Kategoriearchiv: Predigten

Predigt über Apg 6,1-7 im Gottesdienst am 30.8.26, Kenzingen, Andreas Hansen

Orgelvorspiel
EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu

Votum
Gruß
Jesus sagt: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern, das habt ihr mir getan. Wie werden wir einander gerecht? In unserem persönlichen Miteinander und in der großen Politik: Wie werden wir einander und gerade den Schwachen gerecht?
Psalm 112 ist der Psalm dieser Woche – ein kunstvolles Loblied auf den gerechten Menschen. Er schöpft seine Kraft zum Guten aus dem Vertrauen zu Gott. Beten wir gemeinsam:

Halleluja!
Glücklich ist, wer zum Herrn gehört
und seine Gebote voller Freude befolgt.
Dessen Kinder werden im Land angesehen sein,
man lobt sie als eine aufrechte Generation.
Wohlstand und Reichtum sind in seinem Haus zu finden,
und seine Gerechtigkeit bleibt für immer bestehen.
Im Dunkeln ist er ein Licht für aufrechte Menschen.
Gnade, Barmherzigkeit und Liebe strahlt er aus.
Gut ist der Mensch, der schenkt und verleiht.
Bei seinen Geschäften hält er sich an das Recht.
Ja, wenn er sich daran hält, wird er nie scheitern.
Immer wird man daran denken, wie gerecht er ist.
Böse Gerüchte braucht er nicht zu fürchten.
Er bleibt standhaft, er vertraut dem Herrn.
Er zeigt sich unbeugsam, er kennt keine Angst.
Am Ende wird er auf seine Feinde herabsehen.
Er verteilt Spenden unter den Armen.
Seine Gerechtigkeit steht fest für immer.
Sein Ansehen wächst und wird in Ehren gehalten.
Der Frevler sieht es und ärgert sich.
Er knirscht mit den Zähnen, es nützt ihm nichts.
Die Wunschträume der Frevler werden zerplatzen.

Ehr sei dem Vater

Erhabener Gott, dein Herzschlag ist Barmherzigkeit.
Du thronst im Himmel und bist doch ganz unten,
bei den Armen. Du lässt dich nicht abhalten von dem, was uns oft abschreckt, von der Hässlichkeit der Not,
von Dreck, Gestank, verrohtem Umgang.
Du siehst dein Ebenbild in jedem Menschen.
Du achtest, wie tapfer und großherzig Menschen sind.
Lehre uns Barmherzigkeit, Gott, dass wir genau hinsehen und uns anrühren lassen vom Los der Geplagten, der Verlierer. Verbinde uns mit ihnen in Respekt. Stärke uns durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn. Erbarme dich.
Kyrie

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Ehre sei Gott in der Höhe

EG 272 Ich lobe meinen Gott

Himmlischer Vater,
sende uns deinen Heiligen Geist,
dass wir glauben und dir in allem vertrauen,
dass wir die lieben, die du uns anvertraust,
das wir die Liebe Jesu Christi erkennen.
Erhöre uns Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Amen

Das Evangelium des Sonntags ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10:

Da kam ein Schriftgelehrter und wollte Jesus auf die Probe stellen. Er fragte ihn: »Lehrer, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?« Jesus fragte zurück: »Was steht im Gesetz? Was liest du da?« Der Schriftgelehrte antwortete: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken.« Und: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Jesus sagte zu ihm: »Du hast richtig geantwortet. Halte dich daran und du wirst leben.«
Aber der Schriftgelehrte wollte sich verteidigen. Deshalb sagte er zu Jesus: »Wer ist denn mein Nächster?«
Jesus erwiderte: »Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn bis aufs Hemd aus und schlugen ihn zusammen. Dann machten sie sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab. Er sah den Verwundeten und ging vorbei. Genauso machte es ein Levit, als er zu der Stelle kam: Er sah den Verwundeten und ging vorbei.
Aber dann kam ein Samariter dorthin, der auf der Reise war. Als er den Verwundeten sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn. Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor, gab sie dem Wirt und sagte: ›Pflege den Verwundeten! Wenn es mehr kostet, werde ich es dir geben, wenn ich wiederkomme.‹
Was meinst du: Wer von den dreien ist dem Mann, der von den Räubern überfallen wurde, zu Nächsten geworden?« Der Schriftgelehrte antwortete: »Der Mitleid hatte und sich um ihn gekümmert hat.« Da sagte Jesus zu ihm: »Dann geh und mach es ebenso.«

Gott ist die Liebe. Wir preisen dich, Gott. Halleluja!

Credo

NL 116 Da wohnt ein Sehnen tief in uns

In der Apostelgeschichte erzählt Lukas über die Anfänge der christlichen Gemeinde. Die kleine Gruppe derer, die an Jesus Christus glauben, wächst erstaunlich schnell und wird zu einer großen Bewegung. Lukas zeichnet die Entwick-lung in wenigen entscheidenden Schritten nach. Natürlich idealisiert Lukas, aber er lässt auch die Konflikte nicht aus. Apg 6,1-7:
In dieser Zeit wuchs die Zahl der Jünger stetig.
Doch bald wurden in der Gemeinde Klagen laut.
Sie kamen von den Griechisch sprechenden Mitgliedern, die aus anderen Ländern zugezogen waren. Die warfen den Hebräisch sprechenden Einheimischen vor, ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen. Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und sagten: »So geht das nicht! Wir können doch nicht
die Verkündigung von Gottes Wort vernachlässi-gen und selbst bei Tisch dienen. Brüder und Schwestern, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen, wir aber werden beim Gebet und dem Dienst des Wortes bleiben.“
Der Vorschlag fand die Zustimmung der ganzen Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Hinzu kamen Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, ein Grieche aus Antiochia, der zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf. Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter.

Kennen Sie das Haus zum Engel in Emmendingen in der Karl-Friedrich Straße kurz vor dem Tor?
Es war früher ein Gasthaus aber jetzt zeigt das blaue Kronenkreuz, dass hier die Diakonie zuhause ist. Da finden Sie die Tagespflege der Diakoniestation, die vielfältigen Beratungsdienste von Schwangerschaftskonflikt- bis zur Schuldner-beratung. Da wird die Schulsozialarbeit und die Gruppe für Menschen in psychischen Notlagen organisiert und vieles mehr. Um die Ecke ist noch eine große Einrichtung der Diakonie, das Senio-renheim Metzger-Gutjahr-Stiftung. In Kenzingen finden Sie das blaue Kronenkreuz an unserem Kindergarten – auch das ist Diakonie.
Die Diakonie ist mit rund 33000 Einrichtungen und etwa 1,25 Mio. Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Sie steht im Dienst des Menschen. Sie achtet jeden Menschen. Sie versteht sich als Anwältin der Schwachen und Schwächsten. Ohne Diakonie und ihre katholische Schwester Caritas sähe es düster aus in unserem Land. Diakonie ist Kirche. Kirche ist Diakonie. Der Dienst am Nächsten gehört zur Kirche Jesu Christi. Jede und jeder einzelne kann seinem Mitmenschen zum Nächsten werden, wie es Jesus in seinem Gleichnis erzählt. Wir alle sind gerufen, dass wir nicht wegsehen, sondern aufmerksam sind für Not oder einen Konflikt, dass wir uns unterbrechen lassen und helfen, wo wir können. Das kann ein freundliches Wort für jemand sein, eine Spende für in Not Geratene oder ehrenamtlicher Einsatz um zu helfen.
Wir brauchen aber auch viele, die professionell heilen, pflegen, retten, beraten und begleiten.
Lukas erzählt vom Schritt von der individuellen, spontanen Hilfe hin zu organisierter Diakonie.

Klagen wurden laut, oder in Luthers Deutsch: es erhob sich ein Murren. Wo immer Menschen zusammen sind, entstehen Konflikte. Das ist normal. Und es ist wichtig, dass jeder und jede „murren“ darf, dass Probleme nicht verdrängt werden oder dass es gar verboten wird, dass jemand einen Missstand beklagt. Wir sehen ja, wie es brodelt, wenn es heißt: „Man darf nichts sagen“ Unser evangelisches Verständnis ist: Jede und jeder darf „murren“, und dann schauen wir, was los ist.
Die Witwen der griechischen Juden werden benachteiligt – ein Verteilungskonflikt und wohl auch ein Konflikt zwischen zwei Gruppen, den Einheimischen in Jerusalem und den Zugezogenen. Die Stimmung in der Gemeinde ist mies und den Betroffenen geht es schlecht.
Die Apostel machen nicht einfach weiter. Störungen haben Vorrang. Sie rufen eine Versammlung ein und machen den Konflikt zum Thema. Gut so! Sie machen einen Vorschlag, dem alle zustimmen können. Das wird nicht so schnell gegangen sein, wie es bei Lukas klingt. Bestimmt brauchen sie Zeit zum Reden und Zuhören, Nachdenken und Diskutieren. Aber am Ende steht ein konsensfähiger Beschluss: Die ungerechte Verteilung von Essen oder Unterstützung kann so nicht weitergehen. Jemand muss dafür sorgen, dass es gerecht zugeht. Die Apostel können das nicht leisten und darum wird für diese Aufgabe ein neues Amt geschaffen. Die griechischen Namen zeigen, dass sie Leute auswählen, die selbst Zugezogene sind, die kennen die Situation der Betroffenen.

Zuerst muss ich ein wenig murren: Natürlich ginge es heute gar nicht, dass sieben Männer gewählt werden und keine einzige Frau. Außerdem: Warum verliert Lukas kein weiteres Wort darüber, ob es den betroffenen Frauen durch dem Beschluss wirklich besser ging? Geht es gar nicht um sie? Dennoch: Was Lukas berichtet, ist auch für die Kirche heute wegweisend.
Da ist ein Konflikt, eine neue Herausforderung.
Damals verändert sich die Gemeinde durch das schnelle Wachstum – heute beschäftigt uns das Gegenteil. Sie nehmen die Fragen ernst und er-arbeiten gemeinsam mit allen eine Lösung. Sie halten fest: Verkündigung und Gebet sind unsere zentrale Aufgabe. Das gilt auch heute: Kirche ist da, wo das Evangelium verkündet wird und die Sakramente gereicht werden, meinten die Refor-matoren. Der Gottesdienst und die Verkündigung können ganz unterschiedliche Formen haben, aber sie sind unverzichtbar dafür, dass wir Kirche Jesu Christi sind. Auch wenn wir weniger Pfarre-rinnen und Pfarrer haben werden, weniger Gemeindeglieder und weniger Mittel, werden wir beten, Gottes Wort hören, singen und feiern.
Darum bleiben die Apostel damals bei ihrem Dienst.
Aber Kirche ist auch Diakonie, wenn sie Jesus folgen will – auch daran halten wir fest.
Kirche ist immer auch „Kirche für andere“.
Unser Blick und unser Einsatz für die Schwachen sind wichtig für unsere Gesellschaft. Diakonie und Caritas sind verflochten mit dem Staat. Sie mischen sich ein und engagieren sich, wenn es darum geht, Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Moment schauen die Vertreterinnen und Vertreter der Diakonie sehr genau auf die Reformvorhaben der Regierung zu Rente, Pflege und Gesundheitsvorsorge. Sie betonen die Würde und das Recht von Kranken, Alten, Menschen mit Behinderung, Flüchtlingen, Menschen in Not, Bedürftigen jeder Art. Jesus hat nicht akzeptiert, dass Menschen an den Rand gedrängt wurden. Er hat sich beonders denen zugewandt, die verachtet wurden.
Als Diakone kommen für die Apostel nur Leute in Frage, die einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sind, die wie Jesus jeden Menschen achten. Auch das Amt der prakti-schen Nächstenliebe hat einen geistlichen Grund – die Diakone werden mit Gebet und Segen in ihr Amt eingeführt. Auch heute erwartet die Diakonie als Arbeitgeberin eine Haltung von ihren Mitarbei-tenden, die nicht ihrem Menschenbild widerspricht.
Vor einigen Tagen berichtete die ARD von einer Diakonie-Mitarbeiterin in Niedersachsen, die gekündigt wurde, weil sie für die AfD kandidiert.
„Unsere christlichen Werte stimmen nicht mit den Themen überein, für die diese Kandidatin antritt. Und deswegen sind wir der festen Überzeugung, dass so eine Mitarbeiterin in unserem Haus, im Umgang mit zu schützenden Personen, nichts zu suchen hat“, sagte Roman Mölling, Sprecher der Mission:Lebenshaus. Der Fall wird die Gerichte beschäftigen. Aber es ist richtig, dass eine menschenverachtende Haltung unserem Glauben und damit auch der Ausrichtung der Diakonie widerspricht.
Lukas betont am Schluss: Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter.
Zahlenmäßig waren die Christen nur eine winzige Gruppe. Zahlenmäßig sind auch wir heute unbedeutend. Aber auch heute können wir eine lebendige, blühende Gemeinde sein.
Zukunftsfähig ist die Kirche, wenn sie am Wesentlichen festhält
– Lukas nennt es Verkündigung und Gebet –
wenn sie beweglich bleibt und wie die Apostel damals die Herausforderungen ihrer Zeit annimmt
und wenn sie in ihrer Diakonie Jesus folgt.
Amen

NL 93 Wo Menschen sich vergessen

(Abendmahl)

Jesus Christus, du hast dich in diesem Mahl mit uns verbunden. Durchdringe uns mit deiner Kraft, präge unser Wollen, Denken und Tun, dass dein Wille geschehe.

Wir bitten dich für alle Menschen, die in Not geraten:
In Arbeitslosigkeit und Unglück,
in Armut, angewiesen auf Unterstützung,
in persönlichen und familiären Krisen,
in seelischer und körperlicher Krankheit,
als Opfer von Missbrauch und Gewalt.
Lass uns wahrnehmen, welche Belastung manche tragen.
Mach uns bereit, anderen Menschen zum Nächsten zu werden.
Wir bitten für die, die sich für andere einsetzen,
in der Pflege, als Angehörige von Kranken und Sterbenden, als aufmerksame Mitmenschen.
Wir bitten für die, die in der Diakonie arbeiten,
als Alten- und Krankenpflegerinnen und Pfleger,
in heilenden, beratenden, pädagogischen Berufen.

Wir bitten für die, die unter Krieg und Unterdrückung leiden und für alle die Verwundete, Flüchtlinge und verwaiste Menschen versorgen.

Wir bitten dich für unsere Gemeinde, dass Glauben wächst, dass wir dir folgen und einander lieben, dass unsere Kinder und Jugendlichen dein Wort kennen lernen und in der Gemeinde zuhause sind, dass alle Menschen in unserer Gemeinde Geborgenheit und Stärkung erfahren.
Segne, was wir tun. Bewahre uns und unsere Lieben.
Deiner Liebe vertrauen wir uns an. Amen
Kollekte für unsere Gemeinde

Dank an alle, die mit dem freiwilligen Gemeindebeitrag unsere Gemeinde unterstützen.

EG 170 Komm, Herr, segne uns

Segen
Orgelnachspiel

Jesaja 29, 17-24 Predigt im Gottesdienst in Kenzingen am 23.8.26 Andreas Hansen

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jes 42,3 , Wochenspruch für die Woche ab dem 23.8.
Was gerade noch so glimmt, ein Betrieb kurz vor der Pleite, ein Mensch am Ende seiner Kraft, eine völlig zerrüttete Beziehung, das ist für den Knecht Gottes noch lange nicht am Ende. Wie ein geknicktes Rohr, zerbrochen, mutlos, so fühlt sich Israel nach der Zerstörung des Tempels und der Verschleppung vieler ins Exil. Aber Gott lässt ihnen sagen: Fasst neuen Mut, fangt neu an, denn ich bin bei euch.
Wo wir keine Chance mehr sehen und aufgeben wollen, da gibt Gott Hoffnung.

EG 447,1-4+6 Lobet den Herren
Votum
Gruß

Ps 147
Lobet den Herrn!
Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding,
ihn loben ist lieblich und schön.
Der Herr baut Jerusalem auf
und bringt zusammen die Verstreuten Israels.
Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind,
und verbindet ihre Wunden.
Er zählt die Sterne
und nennt sie alle mit Namen.
Unser Herr ist groß und von großer Kraft,
und unermesslich ist seine Weisheit.
Der Herr richtet die Elenden auf
und stößt die Frevler zu Boden.
Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten,
die auf seine Güte hoffen.

Ehr sei dem Vater …

Du heilst die zerbrochenen Herzen und verbindest die
Wunden, du gnädiger und barmherziger Gott.
Sammle und heile, was zerbrochen ist bei mir, bei uns.
Wehre uns, wenn wir resignieren,
wenn wir über einen Menschen denken,
„aus dem wird doch sowieso nichts“,
wenn wir unserem Land und seinen Politikern
nichts Gutes zutrauen,
wenn wir lamentieren über Krisen und Bedrohungen,
aber nichts dagegen unternehmen.
Du bist groß und von großer Kraft.
In deinem Namen und mit dir können wir viel mehr,
können wir Neues schaffen und die Resignation überwinden.
Richte uns auf, wenn Trauer und Angst uns bedrücken.
Auf deine Güte hoffen wir. Erbarme dich über uns.

Kyrie

Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen,
aber meine Gnade soll nicht von dir weichen
und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,
spricht der Herr, dein Erbarmer.

Ehre sei Gott in der Höhe …

EG 272 Ich lobe meinen Gott

Du, unser Gott, du kannst Menschen heilen
und vollbringen, was wir nicht zu hoffen wagen.
Öffne unsere Ohren, dass wir dein Wort annehmen.
Rühre unsere Zungen an, dass wir einstimmen in das Lob derer, die dich preisen.
Durch unseren Herrn Jesus Christus in der Kraft des
Heiligen Geistes.
Amen

das Evangelium des Sonntags, eine Heilungsgeschichte aus Mk 7:
Jesus verließ die Gegend von Tyrus wieder und ging über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Zehnstädtegebiet. Dort wurde ein Mann zu ihm gebracht, der taub war und kaum reden konnte; man bat Jesus, ihm die Hand aufzulegen. Jesus führte ihn beiseite, weg von der Menge. Er legte seine Finger in die Ohren des Mannes, berührte dann dessen Zunge mit Speichel, blickte zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Mann: »Effatá!« Das bedeutet: Öffne dich! Im selben Augenblick öffneten sich seine Ohren, seine Zunge war gelöst, und er konnte normal reden.
Jesus verbot den Leuten, jemand etwas davon zu sagen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Die Menschen waren vor Staunen ganz außer sich. »Wie gut ist alles, was er getan hat!«, sagten sie. »Er gibt sogar den Tauben das Gehör und den Stummen die Sprache wieder.«

Ich will den Herrn loben allezeit. Halleluja!

EG 383 Herr, du hast mich angerührt

Predigt:
Herr, du hast mich angerührt (EG 383).
Jesus legt seine Finger in die Ohren des Tauben und berührt seine Zunge mit Speichel – so schildert Markus die Heilung – ein wenig eklig kommt es mir vor, aber es wirkt. Alle, die Jesus berührten, wurden gesund, schreibt Markus auch einmal (6,56). Sogar die Berührung seines Gewandsaumes heilt (5,27-31). Sie bringen die Kinder zu ihm, damit er sie anrühre (10,13). Wenn der heilige Gott oder sein Sohn einen Menschen berührt, ist Heilung möglich und noch viel mehr.

Jesaja hat eine Vision vom Thron Gottes (Jes 6) Die Engel jubeln: Heilig, heilig, heilig ist Gott. Jesaja meint: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. Aber einer der Engel berührt seine Lippen mit einer glühenden Kohle. So wird Jesaja zum Propheten Gottes – wieder so eine Berührung. Jesaja soll predigen und weiß doch: Sie hören nicht auf seine Worte. Das Volk Gottes ist taub oder stellt sich taub. Sie verachten Gott und seine Gebote. Jesaja sieht Unglück kommen, Verwüstung und Unfreiheit. Er schreibt: Wehe denen, die ihre Pläne vor dem Herrn verbergen! Sie handeln im Schutz der Dunkelheit und denken: „Wer sieht uns schon? Wer achtet auf uns?“ (29,15) – wie ein Kind, das sich die Augen zuhält und denkt: „Mama sieht mich nicht.“
„Das Jesajabuch ist von der Überzeugung getragen, dass Gott spricht und sich mitteilt.“ (Andreas Schüle, Das Jesajabuch heute lesen, S. 28) Gott will sein Volk erreichen, berühren, heilen. Obwohl die Menschen nichts von Gott hören wollen und lieber in ihr Unheil rennen, blitzt immer wieder im Jesajabuch Hoffnung auf. Ein solcher Hoffnungsschein ist der heutige Predigttext,
Jesaja 29, 17-24:

Nicht wahr? Es dauert nicht mehr lange,
dann wird das Libanongebirge zu fruchtbarem Land. Das ist so dicht bewachsen wie ein Wald.
Dann können diejenigen, die taub waren, wieder hören und die Worte des Buches verstehen.
Die Blinden können wieder sehen und werden aus Dunkelheit und Finsternis befreit.
Die Erniedrigten haben ihre Freude am Herrn,
die Armen jubeln über den Heiligen Israels.
Denn es ist aus mit den Gewalttätern,
die Schwätzer sind am Ende.
Vernichtet sind alle, die Böses im Sinn hatten.
Niemand verleumdet mehr andere vor Gericht
oder stellt dem eine Falle, der im Tor Urteile fällt.
Keiner bringt den Unschuldigen grundlos um sein Recht.
Darum spricht der Herr, der Abraham befreit hat,
zu den Nachkommen Jakobs:
Jetzt braucht sich kein Israelit mehr zu schämen,
niemand muss mehr blass werden vor Schreck.
Wenn sie die Kinder sehen, die ich ihnen schenke,
werden sie meinen Namen heilig halten.
Sie werden den Heiligen Jakobs heilig halten
und den Gott Israels verehren.
Dann kommen die Verwirrten zur Einsicht,
und die Aufsässigen lassen sich belehren.

Gott hat einen grünen Daumen.
Üppiges Grün sprießt auf Höhen, die entwaldet waren, fruchtbare, blühende Gärten, wo sich die Wüste ausbreitete.
Unvorstellbares ist möglich. Gott ist nah.
Umweltfrevel gab es schon in der Antike:
Die Berge des Libanon waren einst bewaldet. Alles Holz wurde rücksichtslos verbraucht, bis nur noch verkarstete, wüstengleiche Flächen blieben. So kann es nicht bleiben. Gott hat fruchtbares Land geschaffen – so muss es wieder werden, so kann es wieder werden.
Ich bin erschrocken, als ich vor ein paar Tagen in Freiamt sah, wie vertrocknet die Wiesen auch dort oben sind. Überall sieht man die Schäden von Hitze und Trockenheit in den Wäldern. Flüsse und Bäche trocknen aus. Ein Funke genügt und schon brennen große Flächen. Die vielen Meldungen über große Brände sind besorgniserregend.
Wie geht diese Entwicklung weiter?
Jesaja sagt: „Gott ist nah. Gott will und wird seine Schöpfung heilen. Gebt nicht auf! Resigniert nicht! Sagt nicht: „Es hat ja doch keinen Sinn. Wir können nichts tun.“! Geht nicht gleichgültig und achtlos mit der Natur um! Versucht mit allen Mitteln, das Leben zu bewahren und falsches und schädliches Verhalten zu beenden!“

Gott ist auf der Seite der Erniedrigten, der Opfer von Unrecht und Gewalt.
Gott liebt das Recht und die Wahrheit.
Der israelische Polizeiminister meint, man solle täglich 30-40 Palästinenser umbringen, die nicht verdienten zu leben. Ob in Polen zur Zeit der Pis-Regierung, in Ungarn unter Orban, in Erdogans Türkei, in den USA, oder im Wahlprogramm der AFD für Sachsen-Anhalt: Überall wollen Rechtsextreme die Justiz beherrschen und die Medien für ihre Zwecke einschränken. Menschenverachtend grenzen sie diejenigen aus, die anders sind, die ihnen nicht passen. Sie wollen die dunklen Seiten der Geschichte aus dem Bewusstsein verdrängen und alle auf ihren Nationalismus einschwören. Sie schüren Hass und Gewalt und verbreiten Lügen.
Jesaja aber sagt: „Es ist aus mit den Gewalttätern, die Schwätzer sind am Ende. Vernichtet sind alle, die Böses im Sinn hatten. Niemand verleumdet mehr andere vor Gericht oder stellt dem eine Falle, der im Tor Urteile fällt. Keiner bringt den Unschuldigen grundlos um sein Recht.
Gott ist nah. Gott setzt das Recht durch. Gott will und wird den Opfern zu ihrem Recht verhelfen. Gebt nicht auf! Resigniert nicht! Sagt nicht: „Es hat ja doch keinen Sinn. Wir können nichts tun.“! Lasst euch nicht einschüchtern von den Feinden von Freiheit und Demokratie! Wiedersprecht den Lügen! Seid nicht gleichgültig, wenn sie gegen Ausländer hetzen, antisemitisch daherreden, Frauen wieder in alten Rollen drängen wollen, zum Hass gegen queere Menschen aufrufen! Schützt das Recht jedes Menschen!“

Ist das, was Jesaja schreibt, ein Wunschtraum, eine Illusion? Verschließt er die Augen davor, wie die Welt eben ist? Woher nimmt Jesaja die Gewissheit, dass die Welt sich ändern könnte, dass sie sich schon ganz bald wandeln wird? Jesaja antwortet:
„Gott selbst spricht zu uns,
Gott, der Abraham befreit hat,
Gott, der Einzige und der Ewige,
Gott, unser Schöpfer, der Heilige Jakobs.
Ich sehe die Welt, wie sie ist.
Ich mache mir und euch nichts vor.
Ihr macht euch etwas vor, wenn ihr meint,
alles geht einfach immer weiter,
die Zerstörung der Natur geht weiter,
Kriege, Unterdrückung und Unrecht gehen weiter, weil die Welt eben so ist, wie sie ist.
Nein, so kann und wird die Welt nicht bleiben.
Denn Gott selbst spricht uns an und ist uns nah.
Gott selbst berührt uns,
dass wir nicht mehr taub sind für sein Wort,
dass wir seine Worte verstehen.“
Jesajas Gewissheit kommt von Gott.
Gott ist heilig.
Gott hat sein Volk befreit, erlöst.
Was Gott will, geschieht.
Gott hat die Welt erschaffen hat und will sie zurechtbringen.

Wir sind herausgefordert. Wir müssen uns entscheiden, wem wir glauben.
Glauben wir denen, die sagen, „so ist die Welt eben – man kann nichts machen“?
So reden auch die Gewalttäter und Schwätzer – von Gott und seiner Gerechtigkeit wollen sie nichts wissen.
Oder glauben wir Gott und seinem Wort?
Glauben wir, dass Gott seine Welt zum Guten verändert.
Geheiligt werde dein Name – so beten wir mit Jesus und mit allen frommen Juden.
Alle Menschen sollen und alle werden Gott erkennen. Sie werden auf Gott hören. Sie werden verstehen, wie gut Gott es mit seiner Schöpfung und mit den Menschen meint. Jesus redete von der nahen Herrschaft Gottes, vom Himmelreich.
Jesaja meint: „Sie werden den Heiligen Jakobs heilig halten und den Gott Israels verehren.“
Gott will uns berühren.
Gott will heilen und zurechtbringen.
Du bist heilig, du bringst Heil,
bist die Fülle, wir ein Teil
der Geschichte, die du webst,
Gott, wir danken dir, du lebst.

Amen

Neue Lieder 125 Du bist heilig

Du, Gott, kannst uns Schwerhörigen die Ohren öffnen. Lass uns dein Wort hören und dir folgen.
Du kannst uns die Augen öffnen und uns aus unserem Dunkel ins Licht führen. Lass uns die Welt sehen,
wie sie ist und wie sie nach deinem Willen sein soll.
Bewahre uns vor Resignation, Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit.
Steh denen bei, die in Angst und Not und Sorge sind.

Wir bitten für alle Menschen, die in Kriegen leben.
An so vielen Orten der Welt bangen Menschen täglich, ob sie am Leben bleiben, ob ihre Angehörigen noch leben, ob sie ein Auskommen und ein Dach über dem Kopf haben. Die Kriege entfalten einen unheilvollen Sog zu mehr und mehr Gewalt. Wir beten zu dir, du, Gott des Friedens und der Gerechtigkeit. In Not und Bedrängnis schütze jedes deiner Menschenkinder!

Mach ein Ende mit den Gewalttätern und den Schwätzern, mit denen, die Wahrheit in Lüge verkehren, mit den Feinden von Menschenrechten und Gerechtigkeit.
Öffne unsere Ohren für dein Wort. Mach uns, mach alle bereit umzukehren, dass wir uns einsetzen für eine gerechte Gesellschaft, in der jeder Mensch sein Recht bekommt und Achtung erfährt.
Bewahre uns davor, dass wir uns zum Hass verleiten lassen.

Hilf, dass wir dich heiligen, Gott, indem wir Frieden und Versöhnung und Gemeinschaft suchen in unserem Kreis, in Familie und Beruf. Tröste unsere Kranken und stärke alle, um die wir uns sorgen.
Wir bitten dich für unsere Gemeinde, für alle, mit denen wir im Glauben verbunden sind, in unserem Koopera-tionsraum und in unserer Kirche, bei unseren katholischen Nachbarn und in unserer Partnergemeinde.
Bewahre uns, Gott.

Vaterunser

Neue Lieder 198 Unser Gott hat uns geschaffen

Segen

Lk 18,9-14 Predigt am 16.8.26 in Kenzingen, Andreas Hansen

Er(Jesus) sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.
Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
(Lk 18,9-14)

Und wieder zählen wir Medaillen. Täglich wird gemeldet, welche deutschen Sportlerinnen und Sportler Medaillen gewonnen haben und wie der Medaillenspiegel aussieht. Deutschland ist auf Platz drei oder vier in Paris bei der Schwimmmeisterschaft und ebenfalls auf Platz drei oder vier in Birmingham bei der Leichtathletik (Stand 14.8.) Auch wenn ich von beiden Sportarten keine Ahnung habe, freue ich mich über die Erfolge. Wir wollen so gerne zu den Guten oder am liebsten zu den Besten gehören: zu den Sportlichen, zu den Schönen, zu den Schlauen und zu den Erfolgreichen. Seit wir Kleinkinder waren brauchen, wir das Gefühl gut zu sein, anerkannt und geliebt, und spätestens in der Schule haben wir uns mit anderen verglichen.
Aber Angeber, die sich selbst loben und andere verachten, gehen uns auf die Nerven. Donald Trump ist das krasseste Beispiel. So wollen wir auf keinen Fall sein. Eugen Roth schrieb zu dem, was Jesus erzählt:
Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
„Gottlob!“ rief er in eitlem Sinn,
„dass ich kein Pharisäer bin“.

Wir halten uns für besser, und schon haben wir es genauso gemacht und den Pharisäer verachtet. Er ist sprichwörtlich geworden für Heuchelei. Unsere Sympathie ist beim Zöllner. Aber die Pharisäer haben unsere Verachtung nicht verdient, und was die Zöllner damals machten, war alles andere als sympathisch.
Jesus fordert uns mit seinem Gleichnis heraus. Und was er erzählt, ist für seine ersten Hörer bestimmt richtig ärgerlich.
Zöllner werden verachtet und gemieden. Sie pachten eine Zollstation von den Römern und ziehen für die verhasste Besatzungsmacht Geld ein. Sie leben davon, dass sie zu viel Gebühren verlangen und in die eigene Tasche wirtschaften – Ausbeutung der eigenen Leute und Korruption. Pharisäer dagegen sind hoch geachtet. Sie bemühen sich ehrlich um ein Leben nach Gottes Gebot. Sie warnen übrigens ausdrücklich vor Selbstgerechtigkeit. Ein Zehntel der Einnahmen für die Armen? – alle Achtung – damit könnten wir viele Probleme lösen. „Pharisäer“ wurde zu einem anderen Wort für Heuchler – damit haben wir auch eine antijüdische Denkfigur gestärkt. Noch immer wird das Vorurteil gerne gepflegt, alle Juden seien Heuchler. Ihr Eifer, die Gebote zu befolgen sei verlogen.

Was Jesus sagt, ist für seine Hörer kaum zu ertragen. Der Zöllner kommt gut weg und der gerechte Pharisäer wird zum Heuchler erklärt.
Aber schauen wir genau hin, worum es geht:
Beide kommen in den Tempel um zu beten. Ganz unterschiedlich treten sie vor Gott. Jesus sagt nicht, dass der Zöllner gerechter ist als der Pharisäer – das ist er bestimmt nicht. Aber der Zöllner tritt vor Gott und ihm ist bewusst, dass er nichts anderes kann, als um Gnade zu bitten. „Ich brauche dich, Gott. Und ich brauche deine Gnade, denn ich entspreche dir überhaupt nicht. Ich bin ein Sünder, Gott.“
Der Pharisäer dagegen betet und erzählt Gott, wie gerecht er doch ist. Zwar sagt er danke, aber dann zählt er selbstgefällig seine guten Taten auf. Es ist, als ob er zu sich selbst spricht – er ist sich selbst genug und braucht eigentlich Gott gar nicht. Und nun geht der ungerechte Zöllner gerechtfertigt nach Hause, aber nicht der Pharisäer. Gott schenkt dem Vergebung und Gnade, der ihn von Herzen darum bittet – was zwischen ihm und Gott stand, alles, was ihn zum Sünder gemacht hat, das ist bereinigt – er ist gerechtfertigt, denn die Sünde trennt ihn nicht von Gott.
Der Pharisäer kommt zum Gebet in den Tempel, aber eigentlich meint er nicht Gott. Seine Selbstgefälligkeit und die Verachtung der anderen trennt ihn von Gott. Er ist Gott nicht begegnet.
Wie geht es weiter? Wird der Pharisäer bemerken, wie herzlos und gottlos sein Verhalten ist? Wird der Zöllner aufhören, Menschen zu betrügen oder kann er sogar aus dem korrupten System der Besatzungsmacht aussteigen?
Jesus erzählt sein Gleichnis Leuten, die sich selbst für gerecht halten und andere verachten. Er erzählt es nicht um seinen Zuhörern eins auszuwi-schen. Er kritisiert ihre Selbstgerechtigkeit. Aber auch ihnen gilt seine Einladung: Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15) Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1.Tim 2,4)
Und wie gehen wir weiter?
Jesu Gleichnis bleibt eine Provokation.
Wir wollen nicht sein wie dieser Pharisäer. Aber wir tappen nur zu gerne in die Falle, dass wir uns vergleichen, uns für besser halten und auf andere herabschauen wie der Pharisäer: herabschauen auf die Arbeit eines Kollegen, auf die Fähigkeiten oder das Aussehen anderer, auf das, was wir für ihren oder seinen Glauben halten. Wir bewerten andere, oft ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, was sie bewegt und was sie geprägt hat. Wir stehen uns selbst im Weg wie der Pharisäer. Wir bilden uns etwas ein auf unsere Sportlichkeit, unsere Erfolge, unsere Gerechtigkeit oder was auch immer – und wir sehen gar nicht, wie viel davon einfach Begabung ist oder dass wir gefördert wurden oder dass wir Glück hatten.
Beide, der Pharisäer in Jesu Gleichnis wie der Zöllner sind angewiesen auf Gottes Gnade. Beide haben Umkehr nötig, Buße.
Der Zöllner war verstrickt in ein System von Unrecht. Vieles, was er angerichtet hatte, war nicht wieder gut zu machen.
Auch das kennen wir wohl bei uns, dass wir verstrickt sind in ungerechte Strukturen, auf Kosten anderer leben, und dass wir anderen manches schuldig bleiben und Unrecht nicht wieder gut machen können. Wir können aber um Vergebung bitten und neu anfangen.
Vorhin bei der Taufe hörten wir das Evangelium für die Kinder.
Wer darf zu Jesus kommen? Wer darf zu Gott? Auch die Kinder, die nichts haben als ihr Vertrauen. Gerade so sind sie Gott lieb.
Wer darf kommen? Wer darf vor Gott treten und beten?
Alle, die Gott wie einem lieben Vater vertrauen, alle Kinder Gottes. Amen

Predigt Römer 11,25-32, Israelsonntag 9.8.26, Andreas Hansen

Begrüßung …. Heute ist der Israelsonntag, an dem wir in besonderer Weise an die wechselvolle und schwierige Beziehung von Christen und Juden denken. In dieser Zeit Ende Juli bis Anfang August liegt im jüdischen Kalender der 9.Aw – in diesem Jahr war es der 23.Juli: An diesem Trauertag denken Juden an die Zerstörung des Tempels 586 vor Christus durch die Babylonier und dann wieder 70 nach Christus durch die Römer. Auch hörte das Volk auf dem Weg durch die Wüste an diesem Tag Gottes Urteil, weil sie ein goldenes Kalb angebetet hatten.

Ohne das Judentum sind Christentum und Islam nicht zu denken. Unser AT ist für Jesus und Paulus die heilige Schrift, ihre Bibel. Israel ist und bleibt Gottes geliebtes, auserwähltes Volk. Wir Christen sind und bleiben verbunden mit dem jüdischen Glauben und der Geschichte Gottes mit seinem Volk.
Nach Ostern entsteht aus einer kleinen jüdischen Randgruppe eine Religion, die sich durch den Glauben an Jesus Christus unterscheidet. Dennoch bleibt der Glaube der Juden die Grundlage, die Wurzel des Christentums.

Aus enger Verbundenheit mit der Mutterreligion wird Konkurrenz und Feindschaft, zT schon im NT zu spüren. So gibt es eine schreckliche Tradition des christlichen Antijudaismus, für die wir uns heute nur schämen können. Sie gipfelt darin, dass die Kirchen zum Holocaust geschwiegen haben oder ihn gar als gerechte Strafe Gottes deuteten.

Unser Verhältnis ist also nicht nur von Religion und Glauben, sondern auch von Geschichte und Politik bestimmt. Da geht vieles durcheinander. Unser Volk und unsere Kirche haben sich schuldig gemacht. Israel ist bedroht. Juden werden gehasst.
Der Angriff am 7.Oktober 2023 hat das grausam deutlich gemacht. Es gibt auch in unserem Land wieder viel mehr Antisemitismus und sehr wenig Erschrecken darüber.
Unabhängig davon ist schrecklich, was die rechtsradikale Regierung Israels und religiöse Fanatiker in Gaza und im besetzten Westjordanland angerichtet haben und anrichten.

Eine Fülle von Themen schwingt also mit, wenn wir heute Gottesdienst feiern. Singen wir mit einer Melodie aus Israel, singen wir und loben wir Gott, der uns befreit.

EG 617,1+4-6 Kommt herbei, singt dem Herrn
Votum
Gruß

Psalm 74,1-10.18-23
Warum, Gott, hast du uns für immer verstoßen?
Warum lodert dein Zorn gegen die Schafe auf deinem Weideland?
Denk doch an deine Gemeinde!
Vor Urzeiten hast du sie erworben.
Du hast diesen Stamm als dein Eigentum freigekauft.
Es ist der Berg Zion, auf dem du wohnst.
Geh zu den Trümmern, die für immer daliegen!
Alles haben die Feinde zerstört im Heiligtum.
Mit Gebrüll stürmten sie deine Versammlungsstätte.
Auf dem Platz stellten sie ihre Feldzeichen auf.
Mit erhobenen Äxten schlugen sie drein,
wie man sie im Dickicht des Waldes schwingt.
Sogar all die kostbaren Schnitzereien
schlugen sie entzwei mit Beil und Hammer.
Dann steckten sie dein Heiligtum in Brand.
Den Ort, an dem man deinen Namen lobte,
entweihten sie bis auf den Grund.
Sie hatten bei sich beschlossen:
»Wir zwingen sie in die Knie, alle zusammen!«
Sie verbrannten alle Gotteshäuser im Land.
Zeichen, die uns hoffen ließen,
haben wir seit damals nicht mehr gesehen.
Auch ist kein Prophet mehr aufgetreten,
und niemand von uns weiß: Wie lange noch?
Wie lange noch, Gott, darf der Angreifer spotten?
Darf der Feind für immer deinen Namen lästern?

Herr, denk daran: Der Feind hat dich verhöhnt!
Ein nichtswürdiges Volk lästert deinen Namen.
Gib das Leben deiner Taube nicht wilden Tieren preis
und vergiss niemals das Leben deiner Armen!
Schau auf den Bund, der Leben bewahrt!
Denn im Land gibt es viele Schlupfwinkel,
und auf den Weiden herrscht rohe Gewalt.
Wehrlose sollen nicht wieder in Schande geraten.
Arme und Besitzlose sollen deinen Namen loben.
Steh auf, Gott! Führe du den Rechtsstreit!
Denk daran, wie du verhöhnt wurdest –
von nichtswürdigen Leuten Tag für Tag!
Vergiss nicht das Geschrei deiner Feinde –
den Lärm deiner Gegner, der zum Himmel dringt.

Ehr sei dem Vater…

Wie lange noch, Gott, dürfen die Feinde höhnen?
Wir bringen die Zerstörung dieser zerklüfteten Welt vor dich, barmherziger Gott, Gott Abrahams und Saras,
Vater Jesu Christi, du, unser Gott.
Du kennst den Schmerz und das Leid.
Wir beklagen die schreckliche Geschichte von Juden
und Christen über all die Jahrhunderte bis zum millionen-fachen Mord an Juden und dem Plan, sie auszurotten.
Wir beklagen, dass Israel auch heute bedroht ist und angegriffen wird, dass Juden sich in unserem Land nicht mehr sicher fühlen können, dass Hass, Hetze und Gewalt gegen Juden immer weiter gehen.
Wir beklagen den ungelösten Konflikt Israels und seiner Nachbarn, das Unrecht und die Untaten der Fanatiker und Kriegstreiber auf beiden Seiten.
Wie lange noch dürfen die höhnen,
die dein Recht mit Füßen treten,
denen das Leid der Opfer gleichgültig ist,
die sich auf Gewalt verlassen
und die schamlos lügen?
Wir sehen keinen Weg,
aber du weißt den Weg
für dein Volk, für uns Menschen,
barmherziger Gott. Amen

NL 178 Meine engen Grenzen

Mit Worten aus dem jüdischen Morgengebet beten wir:

Mit großer Liebe hast du uns geliebt, Herr, unser Gott.
Großes, reiches Erbarmen hast du uns erwiesen.
Unser Vater, unser König, um unserer Väter willen,
die auf dich vertraut haben
und welche du die Satzungen des Lebens gelehrt hast:
Sei uns allen gnädig und belehre uns. Amen

Der Glaube Israels ist geprägt durch die Zeit des Exils nach der Zerstörung des ersten Tempels.
Aus dieser Zeit stammen Worte, die Gott seinem Volk durch Jesaja sagen lässt. Wir hören Verse aus Jesaja 46 und dann singen wir ein Lied nach diesen Worten.
Hört mir zu, ihr Nachkommen Jakobs,
die ihr von Israel übrig geblieben seid!
Schon im Mutterleib seid ihr mir aufgeladen worden.
Von Geburt an habe ich euch getragen.
Ich bleibe euch treu, bis ihr alt seid.
Ich trage euch, bis ihr graue Haare habt.
Das habe ich getan und werde es weiter tun.
Ich bin es, der euch trägt und rettet!
Mit wem wollt ihr mich vergleichen,
neben wen wollt ihr mich stellen?
Kennt ihr einen, der mir ähnlich ist
und der sich mit mir messen könnte?
Denkt daran und geht in euch!
Nehmt es euch zu Herzen, ihr Treulosen!
Denkt an das, was früher war,
an das, was ich vor langer Zeit getan habe.
Ich bin Gott und keiner sonst,
niemand ist mir gleich.

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist,
dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. Halleluja!

Halleluja!

EG 380 Ja, ich will euch tragen

Eine zentnerschwere Last bedrückt Paulus. Er ist traurig um sein Volk, die Juden. Die meisten von ihnen glauben nicht an Jesus. Das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus – für Israel bleibt sie verschlossen.
„Wie kann das sein? Sie sind doch Gottes Volk. Sind sie ausgeschlossen von Gottes Liebe? Sind sie verworfen?“ Diese Fragen zerreißen Paulus beinahe. Einerseits fühlt er sich dem Volk Gottes tief verbunden. Er ist geprägt vom Glauben und der Frömmigkeit Israels. Andrerseits glaubt er an Jesus Christus. Jesus hat keinen neuen oder anderen Gott verkündigt. Sein lieber Vater im Himmel ist der Gott Israels. Es schmerzt Paulus zutiefst, dass Jesus von den meisten Juden abgelehnt wird.
In Rom leben vor allem Heidenchristen, Christen, die nicht zugleich Juden sind. Paulus will nicht, dass sie Jeden werden, aber sie müssen wissen, welche Wurzeln ihr Glaube an Jesus hat. Paulus, der Judenchrist, verkündet das Evangelium unter den Heidenvölkern. In seiner eigenen Lebensgeschichte kann er die künftigen Spannungen schon ablesen.
Darum widmet er sich in seinem Brief ausführlich dem Verhältnis von Christen und Juden. Am Schluss schreibt er (Röm 11,25-32 Basisbibel):

Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen.
Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern,
bis die Völker sich ihm vollzählig zugewandt haben. Und auf diese Weise wird schließlich
ganz Israel gerettet werden.
In der Heiligen Schrift heißt es ja auch: »Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.«
Betrachtet man es vom Evangelium her, dann sind sie Feinde geworden. Und das kommt euch zugute. Betrachtet man es aber von daher, dass Gott sie erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. Es waren ja ihre Vorfahren, die er einst erwählt hat. Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es.
Früher habt ihr Völker Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt.
Genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht, weil er euch sein Erbarmen geschenkt hat. So werden künftig auch sie sein Erbarmen finden.
Denn Gott hat alle im Ungehorsam festgehalten,
weil er allen sein Erbarmen schenken will.

Es schmerzt Paulus tief, dass die Mehrheit seines Volkes nicht an Christus glaubt. Einerseits ist er überzeugt: Das Evangelium von Jesus Christus ist ein Kraft Gottes, die jeden selig macht, die oder der an Christus glaubt. Für ihn steht aber auch fest: Gott liebt sein Volk und Gott hält sein Wort. Er nimmt nichts weg von der Erwählung seines Volkes. Sie sind und bleiben seine geliebten Kinder.
Nun argumentiert Paulus, um beides festhalten zu können. Er schreibt von einem Mysterion, einem Geheimnis, dem Heilsplan Gottes für Juden und Heiden. Er meint, die Juden bleiben nur so lange für die Wahrheit Christi verschlossen, bis alle Heiden ihn erkannt haben.
Gott will allen sein Erbarmen schenken. Gottes Ja zu allen Menschen ist größer als jedes menschliche Nein.
Ich weiß nicht, auf welchem Weg sich die Hoffnung erfüllen wird, aber ich glaube, wie Paulus: Gott will sich aller Menschen erbarmen.
Unser Weg zu ihm ist der Glaube an Jesus Christus. Über die Juden und ihren Glauben muss ich und darf ich nicht urteilen. Aber sie sind, wie Paulus schreibt, Gottes erwähltes Volk, im Bund mit Gott, seine geliebten Kinder.
Lange haben christliche Theologen die Juden und ihren Glauben abgewertet, um den christlichen Glauben umso mehr aufzuwerten. Bis vor wenigen Jahrzehnten meinten viele, die Juden seien von Gott verworfen, die Erwählten seien nun wir. Über Jahrhunderte haben sich Christen des Antijuda-ismus schuldig gemacht und so den Boden für Judenverfolgung bereitet. Erst in den 80er Jahren haben die Kirchen in Deutschland eindeutig die bleibende Erwählung Israels bekannt und ihre Mitschuld am Holocaust deutlich benannt. Unsere badische Landessynode gehörte 1984 zu den ersten Kirchen, die das so deutlich zu sagen wagten. Man könnte auch sagen, erst da haben sie Paulus in Römer 9 bis 11 ernst genommen.
Wir Christen haben den Juden nichts voraus, auch wenn wir an Jesus Christus glauben.
Wir glauben gemeinsam mit den Juden an Gottes Barmherzigkeit, die auch in der Hebräischen Bibel, dem AT, vielfältig bezeugt ist und sozusagen der rote Faden ist. Wir glauben an Gott, der allen Menschen sein Erbarmen schenken will.

Dieser Glaube war zur Zeit des Paulus angefochten durch Streit und Hass.
Paulus wurde selbst wenige Jahre nach seinem Römerbrief zum Märtyrer.
Das kultische Zentrum des Judentums, der Tempel in Jerusalem wurde 14 Jahre nach dem Brief zerstört und ein paar Jahrzehnte später wurde ganz Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht und die Juden unter alle Völker zerstreut.
Voll Scham blicken wir auf eine lange Geschichte der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von Juden durch Christen. Wir können kaum ermessen, wie tief das Erschrecken in Israel am 7.Oktober 2023 war, und wie groß die Furcht vor wieder wucherndem Antisemitismus.
Wir sehen auch das schreckliche Unrecht, das Israel in Gaza, im Libanon und in den besetzten Gebieten verübt. Aber jede Form des Aufrechnens von Gewalt und Unrecht verbietet sich für uns.

