Letzter Sonntag nach Epiphanias
Letzter Sonntag nach Epiphanias. 2. Kor. 4, 6-10
Begrüßung:
Liebe Gemeinde! Was ist uns in unserem Leben wichtig, so wichtig, dass wir es als einen ganz besonderen Schatz betrachten? Heute dürfen wir einmal bedenken, dass das, was uns wichtig wie ein Schatz ist, auch Auswirkungen auf unser Leben hat. Was wir lieben prägt uns, macht uns oftmals aber auch verletzlich. Und darum ist es gut, dass uns dieser Gottesdienst miteinander geschenkt ist, um uns darüber einmal klar zu werden, uns Rechenschaft abzulegen.
Ganz in diesem Sinne sagt Jesus in seiner unbestreitbar bedeutendsten Predigt, der Bergpredigt, einmal: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz!“ (Matthäus 6,21)
Gebet:
Herr, guter Gott! Zu dir kommen wir im Bewusstsein unserer Grenzen. Wir lieben einfache Wege, einfache und bequeme Antworten, einen einfachen Glauben, der uns keine Mühe macht und keine Zeit kostet - und so bleiben wir immer hinter unseren Möglichkeiten zurück. Mit unserem Glauben könnten wir Freude verschenken. Hoffnung verbreiten, Vertrauen wecken. Wir könnten Berge versetzen, gegen den Strom schwimmen, Brücken schlagen. Mit unserem Glauben könnten wir Freiheit gewinnen, Frieden schaffen und Liebe üben. Wir könnten so Ungutes verhindern, so vieles verändern, so vieles verwirklichen. Aber tun wir es? „Alle Dinge“, so heißt es im Evangelium, „sind dem möglich, der glaubt!“ (Markus 9,23). Amen.
Gott hat einst gesagt: »Licht strahle auf aus der Dunkelheit!« So hat er auch sein Licht in meinem Herzen aufleuchten lassen und mich zur Erkenntnis seiner Herrlichkeit geführt, der Herrlichkeit Gottes, wie sie aufgestrahlt ist in Jesus Christus.
Ich trage diesen Schatz in einem ganz gewöhnlichen, zerbrechlichen Gefäß. Denn es soll deutlich sichtbar sein, dass das Übermaß an Kraft, mit dem ich wirke, von Gott kommt und nicht aus mir selbst. Ich bin von allen Seiten bedrängt, aber ich werde nicht erdrückt. Ich weiß oft nicht mehr weiter, aber ich verzweifle nicht. Ich werde verfolgt, aber Gott lässt mich nicht im Stich. Ich werde niedergeworfen, aber ich komme wieder auf. Ich erleide fortwährend das Sterben, das Jesus durchlitten hat, an meinem eigenen Leib. Aber das geschieht, damit auch das Leben, zu dem Jesus auferweckt worden ist, an mir sichtbar wird.
Liebe Gemeinde!
Da ist jemand der weiß, woraus er lebt, was seinem Leben Sinn verleiht, der aber zugleich darum weiß, dass dieser wertvolle Schatz, den er in sich trägt, in einem sehr zerbrechlichen Gefäß aufbewahrt ist. Dieser Schatz, von dem Paulus spricht, ist die Herrlichkeit Gottes, wie sie ihm in Jesus Christus begegnet. Ein ganz starkes, schönes Wort, weil Paulus ja gerade wegen dieses Schatzes großen Widerständen ausgesetzt ist. Was er liebt und wovon er lebt, begründet zugleich sein Leiden. Eigentlich müssten wir das ganz gut aus unserem eigenen Leben verstehen:
Wie oft sind wir selbst einem großen Leid ausgesetzt, nur weil wir lieben? Wir leiden unendlich, wenn es in einer Liebesbeziehung kriselt, die Spannungen schier unerträglich werden; wir leiden mit, wenn es einem geliebten Menschen gesundheitlich nicht gut geht und wir so gut wie gar nichts tun können; wir leiden darunter, wenn uns unser Leben oft so fraglich scheint, die Gegenwart ohne festen Boden, die Zukunft offen. Leid erfahren wir dort, wo wir etwas lieben, uns etwas wirklich bedeutsam ist. Ansonsten könnten und würden wir darauf mit Gleichgültigkeit reagieren.
Und was für uns ein solch unaufgebbarer, sinnstiftender Schatz ist, das müssen wir nun in uns selbst einmal abfragen. Ist es mein Mann, meine Frau, die ich als Schatz ja geradezu anspreche, die Kinder, Freunde, meine Hobbys, die mir wertvoll sind, Musik, Bücher, Kunst? Was ist es denn, was unser Leben trägt, uns so wertvoll ist wie ein Schatz, von dem ja schon die Kinder träumen, wenn sie sich als Schatzsucher auf den Weg machen und in Abenteuer stürzen? Wir müssen uns das fragen lassen, weil Jesus selbst einmal darauf hinweist, dass „wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz!“ (Matthäus 6,21). Letztendlich ist das die Frage nach Gott oder den Göttern unseres Lebens. Ganz in diesem Sinne schreibt der große Theologe Karl Barth:
„Der Ort, wo die falschen Götter stehen und verehrt werden, ist heute wie zu allen Zeiten zuerst die Kirche selbst. Sie glaubt an die Güte und Macht ihrer eigenen Tradition, Moral und religiöse Aktivität. Sie glaubt an die Vortrefflichkeit der Christen im Unterschied zu den sie umgebenden Indifferenten, Atheisten und Kommunisten. Sie glaubt an das von ihr entworfene Menschenbild, Weltbild und Gottesbild. Sie tut damit dasselbe wie die, die an das Geld, den Sport, die Technik, die Sexualität oder auch einfach an die Herrlichkeit eines bequemen Lebens glauben. Die Kirche hat zu beweisen, dass sie selbst an den Gott glaubt, der die Menschen von allen falschen Göttern befreit hat...“ 1)
Das ist die Frage nach unserer Sicht der Welt und unseres Lebensgefühles und eben hier sind wir, wo und vor allem auch wie wir unseren Glauben wirklich ernst nehmen und zu leben versuchen, so angreifbar, wie es Paulus an sich erlebt hat. Daher sind für uns Christen immer die Vorausetzungen abzuklären, von denen wir herkommen und die Folgerungen zu bedenken, die sich daraus ergeben. Wer sich als Christ sieht und in seinem eigenen, wie jedem anderen Leben gegenüber, auch so leben möchte, der wird auf das Wort Gottes als Maßstab und Richtschnur hören, weil ihm hier der Schatz begegnet, von dem Paulus spricht. Auch wir werden erfahren, dass wir wie zerbrechliche Gefäße sind, angreifbar, verletzlich, wo wir lernen, gerade heute wieder Position für unseren Glauben zu beziehen. Keine Meinung zu haben, indifferent zu leben und Gott Gott sein zu lassen, das ist einfach.
Im vorletzten SPIEGEL war ein Interview mit dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx zu lesen, in dem er zum Ausdruck brachte, dass das „C“ der CDU verpflichtet. So sagt er: „Es muss schon klar sein, dass eine Partei, die das C im Namen trägt, christliche Grundsätze beachten muss... Das C verpflichtet auf Jesus Christus hin, es ist nicht nur ein Adjektiv, wie „liberal“ oder „sozial“, dessen Bedeutung beliebig interpretiert werden kann...“ 2) Worum geht es? Es geht darum, uns wieder einmal darüber klar zu werden, was Begriffe uns bedeuten. Und das gilt für alle Parteien, das gilt aber vor allem und zu allererst für uns als Christen in unseren Kirchen.
Warum sind wir denn in der Kirche? Weil wir einmal getauft und konfirmiert wurden; weil es dazu gehört; weil wir einmal kirchlich heiraten oder beerdigt werden wollen? Ist denn nicht gerade die Kirche der Ort, an dem der christliche Glaube als christlicher Glaube von Generation zu Generation wach gehalten, gelebt und weitererzählt wird? Ist nicht gerade die Kirche – bei allen Schwächen – der Ort, wo der Glaube an Gott, an Jesus Christus gegen alle Ideologien der Welt seine Heimat hat und der Welt eine Hoffnung schenkt, die auch vor Katastrophen, wie jetzt auf Haiti, nicht halt macht? Gott ist der Gott auch dieser Katastrophe und wenn er irgendwo ist, dann jetzt dort bei den Leidenden, Hungernden, Sterbenden, bei allen, die ihre Heimat und ein Stück Zukunft verloren haben, so wie er bei allen ist, die dort helfen – auf welche Weise auch immer.
Diesen Glauben wieder einmal ernst zu nehmen, darauf kommt es doch für uns heute an und so endlich damit aufzuhören, aus ihm eine religiöse Ideologie zu machen, wo das „C“ des Christentums wie eine Monstranz vor sich hergetragen wird, doch leer ist. Genau das war es, was Paulus in Korinth so schmerzhaft erlebte: Er muss sich mit seiner Botschaft gegen „Überapostel“, wie er sie selbst nennt, fragliche Missionare und religiöse Besserwisser durchsetzen, die ihre Botschaft verkündigen, nicht aber die Botschaft von der „Herrlichkeit Gottes“, die ihm „in Jesus Christus aufstrahlt“. Diesen Schatz seines Lebens kann, will und darf er nicht preisgeben, auch nicht auf Kosten der vielerlei Leiden, die ihm sein Apostelamt aufbürdet. Ihm geht es damit um seine Glaubwürdigkeit.
