Altjahrsabend 2010

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Altjahrsabend, Jahreslosung für das Jahr 2010, Johannes 14,1

 

 

 

Begrüßung:


Liebe Gemeinde! Heute am Altjahrsabend wünschen wir uns, das alte Jahr gut beschließen zu können, seine Zeit wehmütig und dankbar, traurig und glücklich hinter uns zu lassen. Wir wünschen uns, für das Vergangene Gott Dank zu sagen, um zum Kommenden und Neuen unser Ja zu sagen. Wir wünschen uns, den Übergang von dem, wo wir herkommen, zu dem wo wir hingehen, im Vertrauen auf Gott und seinen Segen begehen und feiern zu können. Wir wünschen uns viel, so bitten wir Gott um seinen guten Geist - jetzt, für diesen Abend, für das, was kommt.

 

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

(Johannes 14,1)

 

Gebet:

 

Herr, guter Gott! Wir danken dir für Brot und Wein als Zeichen deiner Gegenwart in unserer Mitte und unserer Gemeinschaft im Glauben an dich. Wir danken dir, dass wir unser Leben immer wieder neu vor dir bedenken dürfen, gerade aber an diesem letzten Abend im Jahr. Gehe mit uns in die Zeit, die du uns schenkst und bleibe bei uns bei allen Begegnungen und in allen Erfahrungen des kommenden Jahres. Dir befehlen wir unser ganzes Leben an, unsere Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und das Leben aller in der Nähe und in der Ferne, die uns nahe stehen.

 

So danken wir dir gerade an diesem letzten Abend in diesem Jahr für alle Menschen unter uns, die uns mit ihrem Glauben ein Vorbild sind und die sich in unserer Gemeinde und Kirche mit ihrem Engagement einbringen. Vor dir bringen wir nun auch voller Dankbarkeit alle Menschen in Erinnerung, die uns den Weg zu dir vorangegangen sind – und beten für uns, unsere Gemeinde, für unsere katholischen Mitchristen, unsere kleine Stadt und für die ganze Welt. Amen.

 



Liebe Gemeinde!

 

Ein kleines Mädchen hat Angst vor dem Zubettgehen, weil es im Kinderzimmer dunkel ist. Der Vater möchte es trösten und sagt, dass er nun zur Mama gehe, aber Jesus ja bei ihr sei, so dass sie nun ganz ruhig schlafen könne. Darauf regiert das Kind: Mir wäre es aber lieber, wenn Jesus zur Mama geht und du bei mir bleibst! 1)

Jesus Christus spricht:

Euer Herz erschrecke nicht!

Glaubt an Gott und glaubt an mich!

 

Mit den Worten der Jahreslosung für das kommende Jahr 2010, wollen wir uns ermutigen lassen. Nichts ist da, was uns Angst machen könnte, wenn Gott bei uns ist. Aber wir spüren es oftmals ja auch so, wie es das Kind eben ausdrückte, denn immer steht da diese große Frage im Raum: Können wir uns auf Gott verlassen? Ist er wirklich bei uns oder sind das alles nur leere Worte an diesem ohnehin schon nicht so ganz einfachen Abend im Jahr, dem Sylvesterabend? Wie oft wäre es uns schon ganz lieb, wir hätten da etwas Festes in der Hand, etwas woran man sich festhalten könnte, wie Israel auf seinem Weg durch die Wüste sich festgehalten hat an einem Goldenen Kalb oder der moderne Mensch sich auf die zahllosen selbst gemachten Götter und Götzen verlässt. Sie scheinen ihm konkret, fasslich, sie trösten, wenn das Leben einmal dunkel erscheint. Was aber wäre das für ein Gott, den wir uns machen könnten? Da werden wir uns an diesem letzten Abend im Jahr zu entscheiden haben, wie dann ja auch an jedem Tag im neuen Jahr: Gott oder die Götter, ein von Christus getragener Glaube oder irgendein Glaube?

 

Was wir hier heute mit den Worten der neuen Jahreslosung hören, ist ein Jesuswort aus seinen so genannten Abschiedsreden aus dem Johannesevangelium. Jesus weiß um seine Zukunft, er sieht seinen Tod kommen und so bereitet er seine Jünger darauf vor, dass sie einmal ohne ihn sein werden, dass er zumindest fasslich nicht mehr für sie da sein wird. Sie aber werden leben und so stellt sich die Frage nach ihrem Glauben, ihrem Vertrauen, denn wie soll es ohne ihn weitergehen?

 

Die Jünger werden angesichts der neuen Lage in eine so abgrundtiefe existentielle Erschütterung geraten und ihr Erschrecken wird so groß sein, dass ihnen allein ihr Glaube, ihr Gottvertrauen über diese Krise ihres Lebens hinweg helfen kann. Dieser Glaube wird sich auf ihrem Lebensweg zu bewähren haben. „Dem Gefühl verlassen zu werden (...) entspricht der Glaube als die einzige Möglichkeit, sich verlassen zu können,“ 2) nämlich auf den Grund ihres Glaubens: Gott! Und nun an dieser einen und einzigen Stelle im Johannesevangelium zusammengefasst mit dem Glauben an Jesus Christus, von dem dieses Evangelium sonst immer spricht. „Aber: Der eine (Jesus) ist nicht ohne den anderen (Gott) zu haben“ (M.Hein), wollen wir unseren Glauben in der Nachfolge Jesu leben, damit uns die Welt nicht weiter zum Feindesland wird.

 

 

Das Wort der Jahreslosung: „Euer Herz erschrecke nicht!“, gilt, auch wenn der Abschied Jesu eine andere Dimension hat, wie der Abschied von einem vergangenen Jahr unseres Lebens. So leben wir in diesen letzten Stunden vor dem neuen Jahr durchaus in einem Übergang mit den Gefühlen eines Abschiedes. Der Weg, der hinter uns liegt, ist uns bekannt, viel von dem was uns gelang oder misslang, ist uns bewusst. Welche Abschiede mussten wir erleben, welche Anfänge waren uns geschenkt? Manche Abschiede schmerzten und haben Wunden hinterlassen. Namen stehen im Raum, konkrete Gesichter stehen vor uns, wir haben sie eben noch einmal gehört. Und Umgekehrt: Welche Abschiede waren nun aber auch notwendig für uns, um weiterleben zu können? Und so stehen wir in diesen Stunden vor Mitternacht, wie kaum an einem anderen Abend im Jahr, vor der offenen Frage nach dem, was kommt?

 

Angesichts der weltweiten Krisen oder all jenen, die uns sehr nahe kommen, könnten wir schnell in die Versuchung geraten, zu resignieren, uns in unser kleines Leben zurück zu ziehen, um anderen das Feld zu überlassen. Aber gerade hier wird unser Wort der Jahreslosung zu einer Herausforderung für uns: „Euer Herz erschrecke nicht!“, warum, warum nicht, wenn uns doch manches so dunkel erscheint, so rätselhaft, so unlösbar? Dietrich Bonhoeffer würde uns jetzt zurufen, denkt daran, dass Jesus Christus sich „mit seiner Menschwerdung zwischen mich und die Gegebenheiten der Welt gestellt (hat)... Er ist die Mitte... Er steht nicht nur zwischen mir und Gott, sondern er steht eben damit auch in der Mitte zwischen mir und der Welt, zwischen mir und den anderen Menschen und Dingen. Er ist der Mittler, nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Wirklichkeit...“ 3) Das ist die Antwort des christlichen Glaubens auf die Frage nach unserer Angst, auf die Frage nach den vielen offenen Fragen unseres Lebens.

 

All das, was war, wird so gesehen in einen ganz anderen Zusammenhang gestellt, wie aber auch das Kommende. Schuld darf vergeben sein, Versagen ist kein letztes Wort, Angst kein immerwährender Zustand, Sorge nicht mehr erdrückend, unser Alleinsein nur scheinbar. Nein, umgekehrt wird ein Weg daraus: „Euer Herz erschrecke (eben) nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Aber klingt das nicht wieder einmal zu einfach? Zu sehr nach billiger Vertröstung? Ist das nicht das Blasen auf die kleine Wunde eines Kindes oder das bunte Pflaster, das den Schmerz schneller heilen soll? Wem der Glaube fremd ist, dem muss es so scheinen. Andere haben die Erfahrung gemacht, dass das Wort sie trägt. Christen sind in diesem Sinne die Umgestimmten, die Menschen, die der Glaube umgestimmt hat. Und das allerdings schafft nun diese Freiheit von unbegründeter Angst und Sorge, was die Vergangenheit unseres Lebens ebenso angeht, wie die Zukunft, die vor uns liegt.

