Ewigkeitssonntag, Predigt über Hebr 11+12

Predigt am 26.11.2017 von Andreas Hansen über Hebr 11,1+2.8-10;12,1+2

Viele von uns haben in den letzten Monaten vertraute, nahe Menschen im Sterben begleitet. Wir versuchen etwas für den Sterbenden zu tun und können doch nur da bleiben, nahe sein. Wie an einer Grenze in ein fremdes Land sind wir. Die Sterbenden gehen ihren eigenen Weg, fort von uns. Unsere Verstorbenen sind uns im Herzen noch nah und doch entzogen.
Der Abschied fordert uns heraus, überfordert uns.
Sind wir einander gerecht geworden? Was war? Was bleibt? Was können wir hoffen?
Auch der eigene Weg wird uns fremd. Wohin gehen wir?
In diesem Jahr ist meine Mutter gestorben. Ich erlebe diese Gefühle und Fragen, so wie ich es zu beschreiben versuche. Jeder Mensch ist in dieser Situation ganz persönlich herausgefordert.
Und doch hilft die Gemeinschaft des Glaubens. Das erlebe ich ganz stark. Wir glauben nicht allein. Andere beten und singen, hören und feiern mit uns. Viele sind uns im Glauben vorausgegangen. Viele gehen mit uns auf dem Weg. Wir sind mit ihnen verbunden. Sie helfen uns, uns an Jesus zu halten, ihn nicht loszulassen, wie wir es in der Choral-Kantate gehört haben. Glauben ist nicht so sehr ein Gefühl in meinem Herzen, sondern eine Kraft, eine Kraft, die uns gemeinsam bewegt und hoffen lässt.

Ich lese dazu Verse aus dem Hebräerbrief. Auf dem Blatt finden Sie den Text zum Mitlesen: Hebräerbrief 11,1+2.8-10; 12,1+2
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
(es werden noch viele andere Glaubenszeugen genannt)
Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Martin Buber schreibt: „Mich dünkt es etwas Ungeheures zu sein, dass einmal ein wandernder Aramäer – die biblische Tradition nennt ihn Abram – den von seiner Umwelt angenommenen Glauben verlor und den Glauben an den Einen gewann,   der kein Naturgott war.
Ein Gott, dem man vertraut, weil man von ihm angeredet worden ist. Ein Gott, der einem sagt, dass er einen führt. Aber wohin führt er einen? Nicht wohin man wollte. Er schützt, wie er schützen will. Er führt, wohin er einen schickt. Er macht einen zum Nomaden des Glaubens.“
Abraham lässt sich rufen. Er macht sich auf den Weg ohne das Ziel zu kennen. Er bleibt weiterhin bereit aufzubrechen. Er lebt im Zelt. Glauben ist die Kraft aufzubrechen, loszulassen, eine Fremde und ein Fremder zu bleiben, die Fragen und die Ungewissheit auszuhalten. Glauben ist die Kraft, sich Gott anzuvertrauen.
Wir müssen in unserem Leben immer wieder loslassen und einen neuen Schritt gehen. Umzug, Prüfung und neue Arbeit, Beginn einer Beziehung, Geburten, Trennungen, Abschiede – viele Schritte in Neuland, oft leidvoll und schwer.
Wir leben nicht in Zelten. Wir sind oft nicht bereit loszulassen. Wir klammern uns an Menschen, Habseligkeiten, Überzeugungen und Gewohnheiten. Dass es anders sein kann, dass wir anders leben könnten, können wir uns nur schwer vorstellen.
Altwerden ist zum Beispiel ein Weg, auf den die meisten sich nur mühsam einlassen. Trauer ist so ein schwerer Schritt.
Gott ruft uns: „Mach dich auf den Weg!“ Wir sind oft nicht bereit und erleben dann doch, wie Gott uns die nötige Kraft schenkt. Gerade die schwersten Strecken lehren uns viel. Wenn es gut geht, lernen wir uns Gott anzuvertrauen. 
“Nun sich das Herz zu dir erhoben und nur von dir gehalten weiß“ so haben wir am Anfang gesungen.
Wir bleiben auch als Gemeinde auf dem Weg. Gerade bereiten wir uns auf die Visitation vor.    Der Kirchengemeinderat hat sich letztes Wochenende mit dem Instrument Kirchenkompass beschäftigt – in welche Richtung gehen wir weiter? Wie antworten wir auf aktuelle Herausforderungen?
Auch unsere Politiker sehen sich gerade vor ganz neue Fragen gestellt. Auch ihnen wünschen wir Gottvertrauen, Weisheit und Kraft.

„Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Oder mit Klaus Bergers Übertragung: „Glauben besteht darin, dass ein Stück des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist.“ Das Erhoffte ist schon ein Stück wirklich. Glauben ist eine vorausweisende, bewegende Kraft. Glauben öffnet uns für die Zukunft Gottes.
Abraham wartet auf die Stadt Gottes.
Wir fragen nach dem Leben angesichts von Leid und Tod. „Ich habe Angst, das weißt du wohl, weil ich nur dieses Leben sehe und möchte doch dein Leben schauen. Ich bitte, Herr, hilf mir vertrauen.“ Gemeinsam glauben wir. Gemeinsam bekennen wir unsere Schwäche, bitten wir um Glauben und erleben wir, wie Gott uns aufhilft. Noch sehen wir nur dieses Leben, so zerbrechlich. Wir gehen durchs finstere Tal der Trauer und bitten Gott: Sei da bei uns, sein uns nah.
Noch spüren wir schmerzhaft unsere Begrenztheit, oder wie Abraham die ungewisse Fremde. Der Hebräerbrief nennt es einen Kampf, der uns bestimmt ist. Es ist ein mühsamer Weg. Wir sind noch nicht am Ziel. Aber wir gehen nicht allein. Wir haben viele Zeugen des Glaubens, eine „Wolke von Zeugen“. Wir stehen in einer langen Kette derer, die mit uns glauben. Dazu gehören Menschen wie Abraham, die getrost, getragen vom Glauben leben und sterben dürfen. Aber dazu gehören auch die, die wie Hiob durch Zweifel und tiefes Leid hindurch müssen.
„Dabei blicken wir zu Jesus auf, der den Zug aller Glaubenden durch die Geschichte hin anführt bis in den Himmel hinein.“ – so formuliert Klaus Berger. „Jesus lass ich nimmer nicht … Alles ist auf ihn gericht, meinen Jesum lass ich nicht.“ „Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“
Wir dürfen von uns wegsehen, hin zu dem, der uns den Weg bereitet, der Leid und Schuld und Tod überwindet. Wir sehen auf Jesus. Der bringt uns ans Ziel, in die Stadt Gottes, ins Leben.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen