schon jetzt im Licht der
Auferstehung Jesu.
Wir müssen alle sterben.
Nichts ist so sicher wie der Tod, todsicher.
Und doch: Der Tod behält nicht das letzte Wort.
Das Leben hat seit Ostern einen „ungeheuren Vorsprung“ (Kurt Marti).
Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

2.Kor 5,14-21 Predigt, Karfreitag, Andreas Hansen

Predigttext 2.Kor 5,14-21

Bei allem ist das, was uns antreibt, die Liebe von Christus. Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben. Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben ist.
Daher beurteilen wir jetzt niemanden mehr nach rein menschlichen Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun wir das nicht mehr. Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung.
Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. Ja, in der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnung zu verkünden. Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns zur Umkehr ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Versöhnung ist eine Kraft, eine große Kraft.
Paulus nennt sich Botschafter der Versöhnung.
An anderer Stelle sagt er statt Botschaft der Versöhnung das Evangelium von Jesus Christus.
Paulus nennt es eine Kraft, die selig macht.
So kann Jesus am Kreuz dem Verbrecher neben ihm Versöhnung zusagen: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Davon berichtet Lukas.
Mit der Kreuzigung wurden Aufrührer bestraft, Terroristen aus der Sicht Roms. Vermutlich hatten die Gekreuzigten neben Jesus etliche Menschen auf dem Gewissen. Die brutale Unterdrückung durch die Römer erzeugte fanatischen Hass.
Zu so einem sagt Jesus: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!
Versöhnung ist Gottes Antwort auf die Welt, die so zerrissen und gewalttätig ist.
Sie ist Gottes Antwort an uns, die so feindselig sind.
Es kann nicht so bleiben!
Und es wird nicht so bleiben.
Habgier, Machtgier und Hass behalten nicht das letzte Wort.
Die Liebe Christi treibt Paulus an, sie drängt ihn.
Im Namen Christi bittet er: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Jesus hängt am Kreuz neben den Verbrechern. Wie ein Schwerverbrecher wird er von den Römern mit aller Grausamkeit hingerichtet, unschuldig. Das lässt Gott geschehen.
Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht. Jesus identifiziert sich mit den Schuldigen und lässt sich ihre Strafe antun.
Gott erniedrigt sich.
Er dreht die Verhältnisse um und bittet uns um Versöhnung, als hätte er uns etwas angetan.
Paulus schreibt: Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Jesus baut eine Brücke für die, die weit weg sind von Gott. Wir sollen die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Nehmt die Versöhnung Gottes an – aber haben wir das denn nötig, haben wir denn einen Konflikt mit Gott?
Paulus schreibt an die Christen damals in Korinth. Das ist eine zerstrittene Gemeinde, zerfallen in Gruppen, die sich gegenseitig den Glauben absprechen. Auch über Paulus fallen sie her.
Eine Menge von Konflikten brodeln in Korinth.
Untereinander haben sie dringend Versöhnung nötig – und eben das lässt sich nicht trennen von der Beziehung zu Gott.
Was wir einander antun, trennt uns auch von Gott. Was wir einander schuldig bleiben, belastet auch unser Verhältnis zu Gott.
Gott bietet uns Versöhnung an.
Er will überwinden, was uns voneinander trennt.
Er will zurechtbringen, was zwischen uns nicht stimmt. Ja, wir haben Versöhnung nötig.

Nach vielen Jahrzehnten endete in Südafrika das schreckliche Unrecht der Apartheit, der Rassentrennung und Unterdrückung. Bischof Desmond Tutu wurde 1995 der von Weißen und Schwarzen anerkannte Leiter der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Es ging darum, Täter und Opfer ins Gespräch zu bringen und zu versöhnen, eine mühevolle, schwere Aufgabe nach all dem Unrecht. Tutu wollte Rachefeldzüge vermeiden.
Aber dazu mussten Täter und Opfer bereit sein. Sie mussten die Wahrheit sagen und sie ertragen, Sie mussten bereit sein sich zu ändern, Ausgleich zu leisten, Versöhnung zu gewähren.
Sie können sich vorstellen, wie unendlich schwer das ist, was für eine Last die Schuld und das erlittene Leid sind. Es ist längst nicht in allen Fällen gelungen, aber sehr viel weiteres Leid konnte vermieden werden.
Die Welt ist voll von komplexen, schon ewig währenden Konflikten, schreiendem Unrecht und unendlichem Leid. Kann es Versöhnung geben zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Russen und Ukrainern? Ist der Streit nicht schon hoffnungslos festgefahren wie ein Wagen in tiefem Schlamm?
Und doch gibt es mutige Schritte zur Versöhnung,
Menschen, die die Logik von Hass und Vergeltung nicht hinnehmen. Ein berührendes Beispiel ist der Vater eines palästinensischen Jungen im Flüchtlingslager Jenin, schon vor 20 Jahren: Der zwölfjährige Sohn hatte ein Spielzeuggewehr in der Hand und wurde von israelischen Soldaten erschossen. Er lag hirntot im Krankenhaus und der Vater entschied, seine Organe zur Rettung kranker Kinder zu spenden – israelischer Kinder. Sie finden die Dokumentation dazu unter dem Titel „Das Herz von Jenin“.
In persönlichen Konflikten resignieren wir oft.
Es genügt manchmal eine Kleinigkeit, dass wir sagen: „Mit dem bin ich fertig!“
Es geschieht zum Teil so tief verletzendes Unrecht, dass eine Versöhnung wirklich nicht möglich scheint.
Immer fordert Versöhnung sehr viel Mut und Kraft:
– die Wahrheit zu sagen und sie zu ertragen
– Reue zu zeigen
– bereit zu sein sich zu ändern
– Ausgleich für Unrecht zu leisten
– um Vergebung zu bitten und sie zu gewähren.