Und trotzdem glaubt Paulus, trotz allem: Gott will allen Menschen sein Erbarmen und seinen Frieden schenken. Diese Hoffnung, dieser Glaube verbindet uns mit vielen Juden.
Es gibt sehr viele, die sich Juden oder Christen oder auch Muslime nennen, und durch ihr Tun Gott verhöhnen.
Aber wie Paulus kann und will ich nicht glauben, dass Gewalt und Hass das letzte Wort behalten.
Denn ich glaube an Gott, der sein Volk und alle Menschen liebt.
Seine Liebe behält das letzte Wort.
Nach den Versen, die wir vorhin hörten, jubelt Paulus: Wie unerschöpflich ist doch der Reichtum Gottes, wie tief seine Weisheit und Erkenntnis! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen und wie unerforschlich seine Wege! Wer kennt die Gedanken des Herrn?
Wer ist sein Berater gewesen? Wer hat ihm je etwas gegeben, sodass er es von ihm zurückfordern könnte?
Denn alles hat in ihm seinen Ursprung. Durch ihn besteht alles und in ihm hat alles sein Ziel. Denn er regiert in Herrlichkeit für immer. Amen.

NL 183 Nächstes Jahr, du wirst sehn

Barmherziger Gott, bei dir ist die Quelle des Lebens.
Aber in unserer Welt, in deiner Schöpfung ist so viel Zerstörung, so viel Leid, so viel Schmerz.
In unserem Land denken nicht mehr viele an den 7. Oktober 2023, aber in Israel und bei allen Juden ist der Schrecken gegenwärtig. Wachsende Feindseligkeit und Gewalt erinnert sie immer daran, wie bedroht Israel ist und Juden in aller Welt sind.
Tröste, stärke und schütze dein Volk.
Mach ein Ende der Gewalt.
Sei bei allen, die sich um Verständigung und Frieden bemühen, die Israel die Treue halten und sich gegen Antisemitismus wehren.
Wir sehen die Not der Menschen in Gaza, im Libanon, in den besetzten Gebieten, die vielen unschuldigen Opfer von Gewalt, Unterdrückung.
Steh auf gegen die, die deinen Namen verhöhnen, indem sie vermeintlich im Namen Gottes Hass verbreiten und Unrecht tun, gegen die Fanatiker und Kriegstreiber auf allen Seiten.

Bewahre uns vor Selbstgerechtigkeit und Hochmut.
Finde dich nicht ab mit unserer Unfähigkeit zum Mitfühlen.
Lass uns wachsam sein gegen unsere eigenen Vorurteile.
Hilf uns, unsere eigene Geschichte und unsere Verbindung zum Judentum bewusst zu halten.

Auf dein Erbarmen und auf deinen Frieden hoffen wir. Wir bitten um Frieden in der Welt, Frieden für alle Menschen.
Wir bitten für die Hungernden, die Flüchtenden, die Verwaisten, Menschen, die traumatisiert sind.
Wir bitten für unsere Kranken, die, um die wir uns sorgen,
für die Traurigen, für die Überforderten.
Bewahre unsere Gemeinde und die ganze Kirche.
Stärke unseren Glauben, unsere Liebe, unsere Hoffnung.

Mit den Worten Jesu beten wir: Vaterunser

EG 171

Segen

Gottesdienst zur Vernissage mit Fotokunst von Reinhard Berg, Predigttext 1.Joh 3,1+2, 19.4.26, Andreas Hansen


Orgelvorspiel

… „so vielschichtig wie das Leben“ ist Ihre Fotokunst, Herr Berg. Es ist reizvoll und lohnend, die vielen Schichten eines Bildes zu entdecken. Fragen nach dem Leben stellen sich. „Was macht mein Leben aus? Wer bin ich? Wer bin ich vor Gott?
Ihr Bild begleitet uns durch den Gottesdienst.

EG 452,1+2+5 Er weckt mich alle Morgen
Votum
Gruß
Ps 139
HERR, du erforschest mich und kennest mich. 
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne. 
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege. 
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht alles wüsstest. 
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir. 
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen. 
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.
Finsternis ist wie das Licht. 
Herr, du hast meine Nieren bereitet
und hast mich gebildet im Mutterleibe. 
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. 
Es war dir mein Gebein nicht verborgen,
da ich im Verborgenen gemacht wurde,
da ich gebildet wurde unten in der Erde. 
Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war. 
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. 
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege. 

Ehr sei dem Vater

Wer bin ich? Ich bringe meine Frage zu dir, Gott.
Du erforschest mich und kennest mich,
aber ich selbst bin mir oft ein Rätsel.
Ich sehe wohl, was für Begabungen und Möglichkeiten du mir schenkst,
was für einen Schatz an guten Gaben, an Menschen, die ich liebe,
Schönes, das ich genieße, schöne Erlebnisse, beglückende Erfahrungen.
Hab Dank dafür, dass du mir das Leben und so viel Gutes geschenkt hast.
Wunderbar hast du mich geschaffen.
Aber ich sehe auch die Grenzen meiner Möglichkeiten,
mein Ungenügen, mein Scheitern,
dass ich anderen nicht gerecht werde,
dass ich gefangen bin in dem, was mich geprägt hat,
in kleinlicher Sorge um mich selbst, in Ängsten.
Du weißt, wie widersprüchlich ich bin,
wie fehlbar, wie schwach.
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. 
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege. 

Amen

Neue Lieder 130 Du siehst mich

Eigentlich bin ich ganz anders,
ich komme nur so selten dazu.

Paulus beschreibt, wie sehr er ein anderer sein will und es doch nicht kann. Wir hören Verse aus Römer 7:
Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden,
aber nicht die Fähigkeit, es zu tun.
Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute.
Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse.
Ich tue also das, was ich nicht will.
Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde.
Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt.
Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit:
Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach
stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu.
Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt.

Sünde: Was mich trennt – von anderen, von mir selbst, von Gott. Sünde hat viele Gestalten.
Selbstsucht, Egoismus und auch Angst vor dem, was in mir steckt. Habgier und auch Angst zu kurz zu kommen.
Rechthaberei und die Angst zur Wahrheit zu stehen.
Verbohrtheit, Fanatismus und Gleichgültigkeit. Unfähigkeit zu Beziehungen und das Ausnutzen von anderen. Trägheit und Aktionismus. Gier und Ekel.

Orgelinterpretation

Wenige Verse später schreibt Paulus von der Befreiung aus der Gefangenschaft der Sünde, Verse aus Römer 8:
Aber ihr seid nicht mehr von der menschlichen Natur bestimmt, sondern vom Geist Gottes. Denn der wohnt in euch. … Es ist derselbe Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Wenn dieser Geist nun in euch wohnt, dann gilt:
Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat,
wird auch eurem sterblichen Leib das Leben schenken.
Das geschieht durch seinen Geist, der in euch wohnt.
… Alle, die sich von diesem Geist führen lassen,
sind Kinder Gottes. Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht.
Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben.
Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: »Abba! Vater!« Und derselbe Geist bestätigt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

Amen

351,1+5+7 Ist Gott für mich

Ich sehe das Bild an:

Eine Gestalt – eine Puppe, ein Mensch? – aufrecht stehend, oder kommt sie auf mich zu? – gesichtslos und doch mir zugewandt

Holzmaserungen, Stirnholz mit Jahresringen: überlagert die Gestalt, zergliedert, fragmentiert sie, löst sie auf

Blau: freundlich, himmlisch oder kalt, technisch? geheimnisvoll, vielschichtig, tief

Brüche, Risse, unfertig, getrennt, gescheitert

Wachsen, Reifen, kraftvoll und fruchtbar

Orgelinterpretation

Sie wollen nicht einfach abbilden, was man sehen kann, Herr Berg. Oft fängt Ihre künstlerische Arbeit nach dem Fotografieren erst an. Sie gestalten Bilder mit verschiedenen Ebenen, die gliedern und korrespondieren. Sie verfremden, abstrahieren, lösen das Fotografierte auf und setzen es neu zusammen. Die Vielschichtigkeit Ihrer Bilder fordert uns auf: „Seht hin! Seht genau hin!
Was ihr zu sehen meint, könnte auch anders sein. Lasst euch überraschen!
Entdeckt neue Möglichkeiten!
Findet Wesentliches! Seht!“
Unsere subjektive Interpretation ist gefragt.

So sehe ich diese Gestalt,
die mir einen Spiegel vorhält: Wer bin ich?
Zerbrochen, fragmentarisch, unfertig,
zugleich vor diesen Jahresringen,
Symbol von Wachsen,
voll Hoffnung auf das, was wird.

Wer bin ich vor Gott?
Wie mag Gott mich sehen?
Hören wir zwei Verse aus dem 1. Johannesbrief:
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!
Darum kennt uns die Welt nicht;
denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder;
es ist aber noch nicht offenbar geworden,
was wir sein werden.
Wir wissen aber: wenn es offenbar wird,
werden wir ihm gleich sein;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
(1.Joh3,1f)

Gott entdeckt uns.
Gott sieht uns, sieht, was noch verborgen ist,
was sich entfalten wird, vollenden wird.
Noch sehen wir Brüche, Bruchstücke, belastete und zerbrochene Beziehungen, ungelöste Konflikte, vieles, was leidvoll unfertig ist.
Wir sehen das in unserem Leben:
Zeiten, in denen wir uns in unserer Haut nicht wohl fühlen, in denen wir unter Druck stehen,
Angst oder Sorge haben, bedrückt sind.
Wir sehen es in unseren Beziehungen, wenn wir einander nicht gerecht werden und wehtun,
wenn wir uns voneinander entfremden.
Wir sehen die Brüche, das Fragmentarische auch vielfältig in der Welt.
Das Konzept von „Leben als Fragment“ ist in der seelsorglichen Betrachtung des Menschen auch entlastend. Unser Leben darf unfertig sein.
Wir lassen uns befreien vom unrealistischen Ideal einer Perfektion, vom irren Drang, besser zu sein als andere, möglichst vollkommen zu sein, schön, erfolgreich, mit uns im Reinen, gesund und sexy.
Wir dürfen wohlwollend auf die Brüche in unserem und anderem Leben sehen, auf das Unfertige und Unvollkommene. Freuen wir an dem, was sich noch entfalten kann, entdeckt werden kann.

„Seht, was für seltsame Gestalten wir zuweilen sind! Oft selbstverliebt und eitel,
oft gezeichnet vom Leben,
von zu viel Genuss oder von zu viel Schmerz.
Seht euch selbst an, mit Humor und Wohlwollen! Dann kommt ihr vielleicht dem liebevollen Sehen Gottes nahe.“
Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen.
Voll Liebe sieht Gott uns an, wie eine Mutter, wie ein Vater, mit Wertschätzung, mit Freude, sicher mit Humor: „Was stellen sie schon wieder an!“
Gott sieht unsere Brüche, das Unfertige,
das Scheitern, natürlich auch unsere Schuld,
was wir anrichten, was wir anderen und uns selbst antun.
Das alles sieht Gott und sieht uns doch liebevoll an. Denn wir sind seine Kinder, Töchter und Söhne Gottes.
Wie wir als Erwachsene Kinder unserer Eltern bleiben, dürfen wir auch vor Gott Kinder sein,
kindlich vertrauen, kindlich spielen, uns erfinden, lebendig sein.
Es fällt uns schwer, das zu glauben. Darum unterstreicht Johannes: und wir sind es auch!
Es fällt uns schwer zu glauben, dass wir von Gott behütet, begleitet und geliebt werden. Wir wollen doch, wie alle Kinder, so gerne ganz groß sein. Die Welt, die uns nicht kennt? – das sind wir selbst mit unseren Zweifeln, dem verzweifelten Selbst-Sein-wollen, dem Größenwahn und zugleich der Angst uns zu verfehlen.
Unser Blick ist so oft verstellt.
Unsere Herzen sind so oft eng.
Gott sieht mehr, sieht schon, was uns noch verborgen ist. Liebevoll, barmherzig, mit Freude und voll guter Erwartung sieht Gott uns an, wie Mutter und Vater ihr Kind ansehen.

Seht, und ihr werdet noch mehr sehen!
Wie schön, dass Sie uns mit Ihren Bildern ein wenig die Augen öffnen, dass Sie uns helfen, anders und mehr zu sehen.
Johannes wagt einen tollen Ausblick:
Alles, was uns den Blick verstellt, wird überwunden sein.
Es wird offenbar, was wir sind
und was uns jetzt noch verborgen ist,
was es bedeutet, dass wir Kinder Gottes sind.
Wir werden Christus gleich sein.
Zweifel und Angst werden überwunden sein.
Wir werden ihn sehen, wie er ist.
Amen

Neue Lieder 56 Ich sing dir mein Lied

Barmherziger Gott,
wie Vater und Mutter, so siehst du uns an,
siehst unsere Sorgen, siehst unsere Ängste,
unsere Schuld, unser Scheitern,
und doch blickst du voll Liebe auf unser Leben.
Weite unseren Blick,
hilf uns zu sehen,
unsere Mitmenschen als deine geliebten Kinder,
uns selbst mit all unseren Brüchen,
unserer Sehnsucht, unseren Fehlern,
und doch getragen und geliebt wie Kinder.

Wir bitten für die, die voll Sorge in ihre Zukunft schauen,
in wirtschaftlicher Not, in festgefahrenen Konflikten,
überfordert, ratlos, in psychischem Leiden,
in Krankheit und in Trauer.
Hilf ihnen, zuversichtlich weiterzugehen.
Bewahre und stärke sie.
Und hilf uns, ihnen beizustehen.

Wir bitten um Frieden in der Welt.
Wehre der Gewalt und der Menschenverachtung.
Wir bitten für die Opfer der Kriege, die Verletzten,
die Verwaisten, Menschen in Not, ohne ihr Zuhause,
auf der Flucht.
Wir bitten für die, die sich um Kranke, Verletzte und Flüchtlinge kümmern und sich dabei selbst in Gefahr bringen.
Wehre denen, denen es nur um ihre Macht geht.
Stärke diejenigen, die sich einsetzen für Frieden, für Gerechtigkeit und Demokratie.

Bewahre deine Kirche in allen Konfessionen.
Sei bei unseren Lieben.
Schenke ihnen, schenke uns allen die Freiheit und Lebensfreude deiner Kinder.

Vaterunser

Segen
Orgelnachspiel

Jes 40,26-31 Predigt Andreas Hansen

(Wir singen vor der Predigt Lied EG 117 Der schöne Ostertag)

Was für ein Jubel: Er ist erstanden, erstanden, erstanden!
Die Welt ist eine andere, seit Jesus auferstanden ist. Die Macht des Todes erscheint ungeheuer, aber das Leben hat gesiegt.
Die Mächtigen der Welt toben sich aus, aber sie sind bloßgestellt, entzaubert, lächerliche Figuren.
Im Namen Gottes protestieren wir gegen den Tod und alle Todesmacht.
Im Namen Gottes entzaubert Jesaja, der Prophet, die Mächtigen seiner Zeit.
Die Weltmacht Babylon hat Israel vernichtet. Der Tempel und die Stadt Jerusalem sind Trümmerhaufen. Ein Teil des Volkes ist nach Babylon verbannt. Das Land sieht vielleicht nicht so schrecklich aus wie die Städte nach den Kriegen unserer Zeit, aber es ist in seinen Grundfesten erschüttert. Was damals geschieht, ist für Israel die größte vorstellbare Katastrophe.
Sie fragen: „Was wird aus uns? Hat Gott uns vergessen? Haben wir uns zu Unrecht auf Gott verlassen?“
Jesaja widerspricht der Verzweiflung, der Resignation vor den Mächtigen und ihrem Geprahle, dem Zweifel an Gott.
Hören wir den Predigttext Jesaja 40,26-31:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!
Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen,
und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?
Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 
aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden. 

Alles hat Gott geschaffen.
Gott schenkt das Leben.
Er gibt die Kraft wieder aufzustehen wie Adler, zu laufen und nicht matt zu werden.
Keinen Schritt können wir tun ohne Gott.
Jesaja zeigt auf den Himmel, die Sterne. „Weißt du wie viel Sternlein stehen?… Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass nicht eins von ihnen fehlet.“
In Babylon und Ägypten verehrte man Sonne, Mond und Sterne als Götter, als himmlische Kräfte, die unser Leben lenken, unheimliche, beängstigende Mächte, denen wir hilflos ausgeliefert sind.
Jesaja entzaubert diese Vorstellung.
Auch die Sterne sind Gottes Geschöpfe.
Der Glaube an den einen Gott ist befreiend.
Der riesige, weite Himmel muss euch keine Angst machen. Ihr seid nicht den Kräften des Himmels ausgeliefert. Ihr gehört nicht den Mächten und Gewalten. Ihr gehört allein Gott, eurem Schöpfer.
Denn es ist nur ein Gott. Er hat alles geschaffen. Er zählt die Sterne und hält sie in ihrer Bahn.
Eine enorme Befreiung: Was die Menschen in Angst versetzte, entpuppt sich als Lampen, Lampen, die Gott an den Himmel hängt.
Es ist nur ein Gott, ein Schöpfer. Nichts, was in der Welt ist, kein Geschöpf hat göttliche Macht.
Nicht einmal die Sterne können die Bahn ändern, die Gott ihnen gegeben hat.
Um wie viel kleiner müssen da die Menschen erscheinen, die sich doch so gerne Macht anmaßen und sich selbst vergöttern.
Mir fällt Heinrich Heines Gedicht Belsatzar ein: „Jehowa, dir künd ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.“ Und wenig später ist es aus mit ihm. Eine Botschaft für die großen und kleinen Diktatoren aller Zeiten.
Nur zu gerne reißen wir Menschen Macht an uns und überschreiten unsere Grenzen. Ich verzichte auf Beispiele. Wir sehen sie täglich in den Nachrichten, die sich als Herren der Welt gerieren und von Macht wie betrunken sind.
Auch wir spielen zuweilen mit der Macht und verlieren die Maßstäbe. Davon zeugen die Berichte von Gewalt in Familien, Mobbing in Schulen und Betrieben, digitalem Missbrauch und vielem mehr.
Wie befreiend ist es, wenn der Missbrauch von Macht und wenn die Verbrechen beim Namen genannt werden, wenn die, die sich Macht über andere anmaßen, entzaubert und begrenzt werden – ihre Macht ist endlich.
Auch sie sind nur Menschen.
Gott wird dem Unrecht ein Ende setzen.

Im Gottesdienst finden wir die rechten Maßstäbe, wenn wir Gott loben und nicht Menschen vergöttern oder sie maßlos fürchten.
Wir erkennen unsere Grenzen. Wir entzaubern die Götzen Macht, Erfolg, Leistung, Wachstum um jeden Preis.
Menschen, die Tausende umbringen lassen oder androhen, eine ganze Zivilisation zu vernichten – was für eine wahnsinnige Anmaßung gegen Gott.
Gott rückt unsere Maßstäbe zurecht – darum feiern wir Gottesdienst.
Gott richtet uns auf, damit wir nicht müde werden.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 
Jesaja formuliert derb: Warum sagst du, mein Recht geht meinem Gott am Hintern vorbei? – so oder noch derber müsste man übersetzen.
„Wie es uns geht, ist Gott doch sowas von egal!“
Viele können diese Klage nachvollziehen.
Jesaja meint: Nein, Gott lässt euch nicht aus den Augen, auch wenn ihr ihn jetzt nicht versteht. Er lässt seine Geschöpfe nicht allein. Keinen Schritt, keinen Atemzug können wir tun ohne Gott. Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.
Und Gottes Schöpferhandeln, Gottes Kreativität hört nicht auf. Gott ist die Quelle des Lebens.
Nie Gehörtes, nie Gesehenes kann wahr werden. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

Freilich besteht die ungeheure Herausforderung Israels damals und vieler Menschen bis heute.
Sie verstehen nicht, warum es ihnen so mies geht. Sie klagen, mein Recht geht meinem Gott am Hintern vorbei.
Es ist noch lange nicht alles gut. Übermächtig erscheinen der Tod und seine Helfer.
Und Gott macht nicht, was er könnte.
Gott räumt nicht einfach beiseite, was uns plagt.
„Die Quelle des Lebens ist unverfügbar. Gott kann sich zurücknehmen, sich entziehen und seinen Geschöpfen Raum und damit Freiheit gewähren.
Dieser Entzug Gottes hinterlässt … schmerzhafte Lücken und Schwächen, die zweifeln lassen.“ (Rainer Stuhlmann, GPM)
Darum beklagt sich Israel damals bei Gott. Sie können nicht verstehen, dass Gott sie in ihrem Elend warten lässt.
Jesaja nennt sie auch Jakob und erinnert an den, der mit Gott gestritten hat.
Für Jesaja ist das nur eine begrenzte Phase.
Nur zeitweise entzieht sich Gott.
Die Wende sieht Jesaja schon kommen.
Aber: Gottes Verstand ist unausforschlich.

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.
Das könnten wir sein: Menschen, die auf Gott harren, ungeduldig warten, manchmal schwach sind und voller Zweifel.
Harrende sind Menschen voll ungestillter Sehnsucht. Unser Glaube ist nicht fertig.
Wir laufen keineswegs wie Glaubenskraftprotze durch unser Leben. Manchmal schleppen wir uns nur recht müde und matt voran.
Gott, der Schöpfer, die Quelle des Lebens, kann uns aus ihrer, seiner ungebrochenen Kreativität neue Kraft geben, dass wir auffahren mit Flügeln wie Adler, dass wir laufen und nicht matt werden, dass wir wandeln und nicht müde werden.
„Ja Herr, wir danken dir. Gott, wie lobsingen dir.
Heilig, dein Name! Wir beten dich an.“ (EG 629)
Amen

1.Kor 15,20-28 Predigt Ostersonntag 26 Andreas Hansen

Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden, und zwar als Erster der Verstorbenen. Denn durch einen Menschen kam der Tod in die Welt.
So bringt auch ein Mensch die Auferstehung der Toten. Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbun-den sind, werden wir alle lebendig gemacht.
Das geschieht für jeden nach dem Platz, den Gott für ihn bestimmt hat: Als Erster wird Christus auferweckt. Danach, wenn er wiederkommt,
folgen alle, die zu ihm gehören. Dann kommt das Ende: Christus übergibt Gott, dem Vater, seine Herrschaft. Zuvor wird jede andere Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht vernichtet.
Denn Christus muss so lange herrschen, bis Gott ihm alle seine Feinde zu Füßen gelegt hat. Der letzte Feind, den er vernichten wird, ist der Tod.
Denn alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt.
Das bedeutet: Alles ist ihm unterworfen.
Eines ist jedoch offenkundig: Davon ist der ausgenommen, der ihm alles unterworfen hat – Gott. Sobald ihm nun alles unterworfen ist, wird auch der Sohn selbst sich unterwerfen: Er wird sich Gott unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat. Das geschieht, damit Gott alles umfasst
und in allem gegenwärtig ist.
(1.Kor 15,20-28)

Ganz und gar nicht leer war das Grab des früh verstorbenen Tutenchamun. Bei der schönen Mumie fanden sich unter tausenden anderen Grabbeigaben die königlichen Sandalen. Im Fußbett der Sandalen sind Darstellungen von Gefangen. Neun Bögen symbolisieren die feindlichen Mächte, die Ägypten unterworfen hat.
Der als Gott verehrte König durfte auf seinen Feinden herumtrampeln – eine Vorstellung, die manchen heutigen Möchte-gern-Königen gewiss gefallen würde. Sie trampeln ja zu gerne auf anderen herum. https://egypt-museum.com/sandals-of-tutankhamun/

Der HERR sprach zu meinem Herrn: »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege.« Der rätselhafte Psalm 110 ist der im Neuen Testament am häufigsten zitierte Text des Alten Testaments. Gott macht die Feinde zum Fußschemel. Jesus, nach jüdischem Verständnis König David, sitzt neben Gott und regiert. Er sitzt zur Rechten Gottes – bis in unser Glaubensbekenntnis hat es der Psalm geschafft. Der tief gedemütigte und entwürdigte Gekreuzigte sitzt nun neben Gott. Seine Füße tragen noch die Nägelmale, aber sie stehen auf den Feinden. Denn alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt. … jede andere Herrschaft, jede Gewalt und jede Macht (wird) vernichtet.

Ostern ist ein erster Schritt, ein Anfang
Jesus ist wahrhaftig auferstanden.
Nun beginnt eine neue Zeit.
Was an Ostern geschah, geht weiter.
Was jetzt beginnt, wird alles verändern.
Paulus verweist auf den allerersten Anfang.
Er stellt Adam und Christus einander gegenüber. So kann er beschreiben, wie sehr sich alles wandeln wird. Adam ist der Mensch, der sterben muss, nicht nur der erste Mensch, jeder Mensch. Wir alle sind Adam. Schon der Name verweist auf die Adama, die Erde, von der er genommen ist und zu der er einmal wird. Adam steht auch für den Menschen, der schuldig wird und über andere Böses und Leid bringt. Adamsmenschen sind wir.
Christus ist der neue Mensch.
Weil wir mit Adam verbunden sind, müssen wir alle sterben. Weil wir aber mit Christus verbunden sind, werden wir alle lebendig gemacht.
Unsere Zukunft ist die von Christusmenschen.
In Christus werden wir erweckt zum Leben.
Noch aber ist es nicht so weit. Noch herrscht der Tod und wir erleben seine Macht. Tagtäglich sehen wir, wie der Tod und seine Helfer regieren.
Es ist verstörend, wie das Morden immer weiter geht. Und nicht nur auf den Schlachtfeldern, auch in den sogenannten sozialen Netzwerken werden Menschen so verletzt, dass manche verzweifeln. Viele Beziehungen sind vergiftet durch Gewalt und Habgier. Wenn Paulus von den Mächten und Gewalten spricht, denke ich an diese bösartige Seite des Menschen. Die Starken trampeln auf den Schwächeren herum. Und wenn wir selbst die Starken sind, sind wir kaum besser. Rücksichtslos zertrampeln wir z.B mit unserem viel zu großen ökologischen Fußabdruck die Schöpfung, oder wir nutzen wirtschaftliche Vorteile, unter denen andere leiden – wir mischen mit im Spiel der Mächte und Gewalten.

