2.Kor 5,14-21 Predigt, Karfreitag, Andreas Hansen

Predigttext 2.Kor 5,14-21

Bei allem ist das, was uns antreibt, die Liebe von Christus. Wir sind nämlich überzeugt: Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben. Und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben ist.
Daher beurteilen wir jetzt niemanden mehr nach rein menschlichen Maßstäben. Früher haben wir sogar Christus so beurteilt – heute tun wir das nicht mehr. Vielmehr wissen wir: Wenn jemand zu Christus gehört, ist er eine neue Schöpfung.
Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Das alles ist Gottes Werk. Er hat uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und hat uns den Dienst der Versöhnung übertragen. Ja, in der Person von Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt, sodass er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnet; und uns hat er die Aufgabe anvertraut, diese Versöhnung zu verkünden. Deshalb treten wir im Auftrag von Christus als seine Gesandten auf; Gott selbst ist es, der die Menschen durch uns zur Umkehr ruft. Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Versöhnung ist eine Kraft, eine große Kraft.
Paulus nennt sich Botschafter der Versöhnung.
An anderer Stelle sagt er statt Botschaft der Versöhnung das Evangelium von Jesus Christus.
Paulus nennt es eine Kraft, die selig macht.
So kann Jesus am Kreuz dem Verbrecher neben ihm Versöhnung zusagen: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Davon berichtet Lukas.
Mit der Kreuzigung wurden Aufrührer bestraft, Terroristen aus der Sicht Roms. Vermutlich hatten die Gekreuzigten neben Jesus etliche Menschen auf dem Gewissen. Die brutale Unterdrückung durch die Römer erzeugte fanatischen Hass.
Zu so einem sagt Jesus: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!
Versöhnung ist Gottes Antwort auf die Welt, die so zerrissen und gewalttätig ist.
Sie ist Gottes Antwort an uns, die so feindselig sind.
Es kann nicht so bleiben!
Und es wird nicht so bleiben.
Habgier, Machtgier und Hass behalten nicht das letzte Wort.
Die Liebe Christi treibt Paulus an, sie drängt ihn.
Im Namen Christi bittet er: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Jesus hängt am Kreuz neben den Verbrechern. Wie ein Schwerverbrecher wird er von den Römern mit aller Grausamkeit hingerichtet, unschuldig. Das lässt Gott geschehen.
Den, der ohne Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht. Jesus identifiziert sich mit den Schuldigen und lässt sich ihre Strafe antun.
Gott erniedrigt sich.
Er dreht die Verhältnisse um und bittet uns um Versöhnung, als hätte er uns etwas angetan.
Paulus schreibt: Wir bitten im Namen von Christus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet! Jesus baut eine Brücke für die, die weit weg sind von Gott. Wir sollen die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

Nehmt die Versöhnung Gottes an – aber haben wir das denn nötig, haben wir denn einen Konflikt mit Gott?
Paulus schreibt an die Christen damals in Korinth. Das ist eine zerstrittene Gemeinde, zerfallen in Gruppen, die sich gegenseitig den Glauben absprechen. Auch über Paulus fallen sie her.
Eine Menge von Konflikten brodeln in Korinth.
Untereinander haben sie dringend Versöhnung nötig – und eben das lässt sich nicht trennen von der Beziehung zu Gott.
Was wir einander antun, trennt uns auch von Gott. Was wir einander schuldig bleiben, belastet auch unser Verhältnis zu Gott.
Gott bietet uns Versöhnung an.
Er will überwinden, was uns voneinander trennt.
Er will zurechtbringen, was zwischen uns nicht stimmt. Ja, wir haben Versöhnung nötig.

Nach vielen Jahrzehnten endete in Südafrika das schreckliche Unrecht der Apartheit, der Rassentrennung und Unterdrückung. Bischof Desmond Tutu wurde 1995 der von Weißen und Schwarzen anerkannte Leiter der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Es ging darum, Täter und Opfer ins Gespräch zu bringen und zu versöhnen, eine mühevolle, schwere Aufgabe nach all dem Unrecht. Tutu wollte Rachefeldzüge vermeiden.
Aber dazu mussten Täter und Opfer bereit sein. Sie mussten die Wahrheit sagen und sie ertragen, Sie mussten bereit sein sich zu ändern, Ausgleich zu leisten, Versöhnung zu gewähren.
Sie können sich vorstellen, wie unendlich schwer das ist, was für eine Last die Schuld und das erlittene Leid sind. Es ist längst nicht in allen Fällen gelungen, aber sehr viel weiteres Leid konnte vermieden werden.
Die Welt ist voll von komplexen, schon ewig währenden Konflikten, schreiendem Unrecht und unendlichem Leid. Kann es Versöhnung geben zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Russen und Ukrainern? Ist der Streit nicht schon hoffnungslos festgefahren wie ein Wagen in tiefem Schlamm?
Und doch gibt es mutige Schritte zur Versöhnung,
Menschen, die die Logik von Hass und Vergeltung nicht hinnehmen. Ein berührendes Beispiel ist der Vater eines palästinensischen Jungen im Flüchtlingslager Jenin, schon vor 20 Jahren: Der zwölfjährige Sohn hatte ein Spielzeuggewehr in der Hand und wurde von israelischen Soldaten erschossen. Er lag hirntot im Krankenhaus und der Vater entschied, seine Organe zur Rettung kranker Kinder zu spenden – israelischer Kinder. Sie finden die Dokumentation dazu unter dem Titel „Das Herz von Jenin“.
In persönlichen Konflikten resignieren wir oft.
Es genügt manchmal eine Kleinigkeit, dass wir sagen: „Mit dem bin ich fertig!“
Es geschieht zum Teil so tief verletzendes Unrecht, dass eine Versöhnung wirklich nicht möglich scheint.
Immer fordert Versöhnung sehr viel Mut und Kraft:
– die Wahrheit zu sagen und sie zu ertragen
– Reue zu zeigen
– bereit zu sein sich zu ändern
– Ausgleich für Unrecht zu leisten
– um Vergebung zu bitten und sie zu gewähren.

Versöhnung ist eine große Kraft.
Wenn sie gelingt, kann sich alles ändern und Neues entstehen.
Wir ahnen, wie schwer Versöhnung sein kann.
Wir sehen, wie viel Gott sich unsere Versöhnung kosten lässt.
Gott ist nicht fertig mit uns.
Die Liebe treibt ihn, Versöhnung zu schaffen.
Versöhnung ist ein Prozess, eine Kraft, die uns verändert: Wenn jemand zu Christus gehört, ist jemand in Christus, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen; etwas ganz Neues hat begonnen!
Gott findet sich nicht ab mit Gewalt und Trennung in der Welt.
Das Leid der Welt lässt Gott nicht kalt.
Die Schuld der Welt, unsere Schuld kann nicht bleiben. Gott findet sich nicht ab mit unserer Feindseligkeit, mit unserer Trägheit und Resignation.
Im Namen des Gekreuzigten bittet Paulus: Nehmt die Versöhnung an, die Gott euch anbietet!

Amen