Weihnachten 2010

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Weihnachten 2010

 

Begrüßung:

  

Es war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung. So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er endlich eines Tages mit seinem Kopf in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht als er in den Himmel schaute, denn der Himmel war dunkel, leer und kalt. Gott war längst auf der Erde, in Bethlehem, in einer Krippe in einem unwirtlichen Stall. 

(Quelle unbekannt)

 

Und der alt gewordene Simeon sagte als er Jesus im Tempel sah:
Mit eigenen Augen habe ich es gesehen:
Du hast dein rettendes Werk begonnen,
und alle Welt wird es erfahren.
(Lukas 2, 29-30).

 

 

 

Gebet:

  

Herr guter Gott! Denken wir an dich, so haben wir Bilder im Kopf. Wir denken an einen guten Hirten, dem wir uns anvertrauen können; an eine tröstende Mutter, die uns Geborgenheit schenkt; an eine feste Burg, so dass wir vor Sorge und Angst geschützt sind; an eine sprudelnde Quelle, aus der wir Leben schöpfen können. In deinem Sohn Jesus bist du im kleinen unscheinbaren Bethlehem als Mensch und Mitmensch zur Welt gekommen. Daran werden wir heute erinnert. Lass daher nicht im weihnachtlichen Trubel untergehen, was das für unser Leben bedeutet, für all die Fragen, die uns bewegen, die Auseinandersetzungen, die durchzustehen sind, im Alltag der uns fordert. Herr, komm du in uns zur Welt, darum bitten wir. Amen.

 


Doch dir, Betlehem im Gebiet der Sippe Efrat, lässt der Herr sagen: »So klein du bist unter den Städten in Juda, aus dir wird der künftige Herrscher über mein Volk Israel kommen. Sein Ursprung liegt in ferner Vergangenheit, in den Tagen der Urzeit.« Der Herr gibt sein Volk den Feinden preis, bis eine Frau den erwarteten Sohn zur Welt bringt. Dann werden die Verschleppten, die noch am Leben sind, zu den anderen Israeliten zurückkehren. Im höchsten Auftrag des Herrn, seines Gottes, und mit der Kraft, die der Herr ihm gibt, wird er die Leute von Israel schützen und leiten. Sie werden in Sicherheit leben können, weil alle Völker der Erde seine Macht anerkennen. Er wird unser Friede sein...

 

 

Liebe Gemeinde!

  

„Das Buch `Sternkinder´ erzählt Geschichten von jüdischen Kindern im von den Deutschen besetzten Amsterdam. In einer dieser Geschichten macht sich ein achtjähriger Junge auf den Weg, um Äpfel zu kaufen. Es ist nicht so einfach. In jüdischen Geschäften gibt es kein Obst, und wenn der Junge in einem anderen Laden als Jude erkannt wird, könnte es sein, dass er `mitgenommen´ wird. Er sieht jünger aus, als er ist; für Fünfjährige gibt es noch keine Pflicht, den gelben Stern zu tragen. Und wenn man ihn nach seinem Namen fragt? Dann, so schärft die Mutter ihm ein, solle er sagen: `de Jong´. So heißen viele in den Niederlanden. Alles geht gut. Aber die freundliche Verkäuferin will tatsächlich wissen, wie sein Name sei. Nein, nicht der Nachname, `ich meine deinen Vornamen!´ Der Jung überlegt. Ist Jopie ein jüdischer Vorname, oder können auch die anderen so heißen? `Na, verrat es nur!´ lächelt die Frau. `Jesus´, sagt er heiser.“ 1)

 

Hat diese Begebenheit nicht ebenso etwas mit Micha zu tun, diesem kraftvollen, leidenschaftlichen Propheten des Alten Testamentes, wie eben auch mit der bedrängenden Geschichte dieses Jungen in Amsterdam? Der Prophet Micha klagt an, hart und deutlich, verkündigt Gericht und Heil in einer für Israel heillosen, dunklen Zeit, angesichts der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und der Verbannung. Das Trostwort ist ein „Trotz“-Wort. Trotz der verzweifelten Situation. Trotz der Zerstörung des Tempels. Trotz Gottes Nicht-Eingreifens. Trotz der Toten und des Leidens und des Schmerzes. Trotz allem halten sie an ihrem Gott fest und versuchen ihre Zuhörer in deren Glauben zu festigen...“ 2)

 

Micha verweist auf einen künftigen Herrscher, der aus Bethlehem kommen wird. Er muss trösten, weil es noch nicht an der Zeit ist, mit dem Kommen dieses Herrn.

 

Da flüchtet sich rund zweieinhalbtausend Jahre später ein jüdischer Junge in den Namen Jesus, womit er gerettet wird. Er lässt in sich selbst – ohne es zu ahnen – den Gottessohn in höchster Not und zu seiner Rettung zur Welt kommen. Natürlich ist ihm der Name Jesus aus seiner christlichen Umwelt vertraut. Auch Weihnachten kannte er, ohne es als Jude in seiner Familie zu feiern, aber in diesem Augenblick wird es für ihn Weihnachten in seiner tiefsten Bedeutung.

 

 

Die Badische Zeitung fragte gestern, am Heiligen Abend: „Wem gehört das Christkind?“3) Die Antwort scheint einfach, natürlich uns Christen! Aber in dieser ja faktisch passierten Begebenheit wird deutlich, dass dieses Kind, das damals zur Welt kam, wohl für die ganze unerlöste Welt zur Welt kam.

 

Micha verweist auf die Zukunft: „Doch dir, Bethlehem, ..., lässt der Herr sagen...“, während der Junge auf eben das zurück schaut, worauf in dieser prophetischen Vision hingewiesen wird. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Not ihrer Zeit am eigenen Leib erleben. So klagt Micha, wie die Propheten Amos und Hosea die wirtschaftlich Mächtigen an, die für das Recht Verantwortlichen, die Propheten und Priester, die das Volk verführen. Er sagt ihnen das Gericht Gottes voraus, aber er verkündigt ihnen ebenso das kommende Heil. Es sind ja die Propheten, die auch jeder Jude kennt, wozu man nicht einmal sehr fromm sein muss. Dabei benennt er Bethlehem als den Ort, aus dem ein künftiger Herrscher kommen wird, ohne jedoch einen konkreten Menschen vor Augen zu haben.

 

Die Juden Amsterdams, wie alle Juden, hören die Stimme ihrer Propheten auch in ihrem vom Nationalsozialismus bedrängten Leben. Hier weniger als ein Mahnwort an sie persönlich, denn sie hatten ja nicht zu verantworten, was andere ihnen antaten. Gehört haben sie auf alle Fälle die Worte der Verheißung, die Trost- und Trotzworte, die ihnen durch ihren Glauben vermittelt, die Perspektiven auf ein friedlicheres, heilvolleres Leben möglich machten. Es ist diese Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart, von prophetischem Wort und dem Vertrauen auf das kommende Heil, was den Propheten von damals mit einem bedrängten Jungen in Amsterdam verbindet. Beide leben in einer dunklen Zeit, der eine ruft zur Umkehr auf und verweist auf das Kommen eines Herrschers aus Bethlehem, der andere darf zurückschauen, um sich auf diesen Gekommenen für seine Rettung zu berufen.

 

Wir hören den Propheten, heute, Weihnachten 2010: „Er wird unser Friede sein...!“, aber haben sich seine Verheißungen erfüllt? Leben wir in einer anderen Welt als Micha oder der kleine jüdische Junge? Natürlich hat sich viel verändert. Die Zeit in der Micha lebte ist weder mit der des Jungen im Dritten Reich vergleichbar noch mit der unseren heute. Und so bleiben die Anklagen, zumindest als kritische Anfragen des Propheten im Raum, wenn es um die wirtschaftlich Mächtigen geht, um das Recht oder aber sogar um Geistliche, die ihre Gemeinden geistlos allein und sich selbst überlassen in allen Konfessionen und Religionen.

 

Er wird unser Friede sein...!“ Aber wie buchstabiert sich dieses Wort in unsere eigene Existenz hinein? Bewegt durch „Stuttgart 21“, „21 +“ oder „Baden 21“ fragen wir als Betroffene nach dem Frieden hier in unserem Bundesland, hier in unserer eigenen Nachbarschaft. Wir wollen und können uns ja gar nicht ausmalen, was geschehen wird, wenn dann doch die Bahngleise durch unsere Städte Kenzingen und Herbolzheim gelegt werden, anstatt an die Autobahn. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen dem verheißenen Friedensstifter und unserer Situation heute? Ja und noch einmal, Ja, natürlich! Wir Christen sind davon überzeugt, dass mit Jesus dieser Friedensstifter endgültig in unsere Welt gekommen ist. Das ist es, was wir uns Weihnachten für Weihnachten sagen lassen und wir hören es so, wie es ja auch den Hirten über Bethlehem zugerufen wurde: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens...“

 

Der Geist, der mit Jesus von Nazareth in unsere Welt hinein kam, verpflichtet uns Christen, nimmt uns in seinen Dienst. Dabei gilt, dass Jesus ja nicht einfach lieb war, er konnte zornig werden, warf Tische um, korrigierte sein Mutter und Freunde, forderte Nachfolge ein, konnte Scheidepunkte benennen. Wäre er einfach nur lieb gewesen, hätte er nicht sterben müssen. Nein, Frieden ist auch bei ihm kein fauler Friede. Und so fordert er auch uns in eine Auseinandersetzung hinein, den Mut zum eigenen Standpunkt selbst in politischen Fragen. Aber immer auch in der Offenheit für die Argumente des Anderen und der Fähigkeit einen gangbaren Weg zu suchen. Rechthaberei, Egoismus und die blinde, taube Verteidigung des eigenen Standpunktes wäre da kein Friedensdienst.

 

Gott will ja gerade – und darauf verweist uns der Ort Bethlehem – in der Welt zur Welt kommen, konkret, menschlich, verletzlich, ebenso kämpferisch, liebevoll und fürsorglich, wie Jesus es ja auch war. Das heißt, auch in den Fragen wie bei „Stuttgart 21“ oder „Baden 21“ will Gott zur Welt kommen können. Und das heißt für uns Christen sehr genau zu prüfen, was dem Frieden dient oder wo der Widerstand auch von uns gefordert ist. In jedem Fall haben wir den Frieden Gottes mit der Welt auch hier – so weit dies an uns liegt und liegen kann – deutlich werden zu lassen.

 

„Einem weisen Rabbi wurde berichtet, dass es Menschen gibt, die sagen, der Menschensohn sei schon gekommen. Er antwortete nichts, sondern öffnete das Fenster und sah in die Welt hinaus, kehrte um und schüttelte den Kopf. Wäre der Menschensohn schon gekommen, so sähe die Welt anders, nämlich menschlicher aus. Dann wäre das Weinen aus der Welt verschwunden, und die Völker würden ihre blutigen Schwerter zerbrechen und Pflugscharen aus ihnen machen.“ 4)

 

Liebe Gemeinde! Mit Weihnachten bleiben wir daran erinnert, dass Gott in der Welt, ja, in uns zur Welt kommen will. Und wo das Wirklichkeit wird, da soll und muss die Welt es merken, „denn er wird unser Friede sein!“ Ich wünsche Ihnen allen ein recht frohes, nachdenkliches und gesegnetes Weihnachtsfest. Amen.

 

  

 

Literatur:

 

1) Asscher-Pinkhof, C., Sternkinder, Berlin, 1961, S. 50 in:

    75 Jahre Barmer Theologische Erklärung, Eine Arbeitshilfe, 31. Mai 2009, S. 45

2) Perry-Trauthig, H., Christfest I, in: http://www.deutsches-pfarrerblatt.de/

3) Badische Zeitung, Annette Pehnt, Wohl zu der halben Nacht, S. I,

    23.12.2010,

4) Zitiert nach: Moltmann, J., . Themen der Theologie 11, Stuttgart/Berlin,

    1971, S. 166f

  

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