„und seine Gebote zu befolgen ist nicht schwer“? Predigt über 1. Joh 5,1-4

Predigt am 17.4.16 von Andreas Hansen über 1.Joh 5,1-4

3.Sonntag nach Ostern, Jublilate

1.Joh 5,1-4

Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren. Und ein Kind, das Gott, seinen Vater, liebt, liebt auch seine Geschwister, die anderen Kinder dieses Vaters.

Es gilt aber auch das Umgekehrte:  Die Echtheit unserer Liebe zu den Kindern Gottes erkennen wir daran, dass wir Gott lieben, und das wiederum bedeutet:  dass wir nach seinen Geboten leben.

Unsere Liebe zu Gott zeigt sich nämlich im Befolgen seiner Gebote. Und seine Gebote zu befolgen ist nicht schwer.

Denn jeder, der aus Gott geboren ist, siegt über die Welt. Diesen Sieg macht uns unser Glaube möglich: Er ist es, der über die Welt triumphiert hat.

„Gott ist die Liebe“ ist der Spitzensatz aus dem Johannesbrief. Ach, ja, das klingt so vielsagend nichtssagend, nicht wahr?

Jürg Federspiel schreibt:  „Täglich neunmal Gott gesucht und lustlos beim Fundbüro vorgesprochen. Liebe wurde nicht abgegeben. Bedaure.“

Merkwürdig kreist Johannes um Liebe und Glaube und landet bei Gottes Geboten. „Und seine Gebote zu befolgen ist nicht schwer“ – ist nicht schwer?

Hinter dem Bahnhof wurde einer überfallen und ausgeraubt. Verwundet und hilflos lag er da. Unsere Konfirmanden haben Leute getroffen, die  am Ort des Verbrechens vorbeigekommen sind.   Sie haben die Leute nach ihrer Reaktion befragt. Hier sind die überraschend ehrlichen Antworten, was die Passanten gedacht haben:

  • Es wird sich schon jemand anderes um ihn kümmern.
  • Ich hab es eilig.
  • Am Ende bekomm ich selbst Probleme.
  • Bei dem ist sowieso alles verloren. Hoffnungslos.
  • Ich tu so, als ob ich ihn nicht seh.
  • Er würde mir auch nicht helfen.
  • Der stirbt eh.
  • Ich hab keine Zeit, muss schnell vorbei.
  • Vielleicht ist das nur ein Täuschungsversuch?
  • Jeder wie er es verdient.
  • Ich hab keine Möglichkeit, ihm zu helfen.

Jesus berichtet von einem ähnlichen Fall, der sich zwischen Jericho und Jerusalem zugetragen haben soll. Zwei angesehene Leute gehen an dem Überfallenen vorbei. Sie schauen weg und lassen ihn liegen.  Schließlich hilft ein Ausländer dem armen Kerl. Jesus erzählt davon in einer Diskussion um Gottes Gebote. Er wird gefragt: wer ist der Nächste, den ich lieben soll? Jesus dreht die Frage herum: wer wird dem Überfallenen zum Nächsten?

„und seine Gebote zu befolgen ist nicht schwer“ – würden Sie diesem Satz zustimmen?

„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wir dich selbst.“ – So fasst Jesus die Gebote zusammen. Das Gebot der Liebe kennt jede und jeder damals und heute. An Gott glauben, Gott lieben – das ist untrennbar verbunden mit der Liebe zu unserem Nächsten. Glauben ist eben nicht nur innerlich. Zwar beginnt der Glaube ganz tief in uns, sagen wir im Herz. Aber dann muss er raus, wie das Blut aus unserem Herzen fließt, raus bis in unsere Hände und Füße. Der Glaube fließt in unser Tun – das ist nicht zu trennen. „Unsere Liebe zu Gott zeigt sich im Befolgen seiner Gebote“ schreibt Johannes. Er wehrt sich gegen einen Glauben ohne Folgen, wie er sich gegen einen Christus ohne Fleisch wehrt – Jesus Christus ist keine Idee, sondern   ein wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut.

Aber es fehlt uns oft der Mut oder die Bereitschaft das Nötige zu tun. Unsere Bequemlichkeit, unser Misstrauen, unsere Selbstsucht ist wie ein Berg, über den wir nicht hinwegkommen.

Wie werden wir dem Anderen zum Nächsten?     Wie werden wir zum Beispiel den Flüchtlingen in Kenzingen zum Nächsten? Rund 150 sollen es  sein. Man sieht sie ja fast gar nicht. Täusche ich mich? Oder habe ich mir angewöhnt wegzusehen? Wie die Leute auf dem zwischen Jericho und Jerusalem? Die Flüchtlinge hier in Kenzingen müssen nicht frieren und um ihr Leben fürchten    wie die in den Lagern vor der türkischen Grenze. Aber sie brauchen Menschen, die sie ansehen, Mitmenschen, Nächste.

Johannes schreibt vom Sieg des Glaubens über die Welt.              Die Welt, das sind nicht nur die bösen anderen, die Christenverfolger damals, die Ungläubigen heute. Die Welt ist in uns. Wir sind „Welt-Menschen“, alle. Wir sind ein Teil der Welt, die dem Glauben widerspricht und die Liebe für sinnlos erklärt. Die Antworten und Ausreden, die die Konfirmanden aufgeschrieben haben, kennen wir ganz gut. Wir leben in einer Welt, in der von Gott hin und wieder geredet wird, in der aber anderes wirklich „heilig“ ist: Geld und Erfolg, Spaß und Sicherheit. Wir sind verstrickt in diesen Widerspruch gegen Gott, in die Sünde, in die Welt. Vielleicht verschließen wir aus Angst die Augen vor manchem Leid. Aber oft genug gehen wir auch gleichgültig und lieblos an Menschen vorüber. Wir sind Welt-Menschen.

Aber Gott ist nicht gleichgültig. Er oder sie ist das Gegenteil von gleichgültig: so voller Liebe, dass Johannes schreiben kann: Gott ist die Liebe. Gott bleibt kein Zuschauer. Er liebt die Welt, die ihm doch widerspricht. Und er kommt in die Welt und trägt diesen Widerspruch, trägt ihn ans Kreuz und überwindet die Welt. Mit Jesus beginnt etwas Neues, Heiles.„von Gott geboren“ sind die Menschen, die an Jesus glauben und ihm folgen. Jesus kommt von Gott, er ist der Christus, er ist der Sohn Gottes.

Marie Luise Kaschnitz schreibt:

„Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

Mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtanzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht

Und dennoch unverwundbar

Geordnet in geheimnisvolle Ordnung

Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.“

Wir dürfen einen Schritt tun ohne die Angst um uns selbst, liebevoll und vertrauend. Da ahnen wir etwas vom Sieg des Glaubens. Wir sind verstrickt in die Welt, Welt-Menschen, und dennoch stimmen wir ein in den Jubel    über den Sieg.

„Und dennoch leicht

und dennoch unverwundbar

geordnet in geheimnisvolle Ordnung

vorweggenommen in ein Haus aus Licht.“

Amen