Ostern 2017 – Predigt über Mt 28,1-10

Predigt am 16.4.17 von Andreas Hansen über Mt 28,1-10

nach der Lesung des Predigttextes singt Cosima Büsing eine Arie aus dem Osteroratorium von J.S Bach

Mt 28,1-10

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.  Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Cosima Büsing singt die Arie aus dem Osteroratorium von J. S. Bach: „Saget mir geschwinde, wo ich Jesum finde, welchen meine Seele liebt. Komm doch, komm, umfasse mich, denn mein Herz ist ohne dich ganz verwaiset und betrübt.“

mag sein
dass ich nie recht begriff
was geboren-sein heißt

 mag sein
dass ich warte
auf verlorenem posten

 mag sein
dass verrückt ist
wer noch immer rechnet mit wundern

 verrückt wie die frauen
die in der gruft eines toten
entdeckten die neue geburt

 Mag sein, dass verrückt ist, wer noch immer rechnet mit Wundern. So schreibt Kurt Marti.
Ich rechne damit, dass mein Verstehen, unser aller Verstehen, begrenzt ist. Ich rechne damit, dass sich uns Neues erschließen kann, Neuland für unser Denken, neue Dimensionen, die das bisher Verstandene in neuem Licht zeigen.
Auch wissenschaftliches Denken ist offen für das bisher Unbekannte, das unsere Sicht verändert. Mit jeder neuen Erkenntnis öffnen sich viele weitere Fragen. Auch Wissenschaftler kennen Ehrfurcht vor dem, was wir noch nicht verstehen. Ich würde nicht sagen, dass ich wundergläubig bin. Aber ich rechne damit, dass Gottes Wirklichkeit viel größer ist als unser Verstehen. Gott ist unsagbar. Und er will uns Menschen doch begegnen. Er will Gutes für seine Menschen. Er führt uns in neues Land.
Damit rechne ich. So steht es in der Bibel.
Der Evangelist Matthäus beschreibt eine Begegnung mit Gott am Ostermorgen. Die Erde bebt. Der Stein vor dem Grab wird weggewälzt. Ein Engel wie ein Blitz. Die Wachen sinken wie tot zu Boden. Es geschieht etwas, was nicht zu fassen ist.
Die Frauen sind auf dem Weg zum Grab ihres geliebten Herrn. Sie haben den Tod vor Augen. Alles ist wie erstarrt in der Trauer – man steht neben sich und funktioniert eben, irgendwie. Da berührt sie die mächtige Wirklichkeit Gottes, etwas ganz Anderes, fremd, erschreckend. „Fürchtet euch nicht!“ So beginnen die Engel fast immer. Unmögliches geschieht. Menschen können Gott nicht begegnen – sie sind überfordert, und doch sehen die Frauen. Sie erkennen Gott. Mit ihrem Herzen, mit ihrem Vertrauen erkennen sie Gott.
Ich muss nicht wissen, wie es war, als sie die Erde beben spürten und das blendende Licht sahen. Es kann sein, dass Matthäus nur umschreibt, wofür ihm eigentlich die Begriffe fehlen. Mir genügt es zu hören: Hier beginnt Gott Neues –  für die beiden Frauen und für uns alle. Von Gott her bricht eine größere Wirklichkeit auf, Neuland, das noch keiner betreten hat.
„Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ Sie starren in das leere Grab und verstehen kein Wort. Was ist geschehen? Keiner der Evangelisten erzählt, wie Jesus aus dem Grab ersteht – das bleibt verborgen. Aber alle berichten vom leeren Grab und der Botschaft der Engel.
Und dann löst sich die Erstarrung. Jetzt eilen die Frauen davon „mit Furcht und großer Freude“. Noch immer erfüllt sie Furcht. Aber die Freude ist groß, größer als die Furcht. Sie wissen noch nicht, wohin Gott sie führt. Sie betreten Neuland. Aber sie sollen Jesus sehen, er geht voraus. Schon jetzt ahnen sie, dass er lebt. Mit Furcht und großer Freude eilen sie zu den Jüngern.

Mag sein, dass ich warte auf verlorenem Posten. Seit Ostern haben wir eine neue Hoffnung. Wir gehen am Ostermorgen auf den Friedhof und singen: Christ ist erstanden. Wir werden leben. Wir hoffen für unsere Toten und für uns selbst, dass Gott unser Leben bewahrt, dass wir in Gott leben werden, auferstehen. Sind wir mit diesem Bekenntnis auf verlorenem Posten? Vertrösten wir uns mit der Hoffnung auf Christus? Mit Furcht und großer Freude eilen sie weg vom Grab. Natürlich erschüttert uns der Tod geliebter Menschen. Vor dem Sterben fürchten wir uns, vor Schmerzen, vor dem, was wir in unserem Leben falsch gemacht und nicht fertig gebracht haben, vor dem unbekannten Tod. Aber wir erleben auch Trost, Liebe, Gemeinschaft. Wir feiern den Glauben. Die Freude ist größer als die  Furcht, schon jetzt. Wir hören von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. 
Die Frauen eilen weg vom Grab und sehen Jesus. Sie dürfen ihn berühren. Sie vertrauen ihm selbst. Die Gemeinschaft mit ihm ist lebendig geblieben. In der Gemeinschaft mit dem lebendigen Christus steht die Kirche steht nicht auf verlorenem Posten. Mitten in der Welt, die von Gewalt und Unrecht und Tod gezeichnet ist, verkünden wir die Hoffnung durch Jesus Christus.

Mag sein, dass ich nie recht begriff, was geboren-sein heißt.
Für Kurt Marti ist das Geborensein, das Leben selbst wunderbar und kaum zu begreifen. Dass wir leben, scheint uns so selbstverständlich, als könnte es nicht anders sein, bis wir über den Tod erschrecken. Kostbar, wunderbar, geheimnisvoll ist das Leben, jedes Leben, die Schöpfung Gottes. An Ostern beginnt das neue Leben, neu und anders, nicht einfach Fortsetzung des alten.  Das neue Leben ist ebenso geheimnisvoll und wunderbar wie die Schöpfung. Es ist die gleiche Kraft, das gleichen Wollen, die gleiche Liebe, die uns ins Leben rief und die Jesus aus dem Grab ruft. An Ostern feiern wir die unbegreifliche Liebe Gottes. Wir feiern das Leben.
Und nach dem Fest? „Geht nach Galiläa! Dort werdet ihr ihn sehen.“ Galiläa heißt zurück in den Alltag. Galiläa ist auch dort, wo alles begann. Galiläa ist Jesu Zuhause, die Gegend am See, wo sie mit gelebt haben, wo er Menschen geheilt und von Gottes Reich erzählt hat.
„Geht nach Galiläa“ heißt für uns: Wir bleiben in unserem Alltag. Aber es heißt auch Aufbruch und Veränderung, ihm zu folgen, leben und handeln in der Hoffnung auf Gottes Reich. Wir leben unser Leben, manchmal in Furcht aber auch in österlicher Freude. 
Wir feiern das Leben, das den Tod besiegt.
Was wir sehen und verstehen, ist eingebettet in Gottes größere Wirklichkeit.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen