Archiv der Kategorie: Predigten

Harte Worte, Predigt über Jeremia 23,16-29

Predigt am 18.6.17 von Andreas Hansen über Jer 23,16-29

Vor der Predigt singen wir EG 586, Es ist ein Wort ergangen

Es ist ein Wort ergangen. So haben wir gesungen. Gott spricht hinein in unsere Zeit.  „Es ist hereingebrochen im Wort die Ewigkeit.“ Gott erhebt Anspruch auf uns. Er ist der Herr. Ihm gehört die Erde. Haben Sie gelesen, wann das Lied entstanden ist: 1935 – da wollten in Deutschland ganz andere Leute Herren sein. Wer so deutlich von Gottes Wort sang, wollte sich nicht von den Reden der Führer verführen lassen. Ein gefährliches Lied. Ein Wort, das Widerspruch übt, wo kein Widerspruch geduldet wird.
Wir hören heute einen Text des Propheten Jeremia. Jeremia sagt in schlimmen Zeiten Gottes Wort. Er leidet darunter, dass er Unheil für sein Volk ankündigen muss. Jeremia macht sich mit seiner Botschaft mehr als unbeliebt. Aber er muss Gottes Wort sagen. Er wendet sich heftig gegen die falschen Propheten, die nur sagen, was die Leute hören wollen.

Jer 23,16-29

Wenn ich Jeremia höre, schrecke ich zurück, so wie die Leute damals. Sie wollen nicht hören, was er ihnen sagt. Sie verachten Jeremia, dann sperren sie ihn ein und verschleppen ihn schließlich in die Fremde. 
586 vor Christus: die Großmacht Babylon erobert und zerstört Jerusalem und den Tempel, die Oberschicht des Landes wird ins Exil nach Babylon gebracht. Bitter beklagt sich Jeremia bei Gott. Er leidet unter dem Wort, das er sagen muss.
Es gibt Zeiten, in denen Gottes Wort nicht tröstet und aufbaut, sondern brennt und ins Leid führt, weil es Wahrheit von Lüge trennt.
Ich frage mich, wie ich mich wohl 1933 bis 45 verhalten hätte. Ob ich, wenn es darauf ankommt, auf der richtigen Seite stehe? Ob ich den Mut dazu habe oder die Geistesgegenwart? Die Bekennende Kirche war damals nur eine kleine Minderheit.
Ein paar Jahre vor der Katastrophe von 586 steht Jeremia mitten in Jerusalem und trägt zum Zeichen ein hölzernes Joch auf seinem Nacken – wie ein Ochse unter das Joch gespannt wird, so werden die Babylonier Israel unterjochen.
Jeremias Gegenspieler Hananja nimmt ihm das Joch ab und zerbricht es. „Keine Angst, bald ist alles wieder gut.“ „Ich wünschte, du hättest recht“ meint Jeremia und dann wettert er los: „Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie täuschen euch, sie verkünden die Schauung ihres eigenen Herzens, nicht das, was aus dem Mund des HERRN kommt!“
Nur zu gerne hören wir auf die falschen Propheten, die uns freundliche Worte sagen und bestätigen, was wir gerne hören. „Wir erfinden neue Götter und vertrauen ihnen blind.“ (EG 617,4)
D.G. – die Abkürzung steht auf alten Münzen zwischen dem Namen des Herrschers und seinem Titel, z.B. Carl Friedrich D.G. Markgraf von Baden – D.G. heißt Deo Gratia, aus Gottes Gnade. Das bedeutet: „ich bin von Gott zum Herrscher eingesetzt, ich entscheide mit göttlicher Vollmacht.“
Die Gefahr ist groß, dass wir uns so  ein D.G. einbilden. Selbstherrlich meinen wir, wir dürfen D.G., aus Gottes Gnade tun, was wir wollen. Die Gefahr ist groß, dass wir einen Gott nach unseren Wünschen erfinden, einen lieben Gott, der uns immer nur bestätigt.
Aber wir haben Gott nicht in der Hand – das ist unsere Rettung.
Gott ist anders. Er lässt sich nicht in unsere Vorstellung vom lieben Gott einzwängen.
Manchmal erschrecken wir über Gott. „Bin ich denn ein Gott der Nähe und nicht auch ein Gott der Ferne? Kann sich einer in Verstek-ken verstecken, und ich würde ihn nicht sehen? Fülle ich nicht den Himmel und die Erde?“ Was bedeutet Nähe und Ferne? Johannes Calvin übersetzt: „Bin ich denn ein Gott aus der Nachbarschaft… und nicht ein Gott aus weiten Fernen?“ Gott ist nicht der nette Kumpel von nebenan. Gott ist der Schöpfer, der Grund allen Seins. Er erhebt Anspruch auf uns. Sein Wort begründet und zerstört. Sein Wort ist wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert. In seinem Wort bricht die Ewigkeit herein.
Liebe Gemeinde, wenn ich Jeremia höre, schrecke ich zurück. Wer kann denn bestehen vor dem ewigen Gott? Wer kann sein Wort ertragen? Jeremia selbst wollte nicht Prophet sein. Er hat darunter gelitten.
Aber Gott sei Dank hören wir: Wir haben Gott nicht in der Hand. Er hält uns – das ist unsere Rettung.
Gott sagt uns sein Wort. Es ist ein Wort ergangen. Gott sagt uns in Jesus, wie sehr er die Welt liebt. Sein Wesen ist Liebe.  (Lesung war 1.Joh 4,16-21)
Aber Jeremia spricht doch auch vom Zorn Gottes, der wie ein Sturm losbricht und die Frevler trifft.
Ist das nicht ein Widerspruch dazu, dass Gottes Wesen Liebe ist?
Wenn man jemanden liebt, ist man zornig gegen alles, was ihm schadet. Gott ist zornig über die Sünde, die Bosheit und das Elend der Menschen, weil er sie liebt. Gott ist zornig über den Terror in unserer Welt, über unsere Habgier, über die Gleichgültigkeit, mit der wir den Hunger von Millionen Menschen hinnehmen. Gott ist zornig, weil er uns liebt.
Jeremia kündigt die Katastrophe Israels an. Als dann Tempel und Staat zusammenbrechen, als alles verloren ist und kaum Aussicht auf einen Neuanfang besteht, gerade in dieser schrecklichen Zeit findet Israel zu Gott. Als ihnen alles aus der Hand geschlagen wird, entdeckt Gottes Volk das erste Gebot.
Keine Macht der Welt kann Leben schaffen und erhalten, nur Gott allein. Alles andere wird zum Götzen, sobald wir Heil und Leben davon erwarten. Alles liegt daran ihn zu hören, Gott.
In den Ereignissen jener Zeit ist Gottes Wort erschreckend. Es brennt und trennt wie ein Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert.
Aber das ist nicht sein letztes Wort. Jeremia darf auch Worte des Trostes sagen.  Er wird den ins Exil Verschleppten in einem Brief ein Ende der schlimmen Zeit ankündigen: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“
Gott sagt uns sein Wort. „Es ist ein Wort ergangen, das geht nun fort und fort, das stillt der Welt Verlangen, wie sonst kein ander Wort.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in seinem Wort Christus Jesus. Amen

Pfingsten, Predigt über Joh 16,5-15

Predigt am 4.6.17 von Andreas Hansen über Joh 16,5-15

Vor der Predigt singen wir EG 124 Nun bitten wir den Heiligen Geist

Der Heilige Geist ist der Tröster in aller Not. So haben wir gesungen. Keine Schande haben wir zu fürchten, nicht einmal den Tod.
Ein jüdisches Lied lautet: „Das ganze Leben ist wie eine sehr hohe Brücke, und die Hauptsache ist sich überhaupt nicht zu fürchten.“
Der Heilige Geist hilft uns über die Brücke. Wir sehen die Abgründe erschreckend deutlich, aber wir sind gewiss. Der Geist tröstet uns.
Liebe Gemeinde, wir sind es nicht gewöhnt vom Heiligen Geist zu reden. Geist, das klingt fremd, unberechenbar, ein wenig nach Zauberkunststück. Aber was der Geist wirkt, muss gar nicht übernatürlich oder spektakulär sein. In unserem Leben, in uns und durch uns wirkt Gott, der Heilige Geist. Er wirkt Liebe, Vertrauen, Mut, Geduld, Treue.  Wir wissen ja, dass wir lieblos, selbstsüchtig und schwach sein können. So bunt, so unfertig und widersprüchlich, wie wir sind, wirkt der Heilige Geist. Aber auch so, dass ein Mensch über sich hinauswächst und sich über die Brücke traut. Leben im Heiligen Geist heißt: Unsere Gaben, so klein sie auch sind, entfalten sich. Wir binden uns an Jesus Christus. Wir vertrauen uns ihm an, dem treuen Heiland, der uns zu Gott bringt.

Hören wir den heutigen Predigttext. Johannes schreibt von Gesprächen beim Abschied Jesu. Jesus sagt: „Jetzt gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Und keiner von euch fragt mich: ›Wohin gehst du?‹ Denn ihr seid erfüllt von tiefer Traurigkeit über das, was ich euch sage. Doch glaubt mir: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Tröster nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt zeigen, dass sie im Unrecht ist; er wird den Menschen die Augen öffnen für die Sünde, für die Gerech-tigkeit und für das Gericht. Er wird ihnen zeigen, worin ihre Sünde besteht: darin, dass sie nicht an mich glauben. Er wird ihnen zeigen, worin sich Gottes Gerechtigkeit erweist: darin, dass ich zum Vater gehe, wenn ich euch verlasse und ihr mich nicht mehr seht. Und was das Gericht betrifft, wird er ihnen zeigen, dass der Herrscher dieser Welt verurteilt ist. Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr  wärt jetzt überfordert. Doch wenn der Tröster kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden. Er wird meine Herrlichkeit offenbaren; denn was er euch verkünden wird, empfängt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Aus diesem Grund sage ich: Was er euch verkünden wird, empfängt er von mir.“

Vor zehn Tagen, an Christi Himmelfahrt haben wir gefragt: Wo ist Gott? Erreichen wir Gott? Wir hörten von König Salomo. Er baut einen Tempel für Gott und betet bei der Einweihung des Tempels. Mitten in seinem Gebet unterbricht Salomo und fragt: „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Salomo erschrickt. Gott ist so anders, so groß, dass wir niemals zu ihm passen. Salomo sieht, wie fragwürdig sein Tun ist. Kein Haus, kein Kunstwerk, kein menschlicher Gedanke erreicht die Größe Gottes. Alles, was wir beschreiben, verstehen oder tun, ist zu wenig für Gott. Wo ist Gott? Der Himmel ist ein Wort für das, was weit über unserem Verstehen reicht. Aber wir entdecken den Himmel in Ereignissen, Menschen, Worten, Zeichen und Räumen, in denen Gott bei uns sein will, ganz nah bei uns, ja in uns. Der Heilige Geist lässt uns den Himmel erkennen.

Wo ist Gott? An Pfingsten bekommen wir die Antwort: Gott ist bei uns im Heiligen Geist.
Jesus sagt seinen Jüngern, dass er weggehen wird. Die gemeinsame Zeit ist vorbei, und die Jünger ahnen, dass sie nicht mitgehen können und zurückbleiben. Traurig sind sie und vermutlich auch ratlos. Was will er uns sagen? Was hat das alles zu bedeuten? Warum soll es gut für uns sein, dass er weggeht? Und womit versucht er uns hier zu trösten? Große Worte fallen in traurige Menschenherzen: „der Tröster“, „Sünde“, „Gerechtigkeit“ und „Gericht“, „Der Geist der Wahrheit“.
Jesus verspricht: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Der Geist macht uns gewiss: Jesus lebt. Er ist eins mit Gott. Jesus sagt seinen Jüngern:  Ich lasse euch nicht allein. Ich schicke euch den Tröster. Wir bleiben verbunden mit Jesus.
Der Geist der Wahrheit wird kommen und wird uns in alle Wahrheit leiten. Er wird den leeren Raum füllen, den wir schmerzlich empfinden: wenn ein Mensch gegangen ist, den wir liebten, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, wenn wir Abschied nehmen.
Der Geist der Wahrheit: Wahrheit hat in der Bibel damit zu tun, dass ich mich auf etwas verlassen kann, dass ich vertrauen kann, dass ich mich binde – an Christus und sein Wort. Wahrheit ist nicht etwas Absolutes. Wahrheit ist nicht ein richtiger Satz, sondern vielmehr eine verlässliche Beziehung. Wahrheit ist Glaube und Treue, Freiheit und Bindung. Der Heilige Geist verbindet uns miteinander und mit Gott.
Aber der Geist zeigt uns auch die Abgründe in die wir stürzen können, die Sünde.
Sünde ist Trennung von Gott und unseren Mitmenschen, Widerspruch gegen Gott. Sünde verletzt und zerstört Leben, in Terror und Gewalt, wenn wir rücksichtlos über andere hinweg gehen und ihnen wehtun, wenn wir gleichgültig sind gegenüber dem Leid anderer.
„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei.“ Frau Merkels Satz hat viele beschäftigt. Es ist erschütternd, wenn der, dem ich lange vertraut habe, nicht mehr verlässlich ist. In der großen Politik ist Vertrauen so notwendig, wie in unseren persönlichen Beziehungen. Wir finden wieder zusammen oder wir entfernen uns immer weiter voneinander, bis jeder ganz eigene Wege geht.
Bitten wir Gott um den Heiligen Geist, den Tröster, den Geist der Wahrheit, damit wir die Risse und Abgründe erkennen, damit wir uns verabschieden von dem, was nicht mehr trägt, damit wir auch verbinden und Schritte zu Frieden und Gemeinschaft wagen.
„Das ganze Leben ist eine sehr hohe Brücke, und die Hauptsache ist sich überhaupt nicht zu fürchten.“
Bitten wir auch um den Geist, damit wir uns nicht lähmen lassen von dem, was ausweglos scheint, damit wir weiter sehen als der enge Blick der Furcht.
Der Heilige Geist richtet unseren Blick auf Jesus. Auf ihn schauen wir. Gott ist da in der Liebe Jesu Christi. Gott ist bei uns und nichts kann uns von seiner Liebe trennen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Gepflanzt im Haus Gottes – Predigt zur Konfirmation über Psalm 92,13+14

Predigt am 28.5.17 von Andreas Hansen über Ps 92,13+14

Liebe Konfis,

ihr seid so unterschiedlich, wie ihr eure Puzzleteile bemalt habt. Jede und jeder von euch ist unverwechselbar und besonders. Jeder hat seine und ihre Geschichte, seine und ihre Begabungen.
Wir freuen uns über euch!
Und wir wünschen euch von Herzen alles Gute!

Ihr seid aber auch wie in einem Puzzle Teile eines Ganzen. Ein Gesamtbild entsteht und da ist jede und jeder wichtig. Wenn ihr ein Puzzle macht, und am Ende fehlen Teile, seid ihr frustriert. Jedes Teil, jeder ist an seinem Platz unverzichtbar.
Zusammen seid ihr toll! Ihr seid eine tolle Gruppe. Und ihr seid in unserer Gemeinde zu so einer Gruppe geworden. Es gehören andere Puzzleteile dazu: Frau Schmidlin, Alina Boecker, Jakoba Marten-Büsing, Marianne Wehrle, die Kirchengemeinderäte und die ganze Gemeinde.

In Wirklichkeit passen wir nicht so glatt zusammen wie diese Puzzleteile, die ja alle gleich geschnitten sind. Wir haben Ecken und Kanten, mal schlechte Laune, mal Mühe mit den Eigenarten des Anderen. Und trotzdem können wir eins sein. Ihr konntet das in diesem Jahr erleben. Wir haben uns oft über euch gefreut, wie ihr als Gruppe zusammen wart.

Ihr seid ganz am Anfang mit mir zum Vogtskreuz geradelt und gelaufen und wir haben dort gespielt. Ihr habt Blumentöpfe aus Ton geformt und sie, als sie gebrannt waren, mit Sempervivum, Dachwurz, bepflanzt. Zusammen haben wir den Gottesdienst am Buß-und Bettag gestaltet und gefragt: Was ist der Mensch? Ein Praktikum habt ihr gemacht und in der Konfi-Band gespielt. Viele Gottesdienste habt ihr erlebt und euch mit den Kirchengemeinderäten getroffen. Die Freizeit mit euch auf dem Leisenhof im Schnee war super, euer Gottesdienst über den Himmel und Martin Luther ebenfalls. Mit Alina habt ihr den Konfi-Treff begonnen und mit Frau Schmidlin für das Bibel-Garten-Projekt geschuftet.
So habt ihr viel von unserer Gemeinde erlebt. Der rote Faden in eurem Konfirmandenjahr könnte in den beiden Versen aus dem Psalm beschrieben sein:
Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.
Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen.
Ihr seid Gerechte.
Ihr seid gepflanzt im Haus Gottes.
Ihr werdet grünen und wachsen wie stolze Bäume.

Ihr seid Gerechte. Wir sind Gerechte. Wie bitte? Ich und gerecht? Ich weiß doch genau, dass ich manchmal ungerecht bin. Ich nehme mir das beste Stück am liebsten selbst. Ich werde anderen längst nicht immer gerecht.
Und ihr? Getraut sich einer zu sagen: „Ich mache immer alles gut und gerecht. Ich bin eine Gerechte, ein Gerechter“? Wer ist denn im Psalm gemeint? Wer ist ein Gerechter?
Gerecht ist in der Bibel einer, der zur Gemeinschaft fähig ist. Zur Gemeinschaft unter uns Menschen und vor allem auch zur Gemeinschaft mit Gott. Gerechte sind kompatibel, anschlussfähig, passend für Gott und füreinander.
Martin Luthers große Erkenntnis war: Gott macht uns kompatibel. Gott schafft durch Jesus eine Verbindung zu uns. Gott will Gemeinschaft mit uns. Gott will uns bei sich. Darum befähigt er uns zur Gemeinschaft. Er schenkt uns seine Gerechtigkeit. Wir sollen ihm vertrauen, glauben – das genügt.
Vor seiner Erkenntnis hatte Luther Angst vor Gott. Er dachte immer: Ich bin nicht gut genug.
Liebe Konfis, wir sind gut genug für Gott, weil er uns liebt, weil wir seine geliebten Kinder sind. Gott macht uns gerecht, kompatibel, frei. Er will Gemeinschaft mit uns – so sind wir Gerechte.

 Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.
Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen.
Zu einem schönen Haus gehört ein Garten, geschützt durch eine Mauer. Im Vorhof plätschert ein Brunnen. Der Duft von Blüten. Unter Bäumen sitzt man im Schatten. Herrlich! Wie schön ist erst das Haus Gottes! Wer dort aufwachsen kann, hat Glück gehabt.
Ihr seid gepflanzt im Haus Gottes.
Das Haus Gottes ist mehr als unsere Kirche, aber es ist auch unsere Kirche. Das Haus Gottes ist ein Ort, an dem wir spüren, dass Gott gut ist und Gutes für uns will. Hier feiern wir Gott und spüren seine Nähe. Das Haus Gottes ist ein Ort der Kraft, geheimnisvoll und schön, wie der Garten mit seinem Brunnen und dem Duft.
Schaut einmal nach oben! Unsere „Himmelswiese“. Eine Vielzahl schöner Pflanzen hat der Künstler gemalt, Heilkräuter und Phantasiepflanzen. Es ist schön bei Gott. Das wollte er sagen.
Wir wollten euch in diesem Jahr zeigen, dass wir das Haus Gottes lieben, also jeden Ort, an dem wir Kirche und Gemeinde Gottes erleben.
Ihr seid gepflanzt im Haus Gottes. Ihr gehört zu Jesus Christus und zu Gott. Durch eure Taufe habt ihr schon längst tiefe Wurzeln. Sammelt das Leben, wie die Wurzel Wasser und Nähstoffe aus dem Boden holt, wie die Blätter vom Licht leben! Bei eurem Bibel-Garten-Projekt lernt ihr etwas über den Boden und die Pflanzen. In Israel gibt es karge Wüstenlandschaften, wo die Pflanzen sich kaum behaupten können.
Manchmal geht es uns wie in einer Wüste: wenn wir traurig sind, wenn wir mit Misserfolgen und Konflikten fertig werden müssen.  Oft möchte man auch einfach so im Garten sein,  zu sich kommen, auftanken. Kommt in das schöne Haus mit seinem Garten und dem Brunnen! Da dürft ihr immer sein. Ihr seid gepflanzt im Haus Gottes.

Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. Stolze Bäume werdet ihr sein, wie eine Palme oder eine Zeder. Anders gesagt: aufrechte, starke, gute Frauen und Männer werdet ihr sein.
Als Jugendlicher fragt man sich: Was wird aus mir? Da ist noch so viel unklar. Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Man sieht immer die anderen, die so cool sind, und fragt sich: Schaffe ich das auch, dass andere mich cool finden und dass ich mit mir selbst zufrieden bin?
Glaubt mir: Etwas Gutes wird aus euch. Ihr wisst, wie verletzlich wir sind, wie sehr uns manches zusetzt, wenn andere uns ablehnen oder wenn wir keinen Erfolg haben. Trotzdem, gerade in den schwierigen Erfahrungen wachsen wir. Wir erkennen, wer zu uns hält. Wir erfahren: Da sind meine Wurzeln, zum Beispiel in meiner Familie, in meinem Glauben, auch in der Gemeinde. Wir bekommen Kraft, damit wir für andere da sind, damit wir ehrlich sind und andere sich auf uns verlassen können.
Gott hat Gutes mit euch vor. Wie ein Palmbaum, wie eine Zeder sollt ihr an eurem Platz stehen zur Freude Gottes und der Menschen.

Ihr seid gerecht, weil Gott Ja zu euch sagt.
Ihr seid gepflanzt im Haus Gottes.
Ihr werdet grünen und wachsen wie stolze Bäume.
Amen

Predigt über Joh 15,5+8 im Abendmahlsgottesdienst zur Konfirmation

Predigt am 27.5.17 von Andreas Hansen über Joh 15,5+8

Abendmahlsgottesdienst zur Konfirmation

„Lead me, Lord!“, „Leite mich, Gott!“ – ich will einen guten Weg gehen, einen Weg, der mir entspricht, einen Weg zu einem glücklichen Leben.
Als ich 14 war, hatte ich das Gefühl: Ab jetzt  entscheide ich immer mehr selbst. Und es stimmt  ja. Mit 14 seid ihr religionsmündig. Ihr dürft Paten werden und in unserer Kirche auch schon wählen. Früher haben die meisten in eurem Alter eine Lehre begonnen, mussten sich also entscheiden. Mit 14 seid ihr auch strafmündig und müsst verantworten, was ihr macht.
„Lead me, Lord! – ich will gut entscheiden, gut leben, aber schaffe ich das? Wie kann ich richtig und möglichst auch glücklich leben?“
Erwachsenwerden ist ganz schön anstrengend. Ihr seht ja: viele Erwachsene kämpfen noch immer damit, ihren Weg zu finden: „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist richtig?“

Jesus redet mit seinen Jüngern vor seinem Tod. Sie müssen ebenfalls auf eine Weise erwachsen werden. Jesus sagt zu ihnen:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Joh 15,5+8
In Israel wächst viel Wein, ähnlich wie bei uns.    Auf dem Weg nach Jerusalem kommen Jesus    und seine Jünger an vielen Weinbergen vorbei.   Sie sehen die jungen Reben im Frühjahr. Sie wachsen so schnell, dass man fast meint, man könnte zusehen, wie die Blätter größer werden.
Petrus und Johannes und die anderen laufen ein paar Wochen später wieder durch die Weinberge. Jetzt ist alles grün und an den Reben sieht man schon die Früchte wachsen. Aber Jesus ist nicht mehr bei ihnen. Sie müssen ohne ihn weitergehen.
„Weißt du noch, was er gesagt hat? Vom Weinstock und den Reben?“
„Ja, er sagte, ohne mich könnt ihr nichts tun, so wie die Reben ohne den Weinstock vertrocknen.“
„Das ist es ja; aber er ist nicht mehr hier.“
„Doch, ich spüre, dass er bei mir ist. Ich weiß dass er lebt und mir Kraft gibt.“
So reden sie. Der eine fragt und zweifelt. Der andere erlebt, wie nahe Jesus ihm ist. Genauso glauben wir unterschiedlich. Auch tief gläubige Menschen kennen Zeiten, in denen sie sich von Gott allein gelassen fühlen und zweifeln. Wir sehen Jesus nicht, aber er hat uns versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage.“

Wir bleiben Konfirmanden. Vor drei Wochen feierten die, die vor 50 und 60 Jahren konfirmiert wurden, ihr Jubiläum. Ich sagte zu ihnen: Wir bleiben Konfirmanden und müssen immer wieder  in unserem Glauben gestärkt werden. Manchmal denken wir: „Mein Glaube ist  zu schwach. Ich spüre nichts von Jesus.“ So ging es auch schon den Jüngern und den ersten Christen. Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Jesus gibt uns Kraft, wie der Weinstock seinen Reben. Er will, dass wir leben und wachsen. Bevor wir uns entscheiden können, hat er sich schon für uns entschieden.
Bei meiner Konfirmation dachte ich: „Eigentlich kann ich mich noch gar nicht konfirmieren lassen. Ich glaube noch gar nicht genug.“ Wenn es euch ähnlich geht, will ich euch beruhigen: Ihr dürft Gott immer bitten: „Hilf mir zu glauben!“ Und lasst euch sagen, dass Gott uns mit seinem Ja zuvorkommt. Wir sind nicht der Weinstock, sondern die Reben. Wir leben und wachsen aber von ihm her. Unser Glaube ist niemals fertig, aber seine Treue genügt.

Jesus redet von der Frucht. Wir sollen Frucht bringen. An unseren Früchten soll sogar erkannt werden, dass wir zu Jesus gehören.
„Oje, schaffe ich das? Das klingt anspruchsvoll und anstrengend. Will ich das überhaupt?“
Was kann es für euch heißen kann, Frucht zu bringen: Als Jugendlicher wollte ich cool sein, also so, dass die anderen mich cool gefunden hätten. Und stark und gerecht wollte ich sein. Damit bin ich wieder bei den Fragen des Erwach-senwerdens: „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist richtig?“ Eine Frucht ist es, wenn ich ein wenig weiterkomme mit diesen Fragen. Das geschieht, wenn ich anderen gerecht werde und auch mir selbst gerecht werde. Eine Frucht ist es, wenn andere mir vertrauen können, wenn ich für die Menschen da bin, die ich lieb habe, wenn wir zusammen etwas schaffen. In diesem Sinn seid ihr eine sehr fruchtbare Konfi-Gruppe.
Jesus sagt seinen Jüngern: Ihr werdet Frucht bringen mit meiner Hilfe. Das dürfen wir uns für uns hören. „Hab keine Angst, was aus dir wird. Hab keine Angst, wenn dir jetzt noch zu wenig erscheint, was du kannst und bist. Gott, unser Schöpfer, sieht, was in dir steckt, was wachsen und Frucht bringen wird. Er hat ein Ziel für dich, einen Sinn für dein Leben. Gott sieht dich liebevoll an.
Erinnert euch an unsere Freizeit und an Martin Luther. Der plagte sich mit der Frage: „Bin ich gut genug für Gott? Bin ich gerecht genug, dass ich in den Himmel komme?“ Ganz oft handeln wir ja egoistisch, rücksichtslos, manchmal auch boshaft. Wir werden einander nicht gerecht. Aber dann fiel eine große Last von Luther, als er erkannte: Gott macht mich gerecht. Er schenkt mir Gemeinschaft. Gott hat mich lieb, auch wenn ich nicht so gut bin. Enorm befreiend war das für Luther. Gott hat sich schon für uns entschieden. Darum ist Jesus Christus zu uns gekommen. Es ist alles gut. Aber Luther hat sich nicht auf die faule Haut gelegt und gesagt: Alles ok, ich muss nichts machen. Im Gegenteil, jetzt hat er umso lieber und engagierter seine Arbeit getan.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.
Mein wichtigstes Ziel für euch in diesem Jahr war es, dass ihr erkennt: Der Glaube an Jesus Christus bedeutet Freiheit. Wir sind befreit von der Sorge, dass die anderen uns cool finden. Wir sind befreit von der Angst nicht gut genug zu sein. Wir können vor Gott bestehen, weil er selbst uns annimmt. Wir können vielleicht  sogar vor uns selbst bestehen. Und weil wir keine Angst um uns haben müssen, darum können wir uns einsetzen. Jesus schenkt uns Freiheit und hilft uns, dass wir wachsen und Frucht bringen, dass wir unsere Talente und Stärken entfalten und einbringen in unserer Welt. Amen