Um die Dunkelheiten der Welt wissend, verweist er auf die gute Schöpfung Gottes, daher sagt er: „Licht strahle auf aus der Dunkelheit!“ Licht schenkt Leben, aber Licht und Finsternis wechseln einander ab, wie Tag und Nacht und stehen damit ja auch für das Leben des Menschen schlechthin. Da gibt es die schönen, guten Zeiten im Leben, wo uns scheinbar alles gelingt und wir uns auf die Zukunft freuen, wie es dann eben auch die Phasen gibt, die uns physisch und psychisch belasten, wo die Tage grau scheinen und die Zukunft dunkel. Da ist es ein Trost zugesagt zu bekommen:
Pass auf, die Nacht, das Dunkel, den Schmerz, den du jetzt erfährst hört auch wieder einmal auf, es geht weiter, denn es kommt ein neuer Tag. Sehr persönlich redet der Apostel davon, dass Gott etwas von diesem tragenden Licht in ihm hat aufleuchten lassen, was dazu geführt hat, dass er die Herrlichkeit Gottes durch seinen Glauben an Jesus Christus erkennen durfte. Es ist dieser verborgene Schatz des Glaubens in ihm, der ihn trotz allem, trotz der vierfachen „Aber“, die sein Leben in gute und schlechte Erfahrungen aufteilen, zuversichtlich leben lässt. Das aber stellt uns nun vor die entscheidende Frage, wo wir denn diesen Schatz in unserem Leben finden, wenn der Glaube nicht eine graue Theorie für uns bleiben soll.
In einer chassidischen Geschichte aus dem frommen Judentum also, wird dazu beispielhaft erzählt: „Den Jünglingen, die zum ersten Mal zu ihm kamen, pflegte Rabbi Bunan die Geschichte von Rabbi Eisik, Sohn Rabbi Jekels in Krakau, zu erzählen.
Dem war nach Jahren schwerer Not, die sein Gottvertrauen nicht erschüttert hatten, im Traum befohlen worden, in der Stadt Prag an der Brücke, die zum Königsschloss führt, nach einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, machte sich Rabbi Eisik auf und wanderte nach Prag. Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachtposten, und er getraute sich nicht zu graben. Doch kam er an jedem Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend. Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, auf sein Treiben aufmerksam geworden, freundlich, ob er hier etwas suche oder auf jemand warte. Rabbi Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land herbeigeführt habe. Der Hauptmann lachte: `Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen einem Traum zu Gefallen hergepilgert! Ja, wer den Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden, Eisik, Sohn Jekels soll er heißen, unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Eisik, Sohn Jekels! Ich kann mir vorstellen, wie ich drüben, wo die Hälfte der Juden Eisik und die andere Jekel heißt, alle Häuser aufreiße!´ Und er lachte wieder. Rabbi Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz aus und baute das Bethaus...
`Merke dir diese Geschichte´, pflegte Rabbi Bunan hinzuzufügen, `und nimm auf, was sie dir sagt: Dass es etwas gibt, was du nirgends in der Welt, auch nicht beim Zaddik [einem rechtschaffendem, frommen Mann] finden kannst, und das es doch einen Ort gibt, wo du es finden kannst.´“ 3)
Den Schatz des Glaubens von dem Paulus redet, finden wir also nicht irgendwo auf der Welt, nicht in den religiösen Angeboten Tibets oder Indiens, nicht bei Schamanen und sonstigen modernen Überaposteln und Heilsverkündern, sondern wir können ihn ganz schlicht und einfach bei uns zu Hause finden, wenn wir ihn dort nur für uns und unser Leben suchen und dann aus dem Dunkel der Gottesferne ans Licht bringen. Wo wir damit beginnen, wird uns Gott von sich aus ganz sicher entgegenkommen und sich wie ein unglaublicher Schatz auch finden lassen, darauf dürfen wir vertrauen. Amen.
Literatur:
1) Barth, K., Gesamtausgabe, Offene Briefe 1945-1968, Zürich, 1984, S. 501
2) Marx, R., Das C verpflichtet, in: DER SPIEGEL, Nr.2/11.1.10, S. 22
3) Buber, M., Die Erzählungen der Chassidim, Zürich, 19849, S. 740f
Grigat, L., Letzter Sonntag nach Epiphanias, 2010, in:
http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/
Kruse, A.-K., Schätze und Scherben, in: Göttinger Predigtmeditationen, 2009, 64. Jhrg., Heft 1, Göttingen, S. 101
Trowitzsch, M., Karl Barth heute, Göttingen, 2007
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