Versöhnung ist eine große Kraft.
Wenn sie gelingt, kann sich alles ändern und Neues entstehen.
Wir ahnen, wie schwer Versöhnung sein kann.
Wir sehen, wie viel Gott sich unsere Versöhnung kosten lässt.
Gott ist nicht fertig mit uns.
Die Liebe treibt ihn, Versöhnung zu schaffen.
Versöhnung ist ein Prozess, eine Kraft, die uns verändert: Wenn jemand zu Christus gehört, ist jemand in Christus, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Gott findet sich nicht ab mit Gewalt und Trennung in der Welt.
Das Leid der Welt lässt Gott nicht kalt.
Die Schuld der Welt, unsere Schuld kann nicht bleiben. Gott findet sich nicht ab mit unserer Feindseligkeit, mit unserer Trägheit und Resignation.
Im Namen des Gekreuzigten bittet Paulus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Amen

Predigt über Mk 10,35-45 zum 22.3.26 Andreas Hansen

Predigttext Mk 10,35-45
Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, traten zu Jesus und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« Jesus fragte sie: »Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?« Sie antworteten: »Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst – einen rechts von dir, den anderen links.« Aber Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet! Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?« Sie erwiderten: »Das können wir!« Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken, den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen,
die Gott dafür bestimmt hat.«
Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus auch sie herbei und sagte zu ihnen: »Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzuge-ben als Lösegeld für viele Menschen.«
(Mk 10,35-45)

„Das ist mein Platz!“
Sie schaut auf: „Oh, das wusste ich nicht.“
„Das ist mein Platz, hier sitze ich immer!“
„Entschuldigung.“, sie steht auf.

Kennen Sie solche Situationen?
Natürlich wollen wir alle einen guten Platz.
Wir wollen bei der angesagten Gruppe von Mitschülern sitzen,
oder neben dem Tenor, der so toll singen kann,
oder bei unserem Lieblingslehrer oder dem Star, den wir verehren am liebsten ganz vorne.
Wir wollen den Platz, der uns zusteht,
die Stufe auf der Karriereleiter und in der Gehaltsklasse, die wir uns erarbeitet haben.
Wir vergleichen uns.
Wir konkurrieren.
Es ist ein ständiger Wettbewerb.
Manchmal müssen wir uns behaupten:
„Das ist mein Platz! Der steht mir zu!“
Es geht um unser gutes Recht.
Es geht um Ansehen, um Erfolg, um Macht.
Wer seine Chance nicht ergreift und seinen Platz behauptet, die oder der wird übersehen, bleibt auf der Strecke, geht leer aus.

So machen es Jakobus und Johannes.
Sie wollen auf jeden Fall einen guten Platz. Schließlich gehören sie mit Petrus zu den allerersten Jüngern – im Kreis der Freunde Jesu genießen sie besonders sein Vertrauen; mehrfach wird das berichtet.
Ist es nicht ganz angemessen, dass sie Jesus um einen besonderen Platz bitten, ganz nah bei ihm?
Aber was bewegt sie?
Wollen sie ihrem geliebten Meister und Freund einfach immer nahe sein?
Ergreift sie eine Art Torschlusspanik?
Sie sind nun kurz vor Jerusalem sind. Dort wird sich entscheiden, wie es mit Jesus weitergeht. Höchste Zeit also, sich einen guten Platz zu sichern.
Aber sie haben wohl nicht verstanden, was Jesus schon mehrmals gesagt hat: Er wird verurteilt werden. Er wird leiden und sterben.
Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet!
Sie aber sagen: Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst.
Sie behaupten: Ja, sie können ihm folgen auf seinem Leidensweg. Aber ihr Ziel ist seine Herrlichkeit, seine Herrschaft, eine glänzende Position im Zentrum der Macht. Geht es ihnen tatsächlich um Macht?
Sympathisch sind uns die beiden auf jeden Fall nicht. Ganz schön egoistisch sind sie. Streber. Rücksichtslos. Die anderen zehn sind auch ziemlich sauer auf sie.
Und dann sagt Jesus: bei euch ist das nicht so.
Nicht so wie bei den Machthabern, die ihre Macht missbrauchen. Nicht so wie bei denen, die als Herrscher gelten. Bei euch ist das nicht so.

„Meinst du das im Ernst, Jesus?
Sieh doch deine Jünger an: Sie wollen ganz oben sitzen, neben dir auf deinem Thron.
Sieh doch deine Kirche an.
Meinst du wirklich, dass wir nicht so sind?“

Die Kirche und die Macht – das ist ein düsteres Kapitel. Aus einer verfolgten Minderheit wurde die bestimmende Religion im Römischen Reich.
Der Papst in Rom wurde für lange Zeit zur mächtigsten Person der westlichen Welt mit dem Anspruch über Könige zu bestimmen und gar unfehlbare Wahrheit zu verkünden.
Die evangelische Variante ist auch nicht besser mit ihrer engen Verknüpfung von Thron und Altar.
Lange haben wir Macht missbraucht um Andersgläubige auszugrenzen. Das ging bis zur Hetze und Gewalt gegen Juden, zu Hexenwahn und Verteufelung Andersdenkender.
Die schrecklichen Fälle von sexualisierter Gewalt in den Kirchen zeigen, wie verheerend ein System wirkt, das vor allem seine Macht erhalten will, aber rücksichtslos über die Opfer hinweggeht.
Wir schleppen als Kirche viel Schuld mit uns, weil es uns so oft um Macht ging und bis heute geht.
Bei euch ist das nicht so?

Jede Organisation, jede Gemeinde, jede Kirche braucht eine Struktur, die sie zusammenhält, die sie vertritt und Entscheidungen fällt. Immer ist das auch mit Macht verbunden. Aber Macht in der Kirche sollte begrenzt und kontrollierbar sein.
Das versuchen wir. Unser Versuch ist alles andere als vollkommen. Immer wieder gibt es auch bei uns ungute Konkurrenz, fragwürdige Entscheidungen und auch Machtmissbrauch. Wir wollen eine Kirche sein, der die Menschen vertrauen.
„Macht ist kein Selbstzweck, sondern entscheidet darüber, wie glaubwürdig wir als Kirche wahrgenommen werden.“, meinte die Theologin Kristin Merle in einer Diskussion der EKD zum Thema.

Bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein.
Wo ist unser Platz?
Als ich vor rund 40 Jahren Pfarrer wurde, war bei öffentlichen Anlässen selbstverständlich ein Platz bei den wichtigen Personen des Ortes reserviert. Ich gehörte an den Honoratiorentisch und die Gemeindeglieder achteten darauf, dass ich als Vertreter der Evangelischen dort saß und offiziell begrüßt wurde. Das hat sich in den meisten Orten längst geändert. Eher selten sitze ich neben dem Bürgermeister. Viel weniger Menschen gehören zur Kirche oder nehmen sie überhaupt wahr.
Die Rolle der Kirche verändert sich in unserer ganzen Gesellschaft. Der Platz der Kirche ist nicht mehr dort, wo sie schon immer war und eine oft sehr einflussreiche Rolle spielte. Die Kirche wird kleiner und ärmer, aber sie bleibt bestimmt lebendig: Es wird weiterhin Menschen geben, die Jesus folgen und die gemeinsamen Gottesdienste feiern.
Ich glaube, es liegt eine Chance darin, dass wir weniger Macht haben. Wir können uns besser auf das ausrichten, was Jesus sagt: nicht selbst groß sein zu wollen, sondern andere groß zu machen, auf der Seite der Opfer von Macht zu stehen,
Machtmissbrauch zu kritisieren.
Die Chance ist, dass auf uns eher zutrifft, was Jesus sagt: bei euch ist das nicht so –
nicht so wie bei den Machthabern und denen, die als Herrscher gelten.

Wo ist unser Platz?
Der Menschensohn ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen.
Zum Glück haben wir durch ihn einen Platz.
Er gibt auch für uns sein Leben als Lösegeld.
Wie Sklaven losgekauft wurden und dann frei waren, so sind wir.
Unser Platz ist die Freiheit der Kinder Gottes.
Wir können ohne Furcht zurückschauen auf die zum Teil schlimme Geschichte der Kirche.
Wir können ohne Furcht nach vorne schauen auf eine ungewisse Zukunft für die Kirche und für uns.
Wir haben unseren Platz bei ihm, der uns liebt und uns befreit. Amen

Jes 66,10-14 Predigt Andreas Hansen

Das Baby schreit. Es lässt sich nicht mehr ablenken. Jetzt, sofort muss etwas geschehen! Hunger! Länger ist das nicht auszuhalten. Verzweifelt und unduldsam schreit es. Mama knöpft die Bluse auf – das Baby riecht die Milch und sieht, was die Mutter macht. Es japst und giert. Es ist außer sich. Dann endlich die Brust, und es trinkt so gierig, dass es sich zuerst verschluckt, dann in großen, lustvollen Zügen. Vor Wonne brummt es und lächelt. Ganz zurecht heißt das, was da geschieht, Stillen. Was für ein friedliches Bild nach dem Drama, Mutter und Kind eine liebevolle Einheit.
An dies Urbild von Geborgenheit erinnert uns Jesaja in den Versen, die heute unser Predigttext sind. Jes 66,10-14:
Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt! Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen. Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.
Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten. Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.

Eine Stadt, die stillen kann. Trinkt euch satt an ihrer Brust! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Ich habe meine Kinder vor Augen, als sie ganz klein waren und jetzt meine Enkel. Glückliche gestillte Kinder, getröstet, geborgen, ganz hingegeben.
So soll Jerusalem sein? Frieden, der sich ausbreitet wie ein Strom – wie wunderschön wäre das! Darüber sollen sich alle freuen, die Jerusalem lieben. Fröhlich sein sollen alle, die über sie getrauert haben. Und da klingt schon an, dass die Freude nicht immer ungetrübt war.
Trost ist bitter nötig!

Kennen Sie die Madonna von Kiew? Sicher umfangen hält sie den Säugling. Winzig liegt er geborgen im Arm der Mutter. Das Kind trinkt an der Brust der Mutter. Es ist ein inniges Bild. Zart und zärtlich, und es ist ein symbolträchtiges Bild. Während der Bombardierung der ukrainischen Hauptstadt Kiew hat sich die Mutter in die Kiewer Metro geflüchtet und stillt dort ruhig und gelassen ihr Kind. Für das Kind ist jetzt alles gut, aber die Welt ist zerrissen von Gewalt. Ein Foto dieser Szene ist vor vier Jahren um die Welt gegangen. Und hat einer Künstlerin zur Vorlage einer Ikone gedient: die Madonna von Kiew ist zum Symbol des Widerstands und der Hoffnung geworden.
Ein Bild der Hoffnung und des Friedens mitten in all der Grausamkeit.
Bilder von Krieg und Gewalt sehen wir täglich. Kann die Hoffnung standhalten?
Noch immer herrscht in Kiew Krieg, und in Teheran und in Beirut und in Jerusalem.
Noch immer werden Häuser zu Schutthaufen zerbombt, die Schutzräume sind überfüllt, wenn es denn Schutzräume gibt.
Noch immer müssen zahllose Menschen fliehen.
Noch immer entscheiden Machthaber, dass Krieg sein soll ohne Rücksicht auf all das Leid.
Trost ist bitter nötig!

Unser Predigttext steht im letzten Kapitel des Jesajabuches. Über Jahrhunderte wurde an diesem großen Werk gearbeitet. Immer wieder erlebte das Volk großes Leid. Jesaja, oder die, die später unter seinem Namen schreiben, Jesaja warnt und kündigt Unheil an, dann aber tröstet er voll Wärme und Herzlichkeit. Denn sie kehren zurück in ihre Stadt nach dem Krieg, aber wie sieht es hier aus! Der einst so prächtige Tempel ist nur noch ein Notbehelf. Wenn ihre Häuser noch stehen, wohnen dort andere. Wo sind die vertrauten Nachbarn, der Bäcker, der Markt, die Schule? Sie hatten solche Sehnsucht nach Jerusalem, aber nun ist die Stadt ein trostloser Ort.

Trauer und Wut klingt auch in unseren Trostversen an. Gottes Zorn entbrennt über seine Feinde und über das, was sie anrichten. Jesaja macht seinen Zeitgenossen und uns keine heile Welt vor.
Da sind wir mitten in der Passionszeit:
Gott lässt sich ein auf das Leid. Gott stellt sich auf die Seite der Opfer. Jesus lässt sich Unrecht antun ohne sich zu wehren. Er lässt sich zum Opfer machen. Er verzichtet auf alle Macht. Er hängt wie ein Verbrecher am Kreuz und stirbt.
Gottes Zorn entbrennt über die, die Menschen Gewalt antun, denen gleichgültig ist, wie viele Opfer ihr Krieg fordert. Gottes Feinde nennt sie Jesaja. Es ist wichtig, dass Jesaja auch davon spricht, weil unsere Erde so oft ein trostloser Ort ist, weil Trost so bitter nötig ist.

Denn die Feinde Gottes haben nicht das letzte Wort. Jerusalem bleibt kein trostloser Ort. Heute werden von Israel aus Menschen überfallen und in Not gestürzt, im Libanon, im Iran, in der Westbank und in Gaza. Aber umgekehrt wollen sie Israel auslöschen und seine Bewohner ins Meer treiben. Was für ein heilloser Konflikt mit immer neuem Schrecken! Wie viel Schuld auf allen Seiten und wie viel Leid!
Ausgerechnet Jerusalem? – Gott sagt: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Ja, ausgerechnet Jerusalem! Gott findet sich nicht ab mit all dem Unrecht und all dem Elend.
Jerusalem wird zu Ort des Trostes.
Dort stirbt Jesus und dort begegnet der Auferstandene am Ostermorgen den Frauen.
Alle die Jerusalem lieben, sollen sich satt trinken am Reichtum ihrer Brüste – Kavod heißt Glanz, Schwere, Herrlichkeit, auch Reichtum. Das neue Jerusalem wird unsere Sehnsucht stillen.
Und nun identifiziert sich Gott mit der Frau Jerusalem, nun spricht Gott in weiblichen, schönen Bildern zu uns:
Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
Gott ist nicht eine Frau oder ein Mann – das wissen wir doch. Gott ist Vater und Mutter.
Gott hat Sehnsucht nach uns, sie will uns nah sein. Sie ist unbedingt auf unserer Seite. Gott, unsere Mutter, lässt uns nicht los.
Sie ist die Mutter ihres Volkes Israel, aber auch Mutter der Iraner, Libanesen, Palästinenser, der Russen und der Ukrainer und der Deutschen. An allen hängt ihr Herz.
Keine und keiner ist Gott gleichgültig.
Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Für alle will sie Gutes und leidet mit allen Opfern von Krieg und Gewalt und Unrecht.
Auch zornig ist sie, wenn jemand oder etwas ihre Kinder verletzt, zornig auch, wenn ihre Kinder selbst Böses anrichten.
Trost ist bitter nötig!
Zum Glück ist Gott wie eine Mutter,
unbedingt und leidenschaftlich auf unserer Seite, auf der Seite aller Menschen.
Amen

Mt 3,13-17 Predigt 11.1.25 Andreas Hansen

Auf dem Weg mit Gott kam das Volk Israel einst an den Jordan. Lange waren sie in der Wüste umhergeirrt. Sie waren fast umgekommen und wurden doch bewahrt. Sie waren Gott untreu geworden, und doch hat Gott ihnen vergeben. Hier, kurz vor dem Schritt in das gelobte Land starb der, der sie geführt hatte: Mose – wie konnte es jetzt weitergehen? Nur im Vertrauen auf Gott und in Treue zu seinem Wort, seinem Gebot.

Unsere gefährliche, konfliktüberladene Weltlage kommt mir auch vor wie ein Wüstenweg, und ich frage mich, wie es weitergehen kann.

In der Gegend am Jordan ist Johannes der Täufer zu finden. In Scharen kommen die Leute zu dem seltsamen Mann aus der Wüste. „Kehrt um!“, ruft er ihnen zu. „Lebt, wie es Gottes Gerechtigkeit entspricht, ändert euer Leben, denn Gottes Reich ist nah!“ Er übt heftig Kritik, aber er weckt auch Hoffnung. Sie lassen sich taufen als Zeichen der Vergebung und des Neuanfangs. Hier setzt unser Predigttext ein, Mt 3,13-17:
Auch Jesus kam aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
Johannes wehrte sich entschieden dagegen: »Ich hätte es nötig, mich von dir taufen zu lassen, und du kommst zu mir?«
Aber Jesus gab ihm zur Antwort: »Lass es jetzt geschehen! Es ist richtig so, denn wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen.«
Da ließ er es geschehen. In dem Augenblick, als Jesus nach seiner Taufe aus dem Wasser stieg, siehe, da öffnete sich über ihm der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, aus dem Himmel sprach eine Stimme: »Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.« 