Nun ist Christus aber vom Tod auferweckt worden.
Ostern ist der Anfang vom Ende des Todes.
Der erste entscheidende Schritt ist getan.
Wir jubeln schon jetzt und feiern seinen Sieg.
Und wenn wir betroffen sind von Leid und Abschied und Tod, tröstet uns die Hoffnung über Tod und Grab hinaus.
Es ist schon entschieden, wer das letzte Wort behält. Mit Jesu Tod am Kreuz schien alles, was er getan hatte, null und nichtig, aus und vorbei.
Aber seit Ostern ist sein Tod noch ermutigender als es sein Leben schon war.
Den Frauen am Grabe wird aufgehen: im Tod, war Christus nicht allein. Gott selber ist mit ihm in den Tod gegangen. Der lebendige Gott hat Licht in das Dunkel des Todes gebracht. Das unerbittliche Nein des Todes ist verschlungen in Gottes Ja.
Ostern ist der Anfang vom Ende des Todes.

Paulus zieht einen großen Bogen. Wie einen Kampf beschreibt er, was er erwartet. Christus wird alle Herrschaft, Macht und Gewalt vernichten.
Alle Feinde Gottes werden zunichte.
Zuletzt verliert der Tod selbst seine Macht.
Jesus sitzt zur Rechten Gottes, aber er trampelt nicht auf anderen herum. Er nutzt seine Macht nicht aus und bereichert sich auf Kosten anderer.
Christus besiegt alle Macht, um sie abzugeben.
Er gibt alle Macht zuletzt an Gott, denn Gott soll alles in allem sein.
So kommt ans Ziel, was mit Ostern begonnen hat.
Manche wollen hier eine Hierarchie sehen, so als gäbe es eine Abstufung der Macht zwischen Gott, dem Vater und Jesus.
Paulus geht es um das Ende aller zerstörerischen Macht, aller Todesmacht.
Wenn Gott alles in allem ist, siegt die Liebe: Gottes Liebe bleibt,
sie behält das letzte Wort über diese Welt und über uns,
Gottes Liebe, aus der alles geworden ist,
die Liebe Christi, der die Welt erlöst,
Gottes Liebe in uns, Gottes Geist.
Wir sind Adamsmenschen. Wir sind begrenzt und oft fern von dem, was wir sein sollen.
Aber wir gehören schon jetzt zu Christus,
dem Gekreuzigten und Auferstandenen,
der zur Rechten Gottes sitzt.
Alle Gewalt, alle ungerechte Herrschaft,
alle böse Macht wird ein Ende haben.
Gott wird abwischen alle Tränen,
und der Tod wird besiegt sein.
Wir sehen nicht weg von dem, was uns und anderen Sorgen macht. Wir schließen nicht die Augen vor der unheimlichen Macht des Todes.
Aber wir leben schon jetzt im Licht der
Auferstehung Jesu.
Wir müssen alle sterben.
Nichts ist so sicher wie der Tod, todsicher.
Und doch: Der Tod behält nicht das letzte Wort.
Das Leben hat seit Ostern einen „ungeheuren Vorsprung“ (Kurt Marti).
Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

2.Kor 5,14-21 Predigt, Karfreitag, Andreas Hansen

Predigttext 2.Kor 5,14-21

Bei allem ist das, was uns antreibt, die Liebe von Christus. Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben. Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben ist.
Daher beurteilen wir jetzt niemanden mehr nach rein menschlichen Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun wir das nicht mehr. Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung.
Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. Ja, in der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnung zu verkünden. Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns zur Umkehr ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Versöhnung ist eine Kraft, eine große Kraft.
Paulus nennt sich Botschafter der Versöhnung.
An anderer Stelle sagt er statt Botschaft der Versöhnung das Evangelium von Jesus Christus.
Paulus nennt es eine Kraft, die selig macht.
So kann Jesus am Kreuz dem Verbrecher neben ihm Versöhnung zusagen: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Davon berichtet Lukas.
Mit der Kreuzigung wurden Aufrührer bestraft, Terroristen aus der Sicht Roms. Vermutlich hatten die Gekreuzigten neben Jesus etliche Menschen auf dem Gewissen. Die brutale Unterdrückung durch die Römer erzeugte fanatischen Hass.
Zu so einem sagt Jesus: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!
Versöhnung ist Gottes Antwort auf die Welt, die so zerrissen und gewalttätig ist.
Sie ist Gottes Antwort an uns, die so feindselig sind.
Es kann nicht so bleiben!
Und es wird nicht so bleiben.
Habgier, Machtgier und Hass behalten nicht das letzte Wort.
Die Liebe Christi treibt Paulus an, sie drängt ihn.
Im Namen Christi bittet er: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Jesus hängt am Kreuz neben den Verbrechern. Wie ein Schwerverbrecher wird er von den Römern mit aller Grausamkeit hingerichtet, unschuldig. Das lässt Gott geschehen.
Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht. Jesus identifiziert sich mit den Schuldigen und lässt sich ihre Strafe antun.
Gott erniedrigt sich.
Er dreht die Verhältnisse um und bittet uns um Versöhnung, als hätte er uns etwas angetan.
Paulus schreibt: Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Jesus baut eine Brücke für die, die weit weg sind von Gott. Wir sollen die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Nehmt die Versöhnung Gottes an – aber haben wir das denn nötig, haben wir denn einen Konflikt mit Gott?
Paulus schreibt an die Christen damals in Korinth. Das ist eine zerstrittene Gemeinde, zerfallen in Gruppen, die sich gegenseitig den Glauben absprechen. Auch über Paulus fallen sie her.
Eine Menge von Konflikten brodeln in Korinth.
Untereinander haben sie dringend Versöhnung nötig – und eben das lässt sich nicht trennen von der Beziehung zu Gott.
Was wir einander antun, trennt uns auch von Gott. Was wir einander schuldig bleiben, belastet auch unser Verhältnis zu Gott.
Gott bietet uns Versöhnung an.
Er will überwinden, was uns voneinander trennt.
Er will zurechtbringen, was zwischen uns nicht stimmt. Ja, wir haben Versöhnung nötig.

Nach vielen Jahrzehnten endete in Südafrika das schreckliche Unrecht der Apartheit, der Rassentrennung und Unterdrückung. Bischof Desmond Tutu wurde 1995 der von Weißen und Schwarzen anerkannte Leiter der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Es ging darum, Täter und Opfer ins Gespräch zu bringen und zu versöhnen, eine mühevolle, schwere Aufgabe nach all dem Unrecht. Tutu wollte Rachefeldzüge vermeiden.
Aber dazu mussten Täter und Opfer bereit sein. Sie mussten die Wahrheit sagen und sie ertragen, Sie mussten bereit sein sich zu ändern, Ausgleich zu leisten, Versöhnung zu gewähren.
Sie können sich vorstellen, wie unendlich schwer das ist, was für eine Last die Schuld und das erlittene Leid sind. Es ist längst nicht in allen Fällen gelungen, aber sehr viel weiteres Leid konnte vermieden werden.
Die Welt ist voll von komplexen, schon ewig währenden Konflikten, schreiendem Unrecht und unendlichem Leid. Kann es Versöhnung geben zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Russen und Ukrainern? Ist der Streit nicht schon hoffnungslos festgefahren wie ein Wagen in tiefem Schlamm?
Und doch gibt es mutige Schritte zur Versöhnung,
Menschen, die die Logik von Hass und Vergeltung nicht hinnehmen. Ein berührendes Beispiel ist der Vater eines palästinensischen Jungen im Flüchtlingslager Jenin, schon vor 20 Jahren: Der zwölfjährige Sohn hatte ein Spielzeuggewehr in der Hand und wurde von israelischen Soldaten erschossen. Er lag hirntot im Krankenhaus und der Vater entschied, seine Organe zur Rettung kranker Kinder zu spenden – israelischer Kinder. Sie finden die Dokumentation dazu unter dem Titel „Das Herz von Jenin“.
In persönlichen Konflikten resignieren wir oft.
Es genügt manchmal eine Kleinigkeit, dass wir sagen: „Mit dem bin ich fertig!“
Es geschieht zum Teil so tief verletzendes Unrecht, dass eine Versöhnung wirklich nicht möglich scheint.
Immer fordert Versöhnung sehr viel Mut und Kraft:
– die Wahrheit zu sagen und sie zu ertragen
– Reue zu zeigen
– bereit zu sein sich zu ändern
– Ausgleich für Unrecht zu leisten
– um Vergebung zu bitten und sie zu gewähren.

Versöhnung ist eine große Kraft.
Wenn sie gelingt, kann sich alles ändern und Neues entstehen.
Wir ahnen, wie schwer Versöhnung sein kann.
Wir sehen, wie viel Gott sich unsere Versöhnung kosten lässt.
Gott ist nicht fertig mit uns.
Die Liebe treibt ihn, Versöhnung zu schaffen.
Versöhnung ist ein Prozess, eine Kraft, die uns verändert: Wenn jemand zu Christus gehört, ist jemand in Christus, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Gott findet sich nicht ab mit Gewalt und Trennung in der Welt.
Das Leid der Welt lässt Gott nicht kalt.
Die Schuld der Welt, unsere Schuld kann nicht bleiben. Gott findet sich nicht ab mit unserer Feindseligkeit, mit unserer Trägheit und Resignation.
Im Namen des Gekreuzigten bittet Paulus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Amen

Predigt über Mk 10,35-45 zum 22.3.26 Andreas Hansen

Predigttext Mk 10,35-45
Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, traten zu Jesus und sagten zu ihm: »Lehrer, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.« Jesus fragte sie: »Was möchtet ihr denn? Was soll ich für euch tun?« Sie antworteten: »Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst – einen rechts von dir, den anderen links.« Aber Jesus sagte zu ihnen: »Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet! Könnt ihr den Becher austrinken, den ich austrinke? Oder könnt ihr die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?« Sie erwiderten: »Das können wir!« Da sagte Jesus zu ihnen: »Ihr werdet tatsächlich den Becher austrinken, den ich austrinke. Und ihr werdet die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde. Aber ich habe nicht zu entscheiden, wer rechts und links von mir sitzt. Dort werden die sitzen,
die Gott dafür bestimmt hat.«
Die anderen zehn hörten das Gespräch mit an und ärgerten sich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus auch sie herbei und sagte zu ihnen: »Ihr wisst: Diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, unterdrücken die Menschen, über die sie herrschen. Und ihre Machthaber missbrauchen ihre Macht. Aber bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzuge-ben als Lösegeld für viele Menschen.«
(Mk 10,35-45)

„Das ist mein Platz!“
Sie schaut auf: „Oh, das wusste ich nicht.“
„Das ist mein Platz, hier sitze ich immer!“
„Entschuldigung.“, sie steht auf.

Kennen Sie solche Situationen?
Natürlich wollen wir alle einen guten Platz.
Wir wollen bei der angesagten Gruppe von Mitschülern sitzen,
oder neben dem Tenor, der so toll singen kann,
oder bei unserem Lieblingslehrer oder dem Star, den wir verehren am liebsten ganz vorne.
Wir wollen den Platz, der uns zusteht,
die Stufe auf der Karriereleiter und in der Gehaltsklasse, die wir uns erarbeitet haben.
Wir vergleichen uns.
Wir konkurrieren.
Es ist ein ständiger Wettbewerb.
Manchmal müssen wir uns behaupten:
„Das ist mein Platz! Der steht mir zu!“
Es geht um unser gutes Recht.
Es geht um Ansehen, um Erfolg, um Macht.
Wer seine Chance nicht ergreift und seinen Platz behauptet, die oder der wird übersehen, bleibt auf der Strecke, geht leer aus.

So machen es Jakobus und Johannes.
Sie wollen auf jeden Fall einen guten Platz. Schließlich gehören sie mit Petrus zu den allerersten Jüngern – im Kreis der Freunde Jesu genießen sie besonders sein Vertrauen; mehrfach wird das berichtet.
Ist es nicht ganz angemessen, dass sie Jesus um einen besonderen Platz bitten, ganz nah bei ihm?
Aber was bewegt sie?
Wollen sie ihrem geliebten Meister und Freund einfach immer nahe sein?
Ergreift sie eine Art Torschlusspanik?
Sie sind nun kurz vor Jerusalem sind. Dort wird sich entscheiden, wie es mit Jesus weitergeht. Höchste Zeit also, sich einen guten Platz zu sichern.
Aber sie haben wohl nicht verstanden, was Jesus schon mehrmals gesagt hat: Er wird verurteilt werden. Er wird leiden und sterben.
Ihr wisst nicht, um was ihr da bittet!
Sie aber sagen: Lass uns neben dir sitzen, wenn du in deiner Herrlichkeit regieren wirst.
Sie behaupten: Ja, sie können ihm folgen auf seinem Leidensweg. Aber ihr Ziel ist seine Herrlichkeit, seine Herrschaft, eine glänzende Position im Zentrum der Macht. Geht es ihnen tatsächlich um Macht?
Sympathisch sind uns die beiden auf jeden Fall nicht. Ganz schön egoistisch sind sie. Streber. Rücksichtslos. Die anderen zehn sind auch ziemlich sauer auf sie.
Und dann sagt Jesus: bei euch ist das nicht so.
Nicht so wie bei den Machthabern, die ihre Macht missbrauchen. Nicht so wie bei denen, die als Herrscher gelten. Bei euch ist das nicht so.

„Meinst du das im Ernst, Jesus?
Sieh doch deine Jünger an: Sie wollen ganz oben sitzen, neben dir auf deinem Thron.
Sieh doch deine Kirche an.
Meinst du wirklich, dass wir nicht so sind?“

Die Kirche und die Macht – das ist ein düsteres Kapitel. Aus einer verfolgten Minderheit wurde die bestimmende Religion im Römischen Reich.
Der Papst in Rom wurde für lange Zeit zur mächtigsten Person der westlichen Welt mit dem Anspruch über Könige zu bestimmen und gar unfehlbare Wahrheit zu verkünden.
Die evangelische Variante ist auch nicht besser mit ihrer engen Verknüpfung von Thron und Altar.
Lange haben wir Macht missbraucht um Andersgläubige auszugrenzen. Das ging bis zur Hetze und Gewalt gegen Juden, zu Hexenwahn und Verteufelung Andersdenkender.
Die schrecklichen Fälle von sexualisierter Gewalt in den Kirchen zeigen, wie verheerend ein System wirkt, das vor allem seine Macht erhalten will, aber rücksichtslos über die Opfer hinweggeht.
Wir schleppen als Kirche viel Schuld mit uns, weil es uns so oft um Macht ging und bis heute geht.
Bei euch ist das nicht so?

Jede Organisation, jede Gemeinde, jede Kirche braucht eine Struktur, die sie zusammenhält, die sie vertritt und Entscheidungen fällt. Immer ist das auch mit Macht verbunden. Aber Macht in der Kirche sollte begrenzt und kontrollierbar sein.
Das versuchen wir. Unser Versuch ist alles andere als vollkommen. Immer wieder gibt es auch bei uns ungute Konkurrenz, fragwürdige Entscheidungen und auch Machtmissbrauch. Wir wollen eine Kirche sein, der die Menschen vertrauen.
„Macht ist kein Selbstzweck, sondern entscheidet darüber, wie glaubwürdig wir als Kirche wahrgenommen werden.“, meinte die Theologin Kristin Merle in einer Diskussion der EKD zum Thema.

Bei euch ist das nicht so: Sondern wer von euch groß sein will, soll den anderen dienen. Und wer von euch der Erste sein will, soll der Diener von allen sein.
Wo ist unser Platz?
Als ich vor rund 40 Jahren Pfarrer wurde, war bei öffentlichen Anlässen selbstverständlich ein Platz bei den wichtigen Personen des Ortes reserviert. Ich gehörte an den Honoratiorentisch und die Gemeindeglieder achteten darauf, dass ich als Vertreter der Evangelischen dort saß und offiziell begrüßt wurde. Das hat sich in den meisten Orten längst geändert. Eher selten sitze ich neben dem Bürgermeister. Viel weniger Menschen gehören zur Kirche oder nehmen sie überhaupt wahr.
Die Rolle der Kirche verändert sich in unserer ganzen Gesellschaft. Der Platz der Kirche ist nicht mehr dort, wo sie schon immer war und eine oft sehr einflussreiche Rolle spielte. Die Kirche wird kleiner und ärmer, aber sie bleibt bestimmt lebendig: Es wird weiterhin Menschen geben, die Jesus folgen und die gemeinsamen Gottesdienste feiern.
Ich glaube, es liegt eine Chance darin, dass wir weniger Macht haben. Wir können uns besser auf das ausrichten, was Jesus sagt: nicht selbst groß sein zu wollen, sondern andere groß zu machen, auf der Seite der Opfer von Macht zu stehen,
Machtmissbrauch zu kritisieren.
Die Chance ist, dass auf uns eher zutrifft, was Jesus sagt: bei euch ist das nicht so –
nicht so wie bei den Machthabern und denen, die als Herrscher gelten.

Wo ist unser Platz?
Der Menschensohn ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen.
Zum Glück haben wir durch ihn einen Platz.
Er gibt auch für uns sein Leben als Lösegeld.
Wie Sklaven losgekauft wurden und dann frei waren, so sind wir.
Unser Platz ist die Freiheit der Kinder Gottes.
Wir können ohne Furcht zurückschauen auf die zum Teil schlimme Geschichte der Kirche.
Wir können ohne Furcht nach vorne schauen auf eine ungewisse Zukunft für die Kirche und für uns.
Wir haben unseren Platz bei ihm, der uns liebt und uns befreit. Amen

Jes 66,10-14 Predigt Andreas Hansen

Das Baby schreit. Es lässt sich nicht mehr ablenken. Jetzt, sofort muss etwas geschehen! Hunger! Länger ist das nicht auszuhalten. Verzweifelt und unduldsam schreit es. Mama knöpft die Bluse auf – das Baby riecht die Milch und sieht, was die Mutter macht. Es japst und giert. Es ist außer sich. Dann endlich die Brust, und es trinkt so gierig, dass es sich zuerst verschluckt, dann in großen, lustvollen Zügen. Vor Wonne brummt es und lächelt. Ganz zurecht heißt das, was da geschieht, Stillen. Was für ein friedliches Bild nach dem Drama, Mutter und Kind eine liebevolle Einheit.
An dies Urbild von Geborgenheit erinnert uns Jesaja in den Versen, die heute unser Predigttext sind. Jes 66,10-14:
Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt! Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen. Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen
und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.
Ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. So zeigt der Herr seine Macht an seinen Knechten. Aber seine Feinde bekommen seinen Zorn zu spüren.

Eine Stadt, die stillen kann. Trinkt euch satt an ihrer Brust! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Ich habe meine Kinder vor Augen, als sie ganz klein waren und jetzt meine Enkel. Glückliche gestillte Kinder, getröstet, geborgen, ganz hingegeben.
So soll Jerusalem sein? Frieden, der sich ausbreitet wie ein Strom – wie wunderschön wäre das! Darüber sollen sich alle freuen, die Jerusalem lieben. Fröhlich sein sollen alle, die über sie getrauert haben. Und da klingt schon an, dass die Freude nicht immer ungetrübt war.
Trost ist bitter nötig!

Kennen Sie die Madonna von Kiew? Sicher umfangen hält sie den Säugling. Winzig liegt er geborgen im Arm der Mutter. Das Kind trinkt an der Brust der Mutter. Es ist ein inniges Bild. Zart und zärtlich, und es ist ein symbolträchtiges Bild. Während der Bombardierung der ukrainischen Hauptstadt Kiew hat sich die Mutter in die Kiewer Metro geflüchtet und stillt dort ruhig und gelassen ihr Kind. Für das Kind ist jetzt alles gut, aber die Welt ist zerrissen von Gewalt. Ein Foto dieser Szene ist vor vier Jahren um die Welt gegangen. Und hat einer Künstlerin zur Vorlage einer Ikone gedient: die Madonna von Kiew ist zum Symbol des Widerstands und der Hoffnung geworden.
Ein Bild der Hoffnung und des Friedens mitten in all der Grausamkeit.
Bilder von Krieg und Gewalt sehen wir täglich. Kann die Hoffnung standhalten?
Noch immer herrscht in Kiew Krieg, und in Teheran und in Beirut und in Jerusalem.
Noch immer werden Häuser zu Schutthaufen zerbombt, die Schutzräume sind überfüllt, wenn es denn Schutzräume gibt.
Noch immer müssen zahllose Menschen fliehen.
Noch immer entscheiden Machthaber, dass Krieg sein soll ohne Rücksicht auf all das Leid.
Trost ist bitter nötig!

Unser Predigttext steht im letzten Kapitel des Jesajabuches. Über Jahrhunderte wurde an diesem großen Werk gearbeitet. Immer wieder erlebte das Volk großes Leid. Jesaja, oder die, die später unter seinem Namen schreiben, Jesaja warnt und kündigt Unheil an, dann aber tröstet er voll Wärme und Herzlichkeit. Denn sie kehren zurück in ihre Stadt nach dem Krieg, aber wie sieht es hier aus! Der einst so prächtige Tempel ist nur noch ein Notbehelf. Wenn ihre Häuser noch stehen, wohnen dort andere. Wo sind die vertrauten Nachbarn, der Bäcker, der Markt, die Schule? Sie hatten solche Sehnsucht nach Jerusalem, aber nun ist die Stadt ein trostloser Ort.

Trauer und Wut klingt auch in unseren Trostversen an. Gottes Zorn entbrennt über seine Feinde und über das, was sie anrichten. Jesaja macht seinen Zeitgenossen und uns keine heile Welt vor.
Da sind wir mitten in der Passionszeit:
Gott lässt sich ein auf das Leid. Gott stellt sich auf die Seite der Opfer. Jesus lässt sich Unrecht antun ohne sich zu wehren. Er lässt sich zum Opfer machen. Er verzichtet auf alle Macht. Er hängt wie ein Verbrecher am Kreuz und stirbt.
Gottes Zorn entbrennt über die, die Menschen Gewalt antun, denen gleichgültig ist, wie viele Opfer ihr Krieg fordert. Gottes Feinde nennt sie Jesaja. Es ist wichtig, dass Jesaja auch davon spricht, weil unsere Erde so oft ein trostloser Ort ist, weil Trost so bitter nötig ist.

Denn die Feinde Gottes haben nicht das letzte Wort. Jerusalem bleibt kein trostloser Ort. Heute werden von Israel aus Menschen überfallen und in Not gestürzt, im Libanon, im Iran, in der Westbank und in Gaza. Aber umgekehrt wollen sie Israel auslöschen und seine Bewohner ins Meer treiben. Was für ein heilloser Konflikt mit immer neuem Schrecken! Wie viel Schuld auf allen Seiten und wie viel Leid!
Ausgerechnet Jerusalem? – Gott sagt: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Ja, ausgerechnet Jerusalem! Gott findet sich nicht ab mit all dem Unrecht und all dem Elend.
Jerusalem wird zu Ort des Trostes.
Dort stirbt Jesus und dort begegnet der Auferstandene am Ostermorgen den Frauen.
Alle die Jerusalem lieben, sollen sich satt trinken am Reichtum ihrer Brüste – Kavod heißt Glanz, Schwere, Herrlichkeit, auch Reichtum. Das neue Jerusalem wird unsere Sehnsucht stillen.
Und nun identifiziert sich Gott mit der Frau Jerusalem, nun spricht Gott in weiblichen, schönen Bildern zu uns:
Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet.
Gott ist nicht eine Frau oder ein Mann – das wissen wir doch. Gott ist Vater und Mutter.
Gott hat Sehnsucht nach uns, sie will uns nah sein. Sie ist unbedingt auf unserer Seite. Gott, unsere Mutter, lässt uns nicht los.
Sie ist die Mutter ihres Volkes Israel, aber auch Mutter der Iraner, Libanesen, Palästinenser, der Russen und der Ukrainer und der Deutschen. An allen hängt ihr Herz.
Keine und keiner ist Gott gleichgültig.
Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. Für alle will sie Gutes und leidet mit allen Opfern von Krieg und Gewalt und Unrecht.
Auch zornig ist sie, wenn jemand oder etwas ihre Kinder verletzt, zornig auch, wenn ihre Kinder selbst Böses anrichten.
Trost ist bitter nötig!
Zum Glück ist Gott wie eine Mutter,
unbedingt und leidenschaftlich auf unserer Seite, auf der Seite aller Menschen.
Amen