Wo ist Gott? Predigt zum Himmelfahrtstag über 1.Könige 8,22-24+26-30

Predigt am 25.5.17 von Andreas Hansen über 1.Kö 8,22-24+26-30

“Christi Himmelfahrt“ – heißt das, Jesus ist wie mit einem Aufzug nach oben verschwunden, in den Himmel gebeamt wie in der Serie Raumschiff Enterprise? Bestimmt nicht. Wo ist das überhaupt, der Himmel?
Den Himmel erreichen wir mit unseren Vorstellungen niemals. Der Himmel ist wie Gott. Ja, eigentlich ist der Himmel zu groß für unser Denken, und doch reden wir davon. Wir beten zum Beispiel „Vater unser im Himmel“. Wir bekennen „am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes“. Wir antworten einem Kind auf die Frage nach einem Verstorbenen „ er ist jetzt im Himmel“.
Der Himmel ist bei Gott. Nur weil unser Denken zu klein ist, stellen wir uns einen Ort vor. 
Der Himmel kann auch bei uns sein, in unserem Herzen, so wie Jesus bei und in uns ist.
Jesus ist im Himmel. Jesus ist seinen Jüngern entzogen und ist doch da, erfahrbar nahe.
Sie feiern sein Leben am Tag der Auferstehung und im Abendmahl. Sie beten zu ihm und verstehen sein Wort.
Jesus ist im Himmel. Der „Himmel“ hat ein Gesicht bekommen. Gott hat uns in Jesus den Himmel gezeigt. Wir beten zu dem Vater im Himmel, der in dem Mann aus Nazareth unter uns war.
Ich mag dieses Fest, Christi Himmelfahrt. Schade, dass es so wenig wahrgenommen wird. Wir feiern, dass Gott uns in Jesus nahe ist. Wir dürfen ein ganz klein wenig vom Himmel sehen. Das ist geheimnisvoll und schön. Christi Himmelfahrt heißt: Der Himmel ist offen für uns. Gott ist da für uns. Wie schön!

Schon immer haben Menschen gefragt: Wo ist Gott? Wie und wo können wir zu ihm beten? Wie erreichen wir Gott? Auch in früheren Zeiten waren die Menschen ja nicht einfältig. Schon immer haben sie ihre eigene Vorstellung von Gott kritisch gesehen.
Hören wir den heutigen Predigttext aus dem 1.Buch der Könige. Der große König Salomo hat ein Haus für Gott gebaut, den Tempel. Jetzt betet er am Tag der Einweihung.   1.Könige 8,22-24.26-30

Und vor der ganzen Gemeinde Israels trat Salomo an den Altar des HERRN, breitete seine Hände zum Himmel aus und sprach: HERR, Gott Israels! Kein Gott ist dir gleich, nicht oben im Himmel und nicht unten auf der Erde. Den Bund und die Treue bewahrst du deinen Dienern, die mit ganzem Herzen vor dir gehen, der du deinem Diener David, meinem Vater, gehalten hast, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es zugesagt, und durch deine Hand hast du es erfüllt, wie am heutigen Tag. Und nun, Gott Israels, lass doch dein Wort wahr werden, das du zu deinem Diener David, meinem Vater, gesprochen hast. 
Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe! Wende dich dem Gebet deines Dieners zu und seinem Flehen, HERR, mein Gott, und erhöre das Flehen und das Gebet, das dein Diener heute vor dir betet, damit in der Nacht und bei Tag deine Augen offen sind über diesem Haus, über der Stätte, von der du gesagt hast: Dort soll mein Name sein. Und erhöre das Gebet, mit dem dein Diener zu dieser Stätte hin betet. Und erhöre das Flehen deines Dieners und deines Volkes Israel, mit dem sie zu dieser Stätte hin beten; erhöre es an der Stätte, wo du wohnst, im Himmel, erhöre es und vergib.

Mitten in seinem Gebet stellt Salomo die Frage: Wo ist Gott? „Aber sollte Gott wirklich auf der Erde wohnen? Sieh, der Himmel, der höchste Himmel kann dich nicht fassen, wie viel weniger dann dieses Haus, das ich gebaut habe!“ Salomo erschrickt. Er sieht plötzlich, wie fragwürdig sein eigenes Tun ist. Er ahnt: Jeder menschliche Versuch Gott zu entsprechen ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Kein Haus, kein Kunstwerk, kein menschlicher Gedanke erreicht die Größe Gottes. Alles, was wir beschreiben, verstehen oder tun, ist zu klein für Gott. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen oder im Tempel Salomos oder an einem anderen von Menschen gestalteten Ort? Ehrfürchtig stellt Salomo die Frage.
Der große König erkennt, dass er ganz klein ist.

Wo ist Gott? Im Himmel, weit über unserem Verstehen, und doch in den Ereignissen, Menschen, Worten, Zeichen und Räumen, in denen er bei uns sein will, und doch ganz nah bei uns, ja in uns.
„Aber die größte ist die Liebe.“ – liebevolle Menschen sind dem liebevollen Gott nah. Im Gottesdienst oder mitten in unserem Alltag mag es ein ehrfürchtiges Erstaunen geben:   „Vor dir Gott, darf ich sein, obwohl du so groß bist. Du, Gott bist bei mir, so, wie ich bin.“
Wo ist Gott? Die Frage bedrängt uns, wenn Schreckliches geschieht, wie in Manchester.
Salomo beginnt sein Gebet mit Lob und Dank: „Niemand gleicht dir, Gott. Du bist treu. Du hast erfüllt, was du David versprochen hast.“ Dann unterbricht Salomo sich selbst und denkt nach über Gott, fragt sich, zweifelt wohl auch, ob er Gott je erreichen kann.
Jeder Glaube zu allen Zeiten kennt diese Zweifel: Kann ich Gott erreichen? Mache ich mir etwas vor? Ist Gott nicht jenseits von allem, was ich denke und verstehe? Hört Gott mein Gebet? Ist Gott überhaupt da? Einen Moment lang sieht Salomo die Fragwürdigkeit seines Tuns. Aber er spricht wieder:  „Wende dich aber zum Gebet deines Knechts…“ Er wendet seine Frage in eine Bitte an Gott. Nur Gott selbst, nur sein Heiliger Geist kann unserem Beten und Glauben und Verstehen aufhelfen. Salomo betet um Gottes Nähe: „Sei doch hier in diesem Haus. Hör uns doch, wenn wir hier beten. Schenk uns deine Gnade, dass dies ein Haus für dich wird.“

Was hier nur eine kurze Unterbrechung ist, das ist in unserem Leben eine dauernde Spannung. Wo ist Gott? Er fehlt uns und wir verstehen ihn nicht. Wir wenden zuweilen die Frage gegen ihn. Wo ist Gott in allem Bösen, das Menschen anrichten, in allem Leid, das sie trifft, in unverschuldetem Unglück und in tiefer Schuld? Wir wenden die Frage gegen ihn, als müsste er sich doch in unser Verstehen pressen lassen oder sich gar vor uns rechtfertigen. Auf einmal erscheinen uns alle heiligen Räume und Worte ganz leer. Wie schrecklich, wenn Gott nicht da ist! Düster und bedrohlich ist der abwesende Gott. In seiner kurzen Unterbrechung deutet Salomo an, wie sehr uns Gott fehlen kann, wie sehr wir auf ihn angewiesen sind. Dann bittet er ehrfürchtig: „Wende dich mir zu! Wende dich zu meinem Gebet.“

Gott, Du bist hier.
Wir dürfen Dich erreichen, geheimnisvoller, großer Gott.
Du öffnest Dich für uns.
Du zeigst Dich uns in Jesus Christus.
Du schenkst uns Deine Gemeinschaft. Der Himmel ist offen.
Manchmal fragen wir verzweifelt, wenn wir die Welt und uns selbst und dich nicht verstehen.
Gib uns Deinen Heiligen Geist!
Schenk uns Orte und Zeiten, zu Dir zu kommen, Dich zu erreichen! Sei uns nah!
Wir preisen Dich.
Amen

Predigt über Epheser 4,1-6 – ökumenischer Gottesdienst

Predigt am 20.5.17 von Andreas Hansen über Eph 4,1-6

Ökumenischer Gottesdienst mit einem Workshopchor unter der Leitung von Gregor Linßen

Als Gefangener im Herrn bitte ich euch nun: Führt euer Leben, wie es der Berufung, die an euch ergangen ist, angemessen ist, in aller Demut und Sanftmut und in Geduld. Ertragt einander in Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
Ein Leib und ein Geist ist es doch, weil ihr ja auch berufen wurdet zu einer Hoffnung, der Hoffnung, die ihr eurer Berufung verdankt: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Paulus schreibt von einer starken Gemeinschaft.
Die Gemeinschaft ist lebenswichtig.
Die Gemeinschaft ist bedroht.
Wir sind weltweit verbunden, eine Welt. Was in Syrien geschieht, hat Folgen für uns. Die Entwicklung in der Türkei betrifft uns direkt. Der Hunger in Afrika kann uns so wenig kalt lassen, wie die Spannungen in Korea. Es ist lebenswichtig, dass wir uns als Gemeinschaft begreifen. Und doch ziehen wir den Kreis oft viel zu eng. Jeder sieht nur auf seine Interessen und setzt sie durch. Viele Risse gehen durch unsere Welt. Die Gemeinschaft ist bedroht.

Ich sehe die Leute mit dem Smartphone am Ohr. Sie laufen durch die Straßen und führen ihre Gespräche. Manchmal nervt mich das. Aber es ist ja gut, dass sie ihr Smartphone haben. Wichtige Gespräche wären sonst nicht möglich. Zum Beispiel „unsere“ Flüchtlinge warten dringend auf Nachrichten von daheim. Ihr Kontakt zu Familie und Freunden ist eine Lebensader. Sie bleiben verbunden, komme, was da wolle.
Ich sehe die Leute mit den Smartphones zum Beispiel am Bahnhof. Fast jeder schaut auf sein Display oder hat ein Gerät am Ohr. Jede und jeder ist für sich, isoliert, manchmal gefährlich abgelenkt.
Das Smartphone ist ein Symbol für beides: Eine Gemeinschaft, die trotz weiter Entfernung funktioniert, ein Gespräch, das nicht abbricht. Andrerseits auch Vereinzelung, gestörte Kommunikation und in Windeseile verbreitete Lügen.

Gemeinschaft ist ein faszinierendes Erlebnis. Ob man als Gruppe miteinander eine schöne Wandertour erlebt oder im Sportverein an einem Turnier teilnimmt. Ob man in Taizé gemeinsam mit Jugendlichen aus vielen Ländern Ostern feiert  oder sich in einem Konzert von der Begeisterung anstecken lässt.
Paulus singt ein Lied aus den ersten Anfängen. Bestimmt hat es die Christen in Ephesus tief berührt und vielleicht konnten sie mitsingen:
„Ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der ist über allen und durch alle und in allen.“
Wie die Europahymne, wie ein Stadiongesang nach dem Sieg klingt die Freude über die Gemeinschaft der Christen. Mitten in der Welt, die so zerrissen ist, feiern wir den Glauben an den Gott Jesu Christi.
Er wird alle und alles zusammenführen.
Er ist der Vater aller.

Unsere Gemeinschaft im Glauben ist so wichtig. Wir brauchen gemeinsame Erlebnisse wie diesen Gottesdienst, damit wir spüren: Wir haben die gleiche Hoffnung, denselben Gott. Die Gemeinschaft des Glaubens gibt uns Kraft. Es macht einfach Mut, das zu erleben.
Glauben ist sicher zutiefst individuell, im Herzen jeder und jedes einzelnen verborgen. Aber Glaube braucht zugleich die anderen, die mit mir glauben, singen, feiern. So stärken wir uns gegenseitig. Gemeinsam können wir viel mehr bewegen. Das Gespräch darf niemals abreißen. Wie die Leute mit dem Smartphone am Ohr brauchen wir einen heißen Draht zueinander.
Liebe katholischen und evangelischen Christen in Kenzingen, wir sind herzlich miteinander verbunden. Zum Glück bilden viele Ehen, Familien und Kreise Brücken zwischen uns. Viele nehmen hier und da an Veranstaltungen teil. Und doch denkt und handelt jede Gemeinde in eigenen Bahnen und Mustern. Wir haben einander noch nicht selbstverständlich mit im Blick.

Paulus singt eine Hymne über das, was uns verbindet. Zugleich ermahnt er, denn natürlich menschelt es in der Gemeinde in Ephesus wie überall: „Ertragt einander in Liebe!“ Wir werden einander manchmal eine Last, die es zu ertragen gilt. Spannungen, verschiedene Meinungen, Konflikte gibt es überall. „Jeder denkt hier nur an sich, nur nicht ich, ich denk an mich.“
Paulus will die Gemeinschaft stärken, die Einheit des Geistes, wie er sagt. Dazu knüpft er ein Band des Friedens. Er knüpft mit drei Fäden. Sie heißen Demut, Sanftmut und Geduld.
Demut ist der Mut vom hohen Ross zu steigen, der Mut, eigene Schwächen zu sehen, Kritik zuzulassen, Fehler einzugestehen. Demut befreit vom Perfektionswahn. Demut ist bereit zu lernen. Wir Christen brauchen kein aufpoliertes, kratzerfreies Selbstbild. Wir dürfen so bedürftig und unvollkommen sein, wie wir sind. Gott erträgt uns und sagt ja zu uns, trotz unserer Macken.
Sanftmut verzichtet auf Gewalt. Sie muss, auch im Streit, andere nicht verletzen und klein machen. Sanftmut ist nicht Schwäche. Es kostet mehr Kraft, nicht loszubrüllen, wenn uns einer ärgert. Es ist oft mutiger nicht loszuschlagen. Wer nicht bereit ist andere zu achten, sollte keine Macht bekommen.
Geduld, eigentlich steht da Großherzigkeit, Großmut. Wir brauchen weite Herzen. Wie gut eine Gemeinschaft ist, erkennt man daran, wie sie mit den Schwachen umgeht. Dazu gehört die Bereitschaft, jedem Menschen eine Chance zu geben.

„In aller Demut und Sanftmut und in Geduld ertragt einander. In Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes.“ Kann man so die Welt zum Besseren verändern? Ich glaube ganz gewiss, dass eine demütige, gewaltfreie, großmütige Gemeinschaft von uns Christen stark ist und viel bewegen kann.
Wir können zum Beispiel deutlich, laut und über Parteigrenzen hinweg sagen, welche Formen von Wahlkampf wir akzeptieren und welche wir verur-teilen. Wir dürfen als Christen laut sein, unserem Herr und unseren Werten etwas zutrauen.

„Meine Hilfe kommt vom Herrn“ – das erste Lied und der Satz aus Psalm 121 geben unserem Gottesdienst den Namen.
„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Wir nennen ihn unseren Vater und wir nennen uns seine Kinder.
Ihm vertrauen wir uns an. In ihm gründet unsere Gemeinschaft.
Sie hat eine große, wunderbare Hoffnung für die Welt: „Ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der ist über allen und durch alle und in allen.“ Amen

Nach der Ansprache folgt das Credo:

Wir sind nicht allein;
Wir leben in Gottes Welt.
Wir glauben an Gott,
der die Welt geschaffen hat
und in ihr wirksam ist,
um zu versöhnen und neu zu machen.
Wir vertrauen auf Gott,
der uns beruft, Kirche zu sein,
andere zu lieben und ihnen zu dienen,
Frieden zu suchen
und Bösem zu widerstehen,
Jesus zu verkünden,
den Gekreuzigten und Auferstandenen,
unseren Richter und unsere Hoffnung.
Im Leben, im Tod und im Leben
nach dem Tod ist Gott mit uns.
Wir sind nicht allein.
Dank sei Gott.

Singt und lacht mit Jesus! Predigt über Mt 21,12-17 am Sonntag Kantate

Predigt am 14.5.17 von Andreas Hansen über Mt 21,12-17

Kantate, „Singt!“, so heißt dieser vierte Sonntag in der Osterzeit. Singt, singt das Lied der Freude über Gott! Du, meine Seele, singe! Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar!
Wir singen über Jesus.
Wir singen auch mit Jesus.
Vorhin hörten wir als Lesung ein Lied Jesu: „Ich preise dich, Vater, du Herr über Himmel und Erde, dass du das alles den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ Jesus singt einen Lobgesang darauf, dass Gott sich den Kleinen offenbart. Immer wieder betont Matthäus die besondere Nähe Jesu zu den Kindern. Auf die Frage, wer der Größte im Himmelreich ist, stellt Jesus ein Kleinkind in die Mitte und sagt: So müsst ihr werden.
Singend und spielend vergessen wir uns, gehen wir aus uns heraus und verbergen uns nicht mehr, vertrauen wir uns Gott an und spüren seine Nähe.
Kantate, singt! Wer singt, muss zuerst hören. Wir spitzen die Ohren für das, was es heute zu hören gibt. Wir begleiten Jesus in den Tempel. Unser Predigttext steht in Mt 21,12-17. Gleich nach dem Einzug Jesu in die Stadt mit der jubelnden Menge, die Jesus Sohn Davids nennt und zu König machen will, gleich danach heißt es:

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.
Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen?
Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Der erste Weg in Jerusalem führt Jesus in den Tempel. „Wohl den Menschen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar.“ (Ps 84) Der Tempel ist ein Ort, wo Menschen fröhlich werden, ein Ort Gott immerdar zu loben.
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ 
Luther liebte die Musik. Er konnte sich und wir können uns die Gemeinde nur singend vorstellen. Wir singen unseren Glauben.  Noch einmal Luther: „Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen … Solches Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“

Aber als Jesus auf den riesigen, von Säulenhallen umgrenzten Tempelplatz emporsteigt, hört er nicht Psalmgesang, sondern Marktgeschrei, werbende Händler, feilschende Kunden, Münzgeklimper. Tausende von Menschen kommen hierher. Das Geschäft brummt. Die Kasse klingelt. Da sorgt Jesus – ziemlich lautstark – für Ruhe. Er wirft den Münzwechslern und Taubenverkäufern die Tische um – was für ein Krawall! „Ihr macht aus Gottes Bethaus eine Räuberhöhle!“
Es gibt Dinge, die müssen umgeworfen werden, weil sie ganz und gar verkehrt sind. Aus der Räuberhöhle muss ein Sing- und Bethaus werden. Gott darf nicht aus dem Blick geraten. „Wohl den Menschen, die dich, Gott, für ihre Stärke halten, dich und nichts anderes.“ (nach Ps 84) 
Aber Vorsicht! Bevor wir mit dem Finger auf andere zeigen, fragen wir uns selbst: Ist bei uns, in unserem Leben und in unserer Gemeinde wirklich Gott der Herr und die Mitte? Was für Tische hätte Jesus bei uns umzuwerfen? Wo geht es bei uns gottvergessen, selbstgerecht und habgierig zu?

Worauf es Jesus ankommt, hören wir gleich: Der Lärm verstummt. Klage- und Bittgesänge sind zu hören. Sie gehören in den Tempel Gottes. Blinde und Lahme kommen und Jesus heilt sie.
Gottes Tempel ist ein Ort der Barmherzigkeit.
Gott ist in der Mitte, wo Leidende Hilfe finden.
Die Mühseligen und Beladenen ruft Jesus zu sich. Gottes Barmherzigkeit bringt er zu ihnen.
Da hebt ein Geschrei an. „Hosianna dem Sohn Davids!“ Kinder rennen jubelnd durch den Tempel. Sie toben herum und schreien vor Freude über das Wunder. „Blinden sehen. Lahme gehen. Hosianna, Hosianna dem Sohn Davids!“
Die Geheilten stimmen ein in das Jubelgeschrei. Und Jesus lacht. Er freut sich mit ihnen. Er lobt Gottes Barmherzigkeit. Er lacht und singt Halleluja.

„Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen?“
Was empört die Priester so? Ich glaube, sie haben Angst um ihren Tempel. Jesus stört den Betrieb. Vielleicht sind sie neidisch auf den Erfolg Jesu. Vor allem aber versetzt sie in Angst und Schrecken, was die Kinder schreien: „Sohn Davids!“ das ist „König! Messias!“ Das bedeutet Umsturz, Aufstand gegen Rom und darum höchste Gefahr für den Tempel.
Und so verkennen sie vollkommen, was geschieht. Klägliche Theologen sind sie, die ihre ureigene Berufung verraten: Sie sehen das Wunder und loben Gott nicht, sondern ärgern sich stattdessen. Sie wollen, dass alles reibungslos funktioniert. Sie verwalten den Tempel und haben rein gar nicht verstanden, wofür er da ist.
Eine Kirche, die sich selbst genügt, ist überflüssig.
Jesus verweist die Priester auf den Psalm, „Habt ihr das nie gehört?“, und lässt sie stehen und geht.

Kantate, singt! Singt mit Jesus das Lied von der Barmherzigkeit Gottes!
Jesus lacht und singt mit den Menschen, die Heilung erfahren haben und  mit den Kindern.
„ Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir Macht begründet.“ So heißt wörtlich der Vers in Psalm 8, den Jesus nennt.
Intensiv und unverfälscht loben die Kinder Gott. Und gerade durch ihren Gesang begründet Gott seine schützende und überwältigende Macht. Das Rufen und Schreien der Kinder ist ein Lobpreis, der Gott gefällt, ja, den er selbst hervorruft.
Die Mächtigen und Gescheiten verstehen nichts. Darum werden sie Jesus aus dem Weg räumen, um ihre Ordnung im Tempel zu bewahren.
Aber Gottes Macht ist in dem, der ohnmächtig am Kreuz stirbt. Zu ihm sagt Gott ja und ruft ihn aus dem Tod.
Jesus singt und preist Gott, dass die Unmündigen ihn verstehen.
Jesus singt: „Selig sind die Sanftmütigen – sie werden die Erde besitzen.
Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten – sie werden satt werden.
Selig sind  die Barmherzigen – sie werden Erbarmen finden.
Selig sind, die Frieden stiften – sie werden Kinder Gottes heißen.“

Ist das nicht kindlich oder gar kindisch, dass wir in der Welt, so wie sie ist, von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden singen?
Ja, singen wir mit Jesus, wie Kinder, Kinder, die ihrem himmlischen Vater in allem vertrauen.
Amen

Weinstock und Reben, Predigt über Johannes 15,5 am Sonntag des Konfirmationsjubiläums

Predigt am 7.5.17 von Andreas Hansen über Joh 15,5

Jubilate heißt der dritte Sonntag nach Ostern. Jubiläum feiern wir heute. Ein kleines Jubiläum haben meine Frau und ich in diesen Tagen. Im Mai vor fünf Jahren sind wir nach Kenzingen gezogen. Schon so lang sind wir hier. Aber was ist das schon gegen Ihre 50 und 60 Jahre, auf die Sie heute zurücksehen? „Kinder, wie die Zeit vergeht!“
Wir schauen auf unser Leben und staunen über all die Jahre. Wie war ich damals mit 14 und wie bin ich heute? Wir erinnern uns und danken für alles, was uns geglückt ist, was das Leben reich und schön macht.
Wir danken auch dafür, dass wir Schweres und Mühsames überstanden haben. Ganz schön viel passt in 50 oder 60 Jahre – es hat uns Lachfalten und graue Haare gebracht und einen Schatz an Erfahrungen.
Trotzdem bleiben wir uns auch irgendwie gleich. Was uns geprägt hat, was uns ausmacht, kehrt wieder. Die Art, wie wir fühlen und fragen, bleibt. Unsere Mitkonfirmanden haben noch immer den gleichen Charme, die gleichen Eigenheiten.
Sie erinnern sich, danken und staunen. Der Blick geht auch nach vorn bei so einem Jubiläum. Was werden die nächsten Jahre bringen?
An einem Tag wie heute bedenken wir, was war und was ist und was kommt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Und dazu hören wir jetzt auf einen Vers aus dem Evangelium für diesen Sonntag Jubilate. Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Jetzt werden die Weinberge grün. Junge frische Triebe wachsen mit Macht. Nicht einmal der Frost vor zwei Wochen kann sie wirklich aufhalten. Die Reben wachsen und bringen Frucht, wenn auch weniger in diesem Jahr.
Im Winter sind die Weinberge kahl und grau, wie erstorben, aber die Rebstöcke warten nur, bis sie neues Leben hervorbringen.
Ich stelle mir vor, wie Jesus mit seinen Jüngern nach Jerusalem wandert, vorbei an den krummen Weinstöcken, die manchmal aussehen wie von Schmerz gewunden, vorbei an den sprießenden Reben, die Frucht verheißen.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wir denken heute an das Kommen und Gehen des Lebens. Jesus spricht vom Bleiben.
Wir bleiben in ihm.
Wir wachsen und leben durch ihn.
Wir bringen Frucht durch ihn.

Liebe Konfirmanden – ich meine Euch, die grünen Konfirmanden, Sie die goldenen und diamantenen und uns alle. Wir alle sind Menschen, die Stärkung, Konfirmation nötig haben. In diesem Sinn werden wir immer wieder zu Konfirmanden. Jesus stärkt und konfirmiert uns. Wie ein Weinstock seinen Reben, so gibt Jesus uns Halt und festen Grund unter den Füßen. Er hält uns fest. Wir sind Konfirmanden. Wir brauchen Halt.
Das spüren wir, wenn wir Kritik und Streit ertragen müssen. Oder wenn jemand gegen uns ist. Oder wenn wir mit uns selbst nicht zufrieden sind. Da geraten wir ins Wanken.
Auch sehen wir die Welt mit ihren Konflikten: So vieles gerät aus den Fugen, so vieles bedroht das Leben – manchmal möchte man fast darüber verzweifeln.
Schlimmer noch, wenn Krankheit und Leid unsere Lieben oder uns selbst trifft, wenn wir Trennung, Abschied, Trauer verkraften müssen. Wir spüren, wie leicht wir aus der Bahn geraten.
Wir meinen: „Eigentlich müsste ich doch glauben. Das würde helfen. Aber kann ich das? Reicht mein Glaube aus?“
Darum sage ich: Wir alle sind Konfirmanden.
Unser Glaube genügt eigentlich nie. Er braucht Stärkung. Jesus konfirmiert uns. Er sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm …“ In Jesus bleiben – das bedeutet an ihn zu glauben. Da hören wir schnell eine Forderung: „Du sollst glauben“. Aber das ist ganz verkehrt. Jesus macht uns eine Zusage: Der Weinstock ist zuerst da und bringt die Reben hervor. Jesus hat sich zuerst für uns entschieden. Seine Liebe kommt uns zuvor. Gott will und begründet eine Beziehung zu uns. Wir sollen antworten, aber das erste Wort hat er gesagt.
Unser Glaube genügt nie, aber seine Treue genügt immer.
Jesus ist für uns der Weinstock, der uns hält, was auch geschieht. Wir dürfen seine Reben sein, seine Konfirmanden sein. So wenig wir selbst unser Leben begründen und rechtfertigen können, so wenig können wir Glauben machen. Wir hören, wie gerne Jesus uns hält und aushält, obwohl wir doch nicht genug glauben. Wir bekommen eine große Freiheit – das ist wunderbar!

Mit 14 haben wir uns gefragt und fragt Ihr Euch: Was wird aus mir? Wie kann mein Leben fruchtbar, sinnvoll und glücklich sein? Mit 50 oder 60 haben wir schon eine Menge über uns erfahren. Bestimmt ist manches, worum wir uns bemüht haben, erfolglos, fruchtlos geblieben. Manchmal haben wir Mist gemacht und wurden auch schuldig.
Das ist dann wie so ein Frosteinbruch im Frühling. Und trotzdem sagt uns Jesus zu, dass wir Frucht bringen. Es gibt Frucht in unserem Leben: Liebe, Momente von Gemeinschaft oder Versöhnung, unser Engagement im Beruf, in der Familie, in anderen Kreisen, glückliche, erfüllte Zeit.
Wir staunen. Wir danken. Viel Gutes ist uns geschenkt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.  Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Das ist fast eine Definition für uns Menschen:
Weinstock und Reben. Gott liebt uns. Er ist für uns da in Jesus. Er begründet eine Beziehung zu uns.
Wir hängen an ihm und bekommen Halt durch ihn.
Gott hängt an uns und will, dass wir bleiben und glauben und Frucht bringen.
Das Bild von Weinstock und Reben ist eine andere Weise zu sagen, was Paulus beschreibt: Durch den Glauben wird der Menschen von Gott gerechtfertigt.

Wir denken heute an das Kommen und Gehen des Lebens, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart, unsere Zukunft. Jesus sagt uns zu: „Ich nehme euch an. Ich halte euch. Ich stärke und konfirmiere euch. Ihr lebt und sollt leben aus meiner Güte. Nichts kann euch trennen von der Liebe Gottes, keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.   Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Amen

Predigt von Annegret Blum im Gottesdienst zur Vernissage der Ausstellung “Ur-Sprünge” von Isolde Wawrin am 30.4.

