Flagge zeigen? – Predigt über 1.Petrus 3,15

Predigt am 24.6.18 von Andreas Hansen

Haltet Christus in euren Herzen heilig.  Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.

Das ist mir heilig: Ein Ring von meiner Liebsten und die Zeit mit ihr, das Bild von Kindern und Enkelin, Freunde und auch mein Beruf – vielleicht auch ein wenig: mein Rad, meine Lieblingskünstler, Musik und Natur – ach nein, so ganz heilig vielleicht doch nicht. Was halte ich heilig? Was ist mir heilig?
Welche fünf Dinge würde ich mitnehmen auf die berühmte Insel? „Stell dir dein Leben vor ohne, ohne die Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen, die so wichtig sind!“ Was erfüllt mich so, dass ich meine: ohne das kann ich nicht leben?
Was begründet mein Leben?
Der Heidelberger Katechismus fragt: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“, und gibt die Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin …“
Was bleibt, ist Jesu Beziehung zu mir, seine Beziehung. Ich kann alles verlieren. Ich kann beraubt werden. Meine Lieben können mich verlassen. Mein Leib, meine Seele und mein Verstand können zerbrechen. Aber die Beziehung Jesu zu mir bleibt, bleibt, selbst wenn ich sterbe.  Der Grund meines Lebens liegt nicht in mir selbst, sondern außerhalb meiner selbst. Ich bin geliebt von Gott in Jesus Christus. Ich bleibe in Gottes Liebe. Das ist mein Trost in allem. Das halte ich heilig. Darum will ich Christus in meinem Herzen heilig halten.
Ich denke nicht oft daran. Oft ist mir das viel zu groß und weit weg. Andere und kleinere Dinge sind mir nah: Ärger über ein Missgeschick, eine Dummheit oder eine Unfreundlichkeit, Freude über einen Scherz, ein Lächeln oder ein gutes Mittagessen, schlechter Schlaf oder ein Wehwehchen oder schöne Musik. Meist besteht das Leben aus den vielen Kleinigkeiten.
Aber manchmal geht es drum und dann muss das Große und Heilige gesagt sein: „Haltet Christus in euren Herzen heilig!“

Petrus rät uns: Zeigt Flagge!
Wer in diesen Wochen Flagge zeigt, macht deutlich: Ich fiebere mit, wenn meine Mannschaft spielt. Sicher, es ist nur ein Spiel, aber jetzt kommt es drauf an, jetzt geht es um Sieg oder Niederlage. Viele schließen sich mit ein, identifizieren sich mit den Elf auf dem Platz: wir spielen, wir gewinnen oder wir verlieren.
Zeigt Flagge! „Seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“
Bereit sein sollen wir immer.
Aber wann heben wir unsere Flagge als Christen? Wann wird es ernst? Wann sind wir gefragt unsere Hoffnung als Christen zu zeigen?

Drei Punkte will ich nennen.
In der Begegnung mit Glaubenden aus anderen Religionen: Ich will Muslimen, Juden, Buddhisten mit Respekt begegnen. Ich will sie niemals beleidigen und ihre Freiheit achten. Ich will verstehen, was ihren Glaube ausmacht. Ich will unterscheiden zwischen denen, die Religion für ihre Zwecke benutzen und denen, die einfach von ihrem Glauben erfüllt sind. Aber dann will ich in diesem Gespräch auch sagen, warum ich an Jesus Christus glaube: Gott begegnet uns in dem Menschen Jesus. Gott leidet mit uns und für uns. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen, nicht einmal der Tod. Den nahen, liebenden, leidenden, vergebenden Gott sehen wir, glauben wir in Jesus Christus.

Flagge zeigen will ich, wenn Unrecht geschieht: 1945 schrieben die Vertreter der Kirchen über ihre Schuld: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Nur wenige Christen hatten es gewagt, den Verbrechen des Staates in Deutschland zu widersprechen. Dietrich Bonhoeffer dagegen meinte schon 1933: Kirche muss Kirche für andere sein. Wer fromm ist, muss auch politisch sein.  Er sah eine letzte mögliche Aufgabe der Kirche darin, Widerstand gegen den Staat zu leisten, wenn er ein Unrechtssystem ist, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Kirche für andere, Kirche auf der Seite der Opfer – wir weisen auf die Not hin, versuchen Leidenden beizustehen, geraten aber ganz schnell auch in die politische Diskussion über Flüchtlinge, Altersarmut, Fragen der Medizinethik und so weiter. Und in der Nachfolge Jesu können wir nur für das Leben, für die Menschen, für die Wahrheit reden und handeln.
Wenn wir Flagge zeigen für Gerechtigkeit, Freiheit  und Frieden, stehen wir neben Nichtchristen und Andersgläubigen. Sie haben das gleiche Ziel.  Wir wollen „Auskunft geben über die Hoffnung, die in uns ist“, die Hoffnung, die Jesus Christus uns schenkt. Wir glauben, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, eine Chance verdient, gegen Unrecht geschützt werden muss.

Schließlich reden wir von unserer Hoffnung als Christen, wenn andere neben uns Trost und Hoffnung nötig haben. Unsere Hoffnung ist gefragt, wenn ein Mensch neben uns mit seinen Fragen nicht weiter kommt.
Ich weiß auch nicht, warum ein lieber Mensch oder gar ein Kind unheilbar krank wird und stirbt. Ich verstehe Gott auch nicht, wenn Unglück viele Menschen trifft. Vielleicht kann ich meine Hoffnung nur ausdrücken, indem ich mit ihnen schweige oder klage: „Mein Gott, warum?“ Unrecht und Leid in der Welt bedrücken mich. Ungelöste Konflikte, Hass und Streit belasten mich. Ich werde damit nicht einfach fertig.
Und doch haben wir eine Hoffnung in Jesus Christus: Dass er das Leid der Welt und jedes Leid eines Menschen kennt und mitträgt.
Dass er auf die Schuld und Gewalt antwortet – er lässt sich selbst zum Opfer machen.
Dass auch er geschrien hat: „Mein Gott!“ und die tiefste Verzweiflung durchlitten hat.
Und dass Jesus auferstanden ist, dass Hoffnung ist, wo nach menschlichem Ermessen alles zu spät ist.

„Haltet Christus in euren Herzen heilig. Und seid jederzeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch auffordert, Auskunft über die Hoffnung zu geben, die euch erfüllt.“ Unsere Hoffnung ist gefragt. Amen