Predigt von Annegret Blum im Gottesdienst zur Vernissage der Ausstellung „Ur-Sprünge“ von Isolde Wawrin am 30.4.

Predigt am 30.4.17 von Andreas Hansen über 1.Mose 1,1-4.25-28.31; 2,1-3

Die Predigt von Annegret Blum hat auch das Titelbild der Ausstellung zum Gegenstand

Liebe ökumenische Gemeinde! – Liebe Kunstschaffende und Kunstfreunde!

„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil“, postuliert Goethes Faust. Das Gefühl des Schauderns erschüttert den Menschen, wenn ihm das Ungeheure einer übermächtigen Wirklichkeit widerfährt. Der Mensch ist empfänglich für die Dimension des ganz Anderen, das er in seinem Doppelcharakter erlebt: als das Gefahr-Umwitterte, Schrecken-Einflößende, aber ebenso als das Faszinierende und Staunen-Erregende – beides in einer eigentümlichen Kontrastharmonie. Die Sensibilität für das „Numinose“, wie es der Religionswissenschaftler Rudolf Otto genannt hat, gehört als seelisches Urelement zum Wesen des Menschen. Wir dürfen es deshalb auch bei den sogenannten Cro-Magnon-Menschen in der ausklingenden Phase der letzten Eiszeit voraussetzen, die als Jäger und SammlerInnen in kleinen Horden lebten. Wagen wir einen Zeitsprung von etwa 17000 Jahren zurück in die Vergangenheit.

Die Künstlerin Isolde Wawrin lädt uns zu diesem Unterfangen ein, nimmt sie in ihrem Werk „Ur-Sprünge“ doch Bezug auf ihre Begegnung mit der Bilderwelt von Lascaux, die sie in ihren Bann schlug. Folgen wir ihr in diese weltberühmte Höhle in Südwestfrankreich, die 1940 durch einen glücklichen Zufall entdeckt wurde, aber bereits 1963 wieder geschlossen werden musste, weil das Höhlenklima durch die Besucherströme gestört war. Inzwischen stehen für die Öffentlichkeit erfreulicherweise Repliken zur Verfügung.

Was könnte die späteiszeitlichen Menschen bewogen haben, in dieser nachtdunklen Höhlenwelt Wände und Decken mit einer fulminanten Fülle von Tierdarstellungen auszugestalten? Welche Bedeutung lässt sich für diese in künstlerischer Könnerschaft ausgeführten, lebensnahen, ja lebendig wirkenden Malereien vermuten? In ihrer wachen Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit spürten die Cro-Magnons eine ihre Wirklichkeit durchwaltende und übersteigende Macht, eine numinose Lebenskraft, von der sie sich abhängig fühlten. Solche tiefgreifenden Elementarerlebnisse dürften am Ursprung einer langen religionsgeschichtlichen Entwicklung gestanden haben.

In der Tierwelt, insbesondere in dem imposanten Großwild, war die numinose Macht für die prähistorischen Menschen in besonderer Weise präsent. Überlegenheit, Stärke und Gefahr gingen von den Tieren aus und machten sie zu gefürchteten und verehrten Wesen zugleich. Andererseits bildeten sie die wichtigste Lebensgrundlage der Wildbeutergesellschaft. Möglicherweise wollte man die durch die Tötung der Tiere verletzte Lebensmacht versöhnen und befrieden. So malten die Künstler, unter ihnen vielleicht auch Künstlerinnen, naturnahe Bilder der Tiere an die Höhlenwände, die von stupendem Beobachtungs- und Ausdrucksreichtum zeugen. Auch mithilfe von Jagdmagie und schamanistischen Vorstellungen dürfte man versucht haben, sich mit der geheimnisvollen Macht in Verbindung zu setzen. Übereinstimmung herrscht in der Forschung darüber, dass die Höhle als Kultort verstanden wurde, aufgeladen mit übernatürlicher Kraft. Diesen unterirdischen Bereich betrachtete man wohl als mütterlichen Schoß der Erde, aus dem das Leben der Tiere stets neu hervorgeht. Vielleicht deuteten die Maler selbst ihre schöpferische Tätigkeit als eine kultische Handlung. Die Annahme, dass Kunst und Kult ursprungsverwandt sind und auf einer spirituellen Anlage des Menschen beruhen, legt sich zumindest nahe.

