Vergeblich? – Mach weiter! – Predigt über Jes 49,1-6

Predigt am 23.9.18 von Andreas Hansen über Jes 49,1-6

Jes 49,1-6
Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.
Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke – er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Schrecklich, wenn einer sein Leben ansieht und   so über sich denken muss: vergeblich, umsonst, unnütz, gescheitert, ein Looser – keine und  keiner will Verlierer sein.

Ein Junge, 15 Jahre alt, wacht nach einer Woche aus dem künstlichen Koma auf. Er hat bei einem Unfall beide Beine verloren. Florian Sitzmann erzählt heute, 26 Jahre später, im Radio darüber – letzten Mittwoch hörte ich die Sendung.
Er hat viel vor und lässt sich nicht aufhalten. „Glaub an dich! Mach weiter!“ so ermutigt er uns.  Er sprüht vor Heiterkeit und Zuversicht.
Seinen Großvater nennt er als Vorbild dafür, dass er diese Haltung gewinnen konnte. Der Großvater saß damals an seinem Bett und die Tränen rannten ihm über´s Gesicht. Eine Kriegserfahrung überfiel ihn: das Lazarett, die Schreie derer, die durch Bomben und Minen verletzt ihre Gliedmaßen verloren, die unsägliche Angst jener Zeit. Sein Großvater kannte die Angst und das Scheitern. Von ihm lernte er auch die Zuversicht.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Er muss unendlich viel Druck aushalten. Er ist frustriert, ausgepowert, verzweifelt, der Mensch, der im Jesajabuch von sich und seinem Volk schreibt und Gottes Wort verkündet. Sein Volk hat Krieg und Verwüstung erlebt, den Verlust von allem, was ihnen kostbar und heilig war. Sie leben unterdrückt in der Verbannung.
„Du bist mein Knecht“ sagt Gott zu ihm – eine Ehre ist das! – du sollst mein Wort sagen, mächtige Worte wie ein scharfes Schwert, wie Pfeile.   Aber wer glaubt ihm schon in dieser ausweglosen Situation?  Darum muss der Gottesknecht leiden. Er wird verspottet, angefeindet, gequält und geschlagen. „Was bringt das alles?“ fragt er sich. „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Aber Gott hat mit seinem Knecht Großes vor: „Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke“. Die Zerstreuten und Verbannten soll er sammeln und heimbringen. Und noch viel mehr: Für alle Völker soll er Licht sein. Alle Menschen sollen Gottes Heil erfahren.
Wir wissen nicht, wer der Knecht Gottes war. Schnell wurde das Volk Israel mit seiner leidvollen Erfahrung verbunden. „mein Knecht, Israel“ heißt es, aber „Israel“ wurde wohl später in den Text eingefügt. Das Gottesvolk ist immer wieder nach schlimmen Katastrophen aufgestanden. Sie wurden vertrieben und geschlagen, aber wunderbar hat Gott sie bewahrt.
Christen haben im Auftrag und im Leiden des Gottesknechtes Jesus erkannt und durch die Worte im Jesajabuch Jesu Weg gedeutet.
„Vergeblich, unnütz“ – so könnte man denken, wenn man Jesus am Kreuz sieht. Er ist gescheitert. Tiefer kann man nicht fallen als so verachtet wie der letzte Verbrecher am Kreuz zu sterben. Gott selbst geht den Weg durch Leid und Scheitern hindurch. An Jesus halten wir uns, gerade weil er diesen Weg ging. Menschen aus allen Völkern sehen auf ihn, glauben an ihn.

Viele erleben sich als gescheitert, wenn etwas in ihrer Lebensplanung schief geht. Für viele ist das Leben nichts anderes als eine Abfolge von Projekten, die man erfolgreich absolvieren muss. Je mehr wir denken, dass unsere Lebensplanung oder die unserer Kinder ein Projekt ist, dessen Gelingen wir in der Hand haben, wenn wir’s nur richtig anpacken – desto größer wird die Angst davor, dass es nicht gelingt und die Beschämung, wenn Vorhaben nicht so enden, wie wir uns das vorgestellt haben.
Wir sehen nicht nur die eine oder andere Aufgabe, die vor uns liegt, als ein Projekt, sondern manchmal unsere ganze Lebensgestaltung: die Karriere, das Aufwachsen der Kinder, die Beziehung oder Ehe, alles wird zum „Projekt“, das man nur gut genug in den Griff bekommen muss, damit daraus etwas wird. Aber so einfach ist es nicht: das Leben ist kein Projekt. Es ist ein Weg mit immer neuen Herausforderungen, mit Umwegen – und, ja, auch mit Scheitern und Versagen. (dieser Abschnitt eng angelehnt an Gedanken von Barbara Hauck, GPM  455ff und Predigt im Internet)

Unsere Gesellschaft ist süchtig nach dem Erfolg. Scheitern ist nicht vorgesehen. Gnadenlos lassen wir die fallen, die nichts vorweisen können. Kaum sehen wir ein Problem, schon schreien wir: Warum tut die Politik nichts? Politikerinnen und Politiker starren ängstlich auf ihre Zustimmungsraten und verbiegen sich, um nur ja die nächste Wahl zu bestehen. Wie das Kaninchen auf die Schlange starrt und sich nicht mehr bewegen kann, so sind manche gelähmt aus Angst vor dem Misserfolg. Angst ist kein guter Ratgeber. Angst verzerrt den Blick. Bei manchen meint man, sie verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Ich wünschte, dass die Politikerinnen und Politiker und wir alle sozusagen auf den Boden kommen und tun, was dran ist. Die Sucht nach dem Erfolg und die Angst vor dem Misserfolg verderben uns.

„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“
Als er ganz unten ist, merkt er: Ich falle nicht tiefer als in Gottes Hand. Er sieht jetzt realistischer, das heißt er sieht sich und die Welt vor Gott.
Er kann scheitern und doch sinnvoll leben, sogar fröhlich, zuversichtlich, befreit von der Angst.
Gott hat noch etwas mit mir vor.
Ich bin gescheitert, aber nicht am Ende.
Wie Florian Sitzmann sagte: „Glaub an dich! Mach weiter!“
Oder ganz ähnlich Kristina Vogel, die Bahnradfahrerin, die seit drei Monaten querschnittsgelähmt ist: „Was soll ich mich bedauern. Es ist, wie es ist. Ich muss gefordert werden.“
Wie Florians Großvater die Angst des Krieges verarbeitet hat.
Wie viele der Flüchtlinge bei uns ein neues Leben aufbauen.
Wie manche Behinderte und Kranke den Gesunden Zuversicht vorleben.
Das Scheitern gehört zu unserem Leben. Mancher merkt, nachdem er hingefallen ist, was wirklich zählt. Aber wir sind nicht am Ende. Selbst denn, wenn wir keine Möglichkeit sehen:  Gott hat etwas mit uns vor. Gott gibt unserm Leben Sinn und Ziel. Wir sind vor Gott wert geachtet. Gott ist unsere Stärke.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen