Hiob 2, Gottesdienst und Predigt am 26.2.23

Lied 155
Votum
Gruß
Die Passionszeit hat begonnen.
Wir denken an die schweren Wege,
die Menschen gehen müssen,
an das Leid der Welt und auch an das, was uns plagt.
Wir schauen auf Jesu Leidensweg, auf Jesus am Kreuz.
Mit vielem, was geschieht, werden wir einfach nicht fertig.
So geht es auch der Beterin, dem Beter von Psalm 77.

Psalm 77
Mit lauter Stimme rufe ich zu Gott, ja, ich schreie zu ihm!
Mit lauter Stimme rufe ich, damit er mir ein offenes Ohr schenkt.
In meiner Not suche ich den Herrn;
nachts strecke ich im Gebet meine Hände zu ihm aus
und lasse sie nicht sinken.
Doch im tiefsten Herzen finde ich keinen Trost.
Denke ich an Gott, dann seufze ich.
Grüble ich über alles nach, so verlässt mich der Mut.
Du lässt mich die ganze Nacht keinen Schlaf finden.
Ich bin so aufgewühlt, dass mir die Worte fehlen.
So denke ich nach über vergangene Zeiten,
über Jahre, die schon ewig lange zurückliegen.
Ich erinnere mich an mein Saitenspiel in der Nacht.
Tief in meinem Herzen sinne ich nach,
ich versuche eine Antwort auf meine Fragen zu finden:
Wird der Herr für immer verstoßen?
Will er uns in Zukunft keine Gnade mehr erweisen?
Ist es denn mit seiner Güte für immer und ewig vorbei?
Finden seine Zusagen keine Erfüllung mehr in künftigen Generationen?
Hat Gott denn vergessen, barmherzig und gnädig zu sein?
Hat er uns im Zorn sein Erbarmen entzogen?
Ja, das ist es, was mich so sehr quält:
dass der Höchste nicht mehr so eingreift wie früher.
Doch ich will mir die Taten des Herrn in Erinnerung rufen.
Ja, ich will an deine Wunder aus längst vergangener Zeit denken.
Ich sinne über all dein Wirken nach,
dein Handeln erfüllt meine Gedanken.
Ehr sei dem Vater

Wir denken an die Menschen, die seit einem Jahr im Krieg leben, die um Angehörige trauern, die verletzt sind an Leib und Seele, die ihr Zuhause verloren haben,
die in ständiger Angst leben, die geflohen sind,
die vor sich nur weitere Gewalt und weiteres Leid sehen.
Wir beten und stimmen ein in den Kyrieruf
178.9

Wir denken an die vielen Opfer der Erdbeben in der Türkei und in Syrien, die unfassbare Not, Schrecken, Angst und Sorgen.
Kyrie eleison
178.9

In meiner Not suche ich den Herrn;
Doch im tiefsten Herzen finde ich keinen Trost.
178.9

Denke ich an Gott, dann seufze ich.
Grüble ich über alles nach, so verlässt mich der Mut.
178.9

Ist es denn mit seiner Güte für immer und ewig vorbei? Hat Gott denn vergessen, barmherzig
und gnädig zu sein?
178.9

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Mk 9,23)
Ein Mensch bittet Jesus um Hilfe für sein krankes Kind.
Dann schreit er Jesus diesen Satz entgegen.
Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
Wie können wir glauben, Gott?

In einer schrecklichen Zeit hat Dietrich Bonhoeffer für seine Freunde und für sich ein Glaubensbekenntnis geschrieben. Beten wir das gemeinsam:

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer
nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Amen

347

Eine Hiobsbotschaft nach der anderen für Idlib im Nordwesten Syriens: nach langem Bürgerkrieg ist hier der letzte größere Rückzugsort der Opposition und ein Fluchtort für viele. Entsprechend heftig sind die Angriffe. Nun haben die Erdbeben vieles vernichtet. Assad lässt kaum Hilfe zu. Es ist zum Verzweifeln, unfassbares Leid.
Warum trifft es manche so hart?
Warum müssen unschuldige Menschen leiden?
Hiob ist so einer. Er steht für die Menschen, die ohne Schuld großes Leid trifft.
Reich, gesegnet und fromm soll er gewesen sein.
Das Hiobbuch erzählt, wie einer im himmlischen Hofstaat, Satan, eine Wette mit Gott schließt. „Hiob ist doch nicht umsonst so fromm. Es lohnt sich doch für ihn. Nimm ihm seinen Reichtum und seine Kinder, dann wird er dich verfluchen, Gott.“ Darauf lässt Gott sich ein. Das Unheil kommt. Ein Bote nach dem anderen bringt Hiob schreckliche Nachrichten. Aber Hiob bleibt bei seinem Glauben.
Unser Predigttext ist das zweite Kapitel:

Danach kamen die himmlischen Wesen wieder zusammen und traten vor den Thron des Herrn. Auch der Satan war unter ihnen und trat vor den Thron des Herrn. Da fragte der Herr den Satan: »Woher kommst du?« Der Satan antwortete dem Herrn: »Ich habe die Erde durchstreift, ich war mal hier und mal dort.« Der Herr fragte den Satan weiter: »Hast du auch meinen Knecht Hiob beob-achtet? Es gibt auf der Erde keinen Menschen wie ihn! Er ist fromm und führt ein vorbildliches Leben. Er begegnet Gott mit Ehrfurcht und hält sich von allem Bösen fern. Noch immer hält er sich frei von Schuld. Du hast mich umsonst überredet, ihn ins Unglück zu stürzen.« Doch der Satan antwortete dem Herrn: »Haut für Haut! Ein Mensch gibt alles her, wenn er nur die eigene Haut retten kann. Aber strecke doch einmal die Hand aus, greife seinen Körper und seine Gesundheit an! Dann wird er dir ins Gesicht fluchen!« Da sagte der Herr zum Satan: »Gut! Ich gebe ihn in deine Gewalt. Doch sein Leben musst du ihm lassen!«
Danach verließ der Satan den Herrn und sorgte dafür, dass Hiob krank wurde: Geschwüre brachen aus und bedeckten ihn von Kopf bis Fuß. Da nahm er eine Tonscherbe, um sich zu kratzen. Er saß auf dem Boden mitten im Dreck.
Seine Frau sagte zu ihm: »Willst du dich noch immer frei von Schuld halten? Verfluche endlich Gott, sodass du stirbst!« Da antwortete er ihr: »Dummes Gerede! Wenn wir das Gute von Gott bekommen, sollten wir da nicht auch das Böse annehmen?« Bei allem ließ Hiob sich nichts zuschulden kommen. Kein böses Wort kam ihm über die Lippen.
Drei Freunde Hiobs hörten von all dem Unglück, das ihn so schlimm getroffen hatte. Sie kamen zu ihm – jeder aus seinem Heimatort: Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach, Zofar aus Naama. Sie hatten miteinander verabredet, Hiob zu besuchen. Sie wollten ihm ihr Mitgefühl zeigen und ihn trösten. Schon von Weitem sahen sie ihn, aber sie erkannten ihn nicht wieder. Da brachen sie in lautes Wehklagen aus. Jeder von ihnen zerriss sein Gewand und streute sich Staub auf den Kopf. Dann setzten sie sich zu ihm auf die Erde. Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie da und sprachen kein einziges Wort. Denn sie sahen, wie heftig sein Schmerz war.

Warum müssen manche Menschen ohne Schuld unsäglich leiden? Warum lässt Gott das zu?
Wir müssen nicht bis Idlib gehen um Beispiele zu finden, Krankheit, Unglück und Not kennen wir zur Genüge auch in unserem Kreis. Nach Hiobsbot-schaften ist das Leben nicht mehr wie vorher. Dann fragen sich die Menschen: Warum geschieht das mir? Womit habe ich das verdient?
Wir haben keine Antwort.
Die Suche nach Schuld führt nicht weiter, auch wenn wir manches tun können, damit z.B. ein Erdbeben nicht so verheerende Folgen hat.
Mit dem Mythos von Satan habe ich Schwierig-keiten: Ich kann mir Gott nicht als Haupt eines himmlischen Hofes vorstellen. Und auch mit dem Satan, der im Auftrag Gottes Böses anzettelt, kann ich wenig anfangen.
Gott spielt nicht mit unserem Leid.
Gott schließt keine Wetten mit Satan ab.
Aber ja: es gibt das Böse.
Es gibt Unglück und Böses, das wie eine unheilvolle Macht über Menschen hereinbricht.
Und Gott lässt es geschehen.
Das verstehen wir nicht. Hat Gott denn vergessen, barmherzig und gnädig zu sein?, haben wir mit Psalm 77 gebetet.
Gott ist keine Versicherungsagentur. Gott ist kein Garant, dass uns nichts Böses treffen kann.
Und Gott ist nicht käuflich.
Wir können nicht sagen: „Ich habe so viel Gutes getan, jetzt steht es mir zu, dass du mich vor Unheil beschützt.“ Wir bekommen nicht Segen oder Unglück nach unserem Verdienst.
Ein Schlüsselwort in der Geschichte ist „umsonst“. Der Satan meinte zunächst: Meinst du, dass Hiob sich umsonst an Gott hält? „Umsonst“: ohne berechnenden Hintergedanken, dass es sich lohnen muss fromm zu sein. Der Satan kann sich nur vorstellen, dass der Mensch berechnend handelt und bei allem auf den Lohn schaut.
Aber er hat nicht Recht.
Jetzt entgegnet Gott: Du hast mich umsonst überredet, ihn ins Unglück zu stürzen. Es hat nicht funktioniert, wie der Satan meinte. Glaube ist kein Geschäft. Die Beziehung zwischen Gott und uns ist kein Handel, kein „do ut des“ – ich geb dir was, damit du mich belohnst.
Glaube ist: Vertrauen, trotz allem, was wir nicht verstehen, Vertrauen.
Hiob widerspricht seiner Frau: Wenn wir das Gute von Gott bekommen, sollten wir da nicht auch das Böse annehmen? Er weigert sich Gott zu verfluchen, sich loszusagen von Gott.
Hiob wird nicht einfach klaglos leiden, ganz und gar nicht. Er wird Gott anschreien und ihn in schonungsloser Heftigkeit anklagen.
Aber er bleibt bei Gott.
Gott bleibt für ihn sein Gegenüber.
In manchen Situationen suchen wir verzweifelt Antwort, sind erdrückt und überfordert von dem, was geschieht, fragen „warum muss das so sein?“ Hiob betet weiter, er klagt und fragt, aber er betet weiter. Er hält sich trotz allem an Gott fest.
Hiob flieht von Gott zu Gott. Von Gott, den er nicht versteht und den er bitter anklagt, zu Gott, der dennoch seine Hoffnung ist.
Hiobs Freunde beeindrucken mich. Sie brechen in Wehklagen aus. Sie zeigen alle Zeichen von Trauer und Entsetzen. Und dann schweigen sie.
Sie suchen nicht nach Erklärungen.
Sie wollen nicht vertrösten. Ihr Trost besteht darin, dass sie da sind und ertragen, wie es Hiob geht. Denn sie sahen, wie heftig sein Schmerz war.
Sie behaupten nicht zu verstehen, sie achten seinen Schmerz.
Hätten sie doch nur weiter geschwiegen!
Später, als Hiob klagt und zetert, bedrängen sie ihn doch mit fragwürdigem Trost und Erklärungen.
Auf euren ganzen Trost kann ich verzichten. (Hi 16,2), wird Hiob ihnen entgegnen.
Hiobs Lage ist trostlos. Notfallseelsorger wissen, dass man in manchen Situationen am besten nur da ist und schweigt. Auf keinen Fall dürfen wir über das Leiden schnell hinwegreden.
Hiobs Geschichte bringt die Trostlosigkeit zur Sprache, die bedrängenden Klagen und Fragen.
Aber die Geschichte von der Wette mit Satan ist für mich keine Erklärung. Wir haben keine Erklä-rung. Aber Gott spielt nicht mit unserem Leid.
Es ist Gott ernst, wenn wir leiden.
Es trifft Gott, wenn Unrecht geschieht.
Gott leidet mit uns.
Wir erfahren das durch den Leidensweg Jesu und durch das Kreuz: Auch Jesus klagt und schreit Warum hast du mich verlassen?
Mit ihm stellt Gott sich an die Seite der Opfer.
Gott ist bei denen, die leiden, und verlässt sie nicht.
Amen

382 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr

Manchmal stehen wir mit leeren Händen da.
Hilf, dass wir bleiben vor dir, Gott, auch wenn wir nur klagen können und nicht weiter wissen.
Wir erschrecken über das Leid, das Menschen trifft.
Vor dir denken wir an die,
deren Schicksal uns betroffen macht.
Wir bitten für die Menschen im Erdbebengebiet
in Syrien und in der Türkei.
Wir bitten für die Opfer von Krieg und Gewalt in der Ukraine und nicht nur dort
Wir bitten für Menschen, die von Unglück und Krankheit getroffen sind.
Hilf uns, für die da zu sein, um die wir uns sorgen,
ohne Vorwürfe, ohne falschen Trost.
Gib uns Geduld und Aufmerksamkeit für sie.
Wir wollen das Leid der Welt nicht verdrängen
und nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht.
Gib uns dafür Mut und Kraft.
Bewahre uns, wenn wir selbst der Verzweiflung nahe sind. Bewahre uns, Gott.

Vaterunser