Heiliger Abend 2010

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Heiliger Abend 2010 

 


Begrüßung:

 

Holder Knabe

im lockigen Haar.

 

Ein Bild

von einem Kind.

 

Ein echter Jude.

 

Das Bild

hängt schief.

 

Unehelich geboren.

Das Bild

Fällt aus dem Rahmen.

 

(P. Ceelen)

 

 

 

 

Gebet:

 

 

Alle Jahre wieder, Gott, erinnerst du uns mit dem heiligen Abend daran, dass und warum du in diese Welt hinein geboren wurdest. Alle Jahre wieder hören wir diese Botschaft und vertrauen uns ihr an – wenigstens für diesen einen Abend im Jahr.

 

Wir werden berührt, weil Himmel und Erde, Oben und Unten sich hier so nahe kommen und Menschen sich auf den Weg machen, um dich, Gott, in der rauen Wirklichkeit dieser Welt zu finden. Lass uns die Botschaft der Weihnachtsgeschichte heute noch einmal ganz neu und anders hören, damit Gefühl und Verstand angesprochen werden, damit du in uns zur Welt kommen und es so nun auch für uns Weihnachten werden kann: Ein gesegneter Abend durch dich, Gott, für uns alle. Amen.

 

  

 

 

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die aller- erste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

 

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

 

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.




Liebe Gemeinde, heute am Heiligen Abend!

 

Und wieder haben wir sie gehört, die alte, uns allen so bekannte und vertraute Weihnachtsgeschichte, wie sie uns Lukas überliefert. Manche von uns werden heute vielleicht nur in die Kirche gekommen sein, um sie zu hören, andere sich fragen: Warum eigentlich immer diese Geschichte am heiligen Abend? Es liegt wohl daran, dass uns keine so vertraut ist, wie die des Lukas. Weihnachten ohne diese Weihnachtsgeschichte? Es würde vielen von uns etwas fehlen.

 

Nur in ihr wird uns so farbenprächtig erzählt, was damals geschah und wovon dann später zu berichten war. Nur hier verbinden sich Himmel und Erde in einem unendlichen Jubel über diesem neugeborenen Kind in Bethlehem. Sehr unterschiedlich werden wir hier angesprochen, ein jeder für sich. Die Weihnachtsgeschichte führt uns zurück in unsere Kindheit, Erinnerungen werden wach und so werden wir von kaum einem Bibelwort so sehr begleitet, wie gerade von ihr. Dabei hören wir sie vermutlich in jedem Jahr unseres Lebens ein wenig anders. Einmal berührt uns der offene Himmel, das Lob der Engel, dann wieder sind wir bei den erdverbundenen Hirten, dem Elternpaar, dem Kind. Uns stehen Bilder vor Augen: Die hell erleuchtete Nacht oder die kalte, karge Berglandschaft, die Bethlehem umgibt. Die Motive können wechseln, aber wir alle hören sie. Wie hören wir sie heute, ein jeder für sich selbst mit seinen Gefühlen, Zweifeln, Erwartungen?

 

Seit 1995 habe ich uns hier Jahr für Jahr zumindest in einem Weihnachtsgottesdienst diesen Text ausgelegt – und immer haben wir in den nun sechzehn Predigten andere Schwerpunke bedacht, ohne uns, außer in den zentralen Kernaussagen, zu wiederholen. Mit dieser Weihnachtsgeschichte wird es nun wirklich Weihnachten. Wir schauen zurück und lassen uns so wieder in Erinnerung rufen, was für unseren Glauben grundlegend war, ist und bleibt: Gott wird ein Mensch, ein Mitmensch für uns in diesem Kind – damals in Bethlehem. In ihm werden wir an die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes erinnert. Der Himmel kommt auf die Erde und die Erde erfährt so - schon jetzt - etwas vom kommenden, dem zukünftigen Himmel. Aber, so ruft es uns der Tübinger Germanist Walter Jens in Erinnerung:

 

„An Idylle und Traulichkeit, Sentimentalität und biedermeierliches Glück kein Gedanke, an Winterflocken und altdeutsche Stube, Fachwerk und Backwerk erst recht nicht. Kein Weihnachtsbaum leuchtet, kein Karpfen steht auf dem Tisch. Die Weihnachtsgeschichte, wie sie genannt wird (...), beginnt im Stil einer weltlichen Chronik... Ein weiter Weg vom kaiserlichen Rom bis zu einem orientalischen Provinznest, von Augustus, den jedermann kennt, über Cyrenius, der schon fast ein Unbekannter ist, bis zum Anonymus, der zufällig den Namen Joseph trägt. Von Rom nach Bethlehem, von Augustus zu Joseph: Das ist ein Salto mortale am Rande des Paradox. Größer und höher und dramatischer kann einer nicht einsetzen; bescheidener, niedriger, erbarmungswürdiger nicht enden.

 

Man beginnt unter den Himmeln der Macht und erreicht sein Ziel in der Kläglichkeit der Provinz: Dort, wo ein Mann und eine Frau sich auf den Weg machen, primär, um sich in die Steuerlisten eintragen zu lassen, sekundär (...), um ein Kind zur Welt kommen zu lassen, den ersten Sohn eines einfachen Mannes und einer ihm verlobten jungen Frau, die kein `vertrautes Weib´, sondern ein junges Mädchen ist.

 

 

Keine Spur von ehelicher Gemeinschaft und langsamen Umgang. Das Paar ist einander versprochen, und das Kind kommt zu früh...“ 1)

 

Das also ist die Wirklichkeit dieser Geburt, jenseits aller Idylle. Aber was bedeutet das für uns und unser Verständnis des Weihnachtsfestes? Die Nüchternheit der Schilderung könnte uns helfen, Weihnachten wieder ein wenig mehr in unserer eigenen Wirklichkeit zu vererden, es unserem Alltag näher zu bringen. Natürlich dürfen wir dabei auch den Jubel der himmlischen Chöre und die Friedensbotschaft für alle Menschen hören. Aber, so scheint es, die Realität der Welt und Gottes Kommen, für das uns die Worte fehlen und Wort-Bilder uns helfen müssen, gehören an diesem Tag und in dieser Botschaft zusammen. Nichts kann an der Wirklichkeit ausgeblendet werden, denn Gott kommt ja in keine andere Welt und in keine andere Welterfahrung hinein als in unsere. Gott kam für die Hirten und für die Bürger von Bethlehem nebenan zur Welt, so, wie er Tag für Tag neu in einem jedem von uns selbst zur Welt kommen möchte.

 

Die Weihnachtsgeschichte gehört ja zu den biblischen Texten der Bibel, die längst zur Weltliteratur geworden sind und die sich niedergeschlagen hat und niederschlägt in den Lebensgeschichten unzähliger Menschen. Denn was wäre das für ein Christentum, wenn uns gerade dieser Bericht der ganz und gar menschlichen Geburt Jesu nicht erzählt worden wäre. Natürlich könnten wir auf den Stammbaum Jesu bei Matthäus zurück greifen, so sachlich und nüchtern, wie Stammbäume wohl sein müssen, wobei hier – ein wenig anrüchig – Frauen erwähnt werden, die zumindest in jüdischen Augen fragwürdig sind. Oder aber auch auf Johannes, der in seinem Evangelium den gleichen Sachverhalt des Kommens Gottes in die Welt so beschreibt: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit!“ Da wird dann sehr schnell deutlich, warum wir gerade von der lukanischen Weihnachtsgeschichte so berührt und angesprochen werden.

 

In allen Berichten, die etwas über das in die Welt Kommen Jesu aussagen, wird eines deutlich, nämlich dass es um die Menschlichkeit Gottes geht. Er bleibt nicht in unbegreiflich fernen Höhen, der Welt und ihren Herausforderungen entrückt, wie dämonische Götter und Götzen. Nein, er lässt sich auf seine und des Menschen Welt ein, er teilt das Leben ungeschönt und mit allen menschlichen Konsequenzen. In immer anderen Gedankengängen geht es um dieses zur Welt Kommen unseres Gottes. Allein das begründet die besondere Art, mit der wir auf Weihnachten zugehen, uns auf dieses Fest einstimmen und dann das Fest selbst feiern. Das begründet unsere Freude, die weihnachtliche Musik, Kerzen und Geschenke.

 

Dabei fällt mir die kleine, sehr treffende Geschichte von Dino Buzzati ein: „Die Nacht im Dom“. Es ist Weihnachten, der Heilige Abend ist gekommen, als es an die Domtür klopft. Don Valentino, der Priester, öffnet die Tür, durch die ein recht zerlumpter Mann eintritt. Voller Freude über die Schönheiten dieser Kirche bittet er Don Valentino, ihm etwas davon abzugeben. Doch der Priester verweigert das mit dem Hinweis, dass der Dom für die Allgemeinheit geschlossen sei und der Erzbischof ihn in einigen Stunden brauche. Mit diesen Worten drückt er ihm einen Geldschein in die Hand und geleitet ihn vor die Domtür. Doch im gleichen Augenblick verschwand auch Gott aus dem Dom. Keine Spur mehr vom Glanz und der Schönheit Gottes, die im Dom sichtbar gewesen war. Verzweifelt macht sich der Priester auf die Suche nach Gott.

 

So kommt er schließlich zu einer ihm bekannten Familie, die sich gerade an den Weihnachtstisch setzen will. Freudig wird der Priester begrüßt und eingeladen. Doch als er sie darum bittet, Gott mit ihm zu teilen, weil durch seine Unachtsamkeit Gott den Dom verlassen habe, möchte der Vater, um seiner Kinder willen, Gott nicht teilen – schließlich sei ja Weihnachten. Und im gleichen Augenblick schlüpft Gott aus dem Haus und der weihnachtliche Glanz, der die Menschen umgab, verlischt. Don Valentino ist verzweifelt. Gleich würde der Erzbischof den Dom betreten, den Gott verlassen hatte. So läuft und läuft er durch die Straßen, Gott scheint seltener zu werden, denn wer etwas von Gott besitzt, will es nicht teilen.

 

Schließlich sieht er in der Ferne Gott wie eine leuchtende sanfte Wolke. Er wirft sich in den Schnee und bittet Gott auf ihn zu warten. Er öffnet  das Tor einer Kirche in der er einen Priester beten sieht. Am Ende seiner Kraft bittet er ihn, dass er seinen Gott mit ihm teilen möge. Als dieser sich umdreht, erkennt er seinen Erzbischof, der ihm fröhlich zuruft: „Ein gesegnetes Weihnachten dir, Don Valentino!“ Und der Erzbischof war ganz von Gott umgeben.

 

Don Valentino ist auf seiner Suche ein anderer geworden, weil er gelernt hat, dass Gott nicht festzuhalten ist, aber dort gefunden werden kann, wo wir ihn suchen. Gott möchte in unserer Welt miteinander geteilt werden, nur so retten wir etwas vom himmlischen Jubel über Bethlehem auch für unsere Zeit und Welt. Auch in Bethlehem machten Menschen sich auf den Weg, um ein neugeborenes Kind zu suchen, ohne zu wissen, dass ihnen in ihm Gott selbst begegnen würde.

 

Liebe Gemeinde! Ich wünsche Ihnen allen ein recht fröhliches und gesegnetes Christfest! Lassen wir Gott nun auch in uns zur Welt kommen und teilen wir ihn mit der Welt, denn dann haben wir die Botschaft der Engel über den Feldern Bethlehems nicht nur gehört, sondern leben sie auch miteinander:

 

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens...
Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles,
was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Amen.

 


 

Literatur:

 

1) Jens, W., Hrsg., Es begibt sich aber zu der Zeit, Texte zur Weihnachtsgeschichte,

     Stuttgart, 19892, S. 9

 

 

Buzzati, D., Die Nacht im Dom, in: Walter Jens,Es begibt sich aber zu der Zeit, Texte zur Weihnachtsgeschichte, Stuttgart, 19892, S. 81

Siegel, H., Predigt über die Sehnsucht nach der Freundlichkeit Gottes, in:

Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt, 8.Jhrg., Heft 6, 1990, S. 37

 

 

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