Altjahresabend 2010
Altjahrsabend, Jesaja 30, 8-18
Begrüßung:
Liebe Gemeinde! Mit welchen Gefühlen oder Erwartungen sind wir heute in diesen Gottesdienst gekommen, der uns helfen soll - wie über eine Brücke - aus dem vergangenen Jahr in ein neues Jahr unseres Lebens hinüber zu gehen. So wollen wir Gott für jeden Tag unseres Lebens danken und ihn bitten, dass er uns auch im kommenden Jahr mit seiner Nähe und seinem guten Geist begleiten möge.
Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott, der Herr, der da ist und der da war und der da kommt... (Offenb. 1,8)
Gebet:
Herr, guter Gott! Es ist nur noch ein kleiner Schritt zwischen heute und morgen. Nur noch eine kleine Stufe zwischen dem alten und einem neuen Jahr. Wir bitten dich, Gott, geh du mit uns in dieses neue Jahr hinein. Was wir zurück lassen müssen – dir vertrauen wir es an. Was wir mitnehmen – hilf du es tragen. Was uns erwartet – lass es uns annehmen. Vergangenes und Kommendes, Altes und Neues, das Ende und den Anfang – in allem, Gott, sei du uns nah, durch ihn, unseren Bruder und Herrn, Jesus Christus. Amen.
Der Herr befahl mir: »Nimm eine Schreibtafel und schreib darauf vor den Augen dieser Leute mein Urteil über sie. Ritze es als Inschrift für alle Zeiten ein, es soll für immer erhalten bleiben. Sie sind ein eigensinniges Volk. Meine Kinder wollen sie sein, aber sie sind Lügner; denn sie wollen nicht hören, was ich, der Herr, von ihnen verlange. Zu den Sehern sagen sie: 'Ihr sollt nichts sehen!', und zu den Propheten: 'Ihr sollt keine Offenbarungen haben! Sagt uns nicht, was recht ist, sondern was uns gefällt! Lasst uns doch unsere Illusionen! Weicht von der Wahrheit ab und lasst uns in Ruhe mit eurem heiligen Gott Israels!'
Deshalb sage ich, der heilige Gott Israels: 'Ihr wollt nicht hören, was ich euch sage, und verlasst euch auf Gewalt und Betrug. Diese Schuld bleibt nicht ohne Folgen: Ihr gleicht einer hohen Mauer, die einen Riss bekommen hat. Er läuft immer tiefer und wird immer breiter, und plötzlich stürzt die ganze Mauer ein. Es wird euch ergehen wie einem Tontopf, der so gründlich zerschmettert wird, dass sich unter seinen Scherben kein Stück mehr findet, mit dem man Glut aus dem Ofen nehmen oder Wasser aus einer Pfütze schöpfen könnte.'«
Der Herr der heilige Gott Israels, hat zu euch gesagt: »Wenn ihr zu mir umkehrt und stillhaltet, dann werdet ihr gerettet. Wenn ihr gelassen abwartet und mir vertraut, dann seid ihr stark.« Aber ihr wollt ja nicht. Ihr sagt: »Nein, auf Pferden wollen wir dahinfliegen!« Aber ihr werdet nicht fliegen, sondern fliehen. Ihr sagt: »Auf schnellen Rennern wollen wir reiten!« Aber eure Verfolger werden schneller rennen als ihr. Tausend von euch werden fliehen, wenn sie einen einzigen Feind sehen; und wenn fünf euch bedrohen, werdet ihr alle davonlaufen. Von eurem stolzen Heer wird nichts übrig bleiben als eine leere Fahnenstange auf einem kahlen Hügel. Trotzdem wartet der Herr sehnlich auf den Augenblick, an dem er sich euch wieder zuwenden kann. Er will seine Macht zeigen und sich über euch erbarmen, denn er ist ein Gott, der dem Recht Geltung verschafft. Wie glücklich sind alle, die ihre Hoffnung auf ihn setzen!
Liebe Gemeinde!
Jesaja hat ein Urteil zu verkündigen: König Hiskia fühlt sich durch die Großmacht Assur bedroht und sucht nun bei den Ägyptern Sicherheit und Schutz. Gegen eine geschickte Bündnispolitik ist ja im Grunde nichts einzuwenden, wenn der Zeitgeist nicht meinen würde, dass man eigentlich auch ganz gut ohne Gott auskommen kann. Und darum greift Gott hier durch den Propheten an. Er redet scharf, polemisch, eindeutig und hart, er provoziert den Zeitgeist.
Wieder einmal hat Israel in seinem fragwürdigen Sicherheitsfanatismus auf den falschen Gott gesetzt, wieder einmal ist seine Existenz bedroht. Doch kritische Worte will man nicht hören, die Propheten sollen den Mund halten. Darum ist Israel wie eine hohe Wand mit einem tiefen Riss, die über all den selbstgemachten Illusionen zusammenbrechen wird. Israel ist wie ein tönener Topf, der so zerschlagen ist, dass man mit seinen Scherben nichts Sinnvolles mehr anfangen kann, so sagte ich es damals 2004, als wir diesen Text schon einmal hörten.
„Meine Kinder wollen sie sein, aber sie sind Lügner; denn sie wollen nicht hören...“ Hat sich im Laufe der Geschichte etwas Entscheidendes verbessert, hören wir denn heute, was Gott uns zu sagen hat und gilt das damals Gesagte nicht in gewisser Weise auch uns? Sind wir nicht eben diese Menschen, die nichts sehen wollen, nur allzu gern mit ihren Illusionen leben und von Gott in ihrem Leben in Ruhe gelassen werden wollen? Der Text – so alt er ist – ist hochaktuell und das allein schon darum, weil es neben den vielen Seiten Gottes, die Menschen erfahren können, ja immer auch die der Störung unseres Lebens gibt. Gott stellt sich uns Menschen in den Weg, in den Lebensweg, denn was hätten wir denn sonst an Weihnachten gefeiert?
Wo wir Menschen es mit unserem Gott zu tun bekommen, gelten andere Maßstäbe, als all jene, die wir uns setzen. Um unserer Menschlichkeit Willen bringt sich uns Gott in Erinnerung, um eines Glaubens, der sich nicht auf Illusionen gründet. Mit Gott zu leben muss ja eine andere Qualität haben, als gott-los zu leben. Aber Gott kennt seinen Menschen, auch uns, und er weiß, wo wir unseren Glauben verlieren, verlieren wir ganz oft auch den Maßstab für ein menschenwürdiges Leben. Und so sind wir wie Menschen, deren Leben einer hohen Mauer gleicht, die einen Riss bekommen hat, wie einem Tontopf, der so zertrümmert ist, dass seine Scherben nicht mehr zusammen passen.
Und doch habe ich ein gewisses Problem: Denn wir sind doch gerade heute Abend sicher nicht - ausgerechnet in diesen Gottesdienst hinein gekommen - um uns ein solches Wort anzuhören, eine Art Publikumsbeschimpfung durch einen alten Propheten im Auftrag Gottes. Der Altjahrsabend bringt es ja mit sich, dass uns Fragen bewegen, die das vergangene Jahr angehen, wie Überlegungen, was uns wohl das neue, das kommende Jahr bringen wird? Und da dann ausgerechnet so ein kritisches Wort?
Ich möchte uns einladen, uns dennoch auf dieses Wort einzulassen, um vielleicht etwas zu hören, was uns im Blick auf unsere Vergangenheit, wie aber eben auch unsere Zukunft weiter hilft. Noch einmal möchte ich uns ermutigen aus einem Wort das nach „Gesetz“ klingt, dennoch das „Evangelium“ heraus zu hören, ein Wort der Stärkung, ein Wort der Verheißung, ein Wort der Hoffnung. Gerade heute!
Gerade dieser Gottesdienst am Altjahrsabend schenkt uns Zeit, unsere Vergangenheit einmal Revue passieren zu lassen: Was gelang uns im vergangenen Jahr? Wofür haben wir zu danken? Was missglückte uns und bleibt nun vielleicht als eine noch offene Aufgabe vor uns? Was wurde uns geschenkt oder wo galt es Abschied zu nehmen? Hier finden wir die Ruhe, uns dem zu stellen, was war, um so dann für ein neues Jahr und für die uns geschenkte Zeit und Zukunft gerüstet zu sein. Zu fragen bleibt daher, woran wir festhalten, wo wir loslassen sollten oder umgekehrt, was wir loslassen sollten, um frei zu werden für Neues und Anderes?
Dieser Gottesdienst schenkt uns gedanklich die Zeit, uns an ein neues, kommendes Jahr heran zu wagen: Was wird es bringen, wie werden wir es erleben und was kommt auf uns zu? Welche Sorgen bewegen uns heute Abend im Blick auf das Jahr 2011, welche Freude bewegt uns? In welche Familie wird ein Kind hinein geboren oder in welcher muss von einem vertrauten Menschen Abschied genommen werden? Was war, das wissen wir, was kommt, können wir oft genug nicht einmal erahnen. Das heißt nun aber auch nicht, dass wir blind und taub in unsere Zukunft hinein leben, sondern offen werden für eine Zukunft, in der wir selbst viel gestalten können, anderes aber eine Aufgabe oder ein unverfügbares Geschenk bleibt.
„Gott hat die Welt nicht so geschaffen,“ so sagte es Dorothee Sölle einmal, „wie eine Töpferin einen Topf, ein Konstrukteur eine Maschine schafft, als ein fertiges Ding, das man wegwirft, wenn es nicht mehr funktioniert. Die Schöpfung ist bestimmt von einem Rhythmus, einem Wechsel, den wir als Tag und Nacht, Sommer und Winter, Ebbe und Flut, Wärme und Kälte, Jugend und Alter erleben. Wenn Gott in der biblischen Erzählung am Ende schließlich alles „sehr gut“ ansieht, so ist nicht Perfektion, ewige Dauer, unveränderlicher Bestand gemeint, sondern dieser Rhythmus des Lebens... Was mir Angst macht, ist die technokratische Sicherheit, dass jederzeit alles, was es auf Erden gibt, verfügbar und käuflich ist: Erdbeeren auch im Dezember, Frühling für Touristen jederzeit, ... und Spaß, in der Weltsprache „fun“ genannt, immerzu. Das Element der Zeit, das Kommen und Gehen, der Rhythmus des Lebens wird in die Verfügbarkeit hinein aufgehoben...“ 1)
Wo Gott selbst seine Schöpfung dem ständigen Wandel unterworfen hat, ist nun auch der Mensch selbst ihm ausgesetzt. Er hat aktiv Anteil daran, seinem Leben eine Richtung zu geben, Maßstäbe zu setzen, Werte zu schaffen, dem Frieden zu dienen. Er darf dabei auf den schöpferischen, kreativen Gott setzen, wenn es darum geht, in die ihm geschenkte, unverfügbare Zeit hinein zu leben. Mit Israel – damals - bleiben wir angesprochen und herausgefordert, unser Leben zu bedenken, unsere Gottesbeziehung zu überdenken. Und dabei können uns die kräftigen Bilder des Propheten helfen – gerade heute Abend. Wer von uns möchte schon mit einer hohen Mauer verglichen werden, die einen Riss bekommen hat oder einem Tontopf, der zu nichts mehr dient.
Der Prophet ermutigt zur Ruhe, zur Gelassenheit und zu Gottvertrauen. Israel dagegen setzt auf seine Stärke und geht damit unter, weil es andere gibt, die stärker und schneller sind: „Von eurem stolzen Heer wird nichts übrig bleiben als eine leere Fahnenstange auf einem kahlen Hügel...“ Wann endlich werden auch wir begreifen, dass unsere Soldaten schnellstens aus Afghanistan heimgeholt werden sollten – um dann nie mehr in kriegerische Handlungen geschickt zu werden. Die USA haben aus den verlorenen Kriegen ihrer Vergangenheit seit Vietnam nichts gelernt, wir sollten aus unseren verlorenen Kriegen gelernt haben.
Aber letztlich geht es heute nicht darum. Es wird uns aber damit im Blick auf unsere Zukunft gesagt, nicht auf eine falsche Sicherheit zu setzen, auf doppelzüngige und scheinheilige Propheten oder auf fragliche Götter. Das gilt für unser Privatleben, wie aber auch im Blick auf uns als Staatsbürger: In einem Jahr mit vielen Wahlen werden wir viel zu hören und manches zu sehen bekommen, da gilt es schon vorher genau zuzuhören und sorgfältig hinzusehen, anstatt Parolen Glauben zu schenken. Die Strategie des Sich-Verweigerns hilft hier aber erst recht nichts, denn damit überlassen wir die Politik und die Politiker sich selbst, was unserer Demokratie und Gesellschaft nur schadet. Als Christen sind wir uns der Welt schuldig, da gibt es keine Ausreden.
Die Präsidentin unserer Landessynode, Frau Fleckenstein, brachte einmal folgendes Beispiel: „Ein Dirigent sagt zu seinem Orchester: `Meine Damen und Herren, dass wir nicht alle in der gleichen Tonart spielen, das macht nichts. Dass wir nicht gleichzeitig anfangen, das macht auch nichts. Dass jeder sein eigenes Tempo hat, kann ja mal passieren. Aber können wir nicht wenigstens alle das gleiche Stück spielen?´“ 2) Das ermutigt uns, auch wenn es unserer Kantorin vielleicht nicht so gut gefällt, wenn unsere Kantorei so musizieren würde, uns einzubringen. Als Christen sind wir gefordert, die Welt nicht im Stich zu lassen, als Christen sind wir aber erst recht dazu herausgefordert, Gott mit unserem Leben nicht im Stich zu lassen. Seinen Glauben darf jeder von uns mit seinen Mitteln und Möglichkeiten in aller Vielfalt leben und einbringen, mit seinen Klängen und Farben. Nur kommt es für uns darauf an, unseren, den christlichen Glauben im Blick zu haben und nicht irgendeinen. Nur so wird das gleiche Stück gespielt.
Und daher dieses Prophetenwort heute Abend, dem Altjahrsabend: Mitten in unserem Leben und dazu noch zwischen diesem vergehenden und einem neuen Jahr sind wir daran erinnert, dass wir Gott in unsere Zukunft mitnehmen, bevor wir uns auf uns selbst verlassen oder auf fragliche Ratgeber setzen. Wir sind zugleich daran erinnert, dass wir Gott Dank sagen für das Geschenk unseres Lebens, das Geschenk der uns geschenkten Zeit und das umschließt nun auch unsere Vergangenheit. Ja, wir haben allen Grund Gott Dank zu sagen, weil so unendlich viel in unserem Leben unverfügbar, ein Geschenk ist und bleibt. Nehmen wir Gott mit in diese Nacht, in die Tage und Jahre unseres Lebens, weil so unserem Leben, ganz gleich wie es verläuft, eine große unzerstörbare Hoffnung geschenkt ist.
Gehen wir nun auch in diesen Abend und in die uns geschenkte Zeit mit den Worten Dietrich Bonhoeffers:
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag. 3)
Amen.
Literatur:
1) Sölle, D., Den Rhythmus des Lebens spüren, Freiburg, 2001, S. 11
2) Fleckenstein, M., in einem Vortrag: „Hauptamt und Ehrenamt in der Kirche“,
abgedruckt in: Badische Pfarrvereinsblätter 11-12/2010, S. 376
3) Bonhoeffer, D., Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe: Baden, Nr. 65, Vers 7
Dinkel, Chr., Das Lob der Neutralität, Altjahrsabend in:
http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/
Wir weisen darauf hin, dass Sie alle unsere Predigten im Internet nachlesen können. Sie finden sie unter:
http://www.evangelische-kirchengemeinde-kenzingen.de – oder:
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