Johannes sieht die vielen Leute und Jesus mitten unter ihnen. Es ist eine harte Zeit. Sie leiden unter dem Unrecht und der Unterdrückung der römischen Besatzung und sie sind doch selbst nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Sie leben in Angst und Not und sie gehen doch selbst gleichgültig am Elend anderer vorbei. Sie sehnen sich nach Erlösung und missachten doch Gottes Gebot. „Ändert Euer Leben – oder es ist alles zu spät.“ So droht und drängt Johannes. Aber er tauft hier am Jordan, denn er sieht die Chance für einen Neuanfang mit Gott.
Nur: Warum will Jesus getauft werden?
Der braucht doch keine Vergebung. Der folgt doch ganz und gar Gottes Wort. Johannes kennt Jesus – Jesus war sein Schüler.
Lass es jetzt geschehen! Es ist richtig so,
denn wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen
.
Alle vier Evangelisten erzählen von der Taufe Jesu, aber nur Matthäus begründet sie so: wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen – Jesus sagt wir. Er stellt sich nicht über andere, auch nicht über Johannes. Er steht bewusst und mit Absicht mitten unter den Sündern. Kann man sagen: Jesus ist einer von denen, die Vergebung brauchen? Das wurde entschieden abgelehnt. Aber hier ist Jesus mitten unter den Leuten, bereit zu lernen, bereit auf dem Weg mit Gott zu gehen, bereit die Taufe zur Vergebung der Sünden zu empfangen. Matthäus hat Jesus den Immanuel genannt, den Gott mit uns (Mt 1,18-25) – wir hörten davon an Weihnachten. Dieser Immanuel ist wirklich mit uns. Er sagt wir, und meint es so.
Sein erstes Ziel ist: alle Gerechtigkeit zu erfüllen.
Gerechtigkeit ist kein ausgewogenes Ergebnis von Tarifpartnern, kein Gerichtsurteil und nicht in einer noch so guten Definition wirklich zu erfassen.
Gerechtigkeit geschieht zwischen Menschen und zwischen Gott und Mensch – oder sie wird eben verfehlt und geschieht nicht. Es geht um Treue, Vertrauen, Gemeinschaft.
Bestimmt meint Jesus damit die Thora, Gottes Gebot, und er will kein Iota, kein Strichlein von ihr fallen lassen, er will sie vielmehr zu ihrer vollen Bedeutung gelangen lassen.
Jesus selbst erfüllt die Gerechtigkeit, wenn er gütig und großzügig handelt, wenn er Gebeugte aufrichtet und Gelähmten Kraft gibt, wenn er vergibt und beschenkt und fröhlich macht.
Er nennt sich selbst sanftmütig und von Herzen demütig (Mt 11,28) – wir hätten ihn vielleicht gerne etwas härter. Er will selbst nicht der Erste sein, sondern der Diener aller (Mt 20,27) – wir wollen oft lieber vorne stehen. wir sollen alle Gerechtigkeit erfüllen – das ist sein Ziel und so lebt er.
Wir merken spätestens bei seiner Bergpredigt, wie fremd uns Gerechtigkeit sein kann.

Johannes staunt über Jesus mitten unter den Sündern. Und dann gibt es noch viel mehr zum Staunen: Der Himmel öffnet sich. Gottes Geist kommt zu Jesus, bestätigt ihn, bestärkt ihn und beflügelt ihn. Es folgt eine Liebeserklärung Gottes: mein geliebtes Kind, an dem ich Freude habe.
Heißt das nun: Gott erhöht Jesus?
Jesus ist doch nicht einer von uns?
Er steht zwar mitten unter den Sündern, aber er ist doch völlig anders?
Nein. Gleich danach erzählt Matthäus davon, wie Jesus in der Wüste versucht wird, und noch am Kreuz verspotten ihn seine Gegner: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig doch herab vom Kreuz.“ (Mt 27,40) Er ist wirklich der Immanuel, auf unserer Stufe, vertraut mit unserer Not und unserer Schwäche.
Auf unserem Weg mit Gott geht Jesus mit uns.
Er ist in dieser zerrissenen Welt voll Leid, Gewalt und Unrecht. Und er stellt sich bewusst auf die Seite der Opfer. Die sich nach Gerechtigkeit sehnen, nennt er selig und verspricht ihnen Gerechtigkeit (Mt 5,6).
Er ist bei uns, wenn wir voll Sorge fragen, wie es weitergehen soll. Und er sagt, wie Johannes: Kehrt um, ändert euer Leben, denn Gottes Reich ist nah (Mt 4,17).
Jesus verspricht den Getauften Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20). Die Liebeserklärung Gottes gilt auch uns, denn wir sind seine Kinder. Amen

Hebr 13,8+9a Predigt und Gottesdienst zum 31.12.25, Andreas Hansen

Orgelvorspiel
644 Meine Zeit steht in deinen Händen
Votum
Gruß
Nach eigenem Bekunden hat Peter Strauch das Lied „Meine Zeit steht in deinen Händen“ mitten in einem burnout, einer Erschöpfungsdepression, geschrieben.
Ein festes Herz wünschen wir uns, dass wir den Heraus-forderungen der Zeit gerecht werden, Schwieriges klar sehen und damit richtig umgehen, dass wir mutig die Wahrheit sagen, dass wir vertrauen. Gib mir, gib uns ein festes Herz – unsere Bitte für das neue Jahr.

Psalm 121
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe? 
Meine Hilfe kommt vom HERRN,
der Himmel und Erde gemacht hat. 
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht. 
Siehe, der Hüter Israels schläft
noch schlummert nicht. 
Der HERR behütet dich;
der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts. 
Der HERR behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele. 
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit! 

Ehr sei dem Vater

Wir danken dir, unser Gott, für dieses Jahr, das nun zu Ende geht. Wir danken dir für schöne Erlebnisse und Begegnungen, für das, was uns geglückt ist, für die Menschen, denen wir in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Wir danken dir für den Frieden in unserem Land.
Vieles ist uns gegeben. Hilf uns, es dankbar zu sehen.
Es ist nicht selbstverständlich, dass wir gesund und geborgen sind. Es ist kostbar, dass wir in Freiheit, Demokratie und Frieden leben.
Du, Gott, kennst auch unsere Sorgen und unsere Not.
Hilf uns Entscheidungen zu finden in dem, was unklar und bedrängend ist. Stärke uns für das, was wir tun müssen.
Vergib uns, dass wir so oft nur uns selbst und unsere Wünsche sehen.
Jesus Christus, du sagst uns zu, alle Tage bei uns zu sein. Steh uns auch im neuen Jahr bei.
Dir vertrauen wir uns an. Amen

NL 180 Meine Hoffnung und meine Freude

Lesung Römer 8, 31-39
Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 
Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. 
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 
Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. 