 

In einer Osterpredigt erinnerte ich angesichts der unerhörten Osterbotschaft an das Staunen, das zum Glauben dazu gehört: „Eine Kirche, in der nicht gestaunt wird, hat keine Daseinsberechtigung... Ich halte es geradezu für die einzige Aufgabe der Kirche in der Gegenwart, dieses Staunen zu wecken, zu nähren, groß und größer werden zu lassen mit allen Mitteln, bei Alten und Jungen... Staunen müssen wir erst wieder lernen, Augen und Ohren bekommen für das ganz Andere, das im Evangelium im Spiel ist, und wollen froh sein, wenn sich die ersten Zeichen solchen Staunens unter uns zu regen beginnen...“ 4) Hier wird sehr schön deutlich, dass der Glaube ein Prozess ist. Wir sind auch mit ihm unterwegs, nicht fertig, nicht angekommen, aber auf dem Weg.

Und auf ihm wird uns nach und nach bewusst, wie sehr die Worte der Jahreslosung uns tragen, unsere Sorgen und Ängste in Frage stellen, so sehr sie sich auch aufdrängen mögen. Und erst dann werden wir die Staunenden sein, weil wir mitten im Leben die Menschenfreundlichkeit Gottes erkennen. Die Geburt des Kindes in Bethlehem war nicht eine Geschichte in grauer Vorzeit, sondern sie hat etwas zu tun mit meiner Geschichte, mit meiner Lebensgeschichte.

 

Natürlich nehmen wir in diesen Stunden vor Mitternacht Abschied von einem Jahr unseres Lebens, aber mit jedem Abschied, wir wissen es, beginnt ja etwas neues und anderes. Und so dürfen wir das vergangene Jahr nun getrost hinter uns lassen und voller Zuversicht und mit großen Hoffnungen in ein neues Jahr hinein gehen. Dabei erspart uns auch der Glaube keine Erfahrungen, die zu unserem Menschsein dazu gehören, also auch dunkle, schmerzhafte Erfahrungen nicht, aber er lässt alles in einem anderen Licht erscheinen. Dort nämlich, wo wir an den Gott zu glauben unterwegs bleiben, der mit dem Kind – damals in Bethlehem - in die Welt kam und der uns nun von dorther entgegenkommt.

 

Appelle wie: „Kopf hoch – und durch“ oder „Kopf hoch, es wird schon!“, sollten wir anderen überlassen – wir werden sie ja in den Ansprachen dieser Tage hören, um auf die großen politischen Themen des neuen Jahres eingestimmt zu werden. Doch Appelle helfen nicht. Was hilft ist das Vertrauen, dass Gott uns vorangeht, ihm dürfen wir folgen. Der große evangelische Theologe Eberhard Jüngel berichtet von einem Gespräch mit dem Freiburger Philosophen Martin Heidegger: „Gegen Ende seines Lebens habe ich ihn noch einmal besucht und am Ende eines langen Gespräches ganz ungeniert gefragt, ob es nicht die Bestimmung des Denkens sei, unterwegs zu Gott zu sein. Heidegger antwortete: `Gott – ist das Denkwürdigste. Aber da versagt die Sprache...´“ 5) Ehrfürchtiger kann man kaum von der Gottheit Gottes denken und reden.

 

Aber auch dann, wenn uns die Sprache des Glaubens manchmal fremd ist, zu fehlen oder zu versagen scheint, Gott ist und bleibt unser aller Gott, in dessen Hand auch unsere Lebensgeschichte gut aufgehoben ist. So lassen Sie uns mit dem Maß an Vertrauen, das uns möglich ist, in ein neues Jahr hinein gehen, weil wir dem Wort der Jahrslosung für das kommende Jahr vertrauen dürfen: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Denn:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

EG Nr. 65, Vers 7

Amen.

 

 

Literatur:

 

1) Leitschuh, M., Vorlage in: Das große Werkbuch Advent und Weihnachten,

Freiburg 2009, S. 208

2) Hein, M., Jahreslosung 2010, Göttinger Predigtmeditationen, 2009, 64. Jhrg.,

Heft 1, Göttingen, S. 69

3) Bonhoffer, D., Nachfolge, München, 19648, S. 71

4) Trowitzsch, M., Karl Barth heute, Göttingen, 2007, S. 160

5) Trowitzsch, M., a.a.O., S. 352

 

 

Weber, K., Jahreslosung 2010, in: http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/

Drewermann, E., Das Johannesevangelium, Zweiter Teil, Düsseldorf, 2003, S. 120ff

 

 

 

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