Das visuell und emotional erregende Erlebnis des Besuchs der Bilderhöhle von Lascaux drängte die Künstlerin Isolde Wawrin dazu, ihm Ausdruck zu verleihen. Die Begegnung mit dieser ursprünglichen Kunst von ungeahnter Ausstrahlungskraft, die ebenso unvermittelt wie formvollendet auftritt, inspirierte sie zu ihrem Gemälde „Ur-Sprünge“, mit dem sie Bezug nimmt auf eine Abbildung im axialen Seitengang. Aus dem Höhlendunkel transponiert sie ihre Darstellung in das Licht des Tages. Staunend fühlt sie sich ein in diese fern-nahe, fesselnde Welt. Ihre Bewunderung gilt der frappierenden und faszinierenden Meisterschafft der späteiszeitlichen Künstler. Ihnen war die perspektivische und plastische Darstellungsweise bereits bekannt, sie beherrschten verschiedene Maltechniken und entwickelten einen typischen, expressiven Lokalstil, was Pablo Picasso nach seiner Besichtigung zu der Äußerung veranlasst haben soll: „Wir haben nichts dazugelernt!“

Auf dem Titelbild der Ausstellung setzt ein mächtiges Ur-Rind in einem gewaltigen Sprung mitten durch den Bildraum. In gegenläufiger Richtung ziehen drei anmutige, springlebendige Pferde in unterschiedlicher Gangart vorbei. Den Gegenpol statischer Ruhe bringt das urtümliche Mammut ins Bild, das die Malerin aus der Bilderhöhle von Rouffignac hereinwandern lässt. Ihm gegenüber ist die Umrisslinie eines weiteren Mammuts angedeutet: eine Reminiszenz an den beeindruckenden „Fries der Zehn“, auf dem sich jeweils fünf Tiere gegenüberstehen. Unter den Tierporträts ragt eines heraus, „das Mammut mit dem schelmischen Auge“, wie es genannt wird. Auf dieses Tier könnte die Künstlerin mit ihrem Sinn für Humor hier anspielen.

Die dem Mammut eingeschriebene Zickzacklinie findet sich als grafisches Element ebenfalls in Rouffignac, während in Lascaux andere Zeichen verwendet wurden. Diese symbolhafte Bildsprache wird als Vorläufer einer für uns rätselhaften Schrift gedeutet. Die dynamische, farbintensive Bildkomposition Isolde Wawrins lässt auf den Betrachter etwas überspringen von der Wildheit, elementaren Vitalität und Schönheit dieser kraftvollen Kreaturen. Ursprungsnah scheinen sie der Hand des Schöpfers entsprungen zu sein – hinein in einen einladenden Lebensraum, den der harmonische Farbklang des Bildgrundes evoziert.

Hören wir in Auszügen Worte des ersten Kapitels der Urgeschichte sowie den Beginn des zweiten Kapitels: Genesis 1, 1-5. 25-28. 31; 2, 1-3.

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht… Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“

Der Schöpfungshymnus, durch den wir die Bibel betreten, gleicht einem poetischen Tor. Ihn zeichnet ein feierlicher Stil mit rhythmischen Wiederholungen aus. Als monumentale Überschrift und als Zusammenfassung der Schöpfung eröffnen die Eingangsworte das folgende Geschehen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Hier ist von keinem zeitlichen Anfang die Rede; dieser Anfang ist im prinzipiellen Sinn der Begründung zu verstehen. Es handelt sich um das analogielose Schöpfertum Gottes, um das bleibende Begründungsverhältnis zwischen dem, was ist und werden kann, und seinem tragenden Lebensgrund. Gott ist beständig der Ursprung allen Seins, zu dem er in einer einzigartigen Beziehung steht. Der erste Tag gibt mit seiner richtungsweisenden Gottesrede: „Es werde Licht“ zugleich die Zielsetzung der Schöpfung an. Als Anfang wird der Schöpfung „Licht“ als Lebens- und Heilsdimension eingestiftet.

Als bestimmende Grundzüge dieses Hymnus springen uns ins Auge: die Souveränität des Schöpfers, der die Welt durch sein Wort ins Dasein ruft, die Würde des Menschen als Gottes Ebenbild und die Einheit der Schöpfung als dynamischer Lebensorganismus. Der Schöpfungshymnus gliedert das Wirken Gottes in ein Sechstagewerk. Die Vollendung des göttlichen Handelns ist der siebte Tag. Er, nicht der Mensch, ist die Krone der Schöpfung. Das Bild der Woche mit dem Ruhetag als Zeichen der Nähe Gottes wird als verlässliche Struktur dem Schöpfungswerk zugrunde gelegt.

Die Intention des Textes ist keine Theorie der Weltentstehung, sondern bildhafte Beschreibung der Welt, in welcher der Mensch sich vorfindet und in der er sich zurechtzufinden sucht. Kein naturwissenschaftliches Modell über den Anfang der Welt kommt zur Sprache; es wird vielmehr eine Glaubensantwort auf die Frage gegeben, wer im Anfang war. Das vertrauensvolle Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer findet hier seinen Ausdruck. Er ist es, der die Welt- und Daseinsgewissheit des Menschen begründet und ihm Lebenssinn und letzte Geborgenheit schenkt. Existentielle Fragen stehen auf dem Spiel, Fragen nach dem Ursprung und Sinn-Ziel des ganzen Entstehungsprozesses.

Der Schöpfungshymnus ist eine Urkunde über das Wesen der Welt als Kosmos, als geordnetes Gesamtkunstwerk sowie über das Wesen des Menschen als Ebenbild Gottes, geschaffen in der Gleichursprünglichkeit und damit Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Dabei beruht die Gottebenbildlichkeit entscheidend darin, Gott antworten, ihm ent-sprechen zu können, und aufgrund dieses Beziehungsverhältnisses die vielseitigen menschlichen Beziehungsmöglichkeiten zu entfalten. Den sechsten Schöpfungstag teilt der Mensch mit den Landtieren. Die Tiere, als die älteren Geschwister, stehen dem Menschen als Gefährten nahe, verdanken sie ihr Dasein doch demselben Schöpfer, der ihnen nach alttestamentlichem Verständnis Eigenwert, Würde und Lebensrecht verliehen hat sowie einen eigenen Gottesbezug.

Zugleich wird der Mensch mit einem Herrschaftsauftrag über die Erde und die Tiere betraut, der seit Beginn der Neuzeit in zunehmenden Maß missdeutet und missbraucht wurde. Nicht von selbstherrlicher, gewalttätiger oder gar zerstörerischer Herrschaft ist die Rede, sondern von einem Handeln des Menschen als verantwortlicher Treuhänder Gottes, der als „Liebhaber des Lebens“ alles liebt, was er geschaffen hat (vgl. Weisheit 11, 24-26).

Die Liebe zu den beseelten Mitgeschöpfen spricht auch aus den Werken von Isolde Wawrin, in denen Vertreter der Fauna gern ihr Spiel treiben. Vermutlich drückt sich darin ihre Sehnsucht nach ursprünglicher Verbundenheit mit allen Lebewesen im gemeinsamen Haus der Schöpfung aus, gerade angesichts des weitgehenden Verlusts dieses Verhältnisses in unserer Zeit. Heute ist es unsere Aufgabe, die Ehrfurcht vor der Güte der Schöpfung überzeugend zu vertreten, die Dankbarkeit für ihre Gaben mit dem Einsatz für ihren Schutz zu verbinden und die Verantwortung für die Zukunft des Lebens auf Gottes Erde wahrzunehmen. So wird sichtbar, dass das Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer unsere Beziehung zur Mitwelt wie zur Umwelt und Nachwelt bestimmt und nachhaltig prägt.

Als abschließendes Urteil über das Geschaffene in seiner Gesamtheit heißt es am sechsten Schöpfungstag: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Wir dürfen hinzufügen: Es war sehr schön, denn der hebräische Ausdruck „tow“ beinhaltet beides. Und ist es nicht gerade die überwältigende Schönheit der Schöpfung, die den Menschen in Staunen und Begeisterung versetzt und zu künstlerischem Schaffen aufruft? Die Sänger der Psalmen lassen ihre Antwort in zeitloser Frische im Lobpreis des Schöpfers erklingen:

„Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Menschen und Tieren bist du Helfer, Herr. Ja, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht schauen wir das Licht“ (Ps. 36, 6. 7b. 10). Amen.