Halleluja

Credo (Dietrich Bonhoeffer)
Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

65 Von guten Mächten

„gib mir ein festes Herz!“
– erschöpft von mühsamen Zeiten,
von Kräften, die den Mut nehmen und alle Anstrengung sinnlos erscheinen lassen,
wund von feindseligen Gegnern,
die immer mächtiger werden.
„gib mir ein festes Herz!“ – wir können gut nachvollziehen, was einen angegriffenen Menschen bewegt, und das Lied mitsingen.
Wir bitten selbst um ein festes Herz,
bitten für uns persönlich und für uns alle in dieser Zeit. Peter Strauch vertont Psalm 31 – auch dort ist die Beterin oder der Beter zutiefst angegriffen und bekennt doch:
meine Zeit steht in deinen Händen, oder wörtlicher in deiner Hand sind meine Zeiten, also gute wie schwere Zeiten in Gottes Hand.
„gib mir, gib uns ein festes Herz!“ – das ist unsere Bitte an diesem Abend. Was uns verunsichert und angreift, die vielfältigen Herausforderungen fühlen sich für manche überwältigend an.
Der Predigttext, zwei Verse am Ende des Hebräerbriefes, bietet uns eine Antwort an:
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancher-lei und fremde Lehre umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. (Hebr 13,8+9a Luther)
Und noch einmal in der Basisbibelübersetzung:
Jesus Christus ist derselbe – gestern und heute und für immer. Lasst euch nicht irreführen durch vielfältige fremde Lehren. Denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird.

Das Herz wird gefestigt – passiv, es widerfährt einem Menschen oder uns. Es geschieht von Gott her, durch Gottes Gnade. Paulus sagt dazu: Gott gibt uns seinen Heiligen Geist ins Herz (2.Kor 1,22).

Ein Mensch strahlt trotz schwerer Krankheit Lebensfreude und Zuversicht aus. Er kann alles Schöne umso intensiver und dankbarer genießen und schenkt uns durch seine Haltung Trost und Hoffnung – es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.
Viele lassen sich durch den wachsenden Rechtsextremismus nicht entmutigen, sondern sie tun sich zusammen, informieren andere, organisieren Versammlungen, wie bei uns im Februar gesche-hen, und stärken die Demokratie – es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.
Wir erleben Gemeinschaft. Sie ist gewachsen in unserem Kirchengemeinderat, im Posaunenchor,
in der Kantorei und in der Kinder-Kirche – es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.
Ich bewundere die Menschen in der Ukraine, die auch nach fast vier Jahren Krieg mit allen Opfern und Einschränkungen nicht resignieren und um ihre Freiheit kämpfen – es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde.
Denken Sie an Ereignisse in diesem Jahr, die Ihr Herz gefestigt haben, die Glauben, Hoffnung und Liebe geweckt haben, die Sie mit Dank erfüllen!
Vielleicht war es, wie Bonhoeffer schrieb, dass Gott aus Bösem Gutes entstehen ließ. Gott lässt uns durch seinen Geist klarer sehen, Schönes entdecken, staunen, glauben. Das geschieht nicht ständig aber immer wieder.

Lassen wir uns auch im nächsten Jahr nicht umtreiben und irreführen durch mancherlei und fremde Lehre! Das haben wir gar nicht nötig.
Was uns umtreiben oder irreführen will, kann vieles bedeuten – ich verstehe es so, wie wenn in den Psalmen von Feinden die Rede ist, die die Beterin angreifen und ihm oder ihr nachstellen.
Aber weder die Lügen der Mächtigen, noch ihre Drohungen und Hassbotschaften können uns wirklich aus der Bahn werfen.
Weder Streit noch Misserfolg, weder Schmerz noch Trauer, keine Macht der Welt kann uns von der Liebe Gottes trennen.
Das alles greift uns sehr wohl an und macht uns zu schaffen, sowohl die bösen und zerstörerischen Kräfte in der Welt, als auch das Leid und Unglück, das uns persönlich trifft.
Manches davon wird wohl geschehen und mehr oder weniger schlimm sein. Aber es ist gut und heilsam, es ist ein köstlich Ding, wenn Gott unser Herz fest macht und wir Gottes Liebe glauben können.
Gottes Liebe gilt, selbst dann, wenn wir den Angriffen nichts entgegensetzen können, wenn unser Herz nicht fest ist, sondern nur verzagt, wenn wir nicht tapfer glauben, sondern nur zweifeln, wenn wir am Ende sind.
Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, aber nicht jedem Menschen ist das gegeben.
Darum ist die angemessene Haltung für uns zu bitten: „Gib mir ein festes Herz!“,
und die Betonung ist wichtig, dass durch Gottes Gnade und nur durch Gottes Gnade unsere Herzen gefestigt werden.

Zum Schluss der Satz, der wie eine Formel klingt: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das bedeutet nicht, dass Jesus für immer erstarrt ist wie ein Insekt im Bernstein.
Im Gegenteil: Jesus macht die Bewegungen unseres Lebens mit. Jesus Christus ist treu, gestern, heute und für immer. Jesus bleibt sich treu und er bleibt uns treu in allem, was sich in diesem Jahr geändert hat und im nächsten ändern wird. Gott bleibt uns zugewandt.
Christus wird auch in Ewigkeit, am Ziel aller Wege bei uns sein. So können wir getrost in das neue Jahr gehen. Amen
64, 1-3+6 Der du die Zeit in Händen hast (alternative Melodie 363)

Abendmahl

Gestärkt durch deine Gaben gehen wir in das neue Jahr.
Wir danken dir und preisen dich, du, unser Gott
in Christus, unserem Bruder und Herrn.
Wir danken dir für die 14 Kinder und Erwachsenen,
die im Jahr 2025 getauft wurden. Sei bei ihnen mit deinem Heiligen Geist – stärke ihren Glauben.
Wir danken für die 20 Konfirmandinnen und Konfirmanden, die gesegnet wurden und die 10 Jugendlichen, die sich gerade auf die Konfirmation vorbereiten – behüte sie und lass Glauben und Vertrauen wachsen.
Von 26 Menschen mussten wir Abschied nehmen – tröste und stärke die Trauernden.
Wir bitten dich für unsere Gemeinde, für alle rund 2200 Glieder unserer Gemeinde und für ihre Angehörigen,
für unsere Partner im Kooperationsraum, für die katholischen Geschwister und die Freunde in unserer Partnergemeinde Sundhouse – baue deine Kirche,
sei bei ihr in dieser Zeit großer Umbrüche.
Wir bitten dich für unsere Stadt und für unser Land –
hilf uns Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit, zu schaffen und zu bewahren.
Wir bitten um Frieden für alle Menschen.
Segne und behüte uns alle. Amen

NL 158 Ich sage Ja

Abkündigungen:

321 Nun danket alle Gott
Segen
Orgelnachspiel

Jes 9,1-6 Predigt 28.12.25 Andreas Hansen

Vor der Predigt singen wir EG 37,1-4 Ich steh an deiner Krippen

Auf einmal stehen die Hirten im Licht. Licht umstrahlt sie, als der Engel zu ihnen kommt.
Sie erschrecken tief vor dem Lichtglanz Gottes.
Wo es finster war, ist auf einmal Licht, wie am Anfang aller Zeit.
Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne. In dem Kind in der Krippe leuchtet uns Gottes Liebe entgegen. O Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. Können wir uns darauf einlassen?
Düster sieht die Welt für viele aus, übermächtig und bedrängend sind die Probleme. Ist es wahr, was wir an Weihnachten feiern?
Jesaja schreibt über seine Zeit: Vor lauter Wut über den Hunger verfluchen sie ihren König und ihren Gott. Da ist nichts als Not, Finsternis und bedrückende Dunkelheit. (Jes 8,22f) Und dann folgt die Verheißung, die wir heute hören: (Jes 9.1-6)
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held,
Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

Ist es wahr? Kann das sein: Gott hier bei uns?
Das ist doch unfassbar.
Viele zweifeln und glauben nicht.
Damals bei Jesaja starren sie auf ihre düstere Gegenwart.
700 Jahre später sehnen sie sich wohl nach einem Messias, von Gott gesandt, aber ist das nicht doch nur ein schöner Traum? Der Mann aus Nazareth hat viele begeistert, aber die Römer haben kurzen Prozess mit ihm gemacht.
Und heute?: Machen wir Christen uns eine heile Welt vor? „Schaut doch, wie die Welt ist!“ Viele halten Weihnachten für eine schöne Geschichte ohne realen Hintergrund. Ja, Gott ist unfassbar, viel zu groß für unser Denken und Verstehen.
Das weiß Jesaja. Und doch vertraut er: Gott wird seinem Volk Licht schenken. Gott, der das Licht schuf, kann uns aus der Dunkelheit herausreißen.
Der Evangelist Lukas erzählt, er bringt in eine Geschichte, was er von Jesus glaubt.
Auf einmal stehen die Hirten im Licht Gottes. Sie verstehen nicht – wie könnten sie auch? – sie sind erschüttert und dann außer sich vor Freude: Euch ist heute der Heiland geboren!
Gott kommt zu uns – wir sind eingeladen, das zu glauben.
Gott ist hier. Gott lässt sich ein auf die Welt mit allem Düsteren, das Menschen plagt.
Lassen wir die Glaubensgeschichte des Lukas und die Verheißung Jesajas zu uns sprechen!

Ein Kind, ein Neugeborenes, so hilflos und schutzbedürftig, so zerbrechlich, das kleine Wesen. Und das soll Gottes Sohn sein?
Gott, der Ewige, so winzig und schon jetzt ein Opfer der Mächtigen seiner Zeit?
Ja, sagt Lukas, genau das entspricht ihm, ihm, der am Kreuz sterben wird. So lässt er sich ein auf uns.
In dem Kind in der Krippe kommt Gottes Sohn. Alle Engel brechen darüber in Jubel aus.
Uns ist ein Kind geboren, jubelt Jesaja.
In der düsteren Zeit sieht er schon den Retter auf Davids Thron. Königsnamen gibt er ihm.
Wunder-Rat oder „Wunderplaner“: Trotz allem, was die Welt verdüstert, hat Gott Gedanken des Friedens und nicht des Leides über uns (Jer 29,11), gibt er Zukunft und Hoffnung.
Karl Barth sagte 1958 in einer Predigt: Die Weihnacht ist ja nicht der Geburtstag eines Menschen, der vor langer Zeit gelebt hätte, dann gestorben und dahingegangen wäre und dem man dann wohl alle hundert Jahre ein Jubiläum bereiten würde. Ja, der hat freilich einmal gelebt und ist gestorben – und wie! – aber der ist auch auferstanden von den Toten, der lebt und regiert und redet und ist in dieser Stunde hier in unserer Mitte, einem Jeden von uns viel näher als er es sich selber ist.
Wunder-Rat heißt: die Herren der Welt gehen, aber Gott regiert, Christus regiert.
Gott-Held, besser starker Gott: der starke Gott in einem schwachen Baby.
Ewig-Vater verweist auf Gottes Treue. Friede-Fürst: das Joch der Unterdrückung und der Schlagstock werden zerbrochen, Zeichen des Krieges, dröhnende Stiefel und blutverschmierte Mäntel werden verbrannt.
Gott kann und will uns aus aller Dunkelheit reißen. Gott kommt zu uns in dem Kind von Bethlehem. Zukunft und Hoffnung schenkt er.
Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden. (EG 37,2)
Der Heiland ist geboren für uns.
Wir sind eingeladen ihm zu vertrauen.
Amen

Mt 1,18-25 Predigt zum Christfest, Andreas Hansen

Predigttext Mt 1,18-25
Zur Geburt von Jesus Christus kam es so:
Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt.
Sie hatten noch nicht miteinander geschlafen.
Da stellte sich heraus, dass Maria schwanger war –
aus dem Heiligen Geist.
Ihr Mann Josef lebte nach Gottes Willen, aber er wollte Maria nicht bloßstellen. Deshalb wollte er sich von ihr trennen, ohne Aufsehen zu erregen. Dazu war er entschlossen. Doch im Traum erschien ihm ein Engel des Herrn und sagte: »Josef, du Nachkomme Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Denn das Kind, das sie erwartet, ist aus dem Heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten:
Er befreit es von aller Schuld.«
Das alles geschah, damit in Erfüllung ging, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: »Ihr werdet sehen:
Die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Dem werden sie den Namen Immanuel geben«, das heißt: Gott ist mit uns.
Josef wachte auf und tat, was ihm der Engel des Herrn befohlen hatte: Er nahm seine Frau zu sich. Aber er schlief nicht mit Maria, bis sie ihren Sohn zur Welt brachte. Und er gab ihm den Namen Jesus.

