17. Sonntag nach Trinitatis 2010
17. Sonntag nach Trintatis, 1. Könige 3,16-28, Vorstellung der Konfirmanden
Begrüßung:
Liebe Gemeinde! In diesem Gottesdienst möchten wir Ihnen unsere neuen KonfirmandInnen vorstellen, weshalb wir uns auch in besonderer Weise danach fragen wollen, wie steht es heute in unserer Gesellschaft um unsere Jugendlichen und welche Aufgaben ergeben sich für uns, eine Kirchengemeinde, wenn Jugendliche zum Konfirmandenunterricht kommen und darüber hinaus? Das Programm für den Konfirmandenunterricht haben wir den Jugendlichen vorgestellt, aber auch mit ihren Eltern, besprochen, es bleiben aber grundsätzliche Fragen, denen wir uns stellen sollten. Möge Gott uns allen in den unterschiedlichen Generationen unserer Gemeinde zur Seite stehen, damit wir einander gerecht werden.
Wenn wir nun durch Gottes Geist ein neues Leben haben, dann wollen wir auch aus diesem Geist unser Leben führen (Gal. 5,25).
Gebet:
Herr, guter Gott! Da sind sie nun, unsere neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden, schenke uns einen guten Anfang und einen gelingenden Weg miteinander, gegenseitige Achtsamkeit und Fürsorge. Lass uns neugierig sein auf das, was Jugendliche uns zu sagen haben und schenke es den jungen Menschen, dass sie noch offen sind für das, was wir ihnen mitgeben können, durch ihn, unseren Bruder und Herrn, Jesus Christus. Amen.
Eines Tages kamen zwei Prostituierte zum König und trugen ihm einen Rechtsstreit vor.»Mein Herr und König«, sagte die eine, »diese Frau und ich wohnen zusammen im selben Haus. Sie war dabei, als ich einen Sohn gebar. Zwei Tage danach gebar sie selbst einen Sohn. Nur wir beide waren zu dieser Zeit im Haus; sonst war niemand da. Eines Nachts wälzte sie sich im Schlaf auf ihr Kind und erdrückte es, so dass es starb. Da stand sie mitten in der Nacht auf und nahm mir mein Kind weg, während ich schlief. Dafür legte sie ihr totes Kind neben mich. Als ich am Morgen erwachte und mein Kind stillen wollte, fand ich es tot. Doch als ich es genau ansah, merkte ich, dass es gar nicht das meine war.«
»Das ist nicht wahr!«, rief die andere. »Mein Kind ist das lebende und deins das tote!« »Nein«, rief die erste, »das tote ist deins, das lebende meins!« So stritten sie sich vor dem König. Da sagte König Salomo: »Die eine behauptet: 'Mein Kind ist das lebende, deins das tote!', die andere: 'Nein, das tote ist deins, das lebende meins!'« Und er befahl seinen Leuten: »Bringt mir ein Schwert!« Sie brachten es ihm. Er befahl weiter: »Zerschneidet das lebende Kind in zwei Teile und gebt die eine Hälfte der einen, die andere Hälfte der andern!« Da rief die Frau, der das lebende Kind gehörte – denn die Mutterliebe regte sich mächtig in ihr: »Ach, mein Herr und König! Gebt es der andern, aber lasst es leben!« Die andere aber sagte: »Weder dir noch mir soll es gehören! Zerschneidet es nur!«
Darauf entschied der König: »Gebt das Kind der ersten, tötet es nicht! Sie ist die Mutter.« Überall in Israel erfuhr man von diesem Urteil des Königs und alle schauten in Ehrfurcht zu ihm auf. Sie sahen, dass Gott ihm Weisheit geschenkt hatte, so dass er gerechte Entscheidungen fällen konnte.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Gemeinde!
Es ist für eine Gemeinde immer spannend zu sehen, wer denn die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden sind, eine weitere Generation junger Menschen in der Kirche. Viele von Euch kennen ihre Kirche kaum, wenngleich Ihr ja alle am Religionsunterricht in Euren Schulen teilnehmt, und der Gottesdienst ist den meisten von Euch so unbekannt wie Australien oder eine Oper von Richard Wagner. Ihr betretet mit dem Konfirmandenunterricht also Neuland. Wozu wir Euch einladen möchten, ist, dass Ihr neugierig werdet, dass Ihr den Mut habt, Fragen zu stellen, dass Ihr Euch nun rund dreizehn Jahre nach Eurer Taufe einmal mit dem auseinandersetzt, was die Kirche zu sagen hat – und Kirche, das sind, wie Ihr es jetzt ja schon gelernt habt, immer ganz konkrete Menschen.