Predigt am 30.4.17 von Andreas Hansen über 1.Mose 1,1-4.25-28.31; 2,1-3

Die Predigt von Annegret Blum hat auch das Titelbild der Ausstellung zum Gegenstand

Liebe ökumenische Gemeinde! – Liebe Kunstschaffende und Kunstfreunde!

„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil“, postuliert Goethes Faust. Das Gefühl des Schauderns erschüttert den Menschen, wenn ihm das Ungeheure einer übermächtigen Wirklichkeit widerfährt. Der Mensch ist empfänglich für die Dimension des ganz Anderen, das er in seinem Doppelcharakter erlebt: als das Gefahr-Umwitterte, Schrecken-Einflößende, aber ebenso als das Faszinierende und Staunen-Erregende – beides in einer eigentümlichen Kontrastharmonie. Die Sensibilität für das „Numinose“, wie es der Religionswissenschaftler Rudolf Otto genannt hat, gehört als seelisches Urelement zum Wesen des Menschen. Wir dürfen es deshalb auch bei den sogenannten Cro-Magnon-Menschen in der ausklingenden Phase der letzten Eiszeit voraussetzen, die als Jäger und SammlerInnen in kleinen Horden lebten. Wagen wir einen Zeitsprung von etwa 17000 Jahren zurück in die Vergangenheit.

Die Künstlerin Isolde Wawrin lädt uns zu diesem Unterfangen ein, nimmt sie in ihrem Werk „Ur-Sprünge“ doch Bezug auf ihre Begegnung mit der Bilderwelt von Lascaux, die sie in ihren Bann schlug. Folgen wir ihr in diese weltberühmte Höhle in Südwestfrankreich, die 1940 durch einen glücklichen Zufall entdeckt wurde, aber bereits 1963 wieder geschlossen werden musste, weil das Höhlenklima durch die Besucherströme gestört war. Inzwischen stehen für die Öffentlichkeit erfreulicherweise Repliken zur Verfügung.

Was könnte die späteiszeitlichen Menschen bewogen haben, in dieser nachtdunklen Höhlenwelt Wände und Decken mit einer fulminanten Fülle von Tierdarstellungen auszugestalten? Welche Bedeutung lässt sich für diese in künstlerischer Könnerschaft ausgeführten, lebensnahen, ja lebendig wirkenden Malereien vermuten? In ihrer wachen Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit spürten die Cro-Magnons eine ihre Wirklichkeit durchwaltende und übersteigende Macht, eine numinose Lebenskraft, von der sie sich abhängig fühlten. Solche tiefgreifenden Elementarerlebnisse dürften am Ursprung einer langen religionsgeschichtlichen Entwicklung gestanden haben.

In der Tierwelt, insbesondere in dem imposanten Großwild, war die numinose Macht für die prähistorischen Menschen in besonderer Weise präsent. Überlegenheit, Stärke und Gefahr gingen von den Tieren aus und machten sie zu gefürchteten und verehrten Wesen zugleich. Andererseits bildeten sie die wichtigste Lebensgrundlage der Wildbeutergesellschaft. Möglicherweise wollte man die durch die Tötung der Tiere verletzte Lebensmacht versöhnen und befrieden. So malten die Künstler, unter ihnen vielleicht auch Künstlerinnen, naturnahe Bilder der Tiere an die Höhlenwände, die von stupendem Beobachtungs- und Ausdrucksreichtum zeugen. Auch mithilfe von Jagdmagie und schamanistischen Vorstellungen dürfte man versucht haben, sich mit der geheimnisvollen Macht in Verbindung zu setzen. Übereinstimmung herrscht in der Forschung darüber, dass die Höhle als Kultort verstanden wurde, aufgeladen mit übernatürlicher Kraft. Diesen unterirdischen Bereich betrachtete man wohl als mütterlichen Schoß der Erde, aus dem das Leben der Tiere stets neu hervorgeht. Vielleicht deuteten die Maler selbst ihre schöpferische Tätigkeit als eine kultische Handlung. Die Annahme, dass Kunst und Kult ursprungsverwandt sind und auf einer spirituellen Anlage des Menschen beruhen, legt sich zumindest nahe.

Das visuell und emotional erregende Erlebnis des Besuchs der Bilderhöhle von Lascaux drängte die Künstlerin Isolde Wawrin dazu, ihm Ausdruck zu verleihen. Die Begegnung mit dieser ursprünglichen Kunst von ungeahnter Ausstrahlungskraft, die ebenso unvermittelt wie formvollendet auftritt, inspirierte sie zu ihrem Gemälde „Ur-Sprünge“, mit dem sie Bezug nimmt auf eine Abbildung im axialen Seitengang. Aus dem Höhlendunkel transponiert sie ihre Darstellung in das Licht des Tages. Staunend fühlt sie sich ein in diese fern-nahe, fesselnde Welt. Ihre Bewunderung gilt der frappierenden und faszinierenden Meisterschafft der späteiszeitlichen Künstler. Ihnen war die perspektivische und plastische Darstellungsweise bereits bekannt, sie beherrschten verschiedene Maltechniken und entwickelten einen typischen, expressiven Lokalstil, was Pablo Picasso nach seiner Besichtigung zu der Äußerung veranlasst haben soll: „Wir haben nichts dazugelernt!“

Auf dem Titelbild der Ausstellung setzt ein mächtiges Ur-Rind in einem gewaltigen Sprung mitten durch den Bildraum. In gegenläufiger Richtung ziehen drei anmutige, springlebendige Pferde in unterschiedlicher Gangart vorbei. Den Gegenpol statischer Ruhe bringt das urtümliche Mammut ins Bild, das die Malerin aus der Bilderhöhle von Rouffignac hereinwandern lässt. Ihm gegenüber ist die Umrisslinie eines weiteren Mammuts angedeutet: eine Reminiszenz an den beeindruckenden „Fries der Zehn“, auf dem sich jeweils fünf Tiere gegenüberstehen. Unter den Tierporträts ragt eines heraus, „das Mammut mit dem schelmischen Auge“, wie es genannt wird. Auf dieses Tier könnte die Künstlerin mit ihrem Sinn für Humor hier anspielen.

Die dem Mammut eingeschriebene Zickzacklinie findet sich als grafisches Element ebenfalls in Rouffignac, während in Lascaux andere Zeichen verwendet wurden. Diese symbolhafte Bildsprache wird als Vorläufer einer für uns rätselhaften Schrift gedeutet. Die dynamische, farbintensive Bildkomposition Isolde Wawrins lässt auf den Betrachter etwas überspringen von der Wildheit, elementaren Vitalität und Schönheit dieser kraftvollen Kreaturen. Ursprungsnah scheinen sie der Hand des Schöpfers entsprungen zu sein – hinein in einen einladenden Lebensraum, den der harmonische Farbklang des Bildgrundes evoziert.

Hören wir in Auszügen Worte des ersten Kapitels der Urgeschichte sowie den Beginn des zweiten Kapitels: Genesis 1, 1-5. 25-28. 31; 2, 1-3.

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht… Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“

Der Schöpfungshymnus, durch den wir die Bibel betreten, gleicht einem poetischen Tor. Ihn zeichnet ein feierlicher Stil mit rhythmischen Wiederholungen aus. Als monumentale Überschrift und als Zusammenfassung der Schöpfung eröffnen die Eingangsworte das folgende Geschehen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Hier ist von keinem zeitlichen Anfang die Rede; dieser Anfang ist im prinzipiellen Sinn der Begründung zu verstehen. Es handelt sich um das analogielose Schöpfertum Gottes, um das bleibende Begründungsverhältnis zwischen dem, was ist und werden kann, und seinem tragenden Lebensgrund. Gott ist beständig der Ursprung allen Seins, zu dem er in einer einzigartigen Beziehung steht. Der erste Tag gibt mit seiner richtungsweisenden Gottesrede: „Es werde Licht“ zugleich die Zielsetzung der Schöpfung an. Als Anfang wird der Schöpfung „Licht“ als Lebens- und Heilsdimension eingestiftet.

Als bestimmende Grundzüge dieses Hymnus springen uns ins Auge: die Souveränität des Schöpfers, der die Welt durch sein Wort ins Dasein ruft, die Würde des Menschen als Gottes Ebenbild und die Einheit der Schöpfung als dynamischer Lebensorganismus. Der Schöpfungshymnus gliedert das Wirken Gottes in ein Sechstagewerk. Die Vollendung des göttlichen Handelns ist der siebte Tag. Er, nicht der Mensch, ist die Krone der Schöpfung. Das Bild der Woche mit dem Ruhetag als Zeichen der Nähe Gottes wird als verlässliche Struktur dem Schöpfungswerk zugrunde gelegt.

Die Intention des Textes ist keine Theorie der Weltentstehung, sondern bildhafte Beschreibung der Welt, in welcher der Mensch sich vorfindet und in der er sich zurechtzufinden sucht. Kein naturwissenschaftliches Modell über den Anfang der Welt kommt zur Sprache; es wird vielmehr eine Glaubensantwort auf die Frage gegeben, wer im Anfang war. Das vertrauensvolle Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer findet hier seinen Ausdruck. Er ist es, der die Welt- und Daseinsgewissheit des Menschen begründet und ihm Lebenssinn und letzte Geborgenheit schenkt. Existentielle Fragen stehen auf dem Spiel, Fragen nach dem Ursprung und Sinn-Ziel des ganzen Entstehungsprozesses.

Der Schöpfungshymnus ist eine Urkunde über das Wesen der Welt als Kosmos, als geordnetes Gesamtkunstwerk sowie über das Wesen des Menschen als Ebenbild Gottes, geschaffen in der Gleichursprünglichkeit und damit Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Dabei beruht die Gottebenbildlichkeit entscheidend darin, Gott antworten, ihm ent-sprechen zu können, und aufgrund dieses Beziehungsverhältnisses die vielseitigen menschlichen Beziehungsmöglichkeiten zu entfalten. Den sechsten Schöpfungstag teilt der Mensch mit den Landtieren. Die Tiere, als die älteren Geschwister, stehen dem Menschen als Gefährten nahe, verdanken sie ihr Dasein doch demselben Schöpfer, der ihnen nach alttestamentlichem Verständnis Eigenwert, Würde und Lebensrecht verliehen hat sowie einen eigenen Gottesbezug.

Zugleich wird der Mensch mit einem Herrschaftsauftrag über die Erde und die Tiere betraut, der seit Beginn der Neuzeit in zunehmenden Maß missdeutet und missbraucht wurde. Nicht von selbstherrlicher, gewalttätiger oder gar zerstörerischer Herrschaft ist die Rede, sondern von einem Handeln des Menschen als verantwortlicher Treuhänder Gottes, der als „Liebhaber des Lebens“ alles liebt, was er geschaffen hat (vgl. Weisheit 11, 24-26).

Die Liebe zu den beseelten Mitgeschöpfen spricht auch aus den Werken von Isolde Wawrin, in denen Vertreter der Fauna gern ihr Spiel treiben. Vermutlich drückt sich darin ihre Sehnsucht nach ursprünglicher Verbundenheit mit allen Lebewesen im gemeinsamen Haus der Schöpfung aus, gerade angesichts des weitgehenden Verlusts dieses Verhältnisses in unserer Zeit. Heute ist es unsere Aufgabe, die Ehrfurcht vor der Güte der Schöpfung überzeugend zu vertreten, die Dankbarkeit für ihre Gaben mit dem Einsatz für ihren Schutz zu verbinden und die Verantwortung für die Zukunft des Lebens auf Gottes Erde wahrzunehmen. So wird sichtbar, dass das Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer unsere Beziehung zur Mitwelt wie zur Umwelt und Nachwelt bestimmt und nachhaltig prägt.

Als abschließendes Urteil über das Geschaffene in seiner Gesamtheit heißt es am sechsten Schöpfungstag: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Wir dürfen hinzufügen: Es war sehr schön, denn der hebräische Ausdruck „tow“ beinhaltet beides. Und ist es nicht gerade die überwältigende Schönheit der Schöpfung, die den Menschen in Staunen und Begeisterung versetzt und zu künstlerischem Schaffen aufruft? Die Sänger der Psalmen lassen ihre Antwort in zeitloser Frische im Lobpreis des Schöpfers erklingen:

„Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Menschen und Tieren bist du Helfer, Herr. Ja, bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht schauen wir das Licht“ (Ps. 36, 6. 7b. 10). Amen.

 

Ostern 2017 – Predigt über Mt 28,1-10

Predigt am 16.4.17 von Andreas Hansen über Mt 28,1-10

nach der Lesung des Predigttextes singt Cosima Büsing eine Arie aus dem Osteroratorium von J.S Bach

Mt 28,1-10

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.  Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

Cosima Büsing singt die Arie aus dem Osteroratorium von J. S. Bach: “Saget mir geschwinde, wo ich Jesum finde, welchen meine Seele liebt. Komm doch, komm, umfasse mich, denn mein Herz ist ohne dich ganz verwaiset und betrübt.”

mag sein
dass ich nie recht begriff
was geboren-sein heißt

 mag sein
dass ich warte
auf verlorenem posten

 mag sein
dass verrückt ist
wer noch immer rechnet mit wundern

 verrückt wie die frauen
die in der gruft eines toten
entdeckten die neue geburt

 Mag sein, dass verrückt ist, wer noch immer rechnet mit Wundern. So schreibt Kurt Marti.
Ich rechne damit, dass mein Verstehen, unser aller Verstehen, begrenzt ist. Ich rechne damit, dass sich uns Neues erschließen kann, Neuland für unser Denken, neue Dimensionen, die das bisher Verstandene in neuem Licht zeigen.
Auch wissenschaftliches Denken ist offen für das bisher Unbekannte, das unsere Sicht verändert. Mit jeder neuen Erkenntnis öffnen sich viele weitere Fragen. Auch Wissenschaftler kennen Ehrfurcht vor dem, was wir noch nicht verstehen. Ich würde nicht sagen, dass ich wundergläubig bin. Aber ich rechne damit, dass Gottes Wirklichkeit viel größer ist als unser Verstehen. Gott ist unsagbar. Und er will uns Menschen doch begegnen. Er will Gutes für seine Menschen. Er führt uns in neues Land.
Damit rechne ich. So steht es in der Bibel.
Der Evangelist Matthäus beschreibt eine Begegnung mit Gott am Ostermorgen. Die Erde bebt. Der Stein vor dem Grab wird weggewälzt. Ein Engel wie ein Blitz. Die Wachen sinken wie tot zu Boden. Es geschieht etwas, was nicht zu fassen ist.
Die Frauen sind auf dem Weg zum Grab ihres geliebten Herrn. Sie haben den Tod vor Augen. Alles ist wie erstarrt in der Trauer – man steht neben sich und funktioniert eben, irgendwie. Da berührt sie die mächtige Wirklichkeit Gottes, etwas ganz Anderes, fremd, erschreckend. „Fürchtet euch nicht!“ So beginnen die Engel fast immer. Unmögliches geschieht. Menschen können Gott nicht begegnen – sie sind überfordert, und doch sehen die Frauen. Sie erkennen Gott. Mit ihrem Herzen, mit ihrem Vertrauen erkennen sie Gott.
Ich muss nicht wissen, wie es war, als sie die Erde beben spürten und das blendende Licht sahen. Es kann sein, dass Matthäus nur umschreibt, wofür ihm eigentlich die Begriffe fehlen. Mir genügt es zu hören: Hier beginnt Gott Neues –  für die beiden Frauen und für uns alle. Von Gott her bricht eine größere Wirklichkeit auf, Neuland, das noch keiner betreten hat.
„Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden.“ Sie starren in das leere Grab und verstehen kein Wort. Was ist geschehen? Keiner der Evangelisten erzählt, wie Jesus aus dem Grab ersteht – das bleibt verborgen. Aber alle berichten vom leeren Grab und der Botschaft der Engel.
Und dann löst sich die Erstarrung. Jetzt eilen die Frauen davon „mit Furcht und großer Freude“. Noch immer erfüllt sie Furcht. Aber die Freude ist groß, größer als die Furcht. Sie wissen noch nicht, wohin Gott sie führt. Sie betreten Neuland. Aber sie sollen Jesus sehen, er geht voraus. Schon jetzt ahnen sie, dass er lebt. Mit Furcht und großer Freude eilen sie zu den Jüngern.

Mag sein, dass ich warte auf verlorenem Posten. Seit Ostern haben wir eine neue Hoffnung. Wir gehen am Ostermorgen auf den Friedhof und singen: Christ ist erstanden. Wir werden leben. Wir hoffen für unsere Toten und für uns selbst, dass Gott unser Leben bewahrt, dass wir in Gott leben werden, auferstehen. Sind wir mit diesem Bekenntnis auf verlorenem Posten? Vertrösten wir uns mit der Hoffnung auf Christus? Mit Furcht und großer Freude eilen sie weg vom Grab. Natürlich erschüttert uns der Tod geliebter Menschen. Vor dem Sterben fürchten wir uns, vor Schmerzen, vor dem, was wir in unserem Leben falsch gemacht und nicht fertig gebracht haben, vor dem unbekannten Tod. Aber wir erleben auch Trost, Liebe, Gemeinschaft. Wir feiern den Glauben. Die Freude ist größer als die  Furcht, schon jetzt. Wir hören von den Begegnungen mit dem Auferstandenen. 
Die Frauen eilen weg vom Grab und sehen Jesus. Sie dürfen ihn berühren. Sie vertrauen ihm selbst. Die Gemeinschaft mit ihm ist lebendig geblieben. In der Gemeinschaft mit dem lebendigen Christus steht die Kirche steht nicht auf verlorenem Posten. Mitten in der Welt, die von Gewalt und Unrecht und Tod gezeichnet ist, verkünden wir die Hoffnung durch Jesus Christus.

Mag sein, dass ich nie recht begriff, was geboren-sein heißt.
Für Kurt Marti ist das Geborensein, das Leben selbst wunderbar und kaum zu begreifen. Dass wir leben, scheint uns so selbstverständlich, als könnte es nicht anders sein, bis wir über den Tod erschrecken. Kostbar, wunderbar, geheimnisvoll ist das Leben, jedes Leben, die Schöpfung Gottes. An Ostern beginnt das neue Leben, neu und anders, nicht einfach Fortsetzung des alten.  Das neue Leben ist ebenso geheimnisvoll und wunderbar wie die Schöpfung. Es ist die gleiche Kraft, das gleichen Wollen, die gleiche Liebe, die uns ins Leben rief und die Jesus aus dem Grab ruft. An Ostern feiern wir die unbegreifliche Liebe Gottes. Wir feiern das Leben.
Und nach dem Fest? „Geht nach Galiläa! Dort werdet ihr ihn sehen.“ Galiläa heißt zurück in den Alltag. Galiläa ist auch dort, wo alles begann. Galiläa ist Jesu Zuhause, die Gegend am See, wo sie mit gelebt haben, wo er Menschen geheilt und von Gottes Reich erzählt hat.
„Geht nach Galiläa“ heißt für uns: Wir bleiben in unserem Alltag. Aber es heißt auch Aufbruch und Veränderung, ihm zu folgen, leben und handeln in der Hoffnung auf Gottes Reich. Wir leben unser Leben, manchmal in Furcht aber auch in österlicher Freude. 
Wir feiern das Leben, das den Tod besiegt.
Was wir sehen und verstehen, ist eingebettet in Gottes größere Wirklichkeit.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen