„seid niemals gleichgültig!“, Predigt über Offenbarung 1,9-18

Predigt am 2.2.20 von Andreas Hansen über Offenbarung 1,9-18

Ich, Johannes, euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis, der mit euch teilhat an der Herrschaft und  mit euch in Jesus ausharrt, ich bin auf die Insel Patmos gekommen – um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte in meinem Rücken eine mächtige Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du zu sehen bekommst, das schreibe in ein Buch und schicke es den sieben Gemeinden: nach Ephesus, nach Smyrna, nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die zu mir sprach. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter, und inmitten der Leuchter eine Gestalt, einem Menschensohn gleich, gekleidet in ein Gewand, das bis zu den Füßen reichte, und um die Brust gegürtet mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar waren weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen, seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen geglüht, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser. Und in seiner Rechten hielt er sieben Sterne, und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Antlitz leuchtete,    wie die Sonne strahlt in ihrer Kraft.
Und als ich ihn sah, fiel ich wie tot zu seinen Füßen, und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

Patmos wird die Heilige Insel genannt. Dort hört Johannes eines Sonntags die Stimme. Wie eine Posaune hinter ihm. Und dann wie tosende Wasser. Als er sich zu der Stimme umwendet, sieht Johannes den Auferstandenen in einem überwältigenden, kaum zu beschreibenden Bild, ein Bild, das ihn umwirft.
Viele Menschen kommen mit dem Schiff nach Patmos, auf die Heilige Insel. Touristen und Pilger klettern auf den Berg mit dem tausend Jahre alten Johanneskloster. Johannes flüchtet vom Festland hierher – er nennt es Verbannung, aber es ist wohl eine Flucht. Heute schützt sich die Heilige Insel vor den Flücht-lingen. Der Weg vom türkischen Festland ist nicht weit. Tausende kommen jedes Jahr. Sie fliehen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Ganz in der Nähe der Heiligen Insel liegen Samos, Leros, Kos und die anderen Inseln mit den berüchtigten Flüchtlingslagern.
Dort schaffen wir es nicht für menschenwürdige Zustände zu sorgen. „Wir“, Europa, nicht die Griechen allein, sind für das Elend dieser Lager verantwortlich. Eine Schande für Europa!
Direkt neben der Heiligen Insel liegt die Not und die Schuld der Welt. So war es schon damals. Bedroht und bedrängt von der gewalttätigen römischen Staatsmacht hat Johannes seine Vision von Christus. Die ersten Märtyrer sind zu beklagen –  sie müssen sterben, weil sie Christen sind. Der Druck auf die Gemeinden steigt. Sie sind nicht bereit, Bilder des Kaisers anzubeten. Sie werden boykottiert und verfolgt. Als Rom brennt, behauptet der Kaiser Nero, die Christen hätten den Brand gelegt – diese seltsame, lächerliche Gruppe von Leuten, die einen Gekreuzigten verehren – sie sind damals der ideale Sündenbock. Johannes sieht und beschreibt in seinem Buch die Gewalt und das Unrecht, das geschieht.
Apokalypse, Offenbarung heißen visionäre Texte wie der von Johannes. In großen, geheimnisvollen Bildern zeigt sich Gott. Das hat immer wieder zu seltsamen Deutungen angeregt. Oft wurden die apokalyptischen Texte missverstanden und falsch gedeutet. Die vielen Bilder können nicht einfach als Schilderung künftiger Ereignisse dienen. Johannes betreibt nicht Wahrsagerei. Auf keinen Fall will er Angst und Schrecken verbreiten. Seine Schilderungen von Gewalt, seine rätselhaften Bilder sind für seine Zeitgenossen offenkundig Anspielungen auf das römische Imperium.
Das Wichtigste ist: Gott offenbart sich den Opfern von Unrecht und Gewalt. Sie sind nicht vergessen. Allen Menschen, auch uns heute wird zugesagt: Das Böse bleibt nicht ohne Antwort.

Ich erinnere mich an ein paar Schläger auf unserer Schulparty, als ich etwa 15 war. Plötzlich, mitten im Gewühl vieler Tanzender standen sie um mich herum und schubsten mich hin und her und boxten mich in den Bauch. Ich kannte die gar nicht. Sie haben mich wohl zufällig ausgesucht. Mir ist nicht viel geschehen, aber ich war erschüttert von der Unverfrorenheit: „das machen die einfach, weil sie sich unangreifbar fühlen, weil sie denken, uns kann keiner etwas anhaben“. Was mich empört hat, ist die Frechheit, mit der Menschen anderen Böses antun.
Meine Erfahrung als Jugendlicher ist ein Klacks, ein Vogelschiss gegenüber Morddrohungen gegen Politiker, Journalisten und andere in unserem Land. In der Anonymität des Internets oder ganz offen auf der Straße wird beleidigt und zu Gewalt aufgerufen.
Die Unverfrorenheit ist erschütternd.
Wir haben in der letzten Woche  Bilder aus Auschwitz gesehen. Unfassbar und beschämend. Sie haben das unsagbar Böse einfach getan. Tausende haben mitgemacht. Millionen haben geschwiegen. „Seid niemals gleichgültig!“,  mahnte einer der Überlebenden am Montag.

Johannes soll auf das Böse antworten. Er denkt an seine Mitchristen und Freunde – sie feiern gerade Gottesdienst und er ist auf Patmos – da sieht er den auferstandenen Christus. „Schreib, was du siehst, tröste die bedrängten Gemeinden. Gott antwortet auf das Böse.“
Karfreitag und Ostern ist Gottes Antwort. Gott selbst setzt sich dem Bösen aus. Jesus lässt sich schlagen und schlägt nicht zurück. Er wird zum Opfer des Unrechts – er opfert sich selbst. Aber er bleibt nicht im Tod. Der Tod kann ihn nicht halten.
Strahlend hell und schön sieht Johannes den auferstandenen Christus vor sich. Er hat sieben Sterne in der Hand. Er steht inmitten der sieben Leuchter für die Gemeinden. Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit: Himmel und Erde berühren sich, Dreieinigkeit und vier Elemente. Johannes darf sehen, was unendlich tröstlich ist. Zugleich überfordert ihn das Bild – er stürzt zu Boden.
Dann legt Jesus Christus ihm die Hand auf die Schulter, eine kleine Geste nach diesem großen Erlebnis, und er sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.
Noch einmal bestätigt Jesus Christus, was Johannes gesehen hat: Christus lebt. Er ist auferstanden. Er ist bei uns. Das Böse behält nicht das letzte Wort. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Jesus Christus, der Auferstandene hat die Schlüssel. 
Er sagt: „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann.“(3,8)
Wir erleben uns selbst eingeschlossen, festgehalten, blockiert von Ängsten, Zwängen, Sorgen.
In Angst, die Anerkennung anderer zu verlieren,  in Sorge um Gesundheit und Auskommen, blockiert von ungelösten Konflikten, von altem Streit, der immer wieder hochkocht. Wir sind festgehalten in ungerechten Strukturen: Was können wir schon tun gegen Armut – und doch stehen wir auf der Seite der Reichen. Wie müssten wir unsere Verhalten ändern, um die Schöpfung zu schon – und doch leben wir auf großem ökologischen Fuß. Wir sind alle eingeschlossen unter der Macht des Todes und manchmal wie gelähmt von der Wucht des Bösen.
„Ich habe die Schlüssel“, sagt Christus. Heißt das, wir legen die Hände in den Schoß und warten einfach, was kommt? Nein, das ist zu wenig. 
Wir stoßen an verschlossene Türen und stolpern über unsere Ängste, aber wir nehmen das nicht hin. Wir sehen das Böse in seiner Macht, die Strukturen des Unrechts, und wir resignieren nicht davor. Wir sehen auch das Böse, das wir selbst tun, aber wir hoffen auf Vergebung und eine neue Chance.
Jesus Christus hat die Schlüssel. Nicht einmal der Tod  kann ihn halten. Er behält das letzte Wort über die Welt und über uns. Amen