Wir Christen in der Kirche sind nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen auch, aber eines unterscheidet uns doch: Wir nehmen unseren Glauben ernst, wir rechnen mit Gott in unserem Leben. Das schenkt uns Maßstäbe und Orientierungen in einer oftmals maßlosen und orientierungslosen Zeit und Welt. Der nun begonnene Konfirmandenunterricht soll Euch ein wenig helfen, Euch in Glaube und Kirche zurecht zu finden, um mit dem betretenen Neuland vielleicht so etwas wie eine geistige Heimat zu finden. Und dazu laden wir Euch und mit Euch auch Eure Eltern und Familien ein. Wir anderen lassen uns mit Euch zusammen daran erinnern, was es bedeutet, dass Gott uns die Kirche geschenkt hat, um die Gemeinschaft der Glaubenden zu erfahren und an ihn selbst immer wieder neu erinnert zu werden.
Geht man als Pfarrer an einen neuen Konfirmandenjahrgang heran und mit ihm ja ein ganzes Team, so ist man gespannt, was das wohl für ein Jahrgang werden wird. Werdet Ihr uns fordern oder bleiben wir Euch gleichgültig? Lasst Ihr Euch auf uns ein oder sitzt Ihr Eure Zeit mehr oder weniger gelangweilt ab? Mitten in meine ganz persönlichen Überlegungen zu Euch ist nun eine neue Shell-Studie zur Situation Jugendlicher in Deutschland herausgekommen: „Die 16. Shell Jugendstudie 2010 stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.604 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern...“ Diese immer wiederkehrenden Untersuchungen werden mit großer Spannung erwartet, weil die Gesellschaft Auskunft darüber erhält, was Jugendliche heute denken und fühlen und was sich in den Jahren dazwischen verändert hat.
Hören wir einmal kurz in diese Untersuchung hinein, weil Ihr darin zur Sprache kommt: „.. Die heutige junge Generation in Deutschland bleibt zuversichtlich: Sie lässt sich weder durch die Wirtschaftskrise noch durch die unsicher gewordenen Berufsverläufe und Perspektiven von ihrer optimistischen Grundhaltung abbringen... Prägend für diese Generation sind insbesondere eine starke Leistungsorientierung und ein ausgeprägter Sinn für soziale Beziehungen... Mehr als die Hälfte sehen das Verhältnis zwischen Jung und Alt als eher angespannt an. Dennoch zeigen immer mehr Jugendliche Respekt vor der älteren Generation und Verständnis für deren Lebensweise...
Positiv denken ist „in“. Gegenüber 2006 hat sich der Optimismus der Jugendlichen deutlich erhöht: 59 Prozent blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen ... Weiterhin spielt Religion für die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland nur eine mäßige Rolle... Die Werte und Lebenseinstellungen von Jugendlichen sind weiterhin pragmatisch: Der persönliche Erfolg in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft ist für Jugendliche von großer Wichtigkeit. Leistung ist jedoch nicht alles: Auch wenn Fleiß und Ehrgeiz für 60 Prozent der Jugendlichen hoch im Kurs stehen, darf der Spaß nicht zu kurz kommen... Optimistisch und mit ihrer Lebenssituation zufrieden, geht es ihnen nicht nur um das persönliche Vorankommen, sondern auch darum, ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden und Bekannten zu pflegen. Viele interessieren sich dafür, was in der Gesellschaft vor sich geht...
Die Bedeutung der Familie für Jugendliche ist ein weiteres Mal angestiegen. Mehr als drei Viertel der Jugendlichen (76 Prozent) stellen für sich fest, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können... Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen haben ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Auch mit deren Erziehungsmethoden sind die meisten einverstanden... 1)
Das sind nur einige Aussagen aus einer ganzen Fülle von Material dieser Studie. Was bedeutet das für Euch, für uns? Wenn es stimmt, was hier erhoben wurde, dann können wir uns auf einen interessanten Konfirmandenjahrgang einstellen. Der Glaube spielt zwar nur eine geringere Rolle im Leben Jugendlicher, aber die positive Grundeinstellung mit der Ihr an Euer Leben herangeht, könnte Euch helfen, jetzt doch einmal offen zu sein für das, was Euch der Glaube und Eure Kirche geben können.
Eingangs haben wir einen für Euch vielleicht merkwürdigen Text aus der Bibel gehört. Der junge König Salomo muss ein Urteil zwischen zwei Frauen fällen, die sich um ein Kind streiten. Jede dieser beiden Frauen gibt vor, die Mutter zu sein, was natürlich nicht geht. Und Salomo findet ein Urteil. Er verlangt nach einem Schwert um das Kind zerteilen zu lassen. Nun – so fühlt er es – wird sich erweisen, wer die Mutter dieses Kindes ist. Und so kommt es: Die richtige Mutter verzichtet um des Lebens ihres Kindes Willen auf ihr Kind, während es der anderen egal ist, ob das Kind getötet wird oder nicht. Und die leibliche Mutter erhält ihr Kind von ihrem König zurück.
Aber, so könnt Ihr nun fragen, was hat das eine, die Shell-Studie, mit dem anderen, der biblischen Geschichte aus dem 1. Buch der Könige zu tun, eine uralte Geschichte, von der wir nicht einmal wissen, ob sie wirklich passiert ist? Nun, es geht zu allererst in beiden Fällen um unsere Kinder und das Interesse an ihnen. Weder den beiden Müttern, die dieses Kind ja zunächst beide haben wollten, noch dem König ist dieses Kind gleichgültig und so fragt ja auch die Shell-Studie nach dem, was Jugendliche heute interessiert, damit wir in der Gesellschaft wissen, wie wir angemessen mit ihnen umgehen können und sollen.
Die Frage steht im Raum: Wem gehört ein Kind, ein Mensch? Wie gehen wir mit unseren Kindern um, mit denen wir ja unser Leben teilen und welche Aufgaben stellen sich dann für uns, für alle, die in unserer Gesellschaft Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen? Da sind zunächst natürlich die Eltern und Familien selbst, dann die Schulen, die Ihr besucht und schließlich auch wir, in unseren Kirchengemeinden, in den Vereinen und Organisationen, in denen Ihr Eure Freizeit verlebt.
Es gibt ja kaum gesellschaftliche Räume, in denen es keine Kinder und Jugendlichen gibt – bis hin zur Straße auf der Ihr Euch bewegt.
Um Euch in Eurem Lebensabschnitt angemessen begegnen zu können, ist es notwendig, dass sich alle, die es mit Euch zu tun haben, wenigstens versuchen, sich ein wenig in Euch hinein zu versetzen, Interesse an Euch, Euren Meinungen und Ideen, ja, an Eurem Leben haben. Ich ärgere mich immer, wenn ich höre, dass von klugen Menschen gesagt wird: „Die Jugend ist unsere Zukunft!“, nein, die Jugend ist unsere Gegenwart, sehr nüchtern und unausweichlich. Wäre die Jugend unsere Zukunft, so könnten wir es uns einfach machen und allem ausweichen, was uns aber heute fordert. Doch Ihr seid da – und das mit all dem, was Euch ausmacht. Und daher sind wir dazu herausgefordert, nun auch für Euch da zu sein.
Als Christen wissen wir, dass wir Menschen niemandem gehören. Wir sind keines Menschen Besitz. Der Mensch gehört Gott – jeder Mensch, auch Ihr. Auch wenn wir davon reden, dass uns ein Kind geschenkt ist, so ist das immer nur in einem übertragenen Sinne gemeint. Besser wäre von einer bedeutsamen Leihgabe zu sprechen, die wir einmal zurück geben müssen, und wo wir dann danach gefragt werden, was wir mit und aus dieser Leihgabe „Mensch“ gemacht haben. So bleiben auch wir in unserer Kirchengemeinde nach Euch gefragt, wie aber auch Eure Eltern und Paten. Was schenken oder versagen wir Euch, wo können wir Euch angemessen in Eurem Leben begleiten oder wo bleiben wir Euch schuldig, was Ihr zum Leben braucht? Und was Ihr zum Leben braucht, ist ja mehr als Essen und trinken. Was wir alle brauchen, das ist Gott, der Gott, der uns Mensch sein und darum auch menschlich leben lässt, der unserem Leben einen Sinn und ein Ziel setzt.
Dieser großartige Text vom gerechten König Salomo hat den bekannten Schriftsteller Bertold Brecht zu einem Stück angeregt, das er den Kaukasischen Kreidekreis nannte. In diesem Werk geht es ebenfalls um zwei Mütter, die sich um ein Kind streiten und das Urteil eines Richters. Brecht lässt das Stück mit den Worten enden:
Ihr aber, ihr Zuhörer der Geschichte vom Kreidekreis
Nehmt zur Kenntnis die Meinung der Alten:
Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind,
also
Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen
Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird
Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt. 2)
Damit bleiben wir füreinander herausgefordert: Ihr, weil es von Euch heißt, dass Ihr Eurer Gegenwart und Zukunft optimistisch entgegengeht, und wir, weil wir Euch diese Aufmerksamkeit von Gott her schulden. Weil Ihr ihm nicht gleichgültig seid, darum dürft Ihr es uns auch nicht sein. Der junge König Salomo konnte ein solches Urteil finden, weil er Gott zuvor um ein „gehorsames Herz“ gebeten hatte, sein Volk „recht richten“ und „verstehen möge, was gut und böse ist.“ Salomo erbat sich von Gott nicht: Reichtum, Schönheit oder Macht, schon früh wusste er, was wirklich im Leben wichtig ist und Bedeutung hat. Und auf dem Weg das für Euch und Euer Leben zu erkennen, dazu wollen wir uns für eine kurze Zeit Eures Lebens an Eure Seite stellen, um für Euch da zu sein, so, wie auch Eure Eltern, Lehrer und Freunde.
Seid uns herzlich Willkommen. Amen.
Literatur:
1) Shell – Studie,
http://www.shell.de/home/content/deu/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/
2) Brecht, B., Der kaukasiche Kreidekreis, Gesammelte Werke, Stücke 5,
Frankfurt, 1967,S. 2105
Wir weisen darauf hin, dass Sie alle unsere Predigten im Internet nachlesen können. Sie finden sie unter:
http://www.evangelische-kirchengemeinde-kenzingen.de – oder:
http://www.predigten.de/ (Powersearch anklicken, Text oder Name eingeben)

