Röm 13,8-12+14 Predigt zum 1. Advent

Predigt am 1.12.19 von Andreas Hansen über Röm 13,8-12+14

Römer 13,8-12+14: Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz erfüllt. Wenn nämlich das Gesetz sagt: »Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst keinen Mord begehen, du sollst nicht stehlen, du sollst der Begierde keinen Raum geben!«, dann sind diese und alle anderen Gebote in dem einen Wort zusammengefasst: »Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!« Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.

Bei dem allem seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht. Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen. … Zieht ein neues Gewand an: Jesus Christus, den Herrn.

Advent heißt Ankommen. Gott kommt zu uns.
Jesus kommt nach Jerusalem. Wie sollen wir ihn empfangen? Wie bereiten wir uns vor?  „Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe.“ Kurt Marti schreibt:

Manchen bin ich einiges, einigen bin ich vieles schuldig geblieben. Und die Zeit läuft davon. Wessen Liebe kann das noch gut machen? Die meine nicht. Nein, die meine nicht.

Wir bleiben unseren Mitmenschen einiges und manchen sogar vieles schuldig. Paulus hat in seinem Brief eindringlich davon geschrieben.    Wir werden einander nicht gerecht. Wir sind nicht gerecht vor Gott. Und doch will Gott uns bei sich. Wir stehen in einer Spannung. Unser Leben und Tun entspricht nicht Jesus. Und doch gehören wir zu ihm und er umgibt uns, weil er uns will, weil er uns lieb hat und zu uns gehören will. Wir bleiben einander die Liebe schuldig. Aber Jesu Liebe macht die Schuld gut. Jesus ist die Liebe Gottes in Person. Jesus erfüllt das Gesetz Gottes. Wir bleiben einander vieles schuldig, aber wir bleiben in der Liebe Christi.
Unser Ungenügen kann uns manchmal lähmen. Aber das muss nicht mehr sein. Wir sind befreit von der Last alles perfekt und richtig zu machen. „Liebe und tue, was du willst.“
Wir getrauen uns zum Beispiel, uns in ein Amt wählen zu lassen und die Gemeinde zu leiten.
Oder wir getrauen uns, Kinder zu erziehen.
Wir entscheiden und setzen uns ein.
Natürlich bleiben wir manchen einiges und einigen vieles schuldig. Und doch ist es gut, dass wir mit unserer Kraft, unseren Händen, unserem Verstand und unseren Herzen tun, was wir können.
Es ist gut, wenn wir uns von unserem Ungenügen nicht lähmen lassen, sondern entscheiden und Schritte wagen. Es ist gut, weil wir in der Liebe Christi sind und bleiben.

Advent heißt Ankommen. Eigentlich ist es eine Wartezeit, eine Hoffnungszeit. Wie bereiten wir uns vor? Paulus ist überzeugt: Bald ist es soweit. „Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Gott kommt. Es wird hell.
Am Vorabend des 1. Advent 1937 liest Jochen Klepper in den Losungen der Herrnhuter Brüder-gemeine; der Spruch für den Tag ist Römer 13,12: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Der Tag Gottes kommt. Gott kommt.
Die Zeiten sind finster. Jochen Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet. Die Nazis drängen ihn, sich scheiden zu lassen. Er wird wegen seiner sogenannten Mischehe aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, darf also nichts mehr veröffentlichen. In dieser Zeit dichtet Klepper sein bekanntestes Lied: „Die Nacht ist vorgedrungen“. Gott kommt. Gott will im Dunkel wohnen. Gott wird uns nicht im Dunkel lassen, denn er kommt. Paulus schreibt von dem Tag, an dem Jesus wiederkommt, vom Ende der Zeit. Klepper dichtet von Krippe und Kreuz: Gott kommt und lässt sich ein auf das Dunkel unserer Welt. Was er damals mit dem Dunkel meint, ist klar. Er erlebt das Unrecht, die Unfreiheit in der Diktatur. Und er dichtet: „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr.“ Er wartet dringend auf das Licht. „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und es dulden lässt.“ Aber noch ist das Dunkel für ihn übermächtig. Der Druck auf Kleppers Familie wird immer größer. Es gelingt nicht, die Stieftochter ins Ausland zu retten. Als Verhaftung und KZ unmittelbar bevorstehen, nehmen sie sich zu dritt das Leben. Klepper schreibt zuletzt: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen gemeinsam in den Tod. Über uns steht das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.“
Die finsterste Zeit unserer deutschen Geschichte erschüttert uns bis heute. Ich misstraue jedem,  der die Verbrechen und das Unrecht jener Zeit verharmlost oder relativiert.
Zugleich glaube ich: Jede Nacht geht zu Ende. Gott kommt in unser Dunkel, in die von Unrecht und Leid gezeichnete Welt. So, wie er sich in Jesus Christus auf die Welt eingelassen hat, so kommt er auch heute an die dunkelsten Orte, wo Menschen leiden. Das feiern wir im Advent.
„Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an.“ Wir haben einen Auftrag: Wach zu sein. Lasst uns wach und aufmerksam sein! Wenn heute wieder Juden in unserem Land angegriffen werden. Wenn Hass und Hetze die Politik vergiften und gar zu Gewalt gegen verantwortliche Politiker führen. Wenn Lügen verbreitet werden und die Presse als Lügenpresse diffamiert wird. Lasst uns wach sein auch für die Menschen neben uns, in unserer Familie, in unserer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz. Wir leben so oft nebeneinander her und bemerken gar nicht, wie es dem anderen geht.
Wir haben den Auftrag, wach zu sein. Die Waffen des Lichts sollen wir anlegen:  Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch die Bereitschaft zugunsten der Schöpfung anders zu leben.

Wir leben wie Menschen im Advent: Bereit für Jesus. Wir erwarten und erhoffen sein Licht. Und wir leben schon jetzt in seiner Liebe. Amen