„Und was ist mit Josef?!“, bricht es aus Matthäus heraus. „Du erzählst wunderbar, Lukas, aber über zwei Kapitel schreibst du nur, was Maria denkt und macht. Was ist mit Josef? Ohne ihn geht es nicht.“ „Hihi, es ging ja ohne ihn,“ lacht Markus. „aber ich beschränke mich lieber auf die Zeit, als Jesus gepredigt hat und sage gleich am Anfang, dass er Gottes Sohn war.“ „So einfach nur ein Stichwort genügt mir nicht. Ich will so erzählen, dass die Leute verstehen, wie Gott erfüllt, was er gesagt hat, wie Gottes Wort weitergeht. Und nicht nur Maria muss das Wunderbare glauben, auch Josef.“ „Ja, das ist es: Das Wort Gottes wird Fleisch, ein Mensch, aber die Menschen nehmen es nicht auf. Ich beginne mit einem Gedicht.“ „Das versteht doch keiner, Johannes.“, brummt Lukas. „Matthäus, du hast Recht. Bei allen muss es ankommen, alle sollen glauben. Aber schreib du ruhig aus Josefs Sicht.“
Eine Konferenz der vier Evangelisten gab es bestimmt nicht, aber sie erzählen jeder auf seine Weise vom Wunder, dass Gott in dem Menschen Jesus zu uns kommt.

Was ist mit Josef? Er schaut seine Verlobte an und sieht ihr an, was los ist. Ein Blick, und sie versteht, was er entdeckt hat. Zutiefst verletzt wendet sich Josef ab. Kein Wort. Er muss allein sein. „Warum, Maria? Warum ein anderer? Wie kannst du mir das antun!“ Josef ist traurig. Seine Maria! Und bald wollten sie heiraten. Er beschließt sie zu verlassen. Er könnte sie anklagen – das Gesetz gäbe ihm das Recht – aber das will er nicht. Sollen die Leute denken, was sie wollen. Um seine Ehre geht es ihm nicht.
Dann träumt Josef – und als er aufwacht, ist alles anders.
Kann man einem Traum glauben? Ihm fällt Jakobs Sohn ein, der wie er Josef hieß, und dem Gott Träume schenkte, damit er seine Familie und viele andere gerettet hat.
Ja, manchmal schickt Gott Träume. Aber ein Kind aus dem Heiligen Geist – wie soll das gehen?
Immerhin kannte der Engel im Traum die Bibel.
Eine Jungfrau wird schwanger. Ja, so kann man Jesaja lesen – vielleicht ist aber nur eine junge Frau gemeint.
Josef fragt sich: Was will Gott, dass ich mache? Hat er mir wirklich diesen Traum geschickt?
Erwartet Maria ein Kind und hat mich doch nicht betrogen? Kann das sein?
Und was ist, wenn mein erster Gedanke stimmt und sie mich betrogen hat: Will ich sie verlassen?
Dann geht er zu Maria.
Er nimmt sie in den Arm.
Er sagt: „Unser Sohn soll Jesus heißen.“
In ihm ist es hell und leicht: „Immanuel – Gott ist mit uns. Ja, was auch sein wird: Gott ist mit uns.“

Maria bewegt die Worte in ihrem Herzen, die ihr von diesem Kind gesagt werden – und das macht auch Josef.
Maria lässt sich ein auf Gottes Wort, mir geschehe, wie du gesagt hast – und das macht auch Josef.
Josef wird oft belächelt und meist als alter Mann dargestellt. Aber Josef steht keineswegs wie ein alter Depp neben der Krippe und neben Maria. Josef entscheidet sich für Maria und für den Weg, den der Engel im Traum ihm gezeigt hat.
Gott ist mit Josef.
Er wird wieder träumen, wie der Sohn Jakobs.
Er wird mit Gottes Hilfe seine Familie und viele andere retten.
Gott hat sich Josef anvertraut. Jesus wird sein Kind und er sein Vater. Das ist Glauben: Annehmen, dass Gott in unser Leben kommt, Sich-Einlassen auf das Wunder.
Josef und Maria sind die ersten, die glauben, was wir bekennen: „empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“.
Die Jungfrauengeburt kann missverstanden werden. Sie wurde gründlich missverstanden.
Sie bedeutet nicht, dass Jesus ein Übermensch oder ein Halbgott wäre. Jesus ist ein Mensch wie wir.
Jungfrauengeburt heißt auch nicht, dass Sexualität etwas Schlechtes ist und dass Jungfräulichkeit irgendwie „heilig“ ist. Dieses Missverständnis hat verheerend gewirkt. Es entspricht nicht dem, was in der Bibel steht.
Ob wir nun die Jungfrauengeburt wörtlich nehmen, oder ob wir sie als metaphorische Ausdruck verstehen: Gott allein entscheidet, in Jesus zu uns zu kommen. Gott ist in diesem Menschen Jesus der „Immanuel“ – Gott ist mit uns, Gott ist bei uns.
Jesus ist der ganz und gar menschliche Sohn seiner Mutter Maria. Aber dass in Jesus Gott zur Welt kommt, geschieht ausschließlich durch Gott.
Ohne dieses Geheimnis ist christlicher Glaube nicht vorstellbar.

Ich möchte mich neben Josef stellen
und von ihm lernen.
Ich möchte Gott in meinem Leben annehmen.
Jesus ist der „Immanuel“ – Gott ist bei uns.
Ich weiß nicht, was sein wird. Vieles macht mir Angst. Aber Gott ist bei mir, Gott ist bei uns.
Wie lange werde ich gesund sein? Gott ist bei mir.
Was wird aus unserem Land, aus Europa, aus Freiheit und Demokratie? Gott ist bei uns.
Gott ist Antwort und Ziel.
Gott ist Liebe und Geborgenheit.
Gott ist auch Aufgabe und Forderung:
ihm zu antworten, für ihn da zu sein, für den Mitmenschen, für die Schöpfung da zu sein.
Ich möchte mich neben Josef stellen und glauben. Amen